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orte 181

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orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 181, Mai 2015 ISBN 978-3-85830-175-8; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Anne-Marie Kenessey, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr. 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr. 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 60.–   (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr. 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Designalltag Rinderer, CH-8400 Winterthur (unter Verwendung einer Fotocollage von Annekatrin Ranft-Rehfeldt, Dietikon) Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Korrespondenz geführt werden; sie werden nicht zurückgeschickt. Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt 3 orte-Editorial

orte inhaltsverzeichnis

Warum bloss diese Liebe zur Literatur?

4 Einführung

Regina Füchslin

8 Langsamer fällt uns der Tag aus der Hand

Barbara Traber Claudia Masciadri Claudia Storz Ueli Schenker Cornelia Strebel-Masciadri Rosemarie Egger

25 Die Metaphysik des Aristoteles auf den Knien

Raphael Schwitter

32 Was ist schon die Weite des Weltalls gegen den Abgrund zwischen zwei Sprachen

Vera Schindler-Wunderlich

36 Unter dem Wortgebüsch im Laub deiner Verse

Annekatrin Ranft-Rehfeldt

50 Ein Mord am Anfang, eine Auflösung am Schluss … Barbara Traber 54 Und trotzdem blätterst du wieder in Manuskripten     74 77 79 81 83 85 87

zünd-orte hör-orte orte-Bestenliste orte-Lyrikregal orte-Longseller orte-Agenda orte-Marktplatz

Duri Rungger Max Huwyler Clemens Umbricht Erwin Messmer Liliane Studer Eva-Maria Berg Annette Hövelmann Susanne Mathies Peter K. Wehrli Katharina Kienholz

Die Texte, bei denen kein Autorenname genannt wird, stammen alle von Virgilio Masciadri.

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Einladung

zum Gedenkanlass für Virgilio Masciadri (1963 – 2014) Literarisch-musikalischer Abend Mittwoch, 6. Mai 2015, 19.30 Uhr, in der Aula der Alten Kantonsschule Aarau, Bahnhofstrasse 91, 5000 Aarau

Freitag, 22. Mai 2015, 19.30 Uhr, Alte Stuhlfabrik Herisau – Das Kleintheater, Kasernenstrasse 39a, 9100 Herisau Rezitation und Gesang Cornelia Strebel Masciadri Musik Werner Schmid, Klavier Einführung Dr. Raphael Schwitter Büchertisch. Eintritt frei.

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orteeditorial Liebe Leserinnen und Leser Das Vermächtnis eines Dichters ist sein Werk – und dieses Heft ist dem Schaffen Virgilio Masciadris gewidmet. Am 8. Mai 2015 wird es genau ein Jahr her sein, dass er im Alter von 50 Jahren starb. Er war Herausgeber dieser Literaturzeitschrift und deren Redaktionsleiter. Gerade in den letzten Monaten seines Lebens gestaltete und plante er intensiv die Zukunft, hatte visionäre Ideen und regte neue Kontakte an. Der Fortbestand und die Entwicklung von orte waren ihm ein grosses Anliegen. Sein Ideenreichtum, seine Ironie und seine Fröhlichkeit leben in seinen Texten und der Redaktionsgruppe weiter. Masciadris Lyrik und seine Liebe zur Literatur stehen im Mittelpunkt dieses Gedenkheftes. Freunde, Freundinnen und Weggefährten kommen zu Wort und lassen uns den Autor besser kennenlernen. Die Erinnerungen seiner Mutter und Schwester zeichnen ein bewegendes Bild des vielseitig Begabten. Die Zeit läuft zu schnell, und doch bleibt sie ab und zu stehen. Einen kurzen Moment lang, um zurückzublicken. Um zu erkennen, wie es vorwärtsgehen kann. In dieser orte-Nummer können Sie in Vergangenes eintauchen und Vergessenes neu entdecken. Blättern Sie, wie in einem Daumenkino, durch Masciadris Verszeilen an den Rändern dieses Heftes. Entde-

cken Sie die Erinnerungen der orte-Redaktion an Masciadri und finden Sie unveröffentlichte Lyrik und Prosa des ­Autors. Im zweiten Teil des Heftes beschreibt Redaktorin Susanne Mathies in der Rubrik zünd-orte Erfahrungen im Umgang mit Verlagen. Anregende Ideen für Schreibende bietet der orte-Marktplatz, wenn zum Beispiel gestrichene Adjektive oder wohltuende Substantive gesucht werden. Ein Blick in unsere orte-Bestenliste lässt Sie ganz persönliche Le­se­tipps finden, die nicht von Verkaufszahlen oder Medienberichten abhängen. Des Weiteren zeigt unsere orte-Agenda Ihnen vielfältige Möglichkeiten, Literatur an anderen Orten zu begegnen. Wir freuen uns, dass wir, die orte-Redaktion, ein neues Zuhause unter dem Dach des Appenzeller Verlags gefunden haben und danken allen Mitwirkenden für ihre Unterstützung im vergangenen Jahr. Lesen Sie durch dieses Heft – entlang einem Gedicht, einer Zeile, einem Wort. Beste Wünsche Annekatrin Ranft-Rehfeldt, Barbara Traber und Regina Füchslin

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Warum bloss diese Ein orte-Heft für Virgilio Masciadri Meinen Garten bewohne ich gemeinsam / mit fünf Katzen von denen keine / mir gehört mein Besitz / besteht nur aus Eidechsen (...) / ihre Art zugleich / auf sich aufmerksam zu / machen und zu ver- / schwinden erweckt meine Zuneigung (...), heisst es in Virgilio Masciadris Gedicht Bestiarium domesticum und von solcher Art war er auch selber: Er machte mit guten Texten auf sich aufmerksam und hielt sich gleichzeitig im Hintergrund. Falls Sie ihn manchmal fast etwas zu sehr aus den Augen verloren haben sollten, schafft das vorliegende orte-Heft Abhilfe: Es versammelt ein Jahr nach Virgilio Masciadris Tod Erinnerungen an diesen vielseitigen Menschen: den Lyriker, Wissenschaftler, Verleger, mit seiner Gedankenfülle und Klarheit, mit seinem Schalk und seiner Widerspruchs- und Diskutierfreude. Diese Vielheit der Interessen und Begabungen manifestierte sich auch in seiner hellen Dachwohnung in Aarau in Form von grossen Schreibtischen: einen für seine wissenschaftlichen Forschungen, einen für seine private Schriftstellerei und einen dritten für die Arbeit an den orte-Heften und -Büchern. Im ersten Kapitel lassen Virgilio Masciadris Mutter, seine Schwester und seine Freunde die letzten Lebensjahre, aber auch Kindheit und Jugend von Virgilio aufleben. Es ist die Rede von seinem Ideenreichtum und grossen Wissensdurst – er wurde in der Familie «der kleine Professor» genannt –, von seinem Interesse an Theater, Musik und Lektüre aller Art und von seiner Liebe zur Natur. Besonders die Landschaft um den Comersee, wo Virgilio im Haus der Familie Masciadri in Blessagno viele Sommer verbrachte, war ihm ans Herz gewachsen. Einige Zeich-

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Liebe zur Literatur? nungen dieser Gegend, von Virgilio Masciadri selbst angefertigt, illustrieren dieses Heft. Zu erfahren ist auch, dass er sich auskannte mit dem Zugfahren, ebenso wie mit Torten und Salami (wobei die kulinarischen Kenntnisse sich auch in seinen Werken zeigen, betreffen doch zum Beispiel ein Viertel der Worterklärungen in seinem Krimi Schnitzeljagd in Monastero italienische Speisen, vor allem süsse). Ein zweites Kapitel ist Virgilio Masciadris wissenschaftlichen Forschungen gewidmet, denn der kleine Professor wurde ein grosser. Er befasste sich als Altertumswissenschaftler vor allem mit den Strukturen von Mythen, Sagen und Märchen. Genaueres über seine Arbeit an der Universität erklärt Raphael Schwitter, der den wissenschaftlichen Nachlass betreut. Als Beispiel für eine wissenschaftliche Arbeit von Virgilio Masciadri haben wir einen Ausschnitt aus seinem Beitrag zum Sammelband Zürcher Mercuriositäten ausgewählt, in dem den Spuren, die der antike Gott Merkur/Hermes in Zürich hinterlassen hat, nachgegangen wird: Hermes. Ein vielgestaltiger Gott der Antike ist eine Einführung in die Welt des antiken Hermes. Ebenfalls aus Virgilios Feder stammt der angriffige Text Liebesgrüsse aus der Datenbank über die Administration der Universität beziehungsweise deren Aufforderung, Forschungsprojekte (oder gar sich selber?) in einer Datenbank zu verzeichnen. Im Nebenberuf bin ich für ein wissenschaftliches Institut tätig, schreibt Virgilio allerdings in diesem Text zur Datenbank – im Nebenberuf – und schon im ersten Gedichtband von 1992 heisst es: Vielwissen ist nicht Weisheit / Wissenschaft ohne Bewusstsein / ist


Virgilio an einem seiner Schreibtische in seiner Wohnung in Aarau

nichts als Verderb der Seele und das Herz / hat Gründe die der Verstand / nicht zu ergründen vermag. Virgilio, der Spaziergänger, durchwanderte seine Lebenslandschaft nicht nur in einer Richtung. Er kam weit herum, vernachlässigte auch abgelegene Gebiete nicht und trieb seine Forschungen noch auf ganz anderem Feld als dem universitären voran. So ist das Zentrum des Hefts Virgilios literarischem Schreiben gewidmet: seinen Übersetzungen, Kriminalromanen und vor allem seinen Gedichten. In diesem Teil findet sich ein Beitrag von Vera Schindler-Wunderlich über einen Übersetzungsspass, den sie und Virgilio sich mit der Landesregierung erlaubt haben. Weiter ein Ausschnitt aus dem 2013 publizierten Kurzkrimi Goldene Schildkröten, in dem der Privatdetektiv Hottiger in der getäfelten Weinstube am Central die Ruhe findet, um bei einem Zweier Dôle seine Gedanken zu ordnen – bekanntermassen das Stammlokal der orte-Redaktion. Zum Thema Krimi gehört auch Maigret und das Mädchen von Piräus, oder: Die Entdeckung des ­Kriminalromans, ein Text über den antiken Redeschreiber Lysias, in dem Virgilio erklärt, wie es dazu kam, dass er Krimis zu lieben und ernst zu nehmen begann. Aus diesem Text lässt sich auch ersehen, dass der wissenschaftliche und der literarische Schreibtisch nur wenige Schritte auseinander lagen und manches aus

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Virgilios Forschungen auch in seine literarischen Texte einfloss. Ein besonderes Stück ist ein von Virgilio handgeschriebener Mundartroman in Versform mit dem Titel D’Rôse vo Antiochiâ, in dem er Ihnen etwas uf di alti ârt verzelle wott. Und dann vor allem: Virgilios Lyrik. Die Gedichte sind zum grossen Teil den im orte-Verlag erschienen vier Bänden entnommen; einige auch dem in einer Auflage von 30 Exemplaren von Virgilio selber herausgegebenen und an Freunde verschickten Poetischen Neujahrsblättchen für 2012; einige sind hier aber auch zum ersten Mal veröffentlicht. Die Auswahl fiel schwer, die Zahl einprägsamer und starker Stellen ist gross. Einige besonders schöne Zeilen finden Sie auch quer gedruckt am Aussenrand jeder Seite, als eine Art Spaziergang entlang schöner Aussichtsund Einsichtspunkte in Virgilios Werk. Und nicht zu vergessen der dritte Schreibtisch: Virgilio Mascia­ dris Arbeit für Verlag und Zeitschrift. Verschiedene orte-Autoren charakterisieren ihn als Lektor, und von den Redaktionsmitgliedern ist zu erfahren, wie sie mit Virgilio gearbeitet haben und was für Erlebnisse sie mit ihm verbinden. Erwin Messmer erinnert daran, wie Virgilio überhaupt zu orte kam und wie viel er für Verlag und Zeitschrift möglich machte. Dazu gehört, dass Virgilio Masciadri – dies nur ein Beispiel für seine dichten Verbindungen in die Literaturszene – orte bei den Swiss Independent Publi­ shers (SWIPS) vertrat. Wie die dorigen Sitzungen verliefen, erfahren Sie von Liliane Studer. Wir wünschen Ihnen beim Verweilen in der von Virgilio Masciadri geschaffenen Welt mit dem weiten Horizont viel Freude! Regina Füchslin

An der Tür Aus dem Haus gehen weil man hofft einen Vers zu finden irgendwo am Weg

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Langsamer fällt uns der Tag aus der Hand Barbara Traber im Gespräch mit Claudia Masciadri, Virgilio Masciadris Mutter

Lektüre des Neunjährigen: die «Weltgeschichte» in 21 Bänden

Zeit die aus Fliessbändern war

Bahnhofbuffet Biel

Barbara Traber: War Virgilio schon als Kind «besonders»? Claudia Masciadri: Erwähnenswert finde ich, dass Virgilio in der Nacht zur Welt kam, als John F. Kennedy ermordet wurde – vom 22. auf den 23. November 1963! Als mir der Säugling zum ersten Mal zum Stillen gebracht wurde, machte er eine eigenwillige, heftige Kopfbewegung, und die Krankenschwester sagte zu mir: «Das ist ein ganz spezieller Herr.» (lacht) Virgilio wurde von seinen beiden Geschwistern mit offenen Armen empfangen und sehr verwöhnt, vor allem von seiner zehn Jahre älteren Schwester Cornelia. Der Kleine erhielt von ihr wichtige Anregungen, sie deckte ihn ständig mit Lesestoff ein. Als sie die Ausbildung zur Schauspielerin absolvierte, lernte er die Theaterstücke und Gedichte, mit denen sie sich beschäftigen musste, gleich auch auswendig. Sie spielten oft zusammen Theater, erfanden und bastelten die Figuren und Bühnenbilder selber. Die spätere Zusammenarbeit der Geschwister – bei Li­b­-

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retti und bei Übersetzungen – zeichnete sich schon damals ab. Er hat eine schöne Kindheit und Jugend erlebt. Ging er gern in die Schule? C.M.: Als er in den Kindergarten kam, brachte ich es nicht fertig, ihm beizubringen, wie er seine Schuhe binden sollte. Aber es gab Mädchen, die das gerne für ihn übernahmen, und er hatte eine kleine Freundin, ein Nachbarmädchen, das sich rührend um ihn kümmerte. – Die Primarschule war dann für ihn eine Qual. Er langweilte sich und fehlte oft, er hatte eine zarte Konstitution und war jeden Monat etwa eine Woche krank. Trotzdem hatte er immer gute Noten, nur das Turnen machte ihm Mühe, Sport interessierte ihn nicht. Vom Moment an, als er lesen und schrei­ben gelernt hatte, tat er nichts anderes mehr! Etwa in der 4. Klasse las er sämtliche 21 Bände «Weltgeschichte», die wir besitzen! Er verschlang auch Kunstbücher und überhaupt alles, was ihm in die Finger kam, Zeitungen inbegriffen. Selbst beim Zähneputzen hielt er in der einen Hand stets ein Buch, da-


mit er weiterlesen konnte. Virgilio und die Bücher – eine Einheit. Wann hat er angefangen, Gedichte zu ­schreiben? C.M.: Schon sehr früh, in der Primarschule. Er schrieb seine Gedichte sorgfältig auf Blätter und heftete oder klebte sie, versehen mit Illustrationen, zu Büch­lein, die er uns zu Weihnachten schenkte. Er konnte sehr gut zeichnen. Von Jahr zu Jahr wurden diese selber gemachten Bücher mit eigenen Gedichten, Erzählungen oder Theaterstücken umfangreicher. Ich habe ihn wenige Wochen vor seinem Tod gefragt, wann er sich eigentlich entschlossen habe, Schriftsteller zu werden? Er sagte, er habe von Anfang an gewusst, dass er schreiben, dichten wollte. Er hat immer alles selber entschieden, auch die Studienrichtung. Wir hätten ihm ohnehin nicht helfen

Chanson I

Wir haben Saturn in den Wandschrank gehängt

Ausschnitt aus einem von Virgilio selbst hergestellten «Musikalbum»

können, er musste seinen Weg allein finden. Aber es hat mich immer erstaunt, dass er sämtliche Prüfungen und Examen bestand, als wäre das selbstverständlich. Wurde je festgestellt, dass er hochbegabt war? C.M.: Nein, solche Kinder wurden damals nicht speziell gefördert, und wir hielten seine Intelligenz und Wissbegier für normal. Ein einziger Lehrer in der Bezirksschule fand, Virgilio sei ein brillanter Schüler, und er müsse unbedingt studieren. – Später stand in einem Brief von Prof. Burkert, bei dem er promovierte, er halte ihn «für den schöpferisch originellsten» seiner Schüler. Nach Virgilios Tod schrieb er uns, er «hinterlasse eine bittere Lücke in seinem Fach» und er habe immer wieder «Überraschendes, Neues, Anregendes bei ihm» gefunden.

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wenn wir heimkommen/ist der Berg schwarz der Himmel/lila

Alte Laute

Er war sicher ein angenehmes Kind? C.M.: Ja, aber es war in den ersten Lebensjahren sehr anstrengend mit ihm (lächelt). Man musste ihm ständig etwas Neues bieten, ihm etwas zu tun geben, er war im Handumdrehen fertig mit einer Aufgabe. Auch Spiele durchschaute er sofort, er hatte eine extrem schnelle Auffassungsgabe und wollte rasch selbständig werden. Schon mit sieben Monaten traf ich ihn auf einmal im Bettchen stehend an, als ich ins Zimmer trat. Er wollte früh keinen Schoppen mehr trinken und verweigerte Breikost. Anderseits machte er nie Prob­leme, war ein «Pflegeleichter», höchst bescheiden, und alle hatten ihn gern, von Kind an. – Er wurde überall sehr geschätzt, auch als Lehrer, Dozent und Lektor, obwohl er äusserst streng war. Die Leute reden nicht etwa nur, weil er jetzt tot ist, positiv von ihm. Mich haben die drei Schreibtische in Virgilios Wohnung beeindruckt: einer für das Wissenschaftliche, ein weiterer für orte (Verlag und Zeitschrift), der dritte für sein eigenes Schreiben. Man sieht sofort, dass er unablässig gearbeitet hat. C.M.: Das stimmt. Selbst wenn er nach Italien fuhr, machte er nicht richtige Ferien, sondern arbeitete ständig. Er

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Virgilio hält eine 1. August-Rede, Blessagno 1971

machte zwar auch Ausflüge, aber alle Erlebnisse und Eindrücke flossen in seine Texte ein. Es war ihm ein grosses Bedürfnis, alles, was er aufnahm, in einer literarischen Form wiederzugeben und anderen damit Freude zu bereiten. So empfinde ich es. Er hat bis zuletzt gearbeitet, nachgedacht, sich unablässig weiterentwickelt, sich in einem philosophischen Sinn Ziele gesetzt. Er ist nie stillgestanden. Das war bis zum letzten Tag so. Hat ihm die Gegend um den Comersee, das Dorf Blessagno und das Haus seiner Vorfahren samt Garten viel bedeutet? C.M.: Er war etwa neun Monate alt, als wir zum ersten Mal mit ihm nach Italien fuhren. Und von da an haben wir jedes Jahr die Ferien dort verbracht. Virgilio


Virgilio Masciadri

Von W8soldaten

hatte sogar vor, eines Tages ganz dort zu leben, aber unser Haus ist schwer erreichbar, und er konnte nicht in der Schweiz unterrichten und in Italien wohnen. Er liebte die Atmosphäre im Dorf, die Menschen, das Einfache, Echte, Nostalgische dort. – Ich glaube, es ist richtig, dass wir seine Urne nach Blessagno gebracht haben. In diesem kleinen Dorf seiner Herkunft oberhalb des Comersees hat er sich, wie in der Todesanzeige steht, in Geist und Seele dem Himmel stets am nächsten gefühlt.

Mondlandung

was ist schon/die Weite des Weltalls gegen/den Abgrund zwischen zwei Sprachen

Virgilio im Garten in Blessagno, Januar 1975

Kinderkrankheiten sind lästig. Schon deshalb war Erwachsenwerden damals eine positive Perspektive. Der einzige Vorteil schien, dass einem gelegentlich jemand zum Trost ein Buch schenkte. Einmal war es eins von Josef Guggenmoos. Seltsame, poetische Kurzgeschichten und versponnene Verse standen da drin, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich las es einmal, zweimal, immer wieder … Manchmal staune ich, wie viel Text aus jener Zeit bis heute bei mir hängengeblieben ist. Guggenmoos′ Gedicht über das Zuckerstück im Tee etwa (jahrelang sagte ich es mir bei jeder Tasse vor). Auch Hans Manz′ W8soldaten mit ihrem Appetit auf W8teln in Sch8eln kamen mir völlig vertraut vor, als ich nun in einer Anthologie für Kinderlyrik wieder darauf stiess. Doch selbst von manch anderem Jugendbuch erinnere ich mich vor allem an die eingestreuten Verse, weiss sogar noch genau, was der Kaiser von China bei Michael Ende hatte auf die Essstäbchen schreiben lassen – weil es gereimt war. Ist die Anfälligkeit des Gehirns auf Verse also angeboren? Wie mit jedem Ohr einzeln wackeln können und so? orte 129, Februar 2003: Fische haben nie kein Knie. Gedichte für Kinder, S. 23

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Von allen ausgestorbenen Tierarten vermisse ich den Alexandriner am meisten

Poetikvorlesung

Bestiarium domesticum Meinen Garten bewohne ich gemeinsam mit fünf Katzen von denen keine mir gehört mein Besitz besteht nur aus Eidechsen die ich nicht zähle wenn ich höre wie sie durchs raschelnde Geäst des Spaliers zischen / ihre Art zugleich auf sich aufmerksam zu machen und zu verschwinden erweckt meine Zuneigung weit eher als die Stimme der Nachbarin die pausenlos ihren kleinen Sohn anschreit (lernte sie doch von der pädagogischen Leichtigkeit mit der die Rotschwänze ihren Nachwuchs im Birnbaum spazieren führen) seltener taucht die Ringelnatter aus den Tiefen des Bachtobels räkelt sich auf der steinernen Vortreppe und nachts erst bei angezündeter Lampe kommen die Heuschrecken auf meinen Tisch an ihnen schätze ich den verständnisvoll klugen Blick die Reinlichkeit ihres grünen Leibrocks die Geduld mit der sie langsam der Kante des Fensterladens entlangklettern und die unvermittelte Eleganz des Sprungs mit dem sie sich auf die andere Seite des Balkons katapultieren um neu zu beginnen. Unveröffentlicht, 2010

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Claudia Storz

Bist du bereit für die Literatursuppe? Virgilios letzte Lebensmonate

Fröhlichstrasse

krank. Kurz nach seiner Operation am Schädel – der Befreiung von einem Osteosarkom – besuche ich ihn an der Zelglistrasse. Als Mitbringsel trage ich «Herr Adamson» von Urs Widmer im Gepäck. Virgilio ist zwar abgemagert und sein Gesicht ist etwas asymmetrisch geworden durch Eingriff und Wiederaufbau am Kiefer, aber sein schwarzer Bart ist schön und das Gesicht jung. Virgilio kennt und besitzt das Buch schon, wir spazieren Richtung Echolinde, und er erklärt mir voller Bewunderung für das Handwerk die Operationstechniken, spricht über Aggressivität und Seltenheit seiner Krankheit. «Nun kommt es mir zugute, dass ich nicht mehr ganz so jung bin», lacht er bitter, «das verlangsamt das Wachstum der Zellen.» Ich versuche ihn abzulenken, betone die Nichtigkeiten in all dieser Fachliteratur, erzähle ihm von meinen Fehldiagnosen und Falschbehandlungen und dem Glück meiner Gesundung. Aber er will auch über den Tod reden. Als die Ärzte 2013 erkennen, dass die Chemotherapie die Zellwucherung nicht aufhalten kann, bekommt er die Chance, nochmals ganz zu leben und aufzuatmen. Es ist wie ein Hiatus, eine gnädige Zäsur. Er verliert seine Schüchternheit und beginnt über eigene Lebenserfahrungen

Unterm frischen Schirm/der Allee flammt ein Streichholz

Virgilio steht 1999 in seiner Mansarde an der Zelglistrasse in Aarau – hoch über anderen Wohnungen gelegen – vor hellen Büchergestellen. Es ist unsere erste längere Begegnung. Die Herbstsonne scheint ins Zimmer. Wir sind beide vom Forum Schlossplatz eingeladen, in einer Arbeitsgruppe zum MILLENNIUM 2000 Texte für eine CD zu produzieren. Zuvor wusste ich nur von Virgilio Masciadri, dem Lateinlehrer an der Kantonsschule. Jetzt staune ich über seine Vielseitigkeit – er schreibt den Text «Schlag zwölf», nimmt die ganze CD auf und schneidet sie –, er korrigiert uns höflich, die wir oft das zweite N in Millennium weglassen und diskutiert heftig mit Alfred Wälchli, der lateinische Zitate in seine Texte einfügt. Denkt an annus, das Jahr in Millennium, argumentiert Virgilio. Wir merken, dass wir gern und gut miteinander arbeiten und führen das während vierzehn Jahren in verschiedenen Konstellationen weiter. Auf meinen Wunsch wird er Lektor meiner Gedichte vor ihrer Publikation. Es ist eine Vertrautheit zwischen uns – noch immer höre ich sein kehliges Lachen – und zugleich eine Schüchternheit. Privates wendet er in Gesprächen ab, unter mehrere meiner Gedichte schreibt er «schön, aber zu privat»! 2011 wird Virgilio im Sommer schwer

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Bruchstücke

Lura (ein Ortsteil von Blessagno), gezeichnet von Virgilio, Juli 1979

unter den Bäumen ist immer gestern

zu reden. Wir nehmen uns zwei Sachen vor für den Sommer: Wir wollen unsere Literatenfreunde und -freundinnen zu einer «Literatursuppe» einladen, und ich will ihm den neu gebauten Platz für die Fahrenden im Westen von Aarau zeigen. Wir schreiben uns oft. Zitat aus seinem Brief vom 15. April 2013: Immerhin ist es jetzt ja Frühling geworden, ich war heute Nachmittag im Wald und habe mich an Teppichen voller Buschwindröschen erfreut. Solche Dinge werden irgendwie sehr wichtig, wenn man krank ist. 22. Juni 13: Unterdessen habe ich nämlich ein neues CT gemacht und diesmal ist alles in Ordnung gewesen, so dass mir die Ärzte bis zur nächsten Untersuchung im September therapiefrei gegeben haben. Natürlich bleibt die Angst, dass es dann wieder losgeht. Aber bis dahin habe ich etwas Zeit … auch für die «Literatursuppe»! Das wird unser Satz: Bist du bereit für die Literatursuppe? (Diese – auch

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«Textsuppe» genannte – Einladung haben wohl Zürcher Kollegen und Kolleginnen kreiert. Bereits vor mehr als dreissig Jahren habe ich eine erste Leseund Suppeneinladung bei Franz Hohler erlebt.) Am 30. Juli 2013 schreibt Virgilio zur «Literatursuppe», die am 8. August mit zehn Eingeladenen stattfinden wird: Lass es mich unbedingt wissen, falls ich zu der Suppe etwas beitragen kann: Das Brot mitbringen? Etwas zum Dessert? Oder Salami von unserem italienischen Dorfmetzger? (Ich bin gerade nochmals unterwegs nach Como und komme Mitte nächster Woche zurück.) Virgilio ist lustig und locker am Literatursuppenabend. Er bringt Platten voller fein geschnittenem Salami mit, quasi artisanale sei dieser, ein Kunstwerk des italienischen Dorfmetzgers. Er bleibt bis Mitternacht mit uns allen. Er umarmt uns – was er seit zwei Jahren nicht mehr gemacht hat aus Angst vor Anste-


Après-midi d’un Faune

he ins Leben zurückzufinden. Immer wieder überfällt mich schreckliche Angst. Auch habe ich zurzeit nur ein Auge … (…) Vielleicht müsse er wie Wotan für ein neues gesundes Leben mit einem Augenlicht bezahlen, sagt er in zynischer Hoffnung während unseres allerletzten Spazierganges zur Echolinde im April. Leicht und schwach geht er an meinem Arm, frierend im dicken Mantel, mit Mütze und Schal. Er dankt mir schriftlich für Besuche, Gespräche und Spaziergänge. Am 24. April muss er wegen grosser Schwäche in die Klinik. Am 25. schreibt er mir ein letztes Mal: Ich hoffe, es ist nur für ein paar Tage. Das letzte «Abenteuer» möchte ich – wenn möglich daheim angehen.

Unter dem Wortgebüsch im Laub deiner Verse

ckung – und er liest seine neuen Gedichte vor. – Ob er merke, dass da viele Körpermetaphern in seinen Landschaftsgedichten seien, fragt ihn Brigitte Fuchs. «Bergbrust zum Beispiel. Deine Landschaft ist wie ein riesiger beseelter Körper.» – In diesem gnädigen Herbst arbeitet er euphorisch, bereitet Vorlesungen vor, arbeitet für orte, redigiert seine letzten Gedichte und kommt mit mir auf weite Spaziergänge. Jetzt will er den neuen Aarauer Platz der Fahrenden sehen. Er staunt über die Wohnkarossen und Caravans, die Sonnensegel, Werkstatt­ häus­chen, Duschen und Waschmaschinen. Anfangs des Jahres 2014 muss er wieder operiert werden. Zitat, 2. März, 2014: Ich habe grosse Mü­

Aarau, Halde Nach Sonnenuntergang erwärmt sich der Himmel über den alten Giebeln und der Wolkenstreif am Ende der Gasse nimmt endlich Farbe an Dohlengeschrei und ein flatterschwarzer Wirbel um Kirchturm und Rathauszinne / der Gast angereist von weit her blickt auf vom Teller und meint c’est un signe ein Glück dass er nichts bemerkt von den anderen Zeichen dem Heissluftballon hoch über unseren Köpfen seit einer halben Stunde der plötzlich verschwindet im Vogelschwarm während von allen Dingen im Luftraum des Abends allein dein Lächeln standhaft bleibt. Das Lied vom knarrenden Parkett, S. 17 15


Ueli Schenker

Dreisatz zurück

und es fällt dir kalt/in den Nacken von den Ästen überm Zaun

Alpennordseite

3. Brunnen (o. D.) Dein Gedächtnis lässt nach was nicht vergehen kann darf nicht entstehen das Ende kriecht heran du kennst den Weg vom letzten Besuch die Bahnhofstrasse hinunter bei der Kapelle rechts in den Park mit den immer noch gleichen Baustellen durch den Korridor zum Klinikrestaurant labyrinthisch er kommt pünktlich sein Gesicht funktioniert ordentlich auch du bringst nicht immer ein Wort hinter das andere stolperst bei Ansätzen Blockaden Verdauen zur ­Schifflände Waldstätterquai kanntest du noch nicht der Mauer entlang er vorn atmet Richtung Axenstrasse nicht weiter 2. Aarau Patientenbesuch 29. Dezember 2012 die Daten geraten durcheinander Warten unter der grossen Bahnhofuhr hat er gesagt so war es abgemacht wenn du dich richtig erinnerst bleibst in der Halle draussen wütet der kalte Lärm der Grossbaustelle wir bauen für Sie er kommt herein du stehst unter der kleineren Uhr in der Halle er lächelt Missverständnis der Weg führt zum Kunsthaus dann Renggerstrasse am Friedhof Rosengarten vorbei dann rechts in Zelglistrasse oder war es Stapferstrasse dann links in Zelglistrasse stattliches Haus sie grüsst freundlich später feiner Apfelkuchen mit Schlagrahm jetzt aber

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zuerst die steile Treppe hoch seine Arbeitsklause wohl seit Jahren Gestelle voller Bücher Sitzgelegenheiten zum Aussitzen er dir gegenüber du sein Hebräischlehrbuch wie deines nach 56 Jahren zum ersten Mal wieder in deinen Händen «man erträgt weder das Glück noch das Unglück deshalb schreibt man» (Corinne Bille 1912–1979) nach dem Kuchen fährt er mich mit dem Auto im Dunkeln zum Bahnhof du wusstest nicht dass er Auto fährt was wusstest du schon zu Hause geraten die Zeiten durcheinander Schwindelgefühle. 1. Brunnen (2011) Bahnhofstrasse runter bei der Kapelle rechts um die Ecke bis zum Park hat er gesagt wieder rechts wieder Baustelle es ändert sich was in der Äskulapklinik du wartest im Restaurant wie abgemacht er kommt wie abgemacht erst allmählich siehst du sein anderes Gesicht hörst die Hemmungen bei der Artikulation vieles normalisiert sich mit der Zeit worüber sprecht ihr er ungezwungen über den Heilungsprozess ein Stück Knochen vom Wadenbein in den Kiefer versetzt was macht dein Hüftgelenk der Körper gewöhnt sich Mittagessen du hast ihn eingeladen dann nach draussen er hat Termin du nimmst die S3 nach Hause.


In seinem Poetischen Neujahrsblättchen für 2012:

Trinken wir also den letzten/Lichttag solang er noch hält

Chanson für Göpf

Bilanz Langsamer fällt uns der Tag aus der Hand reibst dir die Augen Zahlen machen so müd und der Bus und die nassen Äste der Allee das kupferblonde Lampenlicht / der Feierabend streicht dir das Haar aus der Stirn und sieht dich zweifelnd an.

Cornelia Strebel-Masciadri

Mein Bruder Virgilio Am 22. November 1963 fallen in Dallas tragische Schüsse – ein Schock für die ganze Welt. Bei meiner Mutter – so erzählt man in der Familie – haben sie die Wehen ausgelöst. Virgilio erblickt nur wenige Stunden nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy das Licht der Welt. Er ist ein Babyboomer. Das wissen mein älterer Bruder Raffaello und ich noch nicht, als wir im Kantonsspital Aarau vor dem Besucherfenster der Neugeborenen der Säuglingsschwester zusehen, wie sie aus einem Wandgestell eines von mindestens fünfzig holzkistenartigen Behältnissen herauszieht und wir kurz darauf hinter Glas Bekanntschaft mit unserem neuen Brüderchen machen. Nach dem Bade wickelt meine Mutter das kleine Würmchen stets in gut vorgewärmtes blaugemustertes Molleton-

tuch. Virgilio ist ein kränkliches, von Asthmaanfällen geplagtes Kind, aber seine Fantasie kennt keine Grenzen. Er weiss genau, was er will: am Dreikönigstag die goldene Krone aufsetzen; mit der Super-8-Kamera seines Vaters einen Film drehen oben im Wald; das Drehbuch in der Schrift des Primarschülers; die Protagonisten: seine Plüschtiere und die grosse Schwester, die Schauspielschülerin. Abends will er eine Gute-Nacht-Geschichte hören. Er kann es jeweils fast nicht erwarten, bis ich ihm von jenem Salami weitererzähle, der auf Weltreise ging (eine Geschichte, deren Struktur ich dem «Rösslein Hü» abgeguckt hatte). Virgilio entdeckt die Welt lesend. Als kleiner Junge verbringt er lange Stunden bäuchlings auf seinem Bett, oft laut lachend oder kichernd über Kinder­

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Herbstlied

trinke dein Aug bis zur Wimper voll/und mach sie zu deiner die Welt

Cornelia und Virgilio beim Malen der Kellertüre, Blessagno Sommer 1967 Cabaretnummer anlässlich der Familienfeier zum 20. Geburtstag seiner Nichte Romina, August 2007 (Foto: Galvino Strebel)

büchern. Angeregt durch diese Lektüre bastelt er Bühnenbilder, in denen die Hauptfiguren aus Karton zu neuen selbst erfundenen Abenteuern aufbrechen. Während der Bezirksschulzeit versenkt er sich leise und konzentriert in die Geschichte der Antike und während der Schulferien schreibt er Vorträge über die Babylonier, die Ägypter, die Griechen, die Römer. Vor der versammelten Familie hält er Vorträge, und seine Grossmutter nennt ihn bald den kleinen Professor. Mit 17 Jahren bekomme ich von ihm als Weihnachts­ geschenk ein Theaterstück in Hexametern über eine Intrige im alten Rom, und für seine Matura schreibt er ein Drama. Wenn ich für die Schauspielschule Rezitation übe, will Virgilio mitmachen,

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und schon bald ist auch er vom Theaterfieber infiziert. Er kann schnell zahlreiche Gedichte von Morgenstern, Jandl und Tucholsky auswendig und spricht sie an meiner Seite mit. In einer Schüleraufführung der Kantonsschule spielt er den Teufel in einem Theaterstück nach Hugo von Hofmannsthal. Ich sitze im Publikum, hoch erstaunt, wie mein kleiner Bruder mit sprachlicher Leichtigkeit und quirliger körperlicher Präsenz als Teufel über die Bühne fegt. Virgilio und mich verbinden aber nicht nur das Theater, sondern auch die Sprachen. Ich mache neben der Schauspielausbildung zusätzlich ein Übersetzerstudium, und als ich Anfragen für erste literarische Übersetzungen erhalte, beginnen wir ein Team zu bilden und miteinander zu übersetzen. Er


Trinklied

still stehn die Schöpf-/räder der Seelen aus dem Wein/dunkelt Erinnerung

schaut meine Arbeiten durch, ich überfliege die seinen, wir kritisieren uns gegenseitig und finden gemeinsam neue Lösungen für heikle sprachliche Probleme. Seien es Reden, Zeitungsartikel, Bücher, Gedichte, das gemeinsame Ergründen von Texten und das Feilen an deren Übertragung macht uns unendlich Spass. Stundenlang brüten wir zusammen über schwammigen Satzinhalten in Französisch oder Italienisch und wie diese am besten für das germanische Ohr aufzubereiten wären. So kommt es auch, dass Virgilio mir seine Romanmanuskripte und seine Gedichte zum Lesen anvertraut, und als ich gegen fünfzig nach langer Familienund Geschäftsaufbauarbeit wieder zum Theater zurückfinde, hole ich ihn als Dramaturgen und Librettisten für

meine freien Lied- und Theaterprojekte, aber auch für die IG-Opera, einen Aargauer Musiktheaterverein, für den er die Texte schreibt zu «Mozopera», «Roberts Luftschiff» und «Tatort Klavier», letzteres ein Musikkrimi, den er vermutlich auf meinen langjährigen Wunsch nach einem Bühnenkrimi verfasst hat. Virgilio kommt oft an die Proben, diskutiert seine Texte mit den Schauspielern und der Regie, ja er hilft bei den ersten Aufführungen gar hinter der Bühne den Vorhang ziehen oder den Schauspielern Requisiten bereit zu halten. Im engeren Familienkreis bauen wir ebenfalls eine Theatertradition auf, indem wir zu runden Geburtstagen Kabarettnummern schreiben, die wir zusammen zum Ergötzen von Verwandten und Freunden zum Besten geben.

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sie grüssen mit dir/den kurzen Himmel über der Allee

Am Bushalt

Neben der Passion fürs Theater entwickelt Virgilio ein grosses Interesse für Musik, darunter nicht nur Klassik, sondern auch Jazz und Chanson. Bei seinen Poesie-Lesungen staune ich jeweils, wie er die passende Musik für seine Texte findet. Da ich noch mit dreissig anfange zu singen, verfolgt Virgilio meine stimmlichen Fortschritte von Anfang an, und so öffnet sich uns ein weiteres Feld des gemeinsamen Austausches. Ein enges Verhältnis hat Virgilio zu unseren Kindern Gavino und Romina. Mit Gavino teilt er das Interesse für die Natur, er unternimmt mit ihm Exkursionen in die Berge rund um den Comersee, bestimmt mit ihm Pflanzen und beobachtet die Tierwelt, und ab und zu gibt es auch einmal ein feines gelato mit frischen Heidelbeeren aus den umliegenden Wäldern. Das ausgeprägte Interesse des kleinen Neffen für Vögel fasziniert auch Virgilio, und er begleitet ihn auf ornithologische Exkursionen. Die Kinder nennen ihn ganz einfach zio (Onkel). Ob Lateinprobleme, Studienwahl und so weiter – immer haben die Kinder in ihm einen unschätzbaren Berater zur Seite. Mit Romina, seinem Patenkind, teilt er das Zeichnen. Nachdem sie den Weg des Modedesigns eingeschlagen hat, diskutiert er mit ihr ihre Entwürfe und sagt stets zu ihr: «Hoffentlich machst du eines Tages auch Männermode!» Nur rund zehn Tage vor seinem Tod zeigt ihm Romina im Spital die Fotos ihrer Frühlingskollektion 2015. Er leidet sehr und ist schwach, und trotzdem macht er ihr

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Komplimente und ermutigt sie weiterzumachen. Auch mein Mann, Martin, pflegt mit Virgilio ein herzliches Verhältnis. Virgilio hilft ihm, dem Buchrestaurator, lateinische Texte oder Inschriften in alten Büchern zu entziffern. Für das Atelier seines Schwagers begleitet Virgilio auch einen Geschäftsausflug nach Monza, wo er den Angestellten die Geschichte der Langobarden und der Königin Theodolinde näher bringt. Das elegante lombardische Städtchen Monza hat ihn wohl auch zu dem stimmungsvollen Gedicht Monza inspiriert. Virgilio und ich sehen uns während seines ganzen Lebens regelmässig, und seit dem digitalen Zeitalter korrespondieren wir fast täglich. Selbst während seiner längeren Abwesenheit in Paris besuchen wir ihn mit den Kindern, und er macht uns in einem bitterkalten Pariser Januar mit seinen besonderen Entdeckungen in der Metropole vertraut. Plötzlich ist es stumm. Und doch höre ich immer noch seine Stimme, sehe ihn vor mir, wie er Berge von Manuskripten für den orte-Verlag korrigiert, sehe ihn am Schreibtisch, stets bis spät in die Nacht, oder in Blessagno, wie er lesend auf der Terrasse hin- und herschlendert, nicht ohne zwischendurch ein paar Klicks am PC zu erledigen, wie er Stück um Stück einer meiner Torten genüsslich verschlingt, wie er genau dreizehn Minuten vor Abfahrt des Zuges in der Aarauer Wohnung zum Marsch an den Bahnhof aufbricht, die Zeit ist haarscharf bemessen, aber sie reicht immer.


selbst die Fahrbahn legt sich/nicht weiter fest als die nächsten/fünf Meter

Seltsame Wanderung

Ja, all die kleinen Dinge des Alltags, die ihn für mich so typisch machten, ziehen wie ein ewiger Film an mir vorüber. Er ist immer da – und ich weiss, es wird so bleiben. Da sind wir, die Zurückgebliebenen, und versuchen zu begreifen, wie Virgilio in den wenigen Jahren seines Lebens eine solche Fülle von reifen Texten, Gedichten und Zeichnungen schaffen konnte. Er hat uns nicht einfach zurückgelassen, sondern uns bis zu unserem Lebensende reich beschenkt. Bis in seine letzten von Schmerzen erfüllten Tage hörte er nicht auf zu schreiben. Meine Mutter ist kürzlich in seinen Unterlagen auf ein Gedicht gestossen, das von düsterer Vorahnung zeugt. Es sei an dieser Stelle zum ersten Mal publiziert:

Und eines Morgens steht die Allee ohne Laub die schlanken Kastanienäste fingern die weissen die blauen Tasten des Himmelsklaviers und heimlich zähle ich mir die langen Monate vor und mich schauert im Herzensgrunde die Zahl und das Laub auf dem Gehsteig das Umschlagen der Zeit was hat der Tag mit mir vor der nächste und wo werde ich sein wenn die Bäume die ewigen wieder die feingehäkelten lichtgrünen Frühlingshandschuhe überstreifen Virgilio Masciadri, 9.11.2011

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