Skip to main content

Rauchen – Warum denn gleich in die Luft gehen?

Page 1

N° 216 | SCHWEIZER LITERATURZEITSCHRIFT

1


Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 216, Mai 2022 ISBN 978-3-85830-297-7; ISSN 1016-7803 Erscheint fünf Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 217 «Fred Kurer» // 218 «Zirkus» // 219 «La Chaux-de-Fonds». Fühlen Sie sich von einem der Themen a ­ ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse, in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.

Leitung Redaktion: Annekatrin Ranft-Rehfeldt Redaktion orte Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Leitung), Viviane Egli, Regina Füchslin, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 82.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise:

Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Susanne Born, susanne.born@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Bildes von Raphael Reift: Vision im Rauch I.) Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.


orteinhalt   3 Editorial

Rauchen. Warum denn gleich in die Luft gehen?

orte inhaltsverzeichnis 5 Einleitung

Susanne Mathies

6 Rauch als schöpferisches Fluidum Visionen im Rauch Raphael Reift Rauchzitat Victor Hugo Rauchzitat Georg Christoph Lichtenberg Rauchzitat Hermann Burger 13 Epikureer Dolce Vita Vladislav Jaros Die Aufschrift Erwin Messmer Gourrama Friedrich Glauser An meinem Zigarettenrauch Joachim Ringelnatz Der Zauberberg Thomas Mann Rheinecks Tabakschwestern Erwin Messmer 24 Verrauchte Reminiszenzen Meine Rauchzeichen Klaus Merz Vergänglichkeit Susanne Mathies Interview mit Hans Kägi Monique Obertin 30 Trotzdem oder gerade deshalb? Nikotin! Jürgen Theobaldy geheime zeichen Monique Obertin Restaurant Gottfried Benn Diavolezza Max Frisch Rauchzitate Peter Lehner, Winston Churchill 37 Vor dem Rauch sind alle gleich: Qualmende Statements Schwarze Zigaretten Jürgen Theobaldy Die drei Zigeuner Nikolaus Lenau Duldsam Wilhelm Busch Erster Tabakkonsum Anton G. Leitner 43 Biografien 46 orte-festival Annekatrin Ranft-Rehfeldt 47 orte-bestenliste Beatrice Eichmann-Leutenegger 50 hör-orte: Eine Frage des Geschmacks? Jens Glamor 52 ortolan: Max Huwyler Erwin Messmer 59 orte-bücherregal 64 orte-agenda Annekatrin Ranft-Rehfeldt 67 orte-marktplatz 1


LITERATURSPUR LIEST & LÄUFT ZWISCHEN DEN ZEILEN

LITERARISCHE SPAZIERGÄNGE MODERATIONEN LEKTÜREZIRKEL VORTRAGSREIHEN → MARTINA KUONI / BASEL LITERATURSPUR.CH

kluge texte glückliche Kunst schöne worte filigrane Musik buchstaben Suppe 1

KUNSTMUSEUM APPENZELL KUNSTHALLE ZIEGELHÜTTE APPENZELL

h-gebertka.ch

2


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Genuss ist bekanntlich Geschmackssache und auch der Mode unterworfen. So galt das Rauchen von Pfeife, Zigarre oder Zigarette einst als elegant, ja verführerisch, und wurde als Zeichen der Geselligkeit angesehen. Es gab Zeiten, da war es eine Frage des guten Geschmacks, sich zum Feierabend, nach einem feinen Essen oder in einer kreativen Denkpause, in blauen Dunst zu hüllen. Inzwischen hat der Tabakkonsum an Ansehen verloren. Was hat Rauchen mit Literatur zu tun? Wie setzt man den Rauchgenuss, seine Freuden und Ärgernisse sprachlich um? Was liegt zwischen der Forderung, das Rauchen sollte verboten sein und der Behauptung, es handle sich um ein schützenswertes Kulturgut? Diesen Fragen gehen unsere orte-Redaktionsmitglieder Susanne Mathies, Monique Obertin und Erwin Messmer nach. Dabei lassen sie Visionen in Dunst aufsteigen, deuten Rauchzeichen und geben qualmende Statements ab.

Tamás Jónás vor und den Gedichtband wilde gärten von Astrid Schleinitz. Unsere orte-bestenliste wird von der Literatur- und Theaterkritikerin Beatrice EichmannLeutenegger gestaltet. Und schliesslich schreibt Jens Glamor, Leiter des Hörbuchstudios der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte, im hörorte über den Geschmack bei der Dialoggestaltung in Hörbüchern. Ob mit oder ohne Schornstein im Mund, als qualmende Denklokomotive oder CO2-neutraler Ideenexpress, ob in einer mystisch verqualmten Lounge oder einem hippen Bergrestaurant mit Klarsicht – ich hoffe, dass Ihnen diese orte-Ausgabe gedankliche Anzündhilfen liefert, ohne ihren Kopf rauchen zu lassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und Genuss bei der Lektüre. Beste Grüsse Annekatrin Ranft-Rehfeldt

Die Rubriken dieser orte-Nummer sind mit Beiträgen von Gastautorinnen und -autoren angefüllt. Im ortolan kommt der Schweizer Mundartdichter Max Huwyler zu Wort, der 2021 seinen 90. Geburtstag feierte. Wir stellen ungarische Lyrik von

3


Vision im Rauch I.

© Raphael Reift

Warum denn gleich in die Luft gehen?

4


«Das gehört verboten!» Diesen Satz hört man in der Schweiz oft. Aber auch anderswo verbietet man gern, und der Tabakgenuss hat eine lange Geschichte der Verbote hinter sich. In England zum Beispiel belegte James I das «sündige» Tabakrauchen mit prohibitiven Steuern («Moralapostel-Staat»), in Preussen war das Zigarrenrauchen auf der Strasse strafbar, da es als Symbol der Revolutionäre galt («Obrigkeitsstaat»), in der Schweiz ist seit 2010 das Rauchen in geschlossenen, öffentlich zugänglichen Räumen aus Gesundheitsgründen untersagt («staatliche Kinderfrau»). Unabhängig (oder auch abhängig) von diesen Regelungen hat das Rauchen über die Jahrhunderte immer wieder eine Rolle in Kultur und Politik gespielt. Im Tabakskollegium Friedrichs des Grossen diskutierte man zur Meerschaumpfeife über Politik und Religion, Georges Sand provozierte die Gesellschaft durch öffentliches Zigarrenrauchen, Sartre vereinnahmte über den Rauch gleich die ganze Welt, und obwohl gegen Ende des 20. Jahrhunderts das Rauchen in einen schlechten Ruf geriet, reimte Reinhard Mey noch 1972: «Was ich noch zu sagen hätte / Dauert eine Zigarette …». Welcher Dichter kann oder will seine Gedanken heute noch in Zigarettenlängen messen? Gehört das Rauchen in unseren gesundheitsbewussten Zeiten noch zum kreativen Prozess? Ausgehend von diesen Überlegungen haben wir in diesem Heft aktuelle und klassische Texte zum Thema «Rauchen» zusammengestellt. Wir hoffen, dass diese Ihre Fantasie in schönen Ringen zum Himmel steigen lassen. Bleiben Sie gesund, und halten Sie dieses Heft von Ihren Kindern fern! Susanne Mathies


Rauch als schöpferisches Fluidum Raphael Reift

Visionen im Rauch (oder: Was mir der Ruach offenbarte)

Gedichtzyklus Inspiration I: Ich rauche meine Imkerpfeife und beruhige Bienen. Der Rauch verfestigt sich. Die Zeit steht still. Summa summarum: Es summt. Plötzliche Aufruhr: Die Bienen wuseln im Zwischenhirn. Mandelpanik: Ich verberge mich im Rauch. Gedankenpartikel verkleben meine Lungenbläschen. Ein Hustenanfall unterbricht den Gedankenstrom. Gedanken geraten aus ihrer Umlaufbahn. Die Bienen summen in der Mandel. Sie haben den Text vergessen.

Interludium I: Ringelreihe im Teilchenbeschleuniger: Kinder kollidieren in Rutschbahnen. Es gibt Russkuchen zum Dessert. Ruach im Rauch: Anwesenheit Gottes, Medium mit wechselnden Vokalen.

6


Ballung der Russpartikel: Konzentration und Kristallisation. In neuronalen Netzen sucht eine Spinne Gedanken. Kristallisierter Rauch. Ein Gedanke hängt in der Luft. Ein abgelehntes Rauchopfer zürnt einen Bruder Hand an Hauch zu legen. Eine Welt neigt sich dem Ende zu. Ein Gott dampft aus seiner Nase.

Zwischenbemerkung I: Gelbe Finger und Rauchopfer. Die Zigarette ist meine Uhr. Ich rauche Ziffern und Zeit. Im Tabernakel: Serafim verhüllen sich. Ein Trishagion erklingt. Rauch erfüllt das Heiligtum. Unreine Lippen: die Angst steckt im Mandelkern, ein Engel verbirgt sich bei den Bienen. Weggeworfene Zigarette, ephemer, eine kristallisierte Welt geht zu Grunde. Ich zerfalle zu Asche. Fliegergruss und Flugasche: Ikarus verkohlt in der Atmosphäre. Die Vergangenheit ist ein Feld voller Reiher. Eine Fermate bleibt in Rauchzeichen hängen: Einhalt. Wohin flattert meine Braue? Rauchopfer: ein Atemzug Transzendenz. Würzraub der Moderne. Der

7


Sirenengesang des Erhabenen konzentriert sich im Glimmen der Zigarette. Rauch steigt in den Himmel. Ich verbrenne meine Sünden. Höllengeld und Räucherstäbchen. Cheruben rauchen auf der Bundeslade. Gekreisch aus dem Rachen des Rauches. Meine Augen sind traumvoll. Ein Segen expandiert, bis er explodiert.

Exspiration I: Eine Honigmandel träumt von Bienen. Gedankenpartikel in der Lunge. Ich stolpere über Worte. Meine Nase blutet.

Inspiration II: Eine Metapher löst sich auf. Eine Banane brutzelt. Das ergibt keinen Sinn, riecht aber gut. Grütze in der Pfütze. Kehle und Kelchaug. Vermessen mit Löffeln statt Gabeln. Eine Kontraktion gebiert ein neues Wort: Kehlchaug. Die Naht der Nacht glimmt. Der Tag verklingt. An Tischtüchern hängt Tagewerk. Blut und Rauch in einem zusammenklappbaren Brustkorb.

8


Interludium II: Meerschaumpfeife: Das zeitoffene Spiel, mit gezinkten Karten. Jenseits des Blickes: Kains Früchte verrauchen unerhört. Rauchsäule und Heugabel. Ein Hauch weht und kehrt um: Der Blutacker muss besenrein sein.

Zwischenbemerkung II: Die Reimkuh will Keimruh. Ich will Rauch in der Lunge. Ich messe dem Rauch Bedeutung zu. Dies irae: Ich grabe um mein Leben. Der Rauch steigt. Eine Fadenseele sucht ihr Öhr. Augenringe schweben um meine gelben Finger. Eine Wimper sticht den Rauch tot.

Exspiration II: Ein Rabe krächzt und stammelt: Die Sprachwunde ist ein offener Schorf. Rekursive Gedanken: Rauch und Schmerz spiegeln sich unendlich. Rauchende Schlote: Noch gibt es Lieder zu singen. Noch habe ich Hoffnung. Noch kann ich durchröchelt stammeln. Die Weisheit torkelt trunken ins Bett. Sie träumt von einem Weg, der ins Nichts führt: Ins

9


Ninini… Gibt es sonst noch was zu stammeln?

Vision im Rauch III.

10

© Raphael Reift


Victor Hugo

Tabak verwandelt Gedanken in Träume.

Georg Christoph Lichtenberg

Rauchen

[…] Weiter kann ich diesen Abend der Augen wegen nicht schreiben, und doch mag ich noch nicht zu Bette gehen, ich stecke mir also eine Pfeife an und lösche das Licht aus, um noch eine Viertelstunde ganz klar an meine Freunde zu denken. Das Rauchen im Dunkeln ist wirklich eine angenehme Beschäftigung, und wenn man sonst wohl ist, so denke ich, kommt es unmittelbar nach dem Küssen im Dunkeln, also gute Nacht. Aus: Georg Christoph Lichtenberg, Brief an Johann Christian Dieterich und Frau, 17. 3. 1772. https://www.projekt-gutenberg.org/lichtenb/briefe/chap007.html

Hermann Burger

Dieses allmähliche Sicheinnebeln, dieses Gestaltwerden in den Schwaden ist für mich das Urbild schöpferischer Tätigkeit.

11


Stilleben zu Glenn Gould.

12

© Raoul Ris


Epikureer

Vladislav Jaros

Dolce Vita Bei einem Glas Cognac springen die Gedanken wie trainierte Zirkuslöwen durch Zigarrenrauchringe

13


Erwin Messmer

Die Aufschrift Peterson Mixture 965 Obere Hälfte des Dosendeckels Untere Hälfte Rauchen ist tödlich Hohler Widerhall das ö zieht sich hin Fumer tue Brutal Zack das Fallbeil fällt Il fumo uccide Ach endlich Wie luzid ja heiter beinah Schluss jetzt Genug der Lektüre Tür auf zum Genuss Diskret verduftet die ganze prosaische Luft und mit Lust füttere ich meine Pfeife

14


Zigarren: Ein weites Feld.

© Erwin Messmer

15


Friedrich Glauser

Gourrama

Sie kamen zum Ksar. Die hohen fensterlosen Lehmmauern blendeten ockergelb, beschienen von der Sonne, die schon tief stand. Im Staub spielten Kinder, die Gesichter waren mit Schorf bedeckt, viele Augen mit Eiter verklebt. Sie starrten auf die fremde Gestalt in Khaki und Wickelgamaschen und liefen dann schreiend ­davon. Ein dunkler Gang führte in das ­Innere des Dorfes, das ein einziger zusammenhängender Bau war, ein riesiger Termitenbau; dunkle Gestalten strichen an den beiden vorbei, nicht zu erkennen in der schmierigen Dämmerung. Lös dachte an das Verbot, an die Erzählungen, die umgingen, von Raubanfällen, er dachte an das Geld, das er bei sich trug. Aber er fühlte keine Angst. Er hatte sich mehr gefürchtet, als er die Schultern des Mädchens geküsst hatte. Eine steile Holztreppe führte in ein Zimmer, in dem es erstickend roch. Zeno stiess einen Laden auf, und Strahlenbüschel durchstachen blauen Rauch. In einer Ecke sass ein kleines Mädchen auf einem Haufen Stroh, über ihr sassen auf Stangen etliche Hühner. Die plötzliche Helligkeit weckte sie auf, sie flatterten zu Boden und liefen gackernd umher. Und Zeno stiess nun eine hohe Tür auf. Sie gab den Blick frei auf eine weite Terrasse. In durchsichtigen Kugeln schwebte der Rauch ins Freie, aber als unverrückba-

16

rer schräger Balken führten die Strahlen vom Fenster zum Fussboden. Inmitten der Terrasse hockte auf einer Alfamatte ein uralter Mann. Auf dem ­ Scheitelpunkt des sonst glattrasierten Schädels wuchs ein langer, grauer Haarschopf und lud Allahs Hand ein, den da­ ranhängenden Körper mitzuziehen, hi­ nauf in eine reichere Welt. Denn der Mann war mager und unterernährt. Als er Lös’ Schritte hörte, blickte er auf und liess seine Zehen fahren, mit denen er gedankenvoll gespielt hatte. Lös erinnerte sich an seine Karl-May-Lektüre und sagte: «La illah Allah, Mohammed rassuhl ­Allah.» Dabei verneigte er sich tief. Es schien zu stimmen, denn der alte Mann lächelte mit breiten Pferdezähnen, murmelte etwas wie «Mlech, mlech», streckte eine schmale Hand aus, berührte nur leicht die des andern mit den Fingerspitzen, führte dann den Zeigefinger an die Lippen und wies mit einer sanften Gebärde nach oben. Zeno erschien und zeigte ihr neues Kleid. Dazu schnatterte sie laut und aufgeregt. Das Lächeln des Alten zog sich tief in die Wangen, er deutete mit der Hand auf die Matte. Auch Lös wollte höflich sein. Er zog die Schuhe aus, rollte die Wadenbinden ab und setzte alles ordentlich an den Rand des Daches. Dann setzte er sich neben den Alten. Dieser zog aus seinem groben Wollmantel


eine fingerhutgrosse Pfeife aus rotem Ton und füllte sie mit einem feingepulverten, graugrünen Kraut. Er rief etwas ins Zimmer. Zeno kam mit einem zerbeulten Blechbecken zurück, das mit Glut gefüllt war. Eine Teekanne stand darauf, aus weis­ sem Metall, mit grob eingeritzten Or­ namenten. Der Alte legte eine Kohle auf die Pfeife, zog einen Zug tief in die Lunge und gab sie weiter an den Gast. Der folgte dem Beispiel. Der Rauch schmeckte scharf und duftend, so wie Tabak manchmal schmeckt an einem qualmenden Feuer. Lös hatte schon früher Kif geraucht, in Bel-Abbés bei seinem Freund, dem gros­ sen Mulatten. Doch der Kif des Alten dünkte ihn stärker und würziger. Der Duft weiter Ebenen war in ihm und das schwere Licht eines heissen Tages. Nach zwei Zügen war die Pfeife leer­ gebrannt.«Sachar», sagte Lös und gab sie zurück. Er hatte sich dieses Dankeswort gemerkt, ob seines Klanges, der an Sacharin erinnerte. Die Terrasse lag neben der weiten Ebene, in der, ferne, der weisse Posten schimmerte. Im Rücken der Sitzenden stieg das Dorf stufenförmig an. Und die Ebene dehnte sich bis an die Berge, die ein zitterndes, süssliches Violett bedeckte. Langsam wurden die Bäume schwärzer, die den Oued einfassten. Der Alte hatte die Hände auf die Knie ge-

legt. Manchmal hob er die Tasse zum Munde, die dicke zersprungene Tasse, hob sie zum Munde mit anmutiger Geste, und sein Schlürfen trommelte sanft durch die Stille. Der Tee war sehr süss und mit Minze gewürzt. Da kam Zeno zurück mit einem flachen Korbteller, geflochten aus dünnen, hellen Weidenzweigen. Sie streute Mehl darauf, träufelte Wasser dazu und begann den Teller zu schütteln. «Kuskus», erklärte sie, und der Alte nickte. Das Mehl ballte sich zu groben Körnern, nicht grösser als Stecknadelköpfe. Einen eisernen Topf setzte Zeno auf die Glut, zur Hälfte gefüllt mit Wasser. Und fünfmal schüttete sie das körnig geballte Mehl in ein unten spitz zulaufendes Tongefäss, das wie ein Sieb durchlöchert war. Dieser Tontrichter wurde in den Hals des Eisentopfes gesetzt, damit der Dampf die Mehlkörner garkoche. In das leise Summen des Dampfes scholl plötzlich, ganz aus der Nähe, von einer unbekannten Höhe herab, ein langge­ zogener hoher Ruf. Der Ruf zersplitterte in viele Worte, die sich folgten und überstürzten, immer in der gleichen Tonlage. Dazwischen sank die Stimme unerwartet fast um eine ganze Oktave, um gleich wieder zu ihrer früheren Höhe aufzuschnellen.

17


Schweigend erhob sich der Alte, nahm den rauhen Mantel von den Schultern und legte ihn auf den Boden; er stand nun da in einem ärmellosen Hemd, das bis zur Mitte der Waden reichte. Dann neigte er sich, richtete sich auf, kniete hin, berührte den Boden mit der Stirn, ausgestreckt, die Arme und die Hände flach auf den Steinfliesen, und dazu raschelte leise seine Stimme. Es klang, wie wenn der Wind mit verkohltem Papier spielt. Kaum aber war die springende Stimme des Unsichtbaren verstummt, da sass der Alte wieder auf seinem Platz, eingehüllt in seinen Wollmantel, und gab Zeno laute Befehle. Der Kuskus wurde auf eine Holzschüssel geleert, die mit einer dicken Schicht stark riechenden Fettes bedeckt war. Dann goss Zeno eine farbige Brühe über das Ganze, in der Hühnerknochen und gekochte Pfefferfrüchte schwammen. Der Alte mischte nun alles mit pflügenden Händen, schlenkerte sie in der Luft, um sie abzukühlen. Ungewohnt und fremd, wie die Haut des Mädchens, schmeckte auch die Speise. Mit langen vorsichtigen Fingern knetete der Alte kleine Kugeln und schob sie dem Gast in den Mund. Lös ass, denn er hatte Hunger. Und je vertrauter ihm der Geschmack dieser Speise wurde, desto stärker wuchs in ihm die Sehnsucht nach dem Körper des Mädchens, das neben ihm sass

18

und sich an ihn lehnte. Auch sie formte Kugeln mit den kleinen Fingern und steckte sie dem Freund in den Mund. Und die Farbe der verknitterten kleinen Hände erinnerte ihn an die Farbe der Haut, an ihren Geruch und an ihren salzigen Geschmack. Hernach gab es gepresste harte Datteln und wieder Tee. Der Vater hatte die kleine Pfeife angezündet. Als Lös die Hand danach ausstreckte, sprach ihm der Alte langsam und deutlich vor: «Amr sbsi.» Zeno übersetzte: «Pfeife füllen.» Und geduldig wiederholte Lös: «Amr sbsi.» Das Mädchen hatte sich neben Lös gelegt, zusammengerollt wie ein weiches kleines Tier, und den Kopf auf die Schenkel des Gefährten gebettet. Der Abend war sehr ruhig und erwartete still den Mond, den eine unsichtbare riesige Hand über die Berge hob. Aus: Friedrich Glauser, Gourrama, 3. Kapitel «Zeno». https://www.projekt-gutenberg.org/ glauser/gourrama/chap03.html


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Rauchen – Warum denn gleich in die Luft gehen? by Verlagshuus - Issuu