orte Verlag Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 209, Dezember 2020 ISBN 978-3-85830-271-7; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 210 «Unterwegssein» // 211 «Badeanstalten» // 212 «Neue hebräische Literatur» // 213 «Lügen». – Fühlen Sie sich von einem der Themen a ngesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Daniela Saravo, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Fotos von Hans Sautter) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial
orte inhaltsverzeichnis Japan – Poesie auf dem Weg von Nord nach Süd 4 Einleitung 8 1. Sapporo 13 2. Hirosaki 17 3. Itoigawa 21 4. Amanohashidate 26 5. Tottori 30 6. Izumo 36 7. Shimonoseki 42 8. Beppu 46 Interview mit Eduard Klopfenstein 50 Zum Fotografen
Viviane Egli, Regina Füchslin, Cyrill Stieger Yoko Ogawa, Toyotama Tsuno, Mutsuhito, Shuntaro Tanikawa, Hiromi Kawakami Yasushi Inoue, Bokusui Wakayama, Kyoshi Takahama, Osamu Dazai Basho Matsuo, Bokusui Wakayama Kyoichi Katayama, Toyotama Tsuno, Bokusui Wakayama, unbekannter Dichter, Otomo no Kuronushi Kobo Abe Sosei Hoshi, Sojo Henjo, Kiyowara no Fukayabu, Sone no Yoshitada, Izumi Shikibu, Murasaki Shikibu, Fujiwara no Akisuke, Bokusui Wakayama, unbekannter Dichter, Ki no Tsurayuki, Yosa no Buson, Toyotama Tsuno Lafcadio Hearn, Kaneko Misuzu Hatoju Muku, Kazuko Shiraishi Cyrill Stieger Hans Sautter
52 orte-festival Annekatrin Ranft-Rehfeldt 73 orte-longseller 74 orte-bestenliste Atsushi Nojima 78 hör-orte 80 Zwischenruf zum 100. Geburtstag von Paul Celan Mario Andreotti 83 orte-bücherregal 87 orte-galerie 89 ortolan: Roland Reichen Teil 2 Erwin Messmer 94 orte-zitat 96 orte-marktplatz 1
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Im März 2021 sind es zehn Jahre seit dem Tohoku-Erdbeben im Nordosten Japans, bei dem es zu einem zerstörerischen Tsunami und der darauffolgenden Nuklearkatastrophe von Fukushima kam. Der Winterthurer Thomas Köhler, der seit über zwanzig Jahren mehrmals jährlich nach Japan reist, wanderte nach dieser Katastrophe zur Unterstützung des Landes und um zu zeigen, dass Japan trotz allem besucht werden kann, während fünf Mo naten 2900 Kilometer entlang der Westküste. Für dieses Heft mit japanischer Literatur haben Viviane Egli, Cyrill Stieger und Regina Füchslin zu acht Stationen von Thomas Köhlers Reise – von Sapporo im Norden bis Beppu auf der Südinsel – Texte von japanischen Autorinnen und Autoren zusammengestellt. Entstanden ist eine Sammlung aus Gedichten in freien Rhythmen, Haikus, Tankas, Ausschnitten aus Romanen – und auch eine Geistergeschichte fehlt nicht. Genau umgekehrt verhält es sich bei der Bestenliste: Hier empfiehlt der Japaner Atsushi Nojima, der in Uri eine Zeitung für in der Schweiz lebende Japaner herausgibt, seine liebsten «westlichen» Bücher. Hundert Jahre sind es her, dass Paul Celan im November 1920 in Czernowitz geboren wurde. Diesem grossen Dichter, über
den die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada geschrieben hat, dass seine Gedichte «ins Japanische hineinblicken», widmet der Germanist Mario Andreotti zum Geburtstag einen «Zwischenruf». Dann kommt nach dem Osten auch der Schweizer Westen in den Blick: denn wie jedes Jahr im Dezember bildet das Lyrikfestival Basel einen Schwerpunkt im Rubrikenteil, auch wenn die Veranstaltungen vor Ort wegen der Coronakrise um ein Jahr verschoben werden müssen. Sie finden in diesem Heft Gedichte des Preisträgers Hans Thill, Angaben zur LiteraturApp «Hör mal!» und einige Einblicke ins Programm 2022 zur Vorfreude. Gute Reise in alle literarischen Himmelsrichtungen und viel klare Winterluft! Regina Füchslin
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JAPAN
Poesie auf dem Weg von Nord nach Süd
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Literatur in Japan, Literatur aus Japan – ein unerschöpfliches Feld. Wie eine Ausgabe zum Thema japanische Literatur für orte zusammenstellen? Wir entschieden uns, bei unseren Recherchen durch die Zeiten und Regionen Japans in den Fussstapfen von Thomas Köhler zu gehen. Thomas Köhler, der vor zehn Jahren, nach dem TohokuErdbeben am 11. März 2011 und die durch den Tsunami ausgelöste Nuklearkatastrophe von Fukushima eine grossartige Idee hatte: zu Fuss durch Japan zu gehen. Er, der Spezialist für das Reiseland Japan, wollte damals dem Land, das ihm in seinem bisherigen Leben so viel gegeben hatte, im Unglück etwas zurückgeben. Eine Aktion der Solidarität und Wertschätzung. Thomas Köhler setzte seine Idee in die Tat um und durchwanderte im Sommer 2011 Japan zu Fuss. 2900 Kilometer waren es, vom Norden in den Süden. Wir baten Thomas Köhler, für uns acht Stationen seiner damaligen Reise auszuwählen. Acht ist in Japan die Zahl für Grösse und Bedeutsamkeit. Er nannte die acht Orte, seine Berufskollegin Yoshi Huggler zeichnete für orte die Landkarte. Und Thomas Köhler gab uns je einen Tagebucheintrag von diesen acht Orten seiner damaligen grossen Reise. Diese Tagebucheinträge, ihre Stichworte wie Regen, Wolken, Freundschaft, Einsamkeit, Dünen, Quellen und Glücksgefühl, waren unsere Wegweiser. Wir suchten assoziativ Stellen aus der japanischen Lyrik und Prosa, aus der traditionellen und der modernen Literatur, die zu den Tagebucheinträgen passen.
Thomas KĂśhler am 31. Dezember 2011 bei der Ankunft am Kap Sata.
Sendai Niigata Sendai
Hiroshima Fukuoka Hiroshima Nagasaki Fukuoka Nagasaki 6
Kanazawa Niigata Tokyo Mt. Fuji Kyoto Kanazawa Tokyo Osaka Mt. Fuji Kyoto
Osaka
Sapporo Hirosaki Itoigawa Sapporo
Amanohashidate Hirosaki Tottori Itoigawa Izumo Amanohashidate Shimonoseki Tottori Beppu Izumo Shimonoseki Karte: Y   oshi Huggler Beppu
So kamen diese acht literarischen Kapitel zusammen: etwas mehr als zwei Dutzend Auszüge von heutigen und früheren japanischen Dichtern, Lyrikern und Romanschriftstellerinnen. Ein Sammel surium der Zufälligkeiten – und der klaren Wegrichtung zugleich. Literatur und Dichtung auf dem Weg von Nord nach Süd. Unsere assoziative literarische Auswahl bedarf gewisser Erklärungen. Die Teemeisterin und Kulturvermittlerin Soyu Mukai in Zürich übernahm dies für uns: Sie erläutert sechs für diese Literaturzusammenstellung zentrale Begriffe, deren Bedeutung in der japanischen Kultur; diese Erklärungen haben wir als Marginalien verwendet. Der Japanologe Eduard Klopfenstein gewährte uns in einem Gespräch einen Einblick, wie japanische Literatur in unsere Sprache übersetzt werden kann. Auch erklärt er, was ein Tanka und was ein Haiku ist, welches die Unterschiede sind und wie diese traditionellen Kurzgedichte entstanden sind. Das optische Bild für diese Ausgabe gab uns der renommierte Fotograf Hans Sautter, der seit über vierzig Jahren in Japan lebt. So ergab sich diese literarische Reise, zehn Jahre nach dem Tohoku-Erdbeben. Mit grossem Respekt vor der japanischen Kultur und Literatur und mit unverzagtem Herausgreifen aus einem immensen Schatz auf dem Weg durch die Zeiten und Regionen von Japan. Wir danken Thomas Köhler, Yoshi Huggler, Soyu Mukai, Eduard Klopfenstein und Hans Sautter für ihre wertvollen Beiträge sowie das schöne Zusammenwirken mit uns für diese orte-Ausgabe. Viviane Egli, Regina Füchslin, Cyrill Stieger
Geplant ist auf Frühling 2021 eine szenische Lesung der in dieser Ausgabe zusammengestellten japanischen Literatur in Zürich, mit Federico Emanuel Pfaffen, Thomas Köhler und den Musikerinnen Chizuko Hayashi und Ursula Fuyûmi Schmidiger. In der nächsten orte-Ausgabe wird darüber weiter informiert.
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1 Sapporo – Wegetappe der Bären und Kraniche Aus Angst vor Bären bin ich mit einer Bärenglocke unterwegs. Erleichterung, das erste Etappenziel ist geschafft. Tagebuchnotizen 2011, Thomas Köhler
(…) Als die Violine sich von einem bedeutsamen Ton lossagte und sich in Schwingungen des heiseren, rauen Nachmittags verlor, kam mir plötzlich das Landhaus in den Sinn. Ich war seit Jahren nicht mehr dort gewesen, konnte mich jedoch noch lebhaft an jedes Detail in dem geräumigen, wenn auch schlichten Gebäude erinnern. Das Haus würde mir Unterschlupf bieten und Geborgenheit schenken. (…) Spätnachts, als ich den Kriminalroman aus der Bücherei beiseitegelegt, das Licht gelöscht und die Augen geschlossen hatte, hörte ich plötzlich einen gellenden Schrei, der eher ungewöhnlich war für ein Tier oder ein menschliches Wesen. Etwa fünfzehn Sekunden später hörte ich ihn noch einmal. Den gleichen Schrei, ebenso fremdartig. War es vielleicht doch ein streunender Hund? Oder ein Fuchs oder Bär oder gar ein verwundetes Tier? Gab es hier in der Gegend überhaupt Bären? Aber mitten im Wald konnte so etwas durchaus passieren.
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Ich vergrub mich unter meiner Bettdecke, um nichts mehr davon mitzubekommen. Vergeblich wartete ich darauf, dass die Schreie endlich aufhörten, sie schienen immer näher zu kommen. Ich wünschte mir, der Spuk möge sich in den Tiefen des Waldes verlieren, aber zu meinem grossen Entsetzen kamen die Schreie geradewegs auf mich zu. Ihre Lautstärke schwoll immer mehr an, und schlussendlich vernahm ich Bruchstücke einer menschlichen Stimme sowie das Rascheln von Schritten im Gras. Zweifellos rief da jemand. «He!» Es war also kein Bär, sondern ein Mensch. Es war eine männliche Stimme. «He … Mach auf!» Aus Yoko Ogawas Zärtliche Klagen, Roman. Aufbau Verlag GmbH, Berlin 2018. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Yoko Ogawa wurde 1962 in Okayama geboren und lebt in der Präfektur Hyogo.
Der Kranich, der am Teich des kaiserlichen Gartens steht, öffnet langsam seine Augen. Uralte Schwermut. Gedicht von Toyotama Tsuno, aus Japanische Lyrik. Verlags-AG Die Arche, Zürich, 1974. Übertragen von Manfred Hausmann. Die Schriftstellerin Toyotama Tsuno wurde 1896 auf Hokkaido geboren. Sie wurde in jungen Jahren an einen Innenarchitekten verheiratet, an dessen Seite sie zuerst nach Tokyo, dann nach Paris kam. 1928 verstarb sie in Paris im Alter von 32 Jahren an einer vernachlässigten Tuberkulose.
Wenn sich die Kraniche an meinem Teich aufrecken und mit den Flügeln schlagen, durchweht mit einem Mal der Duft der weißen Chrysanthemen den ganzen Garten. Kranich. Der Kranich ist ein wichtiges Symbol des Glücks und der Langlebigkeit in Japan. Er begleitet alle Feierlichkeiten des Lebens. Soyu Mukai, japanische Teemeisterin
Gedicht von Mutsuhito, aus Japanische Lyrik. Verlags-AG Die Arche, Zürich, 1974. Übertragen von Manfred Hausmann. Mutsuhito, 1852 in Kyoto geboren, 1912 in Tokyo gestorben, war der Sohn der Konku bine Nakayama Yoshiko und der 122. Tennoˉ (Herrscher) von Japan.
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Japanische Kraniche auf Hokkaido. Š Hans Sautter.
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Postkarte Eine vergilbte Postkarte bleibt Abkratzen der aufgehäuften Zeit bis transparentes Blut durchsickert Imaginäre Haut die der Tod mit sich bringt Gedicht Postkarte von Tanikawa Shuntaro. Aus dem Gedichtband minimal. Secession Verlag, Zürich 2002. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Tanikawa Shuntaro, Schriftsteller, Übersetzer und Lyriker, wurde 1931 in Tokyo geboren. Zu seinem literarischen Schaffen gehören über 60 Gedichtbände, Fernseh-, Radio- und Filmskripte. Tanikawa Shuntaro hat seine Werke öffentlich in Amerika und Europa vorgetragen.
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Masayo las die Karte als Erste, dann reichte sie sie mir. Nachdem ich sie gelesen hatte, gab ich sie an Takeo weiter, der sie sich dicht vor die Nase hielt und daraufstarrte. Dann fing er an, leise vorzulesen. Ihr Lieben, ich bin jetzt in Sapporo. Ich habe Ramen gegessen, die chinesische Nudelsuppe, die hier so berühmt ist. DschingisKhan-Topf habe ich auch gegessen. Da Ishii verhindert war, muss ich bis übermorgen in Sapporo bleiben. Hokkaido ist sehr groß und weit, ein bisschen wie eine große Frau, und auch etwas unübersichtlich. Viele Grüße, Haruo Nakano Aus Hiromi Kawakamis Roman Herr Nakano und die Frauen. Carl Hanser Verlag, München, 2009. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Die 1958 geborene Schriftstellerin Hiromi Kawakami lebt in Tokyo. Sie studierte Naturwissenschaften. Für ihr literarisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
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Essen in Japan. Von der einfachen Nudelsuppe bis zum Kaiseki-Gericht (japanisches Gourmet-Gericht) mit frischen Zutaten – gegessen wird nicht nur mit dem Gaumen, sondern auch mit den Augen. Das gemeinsame Essen ist ein unerlässlicher Faktor für gute Beziehungen. Soyu Mukai
2 Hirosaki – zu Fuss an die Grenzen gehen Ein Tag mit Begleitung, eine Freundschaft entsteht. Das Gefühl der Einsamkeit ist für Stunden überwunden. Tagebuchnotizen 2011, Thomas Köhler
(…) «Jeder Mensch», begann Tokiwa, «hat irgendwann eine Periode, wo er den Sinn seines Lebens darin sieht, es für irgend etwas einzusetzen, für irgendeine Sache zu wagen. Das sind wohl die Jahre zwischen achtzehn, neunzehn und sieben- und achtzundzwanzig. Man will ein «Abenteuer» bestehen, und das heißt, man ist entschlossen, seine Kraft bis zum äußersten auszugeben. Aber wenn man älter als acht- oder neunundzwanzig ist, kommen einem solche «Abenteuer» blödsinnig vor. Man hat nämlich inzwischen gemerkt, daß die Kraft eines Menschen ziemlich gering ist, daß er letzten Endes gar nichts so Großartiges darstellt, und damit erlischt der Glorienschein des Abenteuers. Der junge Mensch ist von diesem Augenblick an erwachsen.» … Uozu, den Pickel in den Felsen schlagend, blickte zu der Gestalt seines Freundes empor. Der Wind wehte von der linken Seite heran, und ständig begrub neuer Schneedunst die Leere unter ihnen. Gelegentlich erzeugten winzige Lawinen unheimliche Laute und zerstäubten zu Uozus Füßen.
In diesem Augenblick hielt sich Kosaka an der von Uozu fünf Meter schräg entfernten Wand fest und versuchte das Seil über den über seinen Kopf hinausragenden Felsen zu schlingen. Seltsamerweise war Kosakas Gestalt für Uozu klar wie ein Bild sichtbar. Nur der winzige Raum, der Uozu umgab, war wie saubergewischt, es war, als blicke man durch Fensterglas – die Felsen, der Schnee, Kosakas Körper besaßen einen schwachen, kalten Glanz. In diesem Augenblick geschah es. Uozu sah, wie der Körper Kosakas plötzlich ins Gleiten geriet und den Felshang hinunterstürzte. Unmittelbar darauf hörten Uozus Ohren aus Kosakas Mund einen kurzen, heftigen Schrei. Textauszug aus: Yasushi Inoue: Die Eiswand, Roman. © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979. Aus dem Japanischen von Oskar Benl. Yasushi Inoue, 1907 auf Hokkaido geboren, verbrachte seine Kindheit grösstenteils bei seinen Grosseltern auf der Izu-Halbinsel, nahe des Berges Fuji. Er studierte Kunst und Geschichte. 1991 starb der renommierte Schriftsteller in Tokyo.
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Der Berg Fuji. Š Hans Sautter
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Nimm Abschied! Weiter weiter musst du eilen Wanderer Das Herbstgras an den Hängen ist verdorrt … Herbst 1910 Gedicht von Wakayama Bokusui, aus dem Gedichtband In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter, moderne Tanka. Manesse Verlag. Übersetzt von Eduard Klopfenstein. Wakayama Bokusui lebte von 1885 bis 1928. Die heutige Popularität des Tanka ist in Japan untrennbar mit seinem Namen verknüpft.
Traumstille Septembertage. Heute dürfen meine Füsse mich tragen, wohin sie wollen. Gedicht von Takahama Kyoshi, aus Japanische Lyrik. Verlags-AG Die Arche, Zürich, 1974. Übertragen von Manfred Hausmann. Takahama Kyoshi, 1874 in Matsuyama geboren und 1959 in Kamakura verstorben, war ein Dichter und Schriftsteller der Meiji-, Taisho- und namentlich der Showa-Zeit.
Bergwandern. Aus kultureller Sicht ist das Bergwandern mit der Malerei und dem Gedicht (Waka und Haiku) verbunden. Seit 1982 ist mit der japanischen Praktik des Forest Bathing Bergwandern, gerade auch wegen des gesundheitlichen Aspekts, noch populärer geworden. Soyu Mukai
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(…) «Pah», platzte es erneut aus der Schildkröte heraus, «war nicht eben dieser Weg der Altvorderen ein abenteuerliches Unterfangen? Zwar ist der Ausdruck «Abenteuer» schlecht gewählt, er hat den Beigeschmack von roher und unsauberer Schelmerei, es wär wohl besser, stattdessen von der Kraft des Glaubens zu reden. Nur ein Mensch, der glauben kann, auf der anderen Talseite blühe eine seltene Blume, wird sich ohne Zögern an eine Ranke klammern und das Tal überqueren. Die Leute halten das für Akrobatik, die einen beklatschen es, andere halten es für Wichtigtuerei und rümpfen die Nase. Aber das ist etwas absolut anderes als die Seiltänzerei eines Akrobaten. Der Mensch, der sich an eine Ranke klammernd ein Tal überquert, möchte nicht mehr als die Blume auf der anderen Seite betrachten. Er denkt keineswegs, er bestehe jetzt ein Abenteuer, diese Art von vulgärer Effekthascherei fehlt ihm ganz und gar. Was soll er mit Abenteuern prahlen? Unsinn! Er glaubt. Er ist überzeugt, dass die Blume existiert. Das nenne ich nun, in Ermangelung eines Besseren, Abenteuer.» Aus der Erzählung Urashimo Taro von Dazai Osamu. Die Teufel des Tsurugi-Bergs, Erzählungen. © be.bra verlag GmbH, Berlin 2012, S. 36. Aus dem Japanischen übersetzt von Verena Werner. Dazai Osamu, 1909 in der Präfektur Aomori geboren. Im Alter von 13 Jahren begann er, Geschichten zu schreiben. 1948 ertränkte sich Dazai Osamu mit seiner Geliebten Yamazaki Tomie in einem Kanal.
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Selbsttötung. Wegen der Hungersnot in der Edo-Epoche nahmen alte Leute ihr Leben allein in den Bergen auf, zum Sterben bereit. Das heisst Ubasute-Yama. Seppuku hingegen ist der ehrenhafte Tod von militärischen adligen männlichen Personen. Soyu Mukai
3 Itoigawa Die erste Hälfte der Wanderung ist geschafft. Ich werde von vielen Menschen feierlich empfangen. Ich bin glücklich über all das, was ich bisher geleistet habe. Tagebuchnotizen 2011, Thomas Köhler
Nimm den Mond als Wegweiser – komm herein in die Herberge! Ein Zwei-Tage-Kater Nicht der Rede wert während der Kirschblütenzeit Auf kahlem Ast hockt eine Krähe – abends spät im Herbst An der Bananenstaude rüttelt der Herbststurm drinnen tropft’s in den Zuber – zu hören die Nacht durch! Obwohl bereit, auf weiter Flur zu enden, fährt mir der Wind nun doch durch Mark und Bein Es dunkelt über dem Meer – ein Entenschrei: matt schimmerndes Weiss Auf dem Bergweg irgendwie anziehend das Veilchen
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Raue See – nach Sado hinüber wölbt sich gewaltig der Himmelsfluss…
Mond in vollem Glanz Ich umrunde den Teich die ganze Nacht durch Nachtlager im Tempel Mit wahrhaftig ernstem Gesicht den Mond betrachten
Regenzeit – es giesst! Und an den Wänden die Spuren abgehängter Verse Pflaumenblütenduft – mächtig bricht die Sonne hervor über dem Bergweg
Kalter Wintertag – auf dem Pferd gefriere ich zur Schattengestalt Erschöpft vom Wandern – Zeit, eine Herberge zu finden… Doch siehe: Glyzinienblüten! Stille… das Sirren der Zikaden sickert ein in den Fels
Diesen Herbst bin ich so gealtert – warum nur? In den Wolken ein Vogel Krank auf der Reise – die Träume irren umher über öde Felder alle Haiku stammen von Matsuo Basho
Aus: Haiku, Gedichte aus fünf Jahrhunderten, Japanisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Reclam Verlag, Stuttgart, 2018. Matsuo Basho wurde1644 in Akasaka geboren und starb 1694 in Osaka. Sein eigentlicher Name war T adaemon Munefusa. Er war Zen-Buddhist und gilt als geistiger Vater des Haiku, der kürzesten Lyrikform. Ab 1682 verwendete er das Pseudonym Basho, was wörtlich «Bananenstaude» (芭蕉庵, bashō-an, japanische Faserbanane) bedeutet. Er hatte sich in Edo (Tokyo) in einer Hütte niedergelassen, neben der sich eine Bananenstaude befand. Einen grossen Teil seines Lebens verbrachte Matsuo Basho als Pilger auf Wanderschaft durch Japan. Sein Unterwegssein nahmen sich viele spätere Dichter zum Vorbild. Für ihn war Poesie eine Quelle der Erleuchtung. Der Begriff «Haiku» stammt aus dem 19. Jahrhundert. In der Zeit, in der Basho schrieb, wurde die Gedichtform «Hokku» genannt.
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Der Taifun Hagibis trifft mit ßber 200 km/h am Cap Iro der Halbinsel Izu auf Land. 12. Oktober, 2019. Š Hans Sautter
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Auch heute wieder geh ich weiter sehnsuchtsvoll lasse mein Herz das Pilgerglöcklein klingen klingen Wenn viele Berge Flüsse überschritten sind kommt wohl ein Land wo Einsamkeit ein Ende hat Auch heute geht die Reise weiter Die Berge schlafen und am Fuss der Berge ruht das Meer – Ich ziehe durch ein Land voll Frühlingssehnen Los! Brechen wir auf! Noch nie gesehene Berge lass uns wandernd schauen Diese Einsamkeiten – wirst du sie ertragen?
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Mit umschlungenen Knien Hocke ich auf dem Grasberg schau in die feuerrote Abendsonnenkugel dieses Herbstes
Morgennebel steigen breiten sich aus Allein durchwandere ich das dunkelgrüne Tal Aus: Wakayama Bokusui: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter. Moderne Tanka. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein. Manesse Verlag, Zürich, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München, 2018. Wakayama Bokusui lebte von 1885 bis 1928. Er wuchs in einem entlegenen Tal der Insel Kyushu auf. Er ist einer der bedeutendsten Tanka-Dichter Japans. Tanka ist die älteste Gedichtform, aus der der Haiku entstand. Der Tanka besteht aus 31 Silben. Während seines Lebens unternahm Bokusui ausgedehnte Wanderungen durch Japan.