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Verantwortung

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Verantwortung Texte der Kolumination 2023 auf dem Säntis


VERANT WORT UNG Texte der Kolumination 2023 auf dem Säntis


© 2023 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Gestaltung: Mike Müller Umschlagbild/Bilder im Inhalt: Katja Nideröst Gesetzt in Minion Pro Regular und Gotham Narrow Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-330-1 www.orteverlag.ch


INHALT 7 Hans Höhener 11 Margit Hinterholzer 15 Rainer Hank Kolumnen 33 Bettina Weiguny 43 Manfred Papst 49 Gabriele Kuhn Slam Texte 59 Annalena Schuh 69 Manuel Diener Preis der Kolumination 85 Gerhard Schwarz 89 Kurt W. Zimmermann (Laudator) Kolumnen 99 Harald Martenstein 107 Kurt W. Zimmermann 115 Elfriede Hammerl

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Hans Höhener

EIN STÜCK JOURNALISTISCHER KULTUR «Es gibt in den Alpen viele exzellente Aussichtslogen, doch manche Gipfel heben sich selbst hier noch ab. Einige Berge bieten aufgrund ihrer isolierten Lage und Höhe ein Panorama, das selbst routinierte Gipfelsammler noch überrascht. Panoramaplätze wie der Säntis im Alpstein zählen zu dieser Kategorie, und wer hier einen Traumtag mit trockener, klarer Luft erleben darf, kann sich glücklich schätzen.»

Mit diesen Worten – einem Zitat aus einem Bericht der «Süddeutschen» vom Mai 2007 über den Säntis und das Appenzellerland – heisse ich Sie herzlich willkommen zur 4. Kolumination. Ja, ein ganz besonderes Panorama. Von den französischen Vogesen über den Schwarzwald und den Bodensee bis zur Zugspitze, hinein in die österreichischen Alpen bis zu den italienischen Gipfeln, dem Ortler und dem Monte Disgrazia, über die Bünder Alpen und die Zentralschweiz bis zu

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den mächtigen Berner Gipfeln und dem Jura. Eine einmalige Rundsicht in sechs Länder. An sichtigen Tagen ein sich von der mächtigen Bergwelt bis in die feinen Details ausbreitendes Stück Land im Herzen Europas. Wie oft bin ich doch schon hier oben gestanden, unmittelbar vor mir meine Heimat, das Appenzellerland, und doch bin ich weg, sehe es aus Distanz, bin fasziniert von der Landschaft, denke an den Alltag, das Wirtschaften und Leben der Menschen, nicht unmittelbar sichtbar, aber erahnend, wahrnehmbar über Strassen, Siedlungen, Dörfer und Städte weit über den Bodensee hinaus. Und irgendwie spürt man so etwas wie Verantwortung – Verantwortung für dieses kleine Stück Erde, sichtbar da unten, rund um den Säntis. Hier oben haben wir vor über 30 Jahren den Prozess zur Totalrevision der Kantonsverfassung von Appenzell Ausserrhoden gestartet. Ein überaus spannender und interessanter Diskussions- und Mei­nungs­bil­ dungsprozess über Interessen- und Parteigrenzen hi­ naus. Entstanden ist daraus unter anderem ein Art. 26, in dem es heisst: «Jede Person trägt Verantwortung für sich selbst sowie Mitverantwortung für die Gemeinschaft und die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen für künf­ tige Generationen.» Ein Auftrag in der Verfassung eines kleinen Schweizer Gliedstaates an die hier lebenden Menschen! Hier Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, für die Mitmenschen und unsere Lebensgrundlagen. In einer Demokratie heisst Verantwortung mitdenken, mitgestalten, sich äussern, sich äussern können und dürfen, auch wenn die eigene Meinung nicht dem Mainstream entspricht. Eine Meinung zu bilden

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und zu entwickeln, bedingt die offene Auseinandersetzung, das Zuhören, das Verstehen-Wollen der anderen Haltung, ohne sie zwangsläufig zu übernehmen, vielleicht einfach als Anlass, sich auch mal zu hinterfragen, neue Wege zu neuen Lösungen zu finden, gar auch – oft mutiger als alles Beharren und wortkräftige Insistieren – Meinungen ändern zu können. Gerade deshalb braucht es Kolumnisten – Kolumnen, die aufzeigen, Impulse geben, sachlich-ernst, mal witzig, mal ironisch oder gar sarkastisch böse, jedenfalls zum Nachdenken anregen und immer auch wieder zur kritisch-konstruktiven demokratischen Auseinandersetzung provozieren, hin zu einer lustvollen Streitkultur, einem Disput der festgefahrene Grenzen zu überwinden versucht und Lösungen ermöglicht. Ihnen wollen wir hier auf dem Säntis mit der 4. Kolumination erneut eine Plattform geben, interessante Begegnungen und Diskussionen ermöglichen, miteinander wiederum ein Stück journalistischer und publizistischer Kultur gestalten und erleben. Ich wünsche Ihnen zwei spannende und bereichernde Tage. Geniessen Sie das Zuhören genauso wie den belebenden Disput! Seien Sie herzlich willkommen auf dem Säntis!

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Wolfgang Heyer führte als Moderator durch das Programm der vierten Kolumination.

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Margit Hinterholzer

DAS JAHRESTREFFEN DER BESTEN WORT­ AKROBATEN Wenn seit 2019 jeweils im Oktober die beliebtesten deutschsprachigen Kolumnistinnen und Kolumnisten sowie Slam-Kunstschaffende auf 2502 Metern zusammenkommen, hat der Säntis eindeutig etwas Magisches. Denn so nah, so geballt und so leger gibt es sonst während des Jahres keine Möglichkeit des Austausches der Wortakrobaten untereinander und natürlich mit ihrem internationalen, treuen und neuen Publikum. Auch bei der vierten Auflage der Kolumination waren nach wortgewaltigen zwei Tagen wiederum alle Erwartungen an die Vortragenden erfüllt und auch dank des unvergleichlichen Ausblicks auf sechs Länder der Blick aller Teilnehmenden geweitet. Im Mittelpunkt standen gleich am ersten Tag die Beiträge von Harald Martenstein sowie von Rainer Hank: Letzterer bot eine fantastische Hommage an den berühmten Wiener Kolumnisten Alfred Polgar (1873 bis 1955), der als «Meister der kurzen Form» so-

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wie als «Letzter Marschall des deutschen Sprachordens» in die Welt der Wortkunst eingegangen ist. Die mit Spannung erwartete Auszeichnung des deutschen Multi-Kolumnisten Martenstein wurde beim feinen Appenzeller Abendessen durch den Jury-Vorsitzenden Gerhard Schwarz sowie seinen Schweizer Kolumnisten-Kollegen Kurt W. Zimmermann vollzogen. Bei seinen bewusstseinserweiternden Ausführungen zur Abschaffung der Silbe «ling» (aus Anlass des «Worts des Jahres» Flüchtling) oder zum «Social Freezing» (der Kinder, nicht nur der zu befruchtenden Eier) hingen alle Gäste beinahe an seinen Lippen. Auch wenn das diesjährige Motto «Verantwortung» als Vorgabe für jeweils eine von zwei Kolumnen pro Person dient, ist die Vielfalt an vorgetragenen Themen enorm: So widmete sich beispielsweise Bettina Weiguny dem Kosmos der verschwundenen Dinge, der wohl zwischen Atlantis, Winkelgasse und Mittelerde liege. Manfred Papst hingegen sinnierte zuerst trefflich über das eigentlich unmöglich zu kolumnierende Wort «Verantwortung», um dann doch zwischen «immer weisserem Brot und immer blutigeren Spielen» und aufgrund seiner Literaturrezensionen ausgelösten möglichen Morden und Selbstmorden zu referieren. Mit ihrer Auslegung von Verantwortung als Antwort für sich selbst zeigte Gabriele Kuhn auf, was Worte wirklich vermögen. Der zweite Tag war neben den Kolumnen von Elfriede Hammerl (Schuld und die vermeintliche kollektive Weltzerstörungs-Verantwortung) sowie weiteren Wort-Ergüssen von Zimmermann und Martenstein geprägt von den über Nacht geschriebenen Poetry-

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Slams der jungen Generation: Diese zeigten und geigten nicht nur einzeln, sondern auch im Kollektiv und mit musikalischen Inputs auf. Dafür gab es zu Recht 11 von 10 Applauspunkte des jubelnden Publikums. Von Annalena Schuh, Manuel Diener und Wolfgang Heyer – letzterer überzeugte auch einmal mehr als Tagungsmoderator – wird man sicherlich noch viel hören, lesen und lernen. Zu guter Letzt sei an dieser Stelle den Initiatoren der Kolumination herzlich gedankt: Mit Reinhard Frei – dem Tausendsassa der Schweizer Eventbranche – sowie Gerhard Schwarz und Hans Höhener haben sich damals zur Inauguration dieses einzigartigen Festivals der Worte auch Harald Martenstein und Rainer Hank gesellt. Die Zukunft ist derzeit auf Grund von auslaufenden Stiftungsgelder nicht gesichert. Ob und wie auch immer die Veranstaltung fortgesetzt werden kann, die bisherigen vier Durchführungen werden allen Vortragenden und den begeisterten Gästen sicher in bester Erinnerung bleiben. Dazu trägt auch Marcel Steiner bei, der die Texte jeweils in den wunderbaren Büchlein zusammengetragen hat. Die Kolumnen und die Slamtexte mit ihren Verfasserinnen und Verfasser leben damit ewig!

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Rainer Hank

HOMMAGE AUF ALFRED POLGAR I. «Soziale Unordnung» «Was wünschen Sie zum ‹Abendbrot› fragte der Gefängnisdirektor den armen Sünder, der morgen früh am Galgen sterben sollte. ‹Sie dürfen essen und trinken, was und wie viel Sie wollen.› ‹Schade!› sagte der Delin­ quent – ‹Schade!! Wenn Sie mich das drei Monate früher gefragt hätten, wär der ganze Raubmord nicht pas­ siert.›» (Alfred Polgar 1919, gelesen von Fritz Muliar). Ist mehr Verknappung denkbar? Was wir gehört haben, ist Pointe pur. Eine Pointe, die den Hörer oder Leser in eine Schleife des Konjunktiv Irrealis schickt. Hätte der Delinquent vor drei Monaten, als er noch kein Delinquent war, die Möglichkeit gehabt, sich ein üppiges Mahl wählen zu dürfen, hätte er nicht zum Raubmörder werden müssen und wäre bis heute ein

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freier Mann. Aber nur als zum Tode verurteilter Raubmörder hat er diese Wahl, die ihm somit lediglich als Henkersmalzeit offeriert wird – was wiederum die Phan­tasie beflügelt, wie glücklich sein Leben verlaufen wäre, hätte er vor drei Monaten, als er noch kein Delinquent war … Und so weiter. Aber wie viele Worte braucht man, um die kreisförmige Struktur des Textes zu beschreiben, die sich einem doch intuitiv beim Hören zeigt. Wobei sich Verstehen nach einer kurzen Irritation durch spontanes Lachen zu erkennen gibt. Alfred Polgars Text aus dem Jahr 1919 ist gewiss keine Kolumne. Dafür ist der Text zu kurz. Man würde ihn wahrscheinlich einen Aphorismus nennen. Der Aphorismus ist sozusagen der Extrakt einer Kolumne. Oder aber ihre Urzelle, aus der später eine Kolumne werden könnte. Schon die Zeitgenossen verpassten Alfred Polgar den Titel «Meister der kurzen Form». Seither ist dieser so häufig wiederholt und abgedroschen worden, dass man ihn schon wieder nehmen kann, um dann zu fragen: Und, was heisst des jetzt? Doch warten Sie einen Moment: Wieso nur heisst der Text «Soziale Unordnung»? Unter so einer Überschrift würden wir eher einen sozialkritischen Essay erwarten, der sich darüber Gedanken macht, warum es Menschen in Armut gibt, die so verzweifelt sind, dass sie einen Raubmord begehen, um etwas zu essen zu haben. Kein besonders guter Essay wäre das, ich weiss. Weshalb Alfred Polgar auch niemals so einen Essay schriebe. Er ist weder ein Sozialkritiker noch ein Thesen-Schreiber. Aber gleichwohl ein Moralist. Was

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hier sozial in Unordnung ist, darüber nachzudenken überlässt er dem Leser. Vielleich die gute und humane Ordnung, dass man nach einem üppigen Mahl unter normalen Umständen nicht an den Galgen kommt? II. Alfred Polgar kommt am 17. Oktober 1873 in WienLeopoldstadt als Alfred Polak zur Welt, – «unter wienerischem Breitengrad am Meridian der Einsamkeit», wie er schreibt. Er war das dritte und jüngste Kind des Klavierschulinhabers Josef Polak und seiner Frau Hen­ riette. Die Eltern sind ungarisch-slowakische Juden. Lange verlegte er seinen Geburtstag um zwei Jahre nach vorne. Noch an seinem 50. Geburtstag, der in Wahrheit sein 48. war, wird er sich über diese kleine Nasführerei freuen. Den Besuch des Gymnasiums muss er wegen mangelnder Leistungen abbrechen. Er wechselt auf die Handelsschule, wo er sich nicht die Bohne für Handel und Ökonomie interessiert. Ob er je einen Schulabschluss hatte, ist zweifelhaft. Studiert hat er nicht. Anders als der gleichaltrige Hugo von Hofmannsthal ist er kein Wunderkind. Gleichwohl zieht es auch Polgar an den Ort so­ zialer Ordnung, an dem die Welt des 20. Jahrhunderts in Wien sich bildet: in das Kaffeehaus. Dort versammelt sich toute Wien, jedenfalls das «junge Wien», wie man die Gruppe um Hofmannsthal, Schnitzler, BeerHofmann, Peter Altenberg und wie sie alle heissen nennt. Nimmt man noch Adolf Loos, Karl Kraus, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Karl Popper, Fried­ rich A. von Hayek, Ludwig Mises oder Arnold Schön-

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berg hinzu – und das sind längst nicht alle – so wird klar, dass die Formel von der «Geburt der Moderne» im Wien der Jahrhundertwende keine Übertreibung ist. Der britische Historiker Richard Cockett schreibt in dem gerade bei Yale University Press erschienenen Buch «Vienna. How the city of Ideas Created the Modern World»: «Wo immer man hinkommt, von der Businesswelt über die Werbung, von der Philosophie bis zur Einkaufsmeile, von der Spionage bis zur Keramik – alles hat seine Wurzeln im Wien der Jahrhundertwende.» Da gärte es. Da brodelte es. Und Polgar war mittendrin. Oder sagen wir präziser: Am Nebentisch, was für einen Beobachter allemal der bessere Platz ist, weil man dort die Perspektive der Distanz einnehmen kann. Wie alle andern auch, begnügt Polgar sich nicht damit, nur zu plaudern, Zeitung zu lesen und seinen kleinen Braunen zu trinken: Zur Existenz im Kaffeehaus gehört es zu schreiben – in Zeitungen, von denen es damals sehr viele gab. Siebzehn Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 100 000 gab es im Jahr 1910 allein in Wien. Polgar schrieb meistens in der «Wiener Allgemei­ nen Zeitung» oder der «Wiener Sonn- und Montagszeitung», wo er bald Burgtheaterreferent war. Und von Polgar stammt auch eine Theorie des Kaffeehauses, die «Theorie des Café Central», wobei der Begriff der «Theorie» bei einem Aphoristiker wie Polgar selbstverständlich pure Ironie ist. «Das Kaffeehaus ist der einzige Ort, wo ‹Menschen ohne Schwerpunkt› leben können. Dort ist eine so wun­ derbare Egalität hergestellt, wie unter den verschiedens­ ten Materien im luftleeren Raum, wo alle mit gleicher

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Raschheit zu Boden fallen und keines sich vom Gewicht eines anderen übertrumpft fühlt.» Das ist zwar keine Ironie, aber natürlich Utopie: Denn auch zwischen wie auch innerhalb der Gäste eines Kaffeehauses gab es natürlich eine Hierarchie. «Das Central ist nämlich kein Café», schreibt er, «sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. (…) Seine Bewohner sind grösstenteils Leute, deren Men­ schenfeindschaft so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die alleine sein wollen, aber dazu Gesell­ schaft brauchen. Ihre Innenwelt braucht eine Schicht Aussenwelt als abgrenzenden Materials, ihre schwan­ kenden Einzelstimmen können der Stütze des Chors nicht entbehren.» Und weiter: «Der Centralist lebt para­ sitär auf einer Anekdote, die von ihm umläuft. Die Gäs­ te des Café Centrals kennen, lieben und geringschätzen einander.» Wir sehen: Polgar, der Meister der kleinen Form, ist auch hier wieder der Meister der Paradoxie. Der Effekt seiner Kolumnen rührt von der souveränen Beherrschung der Gegensätze und deren Zusammenspiel, der coincidentia oppositorum. Bloss «Wir ken­nen und lieben einander» zu sagen, wäre verlogen, erst mit der Ergänzung «und geringschätzen» wird es wahr. In diesen Jahren um 1900 entwickelt Polgar seine Form. Eben die der Kolumne. Die Texte passen in der Regel auf drei Druckseiten. Maximal sind es sechs. Gelesen von Fritz Muliar dauern die längsten von ihnen sechs bis sieben Minuten. Die kurzen sind in 35 Sekunden durch. Im Lauf von Polgars Leben entstehen auf diese Weise, man muss es sagen, massenweise Ko-

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lumnen. Polgar ist stets ein freier Autor, nie bei einer Zeitung festangestellt und, wenn man so will, haupt­ amtlich Kolumnist. Darin ist er ziemlich unique. Versuche zu einer grösseren Form – ein Homer-Roman, Theaterstücke – bleiben auf halbem Weg stecken, bringt er sie zu Ende, sind sie trotzdem nicht gut. Ein sehr schöner längerer Text über Marlene Dietrich, der er, wie viele Männer, verfallen war, erschien zu Lebezeiten nicht, wurde erst 75 Jahre nach seinem Tod im Jahr 2015 von seinem Biografen Ulrich Weinzierl als schma­ les Buch veröffentlicht. III. Der Krieg ändert alles. Auch für Polgar. Auch seine Texte. Bei Kriegsausbruch landet er, 1896 als «mindertauglich» befunden und zum Sanitäter ausgebildet, in der «Literarischen Gruppe» des Kriegsarchivs. Das war eine Art prominent besetzte Propaganda-Abteilung, zu der auch Autoren wie Stefan Zweig oder Rainer Maria Rilke zählten. Polgars Biografen bescheinigen ihm, «an diesem kompromittierenden Ort nur wenig Kompromittierendes geschrieben zu haben». Und das ist ziemlich viel. Die Kolumnen bekommen einen neuen Ernst. Wien präsentiert sich ihm als «versunkene Stadt», gerade auch an ihren traditionellen Vergnügungsstätten wie dem Prater. «Die Schiessbuden sind ganz leer. Kein Mensch hat mehr das geringste Interesse am Schiessen. Nicht mit dem Kapsel-, nicht mit dem Feuergewehr, nicht auf tote Figuren, nicht auf lebende Menschen. Hin­ gegen findet der Watschenmann Zuspruch. Die in der Volksseele aufgepeitschten Proteste entladen sich an sei­

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