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orte 183

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orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 183, Oktober 2015 ISBN 978-3-85830-177-9; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Anne-Marie Kenessey, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr. 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr. 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 60.–   (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr. 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Gestaltung des Umschlags unter Verwendung eines Graffitis von Malik, malikarts.com, das sich am KiFF in Aarau befindet. Copyright der   Texte bei den Autorinnen und Autoren. Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Korrespondenz geführt werden; sie werden nicht zurückgeschickt.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt 3 orte-Editorial

inhaltsverzeichnis Übungsgelände – DER LiTERARISCHE NACHWUCHS orte  4 Einführung

Regina Füchslin

16 Als wäre das ein Gedicht

Daniel Henseler

19 Das Gedicht, von Beruf Traktor und Heuwender

Alexandru Bulucz

12 Wisperzimmer

Marie T. Martin

16 Und leichter Druck unter den Rippen

Noah Schmitz

20 Vergessene Briefe

Annika Schmid

23 28 30 35 38

Playland Lageristen Cowboyleben Der Beste Ich bin Member 11 Mal um die Welt

Gianna Molinari Benjamin Bieri Cédric Weidmann Laura Vogt Bettina Wohlfender

44 45 47

Literaturinstitute Biel Wiebke Zollmann Leipzig André Patten Überlegungen zum Schreiben und Lernen Regina Dürig

49 50 50 52

Schreiben mit Kindern und Jugendlichen In den Schatten der Nacht Schatten Rezept Die eigene Stimme zählt

Liv Antonsen Fatima Arslantas Svenja Herrmann Svenja Herrmann

54 Autorenbiographien 58 63 66 68 70 72 74 76 80

zünd-orte fund-orte orte Bestenliste hör-orte orte-Buchladen orte-Lyrikregal orte-Longseller orte-Agenda orte-Marktplatz

Erwin Messmer Andreas Saurer Charles Linsmayer Peter K. Wehrli

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NEONFISCHE - das Lyrikfestival Lenzburg

SA/SO, 21./22. NOVEMBER 2015 Werkstattgespräche, Lesungen, junge Lyrik u.a.m. mit SABINE GRUBER SASCHA GARZETTI THILO KRAUSE ANN COTTEN ANJA UTLER KLAUS MERZ WOLFRAM MALTE FUES EVA SECK ROLF HERMANN MARKUS HEDIGER CHRISTOPH W. BAUER UELI SAGER ANDREAS NEESER DIETER ZWICKY WERNER MORLANG INGRID ISERMANN KURT DRAWERT U.A.M. ANAGRAMM-WERKSTATT Wettbewerb: Senden Sie uns Ihr Lieblingsgedicht (bis 25.10.)!

Details: www.aargauer-literaturhaus.ch > Programm > Lyrikfestival Lenzburg NEONFISCHE sind wendige, fragile Süsswasserfische, die unterirdisch

geheimnisvoll irisierend leuchten. Bilden sie eine Gruppe, verdichten sich ihre Körper zu immer neuen, kaleidoskopartigen Strukturen. NEONFISCHE versammelt besonders leuchtende Einzeltiere, welche die Grenzen der Sprache ausloten und den Rändern der Poesie entlang arbeiten, um immer neue Klangund Wortkonstellationen aufscheinen zu lassen. Eingeladen sind Lyrikerinnen und Lyriker aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.

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orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Stellen Sie sich vor, es gibt keine Zeitschriften und keine Bücher mehr. Noch schlimmer: Keiner möchte mehr schreiben. Warum? Die Schreiber der schönen Worte sind ausgestorben, es gibt keinen Nachwuchs mehr. Keine Gedichte mehr, in denen eine kurze Zeile unendlich sein kann, keine Geschichten mehr, die vor ihrer Lektüre unvorstellbar waren und keine geschriebenen Wörter mehr, so als seien sie noch nie geschrieben worden. Zum Glück nicht! Monique Obertin, Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin haben in Schreibstuben, Werkstätten und Studieneinrichtungen nachgefragt, wie die Kunst des Schreibens zu erlernen sei und wann ein Text lesenswert ist. Junge Autorinnen und Autoren sowie Dozierende legten ihre Auswahl und Meinungen vor. Anstoss für dieses Heft gab die Zusammenarbeit mit dem Aargauer Literaturhaus in Lenzburg. Die Texte des dortigen Nachwuchsprojektes «Playland» stehen im Zentrum dieser Ausgabe. Neue Stimmen geben bei uns ihr Debüt und freuen sich darauf, von Ihnen gelesen zu werden. Für die orte-Bestenliste haben wir Charles Linsmayer eingeladen, für Sie weitere Lesetipps zu versammeln. Finden Sie in hör-orte heraus, warum Frau Blum den

Milchmann kennenlernen wollte und in Zünd-orte, was Schreibende lieber nicht ausprobieren sollten. Andreas Saurer stellt als Gastredaktor in fund-orte Balthasar Waitz – Die andere Stimme aus Nitzkydorf – vor. Unsere Ausgabe ist gefüllt mit Informationen, Stimmen, Ideen und Entdeckungen rund um das Thema Schreiben. Wir hoffen, Sie freuen sich, die Zeitschrift in den Händen zu halten, wie wir uns freuen, Sie als Leserschaft begrüssen zu dürfen. Vielen Dank für Ihre Nachwuchsbegleitung auf diesen Seiten und vielleicht begegnen Sie dem einen oder der anderen Schreibenden später einmal wieder. Viel Lesevergnügen und beste Wünsche Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt

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Übungsgelände –   Rund eineinhalb Kilometer nordöstlich des Stadtkerns von Aarau liegt in der Flussebene das Telli-Quartier. Sein Kennzeichen sind vier langgestreckte, bis zu 250 Meter lange, terrassenartige Wohnzeilen – auch Staumauern genannt –, in denen rund 2500 Menschen leben. Östlich dieser Grosswohnsiedlung und doch in manchem an einen etwas wilderen Westen erinnernd, erstreckt sich Industrie- und Gewerbegebiet, in dem auch ein Kulturzentrum, Clubs, Lokale und ein Spielsalon – das Playland – zu finden sind. Eine vielversprechende Gegend – so befanden auch die Verantwortlichen des Literaturhauses Aargau und beauftragten unter dem Projektnamen Playland junge Autorinnen und Autoren sich von diesem Areal inspirieren zu lassen. Die so entstandenen Texte von Benjamin Bieri, Gianna Molinari, Laura Vogt, Cédric Weidmann und Bettina Wohlfender bilden den Kern des vorliegenden orte-Hefts. Einige Fotografien, die von einem Streifzug der Redaktion in der Telli stammen, finden Sie als Illustrationen im Heft. Und falls Sie gerne selber einmal vor Ort gehen: Die Texte des Playland-Projekts werden diesen Herbst als «theatrale Nachtschwärmerei» im Telli-Areal zur Auffüh­­-

Einkaufszentrum Telli.

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Foto: orte-Redaktion


DER LiTERARISCHE NACHWUCHS rung gebracht (siehe www.szenart.ch) und in verschiedenen Schweizer Literaturhäusern von den Autorinnen und Autoren gelesen. Rund um den Playland-Kern erwuchs uns im Laufe dieses heis­ sen Sommers ein Heft, in dem noch weitere junge und/oder noch nicht bekannte Schreibende versammelt sind. Wir fragten Regina Dürig vom Literaturinstitut in Biel – eine professionelle Züchterin von Jungpflanzen – über ihre Erfahrungen beim Unterrichten von literarischem Schreiben und erhielten Gedichte von Wiebke Zollmann und André Platten, die in Biel und Leipzig studier(t)en. Kurse und Werkstätten in literarischem Schreiben für die Allerjüngsten bietet Svenja Herrmann an. Ihren Bericht über die Schreibarbeit mit Kindern und Jugendlichen begleiten zwei Gedichte der Oberstufenschülerinnen Liv Antonsen und Fatima Arslantas zu abends aufkommenden beziehungsweise verschwindenden Schatten. Als wilde Samen flogen uns der Text von Annika Schmid und die Gedichte von Marie T. Martin, Daniel Henseler, Alexandru Bulucz und Noah Schmitz zu. Fünf sehr verschiedene Pflanzen! Man könnte vielleicht sagen: eine glänzende Silberdistel, feines Wollgras, weisse Kirschblüten, eine knallrote Geranie und dunkle Rosen. Regina Füchslin

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Daniel Henseler

«Als wäre das ein Gedicht»

Daniel Henseler

leichtsinnig weissgewandet steht der kirschbaum im frost (sonntag morgen im april) *** das blatt hat sich gewendet verwundert promeniert die krähe im schnee

(am nächsten morgen)

*** launische landschaft wieder verzweigt sich der pfad die wolken ziehen (mariä himmelfahrt)

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januar 2011, bukarest andächtig sitzt avicenna auf seinem sockel im park und träumt von einem arabischen frühling in der kirche alt sankt elefterie schläft ein aufgebahrter bevor er hinübergeht während eine messe für gehörlose im gang ist ich ziehe weiter versinke in die betrachtung der schuppendächer unter der wintersonne manchmal stürzen eiszapfen herab tanzen mit mir um den tag fern an der donau schlummert ein fischer wirft in gedanken das erste netz aus *** zum ersten advent klopft ein später specht die letzten käfer aus der ulme ich aber poche auf besinnlichkeit an den abenden lasse kerzen abbrennen faste still in allen vorhaben leicht wie blumen aus stroh werden meine gedanken unterdessen versetzt ein schneegestöber die welt in die minderheit *** jähe erinnerung nur wenig unter uns liegt das fischerviertel der platz ist ein mosaik aus farben und stimmen und der müden geschäftigkeit des späten nachmittags wir haben den rückweg verloren von den iznik-kacheln der moschee und sind in den hängenden hinterhöfen istanbuls gestrandet wir suchen verstört nach einem brunnen tasten nach unseren schläfen kaufen eine cola im laden

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genius loci immer derselbe flecken stadt gleich am bühlplatz auf dem trottoir im grünen rausch des frühlings oder im weinmonat wo mir plötzlich ein blütenblatt vor die füsse fällt eine buchecker, eine quitte, der ruf einer mutter durch das fenster, das geschwätz der krähe als wäre das ein gedicht

anfang vielleicht der mohn in den feldern umbriens damals in jenem frühsommer als wir zum heiligen franz und den klängen der italienischen sprache pilgerten

Telli, Aarau.

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Foto: orte-Redaktion


Alexandru Bulucz

«Das Gedicht, von Beruf Traktor und Heuwender»

Alexandru Bulucz

Die Wolke im Namen I und wenn die Worte Wolken sind werde ich ab heute meinen Kopf in ihnen tragen aus allen Wolken fallen   wie Regen im Wolkenkuckucksheim leben und nur noch von Wolkenkuckucksheim reden am Tag meine Zunge hüten und in der Nacht über alle Wege meinen Reif streuen den Wind suchen dass er mir die Flugblätter verteilt fallen lässt bis der Gesang mit Voraussicht wieder anhebt aggressiv all is almost Vielleicht liegst Du richtig. In meine Welt darf man nicht. In meiner Welt darf man nicht schreiben. Das Wort Erinnerung dürfte’s nicht geben. Auf der Couch dürfte niemand liegen. ER sagt nichts, ER müsste nichts sagen, sein Bein überschlüge sich zu einem Standbild aus Fragen, zu einem aus Krampfadern. Alles, selbst das Vergessen, erinnert an die Form des Erinnerns. Das Wort Zukunft dürfte’s nicht geben. Hülfe ein Rückzug zur Mitte des Schweigens? Zwischen gestern & morgen liegt Tau, der später zum Seil mutiert. Das Wort Ziehen dürfte’s nicht geben. Zwischen gestern & morgen liegt Tau. Wäre das & das Ende, eine hohe Stirn, eine hohe Mauer, und ich ein Stein darin! Wäre dahinter nicht nichts! Alles ist fast wie nicht sprechen. Vor dem Tauziehen reißen die Fasern. Alles ist fast wie nicht sprechen.

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Gastritis (Celan mit Clownmaske) Gast, tritt ein, tritt nach. Mit Krudem sei der Magen genährt, darin die Hungernden und Hungergrübchen Lach-gesichter schnitzen. Mit Krudem und ansonsten nichts. Durchsäuert im Gerücht des Gebölks die Sippe der Hungertuchnager und Wolkengeschwister. Krawattiert und hintangestellt in der Sodbrennerei das Sinngeschrei. Und aufgezogen sei die Unruh, die Uhr … … die Zeit, die rhythmusscheu bleibt. Denn wir essen das Krude und essen selbst das erfrorene Stachelgespräch. Der Mantel Im Heu, in das das Wort tief hineinsteht, forkeln nun so ziemlich alle. Der gierige Wind tut sein Übriges, das Gedicht, von Beruf Traktor und Heuwender, auch. Die Rinder und die Pferde treten in den Hungerstreik, zu viel Kumarin, treten Heu mit Füßen, gehen auf den Ballen, wollen Dornauszieher sein, doch vom Wort kein Wort und keine Spur. Als Fabelwesen, walkend, scheiden sie Fladen aus wie letzte Stoßgebete, verfilzen sich mit Heu und eigenem Mist zu einem Mantel, einem zottigen Mantel, kumarinig duftend und nach Ammoniak, bei dem ich Zuflucht suche, und nach schütterer, zotiger, ruppiger Sprache, mit der ich reimend fluche.

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Naphthalin Hineingemottet in die Trug, in den Schwindel der Anziehung. Das Neutrum der Haltbarkeit roch nur – Grenzen ungeahnt. Es band ohne Binde – das Unenttropfte des Schlafs, gewächshäuslich, schlief in den Blumen. Schleimhaut, zu wenig gesalzen, in die Schwebe verschifft – das zu erweinende Glück schob mich auf. Das samtige Gespräch der Nachtfalter, der Naphthalingeschmack im pelzigen Rachen der Nacht, ein Unbekanntes.

Sitzgelegenheit in der Telli.

Foto: orte-Redaktion

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Marie T. Martin

Wisperzimmer

Marie T. Martin

Ist das nicht Leidenschaft ein Dach blau anzustreichen und darunter zu wohnen ist das nicht Leidenschaft alle sieben Mardersprachen zu lernen nachts Botschaften abzuhören in den Hinterhöfen sofort erleuchtet zu werden beim Anblick einer Amsel ist das nicht Leidenschaft auch die Handflächen blau zu streichen auf ein Hochhaus zu steigen und von dort dem Himmel zu winken *** Lesen wir uns gegenseitig aus der Hand auf Herz und Nieren geprüfte Fakten: ein langes Leben wechselnde Stimmungen Blutströme und Balkone von denen man sich abseilen könnte wenn die Wahrsagerin versagt verspricht sie doch Reichtum wenn die Münzen auch klein sind und Liebe wenn auch nur nächtekurz oder Jahre Jahrzehnte irgendwann ist jeder Balkon mit Grünpflanzen vollgestellt lesen wir uns ein paar Kinderbücher vor seltsam dass man früher Menschen malte als Striche und Kreise lesen wir uns gegenseitig die guten ins Töpfchen Tage an denen man keine Wahrsagerin braucht denn man findet Hinweise auf Bierdeckeln in Wolken auf Pflastersteinen lesen wir uns den Wetterbericht vor

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*** Der kürzeste Tag im Jahr ist so kurz dass du einmal die Augen öffnest und schließt: Garagentore und dort am Boden ein Rest der Nacht: ein schwarz gestrickter Handschuh aus Wolle der kürzeste Tag im Jahr hat einen sehr wolkigen Himmel und wenig Geräusche: das Rascheln der Jackenärmel Motoren und Krähengekrächz der kürzeste Tag im Jahr legt mir den Arm um die Hüfte: dein Atem die Schritte am Bahnübergang für Sekunden *** Hege das Licht ziehe den Vorhang vor damit der Tag sich auf die Dinge legen kann: Brillenetui Birnenstiel Kaugummisilben auseinander gezogen vom Vortag alter Geschmack wie von Krankheit fändest du die Brille du könntest sehen woraus das Licht gemacht ist hege das Licht sammle es in den Windungen des Kopfes des Koffers die Funken in den umliegenden Fenstern für das sonderbare Sammelalbum stammle nicht wenn du gefragt wirst öffne die Tür für spärliche Lichtspäne aus dem Treppenhaus hege das Licht schließ es in Keksdosen Brotkästen sähe es täglich unter jedem Rippenbogen

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*** Und übten doch den Takt an Land und wollten doch notieren was der kalte Wind zupft in den Pflanzungen der Verkehrsinsel und hatten doch gelernt Schritte zu gehen rückwärts damit man wieder schauen kann oder auf einem Teller schlafen und übten doch das seitwärts Gehen in den Nebenstraßen wo immer ein paar Läden zu sind niemand fegt und lernten doch ein Stück Papier nicht zu verwechseln zwischen meinem Viertel und deinem Drittel ist eine Straße zu kurz um darauf zu tanzen und übten doch den Takt des Atmens zählten Autoreifen Imbissbuden die Sichel irgendwie bekannt nur etwas scheint zu fehlen und übten doch den Takt an Land und wollten doch nicht schweigen Die Gedichte sind alle dem Band Wisperzimmer entnommen, der 2012 im Verlag poetenladen in Leipzig erschienen ist

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Telli, Aarau.

Foto: orte-Redaktion

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Noah Schmitz

«Und leichter Druck unter den Rippen»

Noah Schmitz

Auf was für Beinen stehst du? Stehst so standhaft. Aber dein Stand hat was von Sand Und dein Name ist bekannt. Ich glaube, du weist von der Hand was du geleistet hast am Mann. Für dich ist nichts an dir die Stärke, mit der wir altern. Und dein Brustbein braucht seine Härte Es könnte dein Herz sonst nicht halten. Durch die ganze Schwere muss man wie mit einer Schere schneiden aber dein Herz ist gut und der Weg dorthin braucht Mut.

Deine, meine Stimmen in diesem klaren Dunkel dem nur wir eine Heimat geben, sind wie Wälder, die mit stolzem Schweigen nochmals tief ihr Alter zeigen eh wir sie betreten. In jedem Ast ist wie mit einem Weben all das was wir mit unsren Klängen, die sich für einmal frei aneinanderdrängen, reden. So muss es ein Baum sein den wir mit unseren Gesängen aus der Erde heben.

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Dich in die Feder bewegt aufs Papier gedreht Was wird aufgesogen, was trocknet nur oben? Wie eine gewaschene Traube liegst du mir in der Hand. Ein wenig kühl ein wenig Wasser Zucker klebrig eine Spur und nur nur eine Schrift auf dem Papier so schwer von dir und duckend.

Unsereins weiss Von der Unsicherheit Aber davon sprechen Wird keiner. Lieber erbrechen in die Eimer Aus denen man das Bier trinkt. Aber Erwartung macht sich breit in der spannungsgeladenen Leere Was sie für Musik höre sei eine dumme Frage, meinte sie Aber ich schwöre Wenn ihr Freund sie verlässt weint sie. Und unsereins will sich nur gehen lassen Aber Gehenlassen macht Leere Und für ebendiese Leere sucht man sich das Schwere Und füllt sie damit an. Denn um von entschärfender Plattheit abzulenken Muss man sich schwerwiegende Abfassungen erdenken Wie zum Beispiel die Unfähigkeit zu lieben oder geben. Schön bereitet mit schuldbewussten Blicken Aber daran ist ein Ersticken Und wer nicht geben will soll aufhören zu reden.

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Man will lieber an flachen Wassern walten Ein paar Wellen machen um nicht zu altern Und die See kann zwar stürmen und du ersaufen Aber mit Ertrinken kann man sich ja Verständnis kaufen. Und unsereins hat dem Nächsten alles geraubt Ihm in den Bauch getreten und am Geschlecht gesägt Fast stolz sagt man: Ich habe Scheisse gebaut. Aber für Einfühlen war es schon von Anfang an zu spät. Wieso sollte man auch rein, wenn man eh schon weiss, dass man (wieder) geht? Und für alles Wichtige gilt wie bei einer Wächte aus Schnee: Achtung Lawine.

Meine Beziehung zur Zeit ist all das: Gemälde mit Landschaften Und Landschaften wie Gemälde Und weibliche Züge für Arme mit hervortretenden Adern Dann Bücher Ein Stift Ein kleiner Nagel in der Brust Und leichter Druck unter den Rippen Ein Aufwärtsgehen und zugleich Ein Kippen in Landschaften Wo weibliche Züge Beschrieben auf Papier Durch die Luft Nicht wirbeln Sondern tanzen.

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Der Zukunft entgegen, gemalt von Annika Schmid.

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Annika Schmid

Vergessene Briefe

Annika Schmid

So endete es dann also. Schon wieder. Die Wintermonate, wo alles Leben sich in die Wurzeln zurückzieht, sind oft die letzten, die unsere Patienten erleben. Manchmal, so scheint es, ist es die Einsicht der eigenen Einsamkeit, die besonders zu dieser Jahreszeit ihre endliche Wirkung entfaltet, manchmal ist es schlicht und einfach ein Virus, der zuschlägt und die flackernde Flamme löscht. Manchmal ist es ein Fallen, eine kleine Unachtsamkeit, die einen Zacken im Räderwerk abschlägt. Zacken, die bereits brüchig gewesen sein mögen, aber trotzdem stoisch dem Rhythmus der Spiralfeder folgen. Bis irgendwo ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt. Es ist nicht der Kampf gegen Bazillen, den Johanna verloren hat. Ihr Körper hat schlicht vergessen zu leben. Noch gestern hat sie mich mit ihren dunklen Augen angesehen, mich damit festgehalten und dabei so vieles gesagt, dass ich mich trotz meines gedrängten Dienstplans hingesetzt habe, um einfach ihr Gegenüber zu sein. Sie liegt da auf der Seite und hat die Hände nahe beim Kinn, wie ein Baby im Mutterleib, und erzählt mir mit ihrem liebevollen Blick Geschichten. Ohne Worte, denn die hat sie schon seit längerer Zeit verloren.

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Eiszeiten Es war Glück, dass ich einen dieser Momente erwischt hatte. Denn manchmal schien sich nach einem kurzen Blinzeln ein eiskalter Vorhang über Johannas Augen zu legen. Im selben Moment wurden die Fenster von Kristallen heimgesucht, die sich glitzernd übereinander lagerten, sich stetig vermehrten und bald die zwei grossen Fenster zudeckten, unbeachtet der Temperaturen, die draussen vorherrschten. Dann kroch die Kälte als grauer Schleier von aussen ins Zimmer. Sie kroch über den Fenstersims, türmte sich vor dem Blumentopf auf, um ihn zu verschlingen und weiterzukriechen. Sie umschmiegte sanft eine Vase mit holländischen Zuchttulpen, um sie zu erobern und vor Kälte erstarren zu lassen. Dann glitt der Frost weiter, vom Fenstersims auf den Boden hinunter, deckte alles Bodennahe ab und stieg an Johannas Bett hoch. Das Metallgerüst des Pflegebettes wurde noch kälter als es sonst schon war, und meine Atemstösse waren sichtbar als weis­se Wolken. Die Bücher, das Wasserglas, die Bedienung des Bettes, alles wurde mit Reif überzogen. Johanna wehrte sich nicht, wenn die Kälte Besitz von ihr ergriff. Da war kein Zurückziehen der Hand,


die unter der Decke hervorschaute, kein Anzeichen eines Fröstelns, eher empfing sie die Kälte wie einen alten Freund. Ihr Körper, der sonst in steter Anspannung verharrte, liess los. Sie entrückte mir vollends. Instinktiv zog ich ihr die Decke bis ans Kinn, während ich hilflos am Fluss stand, zusah, wie er verwelkte Blätter kreiselnd mit sich zog. Die Sonne schien und liess Feen aus dem Fluss aufsteigen. Es war frostig. Ich kniff meine Augen zusammen, um besser in die Ferne sehen zu können. Das hohe Gras auf der anderen Seite war braun. Grau. Weit weg. Und wie alles war es überzogen mit Reif und kleine Kristalle funkelten in der Sonne, mir entgegen. Die Wedel des Schilfgrases, weiss und flauschig, tanzten mit der frischen Brise, welche mir meine Zehen in den weissen Birkenstöcken vollends gefror. Ich hielt meine Hand gegen die Sonne, um nicht geblendet zu werden. Dort müsste Johanna doch sein? Dort drüben, auf der anderen Seite? Aber das Einzige, was ich sah, war Schilf, welches sich bewegte. Gelb leuchteten die paar Lärchen inmitten der nackten, braunen Gerüste der Laubbäume und der knorrigen Fichten. Die stete Rückeroberung des Flusses Freiheit war am ganzen Ufer entlang zu sehen.

Ganze Bäume waren bereits abgestürzt und die Wurzeln ragten wie Hände aus dem Wasser. Die Freiheit brachte dem Fluss das Singen bei und er trachtete nach weiteren Eroberungen. Das Ufer wurde immer mehr unterspült und mit jedem Hochwasser wurden Kiesbänke verschoben oder neu erschaffen. Jedermann musste sich neu orientieren. Die Silhouette am anderen Ufer schien ihren Wintermantel weiter zuzuknöpfen. Ich hob meinen Arm, winkte und rief nach Johanna. Einmal, zweimal. Nichts. Bald war ich mir dann nicht mehr sicher, dort drüben eine Person zu sehen. Umrisse waren unscharf und die vermeintliche Person war bewegungslos, starrte nur scheinbar zu mir herüber, ohne Notiz zu nehmen. Nichts suchend, nichts erwartend. An den gleichmässig entstehenden Wölkchen erkannte ich Leben, und noch einmal rief ich. Schrie. Warf einen Stein in die Flussmitte – weiter kam ich nicht –, aber Johanna sah durch mich hindurch, sofern sie es dort drüben war, sofern dort überhaupt noch ein Mensch stand. Ich entzog mich der Kälte. Ausschnitt aus einem unveröffentlichten Prosa-Manuskript

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