Vom Tafelbild zum Touchscreen
Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800
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Vom Tafelbild zum Touchscreen
Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800
Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800
Herausgegeben vom Historischen Verein Herisau und Umgebung
Dieses Buch wurde verdankenswerterweise unterstützt von:


DR. FRED STYGER STIFTUNG für Kultur, Bildung und Wissenschaft
Friedrich und Anita Frey-Bücheler-Stiftung
Stiftung für Appenzellische Volkskunde
7 Ein Blick hinein
8 Kurz vorweg
11 Die Historie und ihr Vermittler
Thomas Fuchs
16 Das grosse Ganze Eine bildungsgeschichtliche Einordnung
26 Im Spiegel der Zeit: Der Lehrer und sein Meister
28 Als der Minister die Schule befragte Stapfer-Enquête von 1799
39 Aufbruch im frühen 19. Jahrhundert Ein grundlegender Wandel
44 Ich war dabei: Alma Züst-Sonderegger
48 Geordnet und geregelt Gesetzgebung
56 Mit oder ohne Noten Beurteilung der Lernenden
66 Ich war dabei: Hans-Rudolf Merz
69 Bewegung macht Schule Turnen als nationales Fach
80 Im Spiegel der Zeit: Die Erste
82 Bildung für alle Sonderschulen und Integration
88 Im Spiegel der Zeit: Der Auswärtige
90 Die Schulbank für Lehrpersonen Lehrpersonenbildung
98 Ich war dabei: Elsbeth Rusch
100 Vom ABC-Büchlein zum Tablet Lehrmittel und Lernmedien
110 Ich war dabei: Hans-Ulrich Sturzenegger
112 Vom Zeigefinger zur Lernbegleitung Pädagogische Methoden
122 Im Spiegel der Zeit: Der Beständige
124 Der dritte Pädagoge Schulhäuser und Lernräume
134 Im Spiegel der Zeit: Die Quereinsteigerin
136 Nid vil Tütsch Deutsch als Zweitsprache
141
152
Die Hand ist auch ein Denkwerkzeug Handsgi, Husi und TNT
Ich war dabei: Beatrice Malherbe-Dähler
154 Vom Kollegium zur Hierarchie Schulleitungen als neue Akteure
162
Ich war dabei: Jakob Gülünay
164 Duale Kompetenz Berufsbildung im Wandel
176
Ich bin dabei: Fridolin, Arthur, Annika und Daria
178 Wer soll das bezahlen? Finanzielle Aspekte
191 Anmerkungen
204 Bildnachweise
206 Kurzporträts der Autorinnen und Autoren
Bildung ist mehr als Schule. Sie prägt Biografien, eröffnet Perspektiven und ist zugleich Ausdruck einer Gesellschaft. Appenzell Ausserrhoden blickt auf eine Bildungskultur zurück, die seit über zwei Jahrhunderten von Eigenständigkeit, Weitblick und einem ausgeprägten Gemeinsinn getragen wird. Bereits 1805 erliess der Kanton eine erste Schulordnung – lange bevor in anderen Kantonen oder gar auf Bundesebene vergleichbare Regelungen geschaffen wurden – und gehörte damit zu den Vorreitern in der Schweiz. 1821 legten Philanthropen um Johann Caspar Zellweger den Grundstein der Kantonsschule Trogen, 1833 gründete der Pestalozzi-Wegbegleiter Hermann Krüsi in Gais das erste Lehrerseminar. Diese frühen Weichenstellungen zeigen: Bildung war in Appenzell Ausserrhoden nie allein Privatsache. Der Kanton übernahm früh Verantwortung, schuf Rahmenbedingungen und stiess Entwicklungen an. Damit wurde der Grundstein für ein Bildungswesen gelegt, das bis heute zu den tragenden Pfeilern unseres Gemeinwesens gehört.
Viele Menschen in Appenzell Ausserrhoden verstanden und verstehen Bildung nicht nur als Pflicht, sondern als Chance für die Zukunft, nicht nur als Mittel zur Vermittlung und Aneignung von Wissen und Fertigkeiten, sondern auch als Schlüssel zur Förderung von Individualität und sozialer Verantwortung. Diese Haltung hat die ausserrhodische Bildungslandschaft geprägt – und sie macht den Kanton bis heute zu einem Bildungsort mit vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten.
Das Buch, das begleitend zur Sonderausstellung «Vom Tafelbild zum Touchscreen – Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800» im Museum Herisau erscheint, eröffnet facettenreiche Einblicke in die Geschichte der Bildung in Appenzell Ausserrhoden von 1800 bis heute. Es zeigt, wie Schule und Bildung stets
im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen, politischer Entscheidungen und pädagogischer Überzeugungen standen – und wie sie sich in diesem Zusammenspiel kontinuierlich verändert und weiterentwickelt haben. So schildert dieses Buch neben Erfolgen und Fortschritten auch Herausforderungen, die das Bildungssystem zu meistern hatte, mit denen es heute konfrontiert ist und sich morgen wird auseinandersetzen müssen. Dabei geht es beispielsweise um die Integration von neuen Bildungsansätzen und Reformen, um die Anpassung an die Bedürfnisse der sich weiter wandelnden Gesellschaft in einer globalisierten Welt, um die wachsende Digitalisierung und damit auch um die Künstliche Intelligenz.
Besonders überzeugend ist, Bildung von konkreten Objekten und Quellen aus zu erzählen: von Lehrmitteln und Lernmedien über die Geschichte von Schulhäusern, pädagogischen Methoden bis hin zu Fragen der Schulfinanzierung. So entsteht ein vielschichtiges Bild davon, wie Bildung in Appenzell Ausserrhoden gestaltet, diskutiert und erlebt wurde – und welche Voraussetzungen es braucht, damit sie auch künftig ihren Beitrag zu Zusammenhalt, Chancengleichheit und Zukunftsfähigkeit leisten kann.
Im Namen des Departements Bildung und Kultur danke ich dem Historischen Verein Herisau und Umgebung, den Autorinnen und Autoren und dem Appenzeller Verlag für die Realisierung dieser Publikation. Sie bewahrt Wissen, ordnet Entwicklungen ein und macht sichtbar, wie eng Bildungs- und Kantonsgeschichte miteinander verbunden sind.
Susann Metzger
Regierungsrätin und Vorsteherin des Departements Bildung und Kultur
Der Historische Verein Herisau und Umgebung widmet die letzte Sonderausstellung, die Thomas Fuchs im Museum Herisau kuratiert, dem Thema Bildung. Der erfahrene Kurator hatte dieses Thema schon lange auf seiner Wunschliste und setzt sich als Historiker und Archivar seit 1989 unermüdlich für die Wissensvermittlung von kulturhistorischen Inhalten in Appenzell Ausserrhoden ein. Ausserdem verfügt das Museum Herisau über viele Objekte zum Thema. Sie verdienen es, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden.
Für die meisten gehören Erfahrungen aus dem Schulalltag zu den bleibenden Erinnerungen. Es war jeweils ein spannender Moment, wenn die Lehrperson den Seitenflügel der Wandtafel umklappte und ein liebevoll von Hand gezeichnetes Tafelbild zum Vorschein kam. Heute genügt ein Klick vom Pult aus und der grosse Touchscreen zieht eine Show ab. In der Entwicklung vom sorgfältig gestalteten Tafelbild bis zum leuchtenden Touchscreen spiegeln sich pädagogische Methoden, Unterrichtsformen, Lehrmittel und Schulstrukturen vor dem Hintergrund sozialer Umbrüche, politischer Entscheidungen, kultureller Eigenheiten und technischer Errungenschaften.
Das vorliegende Fachbuch ergänzt die Ausstellung und folgt den Entwicklungen, die Schule und Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800 geprägt haben. Es fragt danach, wie Tradition und Innovation immer wieder neu zusammenfanden, beleuchtet ausgewählte Themen mit ihren charakteristischen Strukturmerkmalen und lädt dazu ein, Schule nicht nur als Ort des Lernens, sondern auch als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen und Strukturen zu verstehen.
Ohne die Mitwirkung zahlreicher Institutionen wäre das Projekt Vom Tafelbild zum Touchscreen – Bildung in Appenzell Ausserrhoden seit 1800 nicht möglich gewesen. Die Dr. Fred Styger Stiftung, die Ernst Göhner Stiftung, die Friedrich und Anita Frey-Bücheler-Stiftung, die Huber+Suhner Stiftung, die Johannes Waldburger-Stiftung, die Lienhard-Stiftung, die Steinegg Stiftung sowie die Stiftung für Appenzellische Volkskunde unterstützten das Vorhaben mit grosszügigen finanziellen Beiträgen. Die Gemeinde Herisau stellt dem Museum das Alte Rathaus seit November 1962 unentgeltlich zur Verfügung. Das Ausserrhoder Amt für Kultur beteiligt sich im Rahmen der Leistungsvereinbarung an der Finanzierung des Museums und pflegt einen regelmässigen fachlichen Austausch mit ihm.
Der Vorstand des Historischen Vereins Herisau und Umgebung dankt den genannten Organisationen herzlich für ihre wertvolle Unterstützung.
Mit der Vergabe des Auftrags zur Gestaltung der Sonderausstellung und zur Erarbeitung des Fachbuchs war die Arbeit der Vorstandsmitglieder nicht abgeschlossen. Dr. Ingrid Brühwiler trug die Hauptverantwortung für das Projekt, übernahm die Organisation und wirkte als Autorin mit. Dr. Ursula Butz unterstützte die Autorinnen und Autoren bei der Recherche im Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden. Anna Schindler bereicherte das Buch als Autorin mit lebendigen Erinnerungen von Lernenden an ihre Schulzeit. Roman Hertler schuf eindrucksvolle Porträts verschiedener Lehrpersonen. Claudia Andri Krensler prüfte jeden Satz mit grosser Sorgfalt auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Glen Aggeler brachte wertvolle Verbindungen zu verschiedenen Netzwerken und zur Gemeinde ein, Pascal Weber behielt das Budget im Blick, und Paul Knill liess seine fachliche Expertise zur inhaltlichen Verknüpfung von Sonderausstellung und Begleitbuch einfliessen. Für die Leitung der Erarbeitung des Fachbuchs setzte der Vorstand Dominik Schleich ein. Insgesamt 14 Autorinnen und Autoren verfassten die Beiträge. Kurator Thomas Fuchs steuerte zusätzliche Bezüge zur ausserrhodischen Bildungslandschaft bei. Die Herstellung und das Layout wurden dem Appenzeller Verlag in Herisau übertragen. Für Lektorat, Satz und Gestaltung zeichneten Susanna Schoch und Mike Müller verantwortlich.
Das Redaktionsteam dankt allen Beteiligten herzlich für die angenehme und engagierte Zusammenarbeit.
Das Redaktionsteam
Dominik Schleich, Dr. Ingrid Brühwiler, Thomas Fuchs

Thomas Fuchs an der Klöppeloder Flechtmaschine der Firma
J. G. Nef. & Co., Herisau, eingesetzt um 1920, Februar 2026.
Interview: Roman Hertler
Thomas Fuchs (geboren 1959) ist seit 20 Jahren Kurator des Museums Herisau. Aus dem Ausserrhoder Geschichtsbetrieb ist der gebürtige Schaffhauser nicht mehr wegzudenken. Als freischaffender Historiker hat er viele Gemeindearchive erschlossen, zahlreiche Bücher und Fachartikel publiziert und fast 500 Beiträge für das Historische Lexikon der Schweiz verfasst. Ende 2026 geht er in Pension.
Nach 20 Jahren als Kurator des Museums Herisau ist Schluss. Welches waren deine wichtigsten Ausstellungen?
Die wichtigsten gab es nicht. Starke Erinnerungen hinterliessen die Ausstellungen zu den Mühlen (2006), den «fleissigen Hausmütterchen» und Kochbüchern aus Herisau (2018), den Kriegsinternierten im Appenzellerland (2015) und zu unserem Wappentier, dem Bären (2010). Inspirierend war für mich zudem die Zusammenarbeit mit den Firmen AG Cilander (Veredelte Stoffe – 200 Jahre AG Cilander, 2014) und Geoinfo AG (Vermessenes Appenzellerland. Grenzen erkennen, 2009). Diese wie auch jüngst die Ausstellung zu Strassen und Brücken haben mich zudem wieder in meine Zeit auf dem Bau zurückgebracht.
Du warst ein sogenannter «Werkstudent» und hast vor und während des Studiums für ein Bauunternehmen gearbeitet. Wie hat dich das geprägt?
Die Baufirma war ein Kleinunternehmen mit einem autoritären Chef, einem deutschen Grenzgänger als Polier, zwei gebürtigen Italienern und zwei Jugoslawen als Maurer und Handlanger. Gleichzeitig mit mir begannen auch zwei Portugiesen, die zuvor noch nie in der Schweiz waren, für die Firma zu arbeiten. Während diese vom ersten Tag an vom Chef zusammengestaucht wurden, weil sie kaum Deutsch verstanden, musste ich schnell kapieren, wie man Eisen bindet, 80er- und 110er-Nägel einschlägt und dem Maurer rechtzeitig «handlangert». Die handwerklichen Fertigkeiten helfen mir bis heute beim Aufbau der Ausstellungen im Museum, wo ich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen möglichst viel selbst mache.
Du bist in Thayngen als Lehrerssohn aufgewachsen. Nach der obligatorischen Schulzeit hast du die Kantonsschule in Schaffhausen besucht und mit der Matura Typus B (mit Latein) abgeschlossen. Ab 1980 hast du in Zürich Geschichte, Geografie und neuere deutsche Literatur studiert. Was hast du aus dem Studium mitgenommen? In erster Linie zu denken. Die Grundfrage des Historikers ist ja eigentlich simpel: Wer sagt oder publiziert was mit welchen Absichten? Und wo sind die Fakten – denn diese gibt es tatsächlich – und wo nicht? Das gilt es immer wieder zu hinterfragen.
Das Seminar eines Gastdozenten gab mir zum ersten Mal die Gelegenheit, mit einheimischen Quellen zu arbeiten. Für die Seminararbeit stieg ich in ein unerschlossenes Gemeindearchiv hinunter und studierte die Protokolle der Ehegäumer (Ehegericht) aus dem frühen 19. Jahrhundert. Da taten sich Einblicke ins Alltagsleben «gewöhnlicher» Leute auf und führten mir mein eigentliches Interesse für das Fach vor Augen: dort zu grübeln und Fragen zu stellen, wo man selber lebt, und neue Quellen zu erschliessen. Gerade die Gemeindearchive waren in den 1980er- und 1990er-Jahren noch kaum systematisch erschlossen.
Geprägt hat mich ausserdem das Nebeneinander von Geistes- und Naturwissenschaften: Einige Teilgebiete der Geografie – Sozial-, Wirtschafts- und Anthropogeografie – waren für mich immer eine logische Ergänzung zum Hauptfach. Auch das Vordiplom in Geologie hat nicht geschadet. Ich verfolgte immer eine Art ganzheitlichen Ansatz entlang der Fragen: Wie agiert der Mensch in seinem Lebensraum? Wie gestaltet er ihn als Kulturraum? Wie arrangiert er sich mit der Topografie und dem Klima?
Was waren deine ersten beruflichen Stationen nach dem Studium? 1989 konnte ich ein Praktikum im Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden in Herisau antreten. Drei Jahre zuvor war Peter Witschi als erster professioneller Archivar tätig geworden. Seine vielfältigen Impulse zugunsten der kantonalen Geschichte sind unschätzbar gross. Ich verdanke ihm sehr viel. Er war mein grosser Förderer, vermittelte mir immer wieder Aufträge. Dank ihm konnte ich bald erste Gemeindearchive erschliessen. So bin ich laufend auf neue Quellen gestossen, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Im Rahmen von «700 Jahre Eidgenossenschaft» wurde dann ein erstes Ausstellungsprojekt unter dem Stichwort «Begegnung» an mich herangetragen. Appenzell Ausserrhoden richtete seinen Blick auf den Beinahenachbar Vorarlberg. Zusammen mit Kathi Helwing erarbeitete ich im Auftrag des Kantons eine Ausstellung, die in Stein (AR) und in Feldkirch gezeigt wurde. Ich tauchte zum ersten Mal richtig tief in die Ausserrhoder Geschichte ein, von der ich vorher fast nichts wusste. Zum ersten Mal konnte ich da auch mit Kurt Büchel zusammenarbeiten, einem Grafiker und Raumgestalter alter Schule. Von ihm lernte ich, Räume aus Sicht der Betrachtenden zu verstehen. Ab 1992 konnte ich dann für das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) einen grossen Teil der Artikel schreiben, die Appenzell Ausserrhoden betreffen.
Ich habe nachgefragt: Stand 1. Januar 2026 sind es stattliche 487 HLS-Artikel. Du hast viel publiziert! 1993 bis 1995 konnte ich zusammen mit Peter Witschi die Vergangenheit des Herisauer Weilers Schwänberg erforschen. Daraus resultierten eine Publikation und eine Filialausstellung für das Museum Herisau. Dann kam 1994/95 mit Schönengrund eine erste Gemeindegeschichte hinzu.
Zu jeder Wanderung von Robert Walser und Carl Seelig weiss Thomas Fuchs Besonderheiten zu erzählen, Februar 2026.
Welche Publikationen waren sonst noch wichtig?
Ein grosses Projekt war die Herisauer Gemeindegeschichte, an der vier Autoren beteiligt waren. Ich erarbeitete das Konzept, übernahm die Redaktion und steuerte ausserdem den grössten Teil der Texte zum 19. Jahrhundert bei. Stephan Heuscher, der für das 20. Jahrhundert zuständig war, hat als Erster systematisch die neueren Entwicklungen erfasst und beschrieben und damit auch für die Kantonsgeschichtsschreibung Pionierarbeit geleistet. Zu einer Herzensangelegenheit wurden später die Mühlen im Appenzellerland.
Warum ausgerechnet Mühlen?
Das Projekt wurde von den Appenzeller Heften an mich und ein paar andere Autoren herangetragen. Die Erstellung eines Inventars über die Wasserkraftnutzung mittels Wasserrädern in beiden Appenzell war eine extrem aufwendige Quellenarbeit. Ich konnte 252 Wasserräder eruieren und lokalisieren. Die Karte ist publiziert und hängt auch im Museum. Das war so ein Spleen von mir, ich wollte es gründlich machen. Seither sind mir erst zwei weitere Mühlen begegnet. Mit Unterstützung von

John Böhi aus Wald konnte ich die Resultate 2006 auch in meiner ersten grossen Ausstellung im Museum Herisau präsentieren.
Wie überlebt man als freischaffender Historiker?
Ich hatte das Glück, immer wieder für Projekte angefragt zu werden, die finanziert waren. Reich wurde ich damit natürlich nicht. Die Teilzeitanstellung im Museum Herisau ab 2006 war ebenfalls ein Glücksfall.
Die existenzielle Unsicherheit hat dich nie dazu bewogen, eine feste Stelle in der Lehre oder Forschung zu suchen?
Mir liegt zwar viel an der Vermittlung historischer Inhalte, und ich denke, ich rede auch eine Sprache, die alle Leute verstehen. Aber ein Lehrer bin ich nicht. In den 90er-Jahren war die Auftragslage eher besser, es herrschte ein offeneres, den allgemeinbildenden Themen verbundeneres kulturpolitisches Klima. Oder etwas böser formuliert: Die Kultur war damals noch weniger kunstorientiert. Auch die Regierung hatte nach meinem Empfinden einen offeneren Geist. Als Siebnergremium hatte sie wohl auch mehr Zeit für solche Themen, und einige Mitglieder haben sich diese auch genommen. Der Druck auf die Regierung ist inzwischen sicher höher und die juristische Komplexität der heutigen Realpolitik einem freien Geist nicht immer zuträglich.
Ist Bildungsgeschichte etwas, was dich schon immer interessiert hat? Die Bildungsgeschichte begleitet mich schon länger. Nur schon, weil es zur frühen Schulzeit viele Objekte in der Sammlung des Museums Herisau gibt. An das Thema gekoppelt ist auch der demokratische Aufbruch im frühen 19. Jahrhundert. Die 1820er- und 1830er-Jahre sind gewissermassen meine Lieblingsepoche. Und mein bevorzugter Exponent aus jener Zeit ist Gottlieb Büchler, ein Handweber und Taglöhner, der sich autodidaktisch zum führenden Historiker des Kantons hinaufarbeitete, allerdings ohne monetären Erfolg. Ihm gelang es erstmals, Menschen aus den unteren Schichten in einer Lesegesellschaft zu vereinen und mit ihnen auf die Ausarbeitung der neuen Kantonsverfassung einzuwirken. Dass sogenannt «einfache Leute» wie Büchler, den ich analog zum Toggenburger Ulrich Bräker gern als «armen Mann vom Schwänberg» bezeichne, auch von der Elite ernst genommen wurden, ist gesellschaftspolitisch doch bemerkenswert.
Dein geschichtliches Interesse steht ganz im Zeitgeist der Post-68er: Sozialgeschichte und «Geschichte von unten». Sicher zu einem schönen Teil. Es gab diese Ansätze und entsprechende Professoren. Einer der grossen Männer an der Uni Zürich war Rudolf Braun, ein Pionier in der Schweiz auf diesem Gebiet, bei dem ich abgeschlossen habe. Mich haben aber immer auch volkskundliche, geografische, literarische und andere Fragestellungen interessiert.

Thomas Fuchs erklärt die Funktionsweise der Knup’schen Rechenmaschine, Februar 2026.
Hört man bei dir da und dort auch eine gewisse Elitenkritik heraus? Ich sag’s mal so, man muss die Eliten auch an ihre Verantwortung erinnern. Oder, anknüpfend ans Thema dieses Buches: Eine gute Ausbildung macht noch keinen moralischen Menschen und ist noch keine Bildung. Wenn die Eliten nur noch Gier vorleben, färbt das ziemlich deutlich auf die Gesellschaft ab. Dieses «Einer für alle, alle für einen», das die Freisinnigen bei der Gründung des Bundesstaates im 19. Jahrhundert predigten, ist – bei allen Vorbehalten – nicht so falsch. Auch der christliche Grundgedanke «vor Gott sind alle Menschen gleich» sollte nicht vergessen gehen. Chancengleichheit für alle zu schaffen, ist entscheidend. Ab einem gewissen Punkt sind die Menschen aber selbst verantwortlich, ihre Chancen wahrzunehmen. Da bin ich dann auch gegenüber dem allzu spendablen Sozialstaat kritisch. Zu demokratischen Rechten gehören auch entsprechende Pflichten. Ich stehe in dem Sinn weder links noch rechts, sondern für den gesunden Menschenverstand. Und diesen definiere ich selbstverständlich selbst (lacht).
Geschichte ist keine exakte Wissenschaft, sondern immer auch geprägt von den Werthaltungen des Historikers. Wie ist es dir gelungen, deine wissenschaftliche Arbeit von persönlichen Vorurteilen «rein» zu halten?
Zentral ist Transparenz – die Deklaration, woher die Erkenntnisse kommen. Ich habe immer versucht, meine Theorien aus den Fakten abzuleiten. An der Uni lief es oft umgekehrt: Man nimmt eine These und sucht dann nach Quellen, die diese belegen. Das hat mich manchmal gestört. Mein Ansatz ist ein anderer – das Hören auf die Quellen. Auch das Museum funktioniert so: Im Zentrum steht ein Objekt, dann schaut man, was es von sich aus erzählt und wo man es dabei unterstützen kann.
Was hast du jetzt vor mit der neu gewonnenen Freizeit? Verreist du für längere Zeit, oder stehen schon die nächsten historischen Projekte an?
Ich hatte das grosse Glück, dass ich in meinem Berufsleben sehr viele Themen, die mich interessieren, abgrasen konnte. Aufgrund der vielen aufwändigen Recherchen macht sich mittlerweile – zumindest vorübergehend – auch eine gewisse Ermüdung breit. Auf dem Schreibtisch liegt noch ein Buchprojekt zu den Appenzeller Brücken und Strassen. Unter den Nägeln brennt mir zudem immer wieder der bereits erwähnte Gottlieb Büchler. Der hätte schon noch eine Publikation verdient. Und eine gewisse Unterstützung des Museums Herisau bei der Inventarisierung der Sammlung wäre sicher ebenfalls sinnvoll. Denkbar ist aber auch ein geografischer Schnitt. Meine Partnerin lebt im Berner Oberland. Fixe Pläne habe ich noch keine gefasst.