orte Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 200, März 2019 ISBN 978-3-85830-247-2; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Josef Scheuber, orte Verlag, Schwellbrunn
Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Mit Unterstützung von
orteinhalt 3 Editorial
4 inhaltsverzeichnis Zum Tod von Werner Bucher orte
Viviane Egli, Erwin Messmer, Peter K. Wehrli
orte 200 9 Einleitung: 200 orte + 9 Orte
Regina Füchslin
12 «… die angrenzenden unbewohnten Zimmer … Alain Claude Sulzer sie sind Teil eines wiederkehrenden Traums» Basel 18 «…ein Halt auf Verlangen im Verlangen» Zürich Urs Faes 24 «Flügelschlagen» Hausen am Albis 32 «Treffende Orte liegen an Flüssen oder andern Gewässern» Amsteg
Jaël Lohri
38 «Ich nahm Ambrì zu Hilfe, um London zu verstehen» Ambrì
Vanni Bianconi
44 «troublé / par une eau hantée / mon corps / se fond désormais / dans la ville liquide / qui fut / le lieu de ma naissance» Genf
Brigitte Gyr
52 «Man schafft es einfach nicht, sich frei zu machen von diesen Menschen und ihren Worten. Ein Roman bedeutet Freiheit.» Zürich
Michail Schischkin
58 «auf dem wasser unterwegs» Hallwilersee 64 «Im Echoraum der Identitäten» Basel
Markus Kirchhofer
71 orte-geschichte 76 orte-chronik 87 orte-bestenliste 92 hör-orte 95 orte-marktplatz
Erwin Messmer Hansjörg Schertenleib, Brigitte Haas, A. Ranft-Rehfeldt Ex-Redaktionsmitglieder Peter K. Wehrli A. Ranft-Rehfeldt, Magi Wechsler
Leonor Gnos
Martin R. Dean
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orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Das zweihundertste orte-Heft ist da! Wider alle Erwartungen der beiden Gründer der Zeitschrift, Werner Bucher und Rose marie Egger, füllen die farbigen Heft rücken inzwischen schon fast zwei Regale im Büchergestell, und diesem Schatz an Texten, der im Laufe von 199 Ausgaben zusammengekommen ist, fügen wir mit der Jubliäumsnummer ein Heft zum Thema Orte an. Neun Schweizer Autorinnen und Autoren haben dafür Beiträge zu einem frei gewählten Ort verfasst. Für diese schönen Textgeschenke vom Hallwilersee, aus Basel, Zürich, Genf, Hausen, Amsteg und Ambrì danken wir sehr herzlich. Der Rubrikenteil hat aus rundem Anlass eine besondere Form. Er bietet zuerst eine Geschichte der Zeitschrift, verfasst von Erwin Messmer, der bereits seit 1993 Mitglied der Redaktion ist. Es folgt ein subjektiver Streifzug durch bisher erschienene orte-Nummern, bei dem eine Chronik entstanden ist, in der aus sämtlichen Heften Interessantes notiert wurde. Die Büchertipps der Bestenliste stammen von acht ehemaligen Redaktionsmitgliedern. Sie stehen stellvertretend für alle, die über die Jahre an orte mitgewirkt und zum langjährigen Erfolg der Zeitschrift beigetragen haben. In hör-orte berichtet das dienstälteste aktive Redaktionsmitglied Peter K. Wehrli
vom Wagnis, gleichzeitig zu hören und zu lesen. Abgeschlossen wird das Heft vom Markt platz, der einen Rückblick auf diese hu moristische Sammlung von Kleininseraten bietet und unter Mitarbeit der Cartoonistin Magi Wechsler mit Illustrationen aus historischen Schweizer Zeitschriften und Stahlstichen bebildert wurde. Wie so oft liegen Freude und Schmerz nah beieinander. Kurz vor Drucklegung des Hefts traf die traurige Nachricht von Wer ner Buchers Tod ein. So fügt es sich, dass wir genau in Nummer 200 seines orte mit einer kleinen Würdigung an den vielseitigen Schriftsteller und Herausgeber erinnern. An dieser Stelle möchten wir unseren Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion – Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger und Peter K. Wehrli – für ihren grossartigen Einsatz herzlich danken. Ebenso dem Verleger Marcel Steiner und seinem Team im Verlagshaus in Schwellbrunn. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine gute Lektüre von Ort zu Ort im Heft, von orte zu orte durchs Jahr und – wie Rosemarie Egger einmal schrieb: orte gut ende gut Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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Zum Tod von Werner Bucher
«Wir werden hundert Jahre alt!» sagte Werner Bucher zuweilen verschmitzt über den Tisch in der Weinstube am Central in Zürich, in der er die Redaktionssitzungen der orte-Literaturzeitschrift eingerichtet hatte. Er wurde 80 Jahre alt, und er hat in der Weinstube in den letzten Jahren gefehlt. Jetzt fehlt er schmerzlich. Werner Bucher ist am 15. Januar 2019 in Heiden verstorben. Ein reiches und ein eigenwillig geführtes Leben. Ganz kurz zusammengefasst: Der sensible, stotternde Bub in der Stadt Zürich und aus einem bescheidenen Elternhaus – der Vater, Schneider von Beruf, war taub – wurde von Geistlichen in seinem Potenzial erkannt, in ein Gymnasium im Luzernischen aufgenommen. Das Stottern legte er ab. Seine Feinsinnigkeit behielt er. Später wurde Werner Bucher Sportjournalist, um sich dann ganz der Literatur zu widmen und orte aufzubauen, den Verlag, die Literaturzeitschrift, die mit dieser Ausgabe ein Jubiläum feiert. Ein unkonventionell aufgebauter und geführter Kulturbetrieb – mit viel unternehmerischem Spürsinn und dem grossen Ideenreichtum seines Gründers. Und Werner Bucher war selber Schriftsteller, schrieb intensiv, suchend, engagiert. Für seinen Roman Un-
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ruhen erhielt er den Schweizer Schillerpreis. Das Schreiben von Lyrik war ihm besonders wichtig. Heimat waren ihm die Natur, namentlich auch das Appenzellerland, in dem er seinen orte-Verlag ansiedelte und diesen mit seiner legendären Beiz verband, die Tiere, die Bücher, ganz besonders die Werke von Friedrich Hölderlin, Cesare Pavese und Georges Bernanos. Und wichtig war ihm seine langjährige Begleiterin und geliebte Frau, Irene Bosshart Bucher, mit der er Leben, Verlag, Beiz, Sorgen und Freuden teilte. Werner Bucher war kein bequemer Mensch. Ungerechtigkeit machte ihm zu schaffen. Er sprach aus, was er dachte. Und er war ein einzigartig ehrlicher Mensch. So hatte er seine ausgesuchten lebenslangen Freunde, Kreise, die ihn respektierten – und jene, die ihn ablehnten. Opportunismus war ihm fremd. Er ging seinen Weg, als Schriftsteller, gesellschaftlich und unternehmerisch. Werner Bucher war und ist, ohne es angestrebt zu haben, auch Vorbild. Werner vor seiner Musikbox mit Elvis Presleys Are you lonesome tonight, Werner vor seinem Rotweinglas und in heftigem Gespräch, Werners verschmitztes Lachen und feinsinniges Nachfragen, Werners bewusstes Schreiten durch die Natur und
mit seinem Hund an der Seite, Werners fragil gewordene Gestalt im Flur der Pflegestation und das behutsame Greifen seiner zarthäutigen Finger – die Bilder, die Nähe bleiben. Werner Bucher fehlt. Viviane Egli
Reminiszenz an Werner Bucher von Erwin Messmer Wir hatten bei weitem nicht alles Heu auf der gleichen Bühne, Werner und ich. Aber zu meinem Erstaunen fand ich, unter wenigen anderen uns beiden wichtigen Heubühnen, eine besondere vor, auf der wir unser Heu ebenfalls gemeinsam lagerten: Anton Bruckner! Werner verehrte ihn. Genauso wie ich. Das verband. Und schmerzt, jetzt, da dieses Band durch Werners Tod durchschnitten ist. Aber Bruckner ist ja auch schon lange tot. Und trotzdem bleibt er mir nah. Wie Werner so nah. Und Werner? Wie Bruckner so nah. Erwin Messmer
Reminiszenz an Werner Bucher von Peter K. Wehrli Ja, er war Schriftsteller und er wird Schriftsteller sein solange seine Bücher gelesen werden: Werner Bucher. Er hat Romanhandlungen ersonnen und lyri sche Konstellationen. Er war zudem aber auch ein souveräner Klimamacher: Er hat das Klima «orte» erzeugt, in dem sich Dichterinnen und Lyriker aller vier Landessprachen (und der fünften und sechsten auch) wohl fühlen konnten, nebst den der Poesie wohlgesinnten Kreisen. «orte» war und ist und wird eine Zeitschrift sein solange diese unver gleichliche meteorologische Situa tion, die Werner entfacht hat, anhält in allen Klimazonen: Selbst aus dem Wüstensand trieb er lyrische Blüten, aus dem Regen wald ja ohnehin. Das Rebellentum, das aus vielen seiner Gedichtzeilen kriecht, zeugt von seiner Gewissheit, dass die Poesie die verbindlichsten Gesetze schreibt! Wir, die Ortianerinnen und Ortianer werden uns anstrengen müssen, das gemeinsam weiterzuführen, was Werner mit seinem Tun ausgelöst hat: «orte». Peter K. Wehrli
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Wie schön! Als ich heute aufstehen wollte, sass ein Erzengel neben mir auf dem Hotelbett & rief in die Muschel: «Trois beurres, trois confitures!» Wie schön doch manchmal ein Tag beginnt. Aus: Weitere Stürme sind angesagt, 2002
Werner Bucher.
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Schwester so vieler (Variationen eines Gedichtes von Salvatore Quasimodo) Piano, hast du gesagt, & deine Hände waren die Hände von Varvara Alexandrowna, Schwester so vieler, manchen hast du Leben & Helles, Sanftes & gutes Vertrauen gebracht, hast sie ermuntert, nicht aufzugeben (ohne zu wissen, was du schenkst). Die Schuhe, die deine Haut berühren, sind voller Glanz. Sie kam mit dir, die Heilige aus dem Osten, du hast ihr Gesicht in deinem aufgenommen; & mit euch beiden vor einem Gasthaus die Sonne zu spüren, das Glitzern der Gläser, der Kreten, der vom Nebel befreiten Anhöhen, es übertrifft jede Hotelnacht. Grösser zu werden, ist alles, was du erträumst, & du wirst es erlangen, durch heitere Augen, Bewegungen, Gesten – auf dir noch unbekannten Gipfeln & Inseln. Keine Krähe wird aufflattern, wenn du an ihr vorüberkommst; & glückliche Tiere spüren, ihr Alleinsein ist für immer vorbei.
Aus: Weitere Stürme sind angesagt, 2002
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200 a.
bis Al
Haus
en
200 orte + 9 Orte Obige Formel verrät es: In der 200. Ausgabe machen wir für einmal den charaktervollen Namen unseres Hefts zum Programm. Die Idee für den Namen «orte» stammt von Rosemarie Egger, der Mitbegründerin der Zeitschrift. Sie hätten damals in Werner Buchers Küche gesessen, erzählt sie, und als sie nach vielen Versuchen den Vorschlag «orte» gemacht habe, sei ihnen beiden sofort klar gewesen, dass es bei diesem Namen bleiben werde. Mit dem Namen verbunden war die Idee und der Wunsch, dass die Zeitschrift viele Menschen an verschiedenen Orten erreichen soll, nicht nur in der Deutschschweiz, auch in den anderen Landesteilen und im Ausland. Wir hoffen, dass sich dieser Wunsch nach einem grossen Wirkungskreis auch mit der vorliegenden Nummer erfüllt, die eine Verbindung zu einer ganzen Reihe verschiedener Orte herstellt. Dafür haben alle neun Mitglieder der Redaktion einen Autor oder eine Autorin gebeten, einen Text zu einem Ort zu verfassen. Die entstandenen Beiträge bilden, in einigen Fällen ergänzt durch bereits bestehendes Material, das Herzstück des Hefts. An die Texte schliesst sich jeweils ein kurzes Interview mit den Autoren über die Wahl des Ortes und über die Bedeutung von Orten für das Schreiben überhaupt an. Zu jedem Text gehört auch ein Bild, das die Autorinnen und Autoren an den von ihnen gewählten Lieblingsorten zeigt. Die Aufnahmen realisierte die Fotografin des orte-Verlags, Carmen Wueest.
Aktuelle orte-Redaktion
Alain Claude Sulzer beginnt die Reise in Basel, in einer traumhaft schönen Wohnung mit einer geheimnisvollen Flucht ungenutzter, grosser und kleiner Zimmer. Daran, dass es einem mit dem Schreiben mitunter gelingt, «im Satz, Wohnung zu nehmen», erinnert Urs Faes mit einem Zitat von Milosz. Solches Gelingen ist für ihn im Friedhof Enzenbühl in Zürich möglich, auch deshalb, weil Schreiben, so Faes, viel mit Erinnern zu tun hat und damit mit dem, was auf Friedhöfen geschieht. So verwundert es auch nicht, dass gleich vier Autoren einen Ort aus der Kindheit gewählt haben, mit dem sie starke Erinnerungen an ihre erste Lebenszeit verbinden. Jaël Lohri liess sich in Hausen am Albis im Garten des Hauses Brunnental fotografieren, wo sie die ersten sieben Jahre ihres Lebens «helle Kindheitserinnerungen» gesammelt hat. Leonor Gnos wählte Amsteg, ihr Dorf an der Reuss und am Fusse des Bristenstocks, das für sie «einen Leitfaden von Glanz und Einzigartigkeit aufrollt». Vanni Bianconi trafen wir auf der anderen Seite des Gotthards in dem verwunschenen Waldstück faura dei morti oberhalb des Hauses seiner Familie in Ambrì. Dorthin kehrt er regelmässig zurück, auch wenn er inzwischen schon lange in London lebt. Und auch Brigitte Gyr führt uns an einen Ort ihrer Kindheit, auf die Ile Rousseau im Genfersee, wo sie «vor sehr langer Zeit» geboren wurde und früheste Eindrücke erinnert: einen Park, einen Sandkasten, Schwäne, Enten und Musik. Bei Michail Schischkin überschlagen sich die Erinnerungen an seine Zeit in der Wohnanlage Käferholz in Zürich, in der er, umgeben von eigenwilligen Nachbarn, intensiv an seinem Roman Venushaar geschrieben hat. In der Liste unserer Orte kommt neben dem Lac Léman ein zwei-
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Annekatrin Ranft-Rehfeldt
Regina Füchslin
Viviane Egli
Susanne Mathies
Erwin Messmer
Monique Obertin
Hansjörg Schertenleib
ter See vor: Der Hallwilersee, auf dem Markus Kirchhofer mit dem Kajak unterwegs ist. Mit einem Boot also, das in alle Himmelsrichtungen steuerbar ist. Martin R. Dean, der als kleines Kind in Trinidad auf einer Plantage gelebt hat, ist am liebsten dort, «wo seine Kaffeeplantage zusammen mit dem Grün eines Gartens aufscheint». Das kann überall auf der Welt der Fall sein, auch in Basel, wie Sie auf der Fotografie zu seinem Text sehen können. Bevor das Reisefieber nun überhand nimmt, lassen wir Sie schnell umblättern zur ersten Station und wünschen Ihnen eine interessante Lesereise: zu Wasser und zu Lande, zu beiden Seiten des Gotthards, durch Träume, Erinnerungen und in alle Himmelsrichtungen. Viel Vergnügen!
Regina Füchslin
Cyrill Stieger
Peter K. Wehrli
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Alain Claude Sulzer «… die angrenzenden unbewohnten Zimmer … sie sind Teil eines wiederkehrenden Traums»
Alain Claude Sulzers Text zum orte-Jubiläum Die schönste Wohnung Ich bereute schon am Tag des Wegzugs, überhaupt je erwogen zu haben, von hier fortzugehen. Es war ein Fehler gewesen. Eine schönere und grössere Wohnung würden wir nie mehr finden, das war mir klar. Auch wenn die Strasse ruhig war, lag sie doch zentral. Ich träumte oft von ihr. Ein Wink des Schicksals fügte es, dass der Mieter, der in den letzten Jahren dort gewohnt hatte, gerade auszog, als wir eine Wohnung in dieser Stadt suchten, die wir vor Jahren aus beruflichen Gründen verlassen hatten. Ich war überglücklich. Nun liessen wir uns erneut hier nieder. Zwar war die Miete deutlich gestiegen, aber immer noch bezahlbar. Endlich hatten wir auch wieder einen grossen Balkon, zur Strassenseite hin. Ich stellte mit Befriedigung fest, dass nicht nur der Balkon, sondern auch die Zimmer und Fenster eindeutig grösser und höher waren als in meiner Erinnerung. Das Parkett war vor unserem Einzug frisch abgezogen und neu versiegelt worden und glänzte matt. Ich ermittelte unsere ehemalige, aus Kabul stammende Putzfrau, die Afghanistan in den Achtzi-
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gerjahren verlassen hatte, nachdem ihr Vater und mehrere Mitglieder ihrer Familie ermordet worden waren; ich rief sie an, und obwohl sie sich inzwischen zur Kosmetikerin hatte ausbilden lassen und eine feste Anstellung hatte, erklärte sie sich nach kurzem Zögern bereit, ausnahmsweise wieder bei uns zu putzen. Wir zogen ein, und nach einigen Tagen stellte ich fest, dass wir nur einen Teil der Wohnung kannten. Tatsächlich öffnete ich eines Tages, als ich allein war, eine Tür, die in einen Saal führte, der offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden war. Die Spiegel waren blind, die Lüster trüb und der Boden mit herabgefallenem, teilweise zerbröseltem Stuck übersät. Obwohl die alte Pracht deutlich gelitten hatte, liess sie sich doch nicht leugnen. Der Raum war mindestens dreissig Meter lang und wohl vier Meter hoch. Die schweren Vorhänge waren zugezogen, dahinter mussten sich die Fenster befinden, doch ich öffnete sie nie. Dieser Saal führte in eine Flucht weiterer ungenutzter grosser und kleiner Zimmer. So unwahrscheinlich es war, dass wir so viele Räume
Alain Claude Sulzer mit seinen Gedankengängen und Innenräumen – für das Foto der orte- Jubiläumsausgabe wählte er einen Bibliothekssaal der Lesegesellschaft am Basler Münsterplatz.
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je bewohnen würden, so angenehm war die Gewissheit, dass sie zu unserer Wohnung gehörten. Wenn man sie auch nicht bewohnte, waren sie doch ein Teil davon. Immer wieder nahm ich mir vor, unsere Putzfrau zu bitten, auch die unbenutzten Räume in Ordnung zu bringen, aber da sie mit den vorderen Zimmern genug zu tun hatte und wir in ihrer Anwesenheit die Wohnung meist verliessen, kamen wir nicht dazu, sie auf deren verborgenen Teil hinzuweisen. Um die Zimmer wieder be wohnbar zu machen, hätte es ohnehin einer ausgewachsenen Putzkolonne be durft. Doch da wir sie nicht brauchten, blieb alles beim Alten. Manchmal dachte ich wochenlang nicht an die leeren Zim mer, dann wieder erinnerte ich mich plötzlich, und das Verlangen, sie zu durch queren, packte mich. Ich war auf unange nehme Lebenszeichen gefasst, aber meine Befürchtungen, es könnten sich inzwi schen Marder, Tauben oder gar Obdach lose eingenistet haben, erwiesen sich als unbegründet. Niemand hatte sich uner laubten Zugang verschafft. Wie auch, es gab meines Wissens keinen zweiten Ein gang zu unserer Wohnung; sicher war ich mir aber nicht. Das Geheimnis dieser Zimmer lag in ihrer schieren Existenz. Sie mussten nicht bewohnt werden, um präsent und wirksam
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zu sein, sie erweiterten unsere Wohnung, auch wenn sie nicht bewohnt wurden. Allein die Aussicht, sich eines Tages wie in den Gemächern eines Schlosses dort einzurichten, bereitete grösstes Vergnügen. Jedes Mal, wenn ich aus dem Schlaf erwache, der mich ungeachtet meiner tatsächlichen Wohnsituation in diesen Traum und jene Wohnung versetzt, verspüre ich eine unendlich grosse Enttäuschung, denn sie existiert nur dort – als Illusion. Die alte Wohnung, in die wir nach Jahren der Abwesenheit vor Kurzem eingezogen sind, gibt es so wenig wie die angrenzenden unbewohnten Zimmer. Es gibt sie nicht und gab sie nie. Sie sind Teil eines wiederkehrenden Traums. Ich werde wohl noch oft von dieser Wohnung und den dahinterliegenden leeren Zimmerfluchten träumen. Eines Tages werden die heruntergekommenen Räume vielleicht bevölkert sein, von Geistern oder Menschen, Tieren oder Traumdeutern, die Vorhänge und Fenster geöffnet.
«Es war also kein Traum» In der folgenden Nacht war Lionel schweißgebadet aufgewacht. Er war allein. Er hatte Eduard nicht weggehen hören. Er hatte geschlafen und geträumt. Was hatte er geträumt? Er hatte keine Erinnerung. Er fühlte sich eingeschlossen. Er war durstig. Er hatte geträumt, er hätte seit Tagen nichts getrunken. Er stand auf, er war immer noch nackt, und bewegte sich tastend im Dunkeln zur Tür. Die Eingangstür war nicht abgeschlossen, er drehte den Schlüssel. Eduard war da gewesen. Es war also kein Traum. Vier Uhr morgens, draußen fiel Schnee. Schwindelgefühle. Er dachte an seinen Bruder Tobias, er hörte seine Mutter rufen, tatenlos sah er dem Unglück zu. Schnitt – Riss – eine Stimme aus dem Nichts. Irgendwo stieß ein Tier einen Klagelaut aus, weit draußen im Wald oder in der Ebene zwischen Waldhaus und Silser See, zwischen Chasté und Maloja. Doch als er aus dem Fenster blickte, war nichts zu erkennen. Schnee. Eine leere Leinwand, ein weißes Rechteck mit zuckenden Fäden. Aus: Alain Claude Sulzer, Postskriptum, Roman, © 2015, 2017 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
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«Unterbrochen wurde die Stille nur vom nicht zu unterdrückenden Klingeln des Telefons» Nach dem Mittagessen kehrte Ruhe ein. Ein Kind schrie, ein Raubvogel zog enge Kreise am Himmel, ein zweiter folgte in geringerer Höhe, zog einen weiteren Kreis, eine Krähe warf sich dazwischen, Geschrei und Krächzen der drei Vögel, Wolken bedeckten die Sonne und verzogen sich wieder, der erhoffte Regen kam im Juli nur einmal in Form eines heftigen nächtlichen Gewitters, es roch nach Majoran und Eukalyptus, nach heimischen Kräutern und solchen, die hier nicht wuchsen, wer weiß, vielleicht wuchsen sie hier doch. Spätestens um zwei waren alle, selbst die, die auf der Terrasse unter den Schirmen zu Mittag gegessen hatten, von der Bildfläche verschwunden, die Kellner waren die letzten, die den Speisesaal verließen, nachdem sie die Tische abgeräumt und neu gedeckt hatten, hinter der Rezeption wurde unermüdlich, aber lautlos gearbeitet. Herr Direktor Dr. Wagner trat hin und wieder gebeugt aus seinem Büro, um ebenso gebeugt dorthin zurückzukehren. Er richtete sich nur auf, wenn Gäste sich näherten, kaum waren sie fort, zog er sich wieder zurück. Unterbrochen wurde die Stille nur vom nicht zu unterdrückenden Klingeln des Telefons, vom Schreien eines Kindes aus der Ferne, vom Schrei eines Raubvogels, vom Krächzen einer Krähe, von der Stimme des Empfangs-
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chefs, der den Telefonhörer abnahm und weglegte oder auflegte. Die Ferngespräche, die er führte, dauerten gewöhnlich nicht lange, fast immer wurden die Anrufer nach oben durchgestellt, denn die meisten Zimmer hatten einen eigenen Anschluss, ein besonderer Luxus in dieser Abgeschiedenheit. Manchmal bestellten Gäste telefonisch Wasser, Limonade oder Eis, dann erfolgte eine kurze Meldung vom Empfangschef zum diensthabenden Zimmerkellner, der in der Küche auf Aufträge wartete und von seinem Stuhl hochschreckte, wenn das Telefon klingelte. Der Zimmerkellner, dankbar für jede Unterbrechung, besorgte das Gewünschte und trug es auf einem Tablett nach oben, so verliefen die ungewöhnlich langen Nachmittage in ungewohnter Schwerfälligkeit. Was zu tun war, tat man, so gut es ging, gedankenlos. Auszug aus dem Roman Ein perfekter Kellner, erstmals im Jahr 2004 bei Edition Epoca AG erschienen. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Das orte-Gespräch mit Alain Claude Sulzer In den Zimmern des Hotels Giessbach liegt Ihr Roman Der perfekte Kellner auf, der vor Ort spielt. Eine gute Koinzidenz für den Hotelgast als Leser? Ja, ich finde schon, zumal die Koinzidenz ja kein Zufall ist. Das Hotel gibt es zwar ohne den Roman, den Roman aber nicht ohne das Hotel und den Leser nicht ohne den Roman. Wobei es übrigens so war, dass ich diesen besonderen, historischen Ort gesucht und gefunden habe, als die Geschichte, die sich darin abspielt, in groben Zügen bereits existierte. Der Roman war also vor dem Ort da, in dem er schliesslich spielte. Beim Roman Postskriptum war es gerade umgekehrt: Da gab es zunächst eine kurze Erzählung, die ich für eine Waldhaus-Anthologie schrieb, die heute auf jedem Zimmer des Hotels liegt; diese zog einen Roman nach sich, den ich ohne die Auftragsarbeit nie geschrieben hätte. Im ei-
nen Fall war der Ort also von Anfang an definiert, im anderen Fall gab es eine Geschichte, die ihren Ort noch finden musste. Sie beschreiben die Orte in Ihren Romanen intensiv, Sinneserfahrungen … Ja, die Beschreibung von Orten – mit al lem, was dazu gehört – scheint mir wichtiger als äusserliche Personenschilderungen. Zu den Orten gehören Menschen, Dialoge, Stimmungen, Geschehnisse. Menschenleere Orte sind in Romanen kaum denkbar, denn wo niemand ist, gibt es auch keinen, der das empfinden und beschreiben könnte, was sie ausmacht. Gehen wir nun in den von Ihnen gewählten Raum der Lesegesellschaft am Basler Münsterplatz für die Fotografie. Danke fürs Gespräch, Alain Claude Sulzer. Interview: Viviane Egli
Alain Claude Sulzer, geboren 1953 in Riehen, Schweizer Schriftsteller, lebt in Basel, im elsässischen Vieux-Ferrette und in Berlin. Ausbildung zum Bibliothekar, journalistische Tätigkeit. Literarischer Durchbruch 2004 mit dem Roman Ein perfekter Kellner. Seine weiteren Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auszeichnungen wie der renommierte Prix Médicis étranger (Paris, 2008). Er ist auch als Essayist tätig. Letzte Veröffentlichung Die Jugend ist ein fernes Land (2017).
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Urs Faes «… ein Halt auf Verlangen im Verlangen»
Schreib-Ort als Vor-Ort Das nackte Mädchen unweit vom Eingang auf hohem Sockel weist den Weg, blickt über die Büsche hinweg auf das übergrünte Tor mit der Uhr, ein Portal, das einlädt: den Besucher, den Neugierigen, ein Eisengitter zwischen hohen Mauern, überragt von hohen Bäumen. Kein Türhüter steht am Eingang, aber erste Namen leuchten auf, in Stein gehauen für den, der da ruht. Und der da geht, greift zum Stift, schreibt, wie oft in jenen Wochen, als er da hinausgefahren ist, Tram elf, quer durch die Stadt, bis Balgrist, die Station der Kranken, der Versehrten oder schon Moribunden, öfter eine weiter: Enzenbühl, Rehalp. Das Grün der Bäume ist zart, ein Reseda, Alleen öffnen sich: von Blutbuchen, Linden, Schnurbäumen, aufragend ins Blau eines scheuen Sommerhimmels; auf dem bleichen Kies die Schattenspiele einer unsichtbaren Sonnenuhr, die launisch misst, unvorhersehbar, was bleibt an Zeit. Zu beiden Seiten ausladende Familiengräber, eigentliche Grabmäler aus den Anfängen der Anlage zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Ein paar Schritte weiter die Kapelle, die Fassade von Weinlaub überrankt, drei, vier Menschen, die da umhergehen, die Tür ist halbgeöffnet, ein schmuckloser Raum, ein
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Spitzgiebelfresko hinter dem Altar: ein Engel, der den suchenden Frauen die Auferstehung des Toten verheisst. An der Ecke vor der Kapelle weist ein Schild den Weg voran: Aufbahrungshalle, Erdbestattung. Warum komme ich wieder hierher, zum Schauen und Flanieren. Aber auch zum Schreiben? Ein Ich, das festhielt, sich schreibend zu wehren versuchte gegen die eigene Hinfälligkeit, das Entschwinden von Sein und Körper, getragen von der Hoffnung, das Schwere werde leicht durchs Schreiben, und Selbstvergewisserung lasse sich finden: schreiben gerade an diesem Ort, der Schreib-Ort wurde. Weil hier Innehalten ist, jene Einkehr, die Worte weckt und ein Erinnern ruft, das weit zurückreicht, in die Kindheit: an die Gänge mit der Mutter über die Gräber, ihr Verweilen davor, vor dem einen länger, das der eigenen Mutter, die im Sommer einen Tollkirschenzweig aufs Grab bekam, Erinnerung an ihren gewaltsamen Tod in der Kriegszeit. Wieder tändle ich durch die Blutbuchenallee wie in jenem Herbst, als die täglichen Fahrten in die Klinik auch hier hinausführten, Enzenbühl-Rehalp, ein Ich, das aufnahm im Verweilen und Lauschen,
Urs Faes im Friedhof EnzenbĂźhl.
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