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orte 215

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N° 215 | SCHWEIZER LITERATURZEITSCHRIFT

BLIEB DER GOLDSCHATZ IM TAL ALLEINE Balladen aus verschiedenen Kulturen

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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 215, März 2022 ISBN 978-3-85830-296-0; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 215 «Balladen» // 216 «Rauchen» // 217 «Fred Kurer» // 218 «Zirkus» // 219 «La Chaux-de-Fonds». – Fühlen Sie sich von einem der Themen a ­ ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse, in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.

Redaktion:

Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 82.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise:

Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Susanne Born, susanne.born@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (Balladensänger Damir Imamović, Bild: Raphael Zubler). Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.


orteinhalt  3 Editorial orte inhaltsverzeichnis

Balladen und ihre Stimmen aus sechs verschiedenen Kulturen    4 Einleitung

Viviane Egli

8 «Küss mich bis die Welt vergeht» Reflexionen zur lyrischen Übertragung

Leonard Cohen Misha Schoeneberg

16 «Blieb der Goldschatz im Tal alleine» «Für mich ist Sevdah ein ästhetisches Prinzip»

Damir Imamović Cyrill Stieger

22 «I met a maiden, who had the prettiest face and personality» Viel Freiheit bei der Interpretation

Treasa Ní Mhiolláin

28 «Und jetzt bin ich nur Glut im Feuer» Streifzug durch das Reich des Flamenco – und eine stolze Frau

La Macanita

34 «Das Pferd schaute mit grossen Augen» Ein tragischer Volksheld im Kampf gegen die Osmanen

Taraf de Haidouks

42 «Ich bin der König von Babylon!» Erlkönig und Belsazar

Heinrich Heine Alain Claude Sulzer

46 48 53 58 60 68 72 74 76

Annekatrin Ranft-Rehfeldt Annalena Fröhlich

orte-festival orte-bestenliste orte-bücherregal hör-orte: Leonora Carrington ortolan: Jovana Nikic wander-orte: «Hier ist das Ende der Welt». Auf den Spuren von Karl Kraus in Tierfehd orte-agenda orte-longseller orte-marktplatz

Gespräch mit Elizabeth Zollinger

Viviane Egli

Sven Panthöfer

Peter K. Wehrli Erwin Messmer Cyrill Stieger

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kluge texte glückliche Kunst schöne worte filigrane Musik buchstaben Suppe 1

KUNSTMUSEUM APPENZELL KUNSTHALLE ZIEGELHÜTTE APPENZELL

h-gebertka.ch

Neuerscheinung von Erwin Messmer

Passirrt isch passirrt

ssage verni h c u B 2022 April rn . 5 2 MO a Be ppell La Ca

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In Poesie, Prosa und szenischer Darstel­ lung erzählt Erwin Messmer Gereimtes und Ungereimtes aller Lebensabschnitte, von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter und auch in den Tod. Er entfaltet den ganzen Facettenreichtum seiner St. Galler Mundart, sie klingt bald zart, bald deftig, bald eckig, bald beschwingt. In doppel­ bödiger Gelassenheit beweist dieser Autor einen Humor, der darin besteht, dass man trotzdem lacht, lebt und liebt. Klappenbroschur, 184 Seiten, ISBN 978-3-03853-122-7, CHF 25.–, Erscheint im April 2022.


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser «Blieb der Goldschatz im Tal alleine» und das bei Schneeregen auf dem Weg zum Hof ihres Bräutigams. Sie ahnen es schon: Es geht nicht gut aus. Der Goldschatz erfriert, es ist ihm «die Seele entronnen». Schlimm ergeht es auch Heinrich Heines Belsazar, dem König von Babylon, der die Flammenschrift an der Wand nicht zu deuten weiss. Oder dem rumänischen Balladehelden Tomas Ali­ moș, der zu Tode verwundet noch seinen Angreifer zur Strecke bringt. Es sind dramatische Ereignisse, von denen die Balladen in diesem Heft auf engstem Raum erzählen. Es geht um Schmerz und Tod, aber auch um Sehnsucht, Liebe und Leidenschaft («Küss mich bis die Welt vergeht!»). Immer sind es existenzielle Themen, und nach diesem Gesichtspunkt haben Viviane Egli und Cyrill Stieger, zusammen mit Expertinnen und Experten, aus dem weiten Feld der Balladen die sechs Beispiele für diese Nummer ausgewählt. Es ist eine Reise von Andalusien bis Rumänien, von Irland bis Bosnien und in die Tiefe des Menschseins.

Nicht weniger existenziell, aber in ganz anderem Ton erklingen die Texte der Slam-Poetin Jovana Nikic, die wir Ihnen als neuen Stern am Berner Mundarthimmel im ortolan vorstellen. Von Bern führt der Rubrikenteil noch in viele weitere Himmelsrichtungen: auf den Spuren von Karl Kraus nach Tierfehd im Glarnerland, mit Leonora Carrington in die Zirkel der Pariser Bohème, in den Waadtländer Jura, wo der Maler Louis Soutter lange Spaziergänge unternahm, ja sogar bis über Moskau hinaus, zu den leuchtenden Luchsaugen Asiens. Und auch für orte steht eine neue Etappe an: Ich bleibe weiterhin in der Redaktion, gebe aber die Co-Leitung ab, sodass Annekatrin Ranft-Rehfeldt bis auf Weiteres die Redaktionsleitung alleine inne haben wird. Deshalb wünsche ich Ihnen zum letzten Mal vom Editorial aus: gute Lektüre! Regina Füchslin

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TEXTE, STIMMEN, KULTUREN – DIE BALLADE RUFT

Der bosnische Balladensänger Damir Imamović im September 2021 in Zürich.

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Bild: © Raphael Zubler


Gebannt folgt man dem beseelten Gesang des Balladensängers, der virtuosen Klage der Balladensängerin – dem mit Leib und Seele singenden alten Rom im rumänischen Dorf, der inbrünstigen rauen Stimme der Gitana aus der Flamenco-Welt, der unsterblichen Stimme von Leonard Cohen, der zärtlichen Tonfolge des bosnischen Sevdah-Meisters Damir Imamović, der monoton-modulierten Erzählung der gälischen Meisterin in Irland. Die Stimmen verzaubern. Das Musikinstrument, sofern es neben der Stimme seinen Platz hat, entführt in die Höhen und Tiefen der Akkorde und der Rhythmen – aber was erzählt die Sängerin, was beklagt der Sänger, was erzählt uns die heutige Ballade in der fremden Sprache und aus der unvertrauten Tradition und Kultur? In dieser Ausgabe von orte geht es darum, die Texte einiger aus verschiedenen Kulturkreisen ausgewählten Balladeliedern inhaltlich, literarisch und im Kontext zu verstehen. Dazu muss man übersetzen, dazu muss man Hintergründe recherchieren – um die gesungene Ballade anschliessend noch intensiver zu hören, mit ihr in die fremde Kultur zu reisen. Wir haben dies gemeinsam mit einigen engagierten Kulturschaffenden gemacht. Sechs Balladen der existenziellen «Tonart» wurden aus der Balladenflut herausgegriffen, zu einem kleinen wundersamen stummen literarischen Konzert auf 42 Seiten zusammengestellt. Liebe und Tod, Leben und Tod.


Balladen? Primär gehen einem die deutschen Balladen der Romantik durch den Sinn. Wir alle kennen sie, so den Erlkönig. Und ja, er wurde auch vertont. Und man versteht ihn auch gesungen, wenn man auf die deutschen Worte der klassisch ausgebildeten Singstimme hört. Wir kennen diese Geschichte und andere, die Ballade, das mehrstrophige erzählende Gedicht der deutschen Romantik. Ein Jahrhundert später zeigte die Ballade der deutschen Literatur ein anderes Gesicht: so beispielsweise mit den politischsatirischen Texten von Walter Mehring, den eingängigen Vertonungen von Kurt Weill. Auch sie verstehen wir, sie erzählen in kultureller Höchstleistung vom Tiefpunkt deutscher Kultur, singen sich Strophe um Strophe hinweg. Sie seien hier erwähnt und gewürdigt – zu den sechs für diese orte-Ausgabe ausgewählten Balladen gehören sie jedoch nicht. Etwas weiter zurückgeschaut: Das Wort Ballade, so nachzulesen, entstammt der okzitanischen Sprache der südfranzösischen mittelalterlichen Troubadour-Dichtung. Ein Tanzlied ursprünglich, so will es die Historie. Die Ballade zieht weite Kreise. Zurück ins 21. Jahrhundert: Heute gesungene Balladentexte des Schmerzes, der Sehnsucht, des Todes, die man sprachlich nicht auf Anhieb versteht und die kulturell erklärt sein wollen. Balladentexte, die weder (politische) Satire noch kunstvolle Moritaten und schon gar nicht überschwänglicher Wohlstandskitsch sind. So will es unsere kleine Sammlung für orte, die wir in verdankenswerter Zusammenarbeit mit Kennern der ausgewählten Kulturen und Regionen zusammengestellt haben, etwa mit Troubadour-Dichtung, das Thema, dem altbekannten Motiv der unerreichbaren Liebe: Aber die heutige gälische Klage aus Irland, des verlassenen Manns in seinem Schmerz, gesungen von einer Frau, von Treasa Ní ­Mhiolláin, sie will übersetzt sein. Sie will verstanden sein. Eine ganz andere Stimme und andere Kultur: Damir Imamović aus ­einer entgegengesetzten europäischen Himmelsrichtung, aus Sarajevo, mit der Sevdah-Ballade von der erfrorenen Braut. Und wie-

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der aus dem europäischen Westen, aus Andalusien: die grosse Flamenco-Stimme La Macanita. Eine weitere Ballade, wiederum aus dem Osten, aus dem Roma-Dorf Clejani in der rumänischen Walachei. Es ist die Geschichte von Toma Alimoş, gesungen von den Taraf de Haidouks im Hof des Hauses, wo ein Teil der Grossfamilie dieser bekannt gewordenen Roma-Musiker wohnt, oder unterwegs in Konzertsälen. Als nächstes: Die grosse (ost)jüdische Tradition, Leonard Cohens Ballade Dance Me to the End of Love – englisch zwar, könnte man eigentlich verstehen. Aber verstehen wir Cohens vielschichtigen Text tatsächlich, hören wir ihm wirklich zu und lassen uns nicht einfach von seiner im Alter sonor gewordenen Stimme einlullen? Kann man Cohen überhaupt ins Deutsche übersetzen? ( Ja, man kann.) – Neben diesen fünf Texten aus anderen europäischen Kulturen hat der Schriftsteller Alain Claude Sulzer für unsere kleine Sammlung doch auch eine Ballade aus der deutschsprachigen Romantik ausgewählt: Heinrich Heines Belsazar, nachträglich vertont von Robert Schumann. Lesen wir dieses eindringliche deutsche Gedicht im Paarreim. Versuchen wir, es zu verstehen. Epik und Lyrik des Schmerzes, der Gewaltsamkeit, der Liebe und des Todes – unsere sechs Balladen aus der Balladenflut herausgegriffen. Eine eigenwillige Zusammenstellung. Den Begriff Ballade haben wir weit gefasst, die Auswahl aber ganz eng getroffen. Ein waghalsiges Unternehmen. Ein bereicherndes Tun, das nach mehr ruft – denn noch fehlen die Ballade aus Island, diejenige aus der Fado-Kultur, die Ballade aus dem heutigen bernischen Troubadour- und Rapper-Kreis und das schönste Beispiel der italienischen Cantautori … Ein wunderbarer kleiner Anfang ist auf diesen orte-Seiten mit den hier ausgewählten europäischen Lied-Kulturen gemacht. Die Ballade ruft. Viviane Egli

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«Küss mich bis die Welt vergeht» Eine Ballade aus der jüdischen Kultur: Leonard Cohen

Küss mich bis die Welt vergeht Dance Me to the End of Love

Dance Me to the End of Love

Küss mich für die Schönheit Und lass die Geige brennen Küss mich durch die Ängste Bis sie unsre Namen nennen Die die Taube mit dem Ölzweig Durch alle Winde trägt Küss mich bis die Welt vergeht

Dance me to your beauty With a burning violin Dance me through the panic ’Til I’m gathered safely in Lift me like an olive branch And be my homeward dove Dance me to the end of love

Lass mich deine Schönheit Ganz ohne Zeugen sehen Tanz wie einst in Babel Lass dich im Kreise drehen Bis die Grenze zwischen Himmel Und der Erde nicht mehr steht Küss mich bis die Welt vergeht

Oh let me see your beauty When the witnesses are gone Let me feel you moving Like they do in Babylon Show me slowly what I only Know the limits of Dance me to the end of love

Küss mich auf unsrer Hochzeit Nun sag schon «Ich bin dein» Wir sind gross in unsrer Liebe Wie unsere Liebe sind wir klein Küss mich nun ganz zärtlich Küss mich nur unentwegt Küss mich bis die Welt vergeht

Dance me to the wedding now Dance me on and on Dance me very tenderly And dance me very long We’re both of us beneath our love We’re both of us above Dance me to the end of love

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Küss mich für die Kinder Die das Licht der Welt nie sahen Wir wissen, unsere Küsse Sind Stoff aus goldenem Garn Ein buntgewebter Schutzschild Der vor dem Feind besteht Küss mich bis die Welt vergeht

Dance me to the children Who are asking to be born Dance me through the curtains That our kisses have outworn Raise a tent of shelter now Though every thread is torn Dance me to the end of love

Küss mich für die Schönheit Nun lass die Geige brennen Küss mich durch die Ängste Wenn sie unsre Namen nennen Küss mich, wenn Du nackt bist Und er dein Kleid schon trägt Küss mich bis die Welt vergeht

Dance me to your beauty With a burning violin Dance me through the panic Till I’m gathered safely in Touch me with your naked hand Or touch me with your glove Dance me to the end of love

Deutsche Übertragung (von Leonard Cohen anerkannt und genehmigt): Misha Schoeneberg

© Text & Musik: Leonard Cohen

Leonard Norman Cohen wurde am 21. September 1934 in Westmount geboren, einem englischsprachigen Vorort der kanadischen Stadt Montreal. Er starb am 7. November 2016 in Los Angeles. Der Sänger, Songwriter, Schriftsteller, Dichter und Maler erhielt für sein Schaffen zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Ehrungen.

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Reflexionen zur lyrischen Übertragung Von Misha Schoeneberg

Cohen zu übersetzen ist wie biblische Exegese. Einerseits sind da all die Kollegen und Kolleginnen, die vieles selbstverständlich völlig anders machen würden, andererseits benötigt man in der Hölle dieser Ambition – Leonard Cohens Lieder ins Deutsche lyrisch übertragen zu wollen – wahrlich gute Kenntnisse in den uns bekannten Heiligen Schriften; seien es das Alte und das Neue Testament, seien es das Ramayana, die Bhagavad Gita oder das Tibetische Totenbuch sowie unbedingt das Tripitaka, denn Cohen war auf seine ganz eigene Art Buddhist. Vor allem aber war Cohen tief verwurzelt im Judentum. Sein Name, Cohen, geht ­zurück auf die Kohanim, die WächterPriester des Allerheiligsten im alten Jerusalemer Tempel. Cohens Grossvater mütterlicherseits war Rabbiner und Tal­ mud-Kommentator, sein Grossvater väterlicherseits Gründungspräsident des Canadian Jewish Congress. Als Cohen mit Anfang zwanzig seinen ersten Gedichtband veröffentlichte, war der Zweite Weltkrieg kaum mehr als ein Jahrzehnt vorüber. Vom Schreckensbild des Holocausts war Cohen überwältigt, es fesselte ihn. Es gab keine jüdische Familie, die nicht Opfer in ihrer Verwandtschaft zu beklagen hatte. So verwundert es wenig, dass Cohen auch in seinen frühen Ge-

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dichten das Thema immer wieder aufnahm. Auf die Provokation seines kanadischen Dichter-Kollegen, Eli Mandel, «er, Cohen, sei besessen von dem Motiv des Konzentrationslagers», erwiderte dieser: «Nun, ich wünschte, sie liessen mich heraus.» In Leonard Cohens 1964 erschienenem Lyrik-Band Flowers for Hitler ist das Gedicht Lovers enthalten: Ein Paar tauscht sanfte Zärtlichkeiten vor dem Eintritt in die Gaskammer, der KZ-Scherge hat ihr die Goldzähne schon ausgeschlagen, doch der Liebende versucht noch, als die Flammen längst höher schlugen, der Geliebten die Brüste zu küssen. Von diesem Paar, das vor seiner Ermordung in einem Konzentrationslager tanzte – so stellte Cohen in einem Interview klar – erzählt auch der Song Dance Me to the End of Love aus dem 1984 veröffentlichten Album Various Positions. Mit diesem Lied, das eine Chanukka-Melodie aufgreift, begann Cohen all seine Konzerte auf seinen seit 2008 wieder aufgenommenen Tourneen. Das unterstreicht die zentrale Bedeutung des Songs in seinem langjährigen Schaffen. Manche Schreiber sind fasziniert von einer vermeintlichen Widersprüchlichkeit in Cohens Texten, sie sehen «ein Pendeln zwischen expliziter Sexualität und dem Versinken in Religiosität und Spirituali-


tät». Dabei, Cohen ist nicht widersprüchlich. Die Liebe ist für ihn keine entfleischlichte Romantik. Er ist nicht verhaftet in christlicher Kultur, die von einer Opposition zwischen Geist und Körper geprägt ist. In asiatischen Religionen dagegen ist das Fleisch nicht der Feind und nicht des Teufels. Vielmehr ist die Liebe – die Lust, die intensive Sinnlichkeit – der wahre Gottesdienst, in der das Heilige Eins zu erfahren ist: eine transzendente Nahtoderfahrung. Das Cover von Cohens viertem Album New Skin for the Old Ceremony ziert ein Bild aus dem «Rosarium Philosophorum» (eine den asienreisenden Rosenkreuzern zugeschriebene mystische Schrift), das den zu erlebenden Flug der Seelen bei der körperlichen Vereinigung darstellt. Der Leitspruch der Rosenkreuzer hiess: «Die Kunst ist die Dienerin der Natur.» Diesem Credo fühlte sich auch Cohen zeitlebens verpflichtet. Anders als Bob Dylan, der nach einem gemeinsamen Konzert auf dem Weg zurück ins Hotel schon mal ein oder zwei Lieder fertig schrieb, während er, Cohen, gerade mal über ein Wort oder eine Zeile eines Gedichts sinnierte, wie Cohen selbstironisch berichtete, arbeitete Cohen an Gedichten meist jahrelang. Nicht selten musste bei ihm ein Lied mehr als ein Jahrzehnt «gären», bis es zur Reife gelangte,

die seinen Ansprüchen genügte. Am Ende war es wie in Stein gemeisselt. Cohen suchte das Zeitlose, das ewig Gültige. Leo­nard Cohen war ein Poet. Und er wusste, dass Lyrik, die immer alle Himmel beschwören will, auch auf Handwerk und Wissen basiert. Cohens ultimative Ansprüche an sich selbst setzen die Messlatte einer Übertragung seiner Lieder sehr hoch. Leonard Cohens Zweifel und Sorgen, was eine Übertragbarkeit seiner Lieder in andere Sprachen anbelangt, sind nachzuvollziehen. Und die Übersetzungswissenschaft gibt ihm Recht, es kann keine «identische» Übersetzung geben, weder seiner Songs, noch von Songtexten anderer. Die ganze Menschheitsgeschichte beruht auf Übersetzungen, oft auf sehr mangelhaften. Seit Tausenden von Jahren quälten sich die Übersetzer unserer Welt mit dem Versuch, «Identität» zwischen zwei Sprachen (oder mehreren) herzustellen, bevor erkannt wurde, dass der Begriff «Identität» das eigentliche Dilemma ist. Begriffe zweier Sprachen haben keine Identität, sie haben nur eine gemeinsame Schnittmenge unterschiedlicher Deckungsgrösse. In den Übersetzungstheorien hat der Begriff «Identität» keine Relevanz mehr. Vielmehr spricht man von Adäquatheit.

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Am Anfang steht die prosaische Arbeitsübersetzung. Die Magie, die einem Lied innewohnt, kann sie niemals wiedergeben. Sie hat ihre Existenzberechtigung einzig als erster Arbeitsschritt einer lyrischen Übertragung. Lyrik ist Musik. Sie kann vorgetragen, gesungen und gehört werden. Lyrik will erlebt werden. Sie ist Rhythmus, sie ist Klang, meist besteht sie aus Vers und Refrain, wobei gewisse Zeilen oft auch auf einem Reim enden. Und immer hat sie eine bestimmte Metrik, ein Versmass. Das alles sind die formalen Kriterien einer poetischen Lyrik-Übersetzung. Wer diese nicht erfüllt, oder wer glaubt, mit irgendwelchen rhythmisch passenden lousy lyrics sei die Arbeit getan, der irrt sich gewaltig. Denn die Erkenntnis, dass es unmöglich ist, eine Identität zu erreichen, führt keinesfalls ins Beliebige. Ernsthafte Geister wissen, wenn die einer Inhaltsangabe gleichkommende erste Übersetzung auf dem Schreibtisch liegt sowie die Form geklärt ist, in die die Worte sich ergiessen müssen, beginnt die eigentliche Arbeit: das Ringen um Adäquatheit. Sie ist auf vielfacher Ebene der wesentliche Massstab einer gelungenen lyrischen Übertragung. Die Intention des Originals muss immer im Fokus des Übersetzers stehen. Das heisst, da bei einer lyrischen Übertragung

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die Form gegeben ist, dürfen die Worte verschieden sein, sie müssen jedoch Äquivalenz im Gebrauch der Metaphern in den kulturellen und religiösen Bezügen aufweisen. Dabei muss am Ende das Translat, also der Zielsprachen-Text, in seiner lyrischen Kraft wie ein poetisches Original klingen und wirken. Was für ein Unterfangen! Und gleich mit der Titelzeile Dance Me to the End of Love ist die Herausforderung gross. «Tanz mich (bis) zum Ende der Liebe» lautet die lineare Übertragung. Tanzen plus Personalpronomen im Akkusativ, also «ich tanz dich», oder eben «tanz mich» sind im Deutschen nicht üblich. Die mögliche Übersetzung «tanz mit mir bis die Liebe endet» verliert jedoch an Kraft; ausserhalb des vorgegebenen Versmasses wäre der Satz sowieso. In Cohens «Dance me» steckt ein «führe mich», ein «nimm mich an die Hand», ein Nähe und Schutz suchendes «lass mich nicht allein». So wird das deutsche «küss mich» stimmig, metrisch sowieso. Soweit ein kleiner Einblick in die Überlegungen eines Übersetzers. So wenig es die eine identische Übersetzung gibt, so wenig gibt es eine adäquate lyrische Übertragung, die den Anspruch erheben kann, einzig und allgemeingültig zu sein. Dennoch gibt es Kriterien für gute und weni-


ger gute Arbeiten. Am Ende entscheidet nicht nur der Geschmack, sondern vor allem der Poet des Originals. Das ist sein Recht. Nun, mit Stolz und Demut gleichermassen darf ich sagen: Leonard Cohen konnten meine Übertragungen überzeugen.

Misha Schoeneberg war Teil der Musikkommune Ton Steine Scherben. Er schrieb für Rio Reiser, war Mentor von Max Prosa sowie der autorisierte Übersetzer von Leonard Cohen (Doppel-Album Poem 2014 – mit Nina Hagen, Reinhard Mey, Anna Loos und vielen anderen). Heute lebt er als Autor, Songschreiber, Sprachlehrer und Südostasienwissenschaftler in Berlin. Seine autobiografischen Reiseromane spielen in Thailand, Laos, Myanmar, Indien und Nepal. Das Traveller-Kult-Buch Geister der gelben Blätter (2007) ist vergriffen. Siddhartha Highway (2017) begeisterte nicht nur die Presse – vom Neuen Deutschland bis zur FAZ –, sondern auch Leser wie das Publikum der multimedialen Lese-Show. Mit seinem aktuellen Buch Als Wir das Wunder waren (2021), ist Misha Schoeneberg auf Lese-Tour. http://www.mgsberlin.net/

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Lyrik ist Musik. Poet Leonard Cohen hat sie gelebt.

Foto: © jonl1973, Flickr

«Küss mich durch die Ängste Wenn sie unsre Namen nennen»

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