Skip to main content

Traber_grund_aller_dinge_Leseprobe

Page 1


Till Traber

Auf dem Grund aller Dinge

Dieses Buch wurde unterstützt von der Friedrich und Anita Frey-Bücheler-Stiftung.

© 2026 by orte Verlag, CH-9100 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Verlagshuus, Appenzeller Verlag AG Windegg 5, 9100 Herisau verlag@orteverlag.ch

Verlagsauslieferung in die EU:

HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, DE-85748 Garching service@herold-fulfillment.de

Umschlagbild: von KI generiert Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshuus

ISBN 978-3-85830-355-4 orteverlag.ch

Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.

Till Traber

Auf dem Grund aller Dinge

Roman

Für Vera und unsere Kinder

Ralf – jetzt

«Ich bleibe hier.»

Stille. Keine Reaktion. Vorerst zumindest.

Meine rechte Hand hat sich zur Faust geballt. Sie liegt steif auf meinem Oberschenkel, merke ich.

Erneut ertönt das metallische Klimpern ihres Schlüsselbundes.

Mein Blick wandert nach unten zu Cody, unserem Hund, der, zu einem pelzigen Knäuel zusammengerollt, neben dem Sofa auf dem Teppich liegt. Der alte Cocker Spaniel hebt den Kopf und blickt mich mit seinen grauen Augen erwartungsvoll an. Mühevoll erhebt er sich aus seiner Verrenkung und wackelt zum Flur. Als er sich durch den Türvorhang aus Kunststoffperlen kämpft, ertönt das vertraute Rieseln, wenn die kleinen Perlen aneinanderklacken. Wie am Mittelmeer, wenn der Wellengang am Strand sanft gebremst wird, bevor sich die Wellen wieder in die Unendlichkeit des Meeres zurückziehen. Mit geschlossenen Augen kann man sich dieser Illusion hingeben. Ich zumindest. Eigentlich hasse ich Türvorhänge. Türvorhänge aus Kunststoffperlen im Speziellen.

Als das Klimpern des Schlüsselbundes erneut ertönt, höre ich, wie Codys Schwanz vor Vorfreude ans Schuhregal im Eingangsbereich trommelt. Er freut sich auf einen Spaziergang mit Marion. Doch das Klimpern gilt nicht ihm, es gilt mir.

«Ich bleibe hier», wiederhole ich ein wenig entschiedener. Nun folgt das Klacken ihrer Absatzschuhe auf den Flurfliesen. Ob Absatzschuhe oder Plastikperlen. Es klackt zu viel in diesem Haushalt. Als sich meine nackten Zehen im Rauleder der Fussbettung meiner Finken vergraben, merke ich, wie sehr ich diese Klackgeräusche hasse. Es rieselt im Türvorhang. Ihr Kopf taucht aus dem Kunststoffperlenmeer. Ihr Blick fixiert mich eindringlich.

«Mach dich nicht lächerlich, Ralf. Wir sind spät dran.» Ihre Hand schnellt durch den Türvorhang, tastet hektisch nach dem Lichtschalter an der Wohnzimmerwand. Die grosse Deckenbeleuchtung springt an und blendet mich mit ihrem klinischen, grellen Licht. Marion tritt ins Wohnzimmer, versperrt mir die Sicht auf mein Aquarium.

«Und wieso sitzt du hier im Halbdunkel und wieso bist du nicht angezogen, wie wir es abgemacht haben?» Unvermittelt bekommt ihre harte Stimme eine weichere Note. Gleichzeitig mustert sie mich mit einem mitleidigen Blick. «Den maronenbraunen Zweiteiler habe ich extra für die heutige Mitgliederversammlung bestellt. Für dich. Sein spezieller Schnitt soll alle Problemzonen auf einmal kaschieren.»

«Nein. Ich komme nicht mit.»

Kurz treffen sich unsere Blicke. Wann haben wir uns das letzte Mal in die Augen geschaut? Das Blau ihrer Iris hat einen matten Einschlag bekommen. Ihre Augenbrauen heben sich. Krümmen sich an den Rändern zu beinahe rechten Winkeln. Marion wirft einen Blick auf die silberne Uhr an ihrem Handgelenk, ich zähle die Amano-Garnelen oberhalb ihrer linken Schulter. Neun Tiere. Die restlichen sechs werden sich hinter ihrem Rücken versteckt halten. In den Tiefen meines Aquariums.

«Wir haben noch zwanzig Minuten für die Fahrt bis zur Mehrzweckhalle.» Ihr Tonfall ist jetzt schrill. Wo sich wohl die grabenden Turmdeckelschnecken befinden? Vielleicht hinter dem Schiffswrack, im Kies wühlend.

«Ralf, hörst du mir überhaupt zu?»

Nun steht sie mitten im Wohnzimmer und folgt meinem Blick, als ob sie sich ebenfalls für das Schicksal der Deckelschnecken interessieren würde.

«Wieso ist das Aquarium eigentlich noch nicht abgebaut?», brüllt sie. «Das wirst du alles heute Nacht erledigen müssen», fügt sie leicht panisch an, während sie wild mit ihrem Kopf schüttelt. Ihre rechte Hand deutet anklagend auf das Aquarium.

«Wie dem auch sei, mit dieser verdammten Scheisse ist zum Glück sehr bald Schluss.» Wie kann Marion meine Unterwasserwunderwelt nur als verdammte Scheisse verunglimpfen?, frage ich mich, während sie nachdoppelt: «Morgen ist Schluss. Unwiderruflich. Abtransport. Find dich endlich damit ab.»

Ich spüre meinen Herzschlag in den Fingerspitzen meiner geballten Faust. Langsam löse ich die Verkrampfung in meinen Fingern. Ich weiss, dass Marion eine Antwort von mir erwartet, doch ich habe keine Eile, ihr diese zu geben. Stattdessen nehme ich meine Brille von der Nase. Meine Hand zittert leicht. Ich betrachte die rechteckigen Gläser, hauche sie kurz an. Der Dunst meines Atems beschlägt die Gläser. Ein Zipfel meines Hemdes dient mir als Reinigungstuch. Sorgfältig reibe ich sie sauber und setze mir die Brille wieder auf. Ich fokussiere mich auf mein Aquarium und entgegne: «Und du solltest dich damit abfinden, dass ich nicht mitkommen werde.»

Meine Stimme ist klar. Marion wirkt ungläubig, ehrlich überrascht. Ich überrasche mich selbst. Die hässliche Pendeluhr ihrer Mutter, auf der gegenüberliegenden Seitenwand des Wohnzimmers hängend, verfällt in ihr dumpfes Geläut. Das Pendel schwingt dreimal vor und dreimal zurück.

«Bereits achtzehn Uhr, wir müssen los.» Sie spricht mehr mit sich selbst, wirft mir einen kalten Blick zu. Einen Moment zögert sie, scheint sich eine weitere Gemeinheit zu überlegen, die sie mir an den Kopf schleudern kann. Dann entscheidet sie sich dafür, wortlos durch den Türvorhang zu entschwinden. Ich lausche dem Klacken ihre hohen Schuhe. Es ist ein zackiges Klacken. Sie eilt zur Eingangstür. Ich weiss, wie sehr sie Verspätungen hasst.

«Deine Abwesenheit erklärst du Bianchis und den anderen das nächste Mal selbst», poltert sie vom Flur her. Ich höre das Klopfen von Codys Schwanz auf dem Holz. Der Hund hat brav auf Marion gewartet. Die Eingangstür geht auf, ein sommerlich warmer Luftstoss weht durchs Perlenmeer, dann knallt die Tür ins Schloss. Das Klopfen erstirbt langsam. Cody kehrt zurück an

seinen Stammplatz neben dem Sofa, neben mir. Falls er über den ausgebliebenen Spaziergang enttäuscht sein sollte, lässt er es sich nicht anmerken. Ich tätschle seinen Rücken und lehne mich zurück. Ich schliesse die Augen. Ich spüre meinen Herzschlag in der Kehle, in den Fingerspitzen, überall. Ich versuche, ruhig und langsam zu atmen, lenke meine Aufmerksamkeit auf meine Füsse.

Mit den Zehenspitzen fahre ich den sanften Erhebungen des Rauleders nach, die sich unterhalb meiner Zehenreihen befinden. Die Erhebungen sind perfekt geformt, umschmeicheln meine Zehen sanft. Sie schmiegen sich an meine Haut, vertraut und vereint in einer Symbiose vieler gemeinsam verbrachter Stunden. Einer Greifbewegung ähnelnd ziehe ich die Finken mit meinen Zehen nach hinten, damit meine Fussspitzen komplett von den leicht erhöhten Seitenrändern der Finkenbettung umschlossen werden. Ich öffne meine Augen wieder. Vor mir schwebt ein glitzernder Schwarm Halbschnabelhechte durchs erleuchtete Blau. Ich atme tief durch, mein Puls ebbt langsam ab.

Im Schrank unter dem Aquarium befindet sich der Vorrat an Frischfutter: Mückenlarven, Artemiakrebse, Würmer, Wasserflöhe. Alles in der Mikrokühlbox gelagert, die mir Marion vor Jahren aufgedrängt hat, als sie das Fischfutter im Kühlschrank nicht mehr ertragen konnte. Im Abteil daneben ist das Trockenfutter verstaut. Dann folgen die Werkzeuge für die Fütterung, den Unterhalt, die Reinigung und allfällige Reparaturen, Schlauch und Eimer für den Wasserwechsel und mein Kontrollbuch. Ich knie mich vor den Schrank, öffne ihn und nehme das Kontrollbuch in die Hand. Das Buchzeichen führt mich zur aktuellen Übersichtsseite mit meinen letzten Notizen. Die Fütterung gestern Abend erfolgte um Viertel vor acht, ein Mix aus Trockenund Lebendfutter. Kein Grund zur Eile also, da sich der Fütterungszyklus eigentlich einmal alle vierundzwanzig Stunden wiederholt. Trotzdem entscheide ich mich dazu, die Überprüfung

der Wassertemperatur und des pH-Werts nach hinten zu schieben und stattdessen der Fütterung Priorität einzuräumen. Heute gibt es ausschliesslich Lebendfutter, weil mir danach ist. Sonntagabend ist Grund genug für ein Festessen. Oder bitte ich hier nicht eher zur Henkersmahlzeit? Die Fische kümmern sich nicht um derartige Fragen. Ich entscheide mich für die Bachröhrenwürmer, klaube den entsprechenden Tupperwarebehälter aus der kleinen Kühlbox, greife nach der mittelgrossen Pinzette, stehe auf und beuge mich übers Becken. Als ich die Pinzette mit den rötlichen Würmern ins Wasser tauche, löse ich damit die gewohnte Sogwirkung aus. Sofort bildet sich ein farbenfroher Pulk um die sich kringelnde Nahrung. Die leichte Strömung sorgt dafür, dass sich die Würmer im Aquarium verteilen. Bald schon schweben sie schwerelosen Fäden gleich durchs Wasser, von hungrigen Fischen verfolgt und umgarnt. Die Würmer, die den Fischmäulern entkommen konnten, werden auf dem Grund des Aquariums von den Garnelen erwartet oder sie fallen einem Lanzenharnischwels zum Opfer, der in einer Steinspalte lauert. Es gibt kein Entkommen. Es ist der Lauf des Lebens. Im Aquarium hat alles seine Ordnung und Richtigkeit.

Sind die Fische satt, kümmert sich der Halter um sich selbst. Ich stehe vor dem geöffneten Kühlschrank in der Küche und betrachte den geordneten Überfluss vor mir. Das grelle Licht der Kühlschrankbeleuchtung dringt hinter jede Saucentube, hinter jedes Lightjoghurtbecherchen. Es verzeiht weder Krümel noch Saucenspritzer, doch Marions Gebrauch des scharfen Reinigungssprays ist noch unverzeihlicher. Die gläsernen Regale glänzen in Perfektion. Die rechte Hälfte des obersten Regals ist meine Hälfte. Überraschenderweise befinden sich dort bereits zwei Tupperwaredosen. Die senfgelbe für morgen Montag und die olivgrüne für den Dienstag. Ich nehme beide aus dem Kühlschrank, schiebe die gestrige Ausgabe des Tagblatts beiseite und platziere die Dosen nebeneinander auf dem Küchentisch. Unter

dem senfgelben Deckel verbirgt sich als Hauptkomponente eine überschaubare Portion Kartoffelgratin. Dazu, in den beiden abgetrennten kleineren Bereichen, eine geschälte Karotte und der obligate Landjäger. Wie immer bereits halbiert. Die Dienstagsdose enthält dasselbe Menu. Demnach wartet ein kulinarisch konstanter Wochenanfang auf mich. Mit den Fingerspitzen fahre ich dem Rand meines verbleibenden Haarkranzes entlang. Zweimal von links nach rechts, zweimal von rechts nach links. Dann entscheide ich mich, beide Tupperwarebehälter mit ins Wohnzimmer zu nehmen, obwohl Marion die Portionen für den Wochenanfang vorgesehen hat. Sonntagabend ist schliesslich Festessenszeit. Der immer noch geöffnete Kühlschrank beginnt zu piepsen. Ich nehme eine Flasche Mineralwasser aus dem unteren Fach und lasse die Tür langsam zugleiten. Mein Blick bleibt am Familienplanungskalender auf der Aussenseite hängen. Ich überfliege die aktuellen Tage.

Heute Sonntag, 27. Juni, 18.15 Uhr: Mitgliederversammlung Bürgerverein ProFürstenland. Ich kratze mich am Kinn. Ein kurzer Blick auf die Backofenuhr verrät mir, dass es mittlerweile knapp halb sieben ist. Wie wohl der Apéro in der Mehrzweckhalle ist? Bestimmt ist Marion bereits beim dritten Glas Weisswein angelangt.

Nächster Eintrag, seit gestern, 13 Uhr: Boxweekend in Einsiedeln (Valerie).

Morgen Montag, 28. Juni, 8.45 Uhr: Abtransport. Ein einziges Wort. Klar und unmissverständlich. Ich justiere meine Finken, strecke mich, berühre kurz die erhöhten Seitenränder mit den Spitzen meiner grossen Zehen.

Weiter. Mittwoch, 30. Juni: Thomas Briner (Geburtstag/88 Jahre). Wann habe ich zuletzt an meinen Vater gedacht? Eine Kindheitserinnerung kommt hoch. Ich sehe ihn vor mir, in seinem Büro am Schreibtisch sitzend. Vertieft in seine Unterlagen.

Strenger, konzentrierter Blick. Vor ihm auf dem Tisch das Ensemble aus Schreibmaschine, aufgeschlagener Zeitung, leder-

ner Agenda und klobigem Telefon. Hinter ihm an der Wand, der Gewerbekalender. Briner Treuhand. Vierzig Jahre lang an derselben Adresse, bis zur Pension. Ein Synonym für Kontinuität.

Angestrengt versuche ich, in diesen Erinnerungsbildern zu verharren. Es sind keine schönen Erinnerungen. Doch sie helfen mir. Sie lenken mich vom Unausweichlichen, der Aktualität und der unmittelbaren Zukunft, ab. Sie begleiten mich bis zum Sofa, wo mich Cody, lasch mit dem Schwanz wedelnd, erwartet. Auf dem Couchtisch arrangiere ich die Tupperdosen, die Mineralwasserflasche, das Besteck und das Glas zu einer harmonischen Aufstellung. Ich setze mich. Im Aquarium ist eine gesättigte Ruhe eingekehrt. Ich beginne mit dem montäglichen Kartoffelgratin. Überraschend schlotzig. Die Dienstagsportion bestätigt mein montägliches Urteil. Allerdings habe ich die Schwere und Üppigkeit des Gratins unterschätzt. Ich bin satt, schaffe die Beilagen nicht mehr alle. Vor dem letzten Stück Landjäger kapituliere ich. Reflexhaft taste ich nach meinen schwabbeligen Hüften, die sich unter meinem schlabberigen T-Shirt zu verstecken versuchen. Obwohl ich immer weniger esse, nehme ich immer schneller zu. Mit meinen achtundfünfzig Jahren stehen mir meine fetten Jahre demnach noch bevor. Eigentlich ein Grund zur Freude, nicht wahr? Ich betrachte das letzte Stück Landjäger in der Tupperdose. Ich nehme die Hälfte der Wursthälfte in meine rechte Hand. Die Wurst fühlt sich fettig an. Ich lasse sie neben mir auf den flauschigen Teppich fallen, wo sie in den grauen Zotteln verschwindet. Codys feine Nase hat keine Mühe, den verborgenen Wurstzipfel aufzuspüren. Gierig verschlingt er den Landjäger. Ich streiche meine schmierigen Finger an Marions Lieblingsquiltkissen ab.

Marion – vor drei Jahren

Dicke Regentropfen prasseln an die riesige Fensterfront des Einkaufszentrums. Ich trete näher ans Fenster, blicke ins Grau, welches sich vor, über und unter mir eröffnet. Von hier oben, der vierten Etage des Einkaufszentrums, kann man Vorstadtquartiere überblicken. Weiter hinten, auf der anderen Seite der Autobahn, zeichnen sich die ersten Häuser der Agglomeration ab. Unser Wohnort lässt sich hinter der davor liegenden Hügelkette nur erahnen. Ich sehe grosse Wohnblöcke, scheussliche Mietskasernen, welche die kleinen und feinen Einfamilienhäuser immer mehr in den Schatten stellen. Ein Agglo-Bus hält an einer Haltestelle und spuckt eine Handvoll Menschen aus, die anscheinend nicht arbeiten müssen an einem Montagnachmittag. Vereinzelt haben sich ein paar Bäume oder eine Hecke in dieser Betonwüste verirrt. Darüber erstreckt sich ein grauer, trüber Himmel, der sich wie eine dicke Decke über die Szenerie gelegt hat. So sieht sie also aus, die Schweiz der unbeschränkten Zuwanderung und der grenzenlosen Mobilität. Ein pseudourbaner Albtraum. Willkommen an einem der schönsten Ecken des Fürstenlandes. Ich nippe an meinem Pappkartonbecherkaffee. Schmeckt nach Vorstadt. Der Regen peitscht mit immer grösserer Wucht ans Fenster. Es ist Ende Juni. Eigentlich sollte der Sommer vor zehn Tagen offiziell begonnen haben. Ich wende mich vom Gruselpanorama ab und steuere den Eingang von Möbel Kienast an, der sich am gegenüberliegenden Ende der Etage befindet. Vor mir erstrecken sich mehrere Etagen voller Möbel und Einrichtungsgegenstände. Mein Handy vibriert. Ich fische es aus meiner ledernen Handtasche. «Willkommen zurück, liebe Frau Briner-Meisterhans», lässt mich die MöbelKienast-App wissen. «Welche Ihrer Wohnträume werden heute wahr?» Ich konsultiere den Übersichtsplan neben den Rolltrep-

pen, obwohl ich genau weiss, in welche Etage ich muss. Die Garten- und Terrassenmöbel sind im dritten Geschoss ausgestellt. Ab heute gilt der Early-Summer-Sale. Zwanzig Prozent auf alles, ausser bereits reduzierter Ware. Auf meinem Weg hinunter in die dritte Etage fällt mir auf, dass sich neben mir hauptsächlich Rentnerpärchen und ausländisch aussehende Frauen im Möbelhaus befinden. Faul und faul gesellt sich gerne, würde meine Mutter wohl zusammenfassen. Ich strecke meinen Rücken durch und überprüfe, ob auf meinem Handy Nachrichten eingegangen sind, was nicht der Fall ist. Der Umstand, dass ich mich heute Nachmittag ebenfalls im Shoppingzentrum befinde, kann begründet werden. Zumindest gab es einmal eine gute Begründung dafür. Als ich vor sieben Jahren mit meinem Teilzeitpensum als Sachbearbeiterin im Bauleitungsbüro begonnen habe, war es eine Bedingung von mir, den Montagnachmittag frei zu haben. Ich brauchte ihn, um die bevorstehende Woche im Familienhaushalt an der Kirchstrasse 42 zu planen. Terminkoordination, Essenseinkauf, Menü- und Ämtliplanung. Einzig Severin, mein ältester Sohn, war damals bereits ausgezogen. Laetitia, Tim und Valerie wohnten zu Hause. Cody und Ralf auch, und ich war stets ausgelastet mit der Aufgabe, die Familie und ihre Mitglieder durch ruhige und unruhigere Zeiten zu manövrieren. Die Anfangszeit im Büro habe ich in guter Erinnerung. Es waren dynamische Jahre. Der Job und die damit verbundene neue Aufgabe gaben mir einen Ruck. Im Büro lernte ich neue Leute kennen, war ausgelastet, wurde gebraucht. Ohne mich ging es nicht. Seither ist viel Wasser die Sitter hinuntergeflossen. Laetitia und Tim haben sich ebenfalls aus dem Staub gemacht. Valerie, Ralf und ich sind übrig geblieben, und mein freier Montagnachmittag hat seine Berechtigung verloren, da sich Valerie hauptsächlich in ihrem Zimmer aufhält und Ralf vor dem Aquarium. Das Familienleben ist mittlerweile fast inexistent. Wenn Ralf könnte, würde er sich wohl Kiemen wachsen lassen, um mit seinen Scheissfischen im Aquarium nochmals neu beginnen zu können. Ich

schaue kurz auf meine silberne Uhr am Handgelenk. Beinahe zwanzig vor drei. Ich habe mir geschworen, nicht an Valerie und Ralf zu denken vor unserem heutigen Termin um halb fünf bei diesem Schulpsychologenpack. Ich investiere meine Zeit lieber in etwas Sinnvolleres. In mich zum Beispiel. Der Montagnachmittag könnte ab jetzt Me-Time werden. Ein guter Gedanke. Man gönnt sich ja sonst nichts. In der vierten Etage verlasse ich den Rolltreppenkreisel, weil ein Rabattschild meine Aufmerksamkeit erregt hat. Sultanwochen in der Teppichabteilung. Kleine Preise für ein königliches Zuhause. Ich schlendere durch die Auslagen und mache vor einem länglichen, eher schmalen Perserteppich halt, der senkrecht von der Decke hängt. Dieser Teppich könnte sich im Flur zu einem Eyecatcher für Gäste entwickeln. Was heisst könnte. Ich grüble mein Handy aus der Tasche und scanne den QR-Code, damit der Teppich im Warenkorb erscheint. Lieferfrist bis zu vier Wochen, steht in kleiner Schrift geschrieben. Diese verdammten Lieferkettenengpässe. Nichts ist mehr verlässlich heutzutage. Ich betrachte das orientalische Muster genauer. Die dunklen Kringel erinnern mich an Simits, eine Art türkische Bretzel. Immer wenn ich im Sekretariat arbeite, schaue ich in der Bäckerei des nahe gelegenen Halk Pazari vorbei, um Simits, Baklavas und andere süsse Schweinereien zu kaufen, die ich anschliessend in meinem Büro in mich hineinschaufle. So war es auch heute Vormittag. Mit meiner freien Hand streife ich kurz über die Speckpolster an meinen Hüften, die selbst von meiner luftigen Sommerbluse nicht kaschiert werden können. Vor meinem inneren Auge sehe ich: Sultanwochen bei Marion. Süsse Schweinereien für königliche Hüftpolster. Ein leiser, kaum hörbarer Rülpser entweicht mir. Sein Geschmack erinnert mich daran, dass ich heute Mittag zu Hause bereits zwei Gläser Weisswein getrunken habe. In meiner Handtasche suche ich nach den Pfefferminzbonbons, stopfe mir eins in den Mund und eile weg von der Orientteppichabteilung, um in den Esszimmerbereich zu gelangen. Ich flaniere durch eine Allee imposanter

Esstische. Gross, massiv, beeindruckend. Tische als Statements. Solch ein Tisch würde sich in unserem Wohnzimmer gut machen, wenn da nicht Ralfs scheussliches Aquarium wäre, das den ganzen Raum dominiert. Ich verdränge die Gedanken an meinen Mann und mache bei den Tischsets einen Zwischenhalt. Ich scanne den Code von einer Zehnerpackung runden, anthrazitfarbenen Tischsets. Bianchis, unsere Nachbarn, werden bei der nächsten Einladung schön ins Staunen kommen, wenn ich ihnen mein berühmtes Kartoffelgratin auf diesen modernen Tischsets serviere. Apropos zukünftige Einladung. Ursprünglich wollte ich eigentlich zu den Garten- und Terrassenmöbeln. Es ist Sommer. Grillzeit. Einladungszeit. Und der Aussenbereich an der Kirchstrasse hat eine Generalüberholung dringend nötig. Trotzdem entscheide ich mich, zuerst noch einen Schlenker durch die Bettenabteilung und die Sofalandschaften zu machen. Es ist erst kurz nach drei. Ralf wird erst in einer knappen Stunde vor dem Einkaufszentrumseingang auf mich warten. Genügend Zeit also, um vielleicht das Schnäppchen des Jahres zu machen oder auf eine ungeahnte Trouvaille zu stossen. Während ich mich von den Richtungspfeilen, die auf dem Boden aufgezeichnet sind, leiten lasse, muss ich zwangsläufig an Valerie denken. In welche Richtung droht meine jüngste Tochter abzudriften? Sie ist gefangen in ihrem Selbstoptimierungswahn, permanent auf der Suche nach sich selbst. Sekundiert und hofiert von Ralf befindet sich Valerie auf dem besten Weg, zu einer verweichlichten und undankbaren Person zu verkommen. Und nun sind wir als Familie gar zu einem Gespräch beim Schulpsychologischen Dienst verdonnert worden. Da haben die wichtigen Herren und Damen von der Schulpsychologie ihre Rechnung ohne mich gemacht. Ich brauche kein jahrelanges Studium und unendliche viele Super- und Intervisionen, um erkennen zu können, was mit Valerie schiefläuft. Und diese Erkenntnisse werde ich den Therapeuten an der heutigen Sitzung gnadenlos unter ihre hochnäsigen Nasen reiben. Reflexhaft greife ich nach einem ausgestellten

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook