Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration

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3.3 Landwirtschaftssysteme diversifizieren Landwirtschaft ist ein entscheidender Faktor im ­Trilemma der Landnutzung. Am Beispiel der industriellen Landwirtschaft in der EU und der Subsistenzlandwirtschaft in Subsahara-Afrika werden drei Mehrgewinnstrategien entwickelt, die auf eine Diversifizierung der Anbausysteme abzielen und mit denen das ­Trilemma überwunden werden kann: Ökologisierung der EULandwirtschaft, nachhaltige Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft in Subsahara-Afrika und Resilienz sowie Umwelt- und Klimaschutz im globalen Agrar­ handel.

3.3.1 Heutige Landwirtschaftssysteme stoßen an die Grenzen Landwirtschaft hat weltweit vielfältige Ausprägungen, abhängig von den agrarökologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Diese reichen von der industriellen, auf wenige Kulturarten ausgerichteten Landwirtschaft, über subsistenzorientierte, traditionelle Nutzungsformen, bis hin zu einer Vielfalt regionaltypisch geprägter Landwirtschaftsformen. In diesem Kapitel werden exemplarisch zwei landwirtschaftliche Nutzungsformen mit Blick auf das Trilemma der Landnutzung (Kap. 2) diskutiert: (1) die industrielle Landwirtschaft in der EU und (2) die Subsistenzlandwirtschaft in Subsahara-Afrika. Beide Agrarsysteme sind Schwerpunkte der Landwirtschafts- bzw. Entwicklungspolitik Deutschlands und der EU. Im Folgenden richtet der WBGU einen systemischen Blick auf diese beiden Landwirtschaftssysteme, die aus interagierenden Faktoren oder Systemelementen bestehen: > die Landnutzungsintensität und ihre Teilaspekte wie z.  B. Bewirtschaftungspraktiken, Einsatz von Betriebsmitteln (Inputs), Zeitpunkte oder räumliche Aspekte, > die Bodenbedeckung, z.   B. Ackerland, Grünland, Feuchtgebiet, Wald oder Gebüsch, > die verschiedenen Akteure, einschließlich der landwirtschaftlichen Bildung, Beratung, Handel, landwirtschaftliche Organisationen und Interessensverbände, > die Betriebsverhältnisse, z.  B. Motivation der Landwirt*innen, Tierbestand sowie Einkommen und des-

sen Herkunft, z.  B. Produktion von Qualitätserzeugnissen mit regionalem Bezug, Direktvermarktung, ländlicher Tourismus, Vertragsnaturschutz, Bio­ masseanbau oder dezentrale Energieversorgung (Knickel et al., 2004). Dieser systemische Blick bildet die Grundlage für die Entwicklung von Empfehlungen für eine Landwende zur Nachhaltigkeit, in der die Landwirtschaft eine zentrale Rolle spielt. Eine solche Landwende beinhaltet eine multifunktionale Gestaltung und Diversifizierung von Landwirtschaftssystemen, die sich auch im Landschaftsbild spiegeln.

3.3.1.1 Industrielle Landwirtschaft: Beispiel EU Die industrielle Landwirtschaft in der EU trägt in ihrer heutigen Form, unter anderem bedingt durch enge Fruchtfolgen und einen überhöhten Einsatz von Düngemitteln (Mineraldünger und Gülle), vielfach zur Verstärkung von Umweltproblemen und THG-Emissionen bei. Hiermit werden Trends durch den fortwährenden Strukturwandel in der EU-Agrarwirtschaft weiter verstärkt. Im Folgenden werden die wichtigsten Auswirkungen industrieller Landwirtschaft auf das Trilemma der Landnutzung skizziert. Kontamination des Grundwassers durch Überdüngung Die industrielle Landwirtschaft ist stark von Mineraldüngergaben abhängig, die sich weltweit in den letzten 60 Jahren etwa verzehnfacht haben (Mateo-Sagasta et al., 2018). Setzt sich diese Entwicklung fort, könnten bis 2050 etwa 250 Mio. t Düngerstickstoff jährlich benötigt werden (Tilman et al., 2011), somit das Doppelte der derzeit jährlich verwendeten Menge (MateoSagasta et al., 2018). Der eingesetzte Mineraldünger reichert sich in Böden, Wasser und Biomasse an und führt somit u.  a. zu Bodendegradation (Mateo-Sagasta et al., 2018). Für Phosphor, einen der nicht ersetzbaren Nährstoffe in Mineraldüngern, ist die weitere Verfügbarkeit zudem begrenzt, so dass die industrielle Landwirtschaft auch deshalb in naher Zukunft an Grenzen stößt (Vaccari, 2009; Blackwell et al., 2019). Außer durch Mineraldünger gelangen in Gebieten mit industrieller Tierhaltung zudem zu viel Stickstoff und Phosphor sowie Antibiotika aus Tierexkrementen in Flüsse und Grundwasser (Mallin und Cahoon, 2003; MacDonald et al., 2011; UBA, 2018b, 2019d). In Deutschland übersteigt die Nitratbelastung die EUGrenzwerte (UBA, 2020). Die übermäßige Anreicherung von Nährstoffen überfordert die Aufnahmekapazität der Flächen, so dass die Gesundheit der Menschen und Tiere sowie der Zustand der Gewässer durch Eutrophierung beeinträchtigt werden (Galloway und Cow-

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