N° 212 | SCHWEIZER LITERATURZEITSCHRIFT
1
Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 212, Juli 2021 ISBN 978-3-85830-281-6; ISSN 1016-7803 Erscheint fünf Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 213 «Neue hebräische Literatur // 214 «Meinrad Inglin» – Fühlen Sie sich von einem der Themen angesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse, in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse. Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Susanne Born, susanne.born@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlag:
Gestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn unter Verwendung einer Illustration von Susanne Mathies.
Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Gesponnen – Das Lügenheft 4 Einleitung
Susanne Mathies
8 Ja, alles bestens: Notlügen und Ausreden
Franz Hohler, Susanne Mathies, Heinrich Roller
12 Stellenweise geradezu gefährlich: Die Lüge als Liebesdienst
Rudolf Bussmann, Vladislav Jaros
18 Der abgeholzte Kirschgarten: Sich selbst belügen Hans Gysi, Henrik Ibsen, Brigitte Fuchs 22 Verramschte Utopien: Die Lüge an der Macht
Walle Sayer, Johann Heinrich Merck
24 Das Garn der Lügen: Lüge und Täuschung als Voraussetzung für die Wahrheit
Andrea Maria Keller, Brigitte Fuchs, Erwin Messmer
28 Nichts Mündelsicheres: Die andere Realität
Walle Sayer, Florian Vetsch, Wolfram Malte Fues, Ernst Moritz Arndt, Werner Bucher, Gottfried August Bürger
38 Gelingt der Plan, dann hat sie keine Wahl: Definition und Einsatz der Lüge
Joanna Lisiak, Gabriele Trinckler, Ruth Lewinsky, Annekatrin Ranft-Rehfeldt, Peter K. Wehrli
44 Autorenbiografien 47 orte-festival: Schweizer Krimifestival 48 orte-bestenliste 51 hör-orte 54 Zwischenruf Claus Bremer 58 fund-orte: Siriana 63 orte-bücherregal 66 orte-galerie 67 ortolan: Berta Oehen 74 orte-marktplatz 75 orte-marktgeflüster 76 orte-longseller
Annekatrin Ranft-Rehfeldt Charles Linsmayer Nadja Schiller Fritz Billeter Leonardo Tonini Christa Cibulka Erwin Messmer
1
kluge texte glückliche Kunst schöne worte filigrane Musik buchstaben Suppe 1
KUNSTMUSEUM APPENZELL KUNSTHALLE ZIEGELHÜTTE APPENZELL
h-gebertka.ch
2
orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Hand aufs Herz, mal ganz ehrlich – wann haben Sie das letzte Mal gelogen? Oder fragt man das nicht so geradeheraus? Sieht man uns das Lügen an der Nasenspitze an, wenn wir es tun, bis sich die Balken biegen oder wir das Blaue vom Himmel heruntergelogen haben? Eigentlich müsste einer, der lügt, kurze Beine, eine lange Holznase und keine Kleider haben. Denn so habe ich es mir in meiner Kindheit vorgestellt, als Osterhase, Weihnachtsmann und der Mann im Mond für mich noch ganz real waren. Mein Lieblingsmärchen war Des Kaisers neue Kleider – alle logen mit, und keiner wollte die Wahrheit zugeben, bis auf ein Kind. Kindermund tut Wahrheit kund! So wären wir bei den Volksweisheiten, die auch besagen, wer flüstert, der lügt oder wer einmal lügt, dem glaubt man nicht mehr. Was hat es mit der Lüge auf sich? Darum soll es auf den nächsten Seiten gehen – ungelogen. Brigitte Fuchs’ Gedicht ist hinreissend schön, wenn das Licht Fenster in den Tag brennt oder wenn Walle Sayer in seinem Aus dem Repertoire des Schwindlers das flüchtende Kommazeichen mit der Fliege einfangen lässt. Das Garn der Lüge dieser orte-Ausgabe wird von Notlügen, über verlogene Beziehungen bis hin zu knallharten Lügen ge-
sponnen, und dabei werden so einige Lügengeschichten und Lügenmärchen aufgetischt – ein «Tischlein deck dich der Lügenkunst» – überzeugen Sie sich selbst. Der Thementeil wurde von Susanne Mathies, Erwin Messmer und Monique Obertin kuratiert. Im hörorte begrüssen wir ab dieser Nummer, jeweils im Wechsel mit Redaktionsmitglied Peter K. Wehrli, die Mitglieder des Hörbuchstudios der Schweizerischen Bibliothek für Blinde-, Seh- und Lesebehinderte (SBS) Zürich mit Beiträgen aus ihrer «Hörbuchküche». Ein Zwischenruf ist dem ehemaligen orte-Redaktionsmitglied Claus Bremer und seinem Schaffen als Lyriker und bildender Künstler gewidmet. Am Ende, auf unserem marktplatz, wird diesmal geflüstert, was gerade in Sachen Hutmode und Essigdichtung angesagt ist. Schreiben Sie mit. Lügen Sie, flüstern Sie und erzählen Sie, bis sich die Balken biegen oder Sie das Blaue vom Himmel geholt haben. Viel Vergnügen. Annekatrin Ranft-Rehfeldt
3
4
Die Lüge hatte in den letzten Jahren eine sehr schlechte Presse. Dabei lügen wir alle irgendwann im Laufe unseres Lebens, aus guten und aus schlechten Gründen. Oft wollen wir dadurch nur einen lieben Menschen vor etwas schützen, was ihm wehtun könnte, und dieser liebe Mensch ist man eben manchmal auch selbst. Warum also etwas verteufeln, was wir ständig tun? Genauso gut könnte man das Aufspannen von Regenschirmen verbieten, oder das Verwenden von Taschentüchern. Die Autoren dieses Hefts haben sich mit der positiven Seite der Lüge eingehend beschäftigt und konnten ihr vielfältige Aspekte abgewinnen. Eine angenehme Eigenschaft der Lüge ist ihre Geschmeidigkeit, ihre unbegrenzte Anpassungsfähigkeit. Im Gegensatz zu ihrer strengen Schwester, der Wahrheit, schmeichelt sie sich bei der geringsten Ermunterung bei uns ein und ist uns zu Diensten. Bei Walle Sayer heisst es: «Die Wahrheit kannte nur sich» – wer möchte sich schon mit so einer spröden Idee befreunden? Allerdings hat die Lüge auch eine wenig ansprechende Seite: Sie ist schlüpfrig, lässt sich nicht fassen, versteckt sich unter einem Anschein von Wahrheit, verwirrt uns, verstrickt uns in etwas Undurchschaubares. Das scheinbar schlichte Lügner-Paradox «Dieser Satz ist falsch» dient als gutes Beispiel dafür. Gelegentlich glauben wir, eine Lüge schon von weitem zu erkennen, weil wir fantastische Versatzstücke entdecken, die in unserer alltäglichen Realität keinen Platz haben: Alligatoren, Briefkastenexplosionen, lebendig gewordene Märchenfiguren. Aber können wir wirklich sicher sein, ob das alles nicht doch wahr ist?
Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat die Lüge sehr viel Unheil angerichtet, das müssen wir wahrheitsgemäss zugeben. Doch andererseits hat die Kultur der Lüge viel zu verdanken. Nicht umsonst ist Merkur, der Götterbote, der Erfinder der Leier, auch der Schutzpatron der Lügner. Er ist ein Ästhet, der schlitzohrig zu Fantasiegeschichten greift, um gleichzeitig zu unterhalten und der Wahrheitsfindung einen neuen Aspekt zu geben. Lügengeschichten machen das Leben bunter, man liest sie gern, weil man sich insgeheim wünscht, sie könnten wahr werden. Wer wäre nicht gern im Schlaraffenland, wer würde sich nicht gern wie Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen? Wir wünschen es unseren Leserinnen und Lesern von Herzen! Susanne Mathies
6
Das nicht orientierbare Möbiusband
Bild: © Susanne Mathies
7
Ja, alles bestens: Notlügen und Ausreden Franz Hohler
Liebe Redaktion Ich wollte euch einen Beitrag zum nächsten Heft schicken, aber es ist mir etwas Dummes passiert. Ich hatte ihn handschriftlich im Zug von Innerferrera nach Zürich geschrieben, habe ihn dann zu Hause auf meinem Laptop abgetippt, und als ich das word.doc extern sichern wollte, also auf meinen Stick laden, begann das Windrad so lang zu drehen, bis ich eine Notabschaltung machte, den Stick rauszog und dann meinen Laptop neu startete. Als erstes erschien ein Menetekel auf meinem Bildschirm: «Sie haben Ihren Computer infolge eines Problems unter Missachtung des normalen Wegs abgeschaltet. Leider sind dabei alle Dateien verloren gegangen.» Zum Glück, dachte ich, hab ich ja meinen Stick mit den externen Sicherungen, steckte ihn ein, worauf ein knisternder Funke aus der Buchse des Laptops schoss und sich der Stick dunkelrot zu verfärben begann. Schreckensbleich zog ich ihn heraus und verbrannte mir dabei zwei Finger der linken Hand. Mein IT-Supporter, den ich sofort anrief, war in den Ferien, und da ich euren Redaktionsschluss schon verpasst hatte, schrieb ich meinen Entwurf von Hand mit einigen Verbesserungen ab, zerknüllte ihn und warf ihn in den Abfallsack, den meine Frau gerade zu-
8
schnürte. Die Reinschrift steckte ich in ein Couvert, adressierte und frankierte es, ging damit zum Briefkasten bei der Post und warf es ein. Nach einer Stunde, in der ich verzweifelt versuchte, das Back-up meines Laptops zum Leben zu erwecken, ging ich kurz raus, um mir bei Denner ein Six-Pack Bier zu holen. Als ich an der Post vorbeikam, war dort die Feuerwehr und versuchte, den Briefkasten zu löschen, aus dem Flammen schlugen. Ein schwarzer Qualm mit einem beissenden Geruch lag über der Strasse. Was hier los sei, fragte ich einen Feuerwehrmann, der sich an einem Hydranten zu schaffen machte. «Briefkastenbrand, Sendung explodiert», sagte er kurz, «bitte wegtreten!» Ich rannte zurück zu meinem Haus, wo gerade der Abfallwagen vorgefahren war und die Müllmänner, die mir fröhlich zuwinkten, unsern Sack mit meinem Entwurf im Schlund des Wagens versenkt hatten. Als der Wagen langsam zum nächsten Haus weiterfuhr, blieb ich am Gartentor stehen und wusste, dass es sinnlos war, den Text zu rekonstruieren, er würde euch auf keinen Fall erreichen. Dieses Mail schreibe ich auf dem Computer meiner Frau und grüsse euch alle zerknirscht, aber hochachtungsvoll, Franz Hohler
Susanne Mathies
Wahrheit und Lüge
Er fiel vom Dach. Die Wahrheit ist grauenhaft, dachte Daniel, als die Regenrinne an ihm vorbeisauste, gefolgt von den vertrockneten Geranien auf Frau Meiers Balkon, er fiel ungeschickt breitbeinig mit ausgestreckten Armen, hechtete nicht – wie er es sich vorher ausgemalt hatte – mit einem eleganten Kopfsprung in die Häuserschlucht. Genau genommen war es natürlich auch keine Häuserschlucht, musste er sich eingestehen, während ihm vom Wäscheständer im dritten Stock ein paar gestreifte Handtücher zuwinkten, eine vierspurige Strasse zwischen vierstöckigen Häusern gab bestenfalls einen tiefen Graben ab, Graben wie Grab, er wunderte sich, wie langsam die Zeit verging, jetzt war er erst am zweiten Stock angelangt, die Eglis mussten unbedingt mal ihre Jalousien reparieren lassen, nun fehlten nur noch der erste Stock und das Hochparterre, er würde wohl genau zwischen Zimmerlis offenem Küchenfenster und den Müllcontainern landen. Landen war so ein freundliches Wort, schoss ihm durch den Kopf, als er am letzten Sims vorbeikam, zwei aufgepumpte Reifen auf einem Rollfeld, jetzt noch durch den Duty Free und die Zollkontrolle, dann nach Hause, aber das gab es nicht mehr, jetzt würde er gleich hinknallen, zerknallen … Rummmms. Quietsch. Rumpel. Er rang nach Luft. Der Rücken tat ihm weh, und er wunderte sich, dass er noch am Leben war. Da hatten doch wieder irgendwelche Asozialen ihr kaputtes Mobiliar vor dem Müllcontainer deponiert, auch den Matratzenstapel, auf dem er jetzt lag. Vorsichtig setzte er sich auf. Es schien noch alles zu funktionieren. «Alles in Ordnung mit Ihnen?», fragte Frau Zimmerli und lehnte sich weit aus ihrem Küchenfenster.
9
«Ja, alles bestens», sagte Daniel. «Ich wollte nur die Antenne reparieren.» Eine glatte Lüge. In seinem Abschiedsbrief stand, dass er sich das Leben nehmen wollte, weil Eva, seine Ehefrau, ihn nicht mehr liebte. «Dann sind Sie also gestolpert? Ausgerutscht?», fragte Frau Zimmerli. «Ja, ausgerutscht.» Noch eine Lüge. Eva hatte ihn rücklings vom Dach gestossen. Seinen Abschiedsbrief hatte sie offenbar nicht gelesen, möglicherweise gar nicht gefunden, in der Küche hielt sie sich ja eher selten auf, daran hatte er gar nicht gedacht. «Da haben Sie aber Glück gehabt!», rief Frau Zimmerli. «Ja, ich bin ein Glückspilz!», antwortete Daniel, und das war höchstens teilweise wahr. «Fühlen Sie sich gut? Haben Sie sich wirklich nichts gebrochen?» «Nein, nichts.» Das stimmte natürlich nicht, sein Herz war gebrochen, aber das ging Frau Zimmerli schliesslich nichts an. «Hoffentlich hat Ihre Frau nichts davon mitbekommen, die hätte sich ja zu Tode erschreckt!» «Ich werde es ihr schonend beibringen.» An manchen Tagen war es einfach nicht möglich, die Wahrheit zu sagen.
10
Heinrich Roller
Der vergessene Bräutigam Frau X., noch eine von den stolzen Gnädigen, Bekam die Liebschaft ihres Mädchens satt, Und mietete sich drum ein ander Mädchen, Was, wie es sagte, kein Verhältnis hat. Jedoch bereits am ersten Abend Sie einen Grenadier erblickt, Der, in der Küche sich erlabend, Sich schnell in einen Winkel drückt. «Was?», ruft sie, «also, Karoline, Du hast doch einen Bräutigam?» «Ich? – nee!» ruft diese mit naiver Miene, «Ick habe keenen Schatz, Madam!» «Was? willst du leugnen, wo ich ihn entdecke? Das ist doch frech gelogen – in der Tat! Da steht er ja, da hinten in der Ecke, Und isst sich wohl an unserm Braten satt?» «Wat?» ruft Karoline; «Eiherrjechen? Nanu – wie kommt denn der dahin? – Der muß wohl noch vons vor’ge Meechen Dahinten stehn jeblieben sin?!»
11
Stellenweise geradezu gefährlich: Die Lüge als Liebesdienst
Zweimal falsch gespiegelt. Mola der Cuna-Indianer aus Panama.
12
Bild: © Susanne Mathies
Rudolf Bussmann
Ein Alligator im Abteil
Ich blättere in einem Manuskript, das zu begutachten mich ein Bekannter gebeten hat. Der Text ist so trocken, dass mir die Blätter immer wieder aus der Hand zu rutschen drohen. Da plötzlich, irgendwo gegen die Mitte zu, nimmt mich ein Satz gefangen: «Der Arzt griff nach dem Alligator.» Das Manuskript beginnt mich auf der Stelle zu interessieren. Ich vertiefe mich in den Text, der gar nicht so übel ist, wie ich dachte. Einen Absatz später bemerke ich den Irrtum. Es heisst nicht Alligator, sondern Applikator. Ich habe mich verlesen, weil die junge Frau, die mir gegenüber sitzt, das Wort Alligator in ihr Handy sprach, als meine Augen beim Wort Applikator waren. Ich lehne mich zurück, schliesse die Augen und höre ihr zu. «Ja», sagt sie, «auch Krokodile und Kaimane, Boas, Leguane und ein Chamäleon. Nächsten Monat trete ich den Job an.» Mein Handtelefon klingelt. «Hast du meinen Text angesehen?», will der Bekannte wissen. «Wie findest du ihn?» «Packend», sage ich zerstreut. «Stellenweise geradezu gefährlich.»
Das Objekt
Der Assistenzarzt Dr. Haller bekam am Morgen des 15. April in der Klinik, in der er ein Praktikum absolvierte, einen Anruf. Eine Frau, die sich als Rosa Wendlinger vorstellte, bat ihn, in ihre Wohnung zu kommen, um sie von einer Chimäre zu befreien. Am Vorabend, als sie vom Besuch bei einer Freundin nach Hause zurückgekehrt sei, habe sie in ihrer Stube ein unbekanntes Objekt erblickt. Das Objekt befand sich ungefähr auf Augenhöhe über dem Tisch und hatte, wie Frau Wendlinger sagte, Form und Grösse einer Kirsche. Da sie bei ihrer Freundin dem Alkohol ein wenig zugesprochen hatte – nicht mehr als üblich, wie sie betonte, allerdings auch nicht weniger –, habe sie beschlossen, das Objekt, das auf keiner erkennbaren Unterlage ruhte und von kei-
13
nem Faden gehalten wurde, einer Sinnestrübung zuzuschreiben, und sich zu Bett gelegt. Jetzt aber zweifle sie an ihrem Verstand und brauche Hilfe. Noch vor Mittag betrat Dr. Haller Frau Wendlingers Wohnung im dritten Stock eines unauffälligen Mietshauses am Stadtrand. Die Frau, die ihm die Tür aufhielt, war bleich und machte einen verstörten Eindruck. Sie sei, sagte sie, noch nicht restlos davon überzeugt, dass es sich nicht um ein Produkt ihrer Fantasie handle und warte darauf, dass Doktor Haller sie von ihrem Hirngespinst erlöse. In ihrer Stimme nahm der Arzt ein leichtes Zittern wahr. Noch im Korridor fasste er nach ihrer Hand und mass ihren Puls. Er war nur leicht erhöht. Sie führte ihn direkt zur Stube und trat beiseite. Haller sah das Objekt sofort, es stand auf Augenhöhe über dem Tisch. Als er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, trat er näher und ging dann langsam um den Tisch, ohne es aus den Augen zu lassen. Rot war es und hatte, wie von Frau Wendlinger geschildert, Form und Grösse einer Kirsche. Er schirmte es mit den Händen auf alle Seiten ab, weil er den Verdacht hatte, es handle sich um eine Lichtprojektion, mit der ihn Frau Wendlinger, die er auf etwa siebzig schätzte, zum Narren halten könnte. Das Objekt blieb. Er stiess es mit dem ausgestreckten Zeigefinger an, ohne dass es sich bewegte, worauf er es in die Hand nahm und sie schloss. Er spürte nichts. Als er seine Faust öffnete, war es wieder da. Haller überlegte, was zu tun war. Seine Erfahrung lehrte ihn, dass es in den meisten Fällen besser war, ein Produkt der Einbildung stehen zu lassen, als es vorschnell wegzureden. «Und?», fragte Frau Wendlinger, «sehen Sie es auch?» «Ich sehe genau das, was Sie beschreiben», antwortete er, «oder ich bilde mir dasselbe ein.» Seine Antwort schien die Frau nur halb zu beruhigen. Immerhin war etwas Farbe in ihr Gesicht zurückgekehrt. Die Stube war geschmackvoll eingerichtet, auf Simsen und Gestellen standen Gegenstände aus anderen Kulturen, wahrscheinlich Erinnerungen an Reisen. An den Wänden hingen Bilder, keine Reproduktionen, wie er feststellte, sondern Originalgemälde, Landschaften, ein Stillleben, zwei Mädchen lesend auf einer Treppe. Vielleicht war Frau Wendlingers Mann Maler gewesen.
14
«Einbildung?», sagte sie. «Ich weiss, die Welt ist voll davon. Mit ihr lassen sich grosse Reden schwingen und Kriege führen. Mit ihr lässt sich Politik machen. Aber wenn Sie und ich dasselbe Objekt sehen, ist das keine Einbildung. Mag sein, es ist unerklärlich, aber doch eine Tatsache. Nehmen Sie einen Kaffee?» Noch während er seinen Kaffee trank und vom Kuchen, den ihm seine Gastgeberin hingeschoben hatte, ein Stück kostete, beschloss Haller, von Rosa Wendlinger keine Patientendatei anzulegen und über seinen Besuch keinen Rapport zu schreiben. Er wollte sich bei seinen Kollegen und Vorgesetzten nicht mit einem Bericht über einen Gegenstand lächerlich machen, dessen Existenz durch nichts, aber auch gar nichts zu beweisen war. Einige Tage später rief er die Frau an und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Mit frischer Stimme bedankte sich Rosa Wendlinger für seinen, wie sie sich ausdrückte, professionellen Liebesdienst. «Sie haben mir das Beste gegeben, was Sie mir geben konnten», sagte sie. «Sie haben bestätigt, dass ich sehe, was ich sehe.» Und da er nicht gleich eine Antwort bereit hatte, setzte sie hinzu: «Es hat in meiner Wohnung, wie Sie gewiss bemerkt haben, viele Gegenstände; sie sind mir gleichermassen ans Herz gewachsen. Wenn ich am Morgen erwache, gehe ich aber zuallererst in die Stube, um nachzusehen, ob das Objekt über dem Tisch noch da ist. Es ist mir von allem, was ich habe, weitaus das wertvollste.»
Der Zug
Von Genf nach Zürich verkehrt ein Zug. Der fährt fahrplanmäs sig um 9.15 Uhr von Genf ab und trifft im Verlauf des Spätsommers in Zürich Hauptbahnhof ein. Manchmal wird es auch Herbst. Auch dann sei es früh genug, um die Geschäfte zu erledigen, die zu erledigen seien. Das sagen, die ihn benutzen, und es sollen von Mal zu Mal mehr sein.
15
Vladislav Jaros
Die Eiscreme
Liebenswerte Lügen Sommerhitze. Nach einer heissen Nacht stehe ich mit meiner Freundin am Bahnhof einer kleinen italienischen Ortschaft. Wir warten auf den Schnellzug. In umgekehrter Richtung fährt ein Regionalzug ein. «Ich gehe zum Kiosk Eiscreme kaufen», sage ich. «Okay», sagt sie. Als ich zurückkomme, in jeder Hand einen Pappbecher mit Eiscreme gefüllt, sehe ich die Liebste mit einem jungen gutaussehenden Italiener flirten. Dieser steht am Zugfenster und wirft ihr mit den Fingern der rechten Hand imaginäre Küsse zu. Entweder hat er nicht realisiert, dass ich zu ihr gehöre, oder er ignoriert mich einfach. Sie hat mich noch nicht bemerkt. Ich bleibe hinter ihr stehen. «Wie ich sehe, hast du schnell gute Gesellschaft gefunden», sage ich. «Es wäre eine Situation wie in einem Film von Fellini, wenn du zu ihm eingestiegen wärst, der Zug würde just im Moment meiner Rückkehr losfahren und ihr beiden würdet mir aus dem Fenster zum Abschied winken.» Sie dreht sich um, das Gesicht errötet, schwer zu sagen, ob von meinen Worten oder von der Sonne, während der Zug langsam anfährt und mitsamt dem Mann am Fenster verschwindet. «Das wäre auch eine Möglichkeit», sagt sie kühl mit dem Ausdruck ertappter Femme fatale. «Hättest du mir die Eiscreme trotzdem gegeben?» «Freilich. Ich wäre dem Zug nachgerannt und hätte euch die beiden Eiscremebecher durchs Fenster gereicht.» «Einfach so?», fragt sie verwundert. «Ja.» «Und was hättest du dann getan?» «Mir eine neue Eiscreme gekauft.»
16