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Lauralei

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Karin Künzle

LAURALEI Roman

orte Verlag


Die Herausgabe dieses Buches wurde unterstützt durch: Kulturkommission Teufen Verein Kultur Toggenburg

© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Roman Burch, FORB Kommunikation Umschlagillustration: Silvia Pfister Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-284-7 www.orteverlag.ch


Halte den fliehenden Engel fest, bis er dich segnet. Novalis

Für meine Familie

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Prolog Als ich das erste Mal etwas von Lina hörte, da war ich wahrscheinlich noch ein Kind. Sie war ein grosses, fein gehütetes Geheimnis, dessen kleiner Schatten sich von Zeit zu Zeit über das Gesicht meines Grossvaters legte, ohne dass ich es hätte deuten können. Immer hiess irgendeine Kuh in Grossvaters Stall Lina. Immer. Und er hatte sie stets am liebsten von allen. Dabei waren sie nie speziell. Keine Gört oder Blüem. Nur normale Kühe. Es ist fast lächerlich, darüber zu schreiben. Aber nun, da ich um deren Bedeutung weiss, ist es mir, als hätte ich viel zu viele Gelegenheiten verpasst, all die Linas zu liebkosen. Als ich nach seinem Tod diese Kiste in den Händen hielt, aus der mir ein Fragment ums andere aus Linas Leben entgegenzuspringen schien, da war mir alles klar. Das dachte ich zumindest für lange Zeit. Bis ich Lina traf. Lina, die mehr dunkle Geheimnisse hütete als alle anderen, die ich kenne. Lina, die schöner tanzte als jede Bergdohle. Lina, die so böse werden konnte, dass es mir beim blossen Erinnern den Atem verschlägt.

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Teil 1

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Lina alt st. johann, 31. märz 1940

Bergdohlen Man sagt, die Bergdohle fliege aus purer Freude am Leben sie tanze wilder als die Gewitternacht! höher und höher lässt sich dann fallen und lacht Man sagt, sie fliege dort oben in den Bergen wo der Fels wie ein Pferdekopf in den Himmel ragt Ich hab sie nie gesehen doch manchmal nachts flieg ich als Dohle zum Säntis und tanz den Reigen der Dämmerung zwischen Wettertanne und niederschnellenden Steinen im Glanz der Nacht und ich kann weinen Man sagt, die Bergdohle fliege aus purer Freude am Leben und sie singe dabei mal traurig, mal frei mal lüpfig und leicht Man sagt, es halle von den Bergen wider ihr Gesang als leises Gebet bis hinunter ins Tal Ich kenne einen, der vermag ihre Lieder auf seinen Saiten zu spielen und manchmal nachts 11


flieg ich als Dohle zum Säntis und tanze zu ihnen Lina hielt das frisch geschriebene Gedicht vor sich in den Händen. Sie senkte den Kopf und las die Zeilen immer und immer wieder. Langsam und leise flüsternd. So, als habe sie Angst, dass, wenn niemand sie aussprechen würde, sie einfach vergessen gingen. Sie sass an ihrem Schreibtisch. Einem kleinen, gut gebauten Holztisch mit einer einzigen Schublade, die sie hütete wie einen Schatz. Ein Tintenfass und lose Blätter lagen auf dem Tisch. Daneben ihr Tagebuch, eingefasst in rosafarbenen Leinenstoff. Sie trug es stets in ihrer Tasche mit sich, machte Notizen, kleine Zeichnungen, legte Blätter oder Zeitungsausschnitte hinein. Manchmal schrieb sie ganze Texte oder Gedichte in ihr Buch. Oft sass sie da und hielt es mit beiden Händen fest an ihre Brust gedrückt. Als würde alles, was unausgesprochen in ihrem Herzen lag, so den Weg in die weite Welt finden. Zuhinterst auf dem kleinen Tisch befand sich eine Bibel. Seit langer Zeit unberührt. Direkt darauf stapelten sich weitere Bücher. Einige Kalender, ein Bilderbuch und ein kleines, leicht vergilbtes Heft mit der Aufschrift «Gedichte für alle Tage». Lange schaute die junge Frau zum Fenster hinaus und zum Säntis hoch. Es war ein klarer, kalter Frühlingstag, und für ihren morgendlichen Gang über den Hof musste sie den dicken Wintermantel tragen. Die Sicht war ungetrübt und der Säntis ragte eindrucksvoll in den Himmel. Lina seufzte bei seinem Anblick. Wenn der Sommer da war, würde sie viele Male am Sonntag auf der Wiese unter der Linde sitzen und den Säntis betrachten. Vielleicht würde er ihr dann auch Geschichten erzählen. Wie so oft war sie selbst tief berührt von dem soeben geschriebenen Gedicht. Hatte sie es wirklich selbst geschrieben? Es war lange her, dass die Worte so frei und fliessend durch sie hindurch zu Papier kamen. Sie fühlte diese Wärme durch 12


ihre Brust strömen; ein leises Pulsieren und eine aufsteigende Freude. Ähnlich wie sie es empfand, wenn sie Gedichte oder Geschichten las in ihren Lieblingsbüchern. Sie errötete bei diesem Gedanken und schob ihn beiseite. Nie würde sie sich messen wollen mit den grossen Dichtern und Denkern. Sie schalt sich selbst überheblich und liess den Blick wieder zurück zum Säntis gleiten. Er hatte nichts von seinem Glanz und seinem Stolz verloren in den Jahren. Zaghaft schien sich eine Wolke ihren Weg über den Gipfel des Berges zu bahnen. Es sah fast so aus, als ob sich Berg und Wolke zu einem kurzen Tanz begegneten. Dann gab die Wolke die Sicht auf den Gipfel wieder frei und liess sich in einer neuen Gestalt über den Schafberg treiben. Lina betrachtete das Schauspiel fasziniert. Dann besann sie sich und faltete das vorliegende Papier sorgfältig, legte es in einen Umschlag mit der Aufschrift «Johann». Sie stellte sich vor, wie der Brief bei seiner Schwester ankäme und diese ihn aufheben würde, bis Johann aus dem Dienst zurückkehrte. Ob es ihm gut ging? Ob er noch immer an der Grenze war? Ob er an sie dachte? Ob … «Lina!» Das laute, ungeduldige Rufen ihres Vaters riss Lina aus ihren Gedanken. «Liinä!» Was wünschte sie sich doch, endlich hier weg zu können. Wenn Hans aus dem Dienst zurückkehrte, würde er den elterlichen Hof übernehmen. Sobald er eine anständige Frau gefunden hatte. So jedenfalls stellte es sich der Vater vor, und er betonte es mehr als genug in Linas Gegenwart. Spätestens dann sollte auch sie eine Lösung gefunden haben. Lina dachte etwas wehmütig an ihren Bruder. Sie vermisste ihn. Jeden Tag, wenn sie den Briefkasten leerte, hoffte sie auf eine Nachricht von Hans. Dass Johann ihr schreiben würde, hielt sie für unmöglich. Lina stieg die steile Treppe hinunter in den Flur. Mehrmals hielt sie inne, schloss die Augen und atmete tief durch. 13


Der Schwindel war wieder da. Dann tastete sie mit der linken Hand nach der Wand und stützte sich beim Gehen ab. Sanft wischte sie sich eine Schweiss­ perle von der Stirn und betrat die Küche, wo sie sich an den grossen Küchentisch neben ihre Mutter setzte. Die Sonne stand hoch am Himmel und durch das Küchenfenster fiel nur wenig Licht. Mutter hatte eine Kerze angezündet, die spärlich den Küchentisch erhellte. Lina faltete ihre Hände zum Gebet und senkte den Kopf. «Hoffen wir, Er hört uns!», murmelte der Vater in seinen Bart und sprach das Gebet: «Vater im Himmel. Wir danken dir für Speis und Trank. Behüte uns heute und alle Tage. Und segne unseren geliebten Sohn Hans, der für unser Vaterland im Dienst ist. Und bitte segne unsere Tochter mit einem Mann, dem sie eine tüchtige und untergebene Ehefrau sein kann. Und dem sie viele Kinder schenken wird. Amen». Lina atmete tief ein und liess einen kaum hörbaren Seufzer über ihre Lippen kommen. Würden ihre Eltern je verstehen? «Wir möchten doch nur das Beste, Lina. Mädchen! Du sollst es einmal gut haben. Kannst ja nicht für immer in der Kammer hocken. Und ledig dazu …», versuchte die Mutter sich zu erklären. «Du bringsch üs no z Armetage!», fluchte ihr Vater, und damit war das Gespräch für ihn erledigt. Schweigend assen sie zu Mittag. Lange kaute Lina an der Brotkruste. Normalerweise hätte sie sich sehr über die dampfend heisse Mehlsuppe mit dem vielen Käse und über das frische Brot gefreut, das ihre Mutter aufgetischt hatte. Noch nicht lange war es her, da wäre so ein Essen undenkbar gewesen. Die Rationierungen während der Kriegszeit machten es schwer, an Weissmehl zu kommen. Ihrer Familie ging es dennoch verhältnismässig sehr gut, dessen war Lina sich bewusst. Aber heute war ihr nicht nach Essen zumute. Es fühlte sich fast so an, als würde sie mit jedem Bissen auch etwas von der Wut ihres Vaters mitessen, die so deutlich 14


im Raum zu spüren war. Trotzdem ass sie die Schüssel leer und räumte dann, ohne ein Wort zu sagen, die Küche auf. Den Nachmittag verbrachte sie in ihrem Zimmer. Froh darüber, dass heute einer der wenigen freien Nachmittage für sie war. Sie legte sich auf die harte Matratze ihres Betts und stellte sich vor, wie sie eine glückliche Familie wären. Sie, Johann und Hannes. Fragte sich, wem von beiden Hannes wohl gleichen mochte und ob er schon laufen konnte? Je länger sie auf dem Bett lag und sich in ihren Gedanken Bilder ausmalte, umso realer erschienen sie ihr. Es war fast so, als läge Johann neben ihr. Sie sah sein Gesicht vor sich. Sein Grinsen, wenn er ihr eine Geschichte erzählte. Seine ernsten, dunklen Augenbrauen, die über der Nase zusammenwuchsen und zu einer einzigen buschigen Linie wurden. Sein dichtes, dunkelbraunes – fast schwarzes – Haar, das er sich, wenn er arbeitete und schwitzte, immer wieder aus der Stirn strich, oder mit dem er, wenn er gedankenverloren in die Weite blickte, spielte. Sein Hemd, das er am Tag seiner Ankunft trug und dessen weiss gestreiftes Muster sie so mochte. Düfte stiegen ihr in die Nase. Tabakrauch und ein Hauch von Sommerregen, der auf die warme Kiesstrasse fiel. Der Duft von Heu und Schweiss. Sie roch die zarte Babyhaut, den Geruch von Muttermilch. Und dann sah sie es vor sich. Dieses kleine Bündel, das ihr Herz so zum Pochen brachte. Es roch nach Kiefernadeln. Nach Erde und nach Dunkelheit. Der Boden war schwer und nass. Erstaunt darüber, dass sie völlig furchtlos durch die Dunkelheit rannte, bemerkte Lina, dass sie nicht allein war. Jemand oder etwas war dicht hinter ihr. Sie fühlte sich verfolgt. Sie rannte, ohne jegliche Orientierung in Zeit oder Raum. Jetzt bloss nicht hinfallen, nicht die Kleider schmutzig werden lassen. Jetzt bloss nicht hinfallen. Würden ihre Füsse sie tragen? 15


Lina stolperte von Baum zu Baum. Benommen schaute sie durch die Baumkronen, um irgendwo ein kleines bisschen Sonnenlicht zu erhaschen. Doch sie sah nur das Blätterdach, das kaum einen Lichtschimmer durchliess. Selbst ihr dicker Wintermantel hätte mehr Löcher gehabt, um Sonne durchscheinen zu lassen. Doch die Tatsache, dass irgendwo da oben Licht sein musste, liess sie ruhiger werden. Sie hörte sich selbst seufzend ausatmen und lächelte über ihre eigene Naivität. Ihre Schritte wurden ruhiger. Hinter sich hörte sie noch immer das leise Atmen ihres Verfolgers. Sie grub ihre nackten Füsse in die Erde. Unerklärlicherweise schienen all die Dornen der Brombeersträucher ihr nichts anhaben zu können. Der Wald fühlte sich ausgestorben an. Die Sträucher und Bäume schienen still zu stehen. Kein Vogel pfiff sein Frühlingslied, kein Eichhörnchen liess sich in den Ästen blicken. Selbst ihren eigenen Atem hörte Lina nicht. Da war nur das leise, aber stete Atmen ihres Verfolgers. Lina traute sich nicht, sich umzudrehen. Sie hielt den Saum ihres Rocks in beiden Händen, um noch schneller rennen zu können. «Die Erde trägt dich. Die Erde trägt dich», sagte sie sich immer wieder, so als würde sie mit einem Kind sprechen. «Sie muss dich tragen!» Ihre Schritte waren sicher und präzise. Fast wie die eines Rehs. Lina lachte laut auf beim Gedanken, ein Reh zu sein. Sie wollte anhalten und ausatmen. Die Situation kam ihr unwirklich vor. Warum rannte sie überhaupt? Plötzlich riss ein Windsturm sie zu Boden. Zu ihrer Rechten hüpfte eine Krähe auf und ab. Dann kam leise flüsternd eine kleine Gestalt auf sie zu. Sie sah aus wie ein Fuchs. Oder war es doch ein Mensch? Jetzt erst kam die Angst. Etwas zog sich ganz tief in ihrem Körper zusammen. Wie eine Faust, die immer stärker zupackte. Lina wollte schreien, doch kein Ton verliess ihre Kehle. Ihre 16


Muskeln verkrampften sich zu einer dicken, undurchdringbaren Einheit. Eine warme Flüssigkeit durchtrank ihren Rock. Es roch salzig und süss zugleich. Und noch immer drang kein einziger Sonnenstrahl durch das Blätterdach. Dann wachte sie auf, und endlich verliess der Schrei ihre Kehle. Nur ein Traum! Nur ein Traum! Immer wieder derselbe, erschreckende Traum. Lina griff sich zwischen die Beine, um sicher zu gehen, dass sie keinen Urin verloren hatte. Alles war trocken. Mittlerweile war es dunkel geworden. In ihrem Zimmer war es genauso düster wie im Traum. Sie zündete eine Kerze auf dem Nachttisch an und versuchte, sich zu beruhigen. Doch noch immer war dieses beklemmende Gefühl in ihrer Brust. Würde die Erinnerung jemals verblassen? Ihr Atem blieb flach, und auch der Versuch sich abzulenken, indem sie einen Brief zum Versenden bereitmachte, scheiterte. Ihr Herz raste und Schweisstropfen rannen ihr über die Schläfe. Also stand sie auf, den Brief in der Hand, und machte sich etwas benommen auf den Weg in die Küche. Mutter war bestimmt schon dabei, Abendessen zu machen. Mein lieber Hans Wie geht es dir? Und meinem Braunen? Seid ihr wohlauf? Wann kommst du heim? Es ist ohne dich hier kaum auszuhalten. Der Vater ist böser denn je. Die Mutter ist stummer denn je. Ich darf nicht zur Arbeit, könnte ja fliehen, darf nicht ins Dorf, man könnte ja reden. Ich bin gefangen. Jede Nacht im Traum werde ich verfolgt, ich kann nicht aufwachen, obschon ich es versuche, und das viele Blut, immer dieses viele Blut. 17


Ich bete inständig, der Krieg möge bald zu Ende sein! Hans, komm heim! Und heb Sorg.

Dini Lina

Johann alt st. johann, mai 1937

Es war ein warmer Frühlingstag, als Lina und Johann sich zum ersten Mal begegneten. Lina sass in der Küche und half der Mutter beim Kartoffeln schälen. Die Stimmung war gut. In der Nacht war ein gesundes Kuhkalb zur Welt gekommen. Hans durfte abends sogar zum Tanz. Lina wusste, dass sie ihm dabei helfen durfte, sich zurecht zu machen. Darauf freute sie sich den ganzen Tag schon. Manchmal errötete sie beim Anblick ihres Bruders. Sie hatte ihn so gern, dass sie sich zuweilen dabei ertappte, wie sie ihm heimlich nachschaute und seufzte, wenn er lächelnd das Haus verliess und zur Arbeit ging. So einen Mann wollte sie einmal. Genau so einen. Während sie über ihren Bruder nachdachte, öffnete sich die schwere Küchentür und ihr Vater deutete mit einer nickenden Kopfbewegung auf den jungen Burschen hinter sich. «Johann. Der Knecht.» Lina grüsste höflich und senkte schnell den Blick. Die Mutter bat den Knecht, näherzukommen und räumte Kartoffeln und Zeitungen beiseite. Vater brummte etwas Unverständliches und verliess die Küche. Lina versuchte, einen erneuten Blick auf den jungen Mann zu werfen, der etwas schüchtern und unbeholfen, aber mit einer sehr stolzen Haltung im Türrahmen stand, und lächelte ihn an. Er schien ein wenig angespannt zu 18


sein, spielte mit beiden Händen an der Knopfleiste seines Hemdes, das einen stattlichen, wenn auch gebrauchten Eindruck machte. Seine Arme waren braungebrannt, und im Vergleich zum weissen Stoff des Hemds sah seine Haut fast südländisch aus. Lina war froh, dass ihre Mutter alle Leute stets wohlwollend empfing und immer versuchte, eine gute Gastgeberin zu sein. Nachdem Ida Koller sich die Hände an der Schürze gesäubert hatte, hielt sie Johann die rechte entgegen, und dieser erwiderte erleichtert den freundlichen Händedruck seiner neuen Hausherrin. Sie wechselte ein paar Worte mit dem jungen Knecht. Wie es um die Wiesen drüben in Schwellbrunn stünde und ob es auch ein kalter Winter gewesen sei. Johann beantwortete alle Fragen geflissentlich und setzte sich dann. Die Mutter tischte Brot, Butter und Kaffee auf und stellte dem jungen Knecht interessiert weitere Fragen. Nun, da er am Tisch sass, seine Tasse Kaffee in beiden Händen, konnte Lina ihn genauer betrachten. Seine Hände waren kräftig und zerfurcht. Die weisse Tasse mit dem Blumenmuster verschwand fast gänzlich zwischen ihnen. Ihr Blick blieb bei Johanns leuchtenden Augen hängen, die eine Mischung aus grün, blau und braun hatten. Sein Haar schien im Kontrast dazu noch dunkler, als es eigentlich war. Es war leicht gelockt und er trug es länger, als sie es sich von den jungen Männern im Dorf gewohnt war. Eine der Locken fiel ihm immer wieder in die Stirn und über die Augen, die von buschigen, dunklen Augenbrauen betont wurden. Sein kantiges Gesicht und die hohe Stirn liessen ihn sehr erwachsen wirken. Und doch lag in seiner Art zu sprechen, wie er immer wieder verschmitzt lächelte, etwas kindlich Neugieriges und eine Fröhlichkeit, die Lina sehr gefiel. Einige Male blickte Johann in ihre Richtung, liess aber den Blick schnell weitergleiten, als er bemerkte, dass sie ihn fortwährend interessiert anschaute und dem Gespräch lauschte.

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Johann und die Mutter lachten laut auf. Ganz damit beschäftigt, den jungen Mann zu betrachten, hatte Lina nicht mitbekommen, worüber die beiden sich amüsierten und fühlte sich ertappt. Sie lächelte verlegen, als Johann sie ansah und tat dann, als wäre sie vertieft in ihre Lismete, die sie mittlerweile aus dem Korb geholt hatte. Dann und wann sah sie jedoch auf und hoffte, dass ihre Blicke sich abermals begegneten. Wer bei dieser ersten Begegnung zwischen Lina und Johann hätte dabei sein können, hätte schnell bemerkt, dass diese beiden jungen Menschen mehr verband, als ein zufälliges Zusammentreffen am Küchentisch. Im Verlauf des Gesprächs bemerkte Lina, dass Johann sehr wohl­wollend über seine Mutter und seine Geschwister sprach. Auch erzählte er mit viel Freude von den Schafen zu Hause, den Weiden und dem nahegelegenen Bach. Nur den Vater erwähnte er mit keinem einzigen Wort. Lina hätte sich aus lauter Neugierde fast in das Gespräch eingebracht, um mehr zu erfahren über die Geschwister, die Schafe, den Bach. Und darüber, ob sein Vater zufrieden sei, dass er hier ist. Doch dann erinnerte sie sich, dass es als unhöflich galt, ein Gespräch zu unterbrechen und liess es bleiben. Erst viel später erfuhr sie, wie schwer der vergangene Winter für Johanns Familie war und dass einige der Schafe ihn nicht überlebt hatten. Johanns Vater war Bauer drüben in Schwellbrunn, an einem steilen Hang, wo bestimmt niemand freiwillig seinen Hof errichtet hätte. Nebst Johann hatte er weitere zehn Kinder zu versorgen. Da waren die neun Schwestern und der ältere Bruder, der bereits verheiratet war und im thurgauischen Kradolf eine ganz anständige Anstellung hatte. Johann half so gut er konnte auf dem ärmlichen Hof mit, und wenn er für ein bisschen Geld auf verschiedenen Bauernhöfen oder in Zimmereien aushelfen konnte, so tat er dies. Ein paar Rappen gab es dafür allemal. In 20


diesem Winter, als der Schnee fast meterhoch lag und sie für einige Zeit sogar vom Dorf abgeschnitten waren, gab es wenig Arbeit für Johann. Die Ernte vom Sommer war karg und die Vorratskammer bald leer. Das einzige Fleisch, das die Familie je auf dem Teller hatte, war von dem kleinen Fuchs, den der Onkel erlegt hatte. Johanns Fallen waren leer geblieben; der Schneefall musste wohl zu stark gewesen sein. Oft musste sich Johann von seinem Vater anhören, er hätte nicht genug gearbeitet im vergangenen Jahr. So kam es, dass sein Vater sofort zusagte, als er vom Vetter hörte, dass der Koller Sepp von Alt St. Johann einen Knecht suchte. Ein hungriger Mann weniger am Küchentisch würde sie alle entlasten. Auch wenn es mittlerweile Frühling war und es bestimmt bald genug zu tun gab auf den Weiden. So mussten eben die Schwestern mehr mithelfen. Johann hatte wenig Zeit, sich von seinem Zuhause, dem Wald, dem Bach, seinen geliebten weissen Schafen oder seinen Geschwistern zu verabschieden. Widerwillig, aber den Entscheidungen seines Vaters untergeben, packte er die nötigsten Dinge und fuhr nach Alt St. Johann. Es war ihm nicht wohl, so weit von zu Hause weg zu sein für solch eine unbestimmte Zeit. Aber besser, als im Armenhaus zu enden, wie der Vater ihm drohte, war es allemal. Es beruhigte ihn, dass auf der Wiese neben Kollers Hof Ziegen grasten, die sich beim Anblick des Fremden nicht im Geringsten bedroht zu fühlen schienen. Auch der Hund, der angekettet neben dem Hauseingang lag, gab nach einigen knurrenden und bellenden Lauten den Eingang frei und blieb von da an stets friedlich in Johanns Nähe. Der Bauernhof war, wie Johann es erwartet hatte, stattlicher und viel grösser als der seines Vaters. Auch der Stall, der einige Meter entfernt vom Haus stand, sah grösser und vornehmer aus. Neben dem Haus war ein Garten angelegt, der von einem Zaun umgeben für sich allein stand. Schlüsselblumen, Narzissen und eine blassrosa Pfingstrose blühten und vermischten sich in ihren Farben zu einem bunten Spiel. Zaghaft reckten einige Kräuter sich in den Himmel. Da21


neben erkannte Johann die zarten Blätter von Kartoffeln, Karotten und Bohnen. Der aus Holz angefertigte Zaun war sorgfältig um die Beete gezogen und verlieh dem Garten den Anschein eines kleinen Paradieses. Auf der Weide, die zur Hangseite lag, stand eine kräftige, bestimmt schon viele Jahrzehnte alte Linde. Johann liess seinen Blick in die Ferne gleiten. Lange betrachtete er die Berge, die ihm vom Schnee bedeckt und im Glanz der Sonne schimmernd, entgegenzublicken schienen. Der Anblick beruhigte ihn. Erfreut stellte er fest, dass sogar der Säntis von hier aus zu sehen war. Zwar sah er von der anderen Seite her ganz anders aus und irgendwie grösser, doch empfand Johann ihn nicht weniger majestätisch. Die Begrüssung durch den neuen Meister war karg und in den Worten des Bauern lag Argwohn und Härte. Er sprach nur das Nötigste und führte Johann dann ins Haus, ohne dass dieser die Umgebung noch länger hätte betrachten können. An diesen Moment, als er das fremde Haus betrat, sich das Haar aus der Stirn strich, tief einatmete und sich in der ungewohnt grossen Küche umschaute, konnte Johann sich bis ans Ende seiner Tage erinnern. Es duftete nach frisch gebackenem Brot und gesottener Milch. Einige Sonnenstrahlen fielen durch das sauber geputzte Fenster auf den holzigen Küchentisch. Sogar die Vorfenster waren blitzblank poliert. In der Ecke des Tischs stand eine Schüssel, die bis obenhin gefüllt war mit Kartoffeln. Daneben lag eine Zeitung, die als Unterlage für die Kartoffelschalen diente. Nie würde er vergessen, wie freundlich Linas Mutter ihn empfangen hatte. Wie viel einfacher sie ihm doch das Ankommen in dieser fremden Welt gemacht hatte. Und nie würde er vergessen, wie Lina ihn verlegen aus ihren braunen Augen angeschaut hatte. Wie sie mit ihrem Haar gespielt hatte, das zu einem langen Zopf geflochten war und ihr bis unter die Brust reichte. Wie sie ihn fortwährend gemustert hatte und leise lächelte, wenn sich ihre Blicke trafen. Er hatte sich bis zu diesem 22


Tag nicht sonderlich für Frauen interessiert. Dieses Buhlen um Anerkennung, um einen Abend zum Tanz, dieses Suchen nach der passenden Frau, war ihm zuwider. Er mochte weder mit seinen Freunden nächtelang über Frauen reden, noch wollte er sich eingestehen, dass er durchaus manchmal Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung verspürte. Lina war die erste Frau, die ihn anblickte, als wäre er etwas Besonderes. Und er konnte den Gedanken nicht mehr loslassen, dass in dem Moment, als sich ihre Blicke zum ersten Mal getroffen hatten, tatsächlich etwas Besonderes zwischen ihnen beiden geschehen war. Und die Magie dieses Augenblicks, das schwor er sich an diesem Tag, wollte er sich bewahren bis an sein Lebensende. Johann hatte nicht viel Gepäck auf sich. In einem alten Holzkoffer trug er all seine Habseligkeiten mit sich. Viel brauchte er nicht. Und viel besass er auch nicht. Nebst dem Koffer hatte er auch – entgegen der wütenden Einwände seines Vaters – seine Geige mitgebracht. «Ein Knecht hat keine Zeit für Musik!», meinte sein Vater beim Abschied. Doch Johann konnte sich nicht vorstellen, die nächsten Wochen und Monate ohne Musik zu verbringen. Und so setzte er sich für einmal gegen seinen Vater durch. Nachdem Johann mit Linas Mutter einige Zeit am Küchentisch verbracht hatte, sass er nun in seiner bescheidenen Kammer zuoberst im Dachstock. Durch zwei Luken fiel ein wenig Licht, und er sah die Staubkörnchen durch die Luft wirbeln wie ein grosser Schwarm Schwalben, der weit entfernt am Himmel in den Süden zieht. Sein Bett war ein Holzgestell, auf dem ein Jutesack lag, gefüllt mit Laub. Er diente ihm als Matratze. Eine einfache, graue Wolldecke, die sich später als wärmespendend, jedoch sehr kratzig erwies, lag fein säuberlich zusammengefaltet am Fussende des Betts. Ein mit Spreu gefülltes Kissen war 23


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