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orte Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 194, Dezember 2017 ISBN 978-3-85830-217-5; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Janine Durot (Foto Carmen Wueest) orte Verlag, Schwellbrunn Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial orte inhaltsverzeichnis

le persil chez orte  5 Einführung

Marius Daniel Popescu

8 « Une demi-lune fait lever l’écume des nuages »

Anne-Sophie Dubosson, Alain Rochat, François Debluë, Frédéric Wandelère, Philippe Leignel

14 « Le poème: ossature / de l’inaudible »

Dominique Brand, Isabelle Sbrissa, Marius Daniel Popescu, Sylviane Dupuis, Vincent Yersin

27 « Je m’attends »

Olivier Beetschen, Claire Genoux, Noémi Schaub, Antoinette Rychner, Benoît Damon, Manon Reith, Jacques Roman, Francine Clavien, Daniel Vuataz, Alain Rochat

42 « Seulement un peu de fièvre »

Manon Reith, Elodie Glerum, Heike Fiedler, Pierrine Poget

49 « Trois points à la ligne »

Alexandre Voisard

52 «Mich in deine Schritte schmiegen» – zur Übersetzung

Lydia Dimitrow

54 Autorenbiografien

58 orte-festival 74 orte-bestenliste 78 hör-orte 80 orte-Bücherregal 84 orte-Galerie 88 orte-Agenda 94 orte-Longseller 96 orte-Marktplatz

Annekatrin Ranft-Rehfeldt Jean-François Kammer Peter K. Wehrli

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Nur fĂźr Narren! Foto Renaldo Kleboth / Grafik Chris Hassler

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orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Sie haben richtig übersetzt: le persil – Petersilie, so heisst die von Marius Daniel Popescu in Lausanne herausgegebene Zeitschrift, die wir Ihnen in diesem Heft vorstellen. Marius Daniel Popescu hat gleich selber als Einleitung eine présentation seiner kräftig wachsenden Pflanze verfasst und für orte Texte von dreiundzwanzig zeitgenössischen Autorinnen und Autoren aus le persil ausgewählt. Es ist ein schöner und dicker Bund von Texten, der uns von den Westschweizer Kollegen auf den (Schreib)-Tisch kommt. Die Texte begleiten Tuschzeichnungen von Susanne Mathies. Die junge Übersetzerin Lydia Dimitrow, die in einem Beitrag über sich und ihre Arbeit berichtet, hat die Texte ins Deutsche übertragen. Zur Freude am Klang der französischen Wörter und um die Übersetzungsarbeit sichtbar zu machen, ist bei allen Gedichten das Original mit abgedruckt. Und der Austausch ist gegenseitig: Zeitgleich mit dieser orte Nummer erscheint in Lausanne eine Ausgabe von le persil mit ins Französische übersetzten Texten von Autorinnen und Autoren, die mit orte verbunden sind: Walter Gross, Nora Gomringer, Claudia Storz oder Klaus Merz, um nur einige zu nennen. Bei Interesse an diesem Heft oder an der Zeit-

schrift le persil überhaupt, finden Sie die Kontaktdaten im Biografieteil. Zum dritten Mal stellen wir Ihnen im letzten Heft des Jahres die Preisträgerin des Lyrikfestivals Basel vor, diesmal: Dagmara Kraus. Annekatrin Ranft-Rehfeldt hat mit ihr ein Gespräch geführt. Weitere Informationen zum Festival, das im Januar 2018 stattfinden wird, bieten die Rubriken orte-festival und die Agenda. Falls Sie jetzt, wo die Gartenarbeiten ruhen, über unseren Peterli hinaus noch Zeit zum Lesen haben, sind Ihnen die Hinweise auf Bücher in den Rubriken bestimmt besonders willkommen. Bonne lecture! Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt

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Seit dem ersten Heft hat sich orte den Austausch mit den anderen Landesteilen auf die Fahnen geschrieben und so freuen wir uns, Ihnen in dieser Nummer dank der Zusammenarbeit mit der Zeitschrift le persil, die in Lausanne erscheint, eine grosse Zahl Autorinnen und Autoren aus der französischen Schweiz vorstellen zu können. Die Übersetzungen stammen allesamt von Lydia Dimitrow, die am Ende des Thementeils in einem kurzen Text selber über sich und die Übersetzungsarbeit berichtet. Aber jetzt passons la parole à Marius Daniel Popescu, den Gründer und Herausgeber der Zeitschrift le persil: Als le persil im Jahr 2004 gegründet wurde, gab es nur sehr wenige literarische Zeitschriften in der französischen Schweiz. Zwischen 1992 und 2011 erschien beispielsweise Le Passe-Muraille ein paar Mal jährlich unter der Leitung von Jean-Louis Kuffer. Sein Format erlaubte jedoch keinen regelmässigen Abdruck von unveröffentlichten Texten. Aufgrund meiner Erfahrungen als Leiter der Zeitung La Réplique in Rumänien und im Rahmen meiner Mitarbeit an Le Passe-Muraille entschloss ich mich, in meinem Gastland Schweiz eine literarische Zeitschrift zu gründen, le persil. In den ersten Nummern brachte ich vorerst nur meine eigenen Texte, ab der vierten Nummer konnte die Zeitung für andere Schriftsteller, jüngere oder bereits bekanntere aus der französischsprachigen Schweiz, geöffnet werden.


Während drei Jahren kam die Zeitschrift ohne jegliche finanzielle Hilfe von Dritten aus, da ich vom Layout bis zum Versand an die Abonnenten alles selber machte. 2007 schlug ich Daniel Maggetti und einigen weiteren Personen aus dem kulturellen Umfeld in der Romandie die Gründung eines Vereins der Freunde der Zeitschrift le persil vor. Die Idee fand Anklang und ich erhielt Unterstützung zugesichert. Dafür bleibe ich den ersten Mitgliedern des Vereins und dessen erstem Vorstand (Daniel Maggetti, Louis-Philippe Ruffy, Dominique Brand, Béatrice Lovis, Danielle Gavin, Daniel Kamponis, Ivan Farron) sehr verbunden. Mit der Zeit stiessen weitere Liebhaber der Literatur zu uns (Daniel Vuataz, Vincent Yersin, Daniel Rothenbühler und Giuseppe Merrone). Dank der aktiven Unterstützung durch den Verein entwickelte die Zeitschrift eine klare Strategie und konnte ihre Themenpalette ausbauen: le persil liess in den 13 Jahren seiner Existenz mehreren Schriftstellerinnen und Schriftstellern freie Hand zur Gestaltung eines Hefts (Olivier Sillig 2005, Antoine Jaccoud 2010, Heike Fiedler 2013 etc.), publizierte einen Strauss unveröffentlichter Texte verschiedener Autorinnen und Autoren, führte literarische Umfragen durch (Tiers inclus, 2009, Les livres fantômes, 2012), brachte einen literarischen Dialog zwischen Literatur und visueller Kunst (Cas de figures, 2011) und einige thematische Nummern heraus (Pourquoi faut-il relire Charles-Albert Cingria?, 2011, Rousseau et moi und Traduction littéraire: un art à part entière, 2012, Comme des gamins – littérature illustrée pour la jeunesse, 2014). In mehreren Nummern wurde das Verlagsmilieu der welschen Schweiz vorgestellt (Éditions d’autre part, 2008, Éditions Empreintes, 2014, Éditions originales sur les petites maisons d’édition, 2013 und 2014) oder es wurden Texte aus Wettbewerben (Petites misères en Suisse romande, 2014) und literarischen Ateliers (Université de Lausanne, Schweizerisches Literaturinstitut in Biel,

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waadtländische Gymnasien) publiziert. Es gab auch Hommagen an bedeutende zeitgenössische Schweizer Literaten (Hugo Loetscher, 2010, Charles Racine, 2013, Jean-Luc Benoziglio, 2014). Bis heute brachte die Zeitschrift 140 Nummern heraus, in welchen mehrere Hundert Autoren publiziert wurden. Mit ihrem A3-Format hat le persil über die Jahre mehr als 1500 Leserinnen und Leser gewinnen können. Dank dem Verband konnten wir auch auf finanzielle Unterstützung von verschiedenen Sponsoren zählen. Wir bedanken uns bei der Loterie Romande, dem Migros-Kulturprozent, der Pro Helvetia, dem Kanton Waadt, der Fondation Jan Michalski, der Sandoz-Stiftung, der Ernst-Göhner-Stiftung sowie der Stadt Lausanne. Marius Daniel Popescu, übersetzt von Monique Obertin

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« Une demi-lune fait lever l’écume des nuages » Anne-Sophie Dubosson

Die Augen in den Handflächen Mein Kanu gleitet durch den Kanal, hier sitze ich, der Mond hat meine Haut mit seinem Schmelz überzogen. Die Nacht liegt auf mir, ich paddle, einem anderen Horizont entgegen. Heute Abend ist die Strömung stark. Ich atme den Geruch von Erde einer geballten Mangrove. Meine Hände sind mit Blasen übersät, ich kann sie richtig hören und lächle bei dem Gedanken an ihre bevorstehende Pause. Die Manatis geraten in Aufruhr, atmen hörbar ihre Luft aus. Wie grobschlächtige Sirenen kommen sie zu mir. Aus ihren seidigen Pupillen in den grossen Augenhöhlen blicken sie mich an. Auch unter Wasser. Ich sehe sie an der Oberfläche, konzentrische Kreise, in formvollendeten Rundungen schiessen sie mit ihrem Schwung aus der Tiefe des Wassers hervor. Der Fluss ist durchtränkt mit dem Tannin der Blätter, versetzt mit dem Rot des Herbstes. Sie geniessen die milde Wärme, die verwehte Witterung des Festlands. Ihre lichtdurchlässige Haut vermag zu schillern, dass man weinen möchte. Ich muss haltmachen. Meine Hände brennen. Vom Schmerz geädert, fast taub. Ich mache mein Boot an den weissen Wurzeln fest. Ich muss ein Dickicht aus

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Schlamm und unwahrscheinlichen Ästen überwinden. Ein skulpturaler Albtraum aus primitiven Vorzeiten. Ich tauche ein in das Reich der eigensinnigen Vögel, ihrer Wiegen im Gezweig, wo sie zur Ruhe kommen. Ich öffne den Mund, um die majestätische Stille einzusaugen und schliesse die Augen. Öffne. Vor mir ein hochbeiniger Vogel mit argwöhnischem Blick, länglichem Leib, abgeknicktem Hals. Ich schiebe die Überraschung beiseite, um mich ganz auf diese Kraft aus Federn zu konzentrieren. Ich musste nicht lange warten. Aus dem Bauch des Vogels ist ein Auge geschlüpft. Das zweite kommt. Sie laufen in meine Richtung, die Netzhaut gegen den offenen Himmel. Dann legen sie sich in meine Handflächen. Der Wind weht sanft, dunstig-leichte Luft vom Golf von Mexiko. Meine Lippen sind trocken. Auf meinen Brüsten erblühen zwei tönerne Knospen. Die Augen in meinen Handflächen sehen mich durchdringend an, die Iris auf mein Gesicht gerichtet. Die Teilung beginnt. Die Manatis stossen ihre so eigenen Laute aus, ich erspähe die Strömung in die andere Richtung. Und in diesen entgegengesetzten Strömungen reisst ihre plumpe


Kinderhaut auf; Streifen auf ihren Sirenenschwänzen, ihre mythischen Bäuche berühren den Grund. Von meiner Mangrove aus sehe ich den Fluss verkümmern. Rote Algen ballen sich zusammen, in krankhaft obszöner Vermehrung, Spinnenfäden, Verhängnis der Manatis. Geteilt bin ich die erste Sirene. Die der Schiffe, die in nebelverhangenen Nächten auf hoher See sinken. Dann erklingt ein kehliges Lachen in der Mangrove, es packt mich und zerfällt in meiner Lunge. Der Himmel hängend, ver-

gänglich geworden, ich bin darin nicht mehr enthalten. Nach und nach lösen sich die Sterne, Höhepunkt ihrer ahnungsvollen Verheissung, und ich, klein, verloren, bin nicht mehr ganz da. Es ist die Trägheit der überdrüssigen Tage, die sich meiner bemächtigt, und ich höre den Vogel und seine Brandung, bis in die Spitze einer entnadelten Kiefer hinauf. Das Krächzen der Mangrove schiesst mir vollends ins Mark. Die Augen in meinen Handflächen flattern Richtung Meer.

Alain Rochat

Chavannes-sur-Mer II

Chavannes-sur-Mer II

Ein Halbmond ballt die Gischt der Wolken dicht an dicht ziehn sie vorbei – in träger Dünung blinken die Lichter von Kränen – reglose Masten in brandender Nacht, Leuchtfeuer nutzlos im offenen Land.

Une demi-lune fait lever l’écume des nuages ils passent en rangs serrés – houle lente où clignotent les feux des grues – mâts immobiles dans le ressac de la nuit, pauvres phares exilés en pleine terre.

Ein riesiger Kiefer umschliesst den Mond der hartnäckig scheint noch zögern die Zähne, das kalte Strahlen zu zermalmen – die Nacht, sie blinzelt, der Wind flaut ab, von den Sternen getrunken, als das Rufen der Schiffbrüchigen sich erhebt.

Une mâchoire immense enserre la lune qui s’obstine à briller les dents hésitent à croquer cette froide lumière – la nuit cligne de l’oeil, le vent tombe que boivent les étoiles alors que montent les cris des naufragés.

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François Debluë

Schatten der Nacht

Ombres de la nuit

1 Unter dem schwarzen Himmel einer Nacht ohne Mond ohne Sterne spuken träge   stumme Schatten durch schmale Gassen spärlich beleuchtet von einsamen Schildern

1 Sous le ciel noir d’une nuit sans lune ni étoiles des ombres lentes  muettes hantent les étroites ruelles qu’éclairent faiblement de rares enseignes

Weiter abseits    auf der Lauer wo Strassen sich kreuzen spähen Schatten nach Passanten taugliche Beute so hektisch so rastlos.

Plus loin    en faction à l’angle des carrefours d’autres ombres guettent les passants comme autant de proies hâtives et inquiètes.

2 Am Fuss einer alten Laterne vorbei durch die klirrende Kälte des Frühlings gleitet der Schatten eines verstossenen Katers weit entfernt von der zärtlichen Herrin – voll Ungeduld auf die süsse Rage einer hitzig glühenden Katze.

2 Frôlant le pied d’un antique lampadaire aux froidures printanières passe l’ombre d’un chat exilé loin des caresses de sa maîtresse – impatient des douces furies d’une chatte incandescente.

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3 Inmitten der schweren Sommerwinde bei Anbruch der Nacht unruhiger Schatten von ausladendem Blattwerk in den letzten Gärten der Stadt

3 Par les vents lourds de l’été à la nuit venue l’ombre mouvementée de vastes feuillages aux derniers parcs de la ville

Noch näher an Stämmen und Sträuchern zwischen den Schatten dort unten murmeln Gruppen von Männern gesenkten Hauptes feilschen sie fiebrig um ihr todbringendes Rauschgift.

Plus près des troncs et des buissons parmi les ombres d’en bas des grappes d’hommes murmurent tête basse qui marchandent fébrilement leurs drogues léthifères.

Frédéric Wandelère

Von der Linde zu den Hainbuchen

Du tilleul aux charmes

Tausch’ ich das Viertel ein, die Strasse, Tausche ich auch den Baum. Meine Linde Musst’ ich verlassen für die Hainbuchen hier am Ufer. Da stehn sie nun, zwischen mir und der Welt.

En changeant de rue et de quartier J’ai changé d’arbre. J’ai dû quitter Mon Tilleul pour des Charmes de rive Plantés là, entre le monde et moi.

Unter dem Wall aus Laub: in Aufruhr das Wasser, die Schatten des Sommers. Die Badenden im Fluss, erhitzt, Sprechen von Liebe zu schönen Unbekannten, Unüberhörbar die halbnackten Worte.

Sous l’écran du feuillage, l’alarme Des eaux et des ombres de l’été. Les baigneurs de rivière, échauffés Parlent fort, en phrases deminues D’amour à de belles inconnues.

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Nahender Schlaf

Approches du sommeil

Wonne gewaschener Haut nach dem Bade, Auf Laken so rein von lavendelduftender Lauge: In der Ferne setzt der Schlaf seine Segel. Ich gleite hinweg, vor jedwedem Traum, jedem Ton, Aus meinem Tag, hinaus in die Weite, mit den Gezeiten, die das Dunkel wegtragen, alle die Lichter erloschen.

L’agrément du lavé, des peaux après le bain, Des draps clairs de lessive sur fond de lavande : La frégate du sommeil tend sa voile au loin. Je glisse avant tout rêve, tout bruit qui s’entende, Hors de ma journée, vers le grand large, au moyen Du sombre enlevé par marée, tous feux éteints.

Doch es war Feuer …

Mais c’estoit feu … Marot

Marot

Über die Planche sind wir hinabgestiegen, Unbeschwert, die Grand’fontaine verlassend, Die sich seit langer Zeit ergiesst Und, kalt und tief verborgen, tränkt Den gold’nen Löwen und das graue Schaf Wie jede Art von Saisonniers.

Nous sommes descendus par la Planche, Très libres, quittant la Grand’fontaine Qui s’épanche depuis si longtemps Et abreuve, froide et souterraine, Le Lion d’or près du Mouton beige, Et toute espèce de saisonniers.

Die Damen, fast nackt, bis auf Schuhe an den Füssen und die Haube aus Schnee auf ihrem Haar.

Les dames quasi nues, elles, pieds Chaussés, coiffent leur tête de neige.

All die Hitze, die aufwallt in den Augen, In synkopischen Sätzen, in jedem chéri, Das dunkel hallt durch die Nacht, Sie zieht immer weiter ins verworrene Treiben, Entführt den Kunden in die Etagen des Paradieses.

Toute chaleur s’exaltant aux yeux, Aux phrases syncopées, aux chéris Bémolisés résonnant de nuit, Elle enchaine leur cause en dédale, Egarant le Client aux étages Du Paradis.

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Philippe Leignel

Sommer

L’Eté

Lippen, bei Nacht, glaub’ ich zu schreiben, die Kontur einer Brust, deine Flügelhaut, golden entflammt, den Pfad für neues Leben; während über den Hügel ein Mond sich schiebt und ein Fuchs den fliehenden Tod durchstreift.

Des lèvres, dans la nuit, je crois écrire, et la ligne d’un sein, et ta peau d’aile embrasée d’or, et la sente où renaître ; pendant que sur le mont roule une lune et que rôde un renard dans la mort qui s’enfuit.

0 Das Gedicht ist so rein und unsere Augen so leer! Wir umfangen die Zeit, die dem Morgenrot weicht. Bleiben uns nur Wunden von den gross geöffneten Himmeln. Dem Weg müssen wir lächeln wie ein ins Meer fallender Regen. 0 Das zitternde Blau des Wassers, und der fahle Schatten dahinter, darüber dies Beil, so weiss, wo sich der Himmel zerfetzt. Ein Wintersee, dessen Blick ich bin. In meinem Blut der Ruf des Reihers.

0 Le poème est si chaste et nos yeux si déserts ! Nous étreignons ce temps que l’aurore a surpris. Ne nous restent que plaies des grands ciels apparus. Il nous faut sourire au chemin, comme une pluie tombant sur la mer. 0 Le bleu d’eau, frémissant, et l’ombre nue derrière, au-dessus cette hache si blanche où le ciel se déchire. C’est un lac à l’hiver dont je suis le regard. Un héron crie dans mon sang.

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« Le poème : ossature / de l’inaudible » Dominique Brand

BLANC SOMMEIL Schlaflos 43

Insomnie 43

Schliess die Augen, damit sich das innere Auge öffnet

Ferme les yeux, afin que s’ouvre l’œil intérieur

das Bild liegt still aus dem Nebel von Ferne Gesang bedrohliches Chaos diese Tür zum Traum am Watt des Bewusstseins öffnet sich nur über die Angst vor der Leere

l’image est silence du brouillard un chant lointain désordre angoissant cette porte du rêve à l’estran de la connaissance ne s’ouvre que sur la peur du vide

Schlaflos 45

Insomnie 45

in meinem Blick der Tanz der Falter einzige Gefährten in diesem Moment bestimmt zu leben von der Dämmerung des Abends bis zum Anbruch des Tages aber ich wie sie vielleicht würde gern eines Tages den Tag erleben

Je regarde danser les phalènes seuls compagnons à cet instant promis de vivre du crépuscule à l’aube mais moi comme eux peut-être je voudrais vivre un jour le jour


Schlaflos 62

Insomnie 62

ich fälle Worte aus hartem Holz die Splitter treffen mich im Gesicht zerfetzen mir die Netzhaut zerschneiden mir die Hände prasseln auf die Tasten die Skulptur ist grob und doch ohne Seele

je bûcheronne des mots de bois dur des éclats me sautent au visage m’arrachent la rétine me déchirent les doigts martèlent le clavier la sculpture est brute et pourtant sans âme

Schlaflos 73

Insomnie 73

trunken von Worten ertrage ich das Glas nicht leer ich schenke mir ein auf ein neues ganz leer getrunken und noch eins ein letztes für dieses Blatt ich warte noch immer auf die Angst

ivre de mots je ne supporte le verre vide je m’en sers une coupe nouvelle bien vide bue et une autre une dernière pour cette feuille j’attends toujours l’effrayant

meine Damen und Herren wir schliessen

m’sieurs, dames on ferme

denn alle Trinker wissen genau es gibt keine letzten Seiten

car tous les buveurs le savent il n’y a pas de pages dernières

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Isabelle Sbrissa

Dort drüben Und da ist wieder diese Geste, ihr Zauber: mich in deine Schritte schmiegen (denn ich kann nicht weiss noch nicht wie allein): Du gehst Hände Arme Rücken dich an der Lagerhalle reiben meine ausgestreckten Hände balancieren laufen in deinen Schritten bereiten sich darauf vor schöpfen zu wollen ja von hier aus zu den Dingen dort drüben gehen nach Belieben fortfliegen all den Rost abtragen der meinen Nacken aufreibt ja nackt Stöcke ins Feuer Einsturz des Tauwerks dir zuhören von mir selbst reingewaschen dir folgen unter einem Regen von Geknirsche bis zu diesem Halbschatten der dort drüben rauscht aus einem anhaltenden Zwitschern aus einem Schwall von Worten jetzt so laut ich gehe dorthin umschwärmt von Vögeln ja ausgestattet mit dem Schaffen deiner Hände werde ich jetzt gehen die Hehlerware anzünden für lange Zeit ich komme um zu sehen und zu hören was dort gegeben wird.

Ans Ende

Au bout

Ich ist gekommen ans Ende des Deichs um dich zu nehmen dir zu nehmen deinen Rhythmus dich dir zu stehlen das Gebet dich dir zu nehmen die Worte wiederzufinden den Zugang zu den anderen den diese Sprache eingedeicht hat ich ist gekommen bis an dieses Ende wo das Denken treibt an der Oberfläche der Musik ich ist aufgegangen im Ausmass deiner Worte Fluss dort werden wo die Wasser der Deich zum Weiten hin reichen das Ende sich löst abtreibt das Licht löscht das Feuer fängt nicht deinen Rhythmus wo du gehst geht ich nicht.

Je est venu au bout de la jetée pour te prendre ton rythme pour te voler la prière pour te prendre les mots retrouver le lien aux autres que sa langue a jeté je est venu jusqu’à ce bout où la pensée flotte à la surface de la musique je est venu fondre dans l’amplitude de ta parole flux devenir là où les eaux la jetée lèvent vers le large le bout se détache dérive le phare éteint le feu ne prend pas ton rythme tu suis là où je ne suit pas.

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Keine Sestine

Quintine de dix

Die Saftfunktion – vielleicht ein Schwitzen – schnellt gen Zustand nichts zu riechen; im Rückzug der Fronten will sie nach unten flüchten, Moos und Zitrus und alles vergessen, nach oben ins Blattwerk, ohne sich zu bewegen.

La fonction-sève – peut-être un suer – est hâte en état de ne rien humer ; en retrait des fronts elle veut en bas fuir mousses et citrus et tout oublier pour monter vers le feuillu sans bouger.

Schnell konfrontiert, um nichts zu bewegen, Moos nach oben gänzlich am Schwitzen, – vielleicht im Zustand um zu vergessen – will sie nach unten am Blattwerk riechen, ohne Zug-Funktion, Zitrus, Frucht und gen Flüchten.

Hâte affrontée pour ne rien bouger, mousses remontées tout en suer, – peut-être étant en état d’oublier – elle veut l’en bas de feuillu humer, sans fonction-trait, citrus, fève et vers fuir.

Bemooste Unten-Funktion, sie kann nicht flüchten durchs Blattwerk in Zustände und dabei sich bewegen; ihre Frucht ohne Wille, Zitrus zu riechen, an der Front, sie nach oben, kommt schnell ins Schwitzen, um nichts zu sein – ist am Zug zu vergessen –

Mousse la fonction-bas et ne peut fuir dans feuillu vers d’états tout en bouger ; sa fève sans vouloir citrus humer au front elle monte en hâte à suer pour n’être rien – être trait d’oublier –

um frontal zu sein, ohne Funktion, zu vergessen das unten Sein, Zustand des Obens, Flüchten; Bezug zu den Früchten, der Wille zu schwitzen, Ganz moosige Zitrus vom und gen Bewegen, ins Blattwerk geschnellt, kann sie riechen

pour être front sans fonction oublier d’être bas états de montée fuir traitement des fèves vouloir suer citrus tout moussant de vers au bouger hâté dans le feuillu peut-elle humer

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das Sein ohne gen Wollen? Kann sie riechen das Oben in der Seins-Funktion, vergessen so schnellen Blatt-Zustand bewegen die Frucht-Fronten vermoosen die Züge, flüchten vor der Zitrus da unten und und schwitzen

l’être sans vouloir-vers ? Peut-elle humer la montée en fonction-être oublier tout hâter l’état de feuille bouger les fronts de fève émousser les traits fuir du citron dans le bas et et suer

schwitzen ohne sich zu bewegen riechen vergessen im Zustand zu sein zu flüchten?

suer sans bouger humer oublier d’être en état fuir ?

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Marius Daniel Popescu

Vierhändig ausgemalt für Oana Emma Popescu Ihr beide sitzt in einem Schlauchboot, seit mehreren Stunden seid ihr auf dem See zum Angeln, die gemeinsam verbrachte Zeit misst die heranreifenden Worte, es ist nicht sehr windig, und ihr sucht nach der Plötze und dem Egli, sie lehrt dich die Blüte der Schritte am Ende eurer Angelleinen, ausgeworfen auf etwa fünfzehn Meter du verdankst ihr das Licht, das sie verstreicht von der Wasserkante aus. Deine Tochter hat mehrere Fische gefangen, sie weiss Kompass treu dem Gestirn und den Göttern, wie man einen Regenwurm auf den Angelhaken steckt, sie hat gelernt zeigt dir die Symbole ihres eigenen Briefs geduldig den auf dem Wasser treibenden roten Schwimmer zu beobachten und in dem Augenblick an ihrer Angelrute zu ziehen, wenn sie atmet und da ist diese Wucht er sich seitwärts bewegt oder abtaucht, wenn er dich mit den Lidern in Bann schlägt aus dem Blick verschwindet und von der Beute in die Tiefe gezogen wird. Du siehst sie an sie versieht dich mit einem Henkel und du spürst, dass sie glücklich ist, sie trägt einen Badeanzug und sitzt sie schafft in dir mit dir und für dich auf dem Holzbrett; zu

euren Füssen die Frage des Raums hat keine Bedeutung die Plastikbüchse mit der Ersatzangelschnur, die Flasche ihre Hand hat die Wange des Morgens berührt Wasser und das Glas mit den Ködern. Das Boot liegt ruhig, du hast als Anker sie gibt dir den Spiegel und ihr Passwort einen grossen Stein genommen und ihn an einer Wäscheleine befestigt du berauschst dich, wenn sie spricht, die nun stramm gespannt ist unter seinem Gewicht. Ihr Reisen jenseits der Eindrücke sprecht nur wenig, eure Gesten winden sich zwischen sie ist von einem gemalten, bewegten Leben den Sonnenstrahlen, sie suchen Zuflucht in euren Gedanken sie zeichnet dich auf die Schatten und in eurem Lächeln, um der Hitze zu entkommen. Du siehst, wie sie reagiert, wieder hat sie einen Fisch du gibst Acht auf ihren Kreis der Träume gefangen, sie holt ihn zum Boot heran, du lehnst dich vor, greifst sie zeigt mit dem Finger auf den Flug der Wolken nach der Schnur ihrer Angel, du holst den Fisch aus dem Wasser, die Parade der Reiskörner lässt ihn zwischen deine Beine fallen, nimmst ihn in die linke Hand, du presst ihn zwischen

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den Fingern zusammen und ziehst ihm mit der anderen Hand den Angelhaken aus dem Maul. Deine Tochter sagt: «Papa, wir haben unsere Fische verloren», sie bringt dir Brot und Weintrauben du siehst hinter dich und stellst fest, dass das braune Seil verschwunden ist, an dem der Drahtkorb im Wasser befestigt war, ihr hattet bestimmt drei Kilo Weissfisch gefangen, das nächste Ufer schlummert du denkst: «Es ist meine Schuld, ich habe den Knoten nicht richtig festgemacht.» Du überlegst, dass an dieser Stelle das Wasser nicht sehr tief ist, «fünf oder sechs Meter maximal», denkst du, du siehst deine Tochter an und sagst: «ich werde nach dem Korb

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tauchen», du stehst auf, sie bringt für dich ihre Wimpern zum Klingen, du steigst über das Boot hinweg, gleitest ins Wasser, hörst sie sagen: «sei vorsichtig!», du atmest tief ein, hältst die Luft in deinen Lungen und tauchst Richtung Grund. Du lässt die Augen geöffnet und arbeitest dich immer weiter in die Tiefe, zählst dabei deine Schwimmstösse, nach sieben oder acht Sekunden siehst du die Fische in ihrem Korb schimmern, sie folgt dir von der Höhe ihres Herzens aus du nimmst ihn in eine Hand, drehst dich um und schwimmst zurück an die Oberfläche; als du den Kopf aus dem Wasser streckst, siehst du deine Tochter an und hörst sie sagen: «Super gemacht, Papa!»


Sylviane Dupuis

Gedichte

Poèmes

für Catherine Bolle

pour Catherine Bolle

Worte, Spuren

Mots, traces

das Gedicht: Skelett des Unhörbaren

le poème : ossature de l’inaudible

Worte im freien Feld der Seite:     zerpflückte            Landschaft leichte Spuren, Stickerei aus Zeichen, Relikten, in der ahnungslos sich die Erinnerung verfängt

ses mots, sur le champ libre de la page :     paysage            émietté, traces légères, broderie de signes ou reliques où se prend à son insu la mémoire

Abfolge

Suite

Asche der Schönheit – ihre Spuren an den Fingerspitzen Staub unverwischbar º unermüdlich werde ich den Russ der Schmerzen abtragen bis aufs Letzte º durch das imaginäre Fenster hindurch und unter dem Blau das Unsagbare buchstabieren º

cendre de la beauté – sa trace de poudre sur les doigts indélébile º j’effacerai la suie des douleurs à force de ferveur º traverser la vitre illusoire pour épeler, sous le bleu l’informulable º

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vom Undurchdringlichen zum Durchlässigen und vom Hellen ins Dunkle als würde man ein Gesicht der Welt mit dem anderen vernähen º sie tanzen, die stummen Worte der Toten – unsichtbare Syntax, im durchscheinenden Spalt der Farben

de l’opaque à la transparence et du clair à l’obscur comme si l’on cousait une face du monde à l’autre º ils dansent, les mots muets des morts – invisible syntaxe, dans l’interstice diaphane des couleurs

Askese des Blitzes

Ascèse de l’éclair

Kein Beschreiben, kein Bedeuten, aber – schneidender Pfeil ohne Gewicht – das Sein (auf immer undurchdringlich) mit einem Leuchtstreif durchbohren:

Ni décrire, ni signifier, mais – flèche ardente sans poids – trouer l’être (son opacité à jamais) d’une fulgurance :

scharf widerstrebende Geste

geste qui immensément résiste

Geste entgegengesetzt vom Dunkel ins Offenere:

geste à l’envers du noir en direction du plus vaste :

abstrakt unbeirrbar zärtlich

abstrait imperturbable aimant

überbordend

proliférant

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Malerei

Peinture

ein Chaos aus Kieseln, daraus (Verwandlung!) eine Architektur aus Wolken

d’un chaos de cailloux, tirer (métamorphose !) une architecture de nuages

Vincent Yersin

Zweiter Elfter Zweitausendfünfzehn «Ich denke, diesmal brauchen wir eher irgendwas Reales, Authentisches, eine Geschichte, die wirklich passiert ist. So was spricht die Leute an. Das versteht jeder, damit kann man sich identifizieren, auf solche autobiographischen Stories lässt man sich eher ein. Wenn wir einfach von dem erzählen, was wir tun.» Auf Arte läuft der legendäre Ufo-Film des jungen Spielberg. Da gibt es diesen gruseligen Jungen und etliche Momente, in denen eine aufgeregte Menge vom Strassenrand aus angstvoll in den Himmel starrt, eben die Szenen, wie sie aus dem Genre des apokalyptischen Unterhaltungskinos längst nicht mehr wegzudenken sind: egal ob Katastrophen, Pandemien, Nuklearunfälle, Aliens, Zombies. Der Film spielt in Indiana, aber wir nehmen jetzt das Auto: zum Essen in ein Lokal in Saint-Maurice, Steak vom Pferd oder Ochsenbäckchen – an die Beilage erinnere ich mich nicht –, der Tagesteller für rund zwanzig Franken. Die Gemeinde hat grosse Netze an die Felswand anbringen lassen, um die Gesteinsbrocken und die Selbstmörder auf-

zufangen, die vorher allzu häufig, immer im Wechsel, die Dächer dieses scheusslichen Kaffs kaputtschlugen, dessen Klima seit jeher und bis heute nur Militärs und Mönchen bekommt. Wir parkieren schräg zur Strasse. Als wir aus dem Wagen steigen, fällt unser Blick auf ein Plakat, das direkt vor dem Gymnasium an einem Tra­ fohäuschen klebt. Wir lesen beide zusammen laut vor: «FREIMAUEREREI / ROTARY – LIONS CLUB / KIWANIS – AMBASSADOR / ZAHLREICHE OPFER IN DER SCHWEIZ / DIE DEMOKRATIE BEDROHT VON FREIMAURERN IN POLTIK, VERWALTUNG UND MEDIEN / SEINE HEILIGKEIT FRANZISKUS ERKLÄRT DAZU: DEN FREIMAURERN BEIZUTRETEN IST EINE SCHWERE SÜNDE UND VERBIETET DIE HEILIGE KOMMUNION.» Darunter stehen eine Internetadresse und eine Handynummer. Einhelliges Kopfschütteln, mehrmals von links nach rechts und zurück. Dieses Saint-Maurice mit seinen Pfarrern, Militärs und paranoiden Spin-

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Zeichnung: Sandro Lodigiani

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