orte Verlag Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 208, Oktober 2020 ISBN 978-3-85830-270-0; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich. Die nächsten Ausgaben mit folgenden Themen: 209 «Japan» // 210 «Unterwegs» // 211 «Badeanstalten» // 212 «Lügen» // 213 «Neue hebräische Literatur». – Fühlen Sie sich von einem der Themen angesprochen, haben Sie Informationen dazu oder sogar Interesse in der Redaktion mitzuarbeiten, dann freuen wir uns über Ihre Zuschrift an unsere Redaktionsadresse.
Redaktion:
Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
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Foto: Bernd Schumacher; Zitat aus dem Gedicht: Mein Bodensee des Autoren Willy Bieger, im Heft Seite 44.
Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt Editorial orte3inhaltsverzeichnis
«Du blaust mir in die Seele» – Der Bodensee 4 7 9 10 12 16 18 20 23 24 28 29 30 31 34 43 44 45
Einleitung Elmar Gehrer Thomas Hald Monika Taubitz Peter Stamm Fred Kurer Annette von Droste-Hülshoff Hermann Hesse Rainer Maria Rilke Bruno Epple Ruth Erat Tabea Steiner, Peter Salomon Stefanie Kemper Birgit Rietzler Bernd Schumacher Dorothea Neunkirchen Willy Bieger Autorenbiografien
Erwin Messmer
47 51 53 56 59 61 64 70 74 76 78 80
Werkstattgespräch mit Mia Couto orte-festival: Zürich liest orte-bestenliste orte-bücherregal hör-orte: Gerhart Hauptmann ortolan: Roland Reichen Teil 1 fund-orte: S. T. Coleridge wander-orte: Rainer Maria Rilke orte-galerie: Terzette deutsch-romanisch orte-zitat orte-agenda orte-marktplatz
Peter K. Wehrli Annekatrin Ranft-Rehfeldt Otmar und Roman Elsener Peter K. Wehrli Erwin Messmer Florian Bissig Cyrill Stieger Elsbeth Maag, Valentin Vincenz
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KUNO ROTH ‹KL!MA VISTA Die Schneefallgrenze steigt›
22.08.19 11:10
Neuerscheinung 2020.10. → Subskription «Wer dieses Buch unverändert verlässt, dem ist vermutlich auch anderweitig nicht zu helfen.» Oliver Füglister PRO LYRICA Kuno Roth ‹KL!MA VISTA – Die Schneefallgrenze steigt› so heisst der neue Poesieband des Berner Lyrikers Kuno Roth. Das Buch erscheint am 23. Oktober bei PRO LYRICA und vereinigt auf 100 Seiten Gedichte und Aphorismen rund ums Klima. Sie zeigen wie relevant Poesie in dieser fragilen Welt sein kann und muss. Jetzt auf prolyrica.com zum → Subskriptionspreis bestellen! Kuno Roth ‹KL!MA VISTA – Die Schneefallgrenze steigt› Gedichte und Aphorismen, Softcover, 100 Seiten, Erscheinungsdatum 23.10.2020, PRO LYRICA, ISBN 978-3-90551-64-6, Subskription ‹orte› bis 12.10.2020 Subskriptionspreis CHF 24.50 Mehr sehen: prolyrica.ch Mehr lesen: prolyrica.com prl_ins_orte_kuno_roth_bel.indd 1
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26.08.20 15:44
orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Ich sitze in meinem türkisgrünen Drehsessel, das Fenster steht offen und der Wind treibt kühle Luft in die Blätter zwischen meinen Händen. Gerade habe ich die Dankesrede des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm noch einmal gelesen, die er anlässlich der Verleihung des Bodensee Literaturpreises gehalten hatte. Die Blätter gleiten auf meinen Schoss und ich schaue zum Fenster hinaus – es regnet – und eigentlich wünschte ich mir jetzt am Ufer eben dieses Bodensees zu sitzen. Dann schliesse ich die Augen und sehe die umgekehrten Gipfel unter Wasser, die Mächtigkeit und die unscheinbare Oberfläche des Sees genauso wie Peter Stamm ihn beschreibt. So einfach – erinnere ich mich – kann es sein, lesend auf eine Reise zu gehen. Das «Bodenseemeer», wie es oft auch genannt wird, ist bis heute eine der bedeutendsten Kulturlandschaften Europas. Viviane Egli, Erwin Messmer und Cyrill Stieger laden mit Lyrik und Prosatexten, gezielt und charismatisch ausgewählt, zu einer poetischen Segelpartie ein. Partiell wurden die Texte eigens für diese orteAusgabe verfasst und spiegeln die intensive Verbindung der Schreibenden mit dem Bodensee wider. Mit an Bord sind 16 namhafte Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für stimmungsvolle Blicke auf den Bodensee in der Mitte des Heftes sorgt der international bekannte Fotograf Bernd
Schumacher. Vielen Dank allen Beteiligten für Ihre grosszügigen Beiträge. Diesmal nehmen wir auch die Leserschaft der Schweizer Zeitschrift «Literarischer Monat» als Gäste mit auf unsere Reise. Entdecken Sie alle gemeinsam wieder oder erstmals die Vielfalt von orte. Erfahren Sie, was «Zürich liest» trotz Corona für seine 10. Ausgabe plant. Hören Sie von Gerhart Hauptmann als Romanfigur – souverän interpretiert von Bodo Krumwiede oder wandern Sie auf den Spuren von Rainer Maria Rilke im Wallis, um nur einige mögliche Stationen auf der Rundreise durch unser Heft anzukündigen. Meine Reisen des vergangenen Sommers führten mich auf Hiddensee in Gerhart Hauptmanns Arbeitszimmer, liessen mich über die Ostsee segeln und so manche Stunde in Gedanken am Bodensee spazieren gehen. Wo waren Sie diesen Sommer – vielleicht in der «Badi»? Berichten Sie uns von Ihren Erlebnissen. Lesen Sie mehr dazu, warum uns dies interessiert, im Inserat auf Seite 58. Windgetrieben – die Herde weisser Wellenschafe hinter mir liess ich mich durch die Stimmungen der Texte unserer Gäste über den Bodensee treiben. Geniessen Sie die Zeit: lesend, entdeckend, sich treiben lassend. Bleiben Sie gesund. Herzlichst, Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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«Du blaust mir in die Seele»
Der Bodensee
Bernd Schumacher: «draußen», 2016.
Oft wenn ich Hunger habe, kommt mir der «Schrönteler» in den Sinn, die Badi im östlichen Dorfteil «Speck» von Staad bei Rorschach. Nie verspürte ich als Dreikäsehoch eine solch übermächtige Lust auf Nahrung, wie wenn ich nach dem Schwimmen aus dem Wasser stieg, mich in der Umkleidekabine für Männer umzog und, nachdem ich noch einen raschen verklemmten Blick durch das gebohrte kleine Voyeurloch in der Bretterwand geworfen hatte, hinüber zur Umkleidekabine für Frauen, eilends nach Hause rannte, an den gedeckten Tisch, den Geruch von Algen und Schlamm vertauschend mit demjenigen von Milchkaffee und einem feinen Rheintaler Ribel. Der Seegeruch von da-
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mals bleibt mir lebenslänglich in meinem Duftgedächtnis haften, aus dem See ist er inzwischen dank der Kläranlagen weitgehend verschwunden. Das Wasser ist jetzt fast zu sauber, was wiederum den Fischen nicht passt. Damals wimmelte es noch von Praxmen, Röteli, Egli, die wir im Staader Hafen mit unseren Angelruten massenweise aus dem See zogen. Die Badi und der Hafen gaben nebst dem bewaldeten Hang oberhalb des Dorfs hin zum nahen Appenzeller Vorderland das Tummelfeld meiner Kindheit ab. Im Winter unternahmen wir, mit Holzstöcken ausgerüstet, auf Eisschollen abenteuerliche Wasserfahrten dem Ufer entlang, und 1963, als der ganze See zugefroren war, überquerte unsere Schul-
klasse diesen zu Fuss an seiner breitesten Stelle (14 Kilometer!) – die später mein Bruder eines Sommers schwimmenderweise bezwingen sollte –, und ich wegen einer Knieverletzung als einziger auf einem Davoser Schlitten, gezogen von Klassengschpänli. Da begrüssten uns immer wieder entgegenkommende Langenarger Einwohner, und ich erinnere mich an eine Frau, die uns mitteilte, dass sie bei guter Sicht jeweils gern zu uns Schweizern hinüberschaue. Dass dieser Blick «hinüber» ein ganz anderer, ein bei strahlendem Wetter wirklich atemberaubender ist, dass der Bodensee eigentlich nicht nur jenes oft endlos erscheinende, in Nebelschwaden verschwindende «Bodenseemeer» hergibt, wie wir es während unserer ganzen Schulzeit hauptsächlich wahrgenommen hatten – nur an Föhntagen wurde dieses Meer wie von Geisterhand durch einen Teich ersetzt, an dessen jenseitigem Ufer die Häuser gestochen scharf und zum Greifen nah erschienen –, ging mir erst später auf, als Tourist am deutschen Ufer. Auch die lieblichen Gegenden des Untersees kannte ich damals noch kaum. Es brauchte viel Zeit, bis mir bewusst wurde, dass ich an einem landschaftlich äusserst vielgestaltigen See aufgewachsen bin, hinter dessen südlichem Ufer der Alpstein und die Churfirsten mit schneebedeckten Gipfeln eine eindrückliche Kulisse bilden. Insofern ist der Bodensee durchaus mit einem Meer zu verglei-
chen: Auch ein Kroate hat a priori nicht unbedingt eine Ahnung, wie es am selben Mittelmeer in Italien aussehen mag. Wir präsentieren Ihnen hiermit die zweite orte-Nummer, welche dem Bodensee gewidmet ist. Sie versteht sich als eine Fortsetzung und Ergänzung der Nummer 107 vom Juli 1998. Jenes Heft ist immer noch greifbar, und ich möchte es Ihnen allen ebenfalls wärmstens zur Lektüre empfehlen. Unser langjähriger Redaktionskollege Ueli Schenker schrieb damals in seiner Einleitung: «Wie schön oder See mein See oder romantisches Glotzen. Nichts gegen wirkliches Ergriffensein, aber muss das so aufs Papier? Mit all den vertrauten Klischees von Blau, Vögeln, Wolken, Booten? Kaum etwas von breitärschigen Ratsherren mit allzu ungetrübten Beziehungen zu expansiven Bulldozerhaien. Wenig von unzimperlichen Umgangsformen in Scheindemokratien.» Und Werner Bucher, dessen Editorial den Blick von seinem Wirtshaus Kreuz in Zelg-Wolfhalden hinunter zum See lobt, kommt nicht umhin, auch die Kehrseite der Medaille gebührend zu würdigen: «Das Schweizer Ufer ist, sehe ich vom schmalen Untersee ab, weitgehend zerstört» (in Klammern folgen zahlreiche Beispiele, welche seinen vernichtenden Befund illustrieren); «auf der deutschen Seite hingegen wirkt vieles künstlich und kaputt saniert. Einzig die Österreicher haben zu ihrer Riedlandschaft
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zwischen Rheineck und Bregenz Sorge getragen.» Dem ist auch heute, 22 Jahre später, nichts Beschönigendes beizufügen. In unserer Sammlung von Gedichten und Texten rund um den Bodensee, mit den atmosphärisch einprägsamen Fotografien von Bernd Schumacher, überwiegen für einmal dennoch die «schönen Seiten» dieses meerartig ausladenden Wassers, welches Ueli Schenkers ironisch-kritischen Bemerkungen zum Trotz immer noch «blaut», wie es zur Zeit des Rheinecker Heimatdichters Willy Bieger schon blaute, aus dessen Gedicht «Mein Bodensee» wir den Titel des vorliegenden Heftes destilliert haben. Der Bodensee hält seine drei Anstösser-Nationen und Kulturen einerseits auf Distanz, fordert diese anderseits aber auch immer wieder zu lebhaftem Austausch heraus. Kritische Stimmen fehlen allerdings auch im vorliegenden Heft nicht, sie bringen die Verbauungswut der Ufer ebenso zur Sprache wie die Bedrohung durch behördliche Bevormundung und Gleichschaltung, welche gerade jetzt, da
die freie Bahn fürs Virus diejenige der Bürgerinnen und Bürger rund um den See empfindlich einschränkt, besonders zu spüren sind. Die in vielen unserer Texte gelobte Schönheit des Bodensees ist seit langem und immer mehr in verschiedener Hinsicht gefährdet, und es gilt, diese Gefahren auch mit den Mitteln der Poesie auf den Punkt zu bringen. Die Gedichte beispielsweise einer Monika Taubitz, deren Verse die Bauwut rund um den See mit poetischen, doch gnadenlos entlarvenden Zeilen ebenso eindrücklich ins Wort holen wie das Tummelfeld lärmender Motorboote, ergänzen sich deshalb bestens beispielsweise mit den beschaulichen Flaneurversen des vorarlbergischen Seeanstössers Elmar Gehrer oder mit der philosophisch und geschichtlich fundierten Seeschau des alemannischen Bodenseepoeten und Malers Bruno Epple. Günstige Winde mögen nun vor ihrem inneren Auge die poetischen Segel blähen, mit denen Sie lesenderweise in See stechen. Erwin Messmer
Elmar Gehrer
an den see wenn freuden sich in flutlicht baden spiegelst du`s in allen farben wenn träume über wellen schäumen schaukelboot bist du und raum wenn lärm in dir und staub ertrinken bist du stilles ufer du wenn tat und mut sich übersprudeln ist dein blau im sturme schwarz wenn wellen über träume schäumen ziehst hinab du sie zum grund wenn überfluss sich übergießt sinken sprachlos wir in dir
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uferstein
Seegetöse
wasser unter mir und wasser land hinter mir und land abgrundtiefes schweigen reißt die nabelschnur entzwei am geiselhimmel mein gebet verhallt kein engel steigt herab
Geballte Kraft hat der Sturmwind dir eingepeitscht aufgewühlter Schaum Wind und Wellenrauschen Takt im Tosen Trommelwirbel hör ich in mir
wasser unter mir und wasser land hinter mir und land muschelglanz im sandgeriebe sonnt die gräte einer wilden jagd noch jung der tag an angels haken fleht wasser unter mir und wasser land hinter mir und land abgrundvolles hoffen schöpft im schuppenmeer mein flüchtig wort tragen wellen uferlosem licht entgegen
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Mir ist als ob ich in den Schlussakkorden von Beethovens Fünfter wandle
Thomas Hald
Bodensee der see, vom zug aus betrachtet, auf der fahrt in die schweiz, bei regen und wind: wie ein meer – seine wellen spülten äste, baumstämme ans ufer. enten schaukeln in grauen weiten, scheinbar ziellos, dem wogen überlassen. möwen gleiten darüber hinweg; entziehen sich meinem stummen fensterblick – sie werden uns nicht folgen …
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Monika Taubitz
Ballade von der Uferbebauung Hier standen sie gern, taxierten, maßen, rechneten aus und priesen die Aussicht. Mischten Beton zu Asphaltgrau und Ufergemäuer, verstellten den Seeblick. Planten, bauten und türmten von neuem, verkauften die Bergsicht. Hungrige Bäumchen setzten sie umweltfreundlich ins Pflastergestein, ließen Wände erblühn. Mit gelben Armen kreisen noch immer die Kräne und deuten auf Lücken. Hier stehen sie gern! Wie Trauerpost les ich die schwarz umrandeten Schilder am Bauzaun: Verkaufe mit Berg- und Seesicht durch X und Co. Letzte Gelegenheit!
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Motorbootfahrt Alles startklar! Im Aufschrei des Motors die Tauchflucht der Belchen*. Nach uns das blaue Wölkchen wie Seedunst. Die Wellen geschnitten. Mit hartem Aufschlag donnert’s fort, querseeein. Juchheirassa! Fahrtwind im Haar. Die Gischt sprüht Gefunkel. Wie Seetränen perlt’s von der Scheibe. Unliebsamer Gedanke geht über Bord. Vorbei! Schon vergessen, worüber wir nachdenken wollten. *Belchen werden am deutschen Ufer die Taucherli genannt.
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Peter Stamm
«Seen lassen sich nicht teilen wie Kuchen» Vor langer Zeit – ich war vielleicht zwölf Jahre alt – kletterte ich ein wenig und wurde deshalb Mitglied der Jugendorganisation des Schweizerischen Alpenclubs. Damals bekam ich jeden Monat eine kleine, handkopierte Mitgliederzeitschrift der Sektion Bodan, ein unscheinbares, gelbes Heftchen mit einem Dutzend Seiten. In jeder Nummer waren Tourenberichte, Beschreibungen von Kletter- oder Wandererlebnissen, die immer – und das mag der Grund sein, weshalb ich aus dem Verein bald wieder austrat – am sehr frühen Morgen begannen. In jedem dieser Berichte sprachen die wenig wortgewandten Bergfreunde irgendwann nach dem «beeindruckenden Sonnenaufgang» von «majestätischen Gipfeln», von «strahlender Sonne» und «glitzerndem Firn». Es war, als hätten alle denselben Berg bestiegen, am selben wolkenlosen Tag. Wenn Berge schwierig zu beschreiben sind, so sind Seen es noch viel mehr. «Lieblich» sind sie in den einschlägigen Texten oft und gerne, «Spiegel», deren Wellen «plätschern» und an «lauschige Ufer» schlagen. Dann zieht immer irgendwann ein Gewitter auf und plötzlich wird das Wasser, das vorher jede mögliche Farbe gehabt hatte, «bleiern». Was selten beschrieben wird und doch alle Seen verbindet, ist ihre Flachheit.
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Zwar hat man uns schon als Kinder beigebracht, dass der Bodensee durch die Erdkrümmung einen kleinen Hügel bilde, und dass man deswegen von Bregenz aus das Konstanzer Münster nicht sehen könne, das man von da aus aber auch nicht sehen könnte, wenn die Erde eine Scheibe wäre. Wenn man sich auf dem See befindet, merkt man wenig von diesem vierzig Meter hohen Wasserberg. Die Topographie der Seen ist vor allem unter Wasser interessant. Dort haben auch sie ihre Täler und Hügelketten, ihre Steilhänge und Felswände, haben an den tiefsten Stellen auch sozusagen umgekehrte Gipfel. Doch diese werden nicht einmal von Tauchern besucht. Eine Höhendifferenz, die an Land in einer halben Stunde zu bewältigen ist, ist unter Wasser ohne Spezialausrüstung unerreichbar. Manchmal, wenn ich in einem See schwimme, ist es mir plötzlich, als spüre ich die Mächtigkeit dieses Körpers, der unter mir liegt, ein zugleich faszinierendes und beängstigendes Gefühl. Wenn wir Landratten von Seen sprechen, so meinen wir meist deren Ufer. Die Kubikkilometer Wasser, die den See eigentlich ausmachen, sind so wenig interessant, wie die Kubikkilometer Fels, aus denen die Berge bestehen. Ich will nicht behaupten, dass die Ufer ohne den See dieselben
wären. So sehr der See das Ufer braucht, das ihn erst ausmacht, so sehr braucht das Ufer den See: Er prägt sein Klima, spiegelt seine Schönheit, macht es zur Grenze, an der man stehenbleibt und verweilt. Kürzlich fragte ich eine österreichische Freundin, welches eigentlich der grösste See ihres Landes sei. Ohne zu zögern meinte sie, der Bodensee. Moment, sagte ich, der gehört eigentlich uns. (Und da wir hier in Überlingen sind, müsste ich der Genauigkeit halber hinzufügen uns und den Deutschen.) Aber sie bestand darauf, dass der Bodensee auch zu Österreich gehöre. Da ich kein Smartphone besitze, konnte ich den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage nicht sofort überprüfen. Erst zu Hause googelte ich die Liste der grössten Seen Österreichs und las, dass circa zehn Prozent der 536 Quadratkilometer des Bodensees zu Österreich gehörten, und dass er somit hinter dem dreimal grösseren Neusiedlersee nur der zweitgrösste See des Landes sei. In einem Quiz hätte meine Freundin keinen Preis gewonnen, trotzdem hatte sie eigentlich recht. Seen lassen sich nicht teilen wie Kuchen und so kann der Bodensee mit gutem Recht als der grösste See Österreichs und Deutschlands und als der zweitgrösste See der Schweiz gelten, auch wenn keines der Länder ihn ganz besitzt. Zumal der Obersee, wie ich bei meinen Recherchen erfuhr, das einzige Gebiet Europas ist, in dem es keine anerkannte Grenzziehung gibt. Er wurde unter den drei Anrainerstaaten nie exakt aufgeteilt,
offenbar weil sie sich nie um ihn gestritten haben. Zum einen wohl, weil er gross genug ist für uns alle, zum anderen, weil die Bodenseebewohner zwar zu drei Nationalitäten gehören, aber einen Schlag bilden. Für einen Bregenzer, eine Konstanzerin, einen Romanshorner, eine Überlingerin sind die Nachbarstädte am See trotz der Erdkrümmung viel vertrauter als die fernen Hauptstädte ihrer Länder. Als ich 1963 geboren wurde, war der Bodensee zugefroren, und man konnte zu Fuss nach Deutschland hinübergehen. Das Krankenhaus in Münsterlingen stand direkt am Ufer des Sees, und eine Krankenschwester soll mich ans Fenster gehalten und mir den gefrorenen See gezeigt haben mit den Worten, das siehst du wohl lange nicht mehr. Das Erste, was ich von meinem Land sah, war seine Grenze, die plötzlich keine mehr war. Ströme von Menschen sollen den See damals überquert haben, Spaziergänger, Schlittschuhläufer, Pferdekutschen, sogar Autos. Als ich endlich gehen lernte, war der Bodensee leider längst wieder aufgetaut. Und seither, da hatte die Säuglingsschwester recht, ist er nicht wieder zugefroren. Das Dorf meiner Kindheit war zwar keine zwanzig Kilometer vom See entfernt, aber es lag hinter dem Seerücken und dem Ottenberg, und da wir zwar ein Auto besassen, es aber selten benutzten, kam er mir weit entfernt vor. Meine ersten bewussten Erinnerungen an die Bodenseeregion sind jene an Segeltouren auf dem Unter-
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see. Mein Vater hatte sich selbst ein kleines Segelboot gebaut, nicht mehr als eine Nussschale. Das Boot stand den Sommer über in der Scheune von Frau Bauer in Mammern, und manchmal fuhren wir am Wochenende zu sechst an den See und verbrachten ungefähr zwei Stunden damit, den Mast aufzustellen und die Segel anzubringen, bis wir endlich mit dem Boot hinausfahren konnten. Irgendwann gab mein Vater das Segeln auf, ich nehme an, es wurde ihm einfach zu mühsam, und wir fuhren nur noch gelegentlich an den See, jetzt vor allem nach Konstanz, der nächsten grösseren Stadt. Oder wir wanderten über den Seerücken nach Ermatingen, ein Weg von vielleicht drei Stunden, der an einem Sonntagmorgen leicht zu bewältigen war. Manchmal wanderten wir auch dem See entlang, der sich auf der Schweizer Seite über weite Strecken hinter einem breiten Schilfgürtel verbarg. Oder wir kehrten an einem Geburtstag oder am Muttertag in jenem der vielen kleinen Fischrestaurants ein, von dem es gerade hiess, das Essen dort sei besonders gut. Ich war als Kind lange ziemlich wasserscheu, aber nachdem ich endlich schwimmen gelernt hatte, war ich nicht mehr aus dem Wasser zu kriegen. Ich wurde Rettungsschwimmer, allerdings übten wir nicht im Bodensee, sondern im Freibad in Weinfelden. Auch zum Baden fuhren wir selten an den See, es gab ein paar Weiher, die näher lagen und mit dem Fahrrad zu erreichen waren, den Märwiler Weiher,
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den Eisweiher in Istighofen, die Bommer Weiher. Immerhin nahm ich einmal an einer Seeüberquerung teil und schwamm von Steckborn nach Hemmenhofen. Ich hatte, als ich mit neunzehn aus dem Thurgau wegzog, ein diffuses Bild von der Bodenseeregion. Sie kam mir, ich gebe es zu, eher langweilig vor und schwer zu fassen. Vorerst interessierte ich mich viel mehr für Berglandschaften und grosse Städte. Ich verbrachte ein Jahr in Paris und eins in New York. Meinen ersten misslungenen Roman siedelte ich in einem Dorf im Bergell an, die Klimax ist eine missglückte Rettungsaktion im Schneesturm. Mein zweiter gescheiterter Roman spielte in New York. Irgendwann muss ich gemerkt haben, dass diese Landschaften nichts mit mir zu tun hatten und ich fing – wohl eher unbewusst – an, nach jenen «ungefähren Landschaften» zu suchen, die der Landschaft meiner Kindheit glichen. Ich fand sie im mittleren Westen der USA, wo mein erster veröffentlichter Roman Agnes angesiedelt war, im Nordnorwegen des zweiten, beschrieb sie in Erzählungen, die in der Toscana, in Lissabon, auf einer holländischen Wattinsel, in Nordirland oder in der Normandie und endlich auch in der Schweiz spielten. Die Landschaften meiner Texte sind wie ihre Protagonisten miteinander verwandt, es sind die Landschaften und Menschen meiner Kindheit. Das Bodenseegebiet habe ich inzwischen auch als Rückzugsort entdeckt. In den
letzten Jahren habe ich mich immer wieder nach Konstanz, auf die Höri oder die Reichenau zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben. Und ich bilde mir ein, dass etwas von diesen Landschaften und Orten in meine Texte fliesst. In meinem letzten Erzählband Seerücken wurde meine Kindheitslandschaft nun endlich auch zum Handlungsort meiner Geschichten. Das ungefähre, unbestimmte dieser Gegend empfand ich nicht mehr als ein Hindernis, sondern als Herausforderung. Dabei ging es mir nie darum, dieser Gegend ein Denkmal zu setzen, das sie gar nicht nötig hat. Was ich in meiner Erzählung «In die Felder muss man gehen» dem Maler Camille Corot in den Mund gelegt habe, gilt auch für meine Arbeit: Ansicht von Villeneuve-lès-Avignon, Ansicht der Kirche Saint-Paterne in Orléans, Der Wald von Fontainebleau, Trouville, Mündung der Touques. Du gibst deinen Bildern Namen, als gehe es dir darum, das eine oder andere Dorf zu zeigen, eine Kirche, eine Brücke. Du liebst diese Dörfer, die Landschaften, aber wenn du sie malst, müssen sie dir einer-
lei sein. Du hattest es im Scherz gesagt, aber es ist wahr: Du arbeitest aus einer leidenschaftlichen Gleichgültigkeit heraus. Es ist schwer zu erklären und schwer zu verstehen. Du malst, was du siehst, mit der größtmöglichen Genauigkeit, aber es geht dir nicht um die Genauigkeit der Abbildung. Du versuchst, das Gefühl einzufangen, das ungenaue Gefühl so genau wie möglich festzuhalten. Was zählt, ist die Entschiedenheit. Selbst in jenen meiner Geschichten, die in der Bodenseegegend spielen, ist der See als Sujet austauschbar. Aber als Inspirationsquelle ist er in allen Geschichten präsent, auch in jenen, die in einem fernen Land oder auf einem anderen Kontinent spielen. Mein Ziel ist es, Texte zu schreiben, die nicht wie Berge in ihrer Schönheit vor uns stehen und uns überwältigen, sondern die wie ein See eine unscheinbare Oberfläche haben, unter der die Leser nur allmählich und ohne sie jemals direkt wahrzunehmen, die Abgründe erahnen. Dankesrede Bodensee Literaturpreis, 1. Dezember 2012
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Fred Kurer
Badhütte Rorschach I Das alles garantiert aus Holz mit Intensivgeruch von Sonne und von frisch gefülltem Bodensee Über dem grünen Wasser, da schaukelt man, Floss zwei, die Augen zu, viel besser als auf Wolken Paar Kilometer westlich, Kantonsspital St. Gallen, da ringt Freund Hans, seit Tagen schon, um Luft, ich weiss, und Griechenland versinkt im Sumpf, in Bosnien herrscht Krieg Hier schwappt und schwatzt das Wasser, singt das Floss, die Welt ist Hülle, Himmelsstickerei Versuch nur DU jetzt nicht, mein Sommerglück zu knacken –
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Badhütte Rorschach II Nun ist er also doch gestorben, Freund Hans. Die Nachricht erreichte mich auf der Fahrt zum See als Vogel, der zu Tode pfeilt. Was soll ich mit den Federn? Er sei ein guter Mann gewesen und habe ein gutes Leben gehabt. Wie soll ich das verstehen, so unter dem kalten Wasserstrahl der Dusche? Er sei ein glücklicher Mann gewesen. Glücklich? Der Strahl trifft mich hart an Schulter und Brust, wie soll er das Blut zu Gedanken filtern, bevor es sich sammelt im Hirn? Meine Fingerbeeren fühllos wie der Chrom des Handgriffs, das winzige Spiegelchen an der Duschwand scheint verkehrt im Licht des Nachmittags, der Blick vom Bretterrost ans deutsche Ufer wird trüb, der Griff am Deckholz des Geländers fasrig steif. Was hält mich ab vom Sprung vom Steg vom Tauchen nach dem Grund?
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Annette von Droste-Hülshoff
Der Bodensee Über Gelände, matt gedehnt, Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt, Müde, müde die Luft am Strande stöhnt, Wie ein Ross, das den schlafenden Reiter trägt; Im Fischerhause kein Lämpchen brennt, Im öden Turme kein Heimchen schrillt, Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt In dem zitternden Element. Ich hör es wühlen am feuchten Strand, Mir unterm Fusse es wühlen fort, Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand, Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord. An meiner Sohle zerfährt der Schaum, Eine Stimme klaget im hohlen Grund, Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund, Wie des grollenden Wetters Traum. Ich beuge mich lauschend am Turme her, Sprühregenflitter fährt in die Höh’, Ha, meine Locke ist feucht und schwer! Was treibst du denn, unruhiger See? Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn? Doch nein, du schläfst, ich seh es genau, Dein Auge decket die Wimper grau, Am Ufer schlummert der Kahn. Hast du so vieles, so vieles erlebt, Dass dir im Traume es kehren muss, Dass deine gleissende Nerv’ erbebt, Naht ihr am Strand eines Menschen Fuss?
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Dahin, dahin! die einst so gesund, So reich und mächtig, so arm und klein, Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein Liegt zerflossen auf deinem Grund. Der Ritter, so aus der Burg hervor Vom Hange trabte in aller Früh; – Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor, Am Zwinger zeichnet die Mylady. – Das arme Mütterlein, das gebleicht Sein Leichenhemde den Strand entlang, Der Kranke, der seinen letzten Gang An deinem Borde gekeucht; Das spielende Kind, das neckend hier Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat, Die glühende Braut, die lächelnd dir Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt; Der Sänger, der mit trunkenem Aug’ Das Metrum geplätschert in deiner Flut, Der Pilger, so am Gesteine geruht, Sie alle dahin wie Rauch! Bist du so fromm, alte Wasserfei, Hältst nur umschlungen, lässt nimmer los? Hat sich aus dem Gebirge die Treu’ Geflüchtet in deinen heiligen Schoss? Oh, schau mich an! ich zergeh wie Schaum, Wenn aus dem Grabe die Distel quillt, Dann zuckt mein längst zerfallenes Bild Wohl einmal durch deinen Traum!
Am Turme Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, und lass’ gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen, Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen! Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch Und glänzende Flocken schnellen. O, springen möcht’ ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walross, die lustige Beute! Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn So keck wie eine Standarte, Seh’ auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder ergreifen Und zischend über das brandende Riff Wie eine Seemöve streifen. Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur, So würde der Himmel mir raten; Nun muss ich sitzen so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar Und lassen es flattern im Winde!
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