orte Verlag Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 211, Mai 2021 ISBN 978-3-85830-280-9; ISSN 1016-7803 Erscheint fünf mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 212 «Lügen» // 213 «Neue hebräische Literatur // 214 «Meinrad Inglin» – Fühlen Sie sich von einem der Themen a ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Susanne Born, susanne.born@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn unter Verwendung einer Illustration von Semi Eschmamp (Samuel Eschmann). Zitat von Jens Nielsen. Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
orteinhalt orteinhaltsverzeichnis
3 Editorial
«Weisst du noch – Wie die schwammen bis zum letzten Tropfen» 4 Einleitung
Annekatrin Ranft-Rehfeldt
8 Kapitel 1: badegeschichten
Jens Nielsen
32 Kapitel 2: badegeflüster
Badegäste, Leserinnen und Leser
42 Kapitel 3: badeorte
Kim Rupli, Viviane Egli
50 Kapitel 4: badeliteratur
Max Frisch, Hugo Loetscher, Daniela Krien, Hugo Ramnek, Irena Brežná, Jürgen Theobaldy
58 Autorenbiografien
60 Werkstattgespräch mit Jens Nielsen
Annekatrin Ranft-Rehfeldt
64 orte-bestenliste
Fährmann Daniel Glauser
67 orte-bücherregal
72 hör-orte: Jon Fosse
Peter K. Wehrli
74 fund-orte: Luna Sicat Cleo
Annette Hug
79 wander-orte: Die schwarze Spinne
Cyrill Stieger
84 orte-galerie
Christoph Kuhn
87 ortolan: Kurt Marti; Berta Thurnherr
Erwin Messmer
95 orte-longseller
96 orte-marktplatz
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33!
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Bald beginnen die warmen Monate und damit die Badi-Saison. Badi, das lässt an freie Nachmittage denken, an abendliche Abkühlung nach einem heissen Bürotag, ans Rauschen in den Ohren, Himmel, Sonne, Nussgipfel – und ans Lesen! Ob Sie nun ins Fluss-, See- oder Quartierschwimmbad gehen oder ein Sonnenbad auf dem Liegestuhl im Garten vorziehen – bestimmt finden Sie einen schön schattigen Platz, wo es sich entspannt lesen lässt. Zum Beispiel in dieser von Viviane Egli, Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Erwin Messmer zusammengestellten orteNummer mit Beiträgen zum Thema badeorte. Das Hauptstück des Hefts wurde von Jens Nielsen verfasst. Es sind «Badigespräche» der besonderen Art, über deren Entstehung der Autor im Werkstattgespräch gleich selber Genaueres berichtet. Ergänzt werden diese Dialoge von weiteren literarischen Texten, für die die Badi Inspirationsquelle und Schauplatz ist, und in denen unter anderem auch die Bademeister ausgiebig zu Wort kommen. Dazu kommen Illustrationen von Semi Eschmamp und ein «literarisches» Badiverzeichnis.
Die Bestenliste hat Daniel Glauser zusammengestellt, der als Fährmann auf der Aare bei Muri arbeitet. Seine Auswahl zeigt, wie gut er sich mit dem Fliessen in allen Dingen, mit Veränderung und flüchtiger Dauer auskennt. Auch im ortolan wird es nochmals nass, wenn Berta Thurnherr vom Baden in wollenen Badehosen «Ìm aalta Rii» erzählt und bis ans Meer geht die Reise dann im fund-orte, in dem wir Ihnen die philippinische Dichterin Luna Sicat Cleto vorstellen. Schwimmen und Lesen: zwei grundlegende Fertigkeiten. Und wie auch immer Sie sie am liebsten ausüben – ob Sie sich auf dem Rücken liegend treiben lassen wie nach Bertolt Brecht der liebe Gott, wenn er am Abend noch in seinen Flüssen schwimmt, ob Sie mit kräftigen Armzügen Tempo und Stossrichtung selber vorgeben oder ob Sie kopfvoran in den Stoff eintauchen – ich wünsche Ihnen dabei viel Freude und Erfrischung Regina Füchslin
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«Weisst du noch – Wie die schwammen bis zum letzten Tropfen» 4
Am liebsten würde ich gerade meine Zunge herausstrecken, um die riesige Schneeflocke aufzufangen, die unmittelbar vor meiner Nase herabschwebt. Ihr Geschmack wäre gewiss klar und kalt. Wasser vom Himmel. Diesem besonderen Element widmet orte seine Frühjahrsausgabe 2021. Wasser – nicht geregnet, nicht geschneit, sondern stetig fliessend und leicht dahinschwellend in Seen und Flüssen. Mal in Becken eingefangen oder frei in der Natur belassen. Angesiedelt an Ufern, unter Bäumen, geschmückt mit alten Holzstegen, an Uferstrichen, an Badehäusern, die auf hundertjährigen Stelzen erbaut sind. Unsere Zeitschrift kümmert sich immer wieder um Orte der Inspiration. Dort wo Wasser ist (und das ist vielerorts in der Schweiz), schlummern Inspirationsquellen. Orte am Wasser sind oft auch Sehnsuchtsorte, die aber nicht unbedingt in der Ferne liegen müssen. So passt es perfekt zu orte, einmal rund um diese badeorte eine Ausgabe zu gestalten. Der langen Tradition dieser Freizeitkultur wird in den vier Kapiteln feinsinnig nachgespürt. Einige der badeorte in der Schweiz sind verschwunden oder in ihrer Ursprünglichkeit nicht mehr erhalten. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern sammelte die orte-Redaktion im Sommer 2020 Erlebnisse und Erinnerungen (badegeflüster), stöberte in den Tagebüchern von Max Frisch, las Hugo Loetschers Roman Saison, fand in Daniela Kriens Roman Die Liebe im Ernstfall bei-
spielhafte Badeszenen (badeliteratur) und erstellte einen Badeführer (badeorte) mit zehn entdeckungswerten Badeorten in der Schweiz. Inspiriert durch die Einsendungen entstanden fiktive Geschehnisse in den Badis, die das Zentrum der Nummer (badegeschichten) bilden. Autor Jens Nielsen kreierte einen originellen Badekosmos mit neun Dialoggeschichten. In den Gesprächen ist die Rede vom ersten Mal im Mirzeli Bad, von dem So-Sein im Fluss, dem Sprung hoch in die Luft oder von Liegestühlen unter Bäumen statt unter Palmen. Das kühle und oft regnerische Ende einer Badesaison beschreibt der in der Schweiz lebende österreichische Autor Hugo Ramnek atmosphärisch, fast schon geheimnisvoll (badeliteratur). Wir danken an dieser Stelle allen badeorte-Akteurinnen und Akteuren für die grosszügige Unterstützung, namentlich Jens Nielsen für die badegeschichten, dem Künstler und Zeichner Samuel Eschmann alias Semi Eschmamp für die badebilder und den Verlagen für die badetexte. Allen badeorte-Betreiberinnen und -Betreibern danken wir für die schöne Zusammenarbeit bei der Entstehung der Lese- und Badeempfehlungen. Ein See liegt still, frisch und lockend vor uns, ein Fluss zieht ruhig dahin. Mal zeigt der Ausblick das Alpenpanorama bis zum Pilatus, mal bis zum Vrenelisgärtli. In unserer Sammlung schöner Badeorte kommen sie alle zu Wort: die Alte, die Schöne, die Berühmtheit, der Exklusive, der Palast und zu guter Letzt das Freibad. An
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diesen Orten gibt es schneeweissen Sand am Badestrand, vorbeisegelnde Seeschwalben und Möwen, einzigartige Kunstausstellungen und vereinzelt Saunabereiche, die das ganze Jahr über geöffnet haben. All dies zeigt, wie facettenreich die Schweizer Badeszene ist. Das Thema Lesen – ob, wann oder wo –, zieht sich wie ein roter Faden durch den Badeführer (badeorte), der als dritter Teil dieses Heftes entstand. Lesen statt nur träumen, eintauchen in literarische Werke und abtauchen in grüne Wassertiefen, das alles passt in seiner Verschiedenheit bestens zusammen. Mit vielfältigen Buchempfehlungen angereichert wird die Auswahl an Badeorten ein handverlesener Gedankenständer, dem Sie im kommenden Sommer den einen oder anderen Tipp entnehmen können. Ich wünsche Ihnen fröhliche Sommersprünge vom Sprungturm bis in den Himmel, aus dem gerade eine Schneeflocke auf meiner herausgestreckten Zunge landet. Sie schmeckt nach dunklem Moorwasser aus dem Stanzersee im Engadin. Die schönsten badeorte sind eben auch leseorte und lebeorte. Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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badegeschichten Der Neue
Hans Entschuldigung Gertrud im Dienst Ja bitte Hans Hans Gertrud Hallo Hans Ich bin das erste Mal im Mirzeli Bad Gertrud Marzili Hans Aha Gertrud Willkommen Hans Und ich wollte fragen Gertrud Ja Hans Ob ich Sie was fragen dürfte Gertrud Ja Hans Ah fein 17 Sekunden Stille Gertrud Und was Hans Ich wollte fragen Wo ist die Aare Gertrud Im Ernst Hans Ich bin das erste Mal in einem Bad Gertrud Das sagten Sie Hans Ich bin das erste Mal ganz allgemein Gertrud Soso Hans Und hier Sagte man mir Solle die Aare sein Gertrud Das was da fliesst Hans Das ist die Aare Gertrud Ja Hans Aha Und hierher kommen Menschen um zu trinken
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Gertrud Um zu baden Hans Baden Richtig Das möchte ich eben auch Gertrud Nur zu Hans Ich badete noch nie Wie macht man es Gertrud Einfach reinspringen Es ist weich Hans Gut Danke Gertrud Dann aber treten mit den Beinen Und die Arme so Hans Das sieht ganz leicht aus Gertrud Und wenn wir schon beim Unterrichten sind Ihre Badehose Hans Schön nicht wahr Getrud Sie tragen sie verkehrt herum Hans Tatsächlich Gertrud Die Taschen müssen innen sein Hans Natürlich Dumm von mir Sie ist eben neu Ich werde gleich Gertrud Nein besser dort In den Kabinen Hans Klar Wegen der Getrud Genau Hans Apropos Wie ich sehe tragen Sie eine Waffel Gertrud Waffe Hans Ah Ist das hier obligatorisch
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Der Hilfsbereite
Im Strandbad von Biel Jacqueline – schön Monsieur Kellenberger – scheu Amir – jünger Amir Darf ich endlich vorstellen Nach 13 Jahren in der gleichen Badi An den gleichen Liegeplätzen jeden Sommertag Monsieur Kellenberger Jacqueline Jacqueline Monsieur Kellenberger Atemstocken Lächeln eventuell ein Knicks im Badekleid eine angedeutete Verbeugung Amir Ich hätte das früher machen sollen ab
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Der Apostel
auf einem kleinen Holzpodest mitten auf der Wiese im Parkbad Münsingen ausgemergelt aber braungebrannt in handgestrickten Badehosen mit der Inbrunst eines grossen Redners Oscar von Langleben Lang lebe unser gutes Gut Die Wasserfitness Dank ihr sind wir Wir sind Wir haben rundherum Wir haben Fettabbau Das Sportlerherz Das Magenband Lang lebe alles unterstützende Wegschneiden von Sachen Wir wollen kein Gewicht und keine Tupfen mehr Keinen Falz Kein Kinn Keinerlei Hüften Lang lebe unser Schweizer Darmbakteriat Seht wie es gedeiht im Schwimmbad Ja wir schwimmen Schwimmt ihr Tölpel Schwimmt und wascht euch Dreckvieh
links und rechts nähern sich gelassen aber aufmerksam je zwei Wärter von der Anstalt
Alohee Lang lebe unser Medizinerinnenmann Seht wie er sich mehret Er gibt uns das Geissblatt Kresse Cadmium Lang lebe die Elektro-Krankenpersonaldatei Dort steht dass niemand einen Geist
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badegeflüster
Für den Hauptautor dieser Nummer, Jens Nielsen, und dessen dialogische Szenen hat orte vorgängig Stimmen zum Baden gesammelt, während des letzten Sommers vor Ort in einigen Badeanstalten sowie mit einer Aufforderung in der orte-Ausgabe 208 im Herbst 2020. Die zahlreichen Einsendungen liessen bis in die kühleren Novembertage Sommersonnenstrahlen aus dem Briefkasten scheinen.
Das Bad Utoquai in Zürich
Foto: Miltiades Sarakinos
Im Folgenden eine kleine Auswahl an Worten und Zitaten aus den eingereichten Texten, und einige Gedichte, die uns zugesandt wurden.
Badeanstalt
Gabriel A. aus Langnau i.E.
«Beim Wort Badeanstalt erfasst mich ein Schaudern. Wenn dann kalter Wind durch die gekachelten, nach Chlor riechende Umkleide pfeift, nehme ich Reissaus. Wieviel schöner ist’s auf der besonnten Wiese am Moossee!»
Niklaus L. aus Luzern
«- Kiosk mit Süssigkeiten - glitschige Planken - kalt duschen - Taucherbrille - Wasser in den Ohren - schrille Schreie - Badekappen - Umkleidekabinen»
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Paul P. aus Kelkheim-Hornau
«Ach, das Schwimmbad Türkis das Nichtschwimmer ultramarineblau das Schwimmer. Kein Salzwasser, nirgends. Nicht von der Seite springen! Für Dauerschwimmer sind Bahnen mit Schnüren abgeteilt. Zahm, das Nass. Auch bei Stossbetrieb nur eine Rentnerwelle. Toben im Becken verboten! Wenn’s mal ins Wasser regnet, wird halt der Chlorgehalt erhöht.»
Sophia B. aus Zürich
«An diesem sonnigen Märztag lagen wir in den Bademänteln auf dem Holzdeck ‹herum›. Duri las das Buch Die Verliebten von Xavier Marias. Ich sprach ihn darauf an, weil ich un hombre sentimental von Xavier Marias gelesen hatte, und es ist ein Lieblingsbuch. Duris einzigartiger Charakterzug wurde mir hier schon verraten: ‹Dieses Buch ist Schrott, Marias nervt nur.› So fängt natürlich die Fragerei an, das Verteidigen solch absoluter Aussage.»
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10 badeorte Schönste badeorte an Flüssen, Seen und eingebettet in Wiesenfluren und urbane Fluren in der Schweiz: aus einer Vielzahl zehn herausgegriffen. Da wir bei orte nicht nur Stelzen in Gewässern, sondern auch Stelzen mit Büchern (sprich: Büchergestelle) aus serordentlich mögen, haben wir neben den Facts & Figures und Besonderheiten dieser zehn Badis auch danach gefragt, ob und wie es sich denn vor Ort liest. Denn an badeorten lässt sich nicht nur baden, ruhen, flirten, träumen, sondern auch lesen.
Badhütte Rorschach
Die schöne Alte ist bald hundertjährig. Ihr Steckbrief: Historisches Seebad von 1924, ein Holz-Kastenbad auf Stelzen im Bodensee. Unverdrossen und renitent – die anderen aus dieser frühen Zeit am Bodensee sind verschwunden – schmückt sie das Ufer dieses wahren Sees, geniesst seit 2016 die liebevolle Fürsorge der Leiterin Beatrice Trachsel. Und die Badegäste geniessen ihrerseits das Schwimmen, Ruhen und die gastronomischen Freuden. Oder sie lesen, beispielsweise in Richard Lehners Buch Badhütte Rorschach: Geschichte(n) über dem Wasser. Zudem hört man hier auch gerne zu – aus dem Rorschacher Rathaus lässt Eugen Loepfe, Stadtkanzlei, verlauten: «Schon einige Male in der Vergangenheit nutzten Schriftsteller die einmalige Atmosphäre in der Badhütte Rorschach, um ihre Werke vorzustellen und daraus zu lesen. Letztmals las Alexandra von Arx im August 2020 aus ihrem Debütroman vor.» Mai bis weit in den Juni von 9 bis 19 Uhr; in den Sommermonaten von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Thurgauerstrasse 26, 9400 Rorschach 071 841 16 84 badhuette@gmail.com
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Strandbad Thun
Thun darf stolz sein. Die Stadt ist klein, der See frisch – und das Strandbad Thun eine richtige Grösse: eine Fläche von 50 000 Quadratmetern, ein 50 Meter langes Olympia-Becken, ein 10-Meter-Sprungturm, um nur einige der Superlative zu nennen. Wenn das nicht beeindruckt, dann vielleicht die Tatsache, dass das renovierte Strandbad jahraus jahrein geöffnet ist. Im Winter wärmen im historischen Holzpavillon Kaffee und Glühwein das Herz und die Seele, Kunstausstellungen gibt es hier bisweilen auch, und das Auge schweift ebenso gerne wie in der warmen Jahreszeit über die Seefläche und zum Alpenpanorama. Lebensfreude pur – zurück in den Sommer: «Im Strämu die Sommermonate zu verbringen, zu lesen mit Blick auf die Alpen und fröhlichen Freibadgeräuschen im Hintergrund, das ist der unvergleichliche und beinahe endlos wirkende Sommer in Thun», sagt Jeanne Froidevaux, Leiterin der Stadtbibliothek Thun. Und sie weiss es.
Bild: Mike Kaufmann
Das Bad hat täglich von 7 bis 20 Uhr geöffnet, an Feiertagen bis 19 Uhr und am 1. August bis 18 Uhr. Strandbadweg 10, 3604 Thun 033 336 81 91 strandbad@thun.ch
Flussbad Schwäbis in Thun
Auch hier kann man lesen. Und wie! Diese andere Schöne in Thun ist eine, die sich im Gegensatz zum grandiosen Strandbad verbirgt (hinter Bäumen und so), nicht am offenen See, sondern an der Aare liegt, und dies seit 1884, klein und fein. Wenn man nicht gerade auf dieser schmucken Anlage am Fluss sonnenbadet oder träumt oder schläft, nicht gerade Tischtennis spielt oder im Restaurant im «Schwäber» etwas Feines geniesst, dann kann man blättern,
Bild: Ramon Lehmann
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Seite um Seite. Jeanne Froidevaux, Leiterin der Stadtbibliothek Thun, hat eine besondere Empfehlung, die man sorgfältig beherzigen sollte: «Eintauchen und Abtauchen – so heisst Carolina Piaseckis Fotoband zum Flussbad Schwäbis. Wie passend. Eintauchen in das Werk mit Bildern aus allen Jahreszeiten und Abtauchen in die schöne grüne Aare. Beides kann ich empfehlen – wenn auch nicht beides gleichzeitig …». Das Schwäbis hat von Mai bis September jeweils ab 9 bis 19 Uhr geöffnet; im Hochsommer bis 20 Uhr. Grabenstrasse 40a, 3600 T hun 033 222 35 06 strandbad@thun.ch
Strandbad Bönigen am Brienzersee
Nach dem Thunersee sein Bruder, der ebenfalls frische Brienzersee. Das Strandbad Bönigen hat drei beheizte Pools und einen Strand mit Seezugang. Es herrscht Betrieb: Spielplatz, Aquapark mit Trampolin im Wasser, Hightide Kayak School, Spiele wie Schatzsuche für die Kinder, das Restaurant mit Dachterrasse und prächtigem Rundum-Panoramablick. Naturliebhaber treffen auf Sportler, Junge auf Alte, Einheimische auf Auswärtige. Und: Es gibt eine Liegewiese, auf der man auch lesen kann: Dave Storey, einer der drei Geschäftsführer dieses facettenreichen badeortes, hat spontan diese Buchempfehlung: The 7 Habits of Highly Effective People von Stephen Covey (gibt es auch in deutscher Übersetzung). «It’s my guide to a happy life in all areas, although I do not like the title», so Dave Storey. Täglich geöffnet von 10 bis 19 Uhr; während der Hauptsaison bereits ab 9 Uhr und bei schönem Wetter bis 20 Uhr. The Beach – Strandbad Bönigen Lütschinenstrasse 24, 3806 Bönigen b. Interlaken BE 079 906 05 51 info@hightide.de
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Bild: Mike Kaufmann
Das Freibad Marzili in Bern
Eigentlich muss man von einer kleinen Berühmtheit sprechen: das «Marzili» in der Stadt Bern im Marziliquartier, eines der meistbesuchten und bekanntesten Freibäder der Schweiz, mit direktem Zugang zur ruhig dahinziehenden Aare, mit Blick aufs Bundeshaus und lauschiges Grün. Gross an der kleinen Berühmtheit ist das 50-Meter-Schwimmbecken, grossartig ist die Atmosphäre, einzigartig das Geschehen hier, auch nachzulesen in den Einsendungen an orte, siehe Seiten 34 bis 35. Wobei wir beim Thema Lesen sind. Natürlich passt es auch, hier Protokolle und Berichterstattungen aus und über das Bundeshaus zu lesen.
Bild: Bern Welcome
Eintritt gratis; geöffnet ab Mitte Mai, im Hochsommer unter der Woche ab 7 Uhr, an den Wochenenden ab 8.30 Uhr. Marzilistrasse 29, 3005 Bern 031 311 00 46 marzili.bad@bern.ch
Seebad Luzern
Gibt es eine exklusivere Adresse für ein Bad als das Luzerner Nationalquai? Und wie ist das Lesen in diesem Seebad? Bruno Milesi, der mit Roman Konrad den Betrieb leitet, antwortet mit einem Zitat des 1933 geborenen Poeten Carl Peter Fröhling: «Ein Leben ohne Bücher ist wie eine Kindheit ohne Märchen, ist wie eine Jugend ohne Liebe, ist wie ein Alter ohne Frieden.» Im Luzerner BelleÉpoque-Bad, 1885 erbaut und 2010 nach gründlicher Sanierung wiedereingeweiht, begleiten zweifellos Märchen, Liebe und Frieden die badenden, geniessenden und lesenden Gäste jeden Alters. Aber noch etwas ist auffällig beziehungsweise augenfällig: die Verbindung zur weiten Welt – von der Dachterrasse des Kas-
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badeliteratur Max Frisch
Letzigraben Mit Brecht auf der Baustelle: Ich habe ihn, da er das Telefon während der Arbeitszeit nicht abnimmt, vom Schreibtisch holen müssen, seinem Wunsch gemäss. Wie immer, wenn er sich eine sachliche Belehrung verspricht, ist er sofort bereit. Mitten aus einer Szene heraus, die er in der Schreibmaschine hat, zieht er die Schuhe an; auf dem Bett liegen Bühnenbilder für Berlin, Entwürfe, die mich interessieren. Er will aber auf den Bau; über Theater kann man auch bei schlechtem Wetter sprechen. Von allen, die ich bisher durch die Bauten geführt habe, ist Brecht der weitaus dankbarste, wissbegierig, ein Könner im Fragen. Fachleute vergessen leicht die grossen, die grundsätzlichen Fragen; Laien hören zu, nehmen Lösungen entgegen, wo sich ihnen nie eine Frage gestellt hat, und besonders unergiebig finde ich die Literaten, die allem Sachlichen, bevor sie es erfassen, durch Meditation entfliehen, Stimmungsfritzen, Schaumschläger ihres Witzes oder ihrer Innerlichkeit. Brecht hat einen erstaunlichen Blick, Intelligenz als Magnet, der die Probleme anzieht, so, dass sie auch hinter den vorhandenen Lösungen hervorkommen. Ihm zu erläutern, wie etwa ein Sprungturm geworden ist, wie die archi-
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tektonische Form sich aus der statischen Aufgabe entwickelt, aber nicht nur entwickelt, wie es der Form obliegt, jene Aufgabe nicht nur zu lösen, sondern sie dem Auge darzustellen, solche Erläuterungen werden zu einem wahren Vergnügen, einem gemeinsamen. Über zwei Stunden stapfen wir umher, hinauf und hinunter, hinein und hinaus, rundherum; hinzukommt, was den Schaffenden unterscheidet vom Kenner, unweigerlich – das Brüderliche, das aus Erfahrung lebendige
Bertolt Brecht mit Max Frisch auf der Letzibadbaustelle, 1948. © R uth Berlau/Hoffmann. Akademie der Künste Berlin, Bertolt-Brecht-Fotoarchiv, 08/244.
Bewusstsein: Zuerst ist nichts! … Die Kenner, wenn sie etwa eine Zeichnung sehen, gehen von Dürer oder Rembrandt oder von Picasso aus; der Schaffende, gleichviel wo er selber wirkt, weiss um das leere Papier. Aus: Max Frisch: Tagebuch 1946–1949. © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1950. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
Hugo Loetscher
Wohl in keinem Schweizer Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts wird der sommerliche Alltag in einer Badeanstalt so anschaulich und detailliert geschildert wie in Hugo Loetschers Roman Saison. Er sammelte das Strandgut von einem normalen Badetag. Philipp klaubte zusammen, was zwischen die Roste gefallen war. Mit Wahrscheinlichkeit fand er Münzen, gelegentlich fremdländische, die tat er in Lottys Setzkasten, die übrigen kamen zum einheimischen Kleingeld in die Teigschüssel. Die liegengebliebenen Badehosen legte er über eine Schnur auf die Terrasse, wo er auch die Badetücher aufhängte, die nicht mitgenommen worden waren. Der Rest, ausser alten Zeitungen, kam in die hauseigenen Fundbüros. Ins Fundbüro eins, eine alte Bananenschachtel, Gedrucktes wie Rätselzeitschriften, Illustrierte, Pornohefte und Taschenbücher. Auch alle Dosen und Tuben, die noch nicht leergedrückt und -gesprayt
worden waren. Ebenso Haarnadeln, Schnuller, Holzaffen und andere Spielsachen. T-Shirts und Büstenhalter, Gürtel und Socken kamen ins Fundbüro zwei, in die zweite Bananenschachtel. Die verschissenen Unterhosen spiesste er auf und stopfte sie in den Abfall. Dass Schuhe vergessen werden konnten, wunderte ihn nicht; schon eher, dass ein einzelner zurückblieb. Geldbeutel, Brieftaschen, Abonnements tat er in die Schatztruhe, die er auf dem Sanitätskasten verstaute. In der gleichen Kartonschachtel deponierte er Ohrringe, Kettchen und Armspangen. Damit hatte, was in Philipps Badetheater verlorenging, was verworfen und vergessen wurde, seinen Platz gefunden. Nachdem Philipp auf dem Sonnendeck die Liegen gegen das Geländer und die Wand gelehnt hatte, begann er mit dem Sauberspritzen. Von oben über die Treppe nach unten. Er setzte die Umkleidekabinen unter Wasser und führte mit einem gezielten Strahl den Unrat zum Abfluss. Beim Säubern der Terrasse gab er acht, den Dreck nicht wie beim erstenmal ins Nichtschwimmerbecken zu schwemmen, ansonsten konnte er mit Rechen und Netz gleich weitermachen mit dem Reinigen. Wenn alles nach Nässe roch und den Eindruck von sauber erweckte, richtete er den Strahl senkrecht nach oben und liess ihn auf sich niederprasseln. Er schlüpfte aus den Stiefeln, begab sich zu einem der Sprungbretter und streifte die Badehosen ab, ohne auf das Quak des Frosches zu hören, der mitgenommen werden wollte. Nackt hechtete Philipp in den See. Er begann seine Tour: die grosse,
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