Helga S. Giger
Zufluchten
orte Leseprobe
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Helga S. Giger
Zufluchten
© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel Umschlagbild «Juno und der Pfau»: Cornelia Büchel Gesetzt in Minion Condensed Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN: 978-3-85830-292-2 www.orteverlag.ch
«Was für eine Tätigkeit ist das Gedichteschreiben? Was ist das? Ich vermute, dass niemand es wirklich weiss. Das schlechteste Gedicht kann ein gutes Gedicht sein – für irgendwen, irgendwann, irgendwo …» Tadeusz Rozewicz
Für Lea, Verena, Cheyenne und Giulian
Vorwort Welch grosses Staunen erfüllte mich damals, als ich zum ersten Mal den Liedern von Helga S. Giger lauschte, mich von ihren Worten in jene seelischen Landschaften führen liess, die in mir Eigenes belebten. Was für ein Bedauern breitete sich in mir aus, wenn nach dem Verklingen der Verse nur noch erinnerte Bruchstücke blieben, die sich nicht mehr reimen wollten. Nun aber ist es für mich eine grosse Freude, diese aussergewöhnlichen Texte zusammengefasst in dem Buch «Zufluchten» wiederzufinden und zu wissen, dass sie nicht in einer Schublade in Vergessenheit geraten, sondern vielen Menschen eine Türe zur eigenen Erinnerung zu öffnen vermögen. Denn dieser Gedichtband ist weit mehr als ein beschauliches literarisches Vergnügen. Er ist eine biografische Führung durch Lebensstationen, die sich im menschlichen Dasein sowohl im erfüllenden als auch im zu bewältigenden Sinne ereignen. Die Offenheit, mit der uns Helga S. Giger durch ihre schlaflosen Nächte führt, an Zweifel, Schmerz, aber auch Erkenntnissen teilhaben lässt, ist ein grosses Geschenk und eine Einladung, sich mit den eigenen Erfahrungen rückblickend anzufreunden. Denn Helga S. Giger führt uns durch archetypisches Seelenland. Ob wir uns als Jugendliche in aufkeimender Empörung gegen gesellschaftliche Gleichgültigkeit wiederfinden oder im Erwachsenenalter im Zweifel und in der Not, sich für die eigene Entwicklung zu entscheiden und damit den Wünschen und Bedürfnissen anderer nicht gerecht werden zu können, wiedererkennen. Diese lyrischen Zeilen haben es in sich und verfügen über die Kraft, Reflexionen in eigener Sache anzuregen. Wir werden aber auch dorthin geführt, wo Abschied und Tod von geliebten Menschen zu bestehen sind, dafür bieten die Texte Halt und letztlich auch Trost. Und für alle, die bereits im letzten Drittel ihres Lebens angekom7
men sind, ist die Hinführung zur Gewissheit, zu lieben und geliebt zu werden, erfüllende Sinngebung. Ich wünsche diesem Buch sehr viele Leserinnen und Leser, die sich für die Ergründung ihres eigenen Lebens anregen lassen, um sich selbst näher und vertrauter zu werden. Julia Onken
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Einleitung Ich bin alt geworden, und die schlaflosen Nächte häufen sich. Im Dunkeln schleichen sich all die vergangenen, vergessenen, verdrängten Fundstücke meines Lebens in mein Bewusstsein, alle einstigen Befindlichkeiten pochen darauf, noch einmal gehört und gesehen zu werden. Ich kann mich nicht wehren, will es auch nicht und werde Zuschauerin meiner eigenen Vergangenheit, meiner Zufluchten. Wie ferngesteuerte Flugzeuge tauchen Erinnerungen auf, nicht chronologisch, manchmal ausgelöst durch das Wort eines anderen Menschen, durch eine Filmsequenz, einen vertrauten Duft, ein Bild oder eine Melodie, die von längst vergangenen Tagen erzählt. Ich lasse mich gerne von diesen Sirenen verführen, gleite ab in Empfindungen, die ich als Grundstimmung verflossener Tage immer noch ausmachen kann. So überschwemmen mich in unregelmässigen Abständen fröhliche, überbordende, traurige, zweifelnde, verzweifelte, schuldige Gefühlsregungen, auch verpasste Gelegenheiten wabern an mir vorbei. Alles fliesst, nimmt ohne mein Zutun von mir Besitz, wühlt in den Tiefen meines Gedächtnisses und endet erst, wenn ich in einen traumlosen Schlaf fallen kann. Immer wieder ziehe ich übergangslos Gedanken an die Oberfläche. Keine zeitliche Folgerichtigkeit und keine Korrekturtaste hindern mich daran zu sehen, was ich meinte, tief in mir versteckt zu haben. Soeben Erinnertes findet seinen Weg in mein Wachsein, und Verdrängtes schafft sich Platz in meiner Gegenwart. Erinnerungshilfen sind mir dabei viele Lieder, die ich zur Gitarre gesungen, und Gedichte, die ich vom Beginn meiner mittleren Jahre bis heute geschrieben habe. Der Corona-Hausarrest ist geradezu prädestiniert, Lebensrückblick zu halten und in schon einmal Gedachtes einzutauchen.
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Aufbruch und Krise
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Heute sehe ich mich in meinen frühen mittleren Jahren. Das Wort «Emanzipation», damals ein für mich neues, ungewohntes Wort, begann ich gerade für mich, für mein Leben zu entdecken. Dieses Wort nistete sich bei mir fast ungewollt ein. Wie Schuppen fällt es mir heute von den Augen, dass ich damals dachte, eine ganz andere zu sein, und war doch, reichlich spät, dabei zu lernen, mich selbst und mein bisheriges Leben zu reflektieren und auszuprobieren, wie es sich anfühlt, sich selbst mit allen Bedürfnissen wahrzunehmen. Ich las mich mit Begeisterung durch die neue Frauenliteratur, stellte fest, wie ich mein eigenes Sein nur auf die mich umgebende Welt eingestellt hatte, die ich als von mir mehr und mehr wegstrebend erlebte und die ich nun nicht mehr verstehen wollte und vielleicht auch nicht mehr verstehen konnte. Das Unverständnis wurde gegenseitig. Nun schiebt sich ein altes Bild vor meine ins Dunkel blickenden Augen: Ich sehe mich als junges Mädchen, fast noch ein Kind, das zum ersten Mal das «Tagebuch der Anne Frank» liest. Ich beobachte mich, wie ich von diesem Moment an für meine Eltern eine schwierige Gesprächspartnerin wurde. Ich war empört, keine Heldeneltern zu haben, die während der NSZeit Widerstand leisteten, konnte mit jugendlichem Hochmut ihre Angepasstheit nicht verstehen. Auch damals ein Schritt, mich durch eigenes Denken von meiner Umgebung abzugrenzen und diese Abgrenzung auszuhalten. Ich realisierte, dass neue Erkenntnisse, die ich für wahr erachtete, nicht unbedingt für meine Umwelt dasselbe bedeuteten. Wie in meiner Pubertät wurde nun auch das Leben in meinen mittleren Jahren für mich selbst schwieriger, und ich entpuppte mich im Umgang mit meinen Nächsten jedenfalls als nicht mehr so pflegeleicht, wie ich es vorher einmal war. Ich begann, meine Situation in Worte zu fassen und sang mein erstes Lied noch ganz ungelenk, für mich alleine und vielleicht auch für ein paar andere Frauen, die mich verstanden. 12
Endlich bist du mal so weit 1. Endlich bist du mal so weit, du hängst dich selber mächtig rein. Was du bist, das hast du raus, was du nicht kannst, das lässt du sein. Nicht jeder darf dir was erzählen, du glaubst schon längst nur, was du siehst, und trotzdem machst du’s nicht ganz richtig – irgendetwas läuft da schief. Refrain: In keinem Strom zu schwimmen, ein neues Lied ersinnen, macht dich zum Aussenseiter, zum peripheren Reiter. Ganz ohne Netz und Boden zurück schaun ist verboten, du suchst am falschen Ende auch gleich die Schicksalswende. 2. Welche Rolle spielt dein Partner, welche Rolle spielt dein Kind? Welche Rollen spielen alle, die so täglich um dich sind? Manchmal fehlt dir auch der Sensor, und dem Durchblick fehlt das Ohr. Recht vernebelt und vernagelt kommt dir dann das Leben vor. 3. Du lernst zu leben, nimmst dein eignes Schicksal selber in die Hand. Du lernst das Lassen und das Lösen von so manchem festen Band. Weil dich nichts mehr hält, hat Neues endlich seinen Platz in dir. Du lebst dein Leben jetzt, ja dafür hast du endlich ein Gespür. Refrain: Du kannst alleine schwimmen, du brauchst kein Ziel ersinnen, du bist kein Aussenseiter, kein peripherer Reiter; fehlt dir auch Netz und Boden, bleibt dir doch nichts verboten. Es steckt in jedem Ende auch gleich die Schicksalswende.
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Ich kann immer noch nicht schlafen und summe dieses Lied vor mich hin, es will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich erinnere mich an die Kraft, die ich damals verspürte, als ich es immer und immer wieder vor mich hinsang. Doch dann fallen mir die vielen vorausgehenden inneren und äusseren Kämpfe ein. Alle Mutlosigkeit und das Immer-aufs-Neue-in-den-damaligen-Strom-Zurückgeworfenwerden. Das war es, was mir damals Angst machte. Mehr als einmal traute ich mir nichts zu. Ich schaffte den Absprung einfach nicht, meinte wieder und wieder, dass ich mich nie aus alten Mustern würde befreien können. Zuweilen erschrak ich über meinen eigenen Mut und wollte nicht nur einmal alles rückgängig machen. Häufig bin ich nachts in meinen Garten gegangen, habe meine grosse, schöne Lärche umarmt, die oft die einzige war, von der ich mir Schutz und Hilfe versprach. Nun flüstern mir die alles wissenden Nachtgedanken dieses Ringen um Kraft zu, und ich höre meinem damaligen Lied mit Nachsicht und Empathie zu.
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Meine verborgenen Wurzeln 1.
Wenn alle Wut sich über mich entlädt, wenn jeder Vorwurf vor der Türe steht, wenn alle Schuld sich in mein Herz einfrisst und meine Seele flattert, kaum noch ist. Refrain: Dann lehn ich an den stärksten Baum, umfang ihn ohne nach hinten zu schaun, spür seine Kerben und Ringe von Jahren, leg meine dazu, die vergangen waren. Ich fühl seine Wurzeln, die starken, tief unten. Wie meine, ins Unsichtbare gesunken.
2. Wenn Unzulänglichkeit mich treu begleitet und Fähigkeit mich ständig meidet, wenn Vorsatz nur beim Vorsatz bleibt, und Trägheit mich zu Trägheit treibt. 3. Wenn jeder weiss, nur ich, ich weiss es nicht. Wenn jeder rät und rät und spricht und spricht. Das wäre gut und jenes noch gescheiter. Tue das, tue dieses – und ach, «es geht schon weiter!» 4. Wenn Angst vor dem Morgen mich einengt und quält. Wenn Angst vor dem Neuen in Spannung mich hält. Wenn Angst vor dem Lösen das Auge mir trübt. Wenn in Angst vor der Angst meine Panik sich übt.
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Damals wie heute nehme ich alle Gedanken, alle Gefühle, die mich bewegten und nun wieder in mein Bewusstsein fallen, wahr und tauche ein in diese Zeiten des inneren Aufbruchs zu neuen Ufern, als ich noch nicht wusste, wo ich meinen Anker werfen würde. In der Rückschau erkenne ich deutlich mein eigenes, bisweilen trotziges und manchmal auch ängstliches Gesicht. Dennoch ging ich unbeirrt weiter und brach viele Brücken hinter mir ab. Ich schaue meinem alten Ego zu, das sich mit immer wieder aufkommenden Zweifeln plagte, unsicher, ob ich das Richtige tat, ob ich jemanden mit meiner Unbeirrtheit verletzen könnte. Es scheint mir im Nachhinein, dass ich keinen Schritt gehen konnte, ohne einem Menschen weh zu tun. Permanent fühlte ich mich angegriffen, und andere fühlten sich von mir angegriffen. Aus einem so lange gelebten Weg auszusteigen, auch wenn er als ungut empfunden wurde, ist schwer und mit Rückschlägen gepflastert. Vieles liess ich zurück, von dem ich noch nicht wusste, ob ich es vielleicht vermissen würde. Ich erinnere mich an Tränen und an Wut, doch auch an ein unbewusstes Wissen, den richtigen Weg zu gehen.
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Loslassen 1. Loslassen … kann ich nicht! Loslassen … will ich nicht! Ich möcht einfach bleiben, auch wenn keiner mich hält. Kein Gatte, Geliebter, Vertrauter, kein Held. Auch wenn Träume geträumt und wieder zerronnen, wenn Hoffen erstorben, kaum hat es begonnen. Refrain: Dann wird’s immer wieder Frühling, voll Farben und Licht. Den üppigen Sommer ertrag ich fast nicht. In den warmen Herbst, da schmieg ich mich ein, trunken und bald wird es Winter sein. 2. Ich kann loslassen. Ich will loslassen. Ich bin schuldig, verantwortlich, mutig, gemein, wahnsinnig, egoistisch, anmassend – doch nein: Ich weiss, ich bin traurig, voll Angst und ganz klein. Meine Kraft hat mich verlassen, ich fühl mich allein. Refrain: Trotzdem wird es Frühling voll Farben und Licht, den üppigen Sommer ertrag ich immer noch nicht. In den warmen Herbst, da schmieg ich mich ein, trunken und bald wird es Winter sein. 3. Ich wollte loslassen. Ich konnte loslassen. Jetzt leb ich als Mensch, heute traurig, morgen high, gefangen in mir selber, und doch wieder frei. Neue Freunde, neue Feinde, alles offen, nichts ist Brauch. In Gedanken kann ich fliegen und im Fühlen tu ich’s auch. 17
Refrain: Erst der Winter gibt dem Frühling seine Farben und sein Licht. Den Sommer und den Herbst, ich vergess sie schon nicht. Heute lass ich mich tragen und morgen mich fallen. Ich bin alles und nichts und niemand zu Gefallen.
Kriegsgedanken Dünnhäutig war ich in dieser Umbruchzeit geworden, ertrug wenig. Voller Entsetzen sah ich im Fernsehen die Nachrichten über das Kriegsgeschehen am Golf. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Krieg so blutleer übertragen wurde. Nur ferngesteuerte Einschüsse, keine Menschen, keine zerstörten Häuser, nur viele Diskussionen mit unterschiedlichen Beurteilungen und Kommentaren. Das erschütterte mich zutiefst. Da fiel mir zufällig ein Spruch von Mathias Claudius in die Hände: «S ist leider Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein.» Genau so fühlte ich mich. Es wurde ein Lied.
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Golfkrieg Refrain: S ist leider Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein. 1. 17. Januar 1991: Kriegsbeginn im Fernsehen – pausenlos – Einschaltquoten – Technik – sauber – wie Nicht-Krieg! 2. Fernsehdiskussion – Kriegsnotwendigkeit – Friedensdemonstrationen. Schweinehund Hussein – Weltretter Bush. Hussein, Retter der islamischen Welt und der Palästinenser – Bush, Streiter des dekadenten westlichen Kapitalismus! Pro – contra, pro – contra, pro – contra …! 3. Immer noch sauber – blutlos, wie menschenleer – Maschinenkrieg – zensuriert – Diplomatenbemühungen – Konferenzen – leere Versprechungen mit Milliardenbeträgen. 4. Im Traum schreck ich auf. Ich weiss, wie Krieg aussieht: Aufgeschlitzte Bäuche – gequollene Därme – zertrümmerte Gesichter – zerquetschte Leiber – Blut – Scherben – Chaos – Schmerzen – Trauer – Angst – und Tränen. Hilflose Kinder – und immer wieder Augen, die Krieg nicht verstehen. Wer möchte da das Gewissen dieser Welt sein?
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Nun liess mich der Krieg in meiner Schlaflosigkeit wieder nicht mehr los. Die Bilder bevölkerten meine Nachtgedanken. Meine Augen blicken im Dunkeln in meine früheste Kindheit. Ich fühlte mich wieder dem Schrecken des Bombenhagels, der Angst und der Ungewissheit ausgeliefert. Ich werde zurückkatapultiert in die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs. Ich kenne das Schicksal, ausgebombt zu sein, Heimat verloren zu haben, bin wieder das kleine Mädchen, das verloren in fremder Umgebung genau das sieht, was diese Reportagen nicht zeigen. Ich sah wieder die Buben, die im Volkssturm verheizt mit Bauchschüssen auf der Treppe des Landgasthofs lagen, in den ich mit meiner Mutter und meiner Grossmutter evakuiert worden war. Sie schrien nach ihren Müttern und nach Wasser. Meine Grossmutter gab ihnen wenigstens Wasser, der einzige Wunsch, den man ihnen noch erfüllen konnte, auch wenn sie wusste, dass das ihr Leiden verschlimmern und das Leben dieser Buben verkürzen wird. Was hätte man anderes für sie tun können? Die Mütter waren ja weit weg und wussten nicht, wie elend ihre fünfzehn- bis siebzehnjährigen Söhne dalagen. Einige starben unter unseren Augen und wurden mit denen, die noch ein wenig lebten, auf offene Lastwagen geworfen und abtransportiert. Ich erinnere mich, dass ich weinte und mich an meine Grossmutter presste, die in ihrer Üppigkeit so viel tröstliche Mütterlichkeit verkörperte. Als ein Panzer einen auf der Strasse liegenden Toten platt quetschte, zerriss ich in unserem Zimmer meine teuren Käthe-Kruse-Puppen, die vom Bombenhagel gerettet und doch so unwirklich waren. In diesem Moment konnte ich ihnen nichts mehr abgewinnen. Der Krieg nimmt in meinen schlaflosen Nächten wieder einmal mehr Raum ein. Ich denke an das Theaterstück «Ein Stück Sauberkeit» von Dragica Rajčić, ein Kammerspiel über den Balkankrieg, das ich besuchte und das bei mir auch zu einem Lied wurde. Ich erinnere mich, dass es die Zeit war, in der die Feminisierung der 20
Worte Kapriolen schlug, die ich nie ganz verstehen konnte. Wa rum schöne Wörter, die nun einmal einen männlichen Artikel hatten, partout feminisiert werden mussten, kam mir absurd vor. Mit meinem eigenen Verständnis von Emanzipation hatte das überhaupt nichts zu tun. Darum kommt in diesem Lied ausser der Erschütterung über das Kriegsgeschehen auch versteckt diese leise Kritik vor. Vor allem jedoch geht es in diesem Stück um die Frauen im Krieg. Und davon habe ich eine Ahnung. Meiner Grossmutter, die, während eines Wochenendaufenthalts bei uns, durch einen Bombenangriff alles verloren hatte und von da an unsere Welt teilte, habe ich es zu verdanken, dass ein Mensch da war, an den ich mich schmiegen konnte, wenn mich die Angst packte, auch wenn unsere Kommunikation eher spärlich war. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und konnte sich sprachlich nicht mehr gut ausdrücken. Doch ihre Wärme brauchte keine Sprache. Während des Kriegs kannte ich wenige Männer, und wenn welche da waren, dann waren sie alt oder sehr jung. Meinen Vater kannte ich sowieso nicht, er wurde zum Kriegsdienst eingezogen, da war ich drei Monate alt, und er kam wieder zurück, da besuchte ich die erste Klasse. Was ich als Kind eher unbewusst erlebte, vergrub ich dennoch tief in mir und merke nun, wie es sich immer wieder einen Weg in mein Bewusstsein sucht. Im Gedächtnis blieben mir jedoch die Frauen, die damals meine Welt bestimmten. Das folgende Lied erscheint mir heute wie eine Verdeutlichung meines damaligen Denkens, in dem vieles enthalten ist, womit ich in diesen Ablösungsjahren konfrontiert war und worunter ich litt. Die Machtlosigkeit, die besonders im Kriegsgeschehen, im Privaten wie auch im Allgemeinen, spürbar ist, war damals das, was mich am empfindlichsten traf. In vielen Nächten ging und gehe ich diesen Weg zurück. Immer wieder ein Stückchen tiefer.
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