N° 224 | SCHWEIZER LITERATURZEITSCHRIFT
Augen für die Dauer der Dinge Die Schriftstellerin Regina Ullmann (1884-1961)
Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 224, November 2023, ISBN 978-3-85830-314-1; ISSN 1016-7803 Erscheint fünf Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 225 Nichts und Nirgends 226 Appenzeller Beizen 227 Joachim Schmidt & isländische Literatur 228 Buchhandlungen 229 Von Ort zu Ort – unterwegs im Zug Leitung Redaktion: Annekatrin Ranft-Rehfeldt Redaktion orte Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Leitung) Gabriel Anwander, Viviane Egli, Regina Füchslin, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 88.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise:
Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Annina Dörig, inserate@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 40
Umschlag: Gestaltung: Daniela Saravo, Verlagshaus Schwellbrunn, unter Verwendung eines Porträts aus dem Regina Ullmann-Archiv der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen (Maler/Malerin unbekannt). Das Copyright der Texte liegt bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial
orte inhaltsverzeichnis «Augen für die Dauer der Dinge» –
Annekatrin Ranft-Rehfeldt
Regina Ullmann (1884–1961)
5 Einleitung: Die mit Worten malte 7 Lebensbeschreibung in Form eines Aufsatzes 10 Regina Ullmann: Eine Geschichte in Bildern 17 Ausschnitte aus: Goldener Griffel 21 Regina Ullmann und St. Gallen 25 Die Maus 29 Erwachen 30 Gedanken zu Regina Ullmanns Gedicht Erwachen 32 «Sie dürfen kein Gedicht mehr zerreißen, Regina»: Regina Ullmann und Rainer Maria Rilke 37 Gedanken über Kunst und Leben 40 Notizen zur Erzählung Von einem alten Wirtshausschild 44 Ein Brief 45 Biografien der Autorinnen und Autoren 45 Bibliografische Angaben zu Regina Ullmann
Gabriel Anwander Regina Ullmann Charles Linsmayer Regina Ullmann Richard Butz Regina Ullmann Regina Ullmann Adelheid Blättler-Schmid Tina Simon
47 orte-festival: Internationales Lyrikfestival Basel 59 orte-bestenliste: Michael Zwicker 62 orte-werkstattgespräch: Esther Schneider 65 orte-bücherregal: Francesco Micieli Phillis Wheatley 68 hör-orte: «Metakwetsch» 70 fund-orte: Friedrich Glauser 72 orte-agenda 74 orte-longseller 77 orte-marktplatz
Annekatrin Ranft-Rehfeldt Monique Obertin Gabriel Anwander
Regina Ullmann Erwin Messmer Regina Ullmann
Susanne Mathies Eveline Ratering, Maya Rüegg Peter Eggenberger Annekatrin Ranft-Rehfeldt
1
DIE BIBLIOTHEK HAUPTPOST KENNENLERNEN 550 Regale mit 100’000 Medien zur Selbstausleihe. Rund um die Uhr Zugang zu E-Books, Hörbüchern, Filmen, Zeitungen und Zeitschriften. Unterstützung und Beratung bei der Recherche und Nutzung. Spannende historische Bestände und Sondersammlungen am Standort Vadiana. Wir bieten Einführungen zu unseren vielfältigen Angeboten: – –
Wie suche ich in der Bibliothek Hauptpost? Was gibt es für Digitale Angebote und wie kann ich sie nutzen? – Wie recherchiere und nutze ich die Spezialbestände der Kantonsbibliothek Vadiana? – Magazinführung durch die Historischen Bestände und Sondersammlungen – Individuelle Beratung … und vieles mehr. Neue Daten ab Januar 2024 unter: www.bibliosg.ch > Veranstaltungen > Agenda
orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Die Schweizerin Regina Ullmann, 1884 in St. Gallen geboren, zählt zu den weniger bekannten Dichterinnen des Landes. Ihr Leben und literarisches Schaffen sollen in dieser orte-Ausgabe vorgestellt werden. Zeitgenossen wie Rainer Maria Rilke oder Carl J. Burckhardt förderten die Autorin Zeit Ihres Lebens. Aus rund siebzig Erzählungen und zwei Gedichtbänden – geschrieben in teils eigenwilliger, fast somnambuler Sprache – wurden durch die orte-Redaktion zusammen mit namhaften Kennerinnen und Kennern des Gesamtwerkes die hier vorliegenden Texte ausgewählt. Die Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen gewährte einen umfassenden Einblick in das historische Archiv des Ullmanschen Werks. Besonderer Dank gilt den Autoren Charles Linsmayer für Ullmanns bewegende Lebensgeschichte in Bildern, und an Richard Butz, welcher der Autorin in seinen Jugendjahren als Buchhändler mehrmals persönlich begegnete. Butz schrieb den Beitrag Regina Ullmann und St. Gallen eigens für diese orte-Nummer. Begegnen Sie gemeinsam mit Adelheid Blättler-Schmid dem lyrischen Ich der Autorin, und erfahren Sie mit Tina Simon, die Ullmann als Geschenk ihres Lebens bezeichnet hatte, mehr über die lebenslange Freundschaft der Autorin zu Rainer Maria Rilke.
2024 startet mit dem 20. Jubiläum des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Wir gratulieren an dieser Stelle unserem langjährigen Partner herzlich und freuen uns, Ihnen die junge Lyrik-Preisträgerin Carla Cerda aus Berlin vorstellen zu dürfen, die – so die Laudatio – mit Ihrem Schreiben in Bereiche vordringt, die für Lyrik weitestgehend noch unentdeckt sind. Die ortebestenliste von Michael Zwicker und das orte-werkstattgespräch mit Esther Schneider runden das Heft ab. Zwicker empfiehlt u.a. Die Lust am Text von Traugott König und Esther Schneider gibt Auskunft über Ihren Podcast LiteraturPur. Im orte-bücherregal werden ein Liebesbrief für unsere Welt und der Kampf einer Sklavin mit Lyrik für Gleichberechtigung und Freiheit vorgestellt. Entdecken Sie mit orte all das und vor allem die unvergessene Schweizer Schriftstellerin Regina Ullmann. Alles Gute im Namen der gesamten orte Redaktion für das neue Jahr 2024. Beste Grüsse Annekatrin Ranft-Rehfeldt
3
Augen für die Dauer der Dinge Die Schriftstellerin Regina Ullmann (1884-1961)
Einleitung: Die mit Worten malte Vor etlichen Jahren kaufte ich das Buch Die schönsten Gedichte der Schweiz. In einer ruhigen Stunde begann ich, darin zu lesen, und blieb auf Seite sechzig an dem Gedicht Im Mohnfeld zur Gewitterszeit hängen. Ich musste die Zeilen ein zweites und gleich ein drittes Mal lesen. Regina Ullmann? Der Name der Autorin sagte mir nichts. Alle Freunde und Bekannten reagierten auf die Frage, ob sie je etwas von dieser Autorin gelesen hätten, mit Kopfschütteln: Regina wie? Nein. Die Regionalbibliothek führte kein Buch unter dem Stichwort Ullmann, weder von noch über die Autorin. Nichts. In der nächstgrösseren Buchhandlung wurde ich endlich fündig, im Regal der Schweizer Autoren standen zwei Bücher von Regina Ullmann: «Ich bin den Umweg statt den Weg gegangen» – Ein Lesebuch und «Die Landstrasse» – Erzählungen. Der Eigentümer des Mundartarchivs, in Langnau im Emmental beheimatet, hütet gleichzeitig einen umfangreichen Schatz an vergriffenen Büchern in den Bereichen Kunst und Literatur. Er besass, wohl kein Zufall, eine Ausgabe Gesammelte Werke von Regina Ullmann. Zwei Bände aus dem Benziger Verlag, Einsiedeln, herausgekommen – noch zu Regina Ullmanns Lebenszeiten – im Jahre 1960. Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte die Autorin ihren ersten Band mit Gedichten. Sie schrieb bis kurz vor ihrem Tod und hinterliess gleichwohl ein bescheidenes Werk. Es beinhaltet rund
siebzig Erzählungen und zwei schmale Gedichtbände. Daneben liegt eine schöne Zahl von sorgfältig verfassten Briefen vor. Gemäss ihren eigenen Angaben arbeitete sie wiederholt und lange an einem Roman, vermochte ihn jedoch nicht zu vollenden. Alle ihre Bücher wurden, kaum waren sie veröffentlicht, von namhaften Autoren gelesen und hochgelobt. Der grosse Erfolg blieb ihr indes versagt, und heute ist ihr Werk weitgehend vergessen. Weshalb? Ihr Stil ist anspruchsvoll, fern jeder modernen Leichtigkeit, aber auch nicht verstaubt. Ihre Gedichte sind oft rätselhaft, jedoch immer elementar, und die Geschichten stehen für sich und enthalten nur vereinzelt eine Botschaft. Ihre Texte sind, um sie mit einem Wort zu kennzeichnen, knorrig. Knorrig wie geschnitzte und polierte Wanderstöcke aus dem Holz alter, verwachsener Kirschbäume. In ihren Geschichten wie auch in ihren Gedichten steckt eine Kraft, wie sie in der Literatur selten anzutreffen ist. Sie verstand es nicht nur, mit wenigen Sätzen eine Welt zu skizzieren, sie malte mit Worten und schuf ungewohnte, plastische Bilder, die nie schief wirken. Ein Beispiel? Zitat aus der Erzählung Die Landstrasse: «Er hatte Augen. Augen, nicht für heute und morgen, die hatten ja viele. Er hatte Augen für die Dauer der Dinge.» (Seite 36) Autorinnen und Autoren haben wieder extra Beitrage für diese Ausgabe geschrieben. Wolfgang Göldi, Philipp Wiemann und Giuanna Beeli von der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen haben uns den Zugang zum Archiv ermöglicht, Fotos und Bilder gezeigt, unsere brennenden Fragen beantwortet und uns bei der Transkription der handschriftlichen Aufzeichnungen geholfen. Sie alle haben diese orte-Ausgabe möglich gemacht, dafür danken wir ihnen herzlich.
Gabriel Anwander
Am Donnerstag, 18. Januar 2024, 19 Uhr, findet in Kooperation mit der Kantonsbibliothek Vadiana im Raum für Literatur in St. Gallen die Heftvernissage statt. Siehe Veranstaltungshinweis S. 72 in der orte-agenda dieser Ausgabe.
6
Lebensbeschreibung in Form eines Aufsatzes Regina Ullmann
Mein Leben, insoweit es die Kindheit betrifft, besteht aus lauter Zuschauen. Ja heute noch erlebe ich mehr mit den Augen als mit den Ohren. Die Zunge aber mußte tausend Nöte erleben, ehe es soweit war, daß ich von ihr den üblichen Gebrauch machen konnte: ich stotterte. Ich wurde rotblau, bis ich ein Wort herausbrachte. Und wenn es auch kein organisches Leiden war, die Nöte, die es mit sich brachte, waren die gleichen und blieben es, bis eine Lehrerin, die Ähnliches durchgemacht, mir riet, nicht schneller sein zu wollen, als ich in Wirklichkeit sei. Diese Lebensregel, die sich als hilfreich erwies, machte mir tiefen Eindruck und bestimmte später manches in meinen dichterischen Anlagen. So lernte ich mich bescheiden und das, was die Menschen als behindernd und erschwerend bezeichnen, als das Hilfreiche und Wesentliche zu erkennen. Freilich trat, besonders in späteren Jahren, immer wieder die Versuchung an mich heran, «wie die Andern sein zu wollen». Ich bewunderte sie in solchen Stunden tief. Aber diese Einschätzung schadete nicht, solange ich nicht um Eigenschaften warb, die ich nicht hatte. Rilke fand, daß man auch diesen Wunsch nicht haben sollte. Und ich fühlte: er hatte recht, und ich fand dieses in meine eigentlichen Grenzen Zurück-
weisen als wohltuende Bestätigung. Einem Dichter von seinem Range begegnen zu dürfen, wog alles auf und das für ein langes Leben. Überhaupt – wenn man es schon wagt, sich für so wichtig zu nehmen – möchte ich sagen, daß die Menschen meine Schule waren. Vielleicht hätte Momme Nissen – ehedem Maler, später Mönch – alles überholt, denn sein Kunstideal entsprach ganz dem meinigen. Diese Bestätigung erfuhr ich erst sehr spät, als er sich bereits anschickte, von dieser Welt zu gehen. Wollte ich aber noch andere Menschen, deren Begegnung mir ein reiches Geschenk war, nennen, so wäre das wieder jenen gegenüber, die niemand kennt, eine arge Zurücksetzung. Ihre Seelengröße vermöchte auch den hervorragendsten Künstler zu inspirieren. Sie stellt sozusagen eine Miniaturarbeit dar: Gott in der Welt des Unscheinbaren und Kleinen. Ich bin den Umweg statt den Weg gegangen, obwohl ich heute glaube, daß ein schöpferischer Mensch der Welt, in der er wirkt, keinen wichtigeren Dienst erweisen kann, als eben den, den Weg und nicht den Umweg zu gehen. Aber ich war bemüht, nichts zu überspringen, mir nichts zu ersparen, und wenn ich nicht eines Tages unachtsam werde und glaube, meine Hände in den Schoß legen zu dür-
7
fen, werde ich an ein Ziel gelangen, zu einem zwar höchst bescheidenen aber keineswegs unrühmlichen Abschluß. Meine beiden, nun längst erwachsenen, Töchter sind ideal gesinnte, lebenstüchtige Menschen geworden, sie sind frommgläubig und kirchentreu, denn diese Wesenszüge lassen sich sehr wohl miteinander verbinden. Die Art und Weise, wie ich arbeite, ist grundverschieden, doch glaube ich, daß kein Tag vergeht, an dem man nicht Einiges den Lesern zu geben vermöchte. Leider habe ich die Neigung, Erzählungen mehrmals zu schreiben, und von diesen kann ich mich dann jahrelang nicht trennen, und manche von ihnen geraten in den Papierkorb, andere aber schreibe ich in einem Zuge, ohne daß ich an ihnen auch nur eine Zeile zu ändern vermöchte. Vieles habe ich auch nur mündlich erzählt, und Freunde fühlen sich bewogen, die Begebenheiten mit eigenen Ergänzungen niederzuschreiben. Mögen sie nur: das Leben schenkt immer Neues. Habe ich doch manchmal schon gewünscht und werde es auch künftighin wünschen, sie zu Ähnlichem anzuregen, um den Lesern zeigen zu können, wie verschieden das Gleiche gerät. Die Schweiz ist meine wirkliche Heimat, doch habe ich Bayern, wo ich die weiteren Jahre verlebte, Vieles zu verdanken. Besonders wurde da-
8
selbst meine Neigung zu erzählen aufs Natürlichste gefördert. Denn nahezu alle meine Freunde entfalteten ihre Talente auf diese Weise: sie wuchsen wie Früchte an einem Baum: ihre Geschichten und vielfachen Erfahrungen. Ich lernte ein Jahr in einer Gärtnerei und eignete mir einige Fertigkeit in einer handwerklichen Tätigkeit an. Aber es war mir nicht gegeben, zwei Dinge nebeneinander zu bewältigen. Schade, sehr schade, denn es wäre der Dichtung höchst dienlich gewesen. Mein Leben in all seinen Zusammenhängen und Verknüpfungen mir selber darzutun, wäre wohl lehrreich und wird vielleicht die Aufgabe der nächsten Zeit werden. Ob es aber ein Buch wird, kann ich nicht voraus bestimmen. Die Freuden, die unerschöpflichen Freuden meines Berufes wollen teuer bezahlt werden, denn nie ist es mir in all den Jahren vergönnt gewesen, für längere Zeit eine meiner Geschichten als eine bleibende Leistung vor meinem Gewissen anerkennen zu dürfen. Oft befielen mich die Zweifel während einer Vorlesung, am Vortragspult, so, daß ich vor Enttäuschung und Kummer kaum zu Ende sprechen konnte, andere Male habe ich vor Rührung über die dichterische Gabe nahezu geweint. Würde ich einem jungen Menschen von ähnlichen Anlagen, wie die meinen es
sind, raten dürfen, so wäre es ein höchst einfacher, einheitlicher Rat, den ich ihm erteilen müßte. Nämlich der, zunächst seine Bildung soweit zu vervollständigen, daß er sich in der Lage fände, die Studien je nach Bedürfnis und Notwendigkeit weiter zu entfalten und – wenn er (oder sie) pädagogische Neigungen besäße – Dorfschullehrer oder Lehrerin zu werden. Dieser Beruf würde ihn weit im Lande herum führen und ihn seine Heimat kennenlernen lassen, ferner fände er in diesem Berufe Gelegenheit, menschliches Wissen sich anzueignen und mit ihm sei-
ner Mitwelt zu nützen und solcherweise das Lehrgeld zurückzuzahlen. Der natürliche Ehrgeiz dürfte ihm, wenn er unverfälscht wäre, wohl genügen und das Seinige beitragen, die dichterischen Anlagen zu entfalten und wenn immer möglich zu vervollkommnen.
Aus: Charles Linsmayer: Regina Ullmann. «Ich bin den Umweg statt den Weg gegangen». Ein Lesebuch. Frauenfeld, Huber & Co. AG 2000, S. 278–280. Ursprünglich erschienen in: BenzigerKorrespondenz, Einsiedeln 1950, Nr. 1.
9
Regina Ullmann: Eine Geschichte in Bildern Charles Linsmayer
Das ist das früheste Bild von Regina Ullmann. Es entstand 1887. Ein typisches fotografisches Porträt im damaligen Stil, das sie in einer Tracht mit einem Körbchen und einem viel zu grossen Regenschirm zeigt. Geboren ist sie am 14. Dezember 1884 in St. Gallen, laut Geburtsregister als Bürgerin von Hohenems, Vorarlberg, Österreich. Dass sie nicht St. Gallerin war, sollte ihr lebenslang zu schaffen machen. Offenbar ist auf dem Bild auch die Behinderung wegretuschiert, die nicht nur für ihr Leben, sondern auch für ihr Schreiben folgenschwer sein sollte: «eine Art ungewöhnliches Schielen», wie ihre Biografin Ellen Delp es formuliert, das auf eine unterschiedliche Blickrichtung ihrer Augen zurückzuführen war.
10
Das sind Regina Ullmanns Eltern: der 1842 geborene, aus Hohenems stammende jüdische Arztsohn Richard Ullmann, der nach einem Amerika-Aufenthalt ab 1870 an der Vadianstrasse 13 einen Betrieb für die Endfertigung von Stickereistoffen betrieb, und die 1859 geborene Ulmer Fabrikantentochter Hedwig Ullmann-Neuburger. Der Vater starb am 20. Mai 1889 an einer Lungenentzündung, mit der Mutter verband Regina Ullmann eine zwischen Fürsorglichkeit und Abhängigkeit schwankende Beziehung, die bis zu deren Tod 1938 54 Jahre ununterbrochen andauern sollte.
Das sind die Schwestern Helene (links) und Regina Ullmann um 1900 in St. Gallen. Weil Hedwig Ullmann, inzwischen verwitwet, überzeugt war, dass Regina trotz anfänglicher Lernschwierigkeiten und einer allmählich geheilten Legasthenie ein dichterisches Talent habe, liess sie die Tochter durch einen Privatlehrer in Metrik unterrichten. Um ihr die Chance einer literarischen Karriere zu ermöglichen, gab Hedwig Ullmann 1902 den Familiensitz in St. Gallen auf und zog mit Regina und Helene nach München, wo sie Regina den Zugang zu literarischen Kreisen ermöglichen wollte.
Regina Ullmann 1906 in München in der Pose einer Dichterin. Das Bild lässt nicht erahnen, dass die junge Frau in diesem Jahr jene schwersten Momente ihres Lebens durchmachte, die 1907 in ihrem literarischen Erstling Feldpredigt gespiegelt sein sollten, der ihren langjährigen Förderer Rainer Maria Rilke auf sie aufmerksam machen würde.
11
Im Frühling 1905 trat der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Hanns Dorn in eine Liebesbeziehung mit der 21-jährigen, körperlich leicht handycapierten Regina Ullmann. Eine Beziehung, die ganz offensichtlich von der Mutter toleriert, wenn nicht gefördert wurde, die für ihre Tochter eine gute Partie mit dem aus vermögendem Haus stammenden künftigen Professor in Aussicht genommen haben muss. Dorn entzog sich jedoch der Verantwortung, als die junge Frau schwanger war und am 23. Januar 1906 in aller Heimlichkeit in Wien ihre Tochter Gerda zur Welt brachte: Die Zeit ihrer sichtbaren Schwangerschaft hatte sie auf jenem Bauernhof in Admont in der Steiermark zugebracht, wo sie das Schreckliche, was sie erlebte, in ihren Erstling Feldpredigt bannte.
12
Während die Tochter zu Pflegeltern gegeben wurde, kehrte Regina Ullmann nach München zurück, wo sich der Psychiater Otto Gross der Traumatisierten annahm. Gross, der dafür bekannt war, dass er seine anarchisch-revolutionäre Variante der Freudschen Psychoanalyse an möglichst vielen Frauen ausprobierte, wurde, hier in der Mitte zwischen zwei Unbekannten in jenen Jahren, zum Vater von Regina Ullmanns zweiter Tochter Camilla, die sie wiederum in aller Heimlichkeit am 18. Juli 1908 in Wien zur Welt brachte und wie deren Schwester einer bäuerlichen Familie in Feldkirchen bei München in Obhut gab. Auch Otto Gross war nicht bereit, sich seiner Verantwortung zu stellen.