orte Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 199, Dezember 2018 ISBN 978-3-85830-235-9; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Paul Zähner, paul.zaehner@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn Umschlagzeichnung: Brigitte Haas Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Im Fluss – Die Literatur von Anna Felder 4 Einleitung: Die stolze Schönheit der Katzen
Hans Ulrich Probst
8 Geschwinde Wehmut
12 Der Po, der Po
14 Das Meer im Gras
15 Ein Kuss in der Dritten
20 Ohne Geige
22 Mit zwanzig
23 Guarda il fiume / Schau den Fluss an
24 Das Boot zwischen den Zähnen
26 Die Katzentür
28 aus: Umzug durch die Katzentür 30 32
Ich besitze kein Diplom, das den Beruf der Schriftstellerin belegt – Gespräch mit Anna Felder Brigitte Haas Poetische Texte mit feinen Widerhaken – Interview mit Ruth Gantert Hansjörg Schertenleib
35 Biographie, Bibliographie, Preise
37 Werkstattgespräch mit dem Duo «Ohne Rolf»
Annekatrin Ranft-Rehfeldt
45 orte-festival
Annekatrin Ranft-Rehfeldt
65 orte-bestenliste
Carlos Gross
70 hör-orte
Peter K. Wehrli
72 fund-orte
Susanne Mathies
74 orte-bücherregal 78 orte-galerie 82 orte-agenda 87 orte-longseller 88 orte-marktplatz 1
Er liest aus der “Suppenschüssel“: Chris Hassler (mit Romana Ganzoni) Foto: Mirella Niederer
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Kurz nach oder vor dem nächsten Schluss. Nach Sommerschluss vor Winterverkauf, nach Redaktionsschluss vor Jahresende, nach Abgabeschluss vor Postausgabe, spannen wir mit unserer Einführung einen Bogen über Texte, Bilder, Meinungen und Tipps, um Ihnen den Einstieg in die Welt dieses kleinen Ortes Literatur zu erleichtern. Im Zentrum diesmal die Autorin Anna Felder, diesjährige Preisträgerin des Schweizer Grand Prix Literatur. Eine Grande Dame der Schweizer Literatur, deren lyrische Prosa von grosser Musikalität und perfekter Form ist. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin hat Anna Felder, die im Tessin aufgewachsen ist, auch als Italienischlehrerin grossartige Arbeit geleistet, die im Gespräch mit ihrer ehemaligen Schülerin Brigitte Haas zur Sprache kommt. Ihr und unserem Redaktionsmitglied Hansjörg Schertenleib verdanken wir diesen Streifzug durch das literarische Schaffen der Autorin. Wie Anna Felder mit ihrem Wechsel in die Deutschschweiz sprachliche und kulturelle Grenzen überschritten hat, gehen
auch wir im Rubrikenteil dieser Ausgabe neue Wege. Dazu lassen wir im Werkstattgespräch diesmal das Kabarettisten-Duo «Ohne Rolf» zu Wort kommen. Lesen Sie, was Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg auf die Bühne blättern, ohne dabei je ein Wort gesprochen zu haben. Wir öffnen wiederum eine Tür zum Internationalen Lyrikfestival in Basel und stellen die junge Berliner Preisträgerin Katharina Schultens mit ihren grenzverlierenden Lyriktexten vor. Im fundorte präsentieren wir Ihnen ausnahmsweise einen Autor, Wilhelm Nero Pilate Barbellion, dessen Werk noch nicht auf Deutsch übersetzt ist. All das, kurz bevor es dann bald ganz rund wird bei orte: in der zweihundertsten Ausgabe in der Geschichte dieser Literaturzeitschrift im kommenden März. Wir wünschen Ihnen grenzenloses Lesevergnügen. Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin
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Im Fluss Die Literatur von Anna Felder
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Die stolze Schönheit der Katzen Anna Felder trat bereits an den allerersten Solothurner Literaturtagen 1979 auf. Mit der ihr eigenen charmanten Zurückhaltung hat sie die italienischsprachige Literatur der Schweiz in Solothurn immer wieder vertreten und mit ihrem so konzentrierten wie vielseitigen Œuvre über Jahrzehnte wesentlich geprägt. Als Kind eines Deutschschweizers und einer Italienerin 1937 in Lugano geboren und aufgewachsen, wurde Anna Felder nach abgeschlossenem Romanistikstudium vom Zufall nach Aarau geführt. Dort hat sie Generationen von GymnasiastInnen mit ihrem begeisternden Italienischunterricht in Bann geschlagen, hat sie für die Schönheiten der dritten Landessprache und für die Reize literarischen Sprechens sensibilisiert. Wer immer unter ihren ehemaligen SchülerInnen nachfragt, dem wird mit leuchtenden Augen von einer faszinierenden Ver-
mittlerin berichtet, die ebenso respektvoll wie zugewandt mit überragender Kompetenz und subtiler Einfühlung als Pädagogin Massstäbe gesetzt habe. Waches Interesse für das Gegenüber, Freundlichkeit und feiner Humor zeichnen bis heute die Autorin aus, der man ihre achtzig Jahre nicht ansieht und die noch immer eine enorme Präsenz ausstrahlt. Zwischen zwei Heimaten Eben ist ihr neuer Prosaband mit verstreuten Erzählungen der letzten Jahre – 2017 italienisch unter dem Titel Liquida publiziert – im Limmat-Verlag mit dem Titel Circolare auf Deutsch erschienen. Sowohl das Flüssige wie das Kreisende haben viel mit der punktgenauen Arbeit dieser Wortsetzerin zu tun. Sie erzählt im neuen Band mal von «lì» (dort), mal von «qui» (hier) und von der «Flüssigen» (liquida) – so wurde
die Autorin nämlich auf einem Briefumschlag bezeichnet. Typisch für Anna Felder: In ihrem Nachwort zu Liquida gibt sie mögliche Deutungen dieser Anschrift, ohne sich aber für eine zu entscheiden. Vieles offen, unaufgelöst zu belassen, was die Lesenden zur eigenen Interpretation herausfordert – dies ist allen Büchern dieser eigensinnig-eigenwilligen Autorin gemeinsam. Ihr Romanerstling, Quasi Heimweh, erschien 1970 und handelt von einer jungen Lehrerin, die zur Zeit der Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach aus der italienischen Schweiz in den Aargau kommt. Hier unterrichtet sie Kinder italienischer «Gastarbeiter», wie die Menschen, die als Arbeitskräfte aus dem Süden kamen, damals genannt wurden, in Deutsch. Das Buch, das sich noch heute frisch und aktuell liest, erschien zuerst in der deutschen Übersetzung, unter anderem als Fortsetzungsroman in der NZZ. Erst zwei Jahre später kam es im italienischen Original mit dem in seiner lautmalerischen Knappheit nicht zu übertreffenden Titel Tra dove piove e non piove
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(zwischen dort, wo es regnet, und dort, wo es nicht regnet) heraus – der Titel spielt auch mit dem Klischee vom sonnigen Süden und regnerischen Norden. Über den Spagat zwischen italienischem und deutschem Sprach- und Lebensraum gibt es im neuen Erzählband wunderbare Miniaturen, etwa über zwei prächtige «verirrte» Marronibäume mitten in Felders stillem Wohnquartier in Aarau oder über die heimatlichen Gefühle, die die korrekte Aussprache italienischer Namen bei einem Spaziergang in Lugano bei ihr auslöst. Es sind oft raffiniert poetisierte Alltagsbegebenheiten oder Momente, die Anna Felder stimmig und überraschend zu gestalten versteht – wenn etwa die Zugdurchsage «Göschenen» für die Erzählerin nach «coscienza» (Bewusstsein) klingt. Anna Felder ist eine hochgebildete, mit Italiens Dichtung bestens vertraute Autorin. Ihre Prosatexte stehen der Lyrik oft nahe. Die Musikalität, der Rhythmus, der Klang und die subtile Wortwahl verraten das unermüdliche Ringen um die makellose Form. Diesen Januar erhielt sie den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Lebens-
werk. Zu Recht heisst es in der Laudatio für den Preis, die Autorin sei «einem Schreibstil treu geblieben, in dem die Musik zuweilen wichtiger ist als das Libretto». Unnachahmliche Sprachkunst Ihr zweiter Roman, La disdetta (die Kündigung), über BewohnerInnen eines Hauses, denen gekündigt wird, erschien im renommierten Einaudi-Verlag, wo der Autor Italo Calvino als Lektor arbeitete. Dieser, so erinnert sich Felder, habe ihr Schreiben beflügelt. Deutsch wurde der Roman unter dem Titel Umzug durch die Katzentür veröffentlicht – eine der Erzählstimmen ist eine Katze. Und wenn es eine Konstante in Felders Schreiben gibt, dann die leitmotivische Präsenz von Katzen. In der stolzen Schönheit und geheimnisvollen Unberechenbarkeit dieser Gattung hat sich Anna Felder, wie verhalten auch immer, gewiss auch selbst porträtiert. In einem ihrer schönsten Bücher, Gli stretti congiunti (1992; deutscher Titel: Die nächsten Verwandten, 1993), in dem Anna Felder vierzehn Kurzgeschichten zu einem losen Erzählreigen bündelt, findet sich ein Satz,
der sowohl die unnachahmliche Sprachkunst dieser Autorin illustriert als auch den Zauber ihrer Persönlichkeit treffend fasst: Im Kapitel «L’Amante» lesen wir von Lena, der Ehefrau des «Liebhabers», «… per Lena che pure rideva come rideva Lena dentro il gran serio che per miracolo la teneva insieme e la teneva salva.» – in perfekter Lakonik und Lautmalerei kaum übersetzbar! Trotzdem sei hier noch die deutsche Übersetzung angefügt: «Lena, die auch lachte, wie Lena zu lachen pflegte, im Innern jenes grossen Ernstes, der sie in wunderbarer Weise umschloss und ihre Unversehrtheit bewahrte.» Hans Ulrich Probst Hans Ulrich Probst war bis zu seiner Pensionierung Literaturredaktor beim Schweizer Radio SRF 2.
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Geschwinde Wehmut
(…) Die Schule war nicht weit entfernt, aber man konnte sie nicht sehen; und doch wiederholte das bewegte Wasser in seinem geschwinden Lauf, der ihm, von den oberen Stockwerken der Schule aus gesehen, bestimmt war, denen, die es von der Brüstung der Terrasse aus betrachteten, einen Vortrag, der schon im Schweigen eines jeden von ihnen erstickte, im Durcheinander des Stundenplans: einen Vortrag über nie endende Pflichten, niemals fehlerfreie Aufgaben, Tadel, Reformen, Rechnungen und Noten, die im Guten und im Schlechten ebenfalls vergangen waren. Mitgeführt durch die Korridore und die nummerierten Klassenzimmer, so wie seit jeher die Strömung in ihren Uferdämmen verschiedene Wasser und Treibgut mit sich führte. «Ich könnte hier nicht mehr leben», sagte heiser eine Mutter von drei Töchtern, die sie in Frankreich gelassen hatte, denn sie war in Frankreich verheiratet. Sie sagte es zu einem Mitschüler, der eine Goldkette auf der Bräune seines Halses trug und in Afrika verheiratet war. «Wirklich?», fragte der Lehrer in seinem immer noch See-Dialekt. «Und warum?» Jemand antwortete, auf das von dichtem, feuchtem Grün bedeckte Ufer des Flusses deutend, dass das Leben da zu eng sei;
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nicht wenige gaben ihm Recht, man fühle sich wie in einem Käfig. «Wieso eng?», wollte der Lehrer wissen und hob den Kopf zur Linie des Horizonts. Weder Häuser noch Grenzschranken waren zu sehen, nur der gedrängte Schatten der Bäume, der gehorsam den Lauf des Flusses nachzeichnete. «Man steht dicht an dicht», erklärte die heisere Mutter und brach über die bunten Getränke hinweg aus der Enge ihrer Kindheit aus, um sich an den Boulevards Frankreichs zu messen, wo sie jetzt zu Hause war. Ihre Wimpern waren mit grünem Puder bestäubt, der im Schatten nicht verblasste, trocken und grell, ohne die Gefahr plötzlicher Tränen, klein oder gross, unvorhergesehen. «Im Unterricht hatten Sie einmal geweint», erinnerte sie der Lehrer und zeigte auf sie und auf die eigene Schuld. «Jetzt weinen die Töchter», fügte sie prompt hinzu, Verzeihung in der Stimme für den Lehrer und für die Töchter, und trocknete mit ihren zerkratzten, kräftigen Händen eine vorgetäuschte Träne unter dem Grün. Die anderen stimmten ihr bei; laut, um sie mit der Strömung mitlaufen zu lassen, tauschten sie Neuigkeiten über Söhne und Töchter aus, die im selber auch erlebten Alter waren, in dem man Tränen vergiesst.
Anna Felder ungefähr 7 Jahre alt.
«Lebt denn keiner mehr hier am Fluss?», fragte der Lehrer und blickte in die Runde, ob jemand das Schweigen des Wassers in sich trüge. In Gedanken kehrte er zur Mulde seines Sees zurück, um ihn als Ursprung zu erfahren, als persönlichen Punkt, von dem aus man immer die Augen öffnet. Der Fluss unter der Terrasse, welcher der Fluss der Schule war und weiter dahinfloss für sie alle, blieb für ihn der erste Zusammenstoss, Atem, mit einem Mal fremd, so wie manchmal der ständig vernommene
Singsang seiner Frau plötzlich fremd für ihn klingen konnte. «Meine Grosseltern leben hier, nur ein paar Schritte entfernt», antwortete die Frau namens Letizia und wies mit den langen weissen Händen dorthin, wo ein paar Schritte entfernt die Grosseltern lebten. Besitzer einst eines Wirtshauses, in dem auch sie als Kind gearbeitet hatte. Sie war in Marseille gewesen, in Ägypten, in Brasilien. Das Gesicht der Klassenersten leuchtete auf, während sie sprach, um so-
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Am Hafen von Triest in den Sommerferien mit den Eltern, ca. 1946.
fort wieder in der Mühsal schon der Grosseltern zu erlöschen. Architektin. Sie hatte weisse Runzeln, abfallende, an den Seiten des Mundes. Jetzt war sie zum Fluss zurückgekehrt und lebte in der Nähe der Grosseltern. Zwei Töchter, schlecht in der Schule leider. Sie zog das Flugzeug dem Schiff vor. In Marseille war sie wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen. Schwarze Algen trug sie auf dem Kopf, das Haar mit einem türkisblauen Anker zusammengehalten. Am zerbrechlich dünnen Handgelenk einen dunkelorangen Anker.
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Sie sass am oberen Tischende, am Bug des Schiffes, bereit aufzufliegen. Aus eigener Kraft gerettet, Architektin, Kellnerin mit blutenden Fingern. Mit gläsernen Augen, die einen Augenblick das Schiff durchpflügten: Lebende Fische wollte man ihr geben, die Frauen streckten die geschickten Hände aus, um ihr eine Fotografie zu zeigen, einen Brief, die Karte eines Abwesenden, der sich entschuldigte, nicht teilnehmen zu können, weil seine Tage gezählt seien. Ein Mitschüler zündete ihr die Zigarette an und hob das Feuerzeug hoch über den Säbelhieb der Welle, ein anderer
reichte ihr, vom Wind aufgeblasen, das Adressenverzeichnis. Eine graue Mitschülerin, hustend und die Zigarette zwischen den Tabakfingern, sah sie schweigend an. «Letizia», sagte daraufhin der Lehrer glückverheissend, und stimmte schon im lateinisch gebliebenen Namen das Versprechen an, das im Namen anklang, Frohmut, die Verpflichtung, zu der er einlud; er richtete sie an Letizia, um sie unvermittelt zu fragen, ob wenigstens für sie, ob für irgendjemanden vielleicht die Verpflichtung galt. «Gewiss», antwortete sie am Bug, ohne zu
erröten, und indem sie zeigte, dass sie viel mehr als die Lektion wusste, schenkte sie strahlend weiss poliert über dem Wasser geflügelte Schimmer auch dem Fluss, aufzuckende Schicksale, vereint in einer einzigen Absicht: Jeder betrachtete den Fluss in ihren Augen, um darin, jeder für sich, so viel geschwinde Wehmut zu erkennen. Aus: No grazie Limmat Verlag, Zürich 2002, S. 110–113 Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
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Der Po, der Po
«Ist das nicht der Po», hatte Gino zu uns gesagt, «ein Stück Po-Ebene?» Denn Gino, Gino Berger, der Schweizer war, hier in der Gegend geboren und aufgewachsen, die wir erst kennenzulernen begannen, fühlte sich mit Italien durch viele Erinnerungen aus seiner Kindheit verbunden: italienische Erinnerungen, wie sein Vorname, aus der Zeit, als er die Ferien bei den Eltern seiner Mutter verbrachte, die aus der Lombardei stammte; Italien lebte noch in ihm aus der Feme nach wie jene glücklichen Jahre, in denen er jeden Sommer zum Hätschelkind der Grosseltern wurde, ihrem Stolz, weil er zwei Sprachen konnte; und so hatte er sich einen Winkel seiner Kindheit, den Fluss von damals hier an dieser Stelle der Aare erfunden, und er liebte es, mit uns zusammen Worte und Wendungen wachzurufen, die er als Kind zu Hause gelernt hatte und nun in jedem Klang mit einer ganzen versunkenen Welt wiederentdeckte. Ich aber bekam in Auenstein nicht seine Po-Ebene zu sehen, es gelang mir nie: das Stauwehr war da, das Bänkchen und der volle Abfallkorb; da war, an dem Abend, ein Fischer in kniehohen Stiefeln; und nachher, als die Dunkelheit auch das flache Hinfliessen des Wassers, all die atmende Stille der Landschaft in sich ausgelöscht hatte, nachher war niemand mehr da und
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nichts, es war alles weg: keine Aare mehr, noch die Po-Ebene, mein Haus nicht, nicht Gino und nicht mein Bruder, nicht meine Uhr, die fünf oder zehn zeigte: keine Luft mehr, nur Nachtblau; nicht Bäume am Ufer, nur flüssige Schatten; Wasser und Strom waren Leere, die Welt dahin, ertrunken; schwarz. Eine solche Landschaft erscheint uns vielleicht im Traum, ein Maler mag sie malen, aber wir können nicht im Auto hinfahren, um sie uns anzuschauen, und dann die Mandarinenschalen in den Abfallkorb werfen. Eine Landschaft ist echt oder nicht, sie ist wirklich oder geträumt, lebt in der Zeit oder in der Sehnsucht. Ich weiss noch: der Garten, an den man zurückdenkt, und das Haus und Fabio, wenn man fort ist, sind nicht die echten: sie selbst sind verschieden, gehen gradaus ihres Weges (auch der Garten, der weiterwächst), wir aber sehn sie bald so und bald anders, einmal gross, einmal klein, erinnern uns an ein Kleid oder eine Wand, aber das Ganze sehen wir doch nie recht, weil es sich ständig verändert, und je mehr wir uns darauf besinnen, je stärker bewegt es sich, wie wenn man hinter jemandem her rennt, der immer rascher läuft, und das Halstuch flattert ihm nach: er dreht nach rechts, dreht nach links, man holt ihn ein, aber er hat schon wieder einen Vorsprung, man braucht nur
Auf dem Lago di Lugano, gegen Gandria, ca. 1954. Anna Felder (hinten) mit einer Schulkameradin.
das Halstuch zu sehen bei der Wegbiegung und rennt wieder los, und so ist es mit dem Verlangen, das uns nach Hause zieht und hier «Heimweh«» heisst, man braucht nur einen Namen auszusprechen, braucht nur Fabio zu sagen und rennt, aber er ist nicht da. Darum vielleicht hatte Gino diesen Ort nach einer Erinnerung so genannt: denn man sah es ja, dass es in Auenstein nicht seine Po-Ebene gab, und doch hatte man Lust, sie hier zu suchen.
Seit jenem Abend sagten wir, wenn wir merkten, dass einer mit den Gedanken woanders war: «Was ist los, hast du wieder die Po-Ebene bekommen?» Aus: Quasi Heimweh, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990, S. 14–16 Aus dem Italienischen von Federico Hindermann
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Das Meer im Gras
(…) «Der Winter», fügte ihr Mann hinzu, «denkst du nicht an all die Sonne dort unten im Winter, während du hier wochenlang, ja monatelang nicht aus dem Nebel herauskommst oder aus dem Schnee wie jetzt? Dort haben wir die Sonne in unserem Haus.» «Das ist wahr», erwiderte sie nachdenklich. «Hier gäbe es allerdings das Gras, dieses farbige Grün, das uns Kraft gibt zu atmen; ich vergesse nie, wie glatt auch Mariuccias Haut durch das Gras geworden ist.» Aber sie sagte es mit einem falschen Ton in der Stimme, wohl wissend, dass jedes Fleckchen Wiese steinhart gefroren war. Sie sah ihren Mann schweigend dasitzen, kleiner als sie, die trockene Seemannshaut voller verwobener Runzeln, sogar auf den Lippen, wie ausgeliehen sass er da, in einem Land aus Gras und Schnee. Jetzt tauchte zwischen diesen Runzeln in ihrem Geist, hartnäckig und endlos wie ein niemals ausgesprochener Name, wie
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ein endloser Zug, der langsam Waggon für Waggon vorbeirollt, tauchte die Mauer des Dorfes vor ihrem Haus auf: hoch, lang, alle Monate des Jahres mit Namen und Familiennamen in grossen schwarzen Buchstaben auf Weiss beklebt; Name und Familienname armer Seelen, die gelebt hatten, Verstorbene des Dorfes, die einen kürzlich erst veröffentlicht, die anderen schon zerknittert vom Wetter: «Im Sommer herrscht Leben, da gibt es das Meer und die Neffen und Nichten und die Enkelkinder. Aber im Winter jeden Tag beim Aufstehen vor den Augen diese stumme, lange Mauer vorbeiziehen zu sehen, mit den Toten, aneinander gereiht in Trauer Monat für Monat, nein, ich bringe es nicht fertig, den Winter dort unten zu verbringen.» (…) Aus: No grazie, Limmatverlag, Zürich 2002, S. 52–53 Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Ein Kuss in der Dritten
Einem Aquarium gleicht das Gebäude in seiner Durchsichtigkeit und in der Form, einem riesigen Aquarium aus Glas und Aluminium, das als Annex den anderen Häusern beigefügt wurde, an eine der kleineren Fassaden gelehnt, so dass es höher als breit erscheint, höher auch als die alten, geretteten Platanen. In der Parkanlage gelegen, widerspiegelt es das Grün des Parks, zeugt vom Grün selbst in den Nebeltagen; mitten im Weiss, Raureif oder Schnee zeigt sich das Gebäude grüner denn je, grün und durchsichtig. Fische sind, von aussen gesehen, die Schüler, die von einem Klassenzimmer ins andere wechseln, von einem Stock zum anderen, und auch die Lehrer, die Angestellten des Gymnasiums, Sekretärinnen, Bibliothekare, Frauen und Männer mit den Hausschlüsseln. Es waren übrigens die Schüler, die ihre Schule vom ersten Tag an Aquarium nannten. Was man von aussen erahnt, die Beleuchtung und Einrichtung, lässt an bestimmte Algen denken, an die Verästelungen und Lichtsäulen im Inneren eines Aquariums. Die drei Fahrstühle sind Luftblasen, die in die höheren Stockwerke und bis zur obersten Terrasse unter freiem Himmel fahren, dann wieder hinunter und wieder hinauf. Wer auf die Terrasse steigt, findet sich plötzlich auf dem Trockenen, aus
dem Stundenplan gefallen. Sagen das die Schüler? Findet, wer hinaufsteigt mitten im Licht der Dachterrasse Wind, Schrei, Schwindel, oder was sonst? Wie Marina und Mario: Der Kuss, den sie einander da oben nach der Physikstunde gaben, platzte ausserhalb des Stundenplans in eine Geschichte, die Marina später – wem? – erzählen wird. Eines Tages wieder dem Mario? Sie ist in der Dritten, er ist in der Dritten, das wissen alle, in der 3b, doch nur er ist danach im Latein des ersten Stocks angekommen, mit den Händen in den Hosentaschen. Und sie? Keine Ahnung, Schultern heben sich, der Gong ertönte: Die grosse Pause ist zu Ende, und die Schüler liefern sich in geschlossenen Gruppen ein Rennen, um den Fahrstuhl zu besetzen, in Scharen einem bestimmten Stockwerk zuzustreben, ohne Zwischenhalt. Die Klasse des sechsten Stocks, Biologie, zum Beispiel, will keinen Halt im vierten, Mathe, oder im fünften, Chemie. Die klassischen und modernen Sprachen, erster und zweiter Stock, erreicht man, indem man die Treppen zu Fuss hochgeht, es sei dann, man ist Lehrer. Mario sah man soeben zu Fuss hochgehen wie die anderen. Dann traten im Erdgeschoss die drei Mädchen aus der
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Aargauer Kulturpreis: Preisverleihung, Oktober 2004.
Parallelklasse auf, 3c, ihrerseits unterwegs in die Physik, Stock sieben. Die üblichen drei, ein bisschen zu spät, ein bisschen mehr geschminkt, mit zu Einsilbern verkürzten Namen, Cri, Lou und Pat. Warten sie auf den Lift? Warten sie auf Marina? Sie frieren, sie reiben sich die Ellbogen und die Knie vor den Fahrstühlen. Cri seufzt, ein langer Seufzer, der den noch neuen Winter und den Namen Walter enthält, zwei Dinge, die nicht mehr auseinanderzuhalten sind: Winter-Walter. Der überraschend in seiner ganzen Grösse vor dem Lift auftaucht und sie von hinten
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packt. Er erstickt sie in seiner dicken Jacke, so dass Pat und Lou von Cri plötzlich nur noch die Jeansbeine sehen, mit den dem Lift zugewandten Schuhen. Walter sichert sich jetzt zusammen mit Cri den Aufstieg in den siebten Stock; er wird zu Fuss zur Biologie hinuntergehen. Als sich im Sog der Glocke der Lift ankündigt und die Gummisohlen auf dem Linoleum zum Spurt bereit knirschen, und Cris zerzauster Kopf befreit aus Walters Jacke auftaucht, als sich die Türflügel einmütig öffnen und dabei aufleuchten und einen in abgezählten Sekunden zum Ein-
treten auffordern, da steht im Innern des Lichts, allein in der Kabine, unversehrt ihrem persönlichen Himmel entstiegen, die Arme abwehrend nach vorne gestreckt und mit den Händen den Eintritt verwehrend, Marina: flehentlich, ohne Mario noch sonst jemanden, ohne Kapuze, die Haare aufgelöst schlängelnd, die Marina von der Terrasse, vereinzelt, durcheinander, die im phosphoreszierenden Licht laut wiederholt: «Nein, bitte, kommt nicht herein, ich bitte euch, wirklich nicht.» Die Türflügel schliessen sich unverzüglich wieder, ein Wimpernschlag, und auf Knopfdruck wird Marina wieder eingesaugt und bei geschlossenen Türen emporgezogen, Schicksal des Lifts, in der Luftblase nach oben gestrudelt, während sich die Gruppe im Erdgeschoss entgeistert anschaut und an Ort und Stelle, kommentarlos, nach Luft schnappt. Durch das Glas flackern die Folgen der doppelten Verspätung auf, Physik und Biologie. Doch schon kündigt sich vom Untergeschoss mit gleichbleibendem Ritual der zweite Lift an: Er hält für die Nachzügler des Parterres, lässt die Türflügel aufgleiten und fordert in abgezählten Sekunden zum Eintreten auf. Die vier sind schon in Startposition, den Fuss halb in der Luft, bereit, einzusteigen, als sie bemerken, dass nun die Kabine mit Fug und Recht vom Abwart und seiner Frau besetzt ist, mit umgebundener Schürze, mit Besen und dem ganzen Arsenal an Fegern, Eimern, Lappen, Laugen und Schwämmen, erhitzt, aufgedunsen, die Stehleiter vor sich als Schild. Herr-
scher über den Fahrstuhl, Besitzer der Treppe und der Eimer, sind die beiden auf Dienstfahrt unterwegs zu einem Ziel und einem Pensum, das nur sie kennen. Sie grüssen laut, bemühen sich, Platz zu machen und schützen mit Gummihandschuhen ihre Geräte. Da verschaffen sich Cri und Walter Raum, bemessen sich einen kleinen Durchgang und treten wortlos ein; sie bleiben an der Schwelle aufgereiht stehen, während die Tür sich schliesst und ihnen dabei den Atem poliert. Einen grossen Schnauf gestatten sich nun Pat und Lou, die in so viel Luft des Erdgeschosses alleine zurückgeblieben sind; sie lachen, sie umarmen sich. Sie befinden sich also am gleichen Punkt wie zuvor, im geschlossenen Raum des Aquariums, erst recht zu spät für die Physiklektion, mit sicherem Fluchtausgang. Im Geiste erwägen sie den Ausweg des siebten Stocks: schwankend, verfänglich. Vielleicht läuft Cri gerade dort ein, sofern sie nicht aus Solidarität mit Walter in der Biologie gelandet ist, mit oder ohne Abwartspaar, sofern sich das Abwartspaar nicht glatt und gleich mit seinen Geräten schon im dritten Stock durchgezwängt hat und ausgestiegen ist, sofern die beiden nicht in den siebten Stock hochgefahren sind, so wie gerade heute Marina und Mario ins Trockene stiegen, hin und zurück oder auch einfach. Erst mit vorgerückter Verspätung, als auch Pat und Lou ihren Fuss auf die hoch oben gelegene Physiketage setzen, als sie vorsichtig aus dem Lift treten, gebückt die Tür zum Klassenzimmer beäugen oder
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