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HASCHER JEHLE Architektur


THOUGHTFUL BUILDINGS 20 JAHRE HASCHER JEHLE ARCHITEKTUR


Von der historisierenden Stadtplanung über die „kritische Rekonstruktion“ der steinernen Stadt bis zur mit HightechElementen bestückten Solarstadt existieren derzeit die gegensätzlichsten Vorstellungen, wie unsere Wohn- und Arbeitswelt zukünftig gestaltet werden soll. Diese unterschiedlichen Sichtweisen sind nicht nur Ausdruck eines weiter auseinanderdriftenden Wertesystems in der Gesellschaft selbst, sondern weisen auf ein generelles Unbehagen an einer sich immer schneller verändernden Umwelt hin und stellen den Versuch dar, scheinbar einfache Lösungen aufzuzeigen. Um wirklich funktionstüchtige und humane Welten zu schaffen, reichen heute aber einfache Regeln nicht mehr aus; vielmehr müssen wir uns den vielschichtigen, komplexen Anforderungen der Gegenwart stellen und nach differenzierten Ordnungen für eine zukunftsfähige Architektur suchen. Entscheidend dabei ist, vor welchem Hintergrund diese komplexen Anforderungen miteinander ringen. Nach unserer Auffassung liegt der Fokus gegenwärtig auf fünf wichtigen Themenfeldern: das Feld der Kommunikation, des räumlichen und gesellschaftlichen Kontexts, der technisch möglichen Strukturen, der Nachhaltigkeit und der emotionalen Wirkung von Raum. Alle unsere Projekte werden während des Entwurfsprozesses von diesen fünf Kategorien entscheidend beeinflusst. In diesem Sinn, so glauben wir, muss man auch die zukünftige Entwicklung in der Architektur sehen. Deshalb verfolgen wir nicht einen formalen Stil, sondern stellen uns der jeweiligen Aufgabe immer wieder neu. Rainer Hascher

Sebastian Jehle

Thomas Kramps


INHALT


Vorwort

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Bildung braucht Raum Neues Gymnasium Bochum

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Das Team ist der Star ZBSA Zentrum für Biosystemanalyse Freiburg

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Zweite Reihe – Erste Adresse Königsbau Passagen Stuttgart

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Ankommen Portalhaus Messe Frankfurt am Main

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Global denken – lokal handeln Bürogebäude LSV Landshut

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Die dritte Haut

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Bürogebäude WGV Stuttgart Tradition und Moderne Akademie der Bildenden Künste Nürnberg

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Stadtgeschichten Kunstmuseum Stuttgart

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Baukultur – Kulturbau Montforthaus Feldkirch

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Leib und Seele Rems-Murr-Kliniken Winnenden

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Menschen.Affen.Haus Menschenaffenhaus Wilhelma Stuttgart

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Mensch Natur Technik Bürogebäude dvg Hannover

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Impressum Credits

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Geschwungene Raumkanten verleihen dem Atrium seine besondere Dynamik.

BILDUNG BRAUCHT RAUM NEUES GYMNASIUM BOCHUM

Transparente Glasw채nde verbinden die Halle mit der Mensa.

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Der zentrale Kommunikationsraum wird über ein transparentes Luftkissendach belichtet.

Neue Erkenntnisse in der Lehr- und Lernforschung führten in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland zu einem Umdenken im Schulbetrieb und zu einer Reformierung der pädagogischen Konzepte. Selbstständiges Lernen, eigenverantwortliches Handeln und die Förderung sozialer Kompetenzen sind die Ziele eines kooperativ ausgerichteten Unterrichts. Bereits die Gebäudegeometrie des „Neuen Gymnasiums“ aus zwei ineinandergreifenden Ringen verweist auf das neue Lehrkonzept. Durch die gebogenen Wände und Fassaden entstehen spannungsreiche Bewegungsräume, die ohne Anfang und Ende ein Kontinuum bilden. Mit wellenförmigen, offenen Galerien und geschwungenen Sitzstufen entfalten sie Aufenthaltsqualitäten, die zum Verweilen und Kommunizieren animieren – wie im kooperativen Unterricht wird der Weg zum Ziel. Kommunikation und Offenheit als wesentliche Merkmale des didaktischen Ansatzes finden ihre räumliche Entsprechung in der dreigeschossigen, zwölf Meter hohen Eingangshalle – ein wandelbarer Zentralraum, der viel Raum für selbstorganisiertes Lernen, die Förderung individueller Interessen sowie gemeinschaftliche Aktivitäten lässt. Dieses taghelle Atrium unter dem Luftkissendach mit seiner heiteren Atmosphäre wird zum räumlichen Ausdruck einer zeitgemäßen Schullandschaft.

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Das über alle Ebenen offene Raumkontinuum fördert die informelle Begegnung.

DAS TEAM IST DER STAR ZBSA ZENTRUM FÜR BIOSYSTEMANALYSE FREIBURG


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Die äußere Erscheinung ist von klarer Selbstverständlichkeit: technische Präzision ohne aufgeregte Attitüden.

Mit der Einführung von Exzellenz-Universitäten und dem Wettbewerb der Hochschulen um große Forschungsaufträge rückt die interdisziplinäre Zusammenarbeit immer mehr in den Vordergrund und der zurückgezogene Wissenschaftler im Elfenbeinturm gehört zunehmend der Vergangenheit an. Informelle Kommunikation, flexible Teambildungen und der Dialog über die Disziplinen hinaus sind die Merkmale zeitgemäßer Forschungsarbeit. Das Zentrum für Biosystemanalyse (ZBSA) steht für diesen Wandel. Mit dem Ziel, komplexe biologische Systeme zu verstehen, arbeiten hier Biologen, Informatiker, mathematische Modellierer und Mediziner eng zusammen. Um die teamübergreifende Kommunikation zu fördern, werden in dem funktional organisierten Neubau mit einer linear aufgebauten Raumschichtung hochinstallierte, den Teams zugeordnete Laborräume mit gemeinschaftlich genutzten Computerpools, Seminarräumen und einem mehrgeschossigen Kommunikationsraum, der einem Atrium zugeordnet ist, kombiniert. Als räumliches Bindeglied und Mittelpunkt des Zentrums befindet sich das Atrium zwischen Seminarund Laborbereich und ist mit offenen Galerien und Treppen versehen, die ebenenübergreifende Raumbezüge herstellen. Hier treffen sich die Wissenschaftler aller Disziplinen – zufällig oder ganz gezielt – an den Tee- und Kaffeebars und tauschen sich aus.

Installationsschächte und farblich abgesetzte Nischen rhythmisieren das Gebäude.


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ZWEITE REIHE – ERSTE ADRESSE KÖNIGSBAU PASSAGEN STUTTGART

Die ellipsoiden Galerien des hellen Atriums weiten sich nach oben zum Tageslicht.


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Die Königsbau Passagen treten hinter den historischen Königsbau zurück.

Orte des Handels prägen seit jeher das öffentliche Leben in einer Stadt. Flaniermeilen, Markthallen und Passagen waren lange Zeit urbane Impulsgeber moderner Städte. Jedoch weichen die regionalen Identitäten zunehmend einer internationalisierten Uniformität standardisierter Einkaufszentren – ein schleichender Verlust kultureller Diversität unserer Städte ist die Folge. Die Königsbau Passagen reagieren auf den spezifischen städtebaulichen Kontext und berücksichtigen die örtlichen Besonderheiten. Als Ergebnis einer umfangreichen städtebaulichen Neuordnung der Stuttgarter Innenstadt nutzt der Neubau direkt hinter dem spätklassizistischen Königsbau die gesamte Breite des Stadtblocks. Kleine Passagen führen durch die historischen Kolonnaden des Königsbaus und verbinden so die Haupteinkaufsstraße der Stadt mit dem glasüberdachten, fünfgeschossigen Atrium im Zentrum der Königsbau Passagen. Mit den vielzähligen Ein- und Ausgängen integriert sich die interne Durchwegung auf selbstverständliche Weise in das städtische Gefüge aus Wegen und Plätzen. Diese Durchlässigkeit stärkt vorhandene und schafft neue innerstädtische Verbindungen. Dreh- und Angelpunkt des Neubaus ist das ovale, taghelle Atrium. Umgeben von kleinen Läden, Cafés und offenen Galerien, wird der Zentralraum zu einem wettergeschützten Platz mit urbanen Qualitäten. Als unverwechselbarer, vitaler Ort haben sich die Königsbau Passagen in zweiter Reihe hinter dem Königsbau als erste Adresse etabliert.

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F端r ankommende Messebesucher ist das Portalhaus schon von Weitem sichtbar.

ANKOMMEN PORTALHAUS MESSE FRANKFURT AM MAIN

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Orientierung bedeutet, die eigene Position und Ausrichtung im Raum eindeutig definieren zu können. Dies setzt ein grundlegendes Verstehen des Raums an sich sowie dessen Bezug zum Umfeld voraus. Sich an einem fremden Ort jederzeit orientieren zu können, hat über das Praktische hinaus auch wichtige psychologische Effekte – man fühlt sich sicherer, ist entspannter, kommunikativer und kann sich dem Neuen leichter öffnen. Das Portalhaus, als neues Eingangsgebäude der Messe Frankfurt, dient in erster Linie der Verteilung großer Besucherströme. An diesem Kreuzungspunkt unterschiedlicher Erschliessungssysteme, die sich auf mehreren Ebenen in wechselnden Winkeln treffen und die Besucher über das gesamte Messeareal verteilen, haben Übersichtlichkeit und intuitive Lesbarkeit des Wegesystems oberste Priorität. Rolltreppen, Panoramaaufzüge, Stege und offene Galerien bilden in dem viergeschossigen, 25 Meter hohen Luftraum ein mehrgeschossiges Wegenetz, das die angrenzenden Hallen, Konferenzräume, Freiflächen und Wege miteinander verbindet. Durch die offene Raumstruktur sind Wege und Achsen an jeder Stelle ablesbar und das System für den Besucher verständlich; gleichzeitig wird die Verschränkung der Ordnungssysteme an der Ausrichtung der Stege sichtbar und zum inszenierten Raumerlebnis. Großflächige Verglasungen stellen den Bezug zum Umfeld und dem markanten Messeturm her, sodass der Besucher jederzeit seine Position im Raum und zur Umgebung überprüfen und sich daran orientieren kann.


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Stege und Rolltreppen verteilen die unterschiedlichen Besucherstrรถme.


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Lineare Stege inszenieren das viergeschossige Wegenetz und machen es f端r den Besucher ablesbar.

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Der markant aufragende Kopfbau bildet eine weithin sichtbare Landmarke.

Die über 100 Meter lange Halle weitet sich zum Eingang hin zu einem großzügigen kommunikativen Zentrum mit Foyer und Kantine.

GLOBAL DENKEN – LOKAL HANDELN BÜROGEBÄUDE LSV LANDSHUT


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Mit dem Klimawandel und der Nachhaltigkeitsdebatte, welche die Einführung von CO2-Zertifikaten und Energieeinsparungsgesetzen zur Folge hatte, gewinnt die Frage nach der Materialität in der Architektur eine neue, herausragende Bedeutung. Holz ist als nachwachsender, ressourcenschonender und zudem CO2-neutraler Werkstoff vielen anderen Baumaterialien weit überlegen. Aus diesem Grund wurde für die Tragkonstruktion der fünfgeschossigen, 120 Meter langen Erschließungshalle der Land- und Forstwirtschaftlichen Sozialversicherung (LSV) Holz aus der Region eingesetzt. Im Gegensatz zu einer Stahlkonstruktion, deren Produktion 110 Tonnen CO2 freigesetzt hätte, bindet das eingesetzte Holz 135 Tonnen CO2. Schlanke, runde Holzstützen rhythmisieren den langgestreckten Raum. Mit baumartig verzweigten Stützenköpfen versehen, tragen sie das Dach sowie die gekrümmten Brettschichtholzbinder der geschwungenen Fassade und die offenen Holzstege der internen Erschließungswege. Beidseitig der Stützen hängend, bilden Fassadenbinder und Holzstege ein sensibel aufeinander abgestimmtes Gleichgewicht. Die gekrümmte Holzfassade verändert kontinuierlich fließend ihre Geometrie, sodass sich die Halle von 4 auf 17 Meter weitet. Als Höhe- und Schlusspunkt dieser geometrisch komplexen Form befinden sich das Foyer und der Speisesaal in einem mehrgeschossigen, spannungsreich gestalteten Raum mit offenen Galerien, Stegen und Treppen. Die extrem filigrane Tragstruktur veranschaulicht die Möglichkeiten und die Leistungsfähigkeit von Holz als modernem, ökonomischem und ökologischem Ingenieurwerkstoff.

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Die dynamisch geformte Magistrale mit farbigen Sonnenschutzmarkisen verbindet sich mit der naturnahen Umgebung.


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GroĂ&#x;zĂźgigkeit bestimmt den Raumeindruck in der Magistrale.

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Die stark profilierten Brüstungselemente aus anthrazit gefärbtem Beton geben der Fassade eine dritte Dimension.

DIE DRITTE HAUT BÜROGEBÄUDE WGV STUTTGART


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Während tagsüber die Farbigkeit des Sonnenschutzes die Erscheinung der WGV bestimmt, ist es im Dunkeln das Lichtspiel.

Moderne Funktionskleidung ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, sie schützt, wärmt und ist dennoch atmungsaktiv. Die sogenannte „dritte Haut“, die Klimahülle eines Gebäudes, hat ebenfalls einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen. Sie ist die bestimmende Schnittstelle zwischen Innen und Außen. Bei dem Büroneubau der Württembergischen GemeindeVersicherung (WGV) reagiert die Fassade auf die wechselnden Witterungsverhältnisse und Bedürfnisse der Nutzer unmittelbar. Die transparenten, verglasten Fassadenbänder an der viel befahrenen Tübinger Straße bestehen aus drei Funktionsschichten mit spezifischen Aufgaben. Während die Wärmeschutzverglasung der raumseitigen Fassadenschicht vor Kälte schützt, regulieren die farbigen Sonnenschutzrollos den Lichteinfall und den Wärmeeintrag im Sommer. Eine vorgelagerte Glashaut aus einfachen, rahmenlosen Glasscheiben mindert als äußerste Schicht den Straßenlärm, schützt die Sonnenschutzscreens vor Wind und Regen – sodass deren Funktion jederzeit gesichert ist – und ermöglicht optimale Bedingungen zur individuellen natürlichen Lüftung und Belichtung der Büroräume. Durch die Auflösung hergebrachter massiver, einschaliger Außenwände in ein modernes mehrschichtiges System schließen sich die Bedürfnisse nach Schutz und Offenheit nicht mehr aus. Licht, Luft, Schall und Wärme als wesentliche Aspekte für Komfort und Behaglichkeit können so gezielt und unabhängig voneinander individuell reguliert werden.

Weiß bedruckte Glasbrüstungen begünstigen die Belichtungsverhältnisse in den Innenhöfen.

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Das schwebende Dach verknüpft die einzelnen Baukörper zu einem Ganzen.

TRADITION UND MODERNE AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE NÜRNBERG

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Behutsam in die bewaldete Landschaft eingebettet präsentiert sich der Neubau zum Stadtraum.

Als Institution kann die 1662 gegründete Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg auf eine lange Tradition zurückblicken. Architektonisch löste sie sich in den 1950er Jahren von tradierten Gebäudekonzepten und beschritt mit dem Umzug ihrer Ateliers und Werkstätten in eine kleinteilige, eingeschossige Pavillonstruktur neue Wege. Dieser denkmalgeschützte Bestand wurde nun um einen Neubau mit Seminarräumen, Malsaal und Ateliers ergänzt. In Analogie zu den Nachkriegsbauten von Sep Ruf sind die Räume unter einer zusammenhängenden Dachlandschaft in drei Pavillons angeordnet, die offene Innenhöfe und überdachte Verbindungswege als räumliche Zwischenzonen ausbilden. Durch das Konzept eines städtebaulichen Pendants zu den Bestandsgebäuden wird ein zentraler, klar definierter Campus geschaffen, der die Ateliers ins Freie hinein erweitert und den grünen Außenraum als identitätsstiftendes Merkmal der Akademie stärkt. Als Ausdruck einer selbstbewussten, modernen Akademie, die sich bewusst im Stadtraum präsentiert, entwickelt sich der Neubau entlang der Straße. Diese Präsenz im Straßenraum findet in der Materialität der massiven Sichtbetonwände und den nach Norden ausgerichteten Sheddächern, welche die Ateliers gleichmäßig belichten, ihren architektonischen Ausdruck. Gleichzeitig spiegeln die rohen Betonoberflächen den Werkstattcharakter des Gebäudes wider. Mit dem bewussten Rückgriff auf die Gebäudestruktur der Nachkriegsmoderne und ihrer zeitgemäßen städtebaulichen Fortführung entwickelt der Neubau für die traditionsreiche Institution nun seinerseits eine bauliche Tradition.

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Studenten und Mitarbeiter finden im Innenhof einen Ort kontemplativer Ruhe.


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Im respektvollen Abstand zum Bestand arrondiert der Neubau das Areal und rĂźckt den AuĂ&#x;enraum ins Zentrum der Anlage.

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W채hrend der Abendstunden tritt die Glasfassade optisch zur체ck und der massive Kern wird sichtbar.

STADTGESCHICHTEN KUNSTMUSEUM STUTTGART

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Die Treppen beidseits des Kubus bilden eine Bühne des städtischen Lebens und sind eine wichtige Verbindung im Wegenetz der Stadt.

In den Zeiten des Wirtschaftswunders wurden alte, unliebsame Gebäude als Behinderung der Zukunftsentwicklung angesehen. In diesem Geiste musste 1968 auch das Kronprinzenpalais im Stuttgarter Zentrum einer mehrgeschossigen und vielspurigen Verkehrstunnelanlage weichen. Bereits Mitte der 80er Jahre standen diese Tunnelröhren selbst wieder zur Disposition. Auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist eine solche „Tabula rasa Städtebauplanung“ fragwürdig. Umnutzung und Revitalisierung bilden das zeitgemäße Gegenkonzept zu Abriss und Neubau – die vorhandene Bausubstanz wird so zu einer sinnvollen Ressource. Mit dem Neubau des Kunstmuseums in Stuttgart wurde der ehemalige innerstädtische Verkehrstunnel zu Museumsräumen umgestaltet. Die unterirdischen Ausstellungsräume bilden eine Enfilade und sind über großzügige Lufträume und Galerien miteinander verbunden, sodass eine spannungsvolle Abfolge von verdichteten und sich öffnenden Raumbereichen entsteht. Der kleine Schlossplatz oben und die Museumsräume darunter sind durch ein Lichtband verbunden, welches die Spur der alten Tunnelröhren anzeigt. Oberirdisch präsentiert sich ein gläserner Kubus mit einem Kern aus bruchrauem Kalkstein und schließt die Lücke am Schlossplatz. Neben den positiven Auswirkungen auf Lebenszyklus und Energiebilanz ist die Umnutzung des Tunnelbestandes von wesentlicher Bedeutung für die Gestalt und das Selbstverständnis der Architektur. Kein Entweder-oder, sondern das Prinzip der Teilhabe ist bestimmend für den Entwurf des Kunstmuseums. Die Vielfalt und Geschichte der Stadt bleiben lebendig und werden Teil der Gegenwart und der Zukunft.

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Ein langes Oberlichtband l채sst Tageslicht 체ber die Ebenen hinweg tief in den Raum dringen.


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Ausschnitte in den Wandfolgen ermĂśglichen Ăźberraschende Einund Ausblicke.

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BAUKULTUR – KULTURBAU MONTFORTHAUS FELDKIRCH

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Museen, Konzerthäuser und Theater sind mehr als „nur“ identitätsstiftende Zeugnisse einer Hochkultur. Die Bedeutung von Musik, Tanz, Dichtung und Schauspiel als sublime kulturelle Leistung einer Gesellschaft muss in unmittelbarem Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Potenzial einer Region betrachtet werden. Kultur prägt die Lebensqualität einer Stadt – ebenso wie ihre Bauten das Erscheinungsbild – entscheidend mit. Das Montforthaus ist ein kultureller Kulminationspunkt der Region – ein Haus der Kultur, ein universales Haus für die Bürger im besten Sinn. Hier finden Kongresse, Bälle, Messen, Konzerte und Theateraufführungen statt, hier treffen sich die Bewohner in der Bar über den Dächern der Stadt. Der organisch geschwungene Baukörper löst sich von der kleinteiligen und heterogen gewachsenen Stadtstruktur und behauptet sich als Solitär im innerstädtischen Gefüge. Wie ein Kieselstein im Flussbett wird das neue Kulturhaus von den angrenzenden Plätzen „umspült“, sodass ein großer zusammenhängender Außenraum mit fließenden Übergängen entsteht. Ebenso selbstverständlich und fließend wird der Besucher in das Gebäude und von dort über eine frei geformte, viergeschossige Foyerlandschaft mit offenen Galerien weitergeführt. Barock wirkende Treppen geleiten ihn spiralförmig empor zu den Sälen oder in die Bar auf der Dachterrasse. Dabei gibt das verglaste Atriumdach in Verbindung mit dem offenen Raumgefüge den Blick auf die geschichtsträchtige Schattenburg frei – das Montforthaus, eine Bühne des gesellschaftlichen Lebens im Zentrum der Altstadt.

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Das große Bauvolumen wird in einzelne Pavillons aufgelöst.

LEIB UND SEELE REMS-MURR-KLINIKEN WINNENDEN

Windgeschützte Aufenthaltsbereiche im Freien


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Schiebeelemente aus perforiertem Aluminium sorgen für optimalen Sonnenschutz.

In den letzten einhundert Jahren haben sich unsere Krankenhäuser von einfachen Lazaretten mit aufgereihten Krankenbetten in Großraumzimmern zu exzellent ausgestatteten Kliniken entwickelt. Die Heilung des Körpers steht im Mittelpunkt, zur Genesung gehört aber auch die Zuwendung gegenüber dem Patienten als Menschen. Die Rems-Murr-Kliniken in Winnenden beweisen mit dem Neubau, dass zeitgemäße Krankenhäuser trotz hochtechnisierter Intensivmedizin ein menschliches Antlitz bewahren können. Eingebunden in ein städtebauliches Gesamtkonzept aus insgesamt sechs Pavillons, die sich in der grünen Auenlandschaft um eine Piazza gruppieren, besteht das Klinikum aus drei dieser Pavillons, die über einen gemeinsamen, ein- bis zweigeschossigen Sockel miteinander verbunden sind. Durch die Gliederung in Sockel- und Obergeschosse sowie in einzelne, niedrige Häuser erhält der große Gebäudekomplex eine Kleinteiligkeit – eine am Menschen orientierte Maßstäblichkeit. Dieses Konzept setzt sich bis in die einzelnen Krankenräume fort: privat anmutende, ruhige Zweibettzimmer sind mit holzgemaserten Oberflächen, Vorhängen und farbigen Schiebeläden wohnlich gestaltet. Großflächige Verglasungen, die sich über die gesamte Breite der Räume erstrecken, mit niedrigen Brüstungen, die als Sitzbank ausgebildet sind, geben den Patienten selbst im Liegen den Blick in die grüne Auenlandschaft frei. Der Mensch in seiner Ganzheit, mit seinen vielschichtigen Bedürfnissen, ist der Maßstab – Leib und Seele finden hier ihren Raum.

Helle Patientenzimmer mit großzügigem Ausblick

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Wertvoller Baumbestand in den Gorilla-Außengehegen

MENSCHEN.AFFEN. HAUS MENSCHENAFFENHAUS WILHELMA STUTTGART

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Eine Stahlnetzkonstruktion bietet den baumlebenden Bonobos die ihrer Art entsprechende Höhe zum Klettern.

Mit der Verleihung des Ethikpreises 2011 der GiordanoBruno-Stiftung an Vertreter des „Great Ape Projects“ wurde erneut die Diskussion um die Haltung von Menschenaffen angeregt. Das Projekt fordert für die intelligenten Tiere unter anderem das Leben in der Gemeinschaft, eine umfassende Betreuung sowie eine adäquate Beschäftigung. In dem neuen Menschenaffenhaus der Wilhelma in Stuttgart leben die Gorillas und Bonobos in artgemäßen Familienverbänden, die in mehreren Innen- und Außengehegen frei agieren können. Die Innengehege, die sich unter gefalteten Dachschalen aus Sichtbeton entlang einer S-förmigen Linie entwickeln, werden durch die begrünte Topografie überlagert, sodass sich der Neubau harmonisch in den denkmalgeschützten grünen Landschaftsraum des Rosensteinparks einfügt. In den bis zu sieben Meter hohen Innengehegen und den zwölf Meter hohen, netzüberspannten, landschaftlich gestalteten Außengehegen wählen die Tiere zwischen vielfältigen Optionen des Kletterns, Spielens und Lernens. Eine besondere Qualität des neuen Affenhauses ist die Unmittelbarkeit der Begegnung zwischen Mensch und Tier. Lediglich Glasscheiben trennen den Besucherbereich von den Gehegen, darüber und daneben wuchert das Grün. Nach oben, zur Dachkonstruktion, schließt ein luftiges Gitter das Gehege ab. Affen und Menschen teilen sich das Haus, Gerüche und Laute, und vor allem das durchgängige und vielfältige Tageslicht löst das Verhältnis von Betrachter und betrachtetem „Objekt“ auf. Menschen und Menschenaffen begegnen sich in ein und demselben Raum auf Augenhöhe – Menschen.Affen.Haus.


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Der Besucherweg führt der „Hangkante“ folgend an den Gehegen vorbei.


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Schwingende Glasdächer formen mit den darunterliegenden terrassierten Büroriegeln eine kraftvolle Einheit.

MENSCH NATUR TECHNIK BÜROGEBÄUDE DVG HANNOVER

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Der Übergang von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft Ende des letzten Jahrhunderts erzeugte auch tiefgreifende Änderungen in der Unternehmenskultur. Die klassische Struktur mit mehreren Hierarchieebenen von der Chefetage bis zum Praktikanten weicht auf und Teamarbeit gewinnt in der wissensbasierten Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Auch die 1.800 Mitarbeiter der Datenverarbeitungsgesellschaft (dvg) sind in Teams organisiert und arbeiten in sogenannten „Business Clubs“. Statt eines festen Arbeitsplatzes stehen den Mitarbeitern eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsplätze zur Verfügung. Je nach Anforderung und Bedürfnis wählen die Teammitglieder zwischen Steh-, Gruppen- oder Einzelarbeitsplätzen in offenen oder geschlossenen Räumen, buchen einen Konferenztisch, recherchieren in der offenen Bibliothek oder tauschen sich in den attraktiven Loungebereichen aus. Die Bürolandschaft der dvg entwickelt sich auf vier Ebenen unter drei großen, wellenförmig geschwungenen Glasdächern und öffnet sich mit ihren raumhohen Verglasungen zu mediterran gestalteten Gärten, die sich optisch im angrenzenden Park fortsetzen. Fast ganzjährig erweitern die begrünten Hallen mit ihrem milden Klima die Arbeitsbereiche der IT-Spezialisten – die Übergänge von innen nach außen sind ebenso fließend wie die von konzentrierter Arbeit zu informellen Gesprächen in entspannter Atmosphäre.

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Kommunikative Inseln erweitern das Vokabular üblicher Standards: Räume zum Arbeiten, für Besprechungen und für die informelle Begegnung.

Lichtdurchflutete Hallen und mediterrane Gärten verflechten die Büros mit der Natur: Arbeiten im Grünen.

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HASCHER JEHLE Architektur Kantstraße 17 10623 Berlin www.hascherjehle.de Konzept Rainer Hascher, Sebastian Jehle, Thomas Kramps, Fleur Keller, Svenja Bockhop Koordination Fleur Keller Design Konzept und Art Direction Thomas Manss & Company Layout und Bildbearbeitung Svenja Bockhop Texte HASCHER JEHLE Architektur Simone Jeska Credits Svenja Bockhop, Berlin | 6, 7, 8, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 24, 25, 26, 27, 29, 38, 40, 41, 42, 43, 45 Thomas Deutschmann, Hannover | 44 Lars Gebhardt, Berlin | 34 Roland Halbe, Stuttgart | 2, 22, 23, 28, 29, 30, 31, 32, 46 Hugo Jehle, Stuttgart | 38, 39, 40 Ingeborg F. Lehmann, St. Märgen | 10, 11 Maximilian Meisse, Berlin | Cover, 4, 7 Werner Pawlok, Stuttgart | 45 Ralph Richter, Düsseldorf | 18, 21


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IMPRESSUM CREDITS


www.hascherjehle.de


Booklet: thoughtful buildings