Oberegger Lesebuch
Ivo Bischofberger
Oberegger Lesebuch Gesammelte Texte zur Geschichte
Quellfassung 3 Schriftenreihe zur Geschichte und Kultur in Oberegg AI Herausgegeben von David Aragai und Ramona Rovati
Die Herausgabe dieses Buches wurde grosszügig unterstützt durch: Hans und Monika Sonderegger-Eugster-Stiftung, Oberegg Steinegg Stiftung, Herisau Dr. Fred Styger Stiftung für Kultur, Bildung und Wissenschaft Dr. Karl und Rosa Kellenberger-Eugster-Stiftung Stiftung Pro Innerrhoden Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft (AGG) Bezirk Oberegg
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Verlagshuus, Appenzeller Verlag AG Windegg 5, 9100 Herisau verlag@appenzellerverlag.ch Verlagsauslieferung in die EU: HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, DE-85748 Garching service@herold-fulfillment.de Gestaltung Umschlag und Inhalt: Verlagshuus Gesetzt in Source Sans und Source Serif Herstellung: Verlagshuus ISBN 978-3-85882-926-9 appenzellerverlag.ch
Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.
Inhalt 7 Vorwort 8 Kein Innerrhoder wird leicht mit sich selber fertig 12 Der Bezirk Oberegg: Ein politisches Unikum 17 Der Kindlistein in der Raspeln am Nordhang des Hirschbergs 20 Die Helvetischen Wirren in Oberegg 27 Pfarrkirche Maria Geburt: Ein Blick in die Geschichte 33 Kapelle St. Anton von Padua: Eine wechselvolle Geschichte 37 Das Oberegger Festmilitär 40 «Die ‹Linde› – Ein sehr altes Gebäude» 43 600 Jahre Kloster St. Ottilia Grimmenstein 52 100 Jahre Real- und Sekundarschule Oberegg 65 Historisches zur Schule Sulzbach 73 Seppetoni und Kathrili Bischofberger: «Zwergen»-Geschwister aus Oberegg 76 «Oberegger Anzeiger» – Herold der politischen Zusammengehörigkeit 82 Altersheim Torfnest: Eine bewegte Vergangenheit 90 150 Jahre Musikgesellschaft Oberegg 97 «Sie trotzete dem Sturm, sie trotzete dem Wetter»: Die Viehzuchtgenossenschaft Oberegg feiert ihr 100-jähriges Bestehen 101 Zwei ungleiche, getrennte Brüder – Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden 216 Anhang Glossar 216 Bibliografie 217 Öffentliche Referate und Beiträge zu historischen Themen 219 Abbildungsverzeichnis 222
Vorwort Sie halten bereits den dritten Band der Reihe «Quellfassung» in den Händen, die sich zum Ziel gesetzt hat, bisher wenig bearbeitete oder sogar unbekannte Quellen zur Geschichte und Kultur in Oberegg einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wie eine der zahlreichen Wasserquellfassungen in Oberegg möchte sie Material sammeln, kanalisieren und in konsumierbarer Form herausgeben. Nach der Schul- und Pfarreigeschichte des ehemaligen Oberegger Pfarrers Robert Oberholzer (2022) und dem Bildband «Oberegg in der Belle Époque» (2024) liegt nun ein Lesebuch mit einer Auswahl von Texten von Ivo Bischofberger vor, die sich mit der Geschichte Obereggs auseinandersetzen. Neben seiner Dissertation «Grenzstreitigkeiten zwischen Appenzell Ausserund Innerrhoden», erschienen 1990 als erster Band der «Innerrhoder Schriften», hat der Historiker Ivo Bischofberger zahlreiche Texte und Referate zu Oberegg und seiner Geschichte verfasst und gehalten. Sie lagen bisher verstreut in Zeitungen, Zeitschriften, Festschriften oder gar nur als Manuskripte vor. Der vorliegende Band vereint eine repräsentative Auswahl von Texten Bischofbergers zur Oberegger Geschichte als Lesebuch. Sie waren bisher zum Teil nur noch schwer auffindbar oder werden hier sogar erstmals abgedruckt. Damit wird auch die dritte «Quellfassung» ihrem Anspruch gerecht, Quellen zur Oberegger Geschichte und Kultur zugänglich zu machen. Im Sinne der Schriftenreihe werden die vorliegenden Texte als Quellen verstanden und wurden nicht aufdatiert oder ergänzt, sondern weitgehend unverändert abgedruckt. Die Sortierung ist nicht chronologisch, sondern lose thematisch, wobei der mit Abstand längste Beitrag, «Zwei ungleiche, getrennte Brüder», als Schlussstein am Ende des Bandes steht. Zu Beginn eines jeden Beitrags erhellt eine kurze Einführung dessen Entstehungszusammenhänge und Publikationsgeschichte. Eine Bildvignette dient jeweils als visueller Ausgangspunkt. Der Anhang enthält neben einem Glossar und dem Abbildungsverzeichnis eine Bibliografie der von Ivo Bischofberger verfassten historischen Texte sowie eine Auflistung seiner Referate und weiterer historischer Beiträge.
Quellfassungen im Riethof.
Die Herausgeberschaft im September 2026
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Kein Innerrhoder wird leicht mit sich selber fertig
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Der folgende Text entstand als Beitrag zum Sammelband «Appenzeller Lebensart: Frauen und Männer aus Innerrhoden äussern sich zu ihrer Herkunft», der 1990 im Oberegger Noah-Verlag erschien. Nach der Ablehnung des Frauenstimmund -wahlrechts an der Landsgemeinde 1990 stellte Herausgeber Bruno Dörig die kritische Frage nach dem Innerrhoder Wesen zwischen Toleranz und Offenheit auf der einen sowie Engstirnigkeit und Sturheit auf der anderen Seite.
Wettertanne beim Gäbris.
Wenn Thornton Wilder vom Leben sagt: «Man muss das Leben lieben, um es zu leben, aber man muss das Leben leben, um es zu lieben», so fühle ich wohl ähnlich bei der Beantwortung der Fragen nach Innerrhoder Gefühl und Innerrhoder Lebensphilosophie. Der Innerrhoder Schlag hat zunächst gewiss mit «Grösse» nichts zu tun, denn meist ist der Einheimische von jener eher kleinen Gestalt, wel che bei so manchen Miteidgenossen das berühmte Schmunzeln bewirkt. So scheint es, als könnten wir solch einen Innerrhoder von vornherein nicht ernst nehmen: als sei dieser nicht nur zu jeder Zeit – schon kraft seiner Her kunft – zu ulkigen Spässen und Scherzen verpflichtet, sondern zu allem Überdruss, seiner ganzen Erscheinung nach, schon vollkommener Witz bold, perfekte Humorfigur. Dieses klischeehafte Vorurteil ist wohl das grösste unter den vielen Missverständnissen, die im Zusammenhang mit Innerrhoden virulent sind. Freilich, der Innerrhoder (der Appenzeller schlechthin) ist eher klein von Statur und er ist auch witzig, lacht fürs Leben gern, aber das Wesen des Innerrhoders erschöpft sich gewiss nicht in Witzgefühl und Originalität. Der Appenzeller liebt seine Heimat. So bringt er dies auch durch Gesang, Jodel, Witz, Frohmütigkeit und Dichtung zum Ausdruck. Mir scheint, der feine Rhythmus der Landschaft findet sich in der Freude am Wälzerli, Schottisch, «Bollke» und «Masollke». Hiezu geben Geige, Hackbrett, Cello und Bassgeige die Weisen wieder, welche in den verschiedenen Jahres zeiten über Höhen und Fluren des Ländchens wehen. So stehen Gebräuche und Sitten in einem strengen und innigen Zusammenhang mit dem urei genen Grund und Boden, mit der Beschaffenheit des Landes. Verbunden damit ist auch der Zug nach Freiheit und Selbstständigkeit – «Stoss» und «Vögelinsegg» sind keine leeren Worte oder Begriffe. Das Abwehrende ge gen alles, was nicht klar seiner Natur entspricht, ist dem Appenzeller bis heute geblieben. Das wohl zu Recht als eifersüchtig titulierte Wachen über altererbte Rechte lässt sich heute noch klar an der Landsgemeinde nach zeichnen. Der Innerrhoder ist durch seine Landschaft und Geschichte das geworden, was ihn mit seinen Eigenschaften zum speziellen Schlag macht. Der sture, selbstbestimmte Zug zeigt sich im Pochen auf diese Rechte und Pflichten, auf die überlieferten Gebräuche und Sitten und nicht zuletzt in einer Art Zugeknöpftheit gegenüber dem Äusseren. «Drei Jahrhunderte», schreibt J. B. Rusch, «lebte dieses Völklein aus sich allein, Vetter und Bäsi, alles dörenand. Das hat die Originalität dieses Völkleins mächtig gehoben, hat aber auch seine Sensibilität aufs Feinste ausgeprägt und ein verhaltenes Feuer in jeder Seele entzündet. Oft aber liegt in diesen dunklen Augen das
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Matte einer tiefen Schwermut. Kein Innerrhoder wird leicht mit sich selber fertig. So oberflächlich seine Worte mit dem Witzgefühl sind, so abgrund tief ist sein Gemüt, so wühlend oft und zerrend, masslos in Liebe und Hass. Durch die vieljährige Angewiesenheit auf sich selber ist in dem sprachli chen alemannisierten Bergvolk der innern Rhoden ein ursprünglich räti scher, ein vorwiegend welscher Rest des Blutes zur massgebenden Geltung gekommen.» Darin zeigt sich wohl die Erkenntnis von F. X. Erni: «Niemand, der das Wesen echten Humors begreift, wird je daran zweifeln, dass dieser nur einem tiefen Gemüt entstammen kann: Nur ein in Freuden und Leiden erfahrener Mensch ist auch wirklich imstande, die menschlichen Schwä chen einzusehen, sie zu verstehen und zu glossieren.» Darum scheint es mir wichtig, Menschen zu Worte kommen zu lassen, die den Innerrhoder, den Appenzeller fühlten und nicht nur an sein Äusse res heransahen oder -sehen. Walter Koller oder Julius Ammann treffen in ihren Texten wohl am ehesten den Kern der Antworten auf die eingangs ge stellten Fragen. So umschreibt Koller in seinem Aufsatz «Land und Leute in Innerrhoden» die eigentliche Grösse der kleinen Person im Vorland des Alpsteins: «Eine beschauliche Zufriedenheit ist dem Urtyp eigen, die aus der absoluten Naturverbundenheit fliesst. Dies ist auch die Quelle des viel gerühmten Humors des Innerrhoders. Er versteht sich auf die richtige Hal tung dem Schicksal, dem Unabänderlichen gegenüber, ja er begegnet be stimmten Situationen mit erstaunlicher Überlegenheit. Diese Selbstsicher heit gründet auf der tiefen Gläubigkeit, auf einer Lebensschule, bei der die Hoffnung auf das Gute vorhanden ist […]. Wie den tiefverankerten Glau bensbegriffen ist der Innerrhoder im Grunde genommen auch dem Tradi tionellen stark verhaftet […]. Wenn heutzutage manches der Neuzeit zum Opfer fällt, kann man doch niemals von einem Zerfall reden.» Die drei beigelegten Gedichte von Ammann «D Kraft vom Land», «Öseri Wettertanne» und «Appezellerstolz» beinhalten das, was meinen Gefühlen zu Innerrhoden am nächsten kommt. Ob es eine kongruente Art der Inter pretation mit andern «Gewährsleuten» gibt, darf ruhig offenbleiben.
Öseri Wettertanne Es wachst bi üüs e Tanne. Scho mengs Johrhondert alt. De Tolder triibt i d Höchi all Johr met frischer Gwalt. Ond d Worzle grabt im Bode ond fendt dei Halt ond Saft. Johrring geeds än am ääne voll ooverbruuchter Chraft … Mags störme au ond schneie. Die Tanne häbed stand ond schermt met brääte n Eschte üüs d Freiheit doo im Land. Ond mengsmol ghörsch si singe; denn ruuscheds wie n e Meer. De Tolder wiist zom Himmel wie wenns en Cherchtorm wär … Drom stuunid meer die Tanne all Johr vo neuem aa. En Lebesbomm, wo jede tar sini Freud dra haa. Er prichtet üüs vo Zitte voll Not, so schwär ond grooss, ond mahnt äm a die Opfer vo Vögelisegg ond Stoss. – So lang bi üüs en Hushalt an Herrgott globe chaa. Jetweder no zom andre tar guets Vertraue haa; wenn Gottes Geischt tued walte, hed d Freiheit wohl Bestand. – Du Landsgmäänd-Wettertanne scherm wiiters Volk ond Land.
Appezellerstolz Er ischt blend, sie ghört fascht nütz, cha fascht nomme webe, ond das betzli gspäret Geld rääget kum zom Lebe. Beidi alt ond schuuli schwach. I de letschte Johre hend s met Chranket Oogfell gha, Muet ond Chraft verlore. Bible of em Sonntitisch. D Stimmli send wie Scherbe: Gell, gad nüd is Armehuus, los üüs vorher sterbe!
D Kraft vom Land Nüd die, wo i de Zitig stöhnd, bi jedem Fescht sich fiire löönd send öseri Helde. Jo bewahr! Die wachsid uuf dei os de Schar vom Webcheer ond vom Sticklokal, vom Puuregwerb ond öberal, wos müedi Rögge geed ond Chöpf, s send stilli Lüüt, au armi Tröpf. Gad essid s selb erwerchets Brod. Wer riisst der Charre os em Chood? – Die Landschraft isch, wo ohni Chlag sie wehre moss vo Tag zo Tag. (Julius Ammann: Appezeller Spröch ond Liedli, Herisau und Trogen 1976, S. 32, S. 71 und S. 233.)
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Der Bezirk Oberegg: Ein politisches Unikum
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1989 gab der Handwerker- und Gewerbeverein Oberegg eine Informationsbroschüre über den Bezirk Oberegg heraus. Es folgten zwei aktualisierte Auflagen 1993 und 2000. Den Auftakt der Broschüre bildete ein historischer Abriss, der im Folgenden in der Version der Auflage von 2000 wiedergegeben ist. Der Text steht in diesem Band stellvertretend für die weiteren Überblickstexte zum Bezirk Oberegg, die Ivo Bischofberger verfasst hat (siehe Bibliografie), so zum Beispiel den Gemeindeartikel im «Historischen Lexikon der Schweiz».
Die Dorfstrasse 1982 vom Kirchturm aus gesehen.
Der Bezirk Oberegg, auch das Äussere Land genannt, stellt formaliter die einzige politische Gemeinde Innerrhodens im Vollsinn des Wortes dar. Ob wohl ein Fund römischer Münzen beim Weiler Heilbrunnen auf eine recht frühe Begehung schliessen lässt, erfolgte die Besiedlung durch die Aleman nen laut urkundlicher Erwähnung erst im Übergang vom 12. zum 13. Jahr hundert. Einzig Büriswilen stellt einen Ortsnamentypus der Karolingerzeit dar. Die grosse Zahl von Rodungsnamen sowie die Erwähnung von Hofna men nach wilden Tieren – Bensel oder Bernsol, Bernsboden, Falchenstein, Uelenhorst und Wolftobel (bis 1870 innerrhodisch) – bedeuten eine zweite Epoche der Kolonisation. Die Siedler stammten aus dem Appenzeller Mittelland und von den da mals bedeutenden rheintalischen Höfen Bernang (Berneck), Marbach und Altstätten. Die Einwohner unserer Gegend waren von jeher Gotteshaus leute, das heisst Untertanen des Abtes von St. Gallen, wobei sie an dessen Meierhöfe Abgaben zu entrichten hatten. Daneben erschienen aber auch die Herren von Rosenberg-Berneck und die Meier von Altstätten. So bauten die Ritter von Altstätten im 12. respektive 13. Jahrhundert die Burg HochAltstätten. Den äbtischen Untertanen war es untersagt, sich ohne Einwilli gung des Abtes zu politischen Gemeinschaften zusammenzuschliessen oder sich mit solchen zu verbünden. So scheinen sich die Bauern von Oberegg und Hirschberg der appenzel lischen Freiheitsbewegung erst allmählich angeschlossen zu haben. Eine Urkunde vom 10. August 1404 beweist, dass die Appenzeller Streifzüge ins Gebiet von Oberegg unternommen hatten. Darin einigten sich die Appen zeller mit den Obereggern über die Aufnahme ins Landrecht. Letztere wur den der Rhode Trogen zugeteilt. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zum Zusammenschluss der östlichen Gebiete des Vorderlandes, der soge nannten «Nachpurschaft am Hersberg». Ein weiteres Indiz für einen An schluss der Gegend von Oberegg an die Appenzeller zeigt der Sieg der Ap penzeller an der Honegg am 4. November 1428 über eine Streifschar Fried richs VII. von Toggenburg. Der Friede vom folgenden Jahr verbot nämlich weitere Aufnahmen ins Landrecht. Wie aus den Landrechnungen von 1535 hervorgeht, war das Vorderlän der Gebiet in der Zwischenzeit in die Halbrhoden «Ober-Egg, Hirsperch und Kurzenperch» (Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg) unterteilt wor den. Die «Ober-Egg» umfasste das heutige Gemeindegebiet von Oberegg und Reute, südlich vom Rickenbach, heute Fallbach genannt. Ausserdem gehörten dazu die Höfe Schwellmühle, Oberrüti, Hof, Strick, Klee, Grund
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und Mitlehn zusammen mit dem Gebiet bis hinunter nach Büriswilen so wie Walzenhausen als Teilgebiet der Rhode Hirschberg. Die Glaubenswirren zur Zeit der Reformation waren unter anderen Gründen mitverantwortlich, dass sich das Land Appenzell schliesslich in die politischen Gebilde der Inneren und Äusseren Rhoden aufteilte. Ober egg blieb von diesen Wirren nicht verschont. Noch vor der Landteilung (1597) war die Rhode Hirschberg in Ober- und Unterhirschberg (Walzen hausen) geteilt worden. Die Gründe sind wohl darin zu suchen, dass die Un terhirschberger zum grössten Teil protestantisch, die Oberhirschberger aber mehrheitlich katholisch waren. Denn in den Vorderländer Gebieten setzte sich nicht das Kirchhöreprinzip von 1524 durch, sondern, spätestens seit dem Siege der Katholiken bei Kappel 1531, das Prinzip des paritätischen Kultus in den Kirchen mit katholischer Minderheit. Politisch wirkte sich dies dann in der Teilung des Landes Appenzell aus. Den katholischen Bewohnern des oberen Hirschbergs und Obereggs, die während der Religionsstreitigkeiten 1588 (Beitritt zum Spanischen Bünd nis) zu Innerrhoden gehalten hatten, ging es in erster Linie darum, bei ih rem Glauben bleiben zu können. Sie sonderten sich von ihren evangelischen Nachbarn durch Wahl eigener Hauptleute ab. Da aber die Konfession von Hof zu Hof wechselte, konnte die Landteilung hier nicht geografisch-territo rial vorgenommen werden. In Artikel 3 des Landteilungsbriefes vom 8. Sep tember 1597 wird Oberegg separat behandelt: «Die Katholiken in Oberegg und am oberen Hirschberg sollen zu Innerrhoden, die Reformierten zu Aus serrhoden gehören, Unterhirschberg bei Ausserrhoden verbleiben.» Dies hiess im Klartext: Jene Höfe, auf welchen Katholiken wohnten, wurden an Innerrhoden, jene, auf welchen Evangelische sassen, Ausser rhoden zugeteilt. So war ein politisch einmaliges Kuriosum entstanden. Ka tholiken und Evangelische lebten wie bisher in beiden Rhoden zusammen, unterstanden hingegen dem Recht und der Gerichtsbarkeit zweier getrenn ter Staatswesen. Der praktischen Durchführung des Prinzips erwuchsen al lerdings grosse Schwierigkeiten. Man versuchte dem 1637 dadurch abzuhel fen, dass der gegenwärtige Besitzstand an liegenden Gütern perpetuiert wurde und man gegebenenfalls an die andere Konfession eine finanzielle Auslösung vorsah. Im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert sorgte der Franzoseneinfall (Helvetik) auch in Oberegg für Unruhe. Die Halbrhoden Oberegg und Hirschberg wurden dem Distrikt Wald des Kantons Säntis zugeschlagen: die Weiler Kapf und Boden dem Distrikt Oberrheintal. Die Oberegger waren mehrheitlich gegen die Neuordnung. An der Landsgemeinde vom
3. Mai 1789 rief ein Oberegger den die neue Verfassung (Konstitution) emp fehlenden Standespfarrer Gschwend vom Stuhl herunter. Gegen die Eid leistung auf die neue Verfassung verliessen die Oberegger die Landsge meinde und fassten unter der Führung von Johann Kolb und Martin Locher eigenständig auf der «Roten Wees» bei Gais den Beschluss, zu den Waffen zu greifen. Die Aufständischen wurden aber am 4. September 1789 von hel vetischen Truppen aus dem Distrikt Herisau bei Oberholzern/St. Anton überwältigt. Während der Zeit der Mediation (von Napoleon Bonaparte gegebene, 1803 bis 1813/14 geltende Verfassung der Schweiz) lebten die Streitigkeiten um die Grenzziehung zwischen Innerrhoden und Ausserrhoden erneut auf. Das von der Tagsatzung eingesetzte Schiedsgericht fand eine Kompromiss lösung zwischen geschlossenem konfessionellem Besitzstand und Nieder lassungsfreiheit. Ausserrhoder durften im Gebiet von Oberegg Innerrhoder Heimwesen im Verhältnis 1 zu 9 erwerben. Der Versuch einer endgültigen Regelung der Grenzen scheiterte. Dies ermöglichte erst die Gründung des neuen Bundesstaates. Ein Bundesbeschluss vom 25. Juli 1870 regelte die seit der Einführung der Bundesverfassung von 1848 immer brennender gewordenen Streitig keiten. Es galt nun, die Innerrhoder Verfassung dem Bundesrecht anzupas sen. So wirkte vor allem das Postulat der Niederlassungsfreiheit aller Schweizer Bürger als Pièce de Résistance. Ein Aktionskomitee aus Oberegg und Hirschberg reichte gegen Ende des Jahres 1868 eine mit 301 Unter schriften unterzeichnete Petition an den Grossen Rat ein, in welcher die Wiederaufnahme der seit 1853 kaum mehr berücksichtigten Anpassung der innerrhodischen Verfassung an die Bestimmungen der Bundesverfassung gefordert wurde. Zudem drohten die Petitionäre mit dem Rekurs an die eid genössischen Behörden, falls die Petition abgelehnt würde. Der Grosse Rat ging jedoch nicht auf diese Demonstration eines Volksteiles ein, sondern setzte eine Spezialkommission zur Widerlegung der Petition ein. Ständerat Dr. Rusch verfasste in deren Auftrag eine Druckschrift, in welcher die Peti tionäre mit demütigender Geringschätzung überschüttet wurden. Dieses ungebührliche Vorgehen hatte zur Folge, dass das Aktionskomitee, das auch von Gonten und Haslen unterstützt wurde, sich an die eidgenössi schen Räte wandte und schliesslich erreichte, dass die Innerrhoder Regie rung durch einen Bundesbeschluss aufgefordert wurde, die Kantonsverfas sung den Bestimmungen der Bundesverfassung anzugleichen. Am 24. No vember 1872 nahm die Landsgemeinde den neuen Verfassungsentwurf mit grossem Mehr an.
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