orte Verlag Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 210, März 2021 ISBN 978-3-85830-279-3; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 211 «Badeanstalten» // 212 «Lügen» // 213 «Neue hebräische Literatur – Fühlen Sie sich von einem der Themen a ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Roger Fuchs, inserate@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 51, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Bildes von Susanne Mathies) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Mit dem Koffer in die Elf: Unterwegs 4 Einleitung
Monique Obertin
8 Die Einladung war ja längst fällig gewesen: Entscheidungen und Gepäck
Walter Kempowski, Theodor Fontane, Nick Lüthi, Christian Morgenstern, Mary Kingsley
18 Hals über Kopf: Träume und Wirklichkeiten Adrian Naef, Annemarie Schwarzenbach, Ida Pfeiffer, Johann Gottfried Seume 32 Ein Archiv aus Schuhsohlen und in den Kreislauf des neuen Orts finden
Clemens Umbricht, Susanne Mathies, Peter K. Wehrli
41 Ich kenne meine Westentasche als Ort: Innere Reisen
Nick Lüthi, Paul J. Mark
44 Mit dem Koffer in die Elf: Ankommen
Peter Meier-Classen, Christian Haller, Homer
58 Autorenbiografien
60 Werkstattgespräch mit Gallus Frei-Tomic Viviane Egli 64 hör-orte Peter K. Wehrli 66 fund-orte: Das Cabaret Pantagruel Wilfried Ihrig 74 orte-bücherregal 80 orte-galerie 84 wander-orte Cyrill Stieger 89 Zwischenruf Dürrenmatt Mario Andreotti 91 orte-longseller 92 orte-marktplatz
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Korrigendum zu orte 209
Prof. Eduard Klopfenstein und der Autor Peter Rudolf haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der im orte-Heft 209 auf den Seiten 9, 22 und 35 zitierten Dichterin Toyotama Tsuno um ein Pseudonym des 1986 verstorbenen Autors Manfred Hausmann handelt, der diese Gedichte nicht aus dem Japanischen übertragen, sondern selbst verfasst hat. Die in der Ausgabe des Arche Verlags angeführte Biografie der «Dichterin» ist von Hausmann frei erfunden. Für weitere Informationen verweisen wir auf den lesenswerten Beitrag von Udo Wenzel (Gelöstes Haar – Eine Enthüllung), der 2005 in der Zeitschrift Sommergras, Nummer 71 erschienen ist (im Internet abrufbar).
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Neustart und Neubeginn – 2021, eine Reise mit unbekanntem Ziel. Was zuvor selbstverständlich war, ist nun mit weitreichenden Einschränkungen verbunden. Ankommen und Abfahren, unentdeckte Weiten oder zufällige Begegnungen sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr selbstverständlich. Der Tagesablauf ist weitläufiger geworden und das Unterwegs sein hat für Viele neue Grenzen erfahren. Für manche ist der Weg zum Briefkasten der einzige Aussenposten, den es zu erreichen gilt. Einige wandern in die geliebten Berge, andere streifen durch endlose Wälder, manche verbringen Zeit in einsamen Berghütten oder Mutige wandeln einsam durch erloschene Städte. Jeder findet seinen ganz persönlichen Weg, unterwegs zu sein. Blättern in einem Buch oder träumen auf einer Liege, können Reisen überallhin beginnen und enden lassen. Drei Mitglieder unserer Redaktion, Susanne Mathies, Monique Obertin und Peter K. Wehrli, haben sich auf eine Reise durch die Literatur begeben. Sie lassen von Afrika, Afghanistan und Amerika erzählen, wandern per Kutsche durch die Mark Brandenburg und besuchen einen Markt in Madagaskar zur Zeit der Herrschaft von Königin Ranavalona. Koffer, Westentaschen, eine Haarnadel oder Glockenblumenlampen stehen im Zentrum
verschiedener lyrischer Beiträge. Der Text «Überall ist alles anders!» – erklärt den Sinn des Unterwegsseins, befragt das Hier und das Dort und philosophiert um das Eine und das Andere. Den 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatts (1921–1990) würdigen wir in der Rubrik wanderorte auf den Spuren des Dichters in Ligerz, Twann und Lamboing sowie mit einer Annäherung an seine Komödie Der Meteor. Im Weiteren haben wir Rezensionen, Neues in der orte-galerie, das Hörbuch «S Juramareili» des Schweizer Mundartdichters Paul Haller und ein aus sergewöhnliches Werkstattgespräch mit einem Literaturmenschen der ganz besonderen Art in unser Lesegepäck gelegt. Wer Lust hat, streife mit uns durch Zürich und entdecke den Ort: Cabaret Pantagruel. «Ist es möglich, sich in Wörter zu verwandeln, um zu erzählen, wie es wirklich war?», fragt Autor Clemens Umbricht. Ich für meinen Teil sage: «Ja, unbedingt!». Wir werden folgenden Generationen von unseren Zeiten erzählen. Mit dieser Ausgabe schicken wir Sie auf eine Wörterreise unterwegs durch die Welt, die gerade so fern und doch zum Greifen nah sein kann. Ihnen Allen vergnügtes Lesen unterwegs mit dem Koffer in die Elf. Herzlichst, Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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MIT DEM KOFFER IN DIE ELF: UNTERWEGS
Bild: Susanne Mathies
Einleitung Der Mensch zieht umher, seit es ihn gibt. Hunger, Klima, Handel und Kultur schicken ihn auf sichere und unsichere Routen über Gebirge, Ozeane, durch Moore, finstere Wälder, in Friedens-, Seuchen- und Krisenzeiten. Erholungssuche und Neugier mögen im Westen Hauptantreiber sein für das Ausschwärmen in die Ferne. Technisch und wirtschaftlich ist uns vieles möglich und manch lang gehegter Traum wird über Nacht zur Destination. Während Millionen von Pendlern die Distanz zwischen Wohnund Arbeitsort in möglichst kurzer Zeit und ereignislos zu überwinden suchen, erklären Spaziergänger und Wanderer ihren Weg zum Ziel. Letztere könnten somit als die eigentlichen Feinschmecker des Unterwegsseins betrachtet werden. Alles ist in Bewegung, Bewegung ist alles! Kaum ein Bereich unseres Lebens bleibt durch Mobilität unberührt. Anzeichen einer Gegenbewegung sind dennoch auszumachen: Immer öfter ist von Homeoffice die Rede und manche Geschäfte versprechen bequemes Einkaufen von zu Hause aus. Können wir durch Reisen offenere und verantwortungsvollere Menschen werden? Gerhard Meier meinte, nur der Provinzler könne Weltbürger werden, der Dienstweg sei hier einzuhalten!
Ein Krähwinkler Fussreisender folgt dem guten Rat und nimmt einen Wegweiser mit. Steindruck von Geißler sen., wahrscheinlich in Nürnberg bei Fr. Campe erschienen um 1838.
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In den letzten Monaten wurden wir mit Reisebeschränkungen konfrontiert. Die Stille der frühen Morgenstunden im letzten Frühjahr, ohne Autobahn- und Fliegergedröhn, ohne das Gitternetz der Kondensstreifen am blauen Himmel, bleiben unvergessen. Die eindrücklichen Begleiterscheinungen der Pandemie konnten nicht von allen Menschen gleich empfunden werden. Sie bedeuteten Verlust der Arbeit, der Sicherheit schlechthin für die einen und lang ersehnte Entschleunigung für die andern. Tatsache ist, die brummende und qualmende Mobilitätsmaschine erholte sich nach dem Lockdown erstaunlich schnell und wurde kein bisschen leiser. Glücklicherweise sind orte-Reisen an keine Restriktionen gebunden. Deshalb baten wir Autorinnen und Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart um ihre Reiseeindrücke. Sie berichten in diesem Heft, was sie zum Unterwegssein bewegte, was sie im Gepäck trugen und wie ihre Erwartungen sich im Laufe der Reise veränderten. Zum Schluss dieses kleinen Reise-Vademecums erzählen Heimkehrer über ihre Erfahrungen mit Neuanfang, Wiedererkennen und Zurechtfinden. Wir wünschen Ihnen ein erquickendes Unterwegssein. Monique Obertin
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Die Einladung war ja längst fällig gewesen: Entscheidungen und Gepäck Walter Kempowski
«Deutsche Wochen?» – Alexander hatte die Einladung spontan absagen wollen: vier Wochen Amerika? Aus allem herausgerissen werden, nicht mehr im Büchergang auf- und abschreiten, nicht im Garten den Frauen zusehen, wie sie sich über das Unkraut bücken; Harke und Hacke sind an die weisse Mauer gelehnt? Die rosa aufdämmernden Tage, die dunkelroten Sonnenuntergänge, die Silhouetten der Bäume vor den gefärbten Wolken – ausgreifend und verzweigt … Einen AchtStunden-Flug ertragen über nachtdunklem Meer, eingeklemmt zwischen Rauchern und Tempotuchmenschen, von vorn Gestank in regelmässigen Anblasungen und von hinten endloses Gerede? Dann: «drüben» von einer Stadt in die andere vagabundieren, beleuchtete Wasserfälle, nachgebaute Einwandererhütten, Bibliotheken, eine wie die andere, schlechte Hotels! – Und Tag für Tag Rede und Antwort stehen müssen für Dinge, die man nicht zu verantworten hat? «Leugnen Sie auch den Holocaust?» Vor Leuten, die noch nie etwas von einem gehört haben, geschweige denn gelesen? «Warum schreiben Sie?»
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«Welche Position nimmt der Erzähler in Ihrer Prosa ein?» Nein. Andererseits: vier Wochen Amerika? Die täglichen Unannehmlichkeiten des Arbeitstages hinter sich lassen, der Roman kommt nicht von der Stelle, und die leidige Sache mit der Beleidigungsklage, «Dünnbrettbohrer», weshalb hatte er auch den an sich so liebenswerten Kollegen Mergenthaler aus Aschaffenburg einen Dünnbrettbohrer genannt? Vier Wochen entrückt zu sein, Gast, immerfort eingeladen zu werden zu Essen und Trinken und zusätzlich pro Lesung noch zweihundertfünfzig Dollar in die Hand gedrückt bekommen? Und: auch sonst alles gratis? Wäre es nicht eine Sünde, ein solches Angebot auszuschlagen? Vier Wochen kreuz und quer den neuen Kontinent bereisen? Auf den Klippen des Pazifischen Ozeans sitzen und sich von Schaum umflocken lassen … Ausgebreitet schweben über Canyons und riesige Flüsse, die Highways hinaufhinuntergleiten durch Wälder und Wüsten, je nachdem? – Und: würde man die Erwartungen des deutsch-amerikani-
schen Instituts nicht enttäuschen mit einer Absage? Wer konnte denn wissen, wer sich stark gemacht hatte für ihn: «Ich bin dafür, dass wir endlich mal den Sowtschick hinüberschicken…» Eine Einladung war ja längst fällig gewesen. Zum Dank für solch warme Fürsprache dann ein Nein! aus Sassenholz wie eine kalte Dusche? Und: Wann käme man da mal wieder hin: New York, San Francisco, Boston, Denver … – Wo lag eigentlich Denver? Ganze Kompanien deutscher Schriftsteller waren bereits drüben gewesen, Niels Pötting, Hinze aus Mölln, Kargus aus St. Peter – sogar Ellen Butt-Prömse, eine Verfasserin von Pferde-Lyrik, und Udo Scharrenhejm, dessen Mutter aus Spanien stammte und dessen Vater Isländer war. Leute, die man besser hätte zu Hause lassen sollen, statt sie als Botschafter des Landes nach drüben zu schicken, wo sie dann mit narrativem Kitsch aufwarteten und in politischer Hinsicht sonst was erzählten; aller Welt auf die Nerven gingen, also – irgendwie peinlich. «Deutsche Wochen», da hatte man doch als ein deutscher Romancier eine Verantwortung zu tragen. Sämtliche Dichter männlichen und weiblichen Geschlechts, die vom deutschamerikanischen Institut hinübergeschickt wurden, hatten danach ein Buch über ihre Reise veröffentlicht, die Klippen des Pazifischen Ozeans erwähnt und die Highways hinauf-hinunter, die gelben Taxis von New York und das Elend ethnischer Minderheiten. Auch das böte sich an, die
Sache für eine abrundende Publikation auszunutzen. Warum nicht? «Die Menschen da drüben freuen sich auf Sie», stand in dem Brief des Instituts, womit die Null-Komma-null-null-nullProzent der amerikanischen Bevölkerung gemeint sein mochten, die überhaupt eine Ahnung davon hatten, dass es in Europa auch Schriftsteller gab. Oder einzelne Emigranten und Auswanderer, die ihre alte Heimat ganz anders in Erinnerung hatten, als sie in den neuesten Publikationen aus Frankfurt und München dargestellt wurde. […] Vielleicht doch lieber nicht aufbrechen «zu fernen Gestaden», das endlose Fliegen, Fahren, Sitzen, Warten … Ausserdem: ein Romanmanuskript auf dem Schreibtisch, für das schon Vorschüsse kassiert worden waren. «Karneval über Lethe», der Roman, der wehmütige Abgesang an sein Publikum: Der Wagen rollt aus und kommt rüttelnd zum Stillstand. Es kam nicht recht vom Fleck, das Monstrum… Vielleicht würde eine längere Pause das so überaus empfindliche Gebilde für immer zerstören. Aber vielleicht würde die Pause der Arbeit ja auch zugute kommen. Abstand gewinnen, und nach der Rückkehr mit frischer Kraft und neuen Ideen das Werk vollenden, das leider schon angekündigt worden war in einer literarischen Wochenzeitung, obwohl doch erst ein paar Seiten vorlagen: Nun konnte man nicht mehr zurück. Für eine Amerikareise sprach der Hinweis, der dann später der Vita würde hin-
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zugefügt werden können: «1989 im Rahmen der Deutschen Wochen eine zweite ausgedehnte Studienreise nach Amerika … Gastdozent an verschiedenen Universitäten … » Die Einladung hatte unanständig lange auf sich warten lassen, das war nicht zu leugnen. Also annehmen die Einladung, Luft schöpfen und sich in der Neuen Welt umsehen und – warum nicht, hinterher, wie all die andern es taten – Reiseskizzen veröffentlichen, ganz unangestrengt Aufge-
sammeltes, Gelegenheitsnotizen und Beobachtungen. «Unruhig in unruhiger Zeit», als Titel gar nicht schlecht. «Highways – Unruhig in unruhiger Zeit»? Oder «Ruhig in unruhiger Zeit»? – Auf alle Fälle «Highways», das war schon mal festzuhalten. […] Aus: Letzte Grüsse. Albrecht Knaus Verlag, München. In der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2003.
Unterwegs auf dem Weissenstein
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Bild: © Catherine Solioz