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orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 191, Mai 2017 ISBN 978-3-85830-214-4; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (verwendete Fotos: von der Storm-Gesellschaft in Husum und von A. Weiner) Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt orteinhaltsverzeichnis  3 Editorial

Theodor Storm … die Stimmen, die über der Tiefe sind   5 Storms Geschenk: Einführung

Viviane Egli

8 Die Natur ist ein Gedächtnis Gespräch mit Philipp Theisohn

Cyrill Stieger

12 Naturlyrik von Theodor Storm

36 Theodor Storm hat Geburtstag!

Ilma Rakusa Leta Semadeni Alain Claude Sulzer Clemens Umbricht Florian Vetsch

Christian Demandt

48 Wie ich zur Storm-Gesellschaft kam

50 Der unerträgliche Winter Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Gottfried Keller

Susanne Mathies

53 orte-festival: Wortbasteln in Basel

Susanne Mathies

55 orte-Bestenliste

Philipp Theisohn

59 hör-orte Peter K. Wehrli 61 orte-Bücherregal 65 orte-Galerie 77 orte-Agenda 79 orte-Longseller 80 orte-Marktplatz

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T r a u m b u c h. M ä r c h e n b u c h. P o p b u c h. S c h w a t z b u c h. S c h l u c h z b u c h. R o c k b u c h. E r o t i k b u c h. B a b y b u c h. Poesiebuch. Lachbuch.

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orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Eine Sonderausgabe zum 200. Geburtstag von Theodor Storm, dem Lyriker und Autor von Novellen und Prosatexten mit nord­deutscher Prägung. In dieser orteAusgabe werden Stimmen, Stimmungen und Strömungen aufkommen, die weit über sein wohl bekanntestes Werk Der Schimmelreiter hinausgehen. Wir laden Sie und weitere Gäste zu diesem Naturspaziergang durch Storms Texte ein. Zum einen lassen wir Gratulantinnen und Gratulanten durch neue eigene Interpretationen und den literarischen Weggefährten Gottfried Keller, mit einem Briefwechsel, zu Worte kommen. Weiterhin berichten heutige Forschende wie Philipp Theisohn, Präsident der Theodor-StormGesellschaft, darüber, wie sie das Werk des Autors lebendig halten. Zum anderen werden wir am 15. Juni 2017 das Jubiläum, gemeinsam mit der Theodor-Storm-Gesellschaft, der Gottfried Keller-Gesellschaft und der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur der Universität Zürich im Seebad Utoquai mit einer Vernissage zur Theodor-Storm-orteAusgabe feiern. Treffen Sie bei diesem geselligen Austausch Autorinnen und Autoren, Storm-Kennerinnen und -Kenner, die orte-Redaktion und seien Sie herzlich willkommen.

Unsere orte-Bestenliste ist einmal wieder bestens, unsere hör-orte sind unerhört gut und unsere Kleininserate im ortemarktplatz zum Schluss gar nicht kleinlich. In der orte-Galerie präsentiert der Verlag unveröffentlichte Lyrik aus den zahlreichen Einsendungen, und im orte-bücherregal stellt die orte-Redaktion neue Bücher vor. Wir haben die Rubriken gepackt, wie einen Koffer, der zu Ihnen auf die Reise geht. Vielleicht nehmen Sie ihn im kommenden Sommer mit auf eine Ihrer Reisen. Für das Storm-Heft reisten Viviane Egli, Cyrill Stieger und Susanne Mathies nach Usum ans Meer, ins Poetenstübchen an der Wasserreihe 31. Die Magie dieser Orte, die Eindrücke von Reisen, Zeit, Raum und allem Ungewissen in der Natur lassen die Tiefe und das Geheimnis der Lyrik von Theodor Storm aufleben. Finden Sie in den Texten Musse und Freude für neue Ideen. Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Sommer und wie immer herrliches Lesevergnügen. Auf  Wiedersehen in Zürich und Schwellbrunn. Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin

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‌ die Stimmen, die ßber der Tiefe sind

Theodor Storm


Storms Geschenk Am Fenster lehn ich, müd, verwacht. Da ruft es weithin durch die Nacht. Im Poetenstübchen an der Wasserreihe 31 in der kleinen nordfriesischen Stadt Husum ist es mitnichten Nacht. Es ist helllichter Tag, das einzigartige kleine Museum lädt den Gast in Theodor Storms Welt ein. Licht fällt durch die Fensterscheibe. Man lehnt sich ans Fenster, man blickt in den Garten, auf eine von einer Hecke eingehegte Bank. Und die weiten Gedanken kommen einem im persönlich geprägten Stübchen im Obergeschoss. Der kürzlich erfolgte Gedankenaustausch mit den Theodor-Storm-Spezialisten, so mit dem Präsidenten der Gesellschaft, Philipp Theisohn, geht einem durch den Sinn, dessen spontane Bekräftigung, Naturlyrik sei ein wunderbarer Fokus für eine orte-Ausgabe über Theodor Storm. Das Poetenstübchen zeugt von Ernsthaftigkeit, fast ebenbürtig der juristischen Beamtenstube im Erdgeschoss, die ordentlich gereihten Bücher, die überlegt gehängten Wandbilder und Stiche passen zu des Dichters geordneten Gedanken – und doch, in diesem kleinen trauten Zimmer ist gedankliche Weite zu Hause. Storms Naturlyrik beschreibt, folgert, spricht, hat die Grösse, allem Ungewissen seinen Raum zu geben, ohne zu verromantisieren.


… Es kommt nämlich darauf an, das Geräusch des Windes von dem des Meeres zu trennen … Dies schrieb Theodor Storm 1855 in einem seiner Briefe an Eduard Mörike. In diesen schlichten Worten finden sich die feinsinnige Wahrnehmung, der Wille zur sprachlichen Gewissenhaftigkeit und die lyrische Kunst gebündelt wieder. Welches Geschenk, welches Faszinosum, an Storms Naturlyrik teilnehmen zu dürfen. Storms Schreibsekretär – diese Worte an Mörike schrieb er allerdings elf Jahre vor seinem Einzug in dieses Haus – steht unangetastet im Poetenstübchen, der Museumsbesucher lässt respektvoll seinen Blick darüber schweifen. Die letztjährige Theodor-StormTagung in Husum war den Musikfiguren Storms gewidmet. Und damit auch Storms Themen des Unfassbaren, den Nachtmahren, den Stimmen über den Tiefen, den Klängen der Natur. Theodor Storm war von hier, der kleinen grauen Stadt am Meer. Aber wie wenig war er ein Heimatdichter, wie sehr war und ist er ein Reisender durch die Zeiten und die Weiten. In helvetischen Landen, da wurde und wird er bewundert, der Gewaltige der deutschen Sprache. Wie hat ihn damals wohl Gottfried Keller in Zürich wahrgenommen? Welchen Wert hatte für Storm der Gedankenaustausch mit dem Schriftsteller im fernen Zürich? Ein Auszug aus dem Briefwechsel zwischen Storm und Keller in dieser orte-Ausgabe gibt Einblick in diese Fragen. Wenden wir uns Theodor Storm im Heute zu. Nehmen wir teil an seiner unvergleichlichen Naturlyrik. Und lassen wir uns beschenken. Dies ist das Ziel dieser orte-Ausgabe zum 200. Geburtstag des grossen Dichters. Zwei Vertreterinnen und drei Vertreter der Schweizer Gegenwartsliteratur haben für orte ihren Geburtstagsgruss an Theodor Storm geschrieben, sind den Bildern und Klängen der bergigen Natur hier und der ganz anderen im weiten Watt gefolgt. Jede und jeder auf seine ganz eigene Weise. Alain Claude Sulzer scherte aus mit seinem Gratulationsschreiben, wir reisen in seinem Text an den Ärmelkanal ins Jahr 1916, lesen von den ineinandergreifenden Elementen der Fluten, des Todes, der Musik. Der Bogen schliesst sich. Zeiten, Gesellschaften spielen zusammen. Wasser, Wolken und Winde ziehen ihre weiten Bahnen.

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Poetenstübchen.

Foto: Storm-Gesellschaft, Husum

Das Licht vor dem Fenster ist mittlerweile weniger hell. Ins Stübchen zieht die Dämmerung ein. Das Haus an der Wasserreihe will bald seine Türen für diesen Tag schliessen und wird den Besucher in den Abend entlassen. In die Gassen von Husum, an den Meeresstrand. Man wähle seine Lieblingszeilen von Storm aus, lerne sie auswendig und nehme sie mit in das Ende des Tages, in die Dämmerung, in den Abend. Es ruft weithin durch die Nacht. Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind. Viviane Egli Wir danken der Theodor-Storm-Gesellschaft (http://www.storm-gesellschaft.de), namentlich ihrem Präsidenten, Philipp Theisohn, und ihrem Geschäftsführer, Christian Demandt, für die tatkräftige Unterstützung und die schöne Zusammenarbeit. Ebenso danken wir der Gottfried-Keller-Gesellschaft (www.gottfriedkeller-gesellschaft.ch/) und der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur (http://www.ds.uzh.ch/gfdsl/) für die Zusammenarbeit. Cyrill Stieger, Susanne Mathies und Viviane Egli im Namen der orte-Redaktion und des orte-Verlags

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Die Natur ist ein Gedächtnis Gespräch mit Philipp Theisohn

Cyrill Stieger: Was fasziniert dich besonders an der Naturlyrik bei Storm? Philipp Theisohn: Mich fasziniert, dass die Natur in Storms Lyrik diese vielschichtige Funktionalität besitzt. So kann sie etwa ein Speicher sein für Erinnerungen, die jenseits des Ichs liegen. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht Über die Heide. Die Natur ist ein kollektives Gedächtnis: Wenn ich den gleichen Weg nochmals beschreite, geht die Vergangenheit mit mir, das heisst aber auch, dass die Toten mit mir sind. In der Natur gewahrt man somit einen Schwellenzustand, eine seltsame Gemeinschaft von Lebenden und Toten. Das sieht man bei Storm übrigens nicht nur in der Lyrik, sondern ebenso in der Belletristik. Auch über die Tiere muss man in diesem Zusammenhang sprechen. Auch sie sind nicht nur Metaphern, sondern es stellt sich auch immer die Frage, was sie bewahren. Das Besondere bei den Tieren liegt darin, dass sie das, was wir in Sprache gies­sen und sagbar machen, mit sich führen, ohne sprechen zu können. Nehmen wir – prominent – den «harten Schrei» der Wandergans aus dem Gedicht Die Stadt: Ist das eine Sprache, spricht jemand mit uns, ist das vielleicht auch der Naturton, der in Storms Lyrik eine grosse Rolle spielt? Über die Naturlyrik führt Storm im Weiteren eine Auseinandersetzung mit der li-

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terarischen Tradition, etwa mit der Romantik. Die Romantiker verhandeln in der lyrisierten Natur primär die Einheit von Ich und Welt, die in der sprachlichen Reflexion immer wieder zerfallen muss. Bei Storm ist das anders. Er versucht, diese Einheit in der Assimilation an die Natur zu ersprechen, das Schlüsselwort lautet dabei «Stimmung», und das heisst wiederum, dass wir in der Lyrik Teil einer unübersetzbaren Kommunikation werden. Im Gedicht Meeresstrand heisst es: «Vernehmlich werden die Stimmen, die über der Tiefe sind.» Das bedeutet: Ich nehme wahr, es wird kommuniziert über der Tiefe. Das heisst allerdings nicht, dass ich verstehe, was die Stimmen sagen, sondern nur, dass ich sie vernehme. Dieser Raum zwischen der Wahrnehmung, dass Natur eine Sprache hat, und dem Problem, dass ich diese Sprache nicht «verstehen» kann, sondern dass ich in sie eintreten muss, und zwar vorbegrifflich, nämlich über die Stimmung, den Takt, den Rhythmus und den Klang, das ist das Geheimnis von Storms Naturlyrik. Du hast die Romantik erwähnt. Wie bahnbrechend war Storms Lyrik zu seinen Lebzeiten? Was war das Besondere? Wie neu war sie? Es ist eine individuelle, eine besondere


Foto: Frank Wagner, Adobe Stock

Lyrik, von der Bildwelt und vom Selbstverständnis her. Der grosse Vergleichspunkt im 19. Jahrhundert ist Gottfried Keller. Er hat ziemlich genau die gleiche Streuung an lyrischen Formen. Dazu gehört auch die politische Lyrik, die es bei Storm ja ebenfalls gibt. In der Naturlyrik ist Storm jedoch stärker und fokussierter als Keller, bei dem die Ich-Problematik eine wichtigere Rolle spielt. Gemeinsam ist beiden Dichtern auch, dass sie die Lyrik als Zentrum ihres Werkes betrachten. Beide sagen von sich, sie seien Lyriker. Erst über die Lyrik erschliesst sich bei beiden das Werk. Beide haben mit Lyrik angefangen, beide halten Lyrik für das Wichtigste, und beide leiden massiv dar-

unter, dass die Zeitgenossen das nicht erkannt haben. Die Rezeption von Storms Lyrik nimmt erst nach 1900 so richtig Fahrt auf, insbesondere über die musikalische Adaption, also die Vertonung. Noch vor dem Ersten Weltkrieg werden Storms Gedichte etwa siebzig Mal vertont, auch der junge Adorno hat im Alter von fünfzehn Jahren zwei Storm-Gedichte vertont. Zu Lebzeiten Storms kannte man hingegen vor allem seine Novellen, insbesondere Immensee. Das bedeutet wohl auch, dass Storms Rezeptionsgeschichte problematisch war. Ja, sie war bis zur Mitte der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts problematisch, mit

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wenigen Ausnahmen. Die völkisch-reaktionäre Rezeption hat das Storm-Bild im Wesentlichen mitgeschrieben und verfälscht. Man hat Storm als «Heimatdichter» etikettiert und die Qualität seiner Lyrik darin gesehen, dass er die Verbundenheit zur «Scholle» in Verse giesse. Eine solche Betrachtungsweise zeigt sich schon in den ersten Biografien am Ende des 19. Jahrhunderts, dann auch im Ersten Weltkrieg, in den Storms 100. Geburtstag fiel. Die nationalsozialistische Germanistik konnte auf dieses Autorenbild natürlich problemlos aufbauen, merkte jedoch bald, dass Storm eben gerade kein völkischer Dichter war und sein Werk ihrem ideologischen Raster gar nicht entsprach. «Heimatdichtung» ist der Begriff, der Storm zu dem gemacht hat, was er nicht war. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man den Begriff «Heimatdichtung» durch den Begriff «Naturlyrik» ersetzt. Heimatdichtung bedeutet, dass das Ich einen Anker hat, dass es irgendwo ankommt und dass es Wurzeln schlägt. Das ist eine essentialistische Vorstellung von Literatur. Im Unterschied dazu hat die Naturlyrik etwas Analytisches. Es geht nämlich um die Frage des Verhältnisses der Sprache zur Welt und darum, wie dieses dargestellt wird. Wie soll sich heute ein Leser, der Storm nicht gut kennt, seiner Naturlyrik annähern? Warum soll man heute überhaupt Storm lesen? Man kann sich natürlich generell die

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Frage stellen, warum man Gedichte lesen soll. Abgesehen davon, dass man im Falle von Literatur nicht sagen kann, welchem unmittelbaren Zweck sie dient und welchen unmittelbaren Nutzen sie hat, so ist es bei Storm doch so, dass seine Naturlyrik uns darüber nachsinnen lässt, welchen Platz wir in der Welt haben, inwiefern unsere Sprache in der Lage ist, die Welt abzubilden, in der wir leben, inwieweit diese Welt durch unsere Sprache strukturiert ist, und was sich unserer Sprache entzieht. Gerade das Entzogen-Sein ist ein wichtiger Punkt, konkret etwa: die Eigenzeitlichkeit und Zweckfreiheit der Natur und dessen, was sich Leben nennt – das alles kann man in der Lyrik Storms finden. Wenn ich sage Eigenzeitlichkeit und Zweckfreiheit, dann meine ich auch den Rhythmus, der etwa im Falle der Gezeiten ein völlig anderer ist als der Rhythmus unseres Lebens. Es ist die Zeit der Natur, in der etwas geschieht, dessen Zweck wir nur hineinlesen können. Wenn es im Gedicht Meeresstrand heisst «Einsames Vogelrufen – so war es immer schon», dann bedeutet das auch, dass es so war, bevor jemand hinzu kam und das sagen konnte. Es gibt Vogelrufe, es gibt Stimmen, die waren schon vor uns da, aber sie gehorchen einer andern Logik. Die Naturlyrik Storms bewegt sich immer auf dieser Schwelle. Man muss im Übrigen die Gedichte auswendig lernen und sie laut sprechen. Erst dann merkt man, worum es geht. Dann ist


Foto: A. Weiner

es so, dass man sich auf dieser Schwelle befindet, dass man merkt, ich kann das Gesagte nicht in Begriffe fassen. In dem Moment aber, in dem ich es im Gedicht habe, ist es in mir. Das ist das, was Storm für sich reklamiert. Die frühere Lyrikforschung hat im Falle von Storm von Erlebnisdichtung gesprochen wie bei Goethe. Das heisst: Es gibt ein Erlebnis, das man einfängt. Wir halten einen bestimmten Zeitpunkt fest, und das Erlebte wird durch das Ich strukturiert. Doch bei Storm geht es nicht um das Erlebnis, sondern um den Eintritt in eine Zeit, die nicht unsere Zeit ist, die eine ganz andere Zeitrechnung hat, die mit der Natur verbunden ist. Es ist die Zeit der Tiere, es

sind die Gezeiten, die Vegetation – das alles sind viel länger andauernde, aber kommunikative Prozesse. Lyrik hat die Aufgabe, diese Prozesse, zu denen wir nicht gehören, durch Sprache für uns wieder sichtbar und vernehmlich zu machen, ja vernehmlich, das ist das richtige Wort. Philipp Theisohn ist SNF-Förderprofessor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und Präsident der Theodor-Storm-­ Gesellschaft (vgl. die ausführlichere Biographie in der Rubrik «Bestenliste», Seite 55).

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Naturlyrik von Theodor Storm

Märznacht Am Fenster lehn ich, müd, verwacht. Da ruft es weithin durch die Nacht. – Hoch oben hinter Wolkenflug Hinschwimmt ein Wandervögelzug. Sie fahren dahin mit hellem Schrei Hoch unter den Sternen in Lüften frei. Sie sehn von fern den Frühling blühn, Wild rauschen sie über die Lande hin. O Herz, was ist’s denn, das dich hält? Flieg mit hoch über der schönen Welt! Dem wilden Schwarm gesell dich zu; Vielleicht siehst auch den Frühling du! Dann gib noch einmal aus Herzensdrang Einen Laut, ein Lied, wie es einstens klang! (1869)

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Theodor Storm, 1873 Fotograf R. Strรถm, Husum. Storm-Gesellschaft, Husum

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Ostern Es war daheim auf unserm Meeresdeich; Ich liess den Blick am Horizonte gleiten, Zu mir herüber scholl verheissungsreich Mit vollem Klang das Osterglockenläuten. Wie brennend Silber funkelte das Meer, Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel, Die Möwen schossen blendend hin und her, Eintauchend in die Flut die weissen Flügel. Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand War sammetgrün die Wiese aufgegangen; Der Frühling zog prophetisch über Land, Die Lerchen jauchzten und die Knospen sprangen. – Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft, Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen, Und alles treibt, und alles webt und schafft, Des Lebens vollste Pulse hör ich klopfen.

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Der Flut entsteigt der frische Meeresduft; Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle; Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle. O wehe fort, bis jede Knospe bricht, Dass endlich uns ein ganzer Sommer werde; Entfalte dich. Du gottgebornes Licht, Und wanke nicht, du feste Heimaterde! – Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln, Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht, Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln. Und jauchzend liess ich an der festen Wehr Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben; Denn machtlos, zischend schoss zurück das Meer – Das Land ist unser, unser soll es bleiben! (1846–1848)

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Jasmin und Flieder blühen Jasmin und Flieder blühen, Es ist die schönste Zeit – Ich aber fühle schlimmer Als je die Einsamkeit. (1846)

Die Nachtigall Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süssen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Kind; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut Und weiss nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süssen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. (1855)

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Husumer Grossstrasse mit Blick auf die Marienkirche, Beschriftung: «Marktplatz in Husum zur Zeit von Th. Storm», «G. Lüpke».

Storm-Gesellschaft, Husum

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