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200 Jahre Zwinglianische Gesellschaft Wildhaus Alt St.Johann

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200 Jahre Zwinglianische Gesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann


200 Jahre Zwinglianische Gesellschaft WildhausAlt St. Johann

Mit Beiträgen von: Hans Büchler Moritz Flury-Rova Hans Forrer Robert Jörin Daniel Klingenberg Bernhard Kuhn Bruno Wickli


Die Jubiläumsschrift wurde unterstützt durch: Evangelisch-reformierte Kirche Wildhaus-Alt St. Johann Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann Zwinglianische Gesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann Private Gönner

© 2024 Toggenburger Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Umschlagbild: Ausschnitt aus dem Protokollbuch der Zwinglianischen Gesellschaft 1823 – 1968 Gestaltung: Mike Müller Gesetzt in Frutiger LT Std und Minion Pro Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-907399-03-3 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


Inhaltsverzeichnis

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Vorwort Hans-Ulrich Knaus

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Das ersehnte Licht der Aufklärung Zum zeitgeschichtlichen Umfeld der Gründung der Zwinglianischen Gesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann Daniel Klingenberg

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Das oberste Toggenburg um 1820 Wildhaus und Alt St. Johann in zeitgenössischen Berichten Hans Büchler

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Die Gründung der Zwinglianischen Gesellschaft Die Errichtung der Realschule als lebendiges Denkmal für Zwingli Hans Forrer / Robert Jörin / Bernhard Kuhn

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Das «innere Leben» der Zwinglianischen Gesellschaft Aktivitäten, Errungenschaften und Krisen Bruno Wickli

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Zwinglis Geburtshaus Ein aussergewöhnliches mittelalterliches Holzhaus Moritz Flury-Rova

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Autoren


Vorwort 1. Januar 2024 – ein wahrlich bedeutendes Datum!

Am 1. Januar 2024 darf die Zwinglianische Gesellschaft WildhausAlt. St. Johann als ältester Verein der Gemeinde das 200. Jubiläums­ jahr feiern. Und es ist gleichzeitig der 540. Geburtstag des wohl berühmtesten Wildhausers Ulrich Zwingli. Die Leute um Hauptmann Bernhard Kuhn brauchten damals recht viel Mut und Durchhaltewillen, um die Bildung der Bevölkerung zu verbessern. Darum bewundere ich alle meine Vorgänger, von Bernhard Kuhn bis Heiri Giezendanner. Sie haben die Gesellschaft durch alle Höhen und Tie­fen sicher geleitet. Ich danke den Autoren für ihre wertvollen Beiträge: Dr. Hans Büchler, Dr. Moritz Flury-Rova, Hans Forrer, Dr. Robert Jörin, Daniel Klingenberg, Bernhard Kuhn (ein Nachfahre des ersten Präsidenten), Dr. Bruno Wickli und Béatrice Hoby Jörin für das Lektorat. Ein besonderer Dank geht an Hans Büchler und Robert Jörin für die Leitung der Jubiläumsschrift. Für die grosszügige finanzielle Unterstützung möchte ich danken: Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen, Evangelisch-reformierte Kirche Wildhaus-Alt St. Johann, Politische Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann, Kultur Toggenburg und den privaten Gönnern. Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre der letzten 200 Jahre.

Wildhaus-Alt St. Johann, 1. Januar 2024 Hans-Ulrich Knaus, Präsident der Zwinglianischen Gesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann

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Das Licht der Aufklärung ist Leitmotiv des damaligen reformierten Christen­tums. Entnommen aus: Hess, Salomon: Ursprung, Gang und Folgen der durch Ulrich Zwingli in Zürich bewirkten Glaubens-Verbesserung und Kirchen-Reform: Beytrag zur Dritten Zürcher Sekular-Feyer im Jahr 1819, Zürich 1819, S. 122. 8


Das ersehnte Licht der Aufklärung Zum zeitgeschichtlichen Umfeld der Gründung der Zwinglianischen Gesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann

Daniel Klingenberg

Es war eine unruhige Zeit auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, als die «wackren, idealgesinnten Männer» (Bührer) im November 1823 die Zwinglianische Lesegesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann gründeten. Wer historische Untersuchungen über die Zeit um 1800 liest, sieht das sofort: «Revolution in der Schweiz» titelt Holger Böning. Auch das Toggenburg macht es nicht ohne Umstürze: «Revolution, Kontinuität und Widerstand im konfessionell gemischten Toggenburg», liest man bei Pascal Sidler. Die Aufklärung ist es, die einen ungeahnten Schub an Veränderung auslöst. Sie setzt an die Stelle überkommener dogmatischer Überzeugungen die Kraft der Vernunft. Die menschliche Vernunft soll neu Entscheidungsinstanz über Richtig und Falsch werden. Damit einher geht die Forderung nach der Freiheit der Meinungsäusserung und Toleranz. Das führt zu heftigen Konflikten zwischen liberalen und konservativen Kräften, denn die bisherige Gesellschaft war eine Ständegesellschaft mit klaren Hierarchien. Die «Helvetische Revolution», und damit der Beginn der politischen und gesellschaftlichen Umsetzung der Aufklärungsideen, erfolgt mit dem Einmarsch der französischen Truppen Anfang 1798 auf das Gebiet der damaligen Schweiz. Es geht um nichts anderes, als was uns heute selbstverständlich erscheint, aber dennoch immer wieder in Gefahr ist: um gleiche Rechte für alle. Der Historiker Thomas Maissen schreibt dazu: «Die Helvetische Republik hob 1798 die ständische Gesellschaft auf und machte aus Untertanen und minderberechtigten Niedergelassenen gleichwer­ tige Bürger mit garantierten Grundrechten» (Maissen). Für die Zeit der Gründung der Zwinglianischen Lesegesellschaft gilt, einfach gesagt: Die alte Schweiz geht unter, die neue ist aber noch nicht erstanden. Die neue Schweiz gelingt nämlich nicht im ersten Anlauf, die Verwirklichung des Traums von Gleichheit und Freiheit braucht Zeit. «Die fünfzig Jahre zwischen 1798 und 1848 9


waren von dauernden Konflikten und wiederholten Waffengängen in und zwischen den Kantonen geprägt, ehe nach einem letzten Bürgerkrieg die Bundesverfassung von 1848 entstand» (Maissen). Zu diesen Spannungen kommt im Jahrzehnt vor der Gründung der Zwinglianischen Lesegesellschaft eine heftige Hungersnot in den Jahren 1816 und 1817 als Folge eines Vulkanausbruchs in Indonesien. Im Toggenburg führt diese zu grosser Armut, hoher Sterblichkeit und einer sehr schlechten wirtschaftlichen Situation (Specker). Weiter gibt es im Thurtal ein heftiges Aufleben der Spannungen entlang der konfessionellen Konfliktlinie, die seit der Reformation besteht. «Alle Proteste im Toggenburg, ob revolutionär oder kontrarevolutionär (…) waren durch den seit der Reformation bestehenden konfessionellen Konflikt beeinflusst» (Sidler). Lesegesellschaften als «organisierte Aufklärung»

Die Umsetzung der Aufklärungsforderungen geschah mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen einerseits auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Um hier nochmals einen Blick ins Thurtal zu tun: Ein Symbol der liberalen Kräfte war der Freiheitsbaum, wie er im Toggenburg erstmals in Neu St. Johann in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1798 errichtet wird, kurz darauf auch in Ulisbach, Lichtensteig und anderen hiesigen Orten. Die Proteste werden so heftig, dass der Landvogt Karl Müller von Friedberg am 1. Februar sein Amt abgibt. Die fürstäbtische Herrschaft wird abgeschüttelt. Von Februar bis April 1798 gibt es einen «Freistaat Toggenburg». Neben diesen brachialen Mitteln gibt es aber andererseits sanftere Instrumente für die Verwirklichung der Aufklärung. Dazu gehören die Lesegesellschaften, die im Kontext der «Sozietätsbewegung» stehen. Dieser geht es um Reformen in Staat, Kirche und ständischer Gesellschaft. Lesegesellschaften entstehen bereits in vorrevolutionärer Zeit im 18. Jahrhundert. Sie verbreiten sich in Deutschland und in der Folge auch in der Alten Eidgenossenschaft im gebildeten städtischen Bürgertum mit Gründungen in den reformierten Städten Schaffhausen (1770), Basel (1787) oder Bern (1797). Auf dem Land waren sie eine Ausnahme, zu der die 1767 entstandene «Reformierte toggenburgische moralische Gesellschaft» in Lichtensteig zählt. Den Lesegesellschaften geht es um Aufklärung durch 10 Das ersehnte Licht der Aufklärung


Bildung. Sie wollen die Aufklärung «organisieren». Ihre Kommunikationsmittel sind Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, deren Produktion im 18. Jahrhundert rasant zunimmt (siehe Bild Kapiteleinstieg). Gedruckte Medien sind aber verhältnismässig teuer, sodass sie von mehreren Personen genutzt werden sollen. Zu diesem Zweck lassen die Mitglieder der Lesegesellschaften die Schriften zirkulieren. Oder es kann auch sein, dass eine Leihbibliothek Zentrum einer Lesegesellschaft ist (Kriemler). Diese Gesellschaften waren bei allem Interesse für aufklärerische Ideen noch im ständischen Denken, also der herkömmlichen gesellschaftlichen Hierarchie, verhaftet. Stellvertretend dafür stehen die Schwierigkeiten, die Ulrich Bräker 1776 beim Eintritt in die «Moralische Gesellschaft» erwachsen: Die Mitglieder, unter anderem bestehend aus Kaufleuten, höheren Beamten, Fabrikanten, Pfarrherren und Ärzten, wollen dem Mann aus dem Volk den Beitritt verwehren. Schliesslich stimmt aber eine knappe Mehrheit dafür (Bachmann). Diese Ständeorientierung verändert sich im 19. Jahrhundert. Die Lesegesellschaften haben einen Höhepunkt im Liberalismus um 1830. Ja: Sie sind bevorzugte Mittel der liberalen Strömungen, «um ihre Kräfte wieder neu zu formieren». Die Lesegesellschaften «können somit als eigentliche Sammelbecken des frühen Liberalismus gelten» (Bachmann). Den liberalen Strömungen geht es um das Erbe der Französischen Revolution, nämlich um die politische Freiheit und Gleichheit aller Einwohner, sowohl für Stadt- als auch Landbewohner. An dieser Stelle lohnt sich der Blick in die Jubiläumsschrift zum hundertjährigen Bestehen der Zwinglianischen Lesegesellschaft, in der ausführlich zitiert wird aus der Ansprache des Gründungspräsidenten Bernhard Kuhn (Bührer). «Nach Vervollkommnung und Veredelung strebt alles, was aus der Schöpfung hervorging», sagte dieser. Anders als bei einem Sandkorn, habe «die Gottheit mannigfal­tige Kräfte» in den Menschen gelegt. Die «Ausbildung dieser Kräfte» geschehe durch «Schulen und Lektüre oder durch Erfahrungen», am vollkommensten dann, wenn alle diese «glücklichen Umstände» zusammentreffen. Dies sei aber vor allem in Städten und «gewerbsamen Flecken» der Fall, während in abgelegenen Orten nicht selten «dichtestes Dunkel» sei. Und: «Ach! auch über unserem Tal ist jene liebliche Sonne noch nicht aufgegangen.» Das ersehnte Licht der Aufklärung 11


Der Zweck der «Zwinglianischen Lesegesellschaft» ist daher: Das Licht der Aufklärung und der Erkenntnis zu bringen helfen. Oder in den Worten Kuhns: «Die Bildung unserer Gesellschaft aber, meine Freunde, soll ein neuer Anstoss dieses Fortschreitens und jener besseren Erkenntnis werden» (Bührer). Die «Zwinglianische Lesegesellschaft» lässt sich daher gut in die «organisierte Aufklärung» der Lesegesellschaften einordnen. Unter den Gründungsmitgliedern sind neben Bernhard Kuhn eine Reihe von Männern aus Schule, Politik und Wirtschaft. Es sind liberale Kräfte mit dem Ziel des neuen Bundesstaates, so kann man vermuten. Kuhn selber hatte ein ausserordentliches Interesse für das Militärwesen und war sowohl in der politischen, schulischen wie militärischen Verwaltung tätig. Zur Gründungszeit der Gesellschaft war er in Wildhaus Mitglied im «Gemeinde- und Verwaltungsrath» (Neues Tagblatt, 1861). Die Zwingli-Rezeption um 1820 und der kirchliche Aufklärungssound

So gut der Zweck der Wildhauser Lesegesellschaft auf dem Hintergrund des aufklärerischen Liberalismus verstehbar ist, so speziell ist die Bezugnahme auf Ulrich Zwingli. In einer Zusammenstellung der Schweizerischen Lesegesellschaften um 1870 gibt es nirgends eine Bezugnahme auf Personen (Bachmann). Die Institutionen heissen in der Regel schlicht «Lesegesellschaft» und sind verknüpft mit der jeweiligen Ortschaft. Die erste Sitzung der Lesegesellschaft findet am 1. Januar 1824 statt, dem 340. Geburtstag von Ulrich Zwingli. Aber nicht nur der Tag hat Symbolkraft, auch der Ort: Es ist die «morsche Hütte» des Geburtshauses von Zwingli (Bührer). Mit der Wahl von Zeit und Ort ist den Gründern der Zwinglianischen Lesegesellschaft ein damals nicht bemerkter Coup gelungen. Heute würde man von einem geschickten PR-Schachzug sprechen. Bernhard Kuhn nimmt in seiner Ansprache direkten Bezug auf den Reformator Ulrich Zwingli. Dieser wird darin als Vorläufer und Wegbereiter der Aufklärung verstanden. Der «schweizerische Reformator» Ulrich Zwingli habe einerseits «durch das Werk der Reformation mit der Fackel der Vernunft das damals religiöse Dunkel» beleuchtet. Weiter habe er sich «auch um das Politische ein unsterbliches Verdienst» erworben, 12 Das ersehnte Licht der Aufklärung


«und somit das Wohl aller Eidgenossen, ohne Rücksicht auf Konfession» gefördert. Dem «unsterblichen Reformator» verdankt man «religiöse und staatspolitische Aufklärung» (Bührer). Kuhn lanciert in seiner Ansprache auch die Themen «Denkmal», «Zwinglis Bibliothek» und «Zwinglianum». Er verknüpft dabei die aufklärerischen Gedanken mit dem Andenken an den Reformator. Zwingli ist in seiner Interpretation ein Vorläufer der Aufklärung. Eine Lesebibliothek kann daher auch gut «Zwinglis Bibliothek» heissen und ist so ein würdiges Andenken an den Reformator. Genauso wie eine Lehranstalt oder Schule «Zwinglianum» heissen kann. Für die Verwirklichung solcher Vorhaben zählt Kuhn auf «viele Tausend evangelische Christen» vom Säntis bis zum Genfersee (Bührer). Was ist nun wichtiger, ein Zwingli-Denkmal oder die Aufklärung? Kuhn selber macht die Gewichtung klar: Er bezeichnet seine Zwingliausführungen als «kurze Abschweifungen von dem gesellschaftlichen Hauptzwecke» (Bührer). Bezeichnenderweise taucht hundert Jahre später, bei der Einleitung zur Jubiläumsschrift von Pfarrer Georg Bührer der Name Zwingli ausser im Titel gar nicht auf. Die Leistung der Gesellschaft liege in der «Pflege und Aufrechterhaltung eines guten, sittlich-religiösen Geistes» (Bührer). Bührer urteilt weiter ziemlich abwertend über Kuhn. Er bezeichnet seine Ansprache zwar als «feine Worte», aber er ist für ihn «schlichter Bergbauer» (Bührer). Das weit gespannte Interesse von Kuhn an Militär und Politik widerspricht aber dieser Deutung (Neues Tagblatt, 1861). Dass Kuhn den Reformator als Aufklärer versteht, dürfte mit der gängigen Zwingli-Interpretation um 1820 zusammenhängen. Unter den Gründungsmitgliedern sind zwar keine Pfarrpersonen, und es weist nichts auf eine «innerkirchliche Gruppe» mit speziellem Zwingliwissen hin. Die Kirche und das Andenken an den Reformator dürfte aber einfach fester Bestandteil der damaligen Obertoggenburger Gesellschaft gewesen sein. Das bedeutet auch: Man wusste, was die Kirchenleitung über Zwingli dachte. Und was sie über die Aufklärung dachte. Und da fällt die Gründung der Lesegesellschaft in eine interessante Zeit. Denn 1819 stand das dritte Reformationsjubiläum an. Die Protestanten hatten sich rasch zu Spezialisten dieser «Zentenarfeiern», wie man die Würdigung der Zeitintervalle von hundert Jahren nannte, entwickelt. Das ersehnte Licht der Aufklärung 13


Aus der Darstellung von Marcel Müller über die sanktgallischen Reformationsjubiläen im 19. und 20. Jahrhundert mit dem sprechenden Titel «Leistungsschau und Provokation» wird zweierlei klar. Erstens gibt es bei den St. Galler Reformierten im frühen 19. Jahrhundert eine klare Orientierung und Abhängigkeit zur Zürcher «Mutterkirche». Zweitens interpretierte die St. Galler Kirche die Reformation als Vorläuferin der Aufklärung und Zwingli damit als eine Art Protoaufklärer. Festgebete und Kirchenlieder für das Jubiläum von 1819 sind «von einer leitmotivischen Licht- beziehungsweise Hell-Dunkel-Metaphorik durchdrungen». Die Motivation der Reformatoren sei gewesen, «Wissenschaft und Gelehrsamkeit, Licht und Wahrheit, und eine heilsame Aufklärung und Volksbildung zu verbreiten». Heute müsse das Ziel ein «vernünftiges, erleuchtetes Christenthum» sein, sagte der damalige Festredner und Theologieprofessor Johann Michael Fels (Müller). Die Zwingli-Interpretation von Bernhard Kuhn stützt sich daher auf die Lesart des Reformationsjubiläums. Er folgt konsequent und mit eigenen Worten dem damaligen Selbstbild der St. Galler Reformierten. Es geht um den Bildungsgedanken der Aufklärung, Zwingli ist ein Garant dafür und selber ein aufklärerischer Lichtbringer. Er ist Argument und Vorläufer einer liberalen Gesellschaft. Etwas weniger schön gesagt: Zwingli wird für die damaligen Anliegen «funktionalisiert».

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Quellen Bührer, Georg: Jubiläum der Zwinglianischen Lesegesellschaft Wildhaus-Alt St. Johann, 1823 – 1923, Manuskript, Wildhaus 1923. Neues Tagblatt aus der östlichen Schweiz, Bernhard Kuhn. Eine treue Lebensskizze, St. Gallen, 26. März 1861.

Literatur Bachmann, Martin: Lektüre, Politik, Bildung. Die schweizerischen Lesegesellschaften des 19. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Kantons Zürich, Bern 1993. Kriemler, Daniel: Die Anfänge der Basler Lesegesellschaften im Kontext von Aufklärung und Sozietätenbewegung in den Jahren 1787 – 1800, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 105 (2005), S. 157 – 195. Maissen, Thomas: Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt, Baden, 3. Auflage 2015. Müller, Marcel: Leistungsschau und Provokation. Die Reformationsjubiläen von 1819, 1917 und 1929 im Kanton St. Gallen, in: Die Reformation in der Ostschweiz (Teil 2), Die Reformation bricht durch, 158. Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, St. Gallen 2018, S. 258 – 277. Sidler, Pascal: Schwarzröcke, Jakobiner, Patrioten. Revolution, Kontinuität und Widerstand im konfessionell gemischten Toggenburg, Zürich 2013. Specker, Louis: Die grosse Heimsuchung. Das Hungerjahr 1816/17 in der Ostschweiz. Neujahrsblätter 133 und 135 des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, Rorschach 1993/95.

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Das oberste Toggenburg um 1820 Wildhaus und Alt St. Johann in zeitgenössischen Berichten

Hans Büchler

Die wohl früheste Erwähnung des obersten Toggenburgs und seiner Bewohner finden wir in der Chronik des Humanisten und Pfarrers Johannes Stumpf, die 1548 gedruckt wurde. «Das oft genannte Talgelend ist rau und gebirgig / doch gar grasreich / ernert vil Vychs / hat ein gar schön Volck / aufrechts dapfers Wandels / sanftmütig und wolverstendig.» Deshalb hätten sie von den Toggenburger Grafen und ihren Erben nicht unbedeutende Freiheitsrechte erhalten. «Es sind gross Leut / gstaltig / und starck von Leib / auch der Arbeit wol gewont. Sy ernärend sich des Vychs und Ackerbaus.» Die Entdeckung des obersten Toggenburgs

Eine ausführliche Beschreibung des Toggenburgs hat uns um 1630 der St. Galler Pater Magnus Brülisauer überliefert. Er war als Pfarrer von Alt St. Johann und seit der Translation des Klosters als Administrator und Ökonom tätig. Seine lateinische Beschreibung der topografischen und rechtlichen Verhältnisse beginnt mit der Natur im oberen Toggenburg: «Ferner ist dieses Land fast vollständig gebirgig. Täler und sehr hohe Berge wechseln ab, besonders in seinem oberen Teil. […] Bisweilen hat es ein recht raues Klima, vor allem dort, wo es zwischen den höchsten Alpengebirgen liegt. Aber trotzdem ist die Natur des Bodens so, dass er überall von Menschen bebaut werden kann, ausser im Gebirge. Aber auch dort bieten die Talgegenden den Bewohnern bequeme Wohnstätten.» Die Erkenntnisse dieses humanistisch Gebildeten fanden jedoch noch keine Verbreitung. Aus ersten Reiseberichten des 17. Jahrhunderts bleibt auch der Eindruck, dass sich weite Kreise die Alpengegenden noch als wüste Einöden  Titelblatt aus dem Buch von Pfarrer Franz mit dem Kupferstich von B. Bullinger über das oberste Toggenburg, 1819. Foto: Toggenburger Museum Lichtensteig (TML). 17


Toggenburger Karte von Freiherr Johann Josef Reilly aus dem Jahre 1797. Foto: TML.

vorstellten, deren Bewohner von Tieren und Wilden nicht zu unterscheiden waren. Erst das 18. Jahrhundert hat durch die Aufklärungsbewegung zu einer realistischen Betrachtung der Natur geführt. Als Pionier der Forschung dürfen wir den Zürcher Stadtarzt Johann Jakob Scheuchzer sehen, der mit mathematischen und physikalischen Instrumenten die Schweizer Alpen bereiste. Das Wissen zum Toggenburg hatte er vom evangelischen Kirchberger und späteren Krummenauer Pfarrer Johann Heinrich Scherrer erhalten. Dessen «Beschreibung der Toggenburgischen Gebirgen» aus dem Jahr 1716 beruht auf eigener Beobachtung. Nach seinem Bericht scheint eine Säntisbesteigung um 1700 keine Seltenheit mehr gewesen zu sein. Erstmals werden von ihm das Rauchloch und das Wildenmannlisloch am Fuss des Selun genannt, «durch welches man wenigst ein halb viertel Stund mit einer Latern in den Berg hineingehet.» Unter den sachlichen Darstellungen des 18. Jahrhunderts sticht auch die «Beschreibung der Grafschaft Toggenburg» des Zürcher Pfarrers Joh. Jak. Simler heraus. Zur Landwirtschaft im obersten Toggenburg meint er 1785: «Wer unter unfruchtbarem Land solche Gegenden sich vorstellt, in denen weder Korn noch Haber gedeiht und

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das an Obstbäumen leer ist,» möge vielleicht an das oberste Toggenburg denken. Dem erwidere er aber, «dass in diesem nach seiner Idee so ungesegneten Strich Landes die herrlichsten und fettesten Viehweiden und Alpen anzutreffen sind, die ihre Besitzer durch die Viehzucht in gewissem Sinn noch wohlhabender und reicher machen, als die Einwohner des mit Korn, Haber und allen Arten Feld- und Obstfrüchten so reichlich gesegneten unteren Toggenburgs.» Den wohl ausführlichsten Bericht zu den Gemeinden Alt St. Johann und Wildhaus finden wir bei Johann Friedrich Franz. Der 1775 im Thüringischen geborene Schriftsteller und evangelische Pfarrer amtete in Waldstatt (1801 – 1804), Henau (1804 – 1807), Lichtensteig (1807 – 1817) und Mogelsberg (1817 – 1848) und verstarb 1855 im Bürgerspital St. Gallen. Seine bedeutendste Arbeit war neben theologi-

Früheste bekannte Ansicht des Dorfes Alt St. Johann. Kolo­ rierter Kupferstich von J. B. Bullinger, 1770. Foto: TML.

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schen Beiträgen «Zwinglis Geburtsort Wildhaus» aus dem Jahr 1819. Sie wird noch häufig in diesem Kapitel als Quelle und Chronik dienen. Er beschreibt auf den ersten Seiten den Eintritt in das St. Johanner Tal: «Wer an einem heitern Tage das Tal betrachtet, der wird gestehen müssen, dass es eines der angenehmsten und lieblichsten der ganzen Schweiz sey. Denn richtet man sein Auge in die weite Entfernung, so erblickt der überraschte Wandrer die ganze nach Nordost sich ziehende Säntiskette, welche neben ewigen Schneelagern mit trefflichen Alptriften abwechselt, die mit dem lebhaftesten Grün überzogen sind. In einer weitern Entfernung präsentirt sich der kolossale Säntis selbst mit seinen nackten ungeheuren Felswänden und furchtbar gähnenden Schlünden, während rechts die stolz sich erhebenden Kuhfirsten, den mächtigen Riesen gleich, einen majestätischen Anblick gewähren.» Das Ende der äbtischen Herrschaft

Nach den turbulenten Ereignissen des Toggenburger- oder Zwölferkrieges (1712) war keine Beruhigung im Volk eingetreten. Einig war sich die Bevölkerung im Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit von der äbtischen Herrschaft, nicht aber in konfessionellen Fragen. Vor allem die Reibereien in der Ausgestaltung eines paritätischen Nebeneinanders der Konfessionen blieben Quelle ständiger Unruhe. Das politische Klima verbesserte sich erst, als 1767 der besonnene Beda Angehrn zum neuen Abt gewählt wurde. Die von ihm gebauten Strassen galten nach dem Urteil des Sankt Galler Historikers von Arx als die schönsten Europas. Sie förderten nicht nur die Entwicklung der Baumwollindustrie zu einer ersten Blüte, sondern sicherten auch die Landesversorgung mit Getreide aus Süddeutschland und Italien in der grossen Hungersnot von 1770/71. Unabhängig von allen sozialen und wirtschaftlichen Bemühungen Abt Bedas hatte sich in der ganzen Schweiz durch die Aufklärung ein neuer Geist entwickelt. Die Gewissheit wuchs, dass viel Althergebrachtes überholt war und die Entwicklung in eine neue Richtung gehen musste. Vorreiter dieser Entwicklung waren Institutionen und Gruppen wie die «Toggenburgisch Moralische Gesellschaft», der vorwiegend evangelische Personen aus dem Kreis von Geistlichen, Lehrern und Ärzten angehörten. Zu ihr zählte auch – mehr geduldet als geliebt – der Bauer, Salpetersieder und Schriftsteller Ulrich Bräker, der zu den eifrigsten Nutzern der Bibliothek gehörte und sich als Referent und kritischer Zuhörer aus dem Volk in dieser Gesellschaft einen speziellen Ruf geschaffen hatte. Am Ende der äbtischen Herrschaft über das Toggenburg wirkte zudem als Landvogt der in Verwaltung und Diplomatie erfahrene Karl Müller-Friedberg, der spätere Kantonsgründer. Als auf den Tod des 20 Das oberste Toggenburg um 1820


«gütigen» Abtes Beda Angehrn 1796 der eigenwillige Pankraz Vorster folgte, war die ausgleichende Politik des gewandten Landvogts erschwert und der Freiheitswille der Toggenburger wieder geweckt worden. Die revolutionären Ereignisse in Paris und der beginnende Koalitionskrieg in Europa beschleunigten die Ereignisse in der ganzen Eidgenossenschaft. Die Preise für Lebensmittel stiegen an, und die ungehemmte Einfuhr ausländischen Maschinengarns führte zu einer Baumwollkrise, die auch für das oberste Toggenburg Arbeitslosigkeit und existenzielle Not brachte. Der Einmarsch französischer Truppen im Januar 1798 lenkte den Blick in die Westschweiz, wo die «Franzmänner» in den Untertanengebieten mit Begeisterung als Befreier begrüsst wurden. Auf die militärische Niederlage der Berner folgte im Thurtal ein «Patriotischer Aufruf». Dieser erklärte das Toggenburg frei und unabhängig, stellte den Loskauf von der Abtei in Aussicht, sicherte beiden Konfessionen freie Religionsausübung und den Bürgern Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum zu. In verschiedenen Gemeinden wurden Freiheitsbäume errichtet. Auf eigene Verantwortung übergab Landvogt Karl Müller-Friedberg am ersten Montagmarkt des Februars in Lichtensteig die Übergabeurkunde an die Bürgerschaft. Das Toggenburg war zum selbstständigen Staat geworden, ebenso wie weitere sieben Freistaaten auf dem Gebiet des späteren Kantons St. Gallen. Ihre innere Organisation bildeten sie den benachbarten Landsgemeinde-Orten nach. Die vorrückenden französischen Truppen zerstörten Ende März den Traum von Freiheit. Am 6. Mai kamen französische Soldaten bei Schwarzenbach auf Toggenburger Gebiet und stiessen nach Wattwil vor. Die Verfassung der Helvetischen Republik schuf einen zentralistischen Einheitsstaat und teilte die Alte Eidgenossenschaft ohne Rücksicht auf die geschichtliche Entwicklung in 19 Kantone auf. Das Toggenburg wurde in die Verwaltungseinheiten der Kantone Linth und Säntis gezwungen und von General Xaintrailles aus dem Hauptquartier in Lichtensteig kontrolliert.

«Kopy von einem natürlichen Freiheitsbaum im Toggenburg in Wattwil-Ollensbach», 1798. Foto: TML.

Die Zeit der Helvetik 1798 –1803

Die Trennlinie zwischen den Kantonen Säntis und Linth wurde mitten durch das Toggenburg gezogen. Die helvetische Verfassung schlug die Gemeinden von Wildhaus bis Ebnat als Distrikt Neu St. Johann zum Kanton Linth. Die übrigen Toggenburger Gemeinden wurden als Distrikte Lichtensteig, Mosnang und Flawil dem Kanton Säntis zugewiesen. Ein Regierungsstatthalter in St. Gallen und Glarus wachte über die Distrikte, die Aufgaben von Gerichtsund Amtskreisen innehatten. Mit einem Treueeid wurden die Bürger an die neue Verfassung gebunden. Den Frauen blieben die poliDas oberste Toggenburg um 1820 21


Zwangssteuer durch die Besatzungs­truppen. Kupferstich 1801. Privatbesitz.

tischen Rechte und die privatrechtliche Handlungsfreiheit vorenthalten. Zur gleichen Zeit drängte Frankreich der Helvetischen Republik ein Schutz- und Trutzbündnis auf, das die Dorfgemeinden zur Stellung von Militärpflichtigen zwang. Gegen Protestaktionen wurden auch im oberen Toggenburg Helvetische Truppen eingesetzt. In fast allen Dörfern waren französische Soldaten einquartiert, deren Verhalten zu wachsender Abneigung gegen die «Befreier» führte. Fleisch-, Brot- und Heulieferungen, Transporte mit Pferd und Wagen, Willkür und hohe Sondersteuern holten das Letzte aus dem besetzten Land. Der Wandel der Freiheitsbewegung in eine Abwehrhaltung ergab sich auch aus der starken Verwurzelung der Landleute in Religion und regionaler Tradition. 22 Das oberste Toggenburg um 1820


Inzwischen begann der Krieg zwischen Frankreich und der Koalition von Österreich, Russland und England. Im Mai und August 1799 rückten österreichische und russische Truppen durch das Toggenburg gegen die Franzosen nach Zürich vor. Auch der St. Galler Fürstabt kehrte aus seinem Exil in Süddeutschland nach St. Gallen zurück und verkündete die Rückkehr zur alten Ordnung. Zu Recht fürchteten sich die Evangelischen im Toggenburg vor einem Wiedererstehen der äbtischen Herrschaft. Der österreichische Sieg, von Katholiken als Befreiung bejubelt, brachte aber keine Entlastung, da auch die neuen Besatzer Tribut forderten. Als der österreichische General Friedrich von Hotze im Toggenburg auf Widerstand stiess, drohte er gar, die Region zu verheeren und die Widerspenstigen zu massakrieren. Nach der Niederlage der Österreicher und Russen in der Schlacht bei Zürich kehrten die Franzosen zurück und die helvetischen Beamten nahmen ihre Arbeit wieder auf. Die bereits ausgeplünderte Ostschweiz hatte weitere grosse Geldzahlungen zu leisten. Der Wunsch nach den alten Zuständen machte sich breit, und viele wünschten nur noch den Abzug der Truppen. Frankreich musste durchgreifen. Um die Schweiz als Geldquelle und Truppenreservoir nutzen zu können, brauchte Napoleon innere Stabilität. In Paris legte er 1803 Vertretern der Eidgenossenschaft zur Vermittlung an Stelle der zentralistischen Einheitsverfassung eine föderalistisch aufgebaute «Mediationsverfassung» vor. Dank persönlicher Beziehungen wurde dem ehemaligen Landvogt Karl Müller-Friedberg die Einführung der Mediationsverfassung im neu geschaffenen Kanton St. Gallen übertragen. Der Kanton St. Gallen entsteht

Die Kantone erhielten weitgehende Souveränität, die Kompetenz der eidgenössischen Tagsatzung beschränkte sich auf die Aussenpolitik. Die diktierte Mediationsakte legte nicht nur das Gebiet des neuen Kantons St. Gallen fest, sondern auch seine Verfassung. Als Parlament wirkte der Grosse Rat als oberstes Organ, die Regierungsgewalt lag beim neunköpfigen Kleinen Rat. Da bis 1798 in der ganzen Schweiz keine Gemeinden im heutigen Sinne, sondern nur Dorfgemeinden bestanden hatten, war bereits 1799 die Einwohneroder Ortsgemeinde geschaffen worden. Erst die Verfassung des neuen Kantons schuf an deren Stelle die heutige Politische Gemeinde. Den Ortsgemeinden verblieb – zum Teil bis heute – die Verwaltung von eigenem Besitz und die Verleihung des Bürgerrechts. Im neuen Kanton wurden zwölf verschiedene Territorien mit un­terschiedlicher Tradition zusammengeschlossen. Die Landschaft Toggenburg zerfiel in die beiden Bezirke Unter- und Obertoggenburg, eine Regelung, die bis zur Verfassung von 1831 andauerte. Die Das oberste Toggenburg um 1820 23


Gemeindegrenzen im oberen Toggenburg entsprechen weitgehend den heutigen Verhältnissen. Eine Ausnahme bildet die Gemeinde Stein, die 1803 Alt St. Johann zugewiesen und erst 1833 eine autonome Gemeinde wurde. Resolut und auch anpasserisch, mit liberalen und konservativen Ideen spielend, erfüllte Karl Müller-Friedberg die Erwartungen Frankreichs. Da die Mediationsakte die Wiederherstellung aufgehobener Klöster garantierte, suchte die Regierung eine einvernehmliche Lösung mit Abt Pankraz Vorster. Dessen konsequente Ablehnung eines Kompromisses erleichterte 1805 die Liquidation des Klosterbesitzes. Das teilweise verstaatlichte Stiftsvermögen reichte jedoch nicht zur Finanzierung des neuen Staates. Deshalb verabschiedete der Grosse Rat bereits 1803 eine direkte Vermögenssteuer, und über eine Salzsteuer und Zölle wurde der Staatshaushalt auf die Bevölkerung abgewälzt. Nach der Niederlage Napoleons geriet auch die Mediationsverfassung und mit ihr die Schaffung des neuen Kantons ins Visier des Wiener Kongresses. Die Anerkennung des neuen Kantons durch die Grossmächte musste teuer erkauft werden. Mit einer Summe von 100 000 Gulden wurden die Ansprüche der ehemaligen eidgenössischen Orte abgegolten und 6000 Gulden waren für die jährliche Pension des Abtes zu bezahlen. Die Staatsschulden waren zudem auf eine halbe Million Gulden angewachsen. 1815 kehrte der Kanton auch zum vorrevolutionären konfessionellen Paritätsprinzip zurück. Jeder Konfessionsteil war gezwungen, die kirchlichen und schulischen Angelegenheiten wieder selbstständig zu regeln. Die grosse Not der Jahre 1816 und 1817

Kaum war nach Jahren politischer Turbulenzen und kriegerischer Wirren langsam Ruhe und Stabilität eingekehrt, wurde die Schweiz durch eine folgenreiche Hungersnot heimgesucht. Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien führte 1816 zu schweren Unwettern, Überschwemmungen und Schneefällen. Katastrophale Ernteausfälle und eine starke Teuerung waren die Folgen. Zwar begann sich die Wetterlage 1817 zu bessern, die Getreidespeicher jedoch waren leer und Acker- und Wiesland unbrauchbar. In der Ostschweiz war die Sterblichkeit sehr hoch, im Toggenburg und im Rheintal am grössten. Die für das oberste Toggenburg wichtige Schafzucht verschwand als Quelle der Ernährung fast völlig und der Mangel an Viehfutter erzwang das Schlachten der Kühe. Die Hungerkrise wurde durch einen schleichenden Einbruch der Heimindustrie zusätzlich verschlimmert, da preisgünstige, maschinell produzierte britische Baumwollprodukte die Schweiz und den europäischen Markt überschwemmten. 24 Das oberste Toggenburg um 1820


Das private Tagebuch der Wildhauser Familie Kuhn lässt Witterung, Elend und Hunger im obersten Toggenburg deutlicher werden. Seit Menschengedenken seien keine derartigen Wassergüsse und Erdschlipfe zu beobachten gewesen. «Die höchsten Berge sind immer mit Schnee bedeckt, so dass man viele Alp-Staffel nicht benützen kann.» Glücklich schätzten sich jene, welche in der Nähe von Alphütten wohnten, wo beim Käsen Schotte abfiel. Das wenig vorhandene Mehl wurde mit Zusatzstoffen wie Grüsch, Baumrinde und Kartoffelmehl gestreckt, oder es wurden unreife Früchte verzehrt. Sogar aus Sägemehl versuchte man Essbares zu backen. «Den 22. Weinmonat (Oktober) fällt eine Kälte ein, so dass Wein und Türken (Mais) im Rheintal zu Grunde ging. Gross war die Hoffnung auf einen baldigen Frühling. Nach Lichtmess (2. Februar) aber fängt der Winter erst recht an. […] Endlich gibt es nach und nach so viel Schnee, dass niemand sich erinnern kann, dass es einmal soviel gehabt hat. Ende März zeigt es sich, als wollte der Schnee schnell abgehen, nun aber auf den 13. April fängt es wieder an zu wintern und der Schnee erreicht noch einmal die Höhe wie im Hornung (Februar).» Die Kosten für Essbares stiegen um ein Vielfaches. Von Januar bis März starben allein in Wildhaus zwanzig Personen aus der ärmsten Bevölkerung an Hunger. 320 weitere Arme genossen die Unterstützung einer einheimischen Hilfsgesellschaft. «Sie sind in einem sehr

«Erkenne, dass ein Gott ist!». Hinterglasschrift der KünstlerFamilie Moosmann, Mogelsberg, zur Erinnerung an die Hungersnot 1816 /17, um 1820. Foto: TML.

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Hungernde und Vieh beim Grasen. Aquarell aus der sechsteiligen Gedenktafel an die Teuerung 1815 /17. Foto: TML.

kläglichen Zustand, so dass man sagen kann, dass viele davon im Tag nicht einmal mehr ein mal warme Schotten haben können und dem Hungertode preisgegeben sind. Vom Januar bis Juni wurde in Alt St. Johann täglich für 180 Arme die Rumfordische Suppe verteilt, (eine nahrhafte Mischung aus Erbsen, Gerste und Kartoffeln mit Essig und Salz). Die mittlere Klasse ist ebenfalls in einem schlimmen Zustand an Lebensmitteln und Futter für das Vieh. […] Bis auf den 15. Mai war hier kein Vieh auf die Weide aufzubringen, so dass man mehr als die Hälfte des Viehs nach allen Gegenden austreiben muss. Die meisten müssen den Unterhalt des Viehs im Gras suchen, und zwar von Grabs und Gams her, indem die Schneemassen hier so gross sind, dass man Ende Mai 6 Schuh (186 Zentimeter) tief Schnee und Gras nebeneinander hat. […] Viele Hunderte gehen am Bettelstab herum, die wegen Teuerung und Verdienstlosigkeit dazu gezwungen sind, denn Bauwula (Baumwolle) gibt es wenig mehr zu spinnen.» Auf dem Höhepunkt der Krise waren die Preise bis zum Zwölffachen gestiegen. Die Krisenbekämpfung war Aufgabe der Kantone, aber ihre Behörden standen vor unlösbaren Problemen. Ende Mai 1817 begann sich das Wetter zu bessern. «Endlich kommt das Vieh Ende Mai gänzlich aus dem Hunger da in Wiesen und Alpen Überfluss ist, doch kann man erst anfangs Heumonat (Juli) auf Iltios fahren und den 7. August auf Sellenmat. Der Juni und Juli tat an dem Heu und den Früchten Wunder zum Fortgang in der Hoffnung auf

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gesegnete Ernte und doch sind alle Lebensmittel anfangs August noch sehr teuer.» In den theologischen Kommentaren zur Hungerzeit finden sich häufig die Hinweise auf eine Strafe Gottes. Im Neujahrsblatt 1817 wurde der Zürcher Erziehungsrat Johann Jakob Hottinger konkreter: «Wir verschleuderten das schnell und leicht erworbene Geld in Hoffart, liederlichem Leben, in Spiel und Ausgelassenheit.» Im Volk galten Wucherer und Spekulanten als die eigentlichen Schuldigen an der grossen Not. Wissenschaftlich Orientierte machten meteorologische Ursachen für die Missernten aus, wiesen auf ungenügende politische Strukturen, unzulängliche Strassenverbindungen und die rückständige Landwirtschaft hin. Die Gemeinden Alt St. Johann und Wildhaus

Durchwegs überrascht und staunend schildern Forscher, Künstler und erste Reisende ihre Eindrücke vom Übergang aus der Enge bei Starkenbach in die weite und offene Ebene nach Alt St. Johann. So schreibt der bereits zitierte Pfarrer Franz: «Das Thal wird enger, sein Anblick wilder, die Strasse schmäler, die Wohnungen niederer. […] Die flachen Dächer der kleinen Wohnhäuser sind mit schweren Steinen belastet und tragen sämtlich den Charakter einer anspruchslosen Bescheidenheit an sich. Das Land wird alpenmässig bebaut und die grasreichen Triften und grünen Berggelände wechseln weder mit blumenreichen Gärten – wie in den eben durchwanderten Gemeinden – noch mit fruchttragenden Feldern ab. Selbst der Erdäpfelbau hat sich noch nicht allgemein in dieser Gegend verbreitet.» Die seltenen Besucher um 1820 wissen jedoch von der Umsiedlung des Klosters von Alt nach Neu St. Johann im Jahre 1626, vom Bau der evangelischen Kirche aus einer Nebenkapelle des Klosters oder berichten von zwei katholischen Geistlichen, die im brandgeschädigten Klostergebäude wohnen. Den Hauptgrund für den Umzug sehen sie weitgehend in der Angst der Bewohner, die zahlreichen Quellen im St. Johanner Berg könnten das Dorf wie das acht Jahre früher durch einen Bergsturz eingedeckte Bergeller Dorf Plurs zerstören.

Die Ebene von Starkenbach. Lithografie um 1870. Foto: TML.

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Die Klosteranlagen um 1626 (oben) und 1820. Lithografien 1869. Fotos: TML.

Die erste zuverlässige Erhebung des Kantons St. Gallen aus dem Jahr 1827 weiss von einer katholischen und evangelischen Kirche, dreissig Gebäuden und 1618 Einwohnern im Dorf Alt St. Johann sowie 81 in Unterwasser. Diese lebten fast einzig vom Ertrag des Bodens, von der Viehzucht und der Alpwirtschaft. In Heimarbeit begann sich die Fabrikation von baumwollenen Schnupf- und Kattuntüchern zu verbreiten. Ein Versuch, die Rotfärberei einzuführen, scheiterte an der Qualität des Wassers. Drei Jahrmärkte waren bekannt, von denen der St. KatharinenMarkt im November die wichtigste Rolle spielte. Hier fand ein lebhafter Austausch von Tier- und Pflanzenprodukten und – im Gegensatz zu heute – auch ein Handel mit Kühen, Ziegen, Schafen und Schweinen statt. Da an «Katrinen» auch Zinsen fällig wurden, begegneten sich hier Gläubiger und Schuldner aus der näheren Umgebung und dem Glarnerland. Zu einem Glas Veltliner und ei-

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