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Herz.Kranz.Gefäss.

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Christine Fischer

Herz.Kranz.Gefäss.

orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Christine Fischer

Erzählung


Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:

1. Auflage, 2021 © by orte Verlag, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel Gesetzt in Janson Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn isbn: 978-3-85830-293-9 www.orteverlag.ch


«Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt.» Thomas Hettche


Für Lovis


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1 Sie hatte geglaubt, ganz einfach über ihre Mutter schreiben zu können. Ohne grössere Hindernisse, mit Herz und Verstand. Von vornherein war ihr klar gewesen, dass ein Text über die Mutter gleichzeitig auch ein Text über sie selbst werden würde. Unausweichlich und folgerichtig. Zwei auf einen Streich. Zu diesem Zweck würde sie schreibenderweise Abstand nehmen von sich, in der dritten Person auftreten, als Luise. Als «die Tochter». Die Rolle, die sie sich zuschrieb, würde sie schützen, würde sie davor bewahren, wieder im Mutterschoss, aus dem sie gekommen war, zu verschwinden. Zurückgesogen zu werden mit Haut und Haar. Zurückverschluckt. Mit alternder Haut und schütter werdendem Haar, der Körper nicht mehr weich wie ehedem, sondern über all die Jahre härter und steifer geworden, näher am Pfirsichstein als am Pfirsichfleisch. Das Ich würde sie aus dem Text verbannen, so viel stand fest. Wenn schon mit der Mutter verschmelzen, dann nicht auch noch mit sich selbst, sagte sie sich. Distanz muss sein. Ihr Hauptaugenmerk würde sie auf die Mutter richten. Auf die Art, wie sie ihre hochaltrige Mutter wahrnahm. Jetzt, wo ihnen mutmasslich nicht mehr viel Zeit zu teilen blieb. Sogenannte letzte Dinge wollte sie festhalten. Sie, die Tochter, würde auswählen, was die letzten Dinge ihrer Mutter wären. Nichts Gewichtiges

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würde da wohl zutage treten, aber Bedeutungsvolles erhoffte sie sich. Episoden, die des Erinnerns wert wären, besondere Begegnungen, Gespräche vielleicht. Lose Erkundungen sollten es sein, nicht mehr und nicht weniger. Ein flüchtiger Blick auch ins Davor und ins Danach, zu den Ahnen, den Nachkommen. Keine Abrechnungen, keine Anklagen, ein schriftliches Nachspüren. Ein Work-in-progress sollte es bleiben, eine Collage. Kein fertiges Bild abgeben. In ihrer Vorstellung war sie mit einer Taschenlampe in dunklen Korridoren und Räumen unterwegs, Wände abtastend, Objekte, Szenen aufleuchten lassend, nur um sie sogleich wieder in die Dunkelheit der labyrinthischen Hirnkranzgefässe zurücksinken zu lassen. In die vorläufige, die ewige Ruhe. Die Wahrnehmung ist ein Licht, das viele Dimmstufen kennt. Wer Wahr­ nehmung mit Wahrheit verwechselt, ist nachtblind, dachte sie.

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So hatte sie mit ihren Aufzeichnungen begonnen, in einem späten, nahezu frost- und schneefreien Winter, einem sehr frühen Frühling, noch ahnungslos, was das Jahr bringen würde. Ohne die leiseste Vorstellung, mit welchem Umbruch es aufwarten würde, einem Drama gar, nicht nur für ihre eigene Welt, sondern für alle Erdenbürger, deren Schicksal es war, zu eben dieser Zeit, während dieser Ereignisse ihr Leben verbringen oder ihr Leben beenden zu müssen. Dass das Leben ihrer


Mutter zur Neige ging, darauf war sie seit Längerem gefasst. Als ein natürliches Verblassen der Kräfte war dieses nahende Ende vorgezeichnet, vielleicht so, wie ein Schneefleck auf einer bereits sattgrünen Frühjahrswiese dahinschmilzt, von den Rändern her, mit jedem Tag ein Stückchen kleiner werdend, ein wenig durchsichtiger, gläsern fast, mit der Zeit Löcher aufweisend, bis er restlos ins Grün des spriessenden Grases eingehen würde. Es war nicht vorherzusehen gewesen, dass genau in dieser Zeit eine Erschütterung durch die Menschheit gehen würde, so tiefgreifend, wie es seit den beiden grossen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr der Fall gewesen war. Es würde den Anschein machen, als hätte es den Planeten, den die Menschheit seit dreihunderttausend Jahren als ihren Lebens- und Eroberungsraum betrachtete, aus dem zunehmend vertrauter werdenden Sonnensystem in ein unbekanntes Universum geschleudert. In die grösste aller vorstellbaren Einsamkeiten. Die Weltbevölkerung würde taumeln. Sie würde hektische Versuche unternehmen, sich neu zu orientieren. Das Ereignis trat nicht plötzlich auf, sondern kündigte sich vorerst als ein schwaches Grollen im Erdinnern an. Allmählich wurde aus dem Grollen ein Zittern, später ein Beben, das die Menschen dazu brachte, sich aneinander festzuhalten, um mit der Angst fertig zu werden. Einander Fremde, gar Verfeindete, fanden sich auf der gleichen, irr gewordenen Erdkugel wieder, als Nachbarn, als Angewiesene,

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als Bedürftige. Als plötzlich unwissend Gewordene, im Dunkeln Tappende und gemeinsam um Erklärung Ringende. Man rieb sich die Augen. Noch war es nicht so weit. Nichtsahnend hatte sie, einer tiefen Notwendigkeit folgend, zu schreiben begonnen. Als Pensionierte war die Zeit ihre konspirative Verbündete geworden, manchmal auch ihre Wohltäterin, grosszügig schenkend. Die zwei Nachmittage als Aufsicht im städtischen Kunstmuseum und der Tag mit den Enkelinnen liessen ihr noch genügend anderweitigen Spielraum. Manchmal wurde aus dem Spiel Ernst. So hatten ihre Notizen womöglich dazu gedient, sich endlich der Tatsache zu stellen, dass ihre Mutter nicht mehr lange leben würde. Das Undenkbare denken zu lernen: Dass die Mutter sterben würde. Dass eine Zeit kommen würde, in der sie nicht mehr da wäre. Dass sie tot sein würde. Tot. Nicht mehr erreichbar. Nie wieder zu sehen, zu hören, zu berühren. Dass sie nicht mehr wiederkäme. Nimmermehr, wie es im Märchen heisst. Dass sie gestaltlos würde und ganz am Ende: ohne Namen. Die Vorstellung davon war bis anhin nicht zu leisten gewesen. Das Schreiben sollte helfen, den Gedanken an die Nichtexistenz ihrer Mutter auf Erden zulassen zu können. Nicht als abstraktes Wissen, sondern als neue Bedingung des Lebens. Die ersten Zeilen ihrer Erkundung waren gemütlich dahergekommen. Sie sprachen vom sicheren Terrain, auf dem sie sich zu Beginn der Aufzeichnungen noch befunden hatte.


Manchmal vergisst Luise, wie alt sie ist, war da zu lesen. Vor allem auf Bahnfahrten. Und weil Luise häufig mit dem Zug verreist, hat sie mannigfach Gelegenheit, ihr Alter zu vergessen. Ihr Körper bewegt sich dann in der Geschwindigkeit des Zugs, ohne aber dazu Räder oder einen Schienenstrang zu benötigen. Ohne Reibungsverlust. Ohne eine Antriebskraft, die zu verorten wäre. Ihr Körper fliegt. Sie fliegt. Der Radius ihres Blicks weitet sich, und die Stimmen der Mitreisenden vermengen sich mit den Fahrgeräuschen des Intercity zu einem Brausen. Als flöge sie einem kräftigen Bergbach entlang, sie noch beweglicher als er. Das ist schön. Zum Schreien schön, denkt Luise. Wenn sie aus dem Zug steigt, ist sie wieder eine Frau von nahezu siebzig Jahren. Eine kleingewachsene, agile Frau mit fahlem Haar. Früher war sie fuchsrot. Der Fuchs sitzt noch immer in dir, sagt Helmut. Die ersten Jahre ihres Lebens war sie Luisli gewesen, später Luise, ein kränkliches Mädchen, ein stilles Wasser oder eine bockige Ziege, je nach Ansicht der Familie. Im Gymnasium aber hatten ihr Maria und Susanne einen neuen Namen gegeben: Lou, passend zu Mary und Sue. Ihre Freundschaft hatte so etwas wie ein gleichschenkliges Dreieck gebildet. In endlosen Lachsalven hatten sie sich über das Bild des gleichschenkligen Dreiecks ausschütten können, Backfische, wie sie waren. Mit achtzehn Jahren standen sie am Anfang von Erfahrungen mit der körperlichen Liebe. Die Zeit hat-

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te weiter an ihnen gewerkelt, an ihrer Freundschaft und an ihrem Selbstverständnis. Irgendwann, sie mochte um die Dreissig gewesen sein, hatte Lou zu ihrem Taufnamen zurückgefunden: Luise. Alles kann man vergessen, nur nicht den eigenen Namen, denkt sie. Auch die Herkunft liess sich nicht abstreifen. Die Herkunft rief hartnäckig nach ihr, je älter sie wurde, desto vernehmlicher. Manchmal sang sie sogar. Die Herkunft war ein Tal, das sie nicht liebte, war ein Dorf, das ihr stets fremd geblieben war, war eine Familie, die ihr Unterschlupf geboten hatte, waren Wände, ein Dach über dem Kopf, ein Bett, ein grosser Tisch, Meerschweinchen, ein Kiesplatz mit Unkraut an den Rändern. Ihr Vater war vor vier Jahren gestorben, die Mutter lebte noch, durchsichtig geworden wie das Papier, in welches die Bäckersfrau im Dorf den Pfünder einzuwickeln gepflegt hatte.

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Lächelnd las sie später diese ersten Zeilen. Keine hätte sie zurückgenommen oder geändert. Aber das Licht, welches die Ereignisse später über die Textstelle gossen, brachte die Zeilen in eine subtile Schieflage. Wie die vom Eisberg bereits verwundete «Titanic», noch bevor der Kapitän bemerkt, dass ein Unheil eingetreten ist. Luises Reisen zu ihrer Mutter bilden eine Kette in ihrem Leben, las sie weiter. Ketten schmücken und Ketten binden. Die Abstände zwischen den Perlen


werden immer kürzer, immer dichter. Ihre Mutter würde an dieser Stelle vielleicht das Bild eines Rosenkranzes mit seinen Gesätzen bemühen. Der Freudenreiche, der Schmerzreiche, der Glorreiche, der Trostreiche. Die grösseren Perlen zwischen den Zehnergruppen stellen die Arztbesuche mit der Mutter dar, auch dies ein sich wiederholender Reigen, der sich im Kreis dreht. Der Augenarzt, die Rheumatologin, der Gastroenterologe, die Zahnärztin. Ave. Bitt für uns. Die vertikale Gestalt der Mutter kippt in die Horizontale. Der Behandlungsstuhl, der Schragen, die Liege. Ave. Bitt für uns. Ganz am Schluss wird es die Bahre sein, denkt sie. Beim letzten begleiteten Zahnarztbesuch schien sie mehr zu leiden als die Mutter. Es floss viel Blut, es sickerten Tränen. Ein Leben lang hatte ihre Mutter sich durchgebissen – nun schien sie damit an ein Ende gekommen zu sein. Es fehlte an Kraft, es fehlte am Widerstand des Aushaltens. Es fehlte wohl die Hoffnung. Das brachiale Geschehen war mit einem Mal stärker als die mütterliche Tapferkeit. Luise war es, als grinste das halb blossgelegte Gebiss im kreidebleichen Gesicht der Mutter sie an. Ich werde siegen, grinste es. In der Nacht träumte Luise, ihr Mund sei voller Zähne. Angeekelt spuckte sie diese ins Lavabo und drehte den Wasserhahn auf. Zu ihrer Verwunderung waren es nicht ihre verfärbten, altgewordenen Zähne mit den Plomben, sondern die weissen Kieselchen ihres

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Milchgebisses. Sie wirbelten im Waschbecken herum und verschwanden mit einem rieselnden Geräusch im Abflussrohr.

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Einmal mehr hatte sie bei Helmut darüber geklagt, dass wildfremde Leute im Zug ihre Lebensgeschichte vor ihr ausbreiteten. Bestimmt wäre dies in den folgenden Monaten erst recht zu einem Bedürfnis geworden, hätten die Leute dann überhaupt noch die Bahn benutzt. Dass sie einmal damit aufhören würden, und zwar fast vollständig, hatte sie sich in der unschuldigen Frühphase ihres Schreibens nicht vorstellen können. Reisen im Zug waren in ihrem Land beliebt. Sie möchte lieber fliegen statt zuhören, hatte sie zu Helmut gesagt. Sie fand, das Alter sei dazu da, die Welt allmählich vergessen zu können. Doch ihr wurden in zufälligen Begegnungen ständig neue Geschichten aufgetischt, Schilderungen von Schicksalsschlägen und Klagen über Krankheiten. Als würde sie genötigt, in Arztromanen zu lesen. Selbstvergessenheit sah anders aus. Selbst nach vierzig Jahren Berufsarbeit im sozialen Bereich schien ihr das Leben keine Auszeit gewähren zu wollen. Habe ich in meiner sträflich langen Erwerbsphase nicht zur Genüge zugehört und zu verstehen versucht?, rief sie. Tu nicht so zickig, schalt Helmut. Die Mitmenschlichkeit kennt nun mal kein Pensionsalter, und das Bedürfnis nach Trost ist eine Kaffeetasse ohne Boden. Jeder greift halt


zu, wo sich eine Gelegenheit bietet. Wer in deine Smaragdaugen blickt, muss dir sein Herz öffnen, fügte er schmunzelnd an. Nur wenige Wochen nach diesem Gespräch war das Phänomen der Hamsterkäufe aufgetaucht. Es leerte die Regale in den Supermärkten und machte Klopapier zu einer Tauschwährung. Ihrer Mutter gegenüber herrschten andere Gesetze als bei Fremden. Bei ihr brachte Luise mühelos die Geduld auf, sich die immer gleichen Klagen anzuhören und nach immer neuen Worten des Trostes zu suchen, den es im Grunde genommen nicht gab. Am Morgen beim Erwachen, hatte die Mutter bei ihrem letzten Besuch gesagt, sind meine Augen verklebt, und ich kann sie nicht gleich öffnen. Dann taste ich mit der Hand in seitlicher Richtung, und wenn ich an die Nachttischlampe stosse, weiss ich, dass ich noch am Leben bin, dass mir der Herrgott noch einen weiteren Tag in Auftrag gegeben hat. Luise hatte sich vorzustellen versucht, wie es wohl wäre, mit geschlossenen Augen zu erwachen und nur von der kühlen Berührung mit Metall an die eigene, warme Lebendigkeit erinnert zu werden. Die Augen ihrer Mutter hatten ihre Farbe fast ganz verloren. Das war der erste Eintrag, den Luise in ihren Aufzeichnungen über die gegenwärtige Lage der Mutter fand. Der nächste jener frühen Einträge betraf die eigene Wohnsituation.

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Luises Wohnung misst ganze vierzig Quadratmeter, stand da, inklusive Nasszelle und Kochnische. Immerhin verfügt die Nasszelle über eine Sitzbadewanne. Das Wort Nasszelle erheitert sie. Ist sie eine Strafgefangene? Nie fühlte sie sich freier, bis sie ein paar Jahre zuvor in diese Studentenbude gezogen war. Kochnische! Als wäre sie eine Maus mit geblümtem Kochschürzchen, die in einem winzigen Topf die Käsesuppe rührte. Loulou würde sie heissen, die Maus. Vierzig Quadratmeter, hatte Helmut geseufzt, als sie ihn zum ersten Mal zu sich nach Hause eingeladen hatte. Du scheinst nicht mit mir gerechnet zu haben! Nein, das hatte sie tatsächlich nicht. Ich war noch nie gut in Mathe, hatte sie erwidert. Sie nennt ihre Wohnung schlicht «mein Raum». Seit Luise denken kann, hat sie davon geträumt, in einem einzigen grossen Raum zuhause zu sein. Zu hausen. In einer Hütte hätte sie hausen mögen, in einem Schuppen gar, in einem Laubhaufen. Nach der Pensionierung hat sie sich diesen lang gehegten Wunsch erfüllt. Sie besitzt nur noch so viele Dinge, wie in «mein Raum» Platz haben. Es sind Dinge, die entweder für das Leben unentbehrlich sind oder ihr anderweitig angehören, ähnlich wie Familienmitglieder einem angehören. Ein grosser Esstisch, ein breites Bett zur Beherbergung von Schlaf, Schlaflosigkeit oder Schlafgästen. Ein Rentiergeweih, versteinerte Haifischzähne aus dem Eozän, der japanische Kimo-


no. Bücher, Nähzeug, zwei von Marys frühen Bildern, überlebenswichtige Bücher. Keine Vorräte. Nur keine Vorräte! Etwas später in ihren Aufzeichnungen war Marc aufgetaucht. Marc, ihr Sohn, verheiratet mit Mirjam, Vater von fünfjährigen Zwillingstöchtern, Elli und Wilma. Ihre Enkelkinder, die sie einmal in der Woche beaufsichtigte. Und mehr als das. Sie teilte Lebenszeit mit ihnen, intensive Stunden voller Entdeckungen, Fragen, Erlebnisse, Geschichten, Mahlzeiten, Spiele. Hin und wieder setzte es auch Schelte ab. Sie wollte nicht einfach die liebe Oma geben, genau wie sie bei Marc nie die rundum liebende Mama gewesen war. Auseinandersetzung schafft Vertrauen, denkt sie. Und lenkt Blitze ab. Ihre Enkelinnen waren so, wie das Leben eigentlich gedacht war: offen, zart, unersättlich. Wenn der wöchentliche Hüte-Tag ferienhalber einmal, höchstens zweimal ausfiel, wurde sie von nagender Sehnsucht heimgesucht. Das, was man in ihrer Muttersprache «Langezeit» nennt. Dann fehlte ihrem Leben eine wichtige Zutat, ein geheimnisvolles Würzkraut. Kaum trat die alte Ordnung erneut in Kraft und sprangen die beiden Mädchen mittwochs dreckverschmiert aus dem Schulbus, war die Welt wieder im Lot. Dass dieses selbstverständliche Zusammensein schon bald radikal in Frage gestellt werden würde, lag ausserhalb ihrer Vorstellungskraft.

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Über Marc hatte sie festgehalten, dass er es als Baby nicht gemocht hatte, in einem Tuch getragen zu werden. Er habe stets so lange und so laut gebrüllt, bis sie das Bündel wieder löste und Marc in den Kinderwagen legte. Dort habe er sich jeweils auf der Stelle beruhigt. Sie erinnerte sich auch, dass er nie begehrt hatte, im elterlichen Bett zu schlafen, selbst wenn er krank war. Zum Füttern musste sie ihn in sein Stühlchen setzen, und nur widerstrebend liess er sich dazu überreden, auf ihrem Schoss zu sitzen, während sie gemeinsam ein Bilderbuch anschauten. Hingegen seinen Teddybären, den schleppte er überall mit sich herum. Der Teddybär lief ihr den Rang ab. Bald fühlte sie sich wegen der Distanznahme des Kleinen schuldig, bald gekränkt. Ihr eigener Sohn wies sie zurück, er machte sie zur Ziehmutter. Sie schien die falsche Mutter zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Dieses Gefühl hatte sich über die Zeit hinweg entschieden verändert. Im Laufe seiner Kindheitsjahre war Marc immer mehr zu ihrem Sohn geworden. Die Turbulenzen der Scheidung hatten sie als kleinste Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweisst, der gemeinsame Humor, die Erfahrung gegenseitiger Verlässlichkeit, eine tiefe Treue. Vielleicht war es ganz einfach die Zeit gewesen. Die starke Hand der Zeit. Das Leben selbst schien in einem entschieden langsameren Vorgang das Geburtsgeschehen noch einmal vollzogen zu haben: die Geburt von ihr als Mutter, die Geburt von Marc als Sohn. Das querköpfige, sensible Kind wurde zu einem


erwachsenen Mann, der als Geschäftsleiter einer Umweltschutzorganisation vorstand. Trotz seines Erfolgs blieb er bescheiden und den Menschen, die er liebte, auf eine feine Art zugewandt. Seit Jahren wurde Luise von der Gewissheit getragen, im Leben ihres Sohnes und seiner Familie einen überaus wichtigen Platz innezuhaben. Mitten in den Unwägbarkeiten des Lebens gab es Dinge, die nicht bezweifelt werden mussten. Wie gut, dass wir heutzutage länger leben als frühere Generationen, hatte sie an den Textabschnitt angefügt. So kann ein einziges Leben durch viele Leben gehen, bis es am Ende in den grossen Ozean einmündet. Dies galt nicht nur für die Geschichte mit ihrem Sohn, es galt in hohem Masse auch für die Beziehung zu ihrer Mutter. Als siebzigjährige Frau hatte sie sich mittlerweile nicht nur eine, sondern mindestens vier Mütter erworben. Die Mutter ihrer Kindheit, die Mutter der Adoleszenz, die Mutter in der Zeit, als sie selbst Mutter wurde, die Mutter als Vorausgehende in den Wäldern des Alters. Wiederum war sie zur Beschreibung ihrer Herkunft zurückgekehrt. Luises Eltern hatten gemeinsam ein ­ Geschäft geführt, war sie fortgefahren. Es hiess in ihrer Familie schlicht «der Laden». Mit diesem Ausdruck verband sich für das Kind Luise das Bild einer Gewitterwolke, die stets am Horizont dräute. Urplötzlich konnte sie heranrollen und mit Sturm und Hagel losle-

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