Skip to main content

orte 182

Page 1

orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 182, Juli 2015 ISBN 978-3-85830-176-5; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Anne-Marie Kenessey, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr. 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr. 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 60.–   (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr. 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung und Titelfoto: www.designalltag.ch Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Korrespondenz geführt werden; sie werden nicht zurückgeschickt.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt 3 orte-Editorial

orte  4 inhaltsverzeichnis Szenen eines Road-Movie-Daseins

Amadé Esperer

Schreibzündungen

8 Einführung

Susanne Mathies, Viviane Egli, Erwin Messmer

10 Kunst inspiriert Kunst

Svenja Herrmann Sascha Garzetti Joanna Lisiak, Robert Walser Gottfried Keller

16 Natur beflügelt

Joanna Lisiak, Sascha Garzetti Joachim Ringelnatz Sabine Reber, Max Huwyler Andrea Maria Keller

34 Inspiration durch Arbeit – Inspiration ist Arbeit

Silvio Blatter, Martin R. Dean Alexandra Lavizzari Ulrike Ulrich, Ruth Loosli Melchior Werdenberg Simon Froehling

46 Der verlorene Musenkuss

Max Huwyler, Robert Cohen

50 Autorenbiografien 52 Siegertexte vom Thuner Literaturfestival

Patricia Büttiker Désirée Scheidegger Bernd Marcel Gonner

59 Nachruf auf Bruno Schnyder

Barbara Traber

62 65 67 72 75 77 79

Roman Banzer Peter K. Wehrli

orte-Bestenliste hör-orte orte-Buchladen orte-Lyrikregal orte-Longseller orte-Agenda orte-Marktplatz

1


orte – garantiert gute Krimis!

Pia Hürlimann wird in Zürich Zeugin eines Entreissdiebstahls. Eine gefundene kleine Silberfigur des indischen Eleffantengottes Ganesha bringt sie in immer grössere Schwierigkeiten. Ein Krimi abseits des Gewöhnlichen.

Eines Morgens liegt der Erbe der Dorfsägerei erschlagen unter einem Wegkreuz. Dieser atmosphärisch dichte Dorfkrimi entfaltet subtil das Geflecht aus Abhängigkeiten und kleinen Lügen, in das die Menschen verstrickt sind.

In einem Landgymnasium geschehen unheimliche Dinge. Der Krimi mischt Spannung mit Elementen einer stimmungsvollen Schauergeschichte und schafft so einen hintergründigen psychologischen Roman ganz neuer Art.

Susanne Mathies Taubenblut in Oerlikon 115 × 180 mm

Duri Rungger Kein Fall in Disentis? 115 × 180 mm

Virgilio Masciadri Dämonen im Murimoos 115 × 180 mm

248 Seiten, Fr. 26.– ISBN: 978-3-85830-165-9

200 Seiten, Fr. 26.– ISBN: 978-3-85830-161-1

216 Seiten, Fr. 26.– ISBN: 978-3-85830-150-5

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder beim orte Verlag, Im Rank 83, 9103 Schwellbrunn, Tel. 071 353 77 55, verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

2


orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Zünden Sie in der sommerlichen Grillsaison ab und zu ein Feuer an? Mit Hilfe von Holzwolle, zerknülltem Zeitungspapier oder im Wald gesammeltem trockenem Kleinholz in geordneter Schichtung? Oder braucht es einfach ein kühles Bier in Griffnähe und den Duft nach Sommer in der Luft? Vom Anfeuern handelt auch unser Sommerheft. Denn was beim Grillieren die Zündwürfel, sind beim Dichten die Schreibzündungen. Unsere Redaktion fragte vierzehn deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Schweiz, wie ein kräftiges Schreibfeuer mit lang anhaltender Glut zu entfachen sei. Die Einsendungen sind vielfältig: Kunstwerke, die Natur oder der schlechte Zustand der Welt befeuern die einen. Andere warten den Gang der Einfälle durchs Unterbewusste ab oder bearbeiten täglich ein fixes Wörterpensum. Manche brauchen eine Tasse Kaffee und einen weichen Bleistift. Einige schöne, aus inspirierter Schreibar-

beit hervorgegangene Texte finden Sie rund um diesen Thementeil. Entdecken Sie Gedichte von Amadé Esperer aus Würzburg und Ausschnitte aus den drei Texten, die beim Schreibwettbewerb des Literaturfestivals Literaare in Thun ausgezeichnet worden sind. Von einem, der langsam schrieb und trotz längeren Unterbrüchen in seinem Schaffen überzeugt war, dass «Schreiben leben ist und umgekehrt», berichten wir im Nachruf auf den im März verstorbenen Schriftsteller Bruno Schnyder. Wir laden Sie ein ins Erzählcafé im Labyrinth, in den Botanischen Garten von Zürich oder auf eine Sommerreise nach Weimar. Wir wünschen Ihnen einen rundum schönen Sommer und eine kurzweilige Ferienlektüre. Beste Wünsche Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt

3


Szenen eines Road-Movie-Daseins

Amadé Esperer (zweihundert Jahre nach W. A. Mozart geboren), führt geografisch eine Art Road-Movie-Dasein zwischen Süd-, Mittel-, Norddeutschland und den USA, mental zwischen zahlreichen Literaturzeitschriften & Anthologien. Er schreibt in Deutsch, Englisch & Italienisch. Zuletzt erschienen der Band Sphärische Lyriden, der eine Sammlung überwiegend deutscher Gedichte des Autors enthält, sowie die von Esperer herausgegebene, Lyrik und Kurzprosa versammelnde Anthologie Worte, Welten, Wirklichkeiten. Neue Texte des Autorenkreises Würzburg im Hofmann-Verlag, Gemünden am Main.

Amadé Esperer

My Dear One is mine as mirrors are lonely … W. H. Auden versprechen lässt du dich von mir auch so nehmen im sturm wie die erstgeliebte hinter vorgehaltenem fingerübungszauber entblättern dir die pfirsichhaut zum paradieskern tiefer diesen engen rock von gestern übers knie & schicht für schicht das feste fleisch erkennen das schambefreite lächeln lange taste ich es dir von den lippen aufbrechen allmählich diesen sibyllenlinien entlang mein eigenes im vers dir sprechen

4


stillleben Die tage treiben lose in verdeckten farben schiebt der himmel undeutbare wolken windwärts in den abgrund ein fettes spiel vor meinen augen entblättern sich die quirligen quitten von selbst ich lasse die vermutung fallen da sei etwas zu ändern das licht warf sich schwefelgelb schon auf meine haut

Wir tauchten in die nebelbänke wie in weiche wäsche ein und hielten nichts vom heisseren geschrei der reiher die hatten ihren baum mit exkrementen markiert. Das flussknie schmiegte sich uns laufend an. In den händen wussten wir in den händen hielten sich die taganfänge nur wie scheues reh sie liefen uns davon verstoben in die ecken überallhin, flugsand oder weicher schlick, im abseits vibrierten weidenknospen unsere körper entlang, die morgenmilch noch immer opak.

5


Wir waren spät in den sommer gekommen die tage verbargen schon vieles an frucht durchs fenster sah man noch lange den abschied den krähen & elstern sich nicht geben konnten oder wollten, wir nahmens am rande, zuviel war aufgefaltet an jägerlatein aus den medien blühten hypokotylien elliptisch länglich oval. Nur das wetter war ein profi, der sich nicht für dumm verkaufen liess.

O Fortuna velut luna statu variabilis, semper crescis aut decrescis; vita detestabilis nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem… Carmina burana

O fortuna velut luna… Ich hätte neulich nicht das unkraut jäten sollen so ist mein indexfinger wieder innig parfümiert mit dem wilden geruch nach commencement & frisch getrimmtem rasen vor dem langen gang beim MIT-empfang der mich schlagartig in ekstase versetzte so dass ich raffiniert wie ein curveball der kommilitonin vor mir gefährlich nahe kam (ein home run quasi) als ein gewaltiger heuschnupfen mich überfiel wie eine warnung vor zuviel glück Erklärung: MIT = Massachusetts Institute of T   echnology

6


museumsnacht im flackergeflirre des untergehenden planeten schrumpfen die schatten die langen randsäumigen würfe entfärbter majestäten ziehen laufmaschen in der hand verdämmernde gestik gestern bedeutsam ins aus der text wird wieder autonomes gewebe ohne kontext bleibt alles im schwebestand, hineingelesenes flockt aus wie alter staub auf artefakten befällt vergessen muster bild & zeichen blindenschrift was in ihm steckt erklärungsnot wird auslegware die welt die fliege auf dem teppich schreckt hoch aus dekadenten stoffbereichen

7


Schreib Was ist der Ursprung der dichterischen Inspiration? Eine uralte Frage! Schon in der Antike wird über den «Furor Poeticus» und seine Entstehung theoretisiert und gewerweisst. Auch orte mischt sich nun in diese Diskussion ein. Dafür gibt es einen guten Grund. Immer wieder entdecken wir neue Schriftsteller und Lyriker, die Aspekte des menschlichen Lebens auf innovative und unerwartet bildhafte Art in Sprache umsetzen. Der Leser fragt sich oft, woher die Ideen zu solchen Texten kommen. Vor unserer säkularisierten Zeit ging man von einem göttlichen Funken aus, der die Künstler beseelte und ihnen Ideen einhauchte. Diese Einschätzung scheint jedoch heute nicht mehr so populär zu sein. Wird der Funke durch einen Musenkuss gezündet, durch eine eingehauchte Idee, eine Intuition aus den Tiefen des Unterbewusstseins, durch eine blitzartige Erleuchtung, einen schweren Gedankeneinfall im Schlaf? Oder braucht es gar keine Inspiration, reichen Routine und Selbstdisziplin aus?

8


zündungen orte erbat sich von deutschsprachigen Schreibenden aus der Schweiz Texte zu diesem Thema: Wie entstehen für Sie die zündenden Momente, die Sie zum Schreiben motivieren? Die eingesandten Gedichte und Prosatexte haben wir zu vier Bereichen zusammengestellt. Im ersten und zweiten Bereich sehen wir das Ergebnis von Inspiration durch andere Kunstwerke und durch die Natur. Die Schreibenden des dritten Bereiches hinterfragen die Thematik und den Anspruch «Inspiration», sind aber auf ihre Art und Weise ebenfalls auf der ständigen Suche. Im vierten Teilbereich schliesslich finden wir Schreibende, die jede Art von Musenkuss ablehnen und sich W. Somerset Maughams Diktum anschliessen: «I write only when inspiration strikes. Fortunately it strikes every morning at nine o’clock sharp.» Wir wünschen Ihnen eine unterhaltsame und inspirierende Lektüre.

Viviane Egli, Susanne Mathies und Erwin Messmer


Kunst inspiriert Kunst Die berührende Kraft Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau sagt provozierend: «It is not all books that are as dull as their readers.» Das will wohl heissen, dass wir mehr Gewinn aus Büchern ziehen würden, wenn wir sie mit feineren Sinnen aufnehmen könnten. Unsere Ausschreibung zum Thema Schreibzündungen hat nun gezeigt, wovon wir allen zynischen Äusserungen zum Trotz immer schon überzeugt waren: nämlich dass es nicht nur Menschen gibt, die die Kraft eines Kunstwerkes empfinden können, sondern darüber hinaus auch solche, die durch den empfangenen Funken Feuer fangen. Zwar sind nur relativ wenige Texte in diesem Heft dem Thema «Kunst inspiriert

Giotto: La Strage degli Innocenti

10

Kunst» gewidmet, aber dafür decken sie eine breite Spannweite von Kunstrichtungen und Gefühlen ab. Svenja Herrmann spürt in Giottos Wandfries ein tiefes Entsetzen, das sich nicht beruhigen lässt. Bei Sascha Garzetti schwingen Tranströmers Metaphern zusammen mit den eigenen Erinnerungen. Dass schon die Anwesenheit von kunstnahen Gegenständen wie Buchdeckeln inspirierend sein kann, zeigt Joanna Lisiaks Gedicht. Bei Robert Walser stellt das Lauschen auf Musik eine Verbindung zwischen Poesie und dem praktischen Leben her. Zu guter Letzt freut sich Gottfried Keller darüber, dass Martin Disteli durch seine Karikaturen den Menschen noch postum eine lange Nase zeigen kann. Susanne Mathies


Svenja Herrmann

Schwarze Träne An sich gezerrt hält sie ihr Kind schützend vor Meuchlern neben den kleinen Körpern bleich übereinandergestapelt sie schlafen will ich hoffen sie schlafen will ich die Engel fehlen sie haben hier nichts verloren schwarze Träne

11


Sascha Garzetti

Im Winter 1963 landen die Flugzeuge wie Vögel auf dem See hinter dem Haus und die «Seegfrörni» kommt in den Duden. Zwanzig Jahre später hält Grossvater die Hand aufs Herz. Das Summen geht wie an der Schnur gezogen durchs Skelett. Ich denke daran, als ich Tranströmers Schwarze Ansichtskarten lese. Zwischen geborgten Erinnerungen: fein gespannte Netze darin Zeilen, die ich zeitlebens nicht schreiben werde, die aufscheinen in fremden Sätzen, hasenherzig, zag.

12


Joanna Lisiak

Traum Da waren Stühle aus dem neunzehnten Jahrhundert übereinander gestapelt wie nach einem Konzert. Ich hüpfte im Buchdeckelland mit grünen Creolen an von Buch zu Buch latent betäubt und sakefröhlich. Da flog mir eine Idee für ein Gedicht entgegen sie schwebte in einem bepuderten Windbeutel dahin da war ganz viel Musik und Poesie drin.

13


Robert Walser

Die Handharfe Ich stand in der finsteren, sternenlosen Nacht an einer Strasse, die hinauf ins Gebirge führt. Da kamen mit Musik und lustigem Gespräche drei Knechte oder Burschen an mir vorüber und gingen im kecken Taktschritt weiter. Bald umfing sie die Finsternis, und ich sah schon nichts mehr von ihnen, aber die Handharfe, welche einer von den dreien kunstgerecht spielte, drang zurück aus dem Dunkel und bezauberte mein Ohr. Im Spiel der Handharfe sind bisweilen simple junge Leute grosse Meister. Dieses Instrument bedarf einer starken, festen Faust, und hieran lassen es Burschen aus den Bergen gewiss nicht fehlen. So stand ich denn und lauschte. Der prächtige, königliche Ton, sanft, gross und warm, ging mit den Burschen in immer weitere Ferne. Sie mochten jetzt im Walde angelangt sein, der Ton wurde weicher und leiser, in Wellen stieg er auf und nieder. Ich dachte über einen Vergleich nach und verglich den Klang mit einem Schwane, der tönend durch die Finsternis gleite. Bald war alles still. In den Berggegenden ziehen die Knechte gerne handharfespielend vor die Häuser, in denen ihre Mädchen wohnen. Auch die drei Burschen gingen zu einem Mädchen.

14


Gottfried Keller

Auf Maler Distelis Tod Sie haben Ruh’, die Kutten braun und schwarz, Die Fledermäuse, Raben, Eulenköpfe, Spiessbürger alle mit und ohne Zöpfe, Und was da klebt im zähen Pech und Harz! Er hat sie drangsaliert und liess sie tanzen, Die faulen Bäuche, wie die krummen Rücken, Die dicken Käfer und die dünnen Mücken, Die Maulwurfsgrillen und die Flöh’ und Wanzen! Schaut her, ihr draussen, denen im Genick Der Adler und der Geier Fänge lasten, Schaut dies Gewimmel ohne Ruh’ und Rasten, Den Bodensatz in einer Republik! Solch einen Sabbat wohlgemut zu schildern, Braucht es fürwahr ein unerschrocknes Blut! Nun warf er hin den Stift, nahm Stock und Hut, Und fluchend steht das Volk vor seinen Bildern.

15


Natur beflügelt

Über das Wachsen von Pflanzen und Gedichten Dass die Natur mit ihrem unermesslichen Potential an Schönheit aber auch an Bedrohung in der heutigen Literatur, vor ­allem in der Lyrik, nach wie vor herumgeistert – das Wort soll hier für einmal nicht herabmindernd, sondern wörtlich verstanden werden: die Natur als Geist, der die Poesie durchdringt und beseelt – zeigt sich einmal mehr an einer stattlichen Anzahl von Gedichten, die uns zum Thema Schreibzündungen zugesandt wurden. Die Grenzen zwischen der wahrgenommenen Natur und der Natur des wahrnehmenden und schreibenden Ich sind dabei fliessend. So finden sich namentlich in Joanna Lisiaks sowie in Max Huwylers Gedichten einige schöne Beispiele von Introspektion, die oft bis in das Reich des Halbschlafs und der Träume reicht. Auch das Gedicht von Joachim Ringelnatz spielt mit dieser Vermischung von Innen und Aussen. Durch solche osmotische Durchdringung entsteht nicht selten ein lyrischer Sog, der sich in poetisch spannungsvollen Bildern offenbart. «Um mein Licht zu sehen / muss ich aus mir rausgehen / am besten weit weit hinaus / in die Landschaft gehen/ stehen und sehen mich / in der Landschaft stehend» ( Joanna Lisiak).

16

Von dieser Wechselbeziehung leben auch die lyrischen Gedichte, welche Stimmungen und Farben der verschiedenen Jahreszeiten besingen, wie etwa Sascha Garzettis Wintergedichte, die den Bogen von poetisch auf den Punkt gebrachten Winterbildern locker zur Welt des Schreibens (Postkarten), des Lesens (Tranströmer) und der Zeit schlagen. Überhaupt die Zeit, die Vergänglichkeit, der Tod! Auch sie werden als integrale Essenzen der «Natur» wahrgenommen. «Ich schaue dem Grün zu / wie es wächst (...) / alles gedeiht schneller / wenn ich nicht zusehe» ( Joanna Lisiak). Dem wird auch die Gartenfee Sabine Reber zustimmen können, die bei ihrer Arbeit den Wechsel und die Flüchtigkeit des Daseins jahrein jahraus mit Händen (beziehungsweise mit ihrem legendären grünen Daumen) greifen kann. In ihrem Beitrag schildert sie, wie sie gärtnernd eigentlich auch schreibt – im Kopf nämlich. Die Natur als Inspirationsquelle par excellence, deren Elemente sich jedoch keineswegs eins zu eins in Sprache verwandeln müssen. Und sie wird sich wohl, etwa beim Anblick der genussreif vom Strauch lockenden Himbeeren und Stachelbeeren, mit Max Huwyler fragen: «was wär / wenn amänd / s änd / käs änd / hätt»?


Oberhalb Stettlen

Foto: Mirjam Kaufmann

Diese Elemente hinwiederum dienen auch als Chiffren für ganz andere Bereiche des Lebens. In ihrer poetischen Spurensuche nach dem Entstehungsprozess von Gedichten schöpft Andrea Maria Keller aus dem Vollen der Natur: Die Gedichte «wachsen», sie wachsen «auf sand», sind «wüstenblumen gleich», gedeihen «auf wiesen» , «in mauerritzen», «kiesgruben», «im strassengraben», «wie unkraut». Das «tagediebesgut» dieser Dichterin verdankt sich nicht zuletzt ihrer Fähigkeit, die schönsten Blüten der Natur klammheimlich «abzustauben», um sie der suggestiven Poesie ihrer Lyrik dienstbar zu machen. Erwin Messmer

17


Foto: Erwin Messmer

Joanna Lisiak

Ich stehe in der Landschaft Die Geschichte ist simpel. Bin mein eigener Leuchtturm. Um mein Licht zu sehen muss ich aus mir rausgehen am besten weit weit hinaus in die Landschaft gehen stehen und sehen mich in der Landschaft stehend.

18


Foto: Erwin Messmer

Träumen Nicht reden. Blasen machen. Luft schmücken mit Luft. Kopf auf Durchzug schalten. Bilder rollen. Flocken träge wirbeln. Auf Farbklecksen nicht grösser als ein Kinderfingernagel Halt machen. Tief durchatmen. Ruhig verhalten. Als ewiger Punkt geschwellt in einer blühenden Spirale entspannen. Sanft segeln.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook