Brigitte Schmid-Gugler
Am Hummelwald
orte Leseprobe
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Brigitte Schmid-Gugler
Am Hummelwald Miniaturen einer Kindheit auf dem Lande
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
Die Mutter schweigt. Sie hat etwas, aber DAS KIND weiss nicht, was sie hat. Wenn es die Mutter fragt, was sie hat, sagt sie nichts. Lange geht das, bis die Mutter ihr Schweigen bricht. Viel, viel länger, als es dauert, bis jemand drüben beim Mäseli die ertränkten Kätzchen aus dem Brunnentrog fischt. Vergessen gegangene zerfledderte Lumpen.
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Die grossen blauen Knöpfe an Mutters Sommer mantel sind schön. Auch der Stoff ist schön. Mutter ist schön. Sie ist die Schönste. «Hör auf, an den Knöpfen zu drehen! Wehe, du reisst mir einen ab», sagt die Mutter.
Früher
Morgen. DAS KIND liegt still und lauscht. Kein Tageslicht dringt durch die Fensterläden ins Zimmer. Aber das Geräusch von draussen ist ihm vertraut. Mäselis Vater mäht das Gras. Solange es noch nass ist von der Nacht. Seine Wiese reicht bis ans Mäuerchen mit Mutters Gartenbeeten. Zwischen dem Zischen der Sense ein lautes Rülpsen. Dann das Ausspucken von Schleim. Und wieder alles ganz still. DAS KIND schliesst die Augen und hört, wie eine Amsel zu singen beginnt. Von weiter entfernt ein Echo. Es will nicht vergessen, Zwerg und Mamsell zu fragen, ob sie verstehen, was die Amseln singen.
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Die Schritte der Mutter. Sie schiebt eine Hand unter die Bettdecke. Die Hand ist eiskalt. Sie kitzelt DAS KIND. Mit der anderen Hand zieht sie blitzschnell die Decke über seinen Kopf und hält sie fest. DAS KIND ist nun hellwach. Atmet schnell. Muss würgen. Es hört die Mutter lachen. Dann zieht sie ihre Hände zurück und ruft: «Aufstehen!»
An manchen Tagen beobachtet DAS KIND, wie bei Zwerg und Mamsell in der Hohen Thuja ein Räuchlein aufsteigt. Vielleicht paffen sie Nielen, denkt es sich aus. So, wie es die Buben tun. Blinder muss dann immer husten. DAS KIND weiss nicht, warum dem Nachbarsbuben alle Blinder sagen. Denn blind ist er mit Sicherheit nicht. Wie sonst würde er jedes Mal treffen, wenn er DEM KIND oder dem Mäseli oder anderen Mädchen die Faust in die Magengrube schlägt. Einmal, DAS KIND hatte sich auf dem Schulweg erbrechen müssen, klagt es der Mutter: «Blinder hat mich wieder in den Bauch geschlagen.» Sie sagt: «Selber schuld, musst halt nicht immer zu ihm hinschauen.»
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Jetzt
kommt das Mäseli herüber. DAS KIND geht mit ihm Blumen köpfen für den Herrgottstag. Sie nehmen den Weg gegen das Fussballfeld hinauf. Gegen den Hummelwald zu. Die geflochtenen Körbchen haben sie sich wie Helme über den Kopf gestülpt. Sie fassen sich übers Kreuz an den Händen, Mäselis Hände sind immer rau. Auch die Haut an den Armen und an den Beinen ist rau. Mäseli muss sich oft kratzen. Komm, wir wollen wandern, von einer Stadt zur andern, und wenn der Kaiser König kommt, dann kehrn wir wieder um. Bei ‹um› gehen sie rückwärts und beginnen von vorne. Später erfinden sie Wörter, die mit O oder mit A beginnen. Dann machen sie einen Reim. «Omelett und Antoinett sind doch beide supernett. Das eine kringelt s Schwänzchen, das andre schnürt sein Ränzchen. Amen. Amen.» Mäseli und DAS KIND müssen lachen und lachen. Sie nehmen ihre Körbe vom Kopf und schnippen Margeritenköpfe, Witwenblumen und Schlüsselblumen von ihren Stängeln. «Nur die Köpfe», hat man ihnen aufgetragen.
Doch beim Hummelwald will das Mäseli plötzlich umkehren. Es will nicht sagen warum. Dabei ist der Hummelwald der Ort, wohin DAS KIND am liebsten geht. Denn dort, inmitten einer Lichtung, graben Männer schon lange im Boden herum und finden Sachen aus einer sehr alten Zeit. Viel älter noch als die Königin-Kirche. Unter den Sachen, die sie gefunden haben, war auch eine Blaue Glasperle. Das hat der Vater aus dem Pfarreiblatt vorgelesen.
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Sehr
lange, bevor DAS KIND gelernt haben wird, sich selbst zu waschen, auch dort, wo die Mutter es jeweils mit dem Waschlappen geschrubbt hatte, als ob es viel Dreck wegzuputzen gäbe, sodass es nachher brannte. Und lange bevor DAS KIND sich (nun nicht ohne Lust) dort reiben liess. Und lange bevor DAS KIND begriffen haben wird, dass das Blut nun jeden Monat kommen würde und keine Bestrafung war. Und lange bevor DAS KIND ahnen wird, dass selbiger Onkel der Sauhund gewesen sein musste, von dem die Mutter damals gesprochen hatte, als es frierend in der Badewanne sass, hatte Hochwürden der Bäckersfrau einen Besuch abgestattet.
Der Herr Pfarrer mahnt: «Sie müssen jetzt tapfer sein. Und zu Ihrem Mann stehen. Der braucht Sie. Was passiert ist, ist passiert. Die Magd ist halt jung, sie wird ihm schöne Augen gemacht haben. Ihr Mann, ein wahrer Christ und dazu Mitglied unseres Pfarreirats, handelt gewiss im Namen des Allmächtigen, wenn er das Fräulein nicht wegschickt. Und gebeichtet hat er auch. Wo soll denn der Tropf mit dem Balg sonst hin?»
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Dann betet Hochwürden noch ein Vaterunser mit der Bäckersfrau. Sie stellt ihm – er schon am Gehen – einen Schnaps hin und holt vorne im Laden einen Spitzbuben. Er nimmt beides. Zwischen den Falten seiner Soutane zieht er ein Röllchen hervor, zusammengehalten von einem Gummiband. Das streift er ab und sucht von den Andachtsbildchen eines aus, streicht es auf dem Küchentisch mit der Handkante glatt und gibt es der Bäckersfrau. Jesus, gemalt, wie er sein Kreuz auf Golgotha trägt.
DAS KIND streicht ein letztes Mal um die Hohe Thuja herum. Es weiss, dass sie gefällt werden soll. Es weiss, dass alles Warten nichts nützt. Zwerg und Mamsell kommen nur noch in seinen Träumen vor. Einmal haben sie von Quimbombo erzählt, von dem Ort, wo sie gerade waren. Dort züngle an vielen Stellen Feuer aus der Erde. Das Land sei voll von dichten Thujawäldern. Jeder einzelne Baum viel höher als seine, die Hohe Thuja im Garten DES KINDS, das es einmal war.
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