orte Verlag Leseprobe
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orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
«Nicht solche Ängste, du …» Werner Bucher (1938 – 2019) 5 Werner Bucher – Der Sucher, der Finder
Erwin Messmer
9 «Ganz nah wird es dir zufallen, ganz nah.» 20 Unruhen – das literarische Opus magnum
Cyrill Stieger Erwin Messmer
33 «… hab meine Beine, meine Füsse und erst noch Flügel»
Daniele Muscionico
37 «… ständig auf oder vor einem deiner beiden Arbeitstische»
Viviane Egli
42 «Ein Sturm ist schliesslich auch nur Wetter»
Peter K. Wehrli
48 «Jetzt aber, mit guten Grüssen!»
Regina Füchslin
52 Bucher und Bremer: Balance der Ungleichgewichte
Reto Agosti
55 Biographie, Bibliographie
56 orte-festival 58 orte-bestenliste 62 hör-orte 65 fund-orte 70 orte-bücherregal 75 orte-agenda 78 orte-longseller 80 orte-marktplatz
Daniele Muscionico Peter K. Wehrli Pierre Chappuis
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orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser In der Sommernummer ermunterten wir Sie zu leichten Spaziergängen durch den Regen, durch unser Heft und zu einer literarischen Zeitreise durch Zürich mit Kurt Guggenheim. In der diesjährigen Herbstausgabe erinnern wir uns, blicken noch einmal zurück und entdecken von Neuem den im Januar verstorbenen Autor, Verleger und Gründer unserer Zeitschrift, Werner Bucher. Redaktionsmitglieder und Wegbegleiter beleuchten Buchers Wirkungsorte in Dichtung und Verlagswesen. Seinen vielfältigen Beitrag zur Literaturentwicklung in der Schweiz, seine Kritik am Literaturbetrieb, seine Ehrlichkeit und Streitbarkeit – zu sagen, worauf es ankommt, sich mit Meinungen auseinanderzusetzen und immer Neues zu ergründen, haben ihn ausgezeichnet. Er war Dichter, Verleger und Gastwirt zum einen, Entdecker und Förderer literarischer Talente zum anderen. Inspiration für sein umfangreiches Schaffen fand er auf friedvollen Wanderungen, an Ruheplätzen in Natur und Gasthäusern. Begegnen Sie dem Autor, der Sie hier nochmals persönlich begrüsst, als würden Sie gerade den Hügel zu seinem innerrhodischen Gasthaus «Rütegg» hinaufgehen, seine Hunde kämen Ihnen entgegen und sollte es Ihnen danach sein, nur ein Gläschen zu trinken – so sei es. Doch wartet dort auch eine Bibliothek wahrer Literatur, «unaufdring-
lich, zurückhaltend, aber selbstsicher» – bis heute. Wir danken allen Beteiligten für Ihre Unterstützung bei der Entstehung dieser Gedenknummer. Im zweiten Teil des Heftes blättern wir für Sie weiter im Kalender. Zürich liest wieder, vom 23. –27. Oktober – mehr über das Festival und Veranstaltungstipps finden Sie in unseren Rubriken. Im fund-orte stellen wir Ihnen den Schriftsteller Pierre Chappuis aus Neuchâtel vor, einen «Meister des Wortes und des Weglassens von Worten» und im hörorte vergleichen wir zwei Romane von Charles Lewinsky: Der Stotterer und Melnitz. Im Bücherregal können Sie zwischen den «Eins-a-Wortgemischen» von Karin Fellner und lyrischer Vielstimmigkeit von Andrea Maria Keller wählen, sowie den aus dem Japanischen übersetzten Roman von Yukio Mishima entdecken. Daniele Muscionico, die mit Werner Bucher eine «unausgesprochene verwandte Gesinnung verband», stellte die Bestenliste für Sie zusammen. Wir wünschen Ihnen einen farbenfrohen Herbst mit abwechslungsreichen Wanderungen, immer einen Ort zur Einkehr und Zeit für die Dinge, die Ihnen wichtig sind. Auf die Wanderung durch unser Heft schicken wir Sie mit den Worten Werner Buchers: «Mit guten Grüssen» Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin
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Bild: Hanjo Schmidt, Stuttgart
«Nicht solche Ängste, du ... » Werner Bucher (1938 –2019)
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Werner Bucher – Der Sucher, der Finder Der Werdegang des Dichters und Romanciers Werner Bucher dürfte in der Literaturgeschichte der Schweiz ziemlich einmalig dastehen. Aufgewachsen in Zürich als Sohn eines Schneiders, machte der aufgeweckte, intelligente, aber stotternde Bub mit eisernem Willen seinen Weg. Die einfachen Verhältnisse seines Elternhauses und ein Schulbetrieb, in welchem seine Talente nie richtig gewürdigt wurden, gaben ihm den nötigen Antrieb, eine Gegenwelt zu entdecken, unterstützt von seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Richard, der an ihn glaubte, ihn förderte, wo er nur konnte und ihn notfalls auch handgreiflich verteidigte. Es war die Poesie eines Hölderlin oder eines Gottfried Benn, die den Adoleszenten beeindruckte, bald auch die amerikanische Lyrik. Walt Whitman oder Lawrence Ferlinghetti, besonders aber Charles Bukowski sollten Buchers eigene Poetik massgeblich mitprägen. Daneben erwies sich auch die Musik als ein Faszinosum ohnegleichen, von Beethoven über Bruckner bis zu Elvis Presley und den Koryphäen des Jazz. Werner Bucher arbeitete zuerst als Kultur- und Sportjournalist für das Badener Tagblatt und die Neuen Zürcher Nachrichten. Der Sport, insbesondere Fussball, Eishockey und Radrennsport, in späteren Jahren auch das Tennis, blieb für ihn eine lebenslange Leidenschaft. Später gründete er das EBK, sein eigenes Journalistenbüro. Schon als Zeitungsschreiber entwickelte er seine literarischen Qualitäten, und es ist ein offenes Geheimnis, dass man ihn zu den Pionieren der heute derart berüchtigten Sparte Fake-News zählen darf. Als ein Fussballer einmal nicht zum Interview er-
schien, schrieb Bucher die Antworten einfach selber hin, und niemand bemerkte dies. So hat er im Verlauf seiner Journalistenkarriere zahlreiche Interviews selbst verfasst, und es kam nur einmal vor, dass ein Torhüter bei der Zeitung deswegen reklamierte. Man wisse ja im Voraus, was Sportler auf die gängigen Fragen etwa antworten würden, pflegte sich das Schlitzohr gegenüber seinen we nigen Mitwissern jeweils zu rechtfertigen – und hatte damit wohl gar nicht so Unrecht. Der ehemalige Nati-Star Valon Behrami jedenfalls beklagt sich in der NZZ am Sonntag vom 11. August 2019 darüber, dass man als Sportler stets einem Cliché zu entsprechen habe, nämlich demjenigen einer von der Boulevardpresse gesteuerten öffentlichen Meinung. «Was machen wir deshalb, um in Ruhe zu leben? Wir geben alle die gleichen Antworten.» Und Behrami weiter: «Wenn du morgens aufwachen und keine Probleme haben willst, musst du so antworten. Sage ich etwas ausserhalb dieser Muster, gibt’s am Tag danach fette Titel, und im Team tuscheln acht Mitspieler über dich.» Soweit Behrami im Interview. Zu untersuchen bliebe allerdings, ob die zitierten Sätze aus der NZZ am Sonntag wirklich von Behrami stammen und nicht vom Interviewer selbst. Aber zurück zu Werner Bucher. Auf die Dauer war der Journalismus für seine Erfindungsgabe doch nicht das passende Gefäss. Er, dessen Lebensgang permanent von einer gewissen Unzufriedenheit geprägt war, die ihn periodisch dazu anhielt, neue Wege zu suchen und in aller Regel auch zu finden, begann bald auch literarisch zu schreiben, versammelte während seiner Zeit in Zürich diverse poetisch und politisch Gleichgesinnte um sich, wie etwa die Dichterin Vera Piller, die Poeten Rolf Thut und Claus Bremer, den Schriftsteller und Filmemacher Peter K. Wehrli und viele andere, gründete schliesslich die Schweizer Literaturzeitschrift orte und bald darauf auch den gleichnamigen Verlag. Das Schreiben von Gedichten und Romanen wurde zu einem zentralen Teil seines Lebens, aber ebenso wichtig war ihm daneben die Verlegertätigkeit, die Förderung von Autorinnen und Autoren, die seinem Ideal eines ungeschminkt aktuellen, politisch und ästhetisch engagiert modernen und kritischen Literaturschaffens zu genügen vermochten. Der Rebell und politisch furchtlose Kämpfer – legendär zum Beispiel sein Feldzug gegen Michael Schumachers (nicht zuletzt dank
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Irene Bosshart. Foto: Marcel Steiner
Bucher gescheiterte) Vereinnahmung des Appenzellerlandes – ist aber auch immer ein Romantiker geblieben. Werner Buchers Lebensentwurf war geprägt vom Guten und Schönen. Die «Schönen Künste», darunter besonders auch die bildenden (zahlreiche von ihm organisierte Ausstellungen haben dies unterstrichen), halfen ihm gewiss auch über existentielle Ängste hinweg, besonders über die menschliche Grundangst, die Angst vor dem Tod, von welcher in den inneren Monologen des Romans Unruhen oft und ausführlich die Rede ist. Vermutlich war sein schöner Gedichtbandtitel – «Nicht solche Ängste, du» – auch für ihn selber immer wieder ein guter Zuspruch. Zuversicht war angesagt, für das Leben mit all seinen Schönheiten musste eine geeignete Basis gesucht und gefunden werden. Und Werner Bucher schaffte es, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen und seinen Aktivitäten als Schriftsteller und Verleger künftig in einem Anwesen mit eigenem Wirtschaftsbetrieb nachzugehen. Er entfloh dem lärmigen und nach seiner Ansicht in mehrfacher Hinsicht dekadenten Stadtleben, zog von Zürich ins Appenzeller Vorderland und pachtete die Wirtschaft Kreuz in Zelg-Wolfhalden, wo er mit seiner Frau Irene Bosshart während vieler Jahre einen beliebten Treffpunkt für Wanderer und Literaturfreunde betrieb. Das Appenzeller Beizenwesen wurde dadurch um einen unvergleichlichen Farbtupfer reicher: Eine bodenständige ländliche Wirtschaft mit einem ganzen Säli voller Bücher welthaltigen Inhalts gab und gibt es sonst nirgends.
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Es gibt sie noch heute, nicht mehr im oft nebligen Zelg, sondern um etwa dreihundert Höhenmeter sonnenwärts, in der Wirtschaft Rütegg ob Heiden. Mit dem Erwerb dieses idyllischen Höckchens, nur zu Fuss oder (zu Buchers Ärger) auch mit dem Bike erreichbar, weitab vom Lärm und Qualm einer aus allen Fugen geratenen Zivilisation, erfüllte sich das Paar einen Lebenstraum. Einen Traum allerdings, zu dem Werner Bucher seine Partnerin Irene Bosshart anfänglich buchstäblich überreden musste, wie sie lächelnd einräumt, denn niemals hätte sie sich als junge Frau, bevor sie ihren Werner kennenlernte, vorstellen können, einmal als Wirtin zu arbeiten. Am Anfang habe sie sich mit dieser Aufgabe eher schwergetan, inzwischen aber liebe sie ihren Beruf über alles. In dieser Nummer geht es uns darum, dem Dichter, Verleger und Beizer ein Denkmal zu setzen. Redaktorinnen und Redaktoren unserer Zeitschrift sowie Freundinnen und Weggefährten des im Januar dieses Jahres Verstorbenen beleuchten sein literarisches Schaffen und Wirken aus verschiedenen Blickwinkeln. Wieder neu zu entdecken ist der Lyriker mit seinen unvergleichlichen Gedichten, über die der Filmemacher Alexander J. Seiler geschrieben hat, dass sie «ziemlich einzigartig dastehen in der deutschsprachigen, vermutlich überhaupt in der europäischen Lyrik». Die einzigen Pendants, so fügt er an, die er auf Anhieb zu nennen wüsste, seien Charles Bukowski und ein paar übersetzte arabische Exil-Lyriker. Aber auch als Romancier hat Werner Bucher Bedeutendes geschaffen, zum einen als Verfasser der legendären Durschei-Krimireihe, zum andern mit Titeln wie Ein anderes Leben (über seinen Vater), Im Schatten des Campanile oder mit dem Roman Unruhen, seinem 540-seitigen Hauptwerk. Nicht zu kurz kommen soll auf diesen Seiten selbstverständlich Werner Buchers Originalton: Gedichte und Ausschnitte aus seiner Prosa. Dieses Heft soll daran erinnern, dass auch abseits des von gewissen Medien oft übermässig hochgejubelten literarischen Mainstreams Grosses entstehen kann, Literatur, die diesen Namen verdient und die viele aktuelle Modeströmungen mit Sicherheit überleben wird. Erwin Messmer
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«Ganz nah wird es dir zufallen, ganz nah.» Eine Auswahl von Gedichten
Die auf den folgenden Seiten abgedruckten Gedichte von Werner Bucher stammen aus verschiedenen Schaffensperioden. In ihnen dominieren die leisen Töne. Doch Heiterkeit, Zärtlichkeit, Hoffnung und Trauer werden auch hier immer wieder von Zorn, Widerstand und bohrenden Fragen überlagert. Beides, Wehmut und Wut, die Harmonie der Natur und deren Zerstörung durch Menschenhand, sind ineinander verwoben. Auch die Verszeilen fliessen oft nicht einfach sanft und ruhig dahin, sondern brechen immer wieder abrupt ab. In den Gedichten von Werner Bucher spielen Orte eine zentrale Rolle, zum Beispiel Gasthäuser. Der Lyriker wanderte, oft in Begleitung seines Hundes, über die Hügel und Täler des Appenzellerlands von Beiz zu Beiz. Nicht umsonst befand sich auch der orte-Verlag in einem Wirtshaus, zuerst im «Kreuz» in Zelg-Wolfhalden, später, noch abgelegener und weiter oben am Hang, in der «Rütegg», die zur Gemeinde Oberegg gehört und an der ein Wanderweg vorbeiführt. Noch heute wird die Wirtschaft von seiner Frau Irene Bosshart geführt. Oft stieg Werner Bucher auf die Hundwiler Höhi, mit deren früherer Wirtin Marlies Schoch er befreundet war. Ihr ist eines der hier abgedruckten Gedichte gewidmet. Es ist denn auch nur
konsequent, dass Werner Bucher beides miteinander zu verbinden versuchte, Wirtschaften und Wandern. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Irene Bosshart, Jolanda Fäh und Mitarbeitern gab er einen Beizenführer heraus, der in mehreren, jeweils aktualisierten und erweiterten Auflagen erschien. Der Titel lautete: «Urwaldhus, Tierhag, Ochsenhütte & Co», der Untertitel: «Die schönsten Ostschweizer Beizen und die (Wander-)Wege zu ihnen» (vergriffen). Neben den Beizen spielen in vielen Gedichten auch Bänke eine wichtige Rolle. Gerne liess sich Werner Bucher bei seinen
Werner Bucher auf einer Bank am Waldrand. Foto: Suzanne Schwiertz
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Wanderungen und Streifzügen auf ihnen nieder, um seinen Gedanken nachzuhängen und sich in die Natur zu versenken. Eine davon ist jene Bank hoch über dem Bodensee, wo er das Gedicht Böse Nachrichten schrieb, eine andere ist die – wie sie der Lyriker in einem seiner Gedichte nennt – «uralte Holzbank» – in der Nähe der «Rütegg». Zu seinen Lieblingsorten gehörte auch der Aussichtspunkt bei der Esche auf der Krete vor seiner Wirtschaft mit einem grandiosen Blick hinunter auf den Bodensee. Der Gedichtband Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, dem in die-
ser Auswahl drei Gedichte entnommen sind, ist auch als Audio-CD erschienen. Musikalisch untermalt wurden seine Verse vom Jazz-Musiker Malcolm Green, mit dem er sehr oft an Lesungen auftrat. Er war einer seiner besten Freunde. Werner Bucher trug die Gedichte vor, Malcolm Green improvisierte die dazu passende Musik. Die Vernissage der CD mit dem Untertitel Lyrik & Jazz, fand, wie könnte es anders sein, ebenfalls in einer Beiz statt, nämlich am 30. April 2010 im «Alpenhof» auf dem St. Anton unweit der «Rütegg». Cyrill Stieger
Wanderung zum Hirschberg Du weichst aus, den Hunden, den fremden Männern, der Gier auf den einsamen Höfen (nach Flächenbeiträgen & weiteren Subventionen). Ich spüre den fernen See, die Wälder, die Frau, die umgeben von düsteren Bäumen ihr Leben lebt. Oh früher Abend, oh Gott, so weit weg, so nah. Ich will das Neue. Aus: Du mit Deinem leisen Lächeln, Seite 9
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Werner Bucher im Kreuz in Wolfhalden. Rechts an der Wand hängt ein von Alex Sadkowsky gezeichnetes Porträt Buchers. Foto: Barbara Davatz
Anmut, trotzdem Immer die Nacht, das Schwere, die Stiche im Bauch, und doch eine verwilderte Wiese vor dem ausgeruhten Gehöft, die Platanen, die Pferde. Ich suche die Augen, die Lippen, den Schmerz, der dein Fleisch heimsucht, seit Jahren schon. Anmut durchpulst dich trotzdem, ein heiteres Singen, mitten im Lärm. In dieser Beiz werden wir reden, über den Wiesen, den Bäumen, den Hangars des aufgerissenen Tals. Komm bald, erlitten ist, was uns erfreuen wird. Aus: Du mit Deinem leisen Lächeln, Seite 12
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Wir entdecken Dein Gesicht weit weg, in einem Land, das ich nicht mag, & ich sitze in einer stumpenverrauchten Wirtsstube, drüben der Rebberg, unten das steinerne Tal voller Kamine, Rasenglückseligkeiten & tödlichen Flugzeugen. Noch nie war der Wald dort ein Ausdruck von Schmerz oder Freude. Du bist kein König, kein Scheisser, kein Angeber. Ach, toter Dichter, zu spät kam die gute Kritik, das Lob auf Universitäten. Ich aber, ich pfeife auf solche Herren & Damen seit eh. Dein Gesicht, weit weg & so nah; wir entdecken die Insel, die auf uns & einige andere wartet, nicht auf Helden aus zweiter Hand. Nicht auf sie, nicht – Aus: Du mit Deinem leisen Lächeln, Seite 27
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Ganz nah fällt es dir zu Ausgelaugt vom Denken, vom Schreiben, vom Arbeiten und dem vergeblichen Beten siehst du dem Bauer zu, wie er mit seiner Mähmaschine gnadenlos das erste Gras enthauptet, nicht vom Krach gestört wie du. Irgendwo kräht ein einsamer Hahn, irgendwo zirpen Vögel, du bist nicht von diesem Land, darum stehst du auf, spürst das Blut in dir, das Leben. Ganz nah wird es dir zufallen, ganz nah. Aus: Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, Seite 13
Ein Engel sorgt dafür Du gehst vorbei An Wäldern, an zusammengeduckten Büschen. Sie atmen trotzdem allesamt, und dieses Tier, das du nicht einzuordnen verstehst und das durchaus Katzen zum Nachtisch mag, es hat deine Tapferkeit und fliegt und fliegt, wie deine junge Hündin, wundersam, dieser Anfang, dieses Leuchten der Bäume, die keiner zu fällen wagt, trotz allem Verlangen, das in manchen Gehirnen wohnt, trotzdem bringt keiner von diesen Holzköpfen den Mut auf, die elektrische Säge anzusetzen. Hierfür sorgt ein Engel, den bis heute noch keiner gesehen hat. Auch ich nicht. Aber du, hast du ihn gesehen? Allein du, kein anderer? Aus: Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, Seite 70
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Ein überaus kühnes Mondgedicht Hier in der dämmerigen Oberegger Bar, das scheppernde, weit herum gerühmte Lachen begeistert erneut scharfe Männer, dahinter lauert eindeutig ihre Gier, und, ohne Zweifel, kein Gedicht ist auch ein Gedicht, wie’s der Dichter Axel Kutsch gegen zehn Uhr abends öfters apodiktisch behauptet*, ich will im Moment keines schreiben, aber Gedichte, die wandern, sind fröhliche Gedichte, keines von ihnen vergisst allerdings Hölderlins unaufhörliche Traurigkeit, mein mögliches Gedicht hingegen lacht und lacht, und fast alle sehen im schummrigen Licht sehr unerwartet den farbigen Mond, und nun, ich glaub’s nicht, skizziere ich doch in Larissas schwitzender Bar ein überaus kühnes Mondgedicht, es wird bleiben, bleiben, bleiben. * Der deutsche Poet Axel Kutsch veröffentlichte in seinem Band Stille Nacht nur bis acht (2006, Silver Horse Edition) das Gedicht Schlechte Gedichte. Hier ist es: «Schlechte Gedichte/schreiben sich nicht von allein. /Auch schlechte Gedichte / wollen geschrieben sein.» Aus: Spazieren mit dem gelbgrünen Puma, Seite 72
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