N° 214 | SCHWEIZER LITERATURZEITSCHRIFT
Der Mann vom Grund MEINRAD INGLIN 1893 –1971
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 214, Dezember 2021 ISBN 978-3-85830-283-0; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 215 «Balladen» // 216 «Rauchen» // 217 «Fred Kurer» // 218 «Zirkus» // 219 «La Chaux-de-Fonds». – Fühlen Sie sich von einem der Themen a ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse, in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 82.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Susanne Born, susanne.born@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlag:
Gestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn unter Verwendung eines Bildes von Meinrad Inglin (Meinrad Inglin-Stiftung).
Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
Gemeinde Schwyz Kulturkommission
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Der Mann vom Grund – Meinrad Inglin (1893–1971) 5 Einleitung
Erwin Messmer
10 Ein Herrgottsdonner! Oder ein lästernder Verführer? – Inglin und seine Leserschaft
Daniel Annen
14 Schweizerspiegel – ein politisches Denkmal
Beatrice von Matt
18 Passagen aus dem Schweizerspiegel
26 Vom Jagen schreiben – Randbemerkungen eines lesenden Jägers
Peter Egloff
30 Passagen aus Die Graue March
36 Ein verinnerlichtes Buch – Der Bau des Stau- Gallus Frei-Tomic damms in Urwang und der Verlust der Heimat
39 Passagen aus Urwang
44 Der Mann im «Grund» – Schwyzer Erinnerungen und Impressionen
48 Aus Nachts bei den Gebrüdern Schoeck
52 Meinrad Inglins Begräbnis
55 Biobibliografie Meinrad Inglin
Beatrice Eichmann-Leutenegger
Erwin Messmer
57 Autorenbiografien 58 orte-festival: Lyrikfestival Basel 74 orte-bestenliste 77 hör-orte 81 orte-rückschau: Krimi Festival 82 fund-orte: Shmuel T. Meyer 86 orte-bücherregal 87 wander-orte: Robert Walser 91 orte-agenda 93 orte-nachruf: Andrea Maria Keller 96 orte-marktplatz
Annekatrin Ranft-Rehfeldt Annemarie Regez Serena Schranz Susanne Mathies Anne-Marie Kenessey Cyrill Stieger Annekatrin Ranft-Rehfeldt Erwin Messmer
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zwanzig
jahre
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Dokumentation über Entstehung und Uraufführung von Paul Bowles' einzigem Bühnenstück DER GARTEN. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Florian Vetsch.
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w w w . b i l g e r v e r l a g . c h isbn 978-3-03762-096-0 isbn 978-3-03762-095-3 isbn 978-3-03762-094-6 Karin Richner
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Lamento Brief an den Vater
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser In dieser Nummer erwartet Sie die Welt des Schwyzer Schriftstellers Meinrad Inglin (1893–1971). Ob Inglin über die Schweiz im Ersten Weltkrieg schreibt oder übers Jagen, über Bauern in einem Bergtal oder die Welt im gehobenen Hotel Excelsior – er kennt sich aus mit Menschen, Tieren und der Natur überhaupt. Er hat selber erlebt, wie schwierig vorzeitige Gefechtsabbrüche an der Front auszuhalten sind, er kennt die Stimmungen einer Föhnnacht und weiss, was für meisterhafte Spurverwirrungen ein erfahrener zwölfpfündiger Hase zu veranstalten vermag. All seine Erfahrungen bringt Meinrad Inglin in lebensvollen Romanen und Erzählungen anschaulich zum Ausdruck. Das orte-Heft erscheint aus Anlass des fünfzigsten Todestages des Dichters am 4. Dezember und möchte zur Lektüre dieses bedeutenden, heute aber etwas in Vergessenheit geratenen Schweizer Autors einladen. Es bietet mit Beiträgen von Kennerinnen und Kennern Inglins und Ausschnitten aus Originaltexten einen Einstieg in dieses grossartige Werk. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, besonders auch bei den Verantwortlichen in der Kantonsbibliothek Schwyz und bei der Meinrad Inglin-Stiftung, für die unkomplizierte Unterstützung. Auch die Bestenliste im Rubrikenteil
stammt aus der Innerschweiz. Sie wurde von der Autorin und Bibliothekarin Annemarie Regez aus Goldau zusammengestellt und führt weit in die Welt hinaus. Von ihrer ersten Reise in die weite Welt der Hörbücher erzählt die Hörbuch-Regisseurin Serena Schranz im hörorte. Und die Rubrik fundorte, die dem in Genf, Paris und Tel Aviv lebenden Autor Shmuel T. Meyer gewidmet ist, berichtet vom heimlichen nächtlichen Schmaus einer Schabbat-Spezialität im Kibbuz. Shmuel T. Meyer wurde dieses Jahr für seine Kurzgeschichten-Trilogie mit dem französischen Prix Goncourt de la nouvelle ausgezeichnet, was Anne-Marie Kenessey zum Anlass genommen hat, eine Geschichte aus dem preisgekrönten Band ins Deutsche zu übersetzen. Und à propos Preis: Einen Schwerpunkt unter den Rubriken bildet wie immer im Dezemberheft das Lyrikfestival Basel. Gerne stellen wir Ihnen die Preisträgerin Nadja Küchenmeister und das Programm vor. Viel Freude bei der Lektüre! Regina Füchslin
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MEINRAD INGLIN 1893 –1971
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Der Mann vom Grund
Einleitung «Im Mai 1941 trat der Ackerbauleiter der Gemeinde Unterschwand eines Abends auf dem Heimwesen Gschwend durch die offene Stalltüre und ging suchend den mächtigen Hinterteilen der Kühe und Rinder entlang, bis er den Bauer entdeckte, der in der Dämmerung zwischen zwei Tieren auf dem einbeinigen Stühlchen hockte und molk. Er wünschte guten Abend, stellte leichthin die übliche unbestimmte Frage nach dem Ertrag, auf die er eine ebenso unbestimmte Antwort bekam, und sah zu, wie die Milch in den Kessel zischte, dann erklärte er gelassen, er komme von der Ackerbaustelle Unterschwand. «Ihr habt noch nicht angebaut, Tanner», fuhr er fort. «Jetzt hab ich doch einmal fragen wollen, ob Ihr die Verordnung eigentlich nicht gelesen habt. Zugeschickt habe ich sie Euch, das weiss ich.» Die Milch überschäumte im Kessel, der Bauer stand auf und antwortete, während er den Kessel zur Tause hinübertrug, er habe einmal so etwas Ähnliches zugeschickt bekommen. Nachdem er die Milch in die Tause geleert hatte, blieb er vor dem Besucher stehen und fragte: «Seid Ihr der Steiner?» Da es ihm bestätigt wurde, mass er ihn abwägend mit einem kurzen forschenden Blick aus tiefliegenden kräftig leuchtenden Augen und sah einen etwa dreissigjährigen, untersetzten, festen Dorfbewohner vor sich, dem der Pflichteifer des Beamten den angeborenen Ausdruck von Gutmütigkeit im runden Gesicht schon fast verdrängt hatte. Ruhig und schweigend ging er darauf wieder zwischen zwei Kühe hinein, setzte sich und molk weiter.» Sitzt man da als Leser nicht mitten in einem Film? Man kann von Meinrad Inglin lesen, was man will, seine Kunst der Beschreibung ist eminent filmisch und damit topmodern. Kein Wunder, dass die
Erzählung, deren Anfang oben zitiert ist, vom Innerschweizer Regisseur Xavier Koller verfilmt worden ist: Der schwarze Tanner, und dass derselbe Regisseur auch die Erzählung Tod eines Schirmflickers als Vorlage zu einem der populärsten Schweizer Filme überhaupt benutzt hat: Das gefrorene Herz. «Inzwischen war Tanners Frau in das helle Rechteck der offenen Stalltüre getreten und dort stehengeblieben, eine mittelgrosse derbe Bäuerin, die rasch erriet, was hier verhandelt wurde, und den fremden Besucher drohend zu mustern begann», liest man ein paar Abschnitte weiter unten. Man sieht alles klar vor sich, und gerade das helle Rechteck der offenen Stalltüre verleiht der Szene eine geschärfte optische Plastizität – nur ein beliebig herausgegriffenes Beispiel für Inglins stilistische Meisterschaft. In ihrem für uns verfassten Beitrag würdigt Beatrice EichmannLeutenegger diese ausserordentliche Beschreibungskunst eines Inglin ebenfalls und verweist dabei auf die grandios in Szene gesetzten Naturschauspiele (Schneetreiben, Föhnstürme, «die heranwallenden Nebelschleier, die Dämonie bleicher Geröllhalden»). Man wäre gespannt gewesen, wie ein Michael Maar auf seinem spektakulären Spaziergang durch die deutschsprachige Literatur, nämlich in seinem Buch Die Schlange im Wolfspelz, Inglin als herausragenden Stilisten gewürdigt hätte, wenn er denn hätte. Aber eben, auch bei Maar fehlt einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des Zwanzigsten Jahrhunderts, obwohl er seinen Rang neben den in diesem Panoptikum hymnisch gefeierten helvetischen Autoren wie Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller, Robert Walser und Regina Ullman locker hätte behaupten können. Meinrad Inglins Werk lebt vom Gegensatz zwischen der gebirgigen Natur und ihren in ihr agierenden Menschen einerseits und dem überzivilisierten Unterland andererseits. Im Roman Die graue March wird das Gebirge allerdings gar nie verlassen. Ein Bauernund Jägerroman, geschrieben von einem, der selber ein begeisterter Bergler und Jäger war. In diesem Stück Schweizer Literatur stehen Mensch und Tier auf gleicher Stufe, die jagenden Hunde, die
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gejagten Rehe und Hasen, der den Hühnerstall in ein Blutbad verwandelnde Marder, sie alle «denken», spekulieren, fühlen, ähnlich wie der ihnen übergeordnete und oft nachstellende Mensch. Thomas Hürlimann nennt dieses kurz vor dem Schweizerspiegel publizierte Buch den «bedeutendsten Roman» des Dichters*. Peter Egloff, der sich in der Welt der Jagd im Allgemeinen ebenso gut auskennt wie in Inglins Welt im Besonderen, kommt in seinem Beitrag über Inglin als Jäger und Jagdschriftsteller um diesen «erratischen Block, grau, fremd und gross – schrecklich gelungen (…) und schön verhauen!» (Thomas Hürlimann) selbstverständlich ebenfalls nicht herum. Der Roman Urwang erschien 1954, also im gleichen Jahr wie Max Frischs Stiller. Darin wird das Leben in einem entlegenen Innerschweizer Bergtal geschildert, dessen fromme, friedlich ihrem Bauerntum nachgehenden Bewohner von der Elektroindustrie heimgesucht werden und letztendlich einem Stausee weichen müssen, welcher diese Welt, bemerkenswerterweise erst nach Ende des Romans, ersäufen wird. Die Kritik, so Hürlimann, habe kopfschüttelnd festgestellt, dass sich der alternde Dichter ein Stück Natur und Heimatboden zum Thema mache, in einer Zeit, wo «der Nominativetat der Nazis» eine solche Sicht nicht mehr zulasse. In der Folge sei Inglin als «Poet für Feld, Wald und Wiese» abgestempelt worden – eine Qualifizierung, die er bis auf den heutigen Tag nicht mehr losgeworden sei. «Irrtum!» lautet die Entgegnung seines prominenten Lands- und Talgenossen. «Inglin verstand es, Jahrzehnte bevor das soziokulturelle Gerede über Umweltschutz und Waldsterben zum Allgemeinplatz verödete, Bilder zu schaffen, die nur einem Dichter gelingen.» Gallus Frei, der Inglin-Verehrer und Leiter des Thurgauer Literaturhauses, thematisiert in seinem Beitrag eines seiner stärksten Leseerlebnisse, eben den Roman Urwang. Meinrad Inglins Leben und in der Folge seine Lebensphilosophie wurde von zwei Katastrophen inspiriert und verdüstert: Vom Brand des Hotels Axenstein in Morschach (eindrücklich geschildert in Werner Amberg und ebenso fulminant inszeniert im Roman
* Alle Hürlimann-Zitate sind dem Aufsatz Hotelbrand und Bergtod. Über den Dichter Meinrad Inglin und sein Werk entnommen. In: Meinrad Inglin: Der schwarze Tanner und andere Erzählungen. Mit einem Nachwort von Thomas Hürlimann. Ammann-Verlag, Zürich 1985.
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Grand Hotel Excelsior) und vom Bergtod seines geliebten Vaters (dokumentiert in Werner Amberg, und in der Erzählung Die Furggel in abgewandelter Form nochmals aufgegriffen). Das Gesetz, das allem Gewachsenen innewohnt, so bringt Hürlimann die Quintessenz von Inglins literarischer Botschaft auf den Punkt, ist das des Zerfalls. Die gewachsene Ordnung zerstört sich im Lauf der Zeit selber. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das Opus Magnum des Autors zu lesen, der Schweizerspiegel, gemäss Hürlimann nicht Inglins «bedeutendstes», sondern sein «wichtigstes Werk», «unsere Buddenbrooks». Mit diesem monumentalen Familien- und Kriegspanorama hält einer, der im ersten Weltkrieg selber als Offizier diente, seinem Land den Spiegel vor. «Im Schweizerspiegel erfahren wir, wann und warum die Schweiz sich entschloss, ihr Staatsgefüge als ‹Grand Hotel Excelsior› an den Abgrund zu stellen», rekapituliert Hürlimann. Die eminente Inglin-Kennerin Beatrice von Matt geht diesem literarischen Hauptwurf in ihrem original für «orte» verfassten Beitrag auf den Grund. Meinrad Inglin ist vor fünfzig Jahren gestorben. Zu seiner Zeit war er ein auch in Deutschland und Österreich hochangesehener Schriftsteller, einer der bedeutendsten Vertreter schweizerischer Literatur, was zahlreiche Preise, auch solche aus dem nahen Ausland, belegen. Inzwischen ist es still geworden um Inglin. Über die Spannung zwischen Inglins Selbstverständnis als Schriftsteller und der Einschätzung seiner Zeitgenossen sowie der lesenden Nachwelt hat uns der Schwyzer Inglin-Spezialist Daniel Annen einiges von Wichtigkeit zu sagen, wobei er unter anderem auch auf den frühen Schlüsselroman Die Welt in Ingoldau eingeht, in welchem die bigotte Welt und die damalige problematische Ausprägung des Katholizismus in der Innerschweiz entlarvt werden. Dieses Heft will wenigstens ein Scherflein zur Erfüllung unseres Wunsches beitragen, dass die Grabesruhe um Inglin und sein Werk in Zukunft immer wieder empfindlich gestört werde. Erwin Messmer
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Meinrad Inglin und Bettina Zweifel.
Foto: Meinrad Inglin-Stiftung.
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Ein Herrgottsdonner! Oder ein lästernder Verführer? Inglin und seine Leserschaft
Das ist fast etwas verzwickt. Meinrad Inglin (1893–1971), aufgewachsen in Schwyz und dann nach Studienjahren seit 1919 wieder da wohnhaft, galt zuweilen als Heimatautor. Wohl darum ist er im Bewusstsein einer literarisch interessierten Öffentlichkeit nicht mehr sehr präsent. Aus dem Blick gerät so allerdings die beeindruckende Plastizität seiner Darstellungskraft, die bei den Lesenden die Reflexion ebenso weckt wie die Fähigkeit des Miterlebens. Sie verleiht seinen Erzähltexten etwas Lebendiges, eine starke Dynamik, die über einen starren Heimatbegriff hinausweist. Dabei zeigt sie Lösungspotenzial in allgemeinen menschlichen Problemlagen auf. Dieses textlich angelegte, intensive Leben kann sogar ganz gehörig dreinfahren in die kulturellen Gemeinschaftsformen, die seiner Mitwelt Heimat bedeuten. Selbst sein wohl berühmtestes Werk, der Schweizerspiegel aus dem Jahre 1938, wurde zwar gern als Bekenntnis zur Schweiz gerühmt. Aber als dieser Roman am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erschienen war, empfanden ihn massgebende Literaten als zu kritisch. Ähnliches ereignete sich bei Inglins Start ins öffentliche Schriftstellerleben. Im Jahr 1922 hatte sein Heimatdorf Schwyz seinen ersten veröffentlichten Roman Die Welt in
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Ingoldau in Grund und Boden gestampft. Ein «freches und zynisches Buch» sei das, schrieb einer, wohl einer aus Schwyz, in der Luzerner Zeitung «Vaterland» am 30. Januar 1922. Die Welt in Ingoldau sei «eine Welt von Lüstlingen und Heuchlern». Und mit der Religion generell gehe Inglin nicht fair um: «In widriger Weise» werde «Heiliges (im besondern die Beicht [sic!]) und Unheiliges einander an die Seite gestellt, das Lüsterne und Frivole mit offensichtlicher Lust gesucht», sodass das Buch «ein zusammengeleimtes Stückwerk» sei; man lese es «mit wachsendem Widerwillen». Die Beichte steht wie ein pars pro toto für die legalistische Moral im damaligen katholischen Milieu. Und dass der Widerwille bei der Lektüre wächst, passt auch dazu. Denn der Roman beginnt mit einer Beichtszene, ohne dass vorerst stark kritische Nebentöne bemerkbar wären. Aber im Laufe der Romanlektüre offenbart sich dem Leserpublikum zusehends, dass die Beichtspiegel nicht in der Lage sind, menschliche Probleme zu lösen. Und weitere Beichtszenen zeigen, wie unehrlich Ingoldauer eigene Triebbefriedigung verstecken, vor andern, aber auch vor sich selber. Wohl darum schrieb Meinrad Lienert (1865–1933), der aus Einsiedeln stam-
Haus im Grund mit Schwyzerfahne. Inglin am Fenster seines Arbeitszimmers. Foto: Meinrad Inglin-Stiftung.
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mende Autor von Romanen und Mundartgedichten, am 15. Januar 1923 dem Ingoldau-Autor, er könne sich vorstellen, dass man das Buch in Schwyz «mit geteilten Gefühlen aufgenommen» habe – «verschlungen hat man’s gewiss mit Begierde»; heimlich hätten wohl viele gedacht, Inglin sei nicht nur ein böser Kritiker, sondern: «ein Herrgottsdonner!» Im Sinne Lienerts wirkte der Roman – Freud lässt grüssen – also unheimlich, weil er heimlich allzu Vertrautes erzählte. Inglin kannte die Beobachtungen Sigmund Freuds offensichtlich von seinem Lehrer Paul Häberlin, den er an der Universität Bern gehört hatte. Häberlin war vor allem Philosoph, baute aber viel von der damals jungen Psychoanalyse in seine Lehrveranstaltungen ein. Das erklärt auch einiges, was wir in der Welt in Ingoldau wiederfinden. Die Verhätschelung der Kleinkinder durch die Mütter, verbunden mit einem später eintretenden moralischen Rigorismus, bedingt sowohl durch die Vaterwelt als auch durch die Autorität der Kirche, hat zum Beispiel böse psychische Schwierigkeiten im Jugendalter zur Folge. Es mag kitschig klingen, aber es ist – trotz, oder gerade wegen der Verwöhnung – der Mangel an besonnener Liebe, der zu schweren Behinderungen führt, was doch eigentlich dem christlichen Geist im katholischen Schwyz hätte einsichtig sein
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müssen. Wie noch der alte Inglin seiner Biografin Beatrice von Matt gegenüber bemerkte, ergebe sich im Ingoldau-Roman das höchste Dasein «aus dem Zusammenklang von Sinnlichkeit und Geistigkeit in der Liebe. Diese Liebe sei das Hauptthema des Buches, das hätten eben viel zu wenige gemerkt». In einem solchen Geist vereinigen sich die Ingoldauer ja auch zur Fronleichnamsfeier. Und die ist denn auch positiv dargestellt, was für den Vaterland-Rezensenten nur eine abschätzige Nebenbemerkung wert war. Inglins Freundin und spätere Frau Bettina indes schreibt nach der Lektüre der Ingoldau-Urfassung von dieser Feier, Inglin stelle «den Katholicismus [sic!] auf ein Postament». Ausgerechnet im protestantischen Zürich erkannte man auch positive Aspekte dieser Fronleichnamsdarstellung. Ein Grund für die schräge Reaktion der Schwyzer auf diesen Roman liegt wohl in der Lesart à la Schlüsselroman. Die Schwyzer lasen das Buch in direktem Bezug auf ihre eigene, ideologisch verfestigte Erfahrungswelt und konnten darum das Zusammenspiel der Motive, eben zum Beispiel den Gegensatz zwischen der Moral am Anfang des Romans und der vereinigenden religiösen Feier an dessen Schluss, nicht erkennen und gewichten. Die Kränkung durch den Roman hatte Oberhand gewonnen: Man komme, so der bereits zitierte Vaterland-Artikel, um
den Eindruck nicht herum, Inglin «habe seine Mitbürger in den Grund hinein verlästern und ärgern wollen». Sobald literarische Räume an eine bekannte Gegend erinnern, ist ein Leserpublikum bekanntlich oft geneigt, sie vor allem als reale Topografie zu begreifen. Entsprechend werden dann auch die Erzähltexte wie Berichte gelesen. Was auf der Strecke bleibt, ist die Wahrnehmung des fiktionalen Kunstcharakters. Darum fühlte sich Inglin zuweilen missverstanden, auch wenn seine späteren Werke weniger skandalträchtig waren als der Ingoldau-Roman. Ein Beispiel: Im Werner Amberg, in diesem 1949 erschienenen autobiografisch gestalteten Roman, versieht Inglin den Lebenslauf der Titel figur mit vielen Ereignissen aus seiner eigenen Jugendbiografie. So entspricht denn auch vieles punktgenau einer lokalhistorisch verifizierbaren Wirklichkeit. Inglin musste also damit rechnen, dass der Roman gerade in seinem Wohnort Schwyz entsprechend gelesen wurde: «Die Wirkung meines Werner Amberg auf die Schwyzer erweckt, was zu erwarten war, den Anschein, als ob ich einen Schlüsselroman geschrieben hätte.» So schrieb Inglin am 13. Juni 1950 dem Schwyzer Gymnasiallehrer Paul Kamer. Dann fährt er bezeichnenderweise wie folgt weiter: «Sie können am ehesten ermessen, wie wenig das zutrifft, wie gleichgültig es mir sein muss, ob man hinter mei-
nen Gestalten die Urbilder erkennt oder nicht, und wie hinfällig das Buch wäre, wenn es auf dergleichen angewiesen bliebe.» Analoges gilt vom Schweizerspiegel, diesem berühmten Roman von der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Inglin ärgerte sich, als Carl Helbling in der Neuen Zürcher Zeitung den historischen Wirklichkeitsbezug betonte. Auch wenn ein Teil «chronikartig» wirke, der weitaus grössere Teil war «mit Leben zu füllen». Was heisst das? Offensichtlich besticht Inglin immer wieder durch die Plastizität seiner Gestaltung und durch die Organisation grosser Stoffmassen. Insofern geht es auch beim Schreiben, wie für die Menschen in Ingoldau, um den «Zusammenklang von Sinnlichkeit und Geistigkeit». Dass Liebe – im Gottvertrauen gewagt trotz aller Misere der Welt – auch rein körperlich neues Leben in die Welt bringt, ein Kind nämlich, das zeigt der Schluss des 1935 erschienenen Romans Die graue March. Wie auch in andern Texten Inglins ist dieses Glück im Finale insgeheim so intensiv mit der Mitte des Werks verwachsen – es ist plausibel. Inglins Kunst hat weltliterarische Qualität. Daniel Annen
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Schweizerspiegel – ein politisches Denkmal
Der markante Roman von Meinrad Inglin über eine zerrissene Zeit entwirft mutige Lösungen, im privaten und im öffentlichen Bereich. Und dies nach tausend Seiten Streit und Widerstreit. Er ist derzeit besonders wichtig. Denn wieder werden Extrempositionen vertreten. Wieder werden abweichende Denkweisen in vielen Staaten diktatorisch unterdrückt. Wieder wird aufgerüstet. Wieder könnte die Welt in einen Krieg taumeln. Die Erinnerungen an verheerende Auswirkungen scheinen zu verblassen. In unserem Land verhindert Beharren auf eingeschworenen Meinungen oft genug eine vorausdenkende Politik, sowohl rechts wie links. Schweizerspiegel nun ist ein Buch, das vor Polarisierung warnt und doch erzählerisch grossartig geglückt ist: ein Antikriegsroman, ein politischer Roman, aber auch ein Familienroman und ein Zürcher Stadtroman. Das vielverzweigte Geschehen zeigt die krisengeschüttelte Schweiz zur Zeit des Ersten Weltkriegs. An dessen Ende, 1918, war sie ein anderes Land. Die literarische Darstellung einer ganzen Epoche ist nur aus einiger Distanz möglich. Schweizerspiegel entstand zwischen 1931 und 1938, im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs. Die neue Bedrohung erinnerte den Autor an die auseinanderdriftende Schweiz der Kriegszeit. Inglin hatte die
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scharfen Gegensätze von 1914 bis 1918 einst selber mit allen Nerven durchlebt. Er zählte 21 Jahre, als er den Kriegsausbruch begeistert begrüsste, wie viele Europäer seines Alters. «Es muss etwas geschehen, etwas Grosses, Abenteuerliches … und es geschieht», notierte er im Tagebuch. Mit dem Schwyzer Gebirgsinfanteriebataillon 72 erlebte er die Härten der Grenzbesetzung im Jura. 1915 wurde er ins Zürcher Stadtbataillon III / 68 umgeteilt, absolvierte die Offiziersschule in der Kaserne Zürich, erfuhr preussischen Drill. Inglin sagte später, er sei froh über die Umteilung. Den Schweizerspiegel hätte er sonst nie schreiben können. Er lernte die städtischen Mentalitäten kennen, Klassenunterschiede zwischen Zürichberg und Aussersihl, zwischen Bürgerlichkeit und Sozialismus in vielen Schattierungen. Dieser Schweiz-Roman ist eben auch ein Stadtroman. Die geistigen Auseinandersetzungen jener Jahre trug er in sich selber aus. 1916 noch schlug er vor, «das dichte Mäntelchen» der «sogenannten Neutralität» abzulegen. Als Soldat moniert er, die militärischen Übungen seien blosses Alibi, eine unerträgliche Drôle de guerre. Dieser Krieg als ob, die ständige Bereitschaft sich zu wehren, um dann wieder zum Gefechtsabbruch gezwungen zu sein, wird aber später im
Buch eine eminente Rolle spielen. Der junge Inglin war zuerst deutschfreundlich wie die Mehrheit der Deutschschweizer. Er war Nietzsche und dem Kult des heroischen Einzelnen verfallen. Im Lauf des Krieges jedoch vollzog sich in ihm, wie er schrieb, «ein Wandel von der deutschen zur westlichen Haltung». Das sei seine «Gesundung» gewesen. Gesundung meint Hinwendung zu Demokratie und Neutralität. Die mentalen und politischen Spannungsfelder jener Zeit stellt der Autor nun in seinem Hauptwerk dar. Dokumentation, Analyse und künstlerische Gestaltung halten sich die Waage. Die Widersprüche der Epoche bekommen Körper, historische, aber auch fiktive Körper. Damit sich ein Gesamtbild der Schweiz im
Ersten Weltkrieg ergibt, steht jede Romangestalt nicht nur für sich, sondern auch für eine bestimmte Weltanschauung. In einem nüchternen Duktus wird einerseits geschildert, was sich damals zutrug, in Europa, in der Schweiz: Wie es zum Krieg kam; wie sich Bundesrat und Parlament zu spalten drohten, desgleichen die deutsche und die französische Schweiz; wie die Unruhen in Zürich verliefen, der Generalstreik danach; wie Tausende an der Grippe starben. Die Tatsachenberichte lesen sich als Geschichtsschreibung, schlank und elegant formuliert. In Spannung dazu stehen im Buch die Geschicke der angesehenen Familie Ammann aus Zürich. Über die Verwandten aus Lausanne wird zugleich der Bogen zur Romandie geschlagen. Nicht weniger
Zur Zeit des 1. Weltkriegs, Inglin rechts. Foto: Meinrad Inglin-Stiftung
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k räftig erscheint das ländliche Leben im «Rusgrund» und damit das bäuerliche Herkommen der Ammanns. Doch der Zusammenhalt der Sippe zerfällt. Zwiste und Ängste suchen sie heim. Der Autor arbeitet mit Dialogen, welche – der aufgestörten Zeit gemäss – immer öfter zu Streitgesprächen werden. Das Land war keine Friedensinsel. Zwiespalt herrschte in den Seelen und zwischen ihnen. Soviel Entzweiung ist auffällig in einem literarischen Werk, welches sich als verbindliches Epos der Schweiz verstand. Niemand hat das gefährliche Konfliktpotential je-
ner Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts mit solcher Konsequenz vorgeführt wie Inglin. Er blickt darauf als objektiver Berichterstatter. Er redet aber auch aus dem Innern der Figuren heraus, vermittelt akute Erfahrungen. Man bewundert nicht zuletzt die Fülle knapp umrissener Porträts. Der Erzähler folgt dabei einer ästhetischen Vision, die sensible Einfühlung mit einer strengen Konstruktion verbindet. Nur so erreichte er die Beispielhaftigkeit der Figuren und ihrer Konflikte. Eine zentrale Gestalt ist Alfred Ammann,
Soldaten am Strassenrand, Inglin zweiter von rechts (1. Weltkrieg).
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Foto: Meinrad Inglin-Stiftung
Oberst und Nationalrat. Dieser Vertreter des herrschenden Freisinns wird im Lauf des Geschehens gründlich abgebaut. Die neue Zeit überrennt ihn, und er deutet deren Zeichen falsch. Er hält feierliche patriotische Reden, während seine Söhne begierig den Kriegsausbruch erwarten. Dies allerdings aus entgegengesetzten Haltungen heraus. Severin, der Älteste, ist deutschfreundlich, steht extrem rechts. Sein Bruder Paul, linker Intellektueller, findet, die Luft im «Land des Vaters» sei «schal und abgestanden». Er sympathisiert mit Frankreich und England. Fred, der Jüngste, kann sich vorerst nicht entscheiden. Die Söhne treten gegen die Väter an, und die Töchter nehmen ihr Leben selber in die Hand. Gertrud Ammann folgt mutig ihrer schwierigen Liebe und lässt sich scheiden von Hartmann, dem preussisch auftretenden Berufsmilitär. Dies führt zur Entfremdung von ihrer Mutter Barbara, welche die alte Familienordnung vertritt. Erst die Flüchtlinge, welche sie gemeinsam zu betreuen haben, bringen die beiden wieder zusammen. Durch die detailliert geschilderten Einsätze – in den Verwundetenzügen, beim Austausch invalider Gefangener, in den Spitälern – bekommt die Bewältigung der Kriegszeit in der Schweiz auch ein markant weibliches Gesicht. Armee und Politik treten im Lauf des Krieges ebenfalls gegeneinander an. Zur gefährlichsten Machtprobe kommt es an
dessen Ende, als beim Generalstreik Truppen gegen streikende Arbeiter eingesetzt werden. Da ruft ausgerechnet der autoritäre Oberstdivisionär Bosshart zu vernünftigem Handeln auf: Den Streikenden sei Zeit einzuräumen, sagt er, dann würden sie Gefechtsabbruch blasen. Vier Jahre lang habe man ja auch scharf geladen und immer wieder entladen müssen. Gegen die eigene Heldenbrust vertritt der Mann eine Politik, die Sorge trägt zu dem verletzlichen Gebilde des schweizerischen Staatswesens, das keine extremen Lösungen ertrage. Doch wie weiter in diesem Land nach Krieg und Kriegsspiel, nach Generalstreik und Grippe? Diese Frage stellte sich existenziell. Der Autor beantwortet sie eindrücklich mit der Figur von René Junod aus Lausanne, einem Cousin der Ammann-Kinder. Der Bataillonsarzt plädiert am Schluss für ein Land, das ein neues Verhältnis zu Europa suche. Die Schweiz möge dem Völkerbund zustimmen. Das ermögliche Eigenständigkeit in Verbundenheit. Europa sieht er als «friedlichen Staatenbund» und mitten drin eine Schweiz, die ihre Form immer wieder überdenken muss. «Rechtzeitiger Gefechtsabbruch» lautet die Friedensbotschaft dieses grossen Romans, der in den 1930er-Jahren vor einem neuen Krieg warnte. Beatrice von Matt
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Passagen aus dem Schweizerspiegel (Seitenzahlen nach der Ausgabe des Limmat Verlags, 2014)
Gefechtsabbruch Fred wurde aus seinem Hinstarren und dem einen, bannenden Gedanken «Krieg! Krieg!» durch nahe Geräusche wie aus einem Traume geweckt. Ein paar ihm unbekannte Leute schickten sich an, in seiner Schützenlinie ein Maschinengewehr aufzustellen. Rasch erhob er sich und überlegte, ob er diese Störung zulassen oder verhindern sollte, da sah er sich einem Offizier gegenüber, der in Begleitung Hubers den Stellungsbezug überwachte. Erst jetzt merkte er, daß es heller geworden war und durch das Nebelgewölk von Osten her der Morgen graute. Er sah zu, wie die Mitrailleure das schwere Gewehr im Graben festmachten und richteten, wie sie eine gefüllte Munitionsgurte in die Ladeöffnung führten und wie daneben ein Mann schon hastig eine noch leere Gurte mit Patronen versah. Leutnant Huber aber nahm ihn jetzt am Arm und bezeichnete im aufdämmernden Schußfeld den Zielabschnitt für seine Gruppe, einen dreihundert Meter entfernten Waldstreifen rechts der Straße. Während Fred darauf jedem einzelnen Mann seiner Gruppe diesen Abschnitt zeigte, vernahm er aus dem fremden, von feuchten Morgennebeln bestrichenen tieferen Hügelgelände herauf Schüsse, eine hastig peitschende Folge scharfer Gewehrschüsse. Er sah, wie der Füsilier zu seiner Rechten erregt aufhorchte, und spürte zugleich den pochenden Drang seines eigenen Blutes, doch er zwang sich mit grimmiger Freude eben jetzt zum ruhigsten Lächeln und hörte sich selber auf den stummen Hinweis des Mannes in einem unnatürlich gelassenen Ton antworten: «Jaja, es wird einmal losgehen müssen.» Damit erhob er sich und ging hinter der Deckung zu seinem Platz, an Ordonnanzen und Munitionsträgern vorbei, die über das Gebüsch hinweg gespannt in die Ferne horchten, und die er mit demselben gezwungenen Lächeln neugierig musterte. Er legte sich hinter sein schußfertiges Gewehr und blickte in das vernebelte, noch immer vom fernen Brandschein begrenzte Land hinaus, wo die Schüsse regelmäßiger knatterten, aber von kurzen Maschinengewehrsalven unterbrochen und plötzlich von aufhellenden Feldgeschützen übertönt wurden. Ein ähnliches Gefühl
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