orte Leseprobe
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Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 185, März 2016 ISBN 978-3-85830-179-6; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich
Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:
orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.– (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 60.– (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:
1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x 88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x 42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56
Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung einer Fotografie aus Curaçao von Klaus Stuckert) Copyright der T exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:
orteinhalt 2 Editorial orte inhaltsverzeichnis 4 Dem Blau grün sein
Martin Steiner
Karibische Schweizer 6 Einführung
Regina Füchslin
10 Verwicklung der Schweiz in den Kolonialismus
Klaus Stuckert
14 Edgar Mittelholzer
Bearbeitet von Peter K. Wehrli
23 Cola Debrot
Bearbeitet von Regina Füchslin
35 Tip Marugg
Bearbeitet von Annekatrin Ranft- Rehfeldt
52 Pierre A. Lauffer
Bearbeitet von Monique Obertin
64 Rasse und Familie
Martin R. Dean
66 Autorenbiografien
68 orte-Bestenliste
Federico Pfaffen Nicole Gabathuler
70 hör-orte 72 orte-Bücherregal
Peter K. Wehrli
77 orte-Longseller 78 orte-Agenda
80 orte-Marktplatz
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orteeditorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser Unsere erste orte-Nummer im Jahr 2016 steht ganz im Zeichen der Schweiz, genaugenommen der Karibischen Schweiz. Zwar sind alle Redaktionsmitglieder das ganze Jahr für Sie, verehrte Leserinnen und Leser, unentwegt auf Entdeckungsreisen. Bestimmt erinnern Sie sich an das Einwohnen im Wort (orte-180) zum Jahresbeginn 2015, das Gedenken an den Aargauer Lyriker und orte-Redaktor Virgilio Masciadri (orte-181) im Frühling, an die sommerlichen Schreibzündungen (orte182), die Nachwuchsförderung durch das Übungsgelände im Herbst (orte-183) und den fulminanten Auftakt zum DADA-Jahr 2016 mit dem Freilassen der Wörter (orte184). Vor einem Jahr begannen Monique Obertin, Peter K. Wehrli, Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt gemeinsam mit dem Kenner der Karibischen Literatur, Dr. Klaus Stuckert, aber eine ganz besondere Expedition nach Curaçao und Guyana. Bei ihren Forschungen waren sie den Lebensgeschichten der vier karibischen Schriftsteller mit Schweizer Vorfahren – Edgar Mittelholzer, Cola Debrot, Pierre A. Lauffer und Tip Marugg – und deren literarischem Schaffen auf der Spur.
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Ihre Erkundungen führten sie in ferne Länder, liessen vergangene Zeiten aufleben und sie sogar die ihnen bisher unbekannte kreolische Inselsprache Papiamentu kennenlernen. Es galt Altes in der Literatur der Karibik wieder zu entdecken und mit neuen Erkenntnissen der letzten Jahre zu ergänzen. Der Schriftsteller Martin R. Dean ergänzt das Bild mit einem Beitrag über die karibischen Wurzeln seiner Familie. Studierende der Universität Zürich sowie zahlreiche Helfende übersetzten für dieses Heft Originale aus dem Niederländischen, Englischen, Spanischen und aus dem Papiamentu. Bald wird es Frühling und draussen ändern sich die Farben. Als Begleitlektüre dazu finden Sie im vordersten Heftteil Farbnuancen-Studien von Martin Steiner. Ab dieser Ausgabe haben wir das Lyrikregal und den Buchladen in eine Rubrik zusammengefasst, in der Sie weiterhin nach Herzenslust stöbern können. In diesem orte-Bücherregal finden Sie zukünftig eine Zusammenstellung von Rezensionen und Tipps zu Neuerscheinungen aus Lyrik und Prosa.
Im Januar 2016 hat unsere langjährige Redaktorin Anne-Marie Kenessey die Segel gesetzt, um mit ihrem Schiff vor neuen Ufern zu ankern. Wir danken ihr vielmals für ihre wertvolle Arbeit in der Redaktion und wünschen ihr für ihre weitere Reise allzeit guten Fahrtwind und eine handbreit Wasser unter dem Kiel.
Lyrischer Zustandsbericht einer Welt, die immer schwerer zu verstehen ist
Wohl an, den Anker gelichtet und mit voller Fahrt und offenen Segeln auf ins neue Jahr. Lassen Sie sich von unserer literarischen Reise in die Karibik inspirieren, um immer wieder Neues zwischen zwei Buchdeckeln zu entdecken. Viel Freude bei der Lektüre wünschen Ihnen Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt
Soeben en! n erschie
Eva-Maria Berg auf offener strecke 135 × 220 mm, brosch., 96 Seiten, Fr. 28.00 ISBN: 978-3-85830-199-4
Ein Plädoyer für das Zögern vor dem steinernen Mund
Esther Ackermann: Die Hand hinein 135 × 220 mm, brosch., 96 Seiten, Fr. 28.00 ISBN: 978-3-85830-200-7
Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder im Verlagsladen Schwellbrunn, Im Rank 83, Tel. 071 353 77 55, verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch
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Dem Blau grün sein Martin Steiner
Dem folgenden Text liegt eine Kunstmappe des Malers müller-emil (*1934) zu Grunde. Diese bibliophile Arbeit besteht aus 5 Bütten-Blättern im Format A3, die in je zwei Farbtöne einer Farbe eingefärbt sind sowie den entsprechenden Textseiten. Martin Steiner notierte, was diese Farbtafeln in ihm evozierten. Es sind subtile Beobachtungen der Farbnuancen und den damit verbundenen Wortbildern. Martin Steiner wurde 1939 im Zeichen des Widders geboren. Als passionierter Fussgänger und vom Glück begünstigt, widderte er sich durch mehrere Berufe. Die längste Zeit seines Lebens war er Dozent an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Zürich. Daneben schrieb er eine Handvoll Bücher, Kurzprosa und Lyrik.
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Blau-Blau Im blauen Blau nächtigt die Nacht. Sie, die Kehrseite des Tages, ist voll des farbigen Dunkels. Ja, sie geht auf in ihm und zwar so, dass die Nacht blau und das Blau Nacht wird. Ein Geheimnis, das sich als solches zu erkennen gibt: satt leuchtend, beredt mit geschlossenem Mund. Welt klingt hier auf, von unten her, unaufhaltsam Tod und Leben träumend. Ein stiller Akt, der Schulterschluss sucht mit der Helle. Und in ihr webt orange das Rot, das den nachtblauen Überschwang dämpft, ihn zurückstutzt auf eine dem Tag verwandete Farbe, eine prosaische. Dank ihr sind die Gegensätze farbig nicht gegensätzlich.
Gelb-Gelb
Grün-Grün
Das erste Gelb, dem Raps verwandt, möchte noch gelber werden. Dazu aber fehlt ihm die Kraft, die treibende, die sich andernorts einkappselt. Dies Gelb gelbt vor sich hin, es feldert davon. Die Weite hat es ihm angetan. Es ist nicht bodenständig, sondern auf Kniehöhe der Erde und dem Himmel verpflichtet. Trotzdem, Windbeuteleien sind nicht seine Sache. Und das Vergilben geschieht ohne Aufhebens. Die neue Farbe ist dem Blau grün, das heisst wohlgesinnt. Zwischen beiden Gelb – landläufig deklariert als Ausdruck von Missgunst – herrscht, trotz Verschiedenheit, Übereinstimmung.
Was das eine nicht hat, hat das andere. Das erste Grün grünt. Ihm ist die Sonne unterlegt, das Licht, das Wasserzeichen aller Erscheinungen. Lindenblüten, getrocknete, sind ihm ähnlich. Mit den zundertrockenen Blättern teilt es den Duft, dieses hingehauchte Aroma, das uns verzaubert. Hoher Sommer, der das Auge blendet. Anders das zweite Grün. Auch in ihm ist Sommer, aber jener, auf den der Herbst schon Anspruch erhebt. Die Blendung ist weg, offenen Auges kannst du in diesem Grün gründeln. Unter seiner Oberfläche ist ein Blau, ein HimmelsSplitter.
Rot-Rot
Schwarz-Schwarz
Ich sehe rot. Aber nicht in übertragenem Sinne. Das Rot, das ich im Auge habe, ist das der Ziegel. Der frischen, wohlverstanden, also jenen, die eben dem Ofen entnommen. Gebrannt und gebannt schwelt das Rot weiter. Keine Spur von Aggressivität. Die ist verloren gegangen. Was vorhanden ist, ist Wärme; einfache wohltuende Wärme. Dieses Rot ist unbeschrieben. Kaum gesagt, ändert sich das. Ein Schlag Grün genügt und schon zeigt sich die Farbe aufgebrochen. Ein tonaler Stammbaum ist lesbar; eine melancholische Biographie wetterleuchtet. Zwillinge, rotwelschen unsere Gedanken.
Schwarz ist weder warm noch kalt. Die Temperatur seiner Erscheinung zu erfühlen, braucht ein geübtes Auge. Eines, das nicht schwarz sieht, auch wenn es Schwarz erblickt. In dieser Nichtfarbe versteckt sich der Regenbogen; in ihr sammelt er Spannkraft. Darüber wird dunkel spekuliert, derweil die chromatische Lava sich ihre Lebendigkeit zurückträumt. Und das im Schatten aller Schatten. Das Resultat ist ein Schwarz; ein errötetes, weil sein Traum Wirklichkeit zu werden beginnt. Farben also leben und beleben. Eine Binsenweisheit, zugegeben. Diesmal eine rabenschwarze.
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Alles begann in den 90er-Jahren mit einer Ankündigung von Werner Bucher, dass bald ein Beitrag von Peter K. Wehrli über den guyanesischen Schriftsteller Edgar Mittelholzer erscheinen werde, aus dem unter anderem zu erfahren sei, wie Mittelholzer mit Blaise Cendrars zusammen an einem karibischen Strand sitze. Das weckte das Interesse von Klaus Stuckert, einem Kenner der karibischen Literatur, der zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Vortrag über vier karibische Schriftsteller mit Schweizer Vorfahren arbeitete – Edgar Mittelholzer, Cola Debrot, Pierre A. Lauffer und Tip Marugg. Er fragte bei Peter K. Wehrli an, ob dieser Beitrag schon erschienen sei und schickte ihm das Manuskript seines Vortrags. Seither schlummerte in Peter K. Wehrli der Plan von einem orteHeft zur «Karibischen Schweiz». Zehn Jahre später nun haben wir uns, begleitet von Klaus Stuckert, auf die Reise in die Karibik gemacht. Dem folgenden Thementeil liegt besagtes Vortragsmanuskript von Klaus Stuckert zu Grunde, das wir aus dem Englischen übersetzt, bearbeitet und um Textstellen ergänzt haben. Über die Bedeutung hinaus, die diese Autoren für uns durch ihre Verbindungen zur Schweiz haben, sind ihre Texte auch als Bestandteil der karibischen Literatur interessant. Sie schildern eindrucksvoll karibische Landschaften und Naturschauspiele und erzählen vom Zusammentreffen verschiedener Kulturen, von Sprachunterschieden und der Sklaverei, in die die Schweiz, wie Klaus Stuckert im folgenden Essay darlegt, mehr verwickelt war, als vielleicht mancher hierzulande denkt. Bevor also gleich Klaus Stuckert selber zu Wort kommt, noch einige grundsätzliche Informationen: Mittelholzer lebte in Guyana,
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Debrot, Lauffer und Marugg auf Curaçao. Die Bevölkerung beider Gebiete setzte sich zusammen aus einer schmalen weissen Oberschicht und einer schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Guyana ist ein Staat an der Nordküste Südamerikas, angrenzend an den Atlantik, Umgangssprache ist ein kreolisiertes Englisch. Nach der Besiedlung durch Niederländer im 17. Jahrhundert war Guyana unter niederländischer, französischer und britischer Herrschaft und wurde 1966 unabhängig. Die Insel Curaçao liegt 60 Kilometer vor der Nordküste Südamerikas (gegenüber Venezuela). Zusammen mit Aruba und Bonaire bildete sie bis 2010 einen Teil der Niederländischen Antillen, seither ist sie autonomer Gliedstaat des Königreichs der Niederlande. Curaçao wurde im 17. Jahrhundert niederländisch und war nur während der napoleonischen Kriege während kurzer Zeit von den Briten besetzt. Da die Insel sehr karg ist, gab es auf Curaçao keine Zuckerrohrplantagen (Plantagenbesitz war auf Curaçao deshalb reine Prestigesache), und die Insel war vor allem bedeutend als zentraler Umschlagplatz für den karibischen Sklavenhandel. Amtssprache ist Niederländisch, Umgangssprache in der Bevölkerung aber Papiamentu (eine aus spanischen, portugiesischen, niederländischen und afrikanischen Elementen entstandene Kreolsprache), daneben wird auch viel Spanisch und Englisch gesprochen. Lauffer, Marugg und Debrot schrieben alle drei sowohl niederländische Texte als auch Texte auf Papiamentu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit, als die Autoren dieses Hefts ihre Karriere begannen, war die Literatursprache Curaçaos Spanisch. Dies hat damit zu tun, dass aus Venezuela, das
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während des 19. Jahrhunderts manche Revolution erlebte, sehr viele Intellektuelle nach Curaçao ins Exil kamen. Bekannte Zeitschriften waren Notas y Letras und El Poema. Wichtig war die Zeitung Civilizado, die in Papiamentu erschien, aber auch spanische Artikel und Gedichte druckte. Das änderte sich im 20. Jahrhundert, als Shell in den Zwanzigerjahren in Willemstad, der Hauptstadt Curaçaos, eine der weltgrössten Erdölraffinerien zur Verarbeitung von Rohöl aus Venezuela baute. Die Ölindustrie zog viele Niederländer nach Curaçao und Aruba, und der niederländische Einfluss nahm zu.
Shell Raffinerie.
Foto: Klaus Stuckert, 1992.
Für ihren Beitrag zu diesem orte-Heft, möchten wir sehr herzlich danken: Dr. Klaus Stuckert für die Heftidee, Fotos von Curaçao, Unterstützung aller Art und besonders für seine Übersetzungen aus dem Papiamentu; Dr. Marja Clement von der Niederlandistik der Uni Zürich, die mit ihren Studierenden Texte von Tip Marugg und Cola Debrot ins Deutsche übertragen hat; Prof. Jeroen Dewulf aus Berkeley für seinen Rat und die Durchsicht der Übersetzungen; Prof. A. N. Paasman von der Universität Amsterdam für seine Hilfe bei der Textauswahl von Cola Debrot; Janny Terpstra für Übersetzungen aus dem Niederländischen (Lauffer); Vera Schindler-Wunderlich für ihre Übersetzung aus dem Englischen; Philippe Maurer für seine Übersetzung aus dem Papiamentu (Lauffer).
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Die erste literarische Bewegung in Niederländisch ist verbunden mit der Zeitschrift De stoep, die 1940 gegründet wurde. Zunächst war De stoep als Publikationsorgan für niederländische Autoren im Exil gedacht, nachdem im Mai 1940 die Deutschen die Niederlande besetzten. Nach und nach publizierten aber auch Antillianer in De stoep, auch Marugg, Lauffer und Debrot. 1955 wurden die, unter anderem von Debrot herausgegebenen, Antilliaanse Cahiers gegründet. Während De stoep anfänglich auf die Niederlande hin ausgerichtet gewesen war, ging es den Antilliaanse Cahiers um die karibische Literatur und Tradition. In den 1950er-Jahren wurde die erste literarische Zeitschrift in Papiamentu gegründet: Simadán (Hafen). Während De stoep eher experimentell war, hatte Simadán traditionellen Charakter, war manchmal fast nationalistisch im Hinblick auf das Alltagsleben der Inseln. Pierre A. Lauffer war ein Simadán-Autor, ebenso Tip Marugg. Mit den Unabhängigkeitsbewegungen im 20. Jahrhundert und vor allem als Folge des Arbeiter- und Volksaufstands vom Mai 1969, in dem sich Spannungen zwischen weisser und schwarzer Bevölkerung entluden, wurde das Papiamentu sehr gestärkt. Regina Füchslin
Markt auf Curaçao.
Foto: Klaus Stuckert, 1992.
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Verwicklungen der Schweiz in den Kolonialismus Klaus Stuckert
Die Schweiz besass nie eigene Kolonien. Der Kolonialismus war aber ein gesamteuropäisches Projekt, und die Schweiz konnte und wollte sich da nicht heraushalten. Viele Schweizer Städte, Firmen und Einzelpersonen beteiligten sich am Kolonialismus und waren ein selbstverständlicher Teil des kolonialen Handelsund Unterdrückungsnetzwerks und damit auch des Systems der Sklaverei. Rechtfertigung von Kolonialismus und Sklaverei Zuerst musste ein intellektuelles Klima geschaffen werden, das den Kolonialismus überhaupt ermöglichte. Einer seiner Hauptpfeiler war ein Rassismus, der unterschied zwischen höheren, zivilisierten Ras-
Ankündigung einer Völkerschau in Zürich (aus der Sammlung Radauer).
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sen und niederen Rassen, die man prinzipiell unfähig zu Fortschritt und höheren Kulturleistungen erachtete. Die Schweiz verfügte über eine ganze Anzahl von Rassentheoretikern wie Karl Ludwig von Haller (1768–1854), Carl Vogt (1817–1895) und Louis Agassiz (1807–1873). Völkerschauen Menschen aus fremden Kulturen wurden nach Europa gebracht, in möglichst naturgetreuer Kulisse zur Schau gestellt und einem millionenfachen Publikum vorgeführt. Allein der Basler Zoo veranstaltete zwischen 1879 und 1935 einundzwanzig Völkerschauen, wo «Wilde» hinter Gittern präsentiert wurden. Diese Schauen trugen entscheidend dazu bei, dass sich die rassistische Denkweise auf breiteste Bevölkerungskreise ausdehnte. Forschungsreisende Aufschlussreich sind die Expeditionen der Basler Zoologen und Grossvettern Paul Sarasin (1857–1929) und Fritz Sarasin (1859–1942) ins Innere von Celebes (heute Sulawesi), bei denen die Niederländische Kolonialmacht sie unterstützte und beschützte. Im Gegenzug ermöglichten sie den Niederlanden die militärische «Befriedung» der Insel. Die Sarasins sandten Hunderttausende Objekte nach
Basel, die den Grundstock für die Basler naturhistorischen und völkerkundlichen Museen bilden. Handel, Banken und Versicherungen Die Karibik war während Jahrhunderten der viel wichtigere Handelspartner Europas als die USA, und vor 1820 waren über achtzig Prozent der Menschen, die in der Neuen Welt landeten, afrikanische Sklaven. Es wurden über 12 Millionen Afrikaner im Rahmen des atlantischen Sklavenhandels in die Neue Welt verschleppt. Bouda Etemad hat errechnet, dass Schweizer für die Versklavung von 172 000 bis 180 000 Schwarzafrikanern verantwortlich sind. Das ist etwa 1,5 Prozent der Gesamtzahl. So gesehen erscheint die Schweizer Beteiligung als Lappalie. Setzt man die Zahl aber in Relation zur Schweizer Gesamtbevölkerung von 1 664 832 im Jahr 1798 erscheint sie in anderem Licht, denn das sind über zehn Prozent der damaligen Schweizer Bevölkerung. Die Zahl der Schweizer, die sich direkt am Sklavenhandel beteiligten, ist sehr klein. Es gab aber Dutzende Schweizerischer Plantagenbesitzer (und damit Sklavenhalter) in der Karibik, den Südstaaten der USA und Brasilien. Die Rührigeren unter ihnen betätigten sich gleichzeitig im Import-Exporthandel und tätigten Bank- und Kreditgeschäfte. Ihre Gewinne investierten sie bei der Rückkehr in die Schweiz oft in Liegenschaften wie zum Beispiel das Hôtel DuPeyrou in Neuenburg, das prunkvollste Herrschaftshaus des 18. Jahrhunderts im Kanton. Paul Coulon baute sich am Faubourg de l’Hôpital in Neuenburg zwei herr-
schaftliche Villen und erwarb unter anderem auch das Château de Malessert in Féchy und das Château d’Eclépens mit ihren Weingütern. Warum gab es Sklavenhandelsschiffe mit den Namen Les Treize Cantons, La ville de Basle, La ville de Lausanne, Le Pays de Vaud oder L’Hélvetie? Weil die sie betreibenden Firmen sich grossen Geldgebern gegenüber erkenntlich zeigen wollten. Und darunter befanden sich Schweizer Kantone und Städte, Firmen und Private. Die Republik Bern besass Anteile an der britischen Handelsgesellschaft South Sea Company, die von 1715 bis 1731 rund 64 000 Sklavinnen und Sklaven aus Afrika verkaufte. Bern war ihr grösster Aktionär. Die Zürcher Bank Leu hielt Anteile an der Compagnie des Indes, die zwischen 1719 und 1756 mehr als 45 000 Sklaven aus Afrika deportierte. Das Basler Familienunternehmen Burckhardt beteiligte sich an einundzwanzig Sklavenexpeditionen, wobei über 7 000 afrikanische Sklavinnen und Sklaven verschleppt wurden. Der Thurgauer Louis Giger (1675– 1747) investierte all sein Vermögen in Aktien der französischen Compagnie de la Louisiane ou d'Occident, die der Erschliessung der französischen Kolonien in Nordamerika mit Siedlern und Sklaven diente. Mit den Gewinnen daraus kaufte er 1723 die Freiherrschaft Prangins am Genfersee und wurde damit zum Baron de Prangins. Das Château de Prangins ist heute Teil des Schweizerischen Nationalmuseums. Militärische Einsätze Das Regiment Karrer (nach 1752 Regiment Hallwyl) stand von 1719 bis 1763
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im Dienst der Französischen Westindien Kompanie und wurde in der Karibik und in Louisiana zur Unterdrückung von Sklavenaufständen eingesetzt. Das Regiment Fourgeoud ging 1763 nach Berbice (damals niederländisch, heute Teil von Guyana), um einen Sklavenaufstand niederzuschlagen. 1773 bis 1778 wurde es in Surinam gegen von Plantagen entflohene Sklaven verwendet. Das Regiment de Meuron (1781–1816) stand im Dienst der Niederländischen Ostindien Kompanie in Südafrika und Ceylon (heute Sri Lanka) und in britischem Dienst in Indien und Kanada. Das entscheidendste Ereignis im Leben des Regiments war die Teilnahme an der Schlacht von Seringapatam 1799, in der Tipu Sultan, Herrscher von Mysore, umkam, womit die Engländer auch in Südindien ihre Macht festigen konnten. Das 1. Bataillon der 3. Helvetischen Halbbrigade war Teil der von Napoleon 1802 nach Saint-Domingue entsandten Armee, die den Auftrag hatte, dort den schwarzen General Toussaint Louverture zu entmachten und die Sklaverei wieder einzuführen. Ohne Erfolg: Haiti erklärte sich 1804 unabhängig. Verwaltung von Kolonialgebieten Kleinere Kolonialmächte verfügten nicht über genügend Personal, um ihre Kolonien zu verwalten. Im Kongo bildeten Schweizer das viertgrösste Kontingent unter den Verwaltungsangestellten. Zahlreiche Schweizer waren in niederländischen Kolonien Gouverneure. Der Basler Isaak Faesch (1687–1758) war von 1740 bis
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1758 Gouverneur von Curaçao, Bonaire und Aruba. Er verschärfte das Regime gegenüber freien Mischlingen und Schwarzen und liess einen Aufstand von Sklaven niederschlagen. Siebenundvierzig Rädelsführer wurden geköpft und ihre Köpfe auf Pfählen am Hafen zur Schau gestellt. Textilindustrie Die Textilindustrie nimmt im Handel mit den Kolonien eine Sonderstellung ein. Als die Franzosen die Vormachtstellung im Sklavenhandel hatten, besass die Schweiz bei der Ausrüstung der Sklavenhandelsschiffe mit den in Afrika so beliebten Indiennes (bedruckten Baumwollstoffen) eine marktbeherrschende Stellung. Die Schweizer Textilindustrie war von Anfang an aggressiv und einseitig exportorientiert. Ihr Produktionsmodell war einfach und effizient: Man kopierte Muster handwerklich hergestellter Stoffe aus den Zielgebieten in Afrika und Asien und überschwemmte die lokalen Märkte dann mit industriell hergestellten Massenprodukten. Schweizer Kolonialliteratur In Ländern, die offiziell Kolonien hatten – wie Grossbritannien und Frankreich – findet man eine reiche Auswahl an Literatur, die sich mit den Kolonien auseinandersetzt, und man staunt über deren Umfang und Vielfalt. Die Literaturwissenschaft hat sich ausführlich damit befasst. Weil die Schweiz glaubte, keine Kolonialgeschichte zu haben, gibt es hier nicht einmal eine dürre Inventarliste einschlägiger Bücher. Von den Klassikern hat
sich etwa Gottfried Keller in «Don Correa» im Sinngedicht und in Martin Salander mit Sklaverei und brasilianischen Plantagen auseinandergesetzt, ohne je in Brasilien gewesen zu sein. Von Autoren, die effektiv in den Kolonien waren, gibt es Bücher in allen möglichen Genres: Reiseliteratur wie Henri de Saussures᾽ Voyages aux Antilles et au Mexique, 1854–1856 (Editions Olizane 1993) oder Paul und Fritz Sarasins Reisen in Celebes, ausgeführt in den Jahren 1893–1896 und 1902–1903 (Wiesbaden Kreidel 1905); Tagebücher wie Reisen als Schlüssel zur Welt: Die Reisetagebücher von Adolf Guyer-Zeller (Chronos 2000), in denen er unter anderem vom Besuch auf Baumwollplantagen am Mississippi berichtet. Seul au milieu de 128 nègres von Marc Warnery (Editions d'En Bas 2008) sind Briefe eines Schweizer Plantagenaufsehers aus Surinam an seine Eltern. Und selbstverständlich gibt es auch Belletristik, etwa den auf einer Plantage in Sumatra spielenden Roman Die Unverbindlichen von Alfred Keppler, veröffentlicht unter dem Pseudonym Korang Trang (Oprecht & Helbling 1935). Das orte-Projekt Die Historiker, die sich mit der kolonialen Schweiz befassen, erforschen die Art der Verstrickung ins System des Kolonialismus und die Folgen davon für die Schweiz. Personen, die in den Kolonien blieben, werden bewusst ausgeklammert. Das Team von Redaktoren, das den Themen-Teil dieser Nummer von orte zusammengestellt hat, ging den entgegengesetz-
ten Weg. Wir fragten uns, was für kulturelle Leistungen Nachfahren von in den Kolonien gebliebenen Schweizern erbrachten. Weil wir an Literatur interessiert sind, gingen wir auf die Suche nach entsprechenden Schriftstellern. Wir fanden vier Autoren in der Karibik, die wir in dieser Nummer dem Schweizer Publikum vorstellen wollen, auch wenn sich keiner der vier noch als Schweizer fühlte. Sie sind alle Teil der karibischen Literatur. Einer der Vorfahren war als Plantagenaufseher nach Guyana gekommen. Die drei anderen waren als Söldner in den Niederländischen Antillen gelandet, quittierten den Dienst aber bald und wandten sich anderen Berufen zu. Sollen wir diese Autoren einfach einem fremden Lesepublikum überlassen? Wir haben uns dagegen entschieden und bringen sie in dieser Nummer in die Schweiz zurück. Literatur Wirtschaftsgeschichte der Schweiz und ihr kolonialer Kontext: Niklaus Stettler (Merian 2004/Burckhardt), Christof Dejung (Böhlau 2013/Volkart), Andreas Zangger (Transcript 2011/Textilindustrie, Plantagen auf Sumatra), Heinrich Christ (Steiner 2015/Basler Missions Handelsgesellschaft). Transatlantischet Dreieckshandel: Hans Fässler (Rotpunktverlag 2005), Thomas David, Bouda Etemad & Janick Marina Schaufelbuehl (Limmat 2005). Vettern Sarasin: Bernhard C. Schär (Campus 2015).
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Edgar Mittelholzer (1909–1965) Klaus Stuckert, übersetzt von Peter K. Wehrli
In seiner Autobiographie A Swarthy Boy («Ein dunkelhäutiger Junge») schreibt Edgar Mittelholzer: «New Amsterdam ist eine Kleinstadt, etwa acht Meilen flussaufwärts von der Plantage entfernt, wo mein Urgrossvater, Jan Vincent Mittelholzer, während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Manager war über einige hundert Quadratmorgen Zuckerrohrfelder und Sklaven, die auf ihnen arbeiteten. Viel weiter flussaufwärts, etwa 50 Meilen von der Plantage entfernt, war die Plantage De Vreede, die Mitte des 18. Jahrhunderts in voller Blüte stand, vom Dschungel wieder eingeholt worden. Der Verwalter der Pflanzung De Vreede war ein Deutschschweizer, Herr C. Mittelholzer, offenbar der allererste Deutschschweizer, den es in diesen Teil der Welt verschlagen hatte. Er kam aus dem Kanton Genf, war aber ziemlich sicher im Kanton Appenzell geboren.» Auf Bildern erkennt man Edgar Mittelholzers Urgrossvater als reinen Europäer, aber sein Grossvater, John Robert Mittelholzer, ein Pfarrer im Dienste der Ebenezer Lutheranischen Kirche, war zweifelsohne von dunkler Hautfarbe. Mittelholzers Vater hatte bereits eine Reise in die Schweiz unternommen. Sein Sohn Edgar Mittelholzer lernte Deutsch und berichtet uns von seiner eigenen Reise in die Schweiz
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im Jahre 1961, während der er den Weiler Mittelholz besuchte und in Appenzell Dr. Johann Mittelholzer traf, vermutlich einen Blutsverwandten. Kein Biograph oder Historiker war je versucht, diese Geschichte zu verifizieren. Sich eine Herkunft zu ersinnen, ist eine allgemeine koloniale Neurose. Man nimmt an, dass die Grundlage dieser Geschichte durchaus der Wirklichkeit entspreche, zumal ja Mittelholzer – wie seine Romane beweisen – auch ausführliche historische Forschungen zur frühen Geschichte Guyanas unternommen hatte. Üblicherweise stellte sich Mittelholzer auf der Umschlagrückseite seiner Bücher als ein Nachfahre von Abkömmlingen aus der Deutschschweiz dar. Jemand schrieb: «Durch alle seine Bücher hindurch liebkoste er seine deutschschweizerische Herkunft ebenso innig wie ein Kind seine Puppe.» Er nannte sich nie Schweizer, sondern immer Deutschschweizer, und der erste Teil dieser Bezeichnung war ihm immer wichtig. Mittelholzer studierte Nietzsche und Schopenhauer und verehrte Richard Wagner, ganz besonders seine «Götterdämmerung». Diese Vorliebe für eine deutsche Herkunft schlug sich in seinen Werken nieder. Mittelholzer verehrte seine schweizerische Herkunft über Ge-
bühr und hatte Schwierigkeiten, sich mit seinen afrikanischen Vorfahren abzufinden. In seinem Werk herrscht die Eurozentrizität vor und macht ihn so zu einem Vorläufer von V. S. Naipaul. Manche Kritiker schreiben seine «rechtsextremen» Ansichten in den späteren Romanen und seine Spuren von Rassenwahn der deutschen Abkunft zu. Edgar Mittelholzer wurde am 16. Dezember 1909 in New Amsterdam geboren als erster Sohn von William August Mittelholzer, der im Stadtverwaltungsbüro angestellt war, und seiner Frau, Rosamond Mabel Leblanc. Seine Familienmitglieder hatten alle eine helle Hautfarbe, einzig er selber war ein «dunkelhäutiger» Junge. Sein Vater, ein Mann mit unverhohlenem Rassendünkel, vermochte seine Abneigung gegen die Hautfarbe seines Sohnes kaum zu unterdrücken. Eine ordentliche Schulbildung hat Mittelholzer vermutlich nie genossen. Er hat in Georgetown allerlei Jobs übernommen, aber von Anfang an war er beseelt von der Vorstellung, Schriftsteller zu werden. Von diesem Wunsch ist er nie abgerückt, auch dann nicht, als er, der seine Texte unentwegt an englische Redaktionen schickte, regelmässig Absagen erhielt. 1941 wurde sein erster Roman Corentyne Thunder in London veröffentlicht. Eine Zeit lang diente er bei der Volunteer Reserve der «Royal Navy» in Trinidad. Aus diesem Dienst 1942 entlassen, arbeitete er in unterschiedlichen Anstellungen, bis er am 9. Februar 1945 nach London übersiedelte. Ralph de Boissière und Mittelholzer führten den Exodus westindischer
Georgetown, Hauptstadt von Guyana in den 1950er-Jahren.
Schriftsteller an. Ihnen folgten Lamming, Selvon, Salkey, Naipaul, Harris, Brath waite und andere. Binnen weniger Wochen fand er eine Anstellung als Sprecher im karibischen Programm der BBC. Und nach zwei Monaten war er angestellte Schreibkraft in der Buchabteilung des British Council. Innerhalb von drei Jahren brachte er drei Romane in England und in den USA heraus. Ein Morgen im Büro und Shadows Move among Them (deutsch: Glühende Schatten) wurden von den Kritikern positiv aufgenommen und Children of Kaywana entwickelte sich zum Bestseller. Damit war er nun ein etablierter Autor und konnte seinen Brotberuf aufgeben. Im Grund war er der erste westindische Schriftsteller, der das Schreiben zu seinem Hauptberuf gemacht hatte. Damit war er nicht mehr an den Aufenthalt in London gebunden: Ein Guggenheim-Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt in Kanada, und von 1953 bis
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1956 lebte er in Barbados, bevor er wieder nach London zurückkehrte. Er schrieb unentwegt weiter, aber seine späteren Romane weckten ein zunehmend feindliches Echo. Von 1956 bis 1958 war er Redaktor und Moderator des BBC-Programmes «Caribbean Voices», das, wie zahlreiche Zeugnisse belegen, enorme Auswirkungen auf das Schaffen westindischer Schriftsteller hatte. Unter allen war zu jener Zeit Edward Brathwaite sein Lieblingsschriftsteller. Am 5. Mai 1965 beging er einen von der Presse weitherum verbreiteten Selbstmord, indem er sich mit Petrol übergoss und dann anzündete.
Edgar Mittelholzer
Mittelholzer war der erste sehr produktive Schriftsteller der westindischen Region. Nach meiner Zählung hat er siebenundzwanzig Bücher veröffentlicht. Besonders seine frühen Werke hatten eine positive Aufnahme gefunden und geradezu eine Welle der Popularität ausgelöst, die sich in weiteren Auflagen, in Taschenbuchausga-
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ben und Übersetzungen niederschlug bis in die Siebzigerjahre hinein. Aber dann versank er im Vergessen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts war kein einziges seiner Bücher mehr im Handel. Er wird heute selten gelesen, es gibt keine Biographie über ihn und auch kein nur ihm gewidmetes kritisches Buch, das sein Schaffen beleuchten würde. Möglicherweise aber erleben wir gerade jetzt die Initialzündung zu einem Mittelholzer-Revival, denn Peepal Tree Press hat fünf seiner Bücher in der Caribbean Classics Serie neu aufgelegt. Pamela Hansford Jones schrieb: «Mr. Mittelholzer ist ein derart auffälliger Fisch unter den Schriftstellern, dass man keinem seiner Bücher die Aufmerksamkeit versagen kann.» Die Rezensenten verglichen ihn immer wieder mit Joseph Conrad, James Joyce, Marcel Proust, Virginia Woolf und William Faulkner. Allgemein wurden seine Werke als eigenständige, erfinderische, experimentelle Texte eingestuft. Daneben aber waren immer auch negative Bewertungen zu vernehmen: Kritiker, die seine Nähe zur Trivialität beklagten, seinem Verhaftetsein im Sexuellen, seinem Hang zur Grausamkeit, seine Überbewertung von Abstammung und Vererbung. Darauf zielt Arthur Calder Marshalls Bemerkung ab, sein Werk sei «eher bekannt als angesehen». Mittelholzers Rang innerhalb der westindischen Literatur war nie ganz gesichert. Kenneth Ramchand erwähnt ihn in sei-
nem pionierhaften, frühen Buch über die Literatur Westindiens überhaupt nicht, wohingegen ihm Michael Gilkes beträchtlichen Raum einräumt in seinem The West Indian Novel. In den Büchern West Indian Literature von Bruce King und in Daryl Cumber Dance’ 50 Caribbean Writers ist ihm jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet. In jüngeren Publikationen wie Louis James’ Caribbean Literature wird er immerhin einige Seiten lang abgehandelt. Keith Booker nennt Mittelholzer zwar einen wesentlichen karibischen Romanautor, speist ihn dann aber mit zwölfeinhalb Textzeilen ab. Und Sandra Pouchet Paquet, Alison Donnell und Lizabeth Paravisini-Gebert erwähnen Mittelholzer in ihren neusten Überblickswerken über die westindische Literatur mit keinem einzigen Wort. Umso erstaunlicher ist es aber, feststellen zu können, wie präsent der Name Mittelholzer in den Köpfen westindischer Schriftsteller verhaftet ist. Gerade die Vorlesungen im Rahmen der «Mittelholzer Memorial Lectures» wurden ja oft von Schriftstellern gehalten oder von nebenberuflichen Autoren, etwa von Arthur Seymour, Michael Gilkes, Wilson Harris und Roy Heath. Fast jeder westindische Schriftsteller erwähnt Mittelholzer in seinen Werken, V. S. Naipaul ebenso wie der Nobelpreisträger Derek Walcott. Damit ist nicht nur die ältere Generation gemeint, zu der Salkey, Carew und Lamming gehören, sondern auch jüngere Autoren wie Lawrence Scott, David Dabydeen, Kwame Dawes und Opal Palmer Adisa. Diesen Schriftstellern war die Lek-
türe von Mittelholzers Romanen deshalb so wichtig, weil er das Geschichtenerzählen professionalisiert hatte und weil sein unerschütterliches Vertrauen in die Tragkraft der Kunst sie anregte. Zu weiteren Werken, die Mittelholzer ihren Tribut zollen, gehören Michael Gilkes’ Theaterstück A Pleasant Career, das 1996 mit dem guyanesischen Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Mark McWatt’s Novelle «The Beats of Love» in Suspended Sentences entwickelt Mittelholzers Vermächtnis weiter, schreibt es fort. Und dann muss auch Stanley Greaves erwähnt sein, einer der bedeutenden Künstler im karibischen Raum, der im Juli 2006 eine ganze Ausstellung in der Zemicon Galerie in Bridgetown, Barbados, Edgar Mittelholzer gewidmet hat. Die Hauptaufmerksamkeit der Literaturkritik hat stets Mittelholzers Frühwerk gegolten. Corentyne Thunder (1941), gewissermassen der Grundstein der Romantradition in Guyana, beschwört auf lebhafte, stimmungsreiche Weise das Leben einer mutterlosen indischen Bauernfamilie, erdacht mit der Absicht, das Interesse der Leser in Grossbritannien für den Stoff zu wecken. Der Roman handelt von der Mühsal, die Landarbeit bereitet, vom Kampf gegen die Armut und die Trägheit. Einer der Blickpunkte ist das sexuelle Erwachen der Heldin. Dem steht als anderer Merkpunkt die gegenteilige Ansicht des seinem Ursprung entfremdeten Beobachters Geoffrey gegenüber. Aber das Hauptaugenmerk in diesem Buch gilt der Landschaft mit ihrer eindringlichen Schönheit und ihrer Bedrohlichkeit, unbeeinflussbar
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von zwischenmenschlichen Konflikten. Der literarische Ratgeber The Good Fiction Guide nennt diesen Roman unter den zwölf bedeutendsten Büchern zum Thema der Rassen. Weil einige britische Kritiker die Figuren in Corentyne Thunder als «primitive» einstuften, hat sich Mittelholzer daran gemacht, in A Morning at the Office (1950) die ganze Komplexität der westindischen Gesellschaft aufzuzeigen, in diesem Buch, das sich – als ein Sittenbild – von allen anderen Werken Mittelholzers unterscheidet. Es zeichnet nach, was sich im Büro von «Essential Products Ltd.» zwischen 6 Uhr morgens und der Mittagszeit zuträgt. Im Personenarsenal kommt die ganze Vielfalt der trinidadischen Gesellschaft zum Vorschein, bis hin zu einem
homosexuellen Farbigen. Der Leser erhält so einen Einblick in die ausgeklügelten Hierarchiestufen, in denen Rasse, Hautfarbe und Geschlecht zusammenwirken, und in die komplexen Taktiken, die es einzusetzen gilt, um im Alltagskampf bestehen zu können. Ethnisches und klassenbedingtes Misstrauen sind die Haupthindernisse im Bemühen, normale zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Jede Figur ist sich ihres Platzes in dieser Struktur bewusst und Mittelholzer benutzt dabei individuell abgestimmte Sprach- und Stilformen, um dies zu veranschaulichen. Die gesellschaftliche Unsicherheit des Inders Jagabir spiegelt sich in seinem unentschiedenen Sprachgebrauch. Kurze Passagen des Romans dienen als Rückblenden, die den Hinter-
Buchumschlag der englischen und deutschen Ausgabe des KaywanaRomans. Wie die Grafik zeigt, wird Mittelholzer im englischsprachigen Raum vor allem als Trivialautor vermarktet. Anders in Deutschland: Dort hat der erste Übersetzer von James Joyce Mittelholzers Text ins Deutsche gebracht.
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grund bestimmter Büromitarbeiter erhellen, der von unverhohlenen Verwicklungen in Kolonialismus und Rassismus geprägt ist. A Morning at the Office ist leichte Lektüre, mitfühlend, verständnisvoll und doch distanziert. Als es veröffentlicht wurde, hatte dieses Buch mehr Erfolg und mehr kritische Zustimmung als Corentyne Thunder. Und dies nicht etwa nur unter Literaturkritikern, – ein Anthropologe bezeichnete Mittelholzers ethnographische Schilderungen als «grossartig». Die Kaywana-Trilogie besteht aus effektreich komponierten Romanen aus der brutalen Geschichte Guyanas während der Zeit der Besiedlung und der Sklaverei. Mittelholzer leistete viel Recherchenarbeit (auch in seiner eigenen Familiengeschichte), bis die Zeitspanne von 1612 bis 1932 durchleuchtet war. Er erzeugt eine Mischung aus kraftvollen Schilderungen, fantasievollen Erfindungen, Melodrama, Bilder von erschreckender Gewalt und sexueller Abweichung jeglicher Art. Etliche der Figuren prägen sich deshalb ein, weil sie sich ausserhalb der Norm verhalten. Die Kaywana-Romane entwickelten sich zu internationalen Bestsellern, und nicht wenige Kritiker erachten sie als Mittelhol-
zers wichtigste Werke. Andere Rezensenten wiederum stufen sie als bessere KioskLektüre ein. Irgendwie vermag Mittelholzer nicht, die Welt historisch wahrzunehmen. Sein Hauptinteresse schenkt er der Familie Groenwegel und ihrem Reichtum. Die Rebellion von Berbice und die anderen historischen Ereignisse dienen ihm nur als Hintergrund. Und das heisst auch, dass die Geschichte immer aus dem Blickwinkel des Eroberers, des Herrschenden, geschrieben wird. In diesen Romanen lässt sich Mittelholzers Entwicklung verfolgen. In ihnen sind schon einige der Elemente zu erkennen, die dann seine späten Werke unlesbar machen: etwa der übertriebene, unbedachte Familienstolz, die Vorstellung, dass nur Blutbande zählen und dass die Reinheit des Blutes Stärke bedeute. Einige dieser Passagen machen uns schaudern. Und doch werden sie auf ironische Weise ausbalanciert dort, wo Mittelholzer zeigt, dass «schwache» Charaktere oft erfolgreicher sind als «starke». In seinen späteren Romanen grenzt er sich nicht genügend ab von Rassismus und anderen anstössigen, tendenziösen, extrem politischen oder gesellschaftlichen Standpunkten.
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