Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration

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3.4 Die Transformation der tierproduktlastigen Ernährungsstile in den Industrieländern ­vorantreiben Das globale Ernährungssystem bedroht alle drei Dimensionen des Trilemmas: Vor allem die tierproduktlastigen Ernährungsstile der Industrieländer und wachsender Mittelschichten der Entwicklungsländer verstärken landbezogene Probleme für Klima- und Biodiversitätsschutz, aber auch Ernährungssicherung. Ein Werte­wandel weg von Massentierhaltung und hin zu einem verringerten Fleischkonsum in Europa hat bereits eingesetzt. Die beginnende Transformation kann durch konsequente Veränderung der Rahmenbedingungen und Normsetzung entscheidend befördert werden. Das Ernährungssystem, das alle Aktivitäten von der Nahrungsmittelproduktion bis zum Konsum umfasst, gehört zu den größten Triebkräften des Trilemmas der Landnutzung (Kap. 2.2): Es wirkt sich aufgrund der industriellen Produktionssysteme durch Verschmutzung und den Verbrauch natürlicher Ressourcen (Wasser, Wald, Boden, Biodiversität) und eine Verschärfung des Klimawandels negativ auf die Umwelt aus. Es treibt den Verlust der biologischen Vielfalt voran (z.  B. Beeinflussung globaler Stickstoff- und Phosphorkreisläufe) und führt gleichzeitig zu Fehlernährung, die sich beinahe paradox einerseits in Unterernährung für mehr als 690 Mio. Menschen und andererseits in massiver Überernährung für mehr als 1,9 Mrd. Menschen zeigt (WHO, 2020; Welthungerhilfe, 2019). Im EAT-Lancet-Bericht (Willett et al., 2019) werden diese Missstände identifiziert und die damit verknüpften Ernährungsstile wegen umwelt- und gesundheitsbezogenen Mängeln als „lose-lose-diets“ bezeichnet. Bezogen auf die eingangs beschriebenen Trilemma-Dimensionen (Kap. 2.2) müsste sogar von „Lose-lose-lose“-Ernährungsstilen gesprochen werden, da Biodiversität, Klima und Ernährungssicherung bedroht werden. Der WBGU unterstützt die in einschlägigen Berichten (Willett et al., 2019; FOLU, 2019) formulierte Forderung, die globale Ernährung an der vorgeschlagenen Planetary Health Diet (PHD) auszurichten. Aktuelle globale Sachstandsberichte (z.  B. FOLU, 2019:  69f.; IPCC, 2019b) benennen als wichtige Barriere für eine Transformation des Ernährungssystems das „fehlende Bewusstsein“ der Konsumierenden. Gemeint sind Barrieren, die bei den Konsument*innen selbst zu liegen scheinen, etwa

deren Bequemlichkeit, nicht nachhaltige kulturelle Vorlieben oder mangelnde Zahlungsbereitschaft. Eine systematische Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Faktoren der Konsummuster dieser Akteursgruppe, ihrer Potenziale und kontextbedingten Beschränkungen (etwa Angebot, Preisgestaltung) ist daher notwendig. Bei den Konsument*innen, insbesondere in den Industrieländern und wachsenden Mittelschichten, der Entwicklungs- und Schwellenländer liegt einerseits ein großes Potenzial, die Transformation des Ernährungssystems voranzubringen, was sich in Trends und Nischenaktivitäten zeigt. Andererseits sind Kontextbedingungen mächtig und bisher wenig förderlich, so dass nachhaltige Ernährungsstile (insbesondere die Reduzierung des Konsums von Tierprodukten) nicht hinreichend gestützt werden. Aus normativer Perspektive (normativer Kompass, WBGU, 2016a, 2019b; Kasten 2.3-1) sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung. Zum einen muss die Transformation der Ernährungsstile von den Industrieländern ausgehen, da die westlichen Konsumgewohnheiten, die sich bereits stark über den Globus verbreitet haben, die Lebensgrundlagen der globalen Bevölkerung aktuell und zukünftig bedrohen (Kompassdimension „Teilhabe“). Bei der Gestaltung der Transformation von Ernährungsstilen muss berücksichtigt werden, dass Ernährungsstile kulturell geprägt und identitätsbildend sind (Kompassdimension „Eigenart“, die auch Pluralität von Transformationspfaden mitdenkt). Der WBGU empfiehlt angesichts dieser Erwägungen, dass in den Industrieländern kurzfristig entsprechende (neue) staatliche und strukturelle Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es den Konsument*innen nicht nur erlauben, sondern auch nahelegen (etwa über neue Leitlinien) zu Win-win-win-Ernährungsstilen zu gelangen, die durch frei werdende Flächen Raum für gelingenden Klima- und Biodiversitätsschutz schaffen, ohne die Ernährungssicherung zu bedrohen. Hierbei kann an Trends und Nischenaktivitäten angeknüpft werden (Kap. 4.1; Transformationsverständnis des WBGU, 2011).

3.4.1 Problemstellung: Das globale Ernährungssystem

3.4.1.1 Definition und Entwicklung des ­Ernährungssystems Das Ernährungssystem umfasst die Gesamtheit an Aktivitäten von der Produktion bis zum Konsum von Nahrungsmitteln. Hierzu zählen auch die Leistungen aus den vor- und nachgelagerten Bereichen der Landwirt-

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