orte Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 190, März 2016 ISBN 978-3-85830-213-7; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung einer Zeichnung von Heinz Egger) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 3 Editorial orte inhaltsverzeichnis
Klaus Merz – Die Witterung der Worte 5 Einführung
Monique Obertin
8 Auf die Welt gekommen. Fünf Versuche
12 Daheim und daneben: Mein Aarau
16 Salz ist im Meer – Martin Merz
20 15 Liebesgedichte und -geschichten aus 5 Jahrzehnten 26 Unaufhörlich diese Untermieter Begegnung mit Heinz Egger
Erwin Messmer
32 Noname-Ritter. Zu einem Bild von Henri de Toulouse-Lautrec 34 LOS
40 Gespräch mit Klaus Merz
45 Laudatio zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises
Regina Füchslin Peter Hamm
52 Bibliographie
55 orte-festival: Nachlese
Susanne Mathies
57 orte-Bestenliste
Lucas Marco Gisi
61 hör-orte Peter K. Wehrli 63 orte-Bücherregal 67 orte-Galerie 76 orte-Agenda 79 orte-Nachruf 82 orte-Longseller 83 orte-Marktplatz
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Klaus Merz (1. März) Weltatlas – ein verlorener Gedanke (7. März) Claudia Storz (14. März) Kommen Sie uns im Aargauer Literaturhaus besuchen! 1.3.: Klaus Merz liest aus HELIOS TRANSPORT. Musik: Ben Jeger 7.3.: WELTATLAS: Lesung mit Video und Sounds von Sybille Ciarloni 14.3.: SPERRIGES LEBEN: Buchvernissage von Claudia Storz
Details und Reservation: www.aargauer-literaturhaus.ch > Programm
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orteeditorial
Liebe Leserinnen und Leser Die vorliegende Nummer erscheint zum 1. März. Die Tage und Landschaften werden wieder heller. Ganz hell könnte es an manchen Stellen dieses Hefts werden, denn: «Vom helleren Licht / hinter den Scheinen / erzählt das Gedicht» heisst es bei Klaus Merz, dem orte 190 gewidmet ist, unter dem Titel Wechselkurs. Und wenn auch zur Zeit gerade nicht Jagdsaison ist, haben wir uns für unseren Titel doch am Gedicht Weidwerk angelehnt, das lautet: «Die Witterung eines Wortes, / eines Satzes aufnehmen, / die wirklich gesagt / sein möchten. / Das hat mit Jagd / zu tun, mit Sehnsucht. / Und es kann lange / dauern.» Vielleicht, dass Sie, angeregt durch die draussen zusammen mit dem Licht zunehmenden Düfte, beim Lesen im Heft ab und zu den Geruch eines Wortes in die Nase bekommen? Was Klaus Merz mit seiner ausdauernden Aufmerksamkeit in vielen Jahren an scheuem Wortwild aufgespürt hat, davon berichtet die vorliegende Nummer. Mit der Witterung kennen sich auch Leo Tuors Hirten und Jäger aus. Die zwischen 1994 und 2016 entstandenen Hörbuchfassungen dreier seiner Romane, unter dem Titel Der Geist und das Tal, jetzt zusammen veröffentlicht, sind Thema der Rub-
rik hör-orte. Und wenn wir schon bei der Jagd sind: In orte-festival können Sie nachlesen, wie es anlässlich des Lyrikfestivals in Lenzburg beim Fang frischer Neonfische zu- und herging. Und last but not least gilt es mit Hansjörg Schertenleib bereits wieder ein neues Redaktionsmitglied zu begrüssen. Wir freuen uns, dass er, der zwischen 1980 und 1984 schon einmal Mitglied der orte-Redaktion war, mit seiner Erfahrung, seinen Kontakten und seiner Diskutierfreude wieder in den «Literaturdienst» zurückkehrt. Mit herzlichen Grüssen Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt
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Klaus Merz Die Witterung der Worte
Illustration: Heinz Egger
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Die Nachbarlichkeit unter den Geschöpfen und Dingen Am letzten niederschlaglosen Herbsttag reisten Regina, Erwin und Monique zu Klaus Merz ins aargauische Unterkulm, wo sie der Autor freudig empfing (dem Sohn und dessen Frau war in der Nacht zuvor eine Tochter geboren worden!). Man kam schnell ins Gespräch mit Klaus Merz und redete über die Anfänge seines Schreibens, seine Poetologie, die Geschichte seiner Verlagszugehörigkeit, den «Literaturzirkus» und vieles mehr, bis es vor den grossen Fenstern mit der Aussicht auf die Berge dunkel wurde. Tatsächlich war unser Gastgeber sehr gut auf unseren Besuch vorbereitet und wartete mit vielen zündenden Ideen auf. Die Offenheit von Klaus Merz, seine Grosszügigkeit und Bereitwilligkeit, zum Gelingen dieses Hefts beizutragen, liess uns die Zeit vergessen und die gegen Abend heimkehrende Selma Merz fragte verwundert: «Wollt Ihr nicht Licht machen?» Charakteristisch für die Texte von Klaus Merz – Gedichte und Prosa – ist ihre Verdichtung. Sie werden «eingekocht», wie Merz es nennt, bis zur Essenz. Sie müssen zu einem Bild werden, das über sich selbst hinaus auf neue, unerwartete Räume hinter den Dingen verweist. Und stets ist da bei Klaus Merz ein grosses Staunen über diese Räume, in denen alles mit Allem verwoben ist und zusammenhängt. Dieses Spiel von Enge und Weite, auch sein Aufwachsen als «einzig Gesunder» in einer Familie, «wo das Krank-
sein Vorrang hatte», sind der Erfahrungsraum von Klaus Merz und sein Massstab. Um beim Bild des Einkochens zu bleiben, sei auch zur Themenwahl bei Klaus Merz ein Vergleich aus der Küche angeführt: Wie die beste Marmelade nur mit reifen Früchten gelingt, lässt Merz seinem Stoff Zeit und verwendet nur «reife» Themen. Zur Erläuterung nennt er sein Buch Jakob schläft. Den Roman (entlang seiner Ursprungsfamilie) habe er erst als Fünfzigjähriger geschrieben, in jungen Jahren wäre es ihm wohl nicht gelungen, das Schwierige leicht zu machen, da wäre mehr Klage und weniger Literatur daraus geworden. Schliesslich bestehe Literatur nicht aus Schicksal, sondern aus Sprache, sagt er. Auch die Erzählung LOS basiert auf einer tatsächlichen Begebenheit und war erst Jahre später reif für die literarische Umsetzung. Die Themen müssten «nach ihm greifen», «ihn in die Pflicht nehmen» und nicht anders rum. Eigens für dieses Heft erstellte der Autor eine stark reduzierte Fassung von LOS. Klaus Merz hat sich immer auch mit der bildenden Kunst auseinandergesetzt. Sie fliesst ein in seine Betrachtungen, bewegt ihn und bildet zusammen mit den Texten ein Ganzes. Aus dem umfangreichen Material, das er uns zur Verfügung gestellt hat, haben wir für Sie als Beispiele für dieses Zusammengehen von bildender und literarischer Kunst eine Bildbeschreibung zu Henri de ToulouseLautrecs Gemälde Deux Chevaliers en armure und ein Gespräch mit dem Maler Heinz Egger, dem langjährigen Weggefährten und Freund des Schriftstellers, ausgewählt.
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Klaus Merz begann im Alter von etwa 16 Jahren gegen die eigene Fremdheit in der Welt anzuschreiben und wurde von Erika Burkart früh zur Veröffentlichung seines ersten Gedichtbands ermutigt. Unser Heft folgt dem Werdegang des Trägers mehrerer wichtiger Literaturpreise mit einer Auswahl von Gedichten und Prosatexten aus verschiedenen Schaffensperioden. Nebst einem Interview mit dem Dichter finden Sie frühe Gedichte, Kurzprosa aus den mittleren, Texte aus den letzten zwanzig Jahren, den Prosatext Mein Aarau und einen Ausschnitt aus Jakob schläft, der dem ebenfalls schreibenden und hier mit zwei Gedichten vertretenen Bruder Martin Merz (1950-1983) gewidmet ist. Peter Hamms Laudatio auf Klaus Merz zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises 2016 rundet unsere Wanderung durch die «Merzluft», die Gedankenwelt von Klaus Merz, ab. Zum Schluss sei dem Haymon-Verlag in Innsbruck für die grosszügige Genehmigung der Abdruckrechte gedankt. Wir wünschen Ihnen schöne Lesestunden!
Monique Obertin
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Der folgende Text erschien als Zeitungsaufsatz zu Weihnachten 2000.
Auf die Welt gekommen Fünf Versuche
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Wohlbehalten ist die Besatzung der russischen Raumstation Mir im vergangenen Juni in einer von Fallschirmen gebremsten Sojus-Kapsel auf der Erde gelandet. Die beiden Kosmonauten setzten in der Steppe von Kasachstan auf, nachdem sie über zwei Monate im All verbracht hatten. Rettungsleute montierten die erschöpften Kosmonauten samt Sitzen aus ihrer Kapsel heraus und trugen sie zu einem bereitstehenden Hubschrauber. Das Pressebild von Alexander Nemenov liegt seit vergangenem Sommer auf meinem Tisch, hin und wieder ist es zwischen andere Papiere geraten, aber nie ganz verschwunden. In seinem weissen Weltraumanzug mit blauen Streifen, die Schlauch- und Kabelanschlüsse sind gekappt, sitzt der zurückgekehrte Astronaut da. Er ist noch nicht ganz von dieser Welt, ist müde, bleich und schaut neckisch aus seinem aufgeschraubten Plexiglashelm heraus nach seinem Kollegen, der schon aus dem Bild getragen worden ist. Auf einer Art von Stahlrohrstuhl wird er von zwei jungen Männern ohne Kopfbedeckung sorgfältig übers kurze Steppengras gehievt. Der eine der beiden Helfer trägt eine militärische Tarnjacke, der an-
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dere ein dunkles Overall mit farbenfrohem rundem Abzeichen am rechten Oberarm, das vermutlich mit seiner «Raumfahrtszugehörigkeit» zu tun hat. Hinter ihnen steht verdeckt ein weiterer Mann, von ihm sieht man nur sein kritisch dreinschauendes Gesicht, er trägt einen blauen UniformSchnitz auf dem Kopf und vermutlich die Verantwortung. Hinter dieser Gruppe kommt in hellblauem Baumwollgewand noch ein weiterer Mann übers Feld, er sieht so aus, wie man sich landläufig einen Psychiatriepfleger vorstellt, macht Pausbacken, stösst Luft aus dem Mund: «Es ist vollbracht!», sieht man ihn denken. Auf dem Kopf trägt er die gescheckte Gefechtsmütze, die besser zum Anzug des einen Trägers passen würde. Zwischen den fünf Menschen und dem tiefen, schnurgeraden Horizont dahinter steht am rechten Bildrand ein schwerer Hubschrauber mit müden Rotorblättern, auf der anderen Bildseite liegt die kleine Weltraumkapsel, ein geknacktes Kuckucksei, an dem sich noch ein Blaumann zu schaffen macht, er dreht uns den Rücken zu. Aber an diesem ganzen kasachstanischen Arrangement hat letztlich nichts so sehr meine Aufmerksamkeit erregt und mich berührt wie die Tatsache, dass unser Kos-
monaut von seinen Helfern, um ihn vor aller Unbill auf Erden zu schützen, in ein warmes, weiches Tierfell eingeschlagen worden ist. – Wie jener Neugeborene auf einer Ikone der Schule von Nowgorod, der ebenfalls vom Himmel herab auf die Welt gekommen ist. Vor 2000 Jahren.
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Die Augensäcke. Die Lungenzüge. Die Zigaretten hinterm Ohr der greisen Kindergesichter: Wir sind zu Besuch in Sarajevo, Weihnachten 1998 Er werde jetzt endlich nach Holland fahren zu seinem Onkel und bei ihm wohnen. Nur einmal im Monat kehre er wieder nach Sarajevo zurück, geschäftlich. Aber endlich hier raus aus dem Heim für kriminelle Kinder & Jugendliche, raus aus der verstörten Stadt, sagt der Halbwüchsige und legt dem kurzsichtigen Kleinen neben ihm den Arm um die Schulter, väterlich, während ihn ein anderer Knabe mit wachen, blauen Augen im bleichen Gesicht, von hinten ins Ohr kneift. – Ermin wird als Drogenkurier reisen. Er wird in Holland nicht auf die Welt kommen. Er ist schon da. Und wir stehen dabei.
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Nie durften wir die Elefanten führen, die Kamele blieben uns verwehrt, aber immerhin die Ponies oder der störrische Esel, sie gingen an unserer Hand. Und an der Hand fremder, dunkelhäutiger Männer tänzelten die Araberhengste dorfabwärts. Alle Tiere waren im Schwick aus den Güterwagen geladen. Über Nacht war im Nachbardorf eine Welt auf die Welt gekommen, in die wir einzogen mit Pauken und Trompeten: Das Zirkusorchester probte. Eigentlich hatte ich es ja von meinem ersten Zirkusbesuch an schon gewusst, dass es einmal so kommen würde, und dass ich dabei sein würde, wenn es soweit wäre. Wozu sonst geht man denn in den Zirkus und nicht in einen Zirkusfilm oder führt sich lediglich den Galaabend aus Montecarlo am Samstagabend per TV zu Gemüte, wenn nicht in der geheimen Hoffnung, dass das Entsetzliche endlich geschehe. Vor unseren Augen. Jetzt. Und das Orchester spielt tatsächlich weiter, wie es sich auch in solchen Fällen gehört. Es begleitet unser unsägliches Erschrecken – denn auf das Entsetzliche, auch wenn wir es während Jahrzehnten erwartet haben, sind wir nie wirklich vorbereitet. Die langsame Melodie der Musikanten deckt das leise Wimmern der aus dem Zelthimmel in die Manege herabgestürzten Trapezistin mit ihrem weichen Mantel zu. Die Künstlerin wird auf ein Brett geschoben und aus dem Sägemehl hinausgetragen. Unter den Zirkusbänken beginnt es schlagartig zu nachten. Der harte, schwere Aufschlag dieses eben
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Holzschnitt zu Klaus Merz von Ernst Weber aus dem Band Dichterwelten. Ein literarischer Bilderspiegel. Ernst Weber, geboren 1934, arbeitete als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Französisch. Künstlerisch Autodidakt, schafft er Aquarelle, Zeichnungen und Holzschnitte.
noch schwerelosen Frauenkörpers hat in Sekundenschnelle alles Leichte ausser Kraft gesetzt, grob, verletzend, tödlich. – Nein, so hatte ich es mir nie vorgestellt, darauf kann einfach niemand gefasst sein: Im Gegenteil, ich hatte, das wurde mir erst jetzt auf Anhieb klar, stets «nur» auf ein Wunder gehofft, ihm hätte ich beiwohnen wollen mit Haut und Haaren. Hätte mit eigenen Augen sehen mögen, wie das golden glitzernde, göttliche Wesen aus der dunkelblauen Zeltkuppel herabtaumelt Richtung Erde, um sich dann im letzten Augenblick und noch unmittelbar vor der Berührung mit dem staubigen Sägemehlteppich in schnellem Streifflug über die Sperrsitze und Balustraden, die roten, an-
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steigenden Stuhlreihen, über die offenen Mäuler, erschrockenen Augenpaare und die profane Schwerkraft unseres Planeten hinwegzuheben. Aus dem heissen Zelt hinaus. Dem gemeinen Tod ein Schnippchen schlagend. (Tags darauf stand dann in der Zeitung zu lesen: «Bei der Abendvorstellung des Circus Medrano stürzte die 25-jährige Trapezkünstlerin Diana aus rund vier Metern Höhe in die Tiefe und blieb in der Manege liegen. Sie hatte Glück im Unglück und erlitt bei ihrem Sturz keine schweren Verletzungen, wie die eingehenden Untersuchungen im Kantonsspital ergeben haben. Heute Abend kann Diana mit ihrem Partner Florin bereits wieder
aufs Trapez steigen und die Besucherinnen und Besucher mit ihren Darbietungen erfreuen.») 4
Zwei Knaben tragen einen verwundeten Engel vorbei. Er sitzt nach vorn gebeugt auf einer einfachen Holztrage im weissen Kleid, das leicht über den Boden schleift. Der Engel ist barfuss, hat blondes, langes Haar und einen verletzten Flügel, eine weisse Binde deckt ihm die Augen zu. Was ist diesem jungen himmlischen Wesen – mehr Frau als Mann, mehr fliegende Nymphe als Frau mit einem kleinen Blumensträusschen in der rechten Hand – nur zugestossen, unverletzbar, wie wir uns die Engel bis anhin doch vorgestellt haben? Wie ist dieser Engel überhaupt auf die Welt gekommen? Die beiden Buben in ihren bäurischen Kleidern wissen es auch nicht. Sie haben den Engel nur gefunden, auf dem Feld, haben ihren Augen zuerst nicht getraut und tragen ihn jetzt heim mit grossem Ernst im Gesicht. Sie wissen noch immer nicht recht, wie ihnen geschieht. Der Horizont zu ihrer Rechten erinnert ein wenig an Kasachstan, das wir schon kennen. Aber das Bild ist von Hugo Simberg gemalt worden, um die vorletzte Jahrhundertwende in Skandinavien. Mitte der achtziger Jahre ist es mir erstmals begegnet im Ateneum in Helsinki. Ich habe es nicht mehr vergessen seither, auch wenn ich die schweren Schuhe der Knaben grösser in Erinnerung behalten habe, als sie tatsächlich sind. Mir kam es vor, als stapften sie in den zu weiten Stiefeln ihrer Väter durchs abgeweidete,
braune Grasland – und als niste eine fremde, unbegreifliche Schuld im Nacken der beiden Kinder. In ihrer Mitte der traurige Engel. Ende der neunziger Jahre ist mir diese eigenartige Dreifaltigkeit unverhofft wieder begegnet auf einem Buchumschlag. Abschied vom 20. Jahrhundert. Ein Lesebuch heisst der Titel des Werkes: Noch immer tragen die beiden Kinder den gefallenen Engel weiter. Durch alle Strassen der Welt. 5
Der Mensch stürze die Mauern um, um sich seiner Freiheit zu vergewissern. Und liege dann wie eine geschleifte Festung da, die sich zu den Sternen hin öffne. «Jetzt aber beginnt die Angst vor dem Nichts.» Der das sagte und gegen sein Lebensende hin mit eher finsteren Augen auf die ihn umgebende Welt schaute, hiess Antoine de Saint-Exupéry, Schriftsteller und Pilot. Er wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden, hätte er nicht bereits 1944 von Korsika aus unbedingt zu einem Aufklärungsflug ins Rhonetal starten wollen, von dem er nie mehr zurückkehren sollte. «Ich habe genug von mir. Ich fühle mich in mir eingesperrt», hat der Dichter des Petit Prince noch kurz vor seinem letzten Flug an seine Cousine geschrieben. Und er fügte hinzu: «Es ist nun wirklich an der Zeit, auf die Welt zu kommen.» Aus: Werkausgabe, Band 4, Haymon Verlag, Innsbruck 2013, S. 136 –141.
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Der folgende Text erschien 1998 in der von Gunhild Kübler lancierten Serie «Daheim & Daneben» in der damaligen Weltwoche.
Daheim und daneben: Mein Aarau Mein Aarau ist nicht mein Aarau. Es gehört den Aarauern. Ich bin ein zugewandter Ort, genauer: Mein eigentlicher Ort erstreckt sich von Aarau (AG) bis Schwarzenbach (LU). Und um dem Vorwurf allfälliger Unverschämtheit gleich zuvorzu kommen: Ein Londoner oder eine Parise rin beanspruchen für ihre Stadt und deren Gärten mindestens so viel Platz wie ich. In der Mitte des Wynentals, am Rande des Bezirkshauptortes von Kulm, steht das Haus, in dem ich zu innerst daheim bin, und hält tagsüber die Nordsüdrichtung, den Wanderweg Hamburg-Rom im Auge. Stirnseits der zackige Alpenkranz, im Nacken sanfte Hügelzüge, Nachbarschaft und Zerhäuselung, Mischwald, Wiesen, Industrie. Morgen und Abend betten sich an die nahen Kuppen. An Starkstrom, Satellitenschüssel, Kuhpfad, Immergrün. Darüber der internationale Flugverkehr und die Loopings des ortsansässigen Fabrikanten. Wir bewohnen seinen Absturzraum. Die Zürcher auf der Autobahn, die von meiner Gegend nichts sehen, sehe ich nicht. In Aarau bin ich geboren. Ein Kaiserschnitt am Tag der Deutschen Einheit, als es diese noch nicht oder gerade nicht mehr gab. Meine Mutter hatte vor ihrer Heirat in Aarau gedient. Bei Aarauern.
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Wir zogen uns nach meiner Geburt sofort hinter den südlichen Sackbahnhof der Wynentalbahn, also an die Kantonsgrenze zurück und überliessen die Stadt und ihr Tagblatt dem heraufziehenden Kalten Krieg. Wer von der letzten Weiche her auf einer Schiene bis zum Prellbock zurückbalancieren konnte, hatte drei Leben. In Menziken, am Rande des Katholizismus, der in unseren Fünfzigerjahrköpfen insgeheim noch immer nach der Weltherrschaft strebte, blieben wir vorerst auf einen neuen Anlauf der Gegenreformation gefasst, bis sich dank Wirtschaftsblüte und regem Grenzverkehr zwischen den beiden Nachbarkantonen die Situation zunehmend entspannte und wir an Auffahrtstagen vom Wegrand aus – ohne Erbsen in den Schuhen, dafür mit einer leichten Hühnerhaut auf dem Rücken – die Prozession verfolgten. Nah an meinem Elterhaus vorbei donnerte die Beinwil-Beromünster-Bahn. Eine Katholikin winkte mir jeden Morgen und Abend im Vorbeifahren zu. Ich wollte konvertieren, begnügte mich dann aber nach gutem Zureden mit ein paar Maiandachten und verzog mich, kaum war ich einigermassen herangewachsen, in die luzernischen Wälder. Das katholische Wild war zutraulicher als die reformierten Rehe.
Im Schatten eines Kugelfanges, der im Niemandsland lag, den Scheitel am Alpenrand, den Jura zu Füssen, linker Hand den grossen runden Rücken des Stierenbergs (der bis heute kein Aufhebens davon macht, dass er die höchste Erhebung ist im Kanton), die rechte Hand im lauen Wasser des Hallwilersees, Fischgrund, Klärbecken und Badeanstalt in einem, liess sich am tiefsten träumen. Wieder aufgewacht, stand ich unterm Schutz und Schirm des Landessenders Beromünster, der nach hereingebrochener Nacht mit seinen roten Lichtern die Position meines innergeografischen Epizentrums bezeichnete und gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen zeigte. Später auch Richtung Löwen zu Schwarzenbach, der schönsten Wirtschaft im grenznahen Luzernerland, wo Frau Draga dem älter werdenden Wirt während Jahrzehnten treu ministriert. Was aber zeichnet Aarau aus? Mutter starb später in Aarau. Mein Bruder starb in Aarau, und auch mein Vater wurde in Aarau kremiert. In Aarau holt man die Asche ab. Aarau ist die Kantonshauptstadt. In Aarau fahren wir, aus dem Tal herabkommend – wie immer ein wenig benommen, nein, betört vom wechselnden Lichtspiel auf und über den alten Jurahügeln im Rücken der Stadt – von Osten her ein. Bürgerliche Dämmerung nennen die Astronomen den Zeitraum, während dessen die hellsten Sterne am Himmel zu scheinen beginnen. Es ist Aaraus Stunde: 200 Jahre nach Napoleons Einflussnahme
und eigener revolutionär-liberaler Kraftentfaltung am Ort, 150 Jahre nach der darauffolgenden Gründung des modernen Bundesstaates, betreten wir Aarau selbstredend nicht durch die Altstadt, sondern via Laurenzen Vorstadt, über die Paradestrasse, vom Kreuzplatz her. Wir lassen das Zeughaus ungetarnt vor der Stadt liegen, drücken uns am Aargauischen Versicherungsamt, an Brand, Hagelschlag und drohender Sintflut vorbei, um vor der alten Kantonsschule, stellvertretend für die zahllosen erlauchten Geister dieser Stadt, wenigstens dem Gerücht von Albert Einstein als eines hiesigen Studenten der Frühzeit und Hermann Burger, der zu seiner Zeit ebenfalls das Wynental herabstiess, die Referenz zu erweisen, bevor wir, weil es rasch Abend wird, ins Sauerländer-Areal einschwenken. Zum Freien Film: I’ll be your Mirror wird dort gezeigt. Schön leuchtet uns am nächsten Morgen das Rot der Kaserne ins wilde Schneetreiben hinein. Zwischen den Ställen ruht der Starrkrampf seit langem. Und auch die In fanteristen haben Urlaub, sind daheim und schlafen. – Manchmal bin ich in den Träumen heute noch durch diese Treppenhäuser und Kellergänge, über den endlosen Ex erzierplatz unterwegs. Oder rutsche, wenn alles gutgeht, den Vorgesetzten in meinen prima Nagelschuhen wie ein prähistorischer Skater sämtliche Buckel hinunter. Blieben wir nicht auf der Laurenzi, wäre jetzt ein Schwenker an die Aare angezeigt – am schmalen Ärmel des Philosophenwegs, wenn sich kein anderer Arm anbietet, dem Fluss entlang – vorbei an der vor über zwan-
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zig Jahren schon konsiprativ umgenutzten Täfelifabrik unterm Freihof, wo der Architekt und Querdenker Hans Rusterholz nach wie vor die Dachpfetten der Welt zusammenhält, während Heinrich Zschokke (1771–1848), Volksaufklärer, Politiker, Schriftsteller, Naturwissenschafter und Pädagoge, noch bevor die Laurenzen Vorstadt in die Altstadt einmündend wieder enger wird, in Bronze unter freiem Himmel steht. Er behält die starke Kontur des neu gestalteten Saalbaus und das erste Bundeshaus der Helvetik im Auge, das nach seiner Nasen-, Ohren-, Halszeit als Geschenk der hiesigen Ortsbürgerschaft an allerhand Schöne Künste übergegangen ist: Ein Ort unter anderen Orten an meiner Einfallsachse in die Stadt, die sich rechts ab vor Jahren ein kleines linkisches Theater geleistet hat, das uns, die wir mit dieser Bühne zu tun hatten, bald einmal den Ruf schräger Vögel und rotrückiger Würger eintrug. Die Voliere wurde in einem schnellen Schlussakt dichtgemacht, bis man bemerkte, dass der Stadt mit ihrem WappenAdler die Flügel fehlten, das Geflügel – und sie nun seit ein paar Jahren (fast) wieder ein ähnliches Theater hat: Hut ab, Hut ab vor der Tuchlaube, dem Kleintheater meiner Stadt, die unter Q seit ein paar Jahren auch eine Kulturzeitschrift anbietet, die dem gesamten Alphabet – darf man’s so sagen? – Ehre macht. Während Der Alpenzeiger, soweit ich sehe, nur noch einen Aussichtspunkt am Jurafuss bezeichnet. Das gleichnamige anarchischkreative Blatt ist im Lauf der Zeit vermutlich dem Kinderwunsch, Häuserkäufen und der Gartenarbeit seiner Redaktionen zum Opfer gefallen. 14
Ja, es stimmt, auch hier sind nachts die Strassen oft wie leergefegt. Doch es muss nicht immer an einer Fussballübertragung, am Heimspiel der wackeren Aarauer Elf oder am Jassen liegen. Manchmal liegt es auch am Jazz. Im Rostigen Hund, Chez Jeanette, im Saalbau, im KiFF: Kultur in der Futterfabrik. Nahrung. Pneuma. Grove. Das sprödere Aarau, die Beamtenstadt, läuft zurzeit, pardon, der lustigen Stadt Baden vor Zürichs Toren auch als Kulturhauptstadt fast den Rang ab: «Baden West»! – Vielleicht ist dieses Aarau doch mein Aarau. Ich habe Freunde in der Stadt. In Aarau kaufe ich meine Bücher, besteige ich die Intercity-Züge, fahre ab. Und kehr ich heim. Die beiden Eidgenossen, dunkle Bronze, im Weiher auf dem Bahnhofplatz hören nicht auf zu grüssen. In Aarau kam das eine unserer beiden Kinder zur Welt, gingen sie, schon etwas grösser, auch zur Schule und kamen nachts immer später nach Hause. Schrieb ich im Lauf der Jahre in wechselnden Ateliers an Büchern. Da die Krone dieser Stadt wie ein vermeintlicher Abreisserspunten morgens und nachmittags geschlossen bleibt, zieht es uns notgedrungen und schnurstracks aus der gleichnamige Gasse hinaus. Wir queren, zweimal Wurfdistanz, hinterrücks den Oberturm, auf dessen Vorderfassade unter der grossen Uhr jahraus und jahrein der Totentanz unterwegs ist. Wer vom Aargauerplatz her in die Vordere Vorstadt einbiegt, hat, wenn er sich nicht vom Affen rechterhand ablenken und zu einem Bier reinziehen lässt, den Turm stets vor sich. Es ist der Blick, der sich
auch unseren Gross- und Regierungsräten an klaren Tagen anböte, höben sie zuweilen beim Referieren und Regieren ihre Augen kurz Richtung Jura und Stadt: Anstelle von New Public Management das Memento mori: Wir gedenken auf der Stelle unserer lieben Frau Maria Poo, der wunderbaren Hüterin des Aargauer Kunsthauses, die im Kunsthaus starb. Mensch und Artefakt in einem. Ihr Herz versagte seinen Aufsichtsdienst ausgerechnet an dem Abend, als die Sache der Frau im heutigen Kunstbetrieb auf dem Podest verhandelt wurde. – Jemand will kurz nach Abbruch der Veranstaltung den weissen Schiffer zu Böcklins Toteninsel durch den erlöschenden Saal rudern gesehen haben. Das Kunsthaus im Schatten des Regierungsgebäudes liegt nicht an unserer Einfallsachse, lohnt aber den Weg allein vom Bau her jederzeit. Unser Hauptaugenmerk gilt selbstverständlich den Ausstellungen aktueller Kunst. Und gilt stets wieder dem Nachbeben der legendären Ziegelraingruppe, deren Laboratorien während der siebziger Jahre zu einem unverhofften Epizentrum zeitgenössischer Kunst geworden waren. Auch anzuschauen wäre, unbedingt, die Sammlung älterer und neuer Schweizer Kunst, die grösstenteils in den Kellern ruht und dort der Herzog-de Meronschen Erweiterung des Hauses harrt – wie Wombat, Elch, der Lämmergeier, die Lungenqualle und das Doppeltier, die am anderen Ende der Bahnhofstrasse in ein neues Naturmuseum umgezogen sind. Höchste Zeit also, sich auch dort einmal umzusehen. Nur, nehmen Sie
sich vor dem rotrückigen Würger in Acht! Wir hören, die Rathausgasse überquerend, in unserer Erinnerung die buntgefiederten Exoten in der einstigen Tierhandlung schreien, sehen die leisen Zwergkaninchen durchs Schaufenster wieseln und biegen ins Dunkel des Sevilla, der spanischen Weinstube ein. Wie immer packt uns beim Eintritt ins Lokal die Sorge um den alten Denk- und Trinkraum. Und wir bitten den Wirt, den Ofen noch ein wenig einzuheizen, uns nicht im Stich zu lassen vor der Zeit, bestellen die Rauchwurst und den Halben Wein. Auf meiner vorgesehenen Ostwest-Achse durch die Stadt werden uns jetzt nur noch ein paar Schritte bleiben, das Kopfsteinpflaster bis zum Rand. In der Mitte des Kirchenplatzes neben dem immensen Schiff der Stadtkirche, das hier vor Jahrhunderten schon festgemacht hat, steht Justitia auf dem Brunnen, blind. Sie wägt und richtet. In ihrem Rücken dampft hinter der steil in die Halde hinabfallenden Mauer und dem Aarauer Schachengrün das Kernkraftwerk Gösgen. Am hiesigen Jugendfest, dem Maienzug, stehen vor der Kulisse mit dem konkaven Turm Geisterbahn und Budenstadt, die Bratwurststände. Erzittern unter den gewaltigen Bässen bis in die tiefsten Wurzeln hinab die alten Baumbestände des Chrutwäije-Rondells. Brennt auf den Sandbänken der Aare Feuer. Tanzen im Freien die Kinder der Stadt. Aus: Werkausgabe, Band 4, Haymon Verlag, Innsbruck 2013, Seite 117–123.
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Salz ist im Meer Martin Merz
Martin, der jüngere Bruder von Klaus Merz, wurde 1950 mit einem «Wasserkopf» geboren. Er lernte im Privatunterricht lesen und schreiben und verfasste, angeregt durch seinen Bruder, selber Gedichte. 1971 unternahmen die beiden Brüder eine gemeinsame Reise ans Meer. Martin Merz starb 1983. Im Folgenden sind zwei Gedichte von Martin Merz und ein Auszug aus Jakob schläft von Klaus Merz abgedruckt.
Holzschnitt zu Martin Merz von Ernst Weber aus dem Band Dichterwelten. Ein literarischer Bilderspiegel.
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Nachtschatten
Worte sind leer
Salz ist im Meer. Sterndämmer reisst mich in die Tiefe. Ich erwache unter Stimmen, die Lieder vom Meer singen. Grün leuchtend im Grau des Regens Bänder von Algen. Braun falten Schnecken die Fühler zum Gebet. Der Sternenkranz hat viele Lichter
Wir wissen nicht, wohin sie fliegen. Auf den Drähten, durch die sie gesprochen, sitzen viele Vögel, die Flügel ausgestreckt, um wieder fort zu fliegen. Die Vögel fliegen fort. Sie werfen Zeichen in die Felder der Wolken. Worte werden sie begleiten auf ihrem Flug durch die leeren Felder. Alles werden wir vergessen, wenn die Worte wie Vögel fliegen.
Aus: Martin Merz: Zwischenland. Die gesammelten Gedichte. Mit einer Hommage von Klaus Merz und einem Nachwort von Elsbeth Pulver, Haymon Verlag, Innsbruck 2003.
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[…] Hinter dem breiten Rücken herrschte ein dunkles Vakuum, das nach Leder roch. Neben meinen spitzen, nackten Knien schossen Asphalt und Grasnarbe vorbei. Die Schachtdeckel glänzten. Der Zweiunddreißigjährige, der jetzt den Lenker des schweren Motorrades in den Händen hielt, war mein Vater. Die Landschaft, in die wir hineinfuhren, pulsierte wie eine offene Fontanelle. Ihre Ränder leuchteten rot. Ein besoffener Bauer hielt mit seinem Ford auf uns zu. Vater fuhr in die Wiese hinaus, bremste. Aus dem offenen Kofferraum des Wagens, der im Zickzack weiterfuhr, schwappte Milch. Jetzt wären wir beinahe davongekommen, sagte ich zu Vater. Etwas an diesem Satz dünkte ihn falsch, aber er korrigierte mich nicht, hob mich vom Sozius und drückte mich an die Brust. Wir atmeten durch, setzten uns neben der laufenden Maschine ins kurze Gras. Hydrozephalus. Ein rundes, behaartes, beinloses Insekt von der Größe eines beladenen Heuwagens kam uns von der Moräne her querfeldein entgegen. Wir fuhren wieder los. Ich versuchte mir meinen kleinen Bruder vorzustellen, dessen Kopf, wie es hieß, zu schnell wuchs. Durch diese Überdimension alarmiert, rasten wir weiter das Tal hinab. Panisch und titanisch zugleich, wuchsen wir viel zu schnell in die rasch herabfallende Dämmerung hinein. In der Kantonshauptstadt gingen auf einen Schlag die Lichter an. Der Bruder schlief, als wir ins Zimmer traten, sein modelliertes Köpfchen lag auf dem weißen Kissen und wußte nichts von sich selbst. Auch ich sah nicht, was ich wußte. Das Wort Wasserkopf hat uns das sachdienliche Leben erst später beigebracht. Ich drehte mich Mutters Bett zu. Sie lag in einer Lache von Schmerz und suchte nach mir mit der Hand. Ich zog meine Lederhaube nicht aus. Die Verzweiflung begann das Krankenzimmer langsam mit Elektrizität zu füllen, unsere Augen leuchteten grün. Das Bündelchen erwachte: Zusammen wollen wir es tragen quer durch die Welt, sagte Vater. Als wir wieder nach Hause kamen, stand die Glätterin noch immer an ihrem Bügelbrett und stärkte unsere Kragen. […] Aus: Klaus Merz: Jakob schläft. Eigentlich ein Roman, Haymon Verlag, Innsbruck 1997.
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Martin und Klaus Merz, ungefähr 1955.
Foto: Pfäffli, Menziken
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