Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration

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3.5 Bioökonomie verantwortungsvoll gestalten und dabei Holzbau fördern Die stoffliche oder energetische Nutzung von Biomasse im Sinne der Bioökonomie bietet Optionen, emissionsintensive Prozesse und fossile Rohstoffe zu ersetzen, etwa durch mehr Holz- als Zementbau. Jedoch verstärkt der steigende Landbedarf für die Biomasse­ gewinnung Konkurrenzen zu Ernährungssicherung und Biodiversitätsschutz. Um eine auf nachhaltige Landnutzung gestützte Bioökonomie zu gestalten, braucht es einen begrenzenden Rahmen für Angebot und Nachfrage, innerhalb dessen dann ausgewählte Anwendungen gestärkt werden können. Die Bioökonomie jenseits der Ernährung, d.  h. die Landnutzung zur Erzeugung und energetischen oder stoffliB. Biokraftchen Nutzung biogener Ressourcen (z.   stoffe, Kunststoffe), erfährt bei der Suche nach neuen Rohstoffquellen und Wachstumsfeldern zunehmend Aufmerksamkeit in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit in Industrie- wie Entwicklungsländern (Lewandowski, 2017; Bioökonomierat, 2015a, b, 2018a, b; FAO, 2016c, 2018b; EU-Kommission, 2017; IAC, 2018; IEA, 2018; Hausknost et al., 2017). Bioökonomie wird in der aktualisierten Bioökonomiestrategie Deutschlands definiert als „Erzeugung, Erschließung und Nutzung biologischer Ressourcen, Prozesse und Systeme, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen“ (BMBF, 2020c). Aus Sicht des WBGU wäre das Begriffsverständnis um den Aspekt des verantwortungsvollen Umgangs mit Land- und auch marinen Ökosystemen zu ergänzen. Die Bioökonomie wurde bis 2018 bereits von rund 50 N ­ ationen in politische Programme eingebunden; einige europäische und andere Staaten (Bioökonomierat, 2018a) sowie die EU (EU-Kommission, 2018a) haben explizite Bioökonomiestrategien aufgelegt. Obwohl Nachhaltigkeit diese Ansätze oft motiviert, bleiben die Implikationen für Landnutzung, Biodiversität und Ernährung meist unterbelichtet (etwa in den vom Bioökonomierat, 2018a dokumentierten Strategien, sowie im Bioökonomiediskurs insgesamt; ­Kasten 3.5-1). Eher wird dort Biodiversität, etwa in Teilen Afrikas, als künftig verstärkt nutzbares Potenzial betrachtet (z.  B. für medizinische Wirkstoffe). Zwar bietet der Einsatz von Biomasse angesichts der Endlichkeit

mineralischer bzw. der Klimaschädlichkeit fossiler Rohstoffe teils innovative Alternativlösungen, jedoch wirkt sich ihre erweiterte energetische und stoffliche Nutzung in weiten Teilen der Welt erheblich auf den Umgang mit Land aus. Denn diese Biomassenutzung steht in Konkurrenz zur Ernährungssicherung sowie zur Biodiversitätserhaltung, berührt damit alle Dimensionen des normativen Kompasses des WBGU Kasten 2.3‑1) und droht, räumliche bzw. entwick(­ lungsbezogene Asymmetrien zu verstärken. Während die Nachfrage nach Biomasse für stoffliche oder energetische Nutzungen vor allem im globalen Norden wächst, gefährden die resultierenden Landnutzungskonkurrenzen und steigenden Preise für Agrargüter und Nahrungsmittel die Ernährung einkommensschwächerer Bevölkerungsgruppen vorwiegend im globalen Süden (wie die ‚Tank versus Teller’-Debatte um den Anbau von Biomasse für Kraftstoffe statt Nahrungsmitteln verdeutlicht; Dietz et al., 2016; Persson, 2015). Damit verbunden sind Konflikte zwischen einflussreichen nationalen und globalen Akteuren (vor allem Großgrundbesitzer*innen, Biomasse verarbeitende Konzerne) und lokalen Stakeholdern (z.  B. Kleinbäuer*innen, Landbevölkerung). Deshalb ist es wichtig, der Bioökonomie einen klaren Rahmen zu geben, der neben Grundsätzen der verantwortungsvollen Biomassenutzung vor allem Grenzen definiert, denn das verfügbare Land gestattet keinen vollständigen Ersatz fossiler durch biogene Ressourcen, ohne die Trilemmadimensionen Ernährung und Biodiversität zu gefährden (Smith, 2018). Nur wenn solche Zusammenhänge bedacht werden, kann Bioökonomie zur Großen Transformation zur Nachhaltigkeit beitragen. Teilweise bietet das Konzept der Bioökonomie selbst Ansätze, um mit der Knappheit nachhaltig produzierter Biomasse umzugehen, umfasst es doch neben der Nutzung biogener Ressourcen auch Biotechnologien bzw. Innovationen für einen nachhaltigeren Umgang mit natürlichen Rohstoffen (Kircher et al., 2020) sowie die Anwendung ökologischer Prinzipien, wie etwa die Nutzung von Stoffkreisläufen (Bugge et al., 2016; IAC, 2018). Nach der Problemanalyse (Kap. 3.5.1) wird ein Zielbild für eine nachhaltige Bioökonomie herausgearbeitet und aufgezeigt, welche Handlungsfelder für seine Realisierung relevant sind (Kap. 3.5.2). Weil es darum geht, Biomasse vor allem dort einzusetzen, wo sie als Alternative zu herkömmlichen Technologien einen wichtigen Beitrag zu Klimaschutz und Biodiversitätserhaltung sowie zur Ernährungssicherung leisten kann und damit das Trilemma der Landnutzung entschärft, stellen wir nachhaltiges Bauen mit Holz als eine Mehrgewinnstrategie vor und zeigen ihr hohes Wirkungspotenzial auf (Kap. 3.5.3). Das Potenzial des Bausek-

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