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Hundsteinhüttenbuch Randnotizen

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orte Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Alexandra von Arx

HUNDSTEIN HÜTTENBUCH RANDNOTIZEN

orte Verlag


© 2020 by orte Verlag, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Daniela Saravo Illustration Vorsatz: Katja Nideröst Gesetzt in Janson Text Lt Std Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn isbn: 978-3-85830-274-8 www.orteverlag.ch


Für Ghielli


Ich könnte manchmal vor Glück eine ganze Allee von Purzelbäumen schlagen. Heinz Erhardt


Anfang April stiess ich im Internet auf ein Inserat, das mich den Sommer über beschäftigt halten ­würde: In der Hundsteinhütte wurden «flinke, be­ lastbare und teamfähige Hüttenmitarbeiter/innen» gesucht. Als ich das Inserat las, arbeitete ich als Wahlbeob­ achterin in Kiew. Während ich also in der ukraini­ schen Hauptstadt auf dem Weg zu Sitzungen im Stau sass und durch das Fenster, das der Fahrer im­ mer einen Spalt offen liess, Abgase einatmete, stell­ te ich mir meinen Arbeitsweg zur Hundsteinhütte vor: mit der Appenzellerbahn bis Weissbad, an­ schliessend eine kurze Busfahrt bis Brülisau, von dort zu Fuss an zwei Gondelbahnen vorbei, das steile Brüeltobel hinauf bis zum Sämtisersee, an dessen Ufer ich vielleicht eine kurze Pause einlegen würde, um meine Füsse zu baden, dann weiter über Kuhweiden bis zum Fählensee. Zwei bis drei Stun­ den würde ich wandern, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Unterwegs würde ich Berge sehen, Al­ penluft einatmen und das Pfeifen der Murmeltiere hören. Ein Hupen riss mich aus meinen Träumen, und ich bat den Fahrer, das Fenster zu schliessen.

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Wenige Tage nach meiner Rückkehr in die Schweiz, es war inzwischen Mai, traf ich mich mit dem Hüttenwart. Noch in derselben Woche erhielt ich von ihm eine Einladung mit dem Titel: Hundsteinhüttenteamtreffen. Es war dieses eine Wort, Hundsteinhüttenteamtreffen, das mich dazu inspirierte, über meinen Sommer als Hüttenmitarbeiterin zu schreiben.

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Hundsteinhüttenteamtreffen Steinhundehüttenteamtreffen Steinhunde treffen Hüttenteam. Treffen Hunde Steinhüttenteam? Treffen Steine Hundehüttenteam? Hüttenhunde treffen Teamstein. Teamhunde treffen Steinhütten. Hütten Steinhunde Teamtreffen? Hüttenhundsteinteamtreffen Hundsteinhüttenteamtreffen

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Auf meiner ersten Fahrt nach Brülisau bin ich aufgeregt. Bin ich flink? Belastbar? Teamfähig? Was bedeutet überhaupt flink, belastbar, teamfähig in einer Hütte des Schweizer Alpen-Clubs SAC? Zugegeben, ich habe keine Ahnung. Ich weiss nicht einmal, ob ich es überhaupt bis zur Hundsteinhütte schaffe. Vor zwei Tagen bin ich ohne Mühe auf die Hundwilerhöhe gewandert. Hundwilerhöhe, nicht Hundsteinhütte. Auf einen der Appenzeller Hügel, nicht auf einen Hang im Alpstein. Der Unterschied liegt im Detail: Ich bin nicht schwindelfrei. Doch, wie sich bald herausstellt, spielt das keine Rolle. Denn bis zur Hütte gibt es Tannen, die mir die Aussicht in die Tiefe ersparen. Kaum oben in der Hütte angelangt, fliegt schon der Helikopter herbei und weht all meine übrigen Bedenken weg. Besser gesagt: Ich habe gar keine Zeit mehr, mir Gedanken zu machen. Denn im Nu stehen herangeflogene Harassen in Massen auf dem Vorplatz. Und Kisten und Schachteln und Säcke voller Ware. Alles muss in die Hütte getragen und verstaut werden. Zu sechst tragen und schleppen, hieven und fluchen wir. Am Schluss gibt es Bier.

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Auf der R체ckfahrt bin ich beruhigt. Flink ist, wer so viel Material innert weniger Stunden in der H체tte zu verstauen weiss. Belastbar ist, wer Dutzende von Harassen tr채gt, aufeinanderstapelt, um sie gleich danach wieder umzustapeln. Teamf채hig ist, wer trotzdem lacht.

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Am ersten Wochenende ist die Hütte nur halb voll. Die Hütte halb voll! Was wir vor zwei Tagen nach vermeintlich logischen Kriterien versorgt haben, finden wir nun nicht mehr. Wir haben vergessen, in welchen Harassen das Bier ist und in welchen der Apfelsaft, wo die Karotten und Kartoffeln sind und wo die Teigwaren. Wer rasch Zucker holen will, verliert sich zwischen Mais und Reis. Wer eine Gabel braucht, öffnet fünf Schubladen. Wer den Büchsenöffner sucht, findet das Wallholz. Und wo ist eigentlich die Küchenwaage? Wo sind die Kaffeefilter? Wo die Fixleintücher? Jeden Handgriff diskutieren wir. Wie machen wir das? Wie machen wir jenes? Wie gross schneiden wir Kuchenstücke? Wie dick die Brotscheiben? Welchen Käse nehmen wir für das Frühstück? Mit welchem Programm waschen wir die Hüttenschlafsäcke? Mit welchem Produkt reinigen wir die Böden? Die Fragen haben kein Ende und des Hüttenwarts Geduld zum Glück auch nicht. Ich mag flink und belastbar sein, aber von selbstständigem Arbeiten kann keine Rede sein, war aber auch keine Rede im Inserat. Unselbstständig flink und belastbar bin ich und unfähig ohne Team.

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Merke: Wenn der Appenzeller Hüttenwart am Abend sagt, dass wir uns am nächsten Morgen «um Viertel und sechs» in der Küche treffen, dann meint er nicht Viertel vor sechs, sondern Viertel nach sechs.

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Nach dem Frühstück bin ich in einem der Gästezimmer damit beschäftigt, die Betten in Ordnung zu bringen. Im offenen Fenster liegen Duvets zum Auslüften, während ich mit einem Kleiderroller über die Matratzen fahre und darüber staune, was alles kleben bleibt. Plötzlich höre ich leisen Gesang. Ich halte inne und lausche. Richtig, da singt jemand. Nein, Moment, da singt nicht nur jemand, sondern ein ganzes Chörlein. Ich unterbreche meine Arbeit und gehe hinaus. Vor der Remise stehen zwei Frauen und zwei Männer nebeneinander, schauen in Richtung Saxerlücke und jodeln. Jodeln! Von Sennenmeitschi und Kühen handelt das Lied. Und wunderschön beschwingt klingt es. Danach beraten die vier Gäste, was sie als Nächstes singen könnten. Sie einigen sich auf ein Lied, benötigen dafür aber noch einen Bass. Sie bitten deshalb den Hüttenwart, der danebensteht, den Bass zu machen. Also macht der Hüttenwart den Bass. Der Gesang ist improvisiert und wirkt vielleicht genau deshalb so perfekt. Ich bin die einzige Zuhörerin und kann mein Glück nicht fassen, dieser spontanen und einmaligen Jodelformation vor der Remise zuhören zu dürfen.

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Im Mai ist der Hüttenwart noch nicht durchgehend in der Hundsteinhütte, sondern passt seine Anwesenheiten fortlaufend den Reservationen an. In dieser Zeit nimmt er mich meistens im Auto mit. Bis zur Bollenwees beim Fählensee gibt es eine Strasse, die von Bauern und Wirten, auch vom Hüttenwart, befahren werden darf. In Brülisau fahren wir jeweils das steile Brüeltobel hinauf. Besser gesagt: Der Hüttenwart fährt jeweils das steile Brüeltobel hinauf. Ich würde mich nie wagen, da hinaufzufahren. Ich fahre einfach mit. Und auch dafür, einfach mitzufahren, braucht es Mut. Denn es gibt im Brüeltobel derart steile Passagen, dass mir das Blut von den Füssen in den Kopf steigt und ich den Eindruck habe, gleich überschlage sich das Auto rückwärts. Wir würden dann, stelle ich mir vor, auf dem Autodach das Brüeltobel hinunter zurück nach Brülisau schlittern. Eine andere, nicht minder furchterregende Vorstellung ist, dass uns ein Fahrzeug entgegenkommen könnte. Für ein Ausweichmanöver gibt es im Brüeltobel nicht viele Stellen, und nur schon beim Gedanken an ein Anhalten, Zurückfahren und wieder Anfahren in diesem steilen Gelände wird mir angst und bange. Rechts neben der schmalen Strasse ist nämlich nichts ausser einer klaffenden Leere

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und, erst sehr viel weiter unten, ein Bach. Obwohl ich nicht gläubig bin, bete ich auf jeder Fahrt, es möge uns kein Fahrzeug entgegenkommen. Zu meiner eigenen Überraschung werden all meine Gebete erhört. Wir haben nie Gegenverkehr. Auch beim Hinunterfahren nicht, das übrigens kein bisschen entspannender ist. Zwar ist dann das Nichts neben der Strasse linkerhand, also neben dem Fahrer, und nicht direkt neben meinem Fenster, doch das ändert nichts an meinen Ängsten, denn ich weiss ja vom Hinauffahren, dass neben der Strasse einfach nichts ist ausser einer klaffenden Leere und, erst viel weiter unten, ein Bach. Ich bete deshalb auch, wenn wir hinunterfahren. Ablenkung finde ich bei der Fahrt durch das Brüeltobel im Gespräch mit dem Hüttenwart. Einmal unterhalten wir uns über Reisen und Sprachen, was den Hüttenwart veranlasst, ein Gedicht seines Lieblingsdichters, Heinz Erhardt, vorzutragen. Es geht darin um eine polyglotte Katze, die vor einem Mauseloch in Hundesprache redet, um einer Maus vorzugaukeln, dass für sie keine Gefahr bestehe. Der Plan geht auf: Die Maus tritt aus dem Loch, die Katze fängt sie und resümiert selbstgefällig, dass es hin und wieder nützlich sei, eine Fremdsprache zu können.

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Schon mal auf dem Beifahrersitz ein steiles Tobel hinuntergefahren, währenddem der Fahrer ein Gedicht ßber eine polyglotte Katze rezitiert? Eben. So wird er sein, mein Sommer: einzigartig!

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Bei

jeder Fahrt zur Bollenwees sieht die Landschaft anders aus. Die Berge bleiben noch einige Wochen weiss, aber die Gegend zwischen dem Sämtiser- und dem Fählensee verändert sich fortlaufend. Lag zu Beginn bis unterhalb der Bollenwees noch Schnee, so sieht man nun hie und da die darunterliegende braungrüne Wiese. Zuerst erscheinen nur vereinzelte, dunkel wirkende Stellen im weissen Schneefeld, doch schon bald sind sie so zahlreich, dass die Landschaft gefleckt aussieht. Überall dort, wo sich der Schnee bereits zurückgezogen hat, blühen Krokusse, so, als hätten sie unter der Schneedecke schon lange darauf gewartet, endlich blühen zu können. Mit zunehmender Schneeschmelze entstehen ganze Krokusfelder. In dieser Zeit verändert sich der Fählensee besonders stark. War er anfangs noch eine komplett weisse Fläche, so wird an dessen Rand zunächst Eis, dann Wasser sichtbar. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeiwandere, zur Hundsteinhütte hinauf oder von der Hundsteinhütte zurück zur Bollenwees, ist die weisse Fläche im Vergleich zum letzten Mal kleiner geworden und die Wiesen rundherum grüner. Und bald schon spiegeln sich Weiden und Berge in der Wasseroberfläche, und der Fählensee wird zu jenem Bijou, das mir vor Jahren einen heftigen Schub Heimweh bescherte.

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Ich lebte damals in Paris, wo mich regelmässig Fotos erreichten, die mir meine Eltern von ihren vielen Ausflügen schickten. Einmal erhielt ich ein kurzes Video mit einem Alphornbläser, der auf einer Anhöhe über einem See stand und in die Bergkulisse hineinposaunte. Mein Vater hatte die Kamera langsam vom Alphornbläser über den See und zurück zum Alphornbläser geschwenkt. Das Video dauerte keine Minute, und ich erinnere mich gut daran, wie ich es wieder und wieder und noch einmal schaute, fasziniert von dieser Idylle, die in der Auslandschweiz, noch dazu in einer Grossstadt, eine unglaubliche Anziehung auf mich ausübte. Dies, obwohl es nicht nur die Berge waren, die ich als Auslandschweizerin vermisste, sondern ein umfassendes Lebensgefühl, das mit meiner Heimat, wohl mit jeder Heimat, einhergeht. Eine wichtige Rolle dabei spielte für mich die Sprache. Es berührte mich jedes Mal, wenn ich in Basel aus dem Hochgeschwindigkeitszug stieg und plötzlich Leute in derjenigen Sprache reden hörte, in welcher ich dachte. Schweizerdeutsch war auch nach vielen Jahren im französischen Umfeld meine Denksprache geblieben, obwohl oder vielleicht gerade weil sie keine Schreibsprache ist. Zu diesem Lebensgefühl gehörten für mich aber auch Dinge wie das Unterwegssein, das mir in der Schweiz so leicht

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vorkam, wenn ich vom Intercity auf den Anschlusszug umstieg und von dort aufs Postauto, das auf die Zahnradbahn abgestimmt war, und dann die Gondel, die wartete, und das Schiff, das auf dem Rückweg eine hübsche Variante bot. Meine Ferien in der Schweiz fühlten sich an wie mehrtägige Schulreisen durch eine Modelleisenbahnlandschaft, nach der ich mich, zurück in der Auslandschweiz, immer öfter sehnte. Träumte ich in Paris von der Schweiz, so nur selten von der Kleinstadt im Mittelland, in welcher ich aufgewachsen war. Auch nicht von Bern oder Zürich, wo ich später gelebt hatte. Vielmehr war es ein diffuses Heimweh nach den Bergen. Die Schweiz war zu einem Sehnsuchtsort geworden. Dass der Fählensee diesem Sehnsuchtsort verblüffend nahekommt, habe ich schon letzten Herbst gedacht, als ich, nun wieder Inlandschweizerin, im Alpstein unterwegs war. Aber erst im Verlaufe dieses Sommers werde ich realisieren, dass das Video, das mich vor Jahren so verzauberte, genau hier, am Fählensee, entstanden war.

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Manchmal unterbrechen der Hüttenwart und ich unsere Fahrt ins Tal oder vom Tal zur Bollenwees, um in einer Beiz einzukehren. Es kommt dann vor, dass wir mit anderen Leuten am Stammtisch sitzen und alle einheimisch sind ausser ich, die ich dem schönen Klang des Appenzeller Dialekts lausche, über die Satzkonstruktionen staune, mich an Wortformationen erfreue und an der Aussprache, am ei beispielsweise, das zu einem langgezogenen ee wird.

Erzielen beim Fussballmatch zwischen Heiden und Gais beide Mannschaften ein Tor, tönt dies etwa so: «Heede – Gees, ees – ees.»

Einmal steht einer auf und sagt: «Ich würde gerne noch hier bei euch sitzen bleiben, aber ich muss jetzt melken gehen.» Diesen einen Satz habe ich davor noch nie gehört. «Ich muss jetzt melken gehen.» Nie hat einer in Paris beim Pastis in einem Bistro gesagt, er müsse jetzt melken gehen. Auch in Olten nicht, wo es eine Zeit gab, in der ich mich oft in Beizen aufhielt. Da stand vielleicht einmal einer auf und sagte, er fahre jetzt nach Basel oder nach

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Bern oder nach ZĂźrich. Und ein anderer stand auf und sagte, er gehe jetzt kiffen. Oder meinetwegen, er gehe jetzt nach Hause. Ich kann mich auch an eine Situation erinnern, als einer wĂźtend aufstand und gar nichts mehr sagte. Aber dass einer aufstand und sagte, er mĂźsse jetzt melken gehen, das habe ich davor noch nie erlebt.

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