Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration

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4  Transformative Governance für einen solidarischen Umgang mit Land

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schutz und Bewirtschaftung von Land aufeinandertreffen. Wenn es an solchen Hotspots gelingt, Schutz und Nutzung nachhaltig zu integrieren, kann auch in der breiten Fläche diese Aufgabe Normalität werden. Biosphärenreservate sind schon heute wichtige Zentren, um dieses Miteinander mit Leben zu füllen (Stoll-Kleemann und O’Riordan, 2018). Sie haben unterschiedliche Zonen: Kern- und Pflegezone sind eingebettet in die Entwicklungszone, die bereits als Experimentierraum für Modellprojekte fungieren soll – um etwa wirtschaftliche und touristische Nutzungen „in Harmony with Nature“ (CBD, 2010) zu erproben. Auch hier gibt es große gesellschaftliche Konflikte, da derlei Regeln und Zonen individuell als Bedrohung oder eine Art Enteignung empfunden werden können. Diese Abwehrreflexe gilt es im ­regionalen Verbund aktiv umzudrehen und aufbauend auf die bestehenden Biosphärenreservate zu zeigen, dass etwa die Bedarfe an Holzbau, Bioökonomie, ökologischer Landwirtschaft oder Tourismus mit starken Schutzansprüchen in Einklang gebracht werden können. Biosphärenreservate sind prädestiniert dafür, in einer gemeinsamen Anstrengung und über die Bildung starker Multi-Akteur-Partnerschaften vor Ort den Beweis anzutreten, dass starke Schutzziele mit nachhaltiger Nutzung gewinnbringend vereinbart werden können (Kap. 3.2). > Einrichtung von regionalen Innovationshubs („­Sondernachhaltigkeitszonen“): In regionalen Innovationshubs fördern die beteiligten nationalen, regionalen, kommunalen sowie nicht staatlichen Kooperationspartner unter rechtlichen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Sonderbedingungen und unter Beteiligung der jeweiligen Nutzer*innen-Interessen neue Modelle, finanzielle Anreize und Regeln, zur Unterstützung eines nachhaltigeren Umgangs mit Land. Die Einrichtung dieser Hubs wird koordiniert und unterstützt durch die gesamte Gemeinschaft. Im Rahmen des regionalen Verbunds ist ein enger kooperativer Austausch solcher Zonen über verschiedene Mitgliedstaaten hinweg sinnvoll. In Anlehnung an und expliziter Umkehr des Begriffs der Sonderwirtschaftszonen, liegt der Fokus bei Sondernachhaltigkeitszonen auf integrativer Bewirtschaftung von Land unter außergewöhnlich förderlichen Rahmenbedingungen. Dies können übergreifende Maßnahmen der Ordnungs-, Steuer- oder Förderpolitik sein, aber auch nur spezifische Rahmenbedingungen zur Umsetzung einzelner Mehrgewinnstrategien. In vielen Fällen kann eine solche Bewirtschaftung insbesondere auch zur Renaturierung von Gebieten beitragen (Kap. 3.1.2). Ein prominentes Fallbeispiel, das viele spezifisch lokale Herausforderungen in der Region adressiert und

großen Mehrgewinn schafft, ist die „grüne Mauer“ in der Sahelzone, die als Vorzeigeprojekt der Afrikanischen Union mittlerweile über 20 Teilnehmerstaaten zählt (UNCCD, 2020). Der Kerngedanke, über besondere gemeinsame Anstrengungen im regionalen Verbund besondere Herausforderungen mit Mehrgewinnstrategien zu adressieren, kann aber vielerorts inspirieren: von den vielen Strukturwandelregionen im Kontext der globalen Energiewende (WBGU, 2018) bis hin zur Wiederherstellung komplexerer Ökosysteme in den großen Agrarflächen der Welt (von Brandenburg bis in den Mittleren Westen der USA). Als Reallabore sind diese besonderen Gebiete durch intensive Forschungskooperation einerseits aktiv zu unterstützen, andererseits umfassend selbst zu erforschen (Empfehlungen aufbauend auf BMBF-Kompetenzzentren finden sich in Kap. 3.3.4.2). Durch die Anregung vielfältiger Pionieraktivität profitieren diese Gebiete selbst; begünstigen durch die dort durchlebten Transformationserfahrungen aber auch Veränderungsprozesse im Rest der regionalen Gemeinschaft und darüber hinaus. Den Beweis zu führen, dass im regionalen Verbund unter Einbeziehung lokaler Entscheidungsträger und Akteursbündnisse Mehrgewinnstrategien und ein integrierter Landschaftsansatz kooperativ umgesetzt werden können, ist zentral, um eine globale Landwende erfolgreich zu initiieren und umzusetzen. Daneben bedarf es jenseits regionaler Gemeinschaften auch einer weltumspannenden, zwischenstaatlichen Kooperation: Diesem Bedarf soll mit der Idee einer supranationalen Gemeinschaft Rechnung getragen werden.

4.5.2 Supranationale Gemeinschaften für eine globale Landwende Die sukzessive Überwindung des Trilemmas der Landnutzung ist weltweit von Bedeutung: zur Eindämmung des Klimawandels, zur Sicherung qualitativ hochwertiger Ernährung, zur Erhaltung lokaler wie globaler Biodiversität sowie zu Schutz und Wiederherstellung von Böden weltweit (Kap. 2). Staaten, welche die Notwendigkeit zu einer solchen globalen Landwende und Transformation zu nachhaltigen Schutz- und Nutzungsform erkennen und gemeinsam befördern wollen, sollten sich zusammenschließen und zu diesem Zweck gemeinsame, supranationale Organisationsformen (z.  B. gemeinsame Behörden) und Regeln beschließen. Der WBGU empfiehlt diesen neuartigen Typus inter- und supranationaler Gemeinschaften insbesondere zur reziproken Umsetzung einer globalen Landwende. Politisch