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orte 180

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orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Impressum

orte – Schweizer Literaturzeitschrift Gegründet von Werner Bucher im Jahr 1974 Nr. 180, März 2015 ISBN 978-3-85830-173-4; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Anne-Marie Kenessey, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr. 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr. 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr. 60.–   (5 Ausgaben pro Jahr ohne Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr. 10.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Designalltag Rinderer, CH-8400 Winterthur (unter Verwendung eines Fotos von Michael Guggenheimer, Zürich) Copyright der Texte bei den Autorinnen und Autoren. Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Korrespondenz geführt werden; sie werden nicht zurückgeschickt. Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orte Inhaltsverzeichnis

3 Editorial 4 orte-RedaktionSATZungen 6 «orte ist ein guter Name» Interview mit Marcel und Yvonne Steiner

Annekatrin Ranft-Rehfeldt Jolanda Fäh

«Wohne dich ein im Wort» – jüdische Literatur in der Schweiz 10 Einführung 16 Wenn du doch kämest … 19 Aus der Deutschschweiz 31 Die Wurzeln in Osteuropa 40 Bei den Diaspora-Schwellen 47 Genfer Stimmen

Anne-Marie Kenessey Viviane Egli Margarete Susman Lea Gottheil Else Lasker-Schüler Bettina Spoerri Kurt Guggenheim Ruth Lewinsky, Tristan Tzara Martin Hamburger André Kaminski Sergueï Hazanov, Elias Canetti Gabriele Markus Lajser Ajchenrand Shmuel T. Meyer Albert Cohen, Edmond Fleg

58 Fund-orte 66 Hör-orte 68 orte-Bestenliste 71 orte-Buchladen 73 orte-Lyrikregal 76 Archiv 78 News 80 Kleininserate

Erwin Messmer Peter K. Wehrli Ruth Gantert Erwin Messmer Peter K. Wehrli Monique Obertin Jolanda Fäh


EINLADUNG

zum Gedenkanlass für Virgilio Masciadri (1963 – 2014)

Literarisch-musikalischer Abend Mittwoch, 6. Mai 2015, 19.30 Uhr, in der Aula der Alten Kantonsschule Aarau, Bahnhofstrasse 91, 5000 Aarau

Freitag, 22. Mai 2015, 19.30 Uhr, Alte Stuhlfabrik Herisau – Das Kleintheater, Kasernenstrasse 39a, 9100 Herisau Rezitation und Gesang Cornelia Strebel Masciadri Musik Werner Schmid, Klavier Einführung Dr. Raphael Schwitter Büchertisch. Eintritt frei.

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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Neues, Interessantes und vielleicht sogar Spannendes können Sie von der ersten Ausgabe im Jahr 2015 erwarten. Im Januar ist der orte Verlag umgezogen. Was kommt, was geht? Vieles bleibt beim Alten, doch manches hat einen neuen Platz gefunden. Von der Beiz auf der Rütegg ist der orte Verlag nach Schwellbrunn gezogen. Jolanda Fäh führte ein Gespräch mit den neuen Besitzern der Literaturzeitschrift. Gerade in der Winterzeit verstecken sich die Tage noch in der morgendlichen Dunkelheit. An der Ampelkreuzung in Zürich-Selnau steht neben mir ein kleiner Junge mit buntem Schulrucksack. Ich betrachte ihn flüchtig. Er spielt mit den Fingern an einer Locke neben seinem rechten Ohr. Unsere Blicke begegnen sich und kurz huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Ich lächle zurück. Die Ampel schaltet auf grün und ich vergesse loszulaufen. Längst ist er bei seinem Freund auf der anderen Seite angekommen, längst schon gehen sie gemeinsam die Strasse entlang. Meine Gedanken hatten mich festgehalten. Gedanken an das morgendliche Singen der Kinder in der benachbarten jüdischen Schule, das ich jeden Tag höre, aber das nie ein Gesicht hat. Diesen Morgen öff-

ne ich mein Fenster und sehe den Kopf des kleinen Jungen hinter dem Schulfenster, sehe wie er singt und weiss, dass er lächelt. Der Thementeil: «Wohne dich ein im Wort» wird Sie auf eine Lesereise durch 100 Jahre jüdische Literatur in der Schweiz entführen. Unserer Redaktorin Anne-Marie Kenessey ist es gelungen, nicht nur einfach eine Wahl zu treffen, sondern ein Literaturbild in Worten zu zeichnen, das die jüdische Literatur in seinem Stil- und Facettenreichtum vor Ihnen ausbereitet. Lesen Sie von Jugenderinnerungen, Begegnungen und Herausforderungen sowie von einem weiteren Lächeln, das einem vereinsamten russischen Juden von einer Araberin geschenkt wurde. Finden Sie im Nachruf «Den Tod trösten» von Erwin Messmer über den bekannten Zürcher Schriftsteller Jürg Schubiger die Magie des Einfachen in seinen Werken wieder. Hören Sie mit Peter K. Wehrli Robinson und Julia von Isolde Schaad oder stöbern Sie wie gewohnt in unserem Buchladen, dem Lyrikregal und der Bestenliste. Gedichtetes, Gefundenes und Gesagtes stellen wir für Sie bereit. Wählen Sie mit Vergnügen aus. Beste Wünsche Annekatrin Ranft-Rehfeldt

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Redaktion

orte-RedaktionSATZungen Die orte-Literaturzeitschrift hat ein Redaktionsteam, das leidenschaftlich kocht, dabei Wörter knackt, wirkliche Kultur kennt, interessante Leute trifft, unruhig sesshaft sein kann und in allem nach dem Alles sucht, ohne sich dabei immer ganz ernst zu nehmen. Im Sommer 2014 haben die beiden Redaktorinnen Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin die Herausforderung angenommen und leiten gemeinsam die orte-Redaktion. Die aktuellen Redaktionsmitglieder stellen sich Ihnen in einem Satz vor. Viviane Egli (ve) (orte-Autorin) ist mit Überzeugung und Freude Redaktions­ mitglied, weil sie die langjährige orte-Kultur der Verbindung von Literatur und Beizen-Ambiente als wirkliche Kultur erachtet. Regina Füchslin (rf) liebt die Wörter seit ihrer Jugendzeit, befasste sich im Studium ausgiebig mit Sprachen und Literatur und freut sich, dass die orte-Arbeit ihr Begegnungen mit interessanten Themen und Leuten bringt, während sie zu Hause im Moment meist einen Kindervers oder ein Lied im Ohr hat. Anne-Marie Kenessey (amk) ist Lyrikerin, öffnet behutsam Wörter oder knackt sie und lässt sich gerne verblüffen. Susanne Mathies (sm) schreibt Texte, studiert Philosophie und versucht, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Erwin Messmer (em) spielt Orgelkonzerte und schreibt Gedichte, Kurzprosa, Essays und zieht in all diesen Sparten nie alle Register aufs Mal, wie er beim Kochen auch nicht alle Gewürze in ein und denselben Topf schmeissen würde.

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Monique Obertin (mo) ist Emmentalerin mit Jahrgang 1958, in Europa herumgekommen während ihrer Wander- und Familienjahre, seit einigen Jahren über und unter Berns Dächern unruhig sesshaft, lesend und schreibend. Annekatrin Ranft-Rehfeldt (arr) Schweizerin aus Liebe und Berlinerin mit Herz, studierte Journalismus und Literarisches Schreiben in Zürich, war in den Hotels der Welt zu Hause und ist in der Weinstube im Hotel Limmat­ hof in Zürich bei der orte Redaktion sesshaft geworden. Peter K. Wehrli (pkw) versucht seit 40 Jahren mit seiner Arbeit am wachsenden «Katalog von Allem» dem Vernachlässigten zu seinem Gewicht, dem Verachteten zu seiner Achtung, dem Unwürdigen zu seiner Würde, dem anscheinend Bedeutungslosen zu seiner Bedeutung zu verhelfen.

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Jolanda Fäh

«orte ist ein guter Name» Marcel und Yvonne Steiner sind neue Besitzer des orte Verlags Die Hand hat gewechselt, und ein bisschen auch der Kanton: vom innerrhodischen Oberegg ist orte ins ausserrhodische Schwellbrunn gezogen. Grund für den Umzug ist ein Besitzerwechsel. Seit Beginn dieses Jahres gehört der orte Verlag nämlich zur Appenzeller Verlag AG mit Sitz in Schwellbrunn. Dies sind erfreuliche Nachrichten für unsere Literaturzeitschrift, denn damit ist ein Fortbestehen gewährleistet. Die Appenzeller Verlag AG ist in einem ehemaligen Schwellbrunner Schulhaus daheim. Hier sind neben dem Besitzerehepaar Verleger Marcel Steiner und Lektorin Yvonne Steiner acht weitere Mitarbeitende in den Bereichen Verlagsvertretung, Administration, Anzeigenverkauf, Druckvorstufe und Redaktion tätig. Zur Appenzeller Verlag AG gehören der Appenzeller sowie der Toggen­ burger Verlag. Hier werden haupt­ sächlich Kalender, Bücher und Zeitschriften mit Schwergewicht Ostschweizer Regionalpublizistik herausgebracht. Die edition punk­ tuell ist ein sogenannter Zuschuss­ verlag. Marcel Steiner hat diese drei Verlagsgeschäfte von der Appen­zeller Medienhaus AG in einem Management-Buyout über­

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nommen – und als das Angebot kam, den orte Verlag einzugliedern, sagte er zu. orte befragte das neue Verleger­ ehepaar Steiner nach seinen Plänen für die Literaturzeitschrift und das neue Verlagsgebilde: Marcel Steiner, Sie sind seit 1977 publizistisch tätig. Von Ihnen selbst gibt es Bildkalender und Wander­ führer; der Appenzeller Verlag hat Krimis herausgebracht, Gedicht­ bände, Kinderbücher, Fotobände, Zeitschriften und vieles mehr – eine unglaublich breite Palette an Druck­ erzeugnissen. Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind? M. S. Ich bin von Haus aus Journalist. Dann war ich Redaktionsleiter und seit zwanzig Jahren Geschäftsleiter der Appenzeller Medienhaus AG. Vor Jahren habe ich begonnen zu fotografieren, hauptsächlich Landschaften. Daraus entstanden dann die Kalender. Das Fotografieren dient mir auch zur eigenen Erholung. Der Appenzeller Verlag ist vor allem in der regionalen Publi­zistik tätig, eine Abteilung, die gar manches Schublädchen hat. Stolz bin ich darauf, dass es mir in


Verlegerehepaar Y   vonne und Marcel Steiner

all den Jahren gelungen ist, den Spagat zu machen zwischen der Produktion von schönen Büchern – für die wir viele positive Rück­ meldungen erhalten – und dem Erreichen von schwarzen Zahlen. Yvonne Steiner, wo steckt denn Ihr Herzblut als Lektorin drin? Y. S. Ich widme mich mit Leidenschaft «so komischen Sachbüchern», die sonst wohl niemand übernehmen würde. Ich nenne sie meine Harakiri-Projekte, weil sie mir sehr viel Arbeit abverlangen. Ich finde es spannend, mich mit einem Stoff auseinanderzusetzen, es darf durchaus ein wissenschaftlicher sein. Krimis lektoriere ich weniger gern. Was ich dort lesen muss,

bedrückt mich. Lyrik ist auch nicht so mein Fach. Was wollen Sie beide in Ihrem neuen Verlagsgebilde weiterführen? M. S. Möglichst alles. Wir sind sehr breit aufgestellt, das ist auch unsere Stärke. Sicher bleiben wir wie bisher auf der regionalen Schiene. Mit orte kommt jetzt noch ein nationales Gleis dazu. orte, das ist ja nicht nur die Litera­ turzeitschrift. Zu orte gehört auch die Lyriklinie fundorte, eine Krimireihe, die Poesie-Agenda … M. S. Das Schwergewicht wird weiterhin auf der Literaturzeitschrift und bei den Regio-Krimis liegen. Bei Lyrik stellt sich für den Verleger

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natürlich immer die Frage, wer das bezahlt. Gedichtbände sind schwer zu verkaufen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass in der Verlagsarbeit sich nicht alles nach dem Mainstream ausrichten muss – aber rechnen muss man trotzdem. Was die Poesie-Agenda anbelangt, so finde ich sie sehr interessant. Eine Agenda in Papierform ist vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäss, aber für mich stellt sie eine schöne Möglichkeit dar, der Leserschaft Lyrik in homöopathischen Tages­ dosen näher bringen zu können. Gibt es Änderungen für die orteLiteraturzeitschrift redaktioneller oder inhaltlicher Natur? M. S. Ich bin der Meinung: Jeder macht seinen Job. Ich bin der Verleger. Und als solcher werde ich der Redaktion freie Hand lassen. Ist ein Facelifting für die Zeitschrift ein Thema? M. S. Ja sicher, es wird einen Relaunch geben, allerdings eher in bescheidenem Rahmen. Wir werden etwas an der Papierqualität ändern. Auch über die Schriftwahl müssen wir nachdenken. Auf eine saubere typografische Gestaltung legen wir viel Wert. Auch Abo-Verwaltung, Inserate-­Aquisition finden in unserem Haus statt. Wir bauen auch ein Leser-Marketing auf.

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Bei Zusammenschlüssen verschwin­ det erfahrungsgemäss nach eini­ger Zeit der Name des aufgekauften Partners. Wird es orte auch so er­gehen? M. S. Der Appenzeller Verlag ist grösser und damit namensgebend für die Firma. Trotzdem wird der Name orte nicht verschwinden, schon allein deshalb, weil die bei­den Verlage in unterschiedlichen Regionen tätig sind. Der Appenzeller Verlag bewegt sich hauptsächlich in der Ostschweiz. So sind bisher z. B. die Solothurner Literaturtage an uns vorbeigegangen. Mit orte – der ein nationaler Verlag ist – könnten wir dort in Zukunft wieder auftauchen. orte ist ein guter Name – er muss nur mehr wahrgenommen werden. Darüber denken wir zur Zeit viel nach. Die Appenzeller Verlags AG ist in Schwellbrunn zu Hause. Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es auch ein Beizli dazu wie beim vormaligen orte Verlag die Rütegg? M. S. (lacht) Wir sind in einem ehe­maligen Schulhaus untergebracht. Nebenan liegt tatsächlich in einem historischen Gebäude ein gutes und schönes Restaurant. Unser Verlag hat im obersten Stock des Schulhauses zwei Klassenzimmer gemietet. Ebenerdig ist unser Bücherlager untergebracht. Zudem


beherbergt das Schulhaus noch ein Kunstatelier, das gibt dem ganzen Haus eine passende Atmosphäre. Ausserdem: Wir sind ein Verlag mit eigenem Kleintheater, die Alte Stuhlfabrik Herisau. Dort stellen wir alle unsere Bücher vor. Es gibt dort aber auch andere Anlässe wie Konzerte, Vorträge, Theater­ vorstellungen. Dann darf man Ihnen zu Ihrem Mut als Verleger gratulieren? M. S. Ich weiss nicht, ob man mich als mutig bezeichnen kann. Ich bin ja nicht ein Jungunternehmer mit

einem Start-up. Ich habe Verlage übernommen, die funktionieren und ich kann auf die Mitarbeit von erfahrenen und engagierten Leuten zählen, dazu gehören auch die Mitglieder der orte-Redaktion. Marcel und Yvonne Steiner, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch und wünschen der Appen­ zeller Verlag AG recht viel Erfolg und eine interessierte Leserschaft.

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«Wohne dich ein im   – jüdische   Mit diesem Heft möchten wir Sie auf eine Lesereise einladen und Ihnen einen Querschnitt durch etwas mehr als hundert Jahre jüdische Literatur in der Schweiz vorlegen, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Eine aktive Teilnahme der jüdischen Bevölkerung am kulturellen Leben der Schweiz konnte sich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickeln, nachdem die vollständige Gleichberechtigung 1874 in der Bundesverfassung verankert worden war und eine freie Berufswahl und Niederlassung ausserhalb der Judendörfer Endingen und Lengnau möglich wurde. Bereits etwas zuvor waren Juden aus dem Elsass als französische Staatsbürger in die Romandie und nach Basel und Bern eingewandert. Besonders in den Städten bildeten sich rasch jüdische Gemeinden, durch Abwanderung aus den beiden Surbtaler Dörfern, aber auch zu einem wesentlichen Teil durch Zuzug von Menschen aus den Nachbarländern und Osteuropa. Von Beginn weg waren die jüdischen Gemeinden in der Schweiz also stets auch von ausländischen Einwanderern geprägt, die grössten finden sich heute in Zürich und Genf. Mit ein Grund, weshalb unsere Zusammenstellung nicht nur Texte von gebürtigen Schweizerinnen und Schweizern berücksichtigt, sondern auch zur Hälfte von im Ausland geborenen, aber auf die eine oder andere Weise biographisch wesentlich mit unserem Land verbundenen Autorinnen und Autoren. Sie widerspiegeln die moderne Schweiz im Kleinen. Die heutige jüdische Bevölkerung könnte als eine heterogene

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Wort»    Literatur in der Schweiz Minderheit in einer multikulturellen Gesellschaft von Minderheiten bezeichnet werden, wie es Rafaël Newman in seinem ausführlichen Nachwort zur 2001 erschienenen Anthologie Zweifache Eigenheit – Neuere jüdische Litera­ tur in der Schweiz darlegt. Nimmt man die Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Biographien der Autorinnen und Autoren und die Komplexität der Frage, wie eine jüdische Identität gedeutet und gelebt werden könnte und die möglichen Antworten darauf, hinzu – die Genfer Philo­ sophin Jeanne Hersch hat sich in ihrem sehr lesenswerten Essay Mein Judentum damit auseinandergesetzt – ist es nicht verwunderlich, in der Zusammenstellung dieses Hefts sechzehn individuelle Stimmen zu finden, deren gemeinsames Heim zuallererst das gesprochene und geschriebene Wort ist, das sie von nah und fern mitgebracht, hier gepflegt oder mit sich fortgetragen haben. Sieben von ihnen vermitteln uns in Gedichten, Kurzprosa oder einem Auszug aus einer längeren Prosaarbeit einen Einblick in die jüngste Gegenwartsliteratur. Sie waren gleichzeitig eingeladen, unsere Reise durch Raum und Zeit weiter mitzugestalten und einen Text eines verstorbenen Autors oder einer verstorbenen Autorin vorzustellen. Einige haben ihre Wahl mit einem Kommentar begleitet. Das Eingangsgedicht von Margarete Susman, die Jugenderinnerungen Elias Canettis und das Finale mit Edmond Fleg wurden von mir beigesteuert.


Das breite Spektrum an Stilen reicht von religiöser, zionistisch engagierter, jiddischer bis hin zu expressionistischer und dadaistischer Literatur. Und doch ergeben sich Themen, in denen immer wieder ein gemeinsames Lebensgefühl aufscheint: die Geschichte der Menschheit und des Judentums mit ihren biblischen Motiven und ihren Katastrophen wie Erster Weltkrieg und Holocaust. Von Ankommen und Fortgehen, von Assimilation, Absonderung und Ausgrenzung, von der Begegnung mit Nichtjuden und Vermischung, vom Alltag in der Schweiz, einem Staat mit einer besonderen Geschichte und Rolle in der Welt und eigenen Herausforderungen, von Israel, von Liebe, Trennung und Einsamkeit, vom Leben in all seiner Banalität wird die Rede sein und dies nicht zuletzt mit einem Schuss Humor. Wir eröffnen mit einem Liebesgedicht der Philosophin und religiösen Dichterin Margarete Susman. Religiosität bedeutete für sie erfahrene Intensität durch Sprache. Liebe und Natur verknüpfen sich bei ihr mit den tiefsten Fragen nach Gott. Lea Gottheil empfiehlt die auf tragische Weise mit einem düsteren Kapitel der Schweizer Flüchtlingspolitik verbundene Else Lasker-Schüler. Beide Dichterinnen bewegen sich in einer Landschaft, durch die Heimweh und die menschliche Urgeschichte weht. Bettina Spoerri erzählt von den ersten Eindrücken einer Schweizer Jüdin in Jerusalem und lässt Kurt Guggenheims Professor Hiersinger einen traditionellen Schweizer Waschtag schildern. Ruth Lewinsky berichtet von falsch parkierten Autos oder einem Buckel, der drückt, mit feinem Humor und einem tränenerfüllten Auge. Ihr Gegenüber Tristan Tzara zeigt uns, welch fantasievolle, neuartige Melodien man vom Höcker eines Kamels pfeifen kann. Martin Hamburger wagt sich mit seinem körperlich behinderten Protagonisten und Sohn einer Mischehe ins Spannungsfeld von Assimilation, Absonderung und Ausgrenzung. Seine Wahl fiel auf André

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Kaminski, der vom Ersten Weltkrieg erzählt, von Liebe, Trennung und der Flucht in ein Land, wo Milch und Honig fliessen sollen. Sergueï Hazanovs russischer Brief entspinnt für uns geistreich und pfiffig ein Stück russisch-schweizerisch-jüdische Geschichte, ja, sie gibt es tatsächlich. Auf Kaminski und Hazanov folgt mit dem gebürtigen Bulgaren Elias Canetti ein weiterer Schriftsteller mit östlichen, diesmal sephardischen Wurzeln. Wieder wird vom Ersten Weltkrieg, Migration und Wanderschaft die Rede sein. Er selbst bezeichnete am Schluss seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen Die gerettete Zunge seine Zürcher Jugendjahre als die einzig vollkommen glücklichen und erlebte das erneute Fortgerissenwerden als Vertreibung aus dem Paradies. Die Wanderschaft wird in Gabriele Markus’ Versen fortgesetzt. Wohne dich ein im Wort, den Titelvers habe ich mit freundlicher Genehmigung der Lyrikerin ihrem Gedicht Ausgewandert entnommen. Sie entführt uns in die kraftvolle, spannungsgeladene Bilder- und Klangwelt des jiddischen Dichters Lajser Ajchenrand, dessen Verse tief in der Religion, Philosophie und schmerzhaften Geschichte des Judentums wurzeln. Ajchenrands Jeremias-Statue steht in Genf. Eine Stadt, durch die Shmuel T. Meyer in seinen Erzählungen streift. Wehmütig erinnert er an die Blütezeit der Salons, wo Literaten, Musiker, Komponisten und andere Intellektuelle zusammentrafen. Trost spendet einem alten, vereinsamten, russischen Juden ausgerechnet das Lächeln einer Araberin. In ihr erkennt er so etwas wie eine Leidensgenossin. Shmuel T. Meyer stellt uns Albert Cohen, den grossen Romancier mit den farbigen jüdischen Figuren, von einer unbekannteren Seite vor: mit einem frühen Gedicht, in dem vieles, was den Schriftsteller umtreibt, im Keim

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Omanut. Verein zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz.

Omanut steht für Offenheit, Neugier, Glaubwürdigkeit und Verantwortung. Omanut vermittelt aktiv zwischen den Kulturen, sucht unkonventionell nach Wegen, verschiedene Kulturen kennen zu lernen und zu verstehen. www.omanut.ch

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bereits angelegt ist. Edmond Fleg beschäftigte sich rege mit jüdischer Geschichte und Religion. Vor seinem schweizerisch-französischen Hintergrund versuchte er, sie assimilierten Juden, aber auch Christen näherzubringen, was ihm im abgedruckten Dialog auf leichtfüssige und drollige Art und Weise wunderbar gelingt. Wer sich einen Überblick über jüdisches Leben und Wirken in seinem ganzen Facettenreichtum verschaffen möchte, dem sei die Festschrift Jüdische Lebenswelt Schweiz, die der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG im Jahr 2004 anlässlich seines hundertjährigen Bestehens herausgab, empfohlen. Darin eingebettet ist ein sehr lesenswerter Beitrag von Charles Linsmayer zu Juden und Judentum im Schweizer Literatur- und Theaterschaffen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei ihm für die wertvollen Hinweise herzlich bedanken. Als Herausgeber des Werks von Kurt Guggenheim hat er für uns einen kurzen Auszug aus Alles in Allem ausgewählt. Diese Roman-Tetralogie schildert die Geschichte Zürichs und seiner jüdischen Bevölkerung von 1900 bis 1945 so glänzend, dass sie der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann bei Einbürgerungen verschenkte. Mein besonderer Dank gebührt unserem Fotografen Michael Guggenheimer für seine Unterstützung und die lebendigen Einblicke, die seine Bilder bieten. Nun wünsche ich Ihnen eine spannende Lektüre mit vielen Entdeckungen, Anknüpfungspunkten und Anregungen zur Vertiefung. Anne-Marie Kenessey

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«Wenn du doch kämest … Im lichten Alpenmantel eingehüllt» Else Lasker-Schüler Margarete Susman (1872 – 1966) Ausgewählt von der orte-Redaktion (amk)

Ich weiss nur eins – dass wir uns lieben müssen, Wir von des gleichen Lebens Meeresstrand, Wir Heimatlosen, die nach fernem Land Wahnsinn’ger Sehnsucht voll die Segel hissen. Ich weiss nur eins – dass wir uns helfen müssen Auf unsrer Reise wirr und voll Gefahr, Dass nie ein Glück auf diesen Wogen war, Als helfen und ein helfend Herz zu wissen. Ich weiss nur eins – trotz finstrer Einsamkeiten, In die der Sturm uns Ringende verschlägt, Dass wir uns suchen müssen unentwegt, Eh’ wir ins letzte tiefste Dunkel gleiten. Zitiert aus: Margarete Susman, «Mein Land», Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin  /  Leipzig 1901, S. 64

Ein Blick in eine jüdisch-orthodoxe Betstube an der Anwandstrasse in Zürich. (Foto: Michael Guggenheimer)

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Lea Gottheil (*1975) mayas garten

die landebahn unseres fliegers führte in die orangenblüte alle frauen in diesem land rieben diesen duft in ihre hals­kuhlen auch du maya pflücktest sie im hinteren teil des gartens von dem ich glaubte hier habe die menschheit ihren kern diese urgeschichte von der ich nicht weiss ob sie mir bei meiner geburt erzählt worden ist im vorderen teil des gartens die huhnabfälle schmierig weiss für die katze aus knochen und kurzdünnem fell nicht berühren auch nicht die fotografie des jungen in uniform beim fernseher nur gucken und nicht fragen huhnsalat und gezuckerte erdbeeren jeden tag in diesem land das schnell wachsen musste nie war es karg für uns die wüste haben wir immer mit wasserflaschen besucht auch die vielen denkmäler und kerzen dieses jungen landes und waren froh immer wieder in mayas garten zu sein

beim jasmin bei vater der uns die zweige auf handhöhe drückte damit wir süsse pflücken konnten uns dunkel­glänzende kerne in zitrusgelb zeigte aber nie erzählte vom jungen mann in uniform beim fernseher meersalz auf pistazien wir haben von gurken und käsestückchen gelebt als wir das land aufgebaut haben sagt maya und wischt sich die hände am hauskleid es weht um ihre knochigen knie wie immer ein lächeln weht um sie maya wer ist der junge mann streichelt nicht die katze krank werdet ihr fragt nicht esst huhnsalat und gebt mir die reste ich werfe nichts weg wie grün ist die schweiz bleibt nicht da hier ist es karg und hart das lächeln weht die wüste ist weit die schweiz voller hügel der atem bleibt weg hier atmet man orangenduft den sich die frauen in ihre halskuhlen reiben damit sie nicht weinen und weinen wer ist der junge

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Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) Heimweh Ausgewählt von Lea Gottheil

Ich kann die Sprache Dieses kühlen Landes nicht, Und seinen Schritt nicht gehn. Auch die Wolken, die vorbeiziehn, Weiss ich nicht zu deuten. Die Nacht ist eine Stiefkönigin. Immer muss ich an die Pharaonenwälder denken Und küsse die Bilder meiner Sterne. Meine Lippen leuchten schon Und sprechen Fernes, Und bin ein buntes Bilderbuch Auf deinem Schoss. Aber dein Antlitz spinnt Einen Schleier aus Weinen. Meinen schillernden Vögeln Sind die Korallen ausgestochen, An den Hecken der Gärten Versteinern sich ihre weichen Nester. Wer salbt meine toten Paläste – Sie trugen die Kronen meiner Väter, Ihre Gebete versanken im heiligen Fluss. Zitiert aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Karl Jürgen Skrodzki. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 155. Lea Gottheil: Else Lasker-Schüler emigrierte 1933 nach Zürich, wo man ihr verbot zu arbeiten. 1939, als sie zum dritten Mal nach Palästina reiste, wurde ihr wegen des Kriegs­ausbruchs die Rückreise in die Schweiz verweigert.

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Aus der Deutschschweiz

Bettina Spoerri (*1968) Bis Zehn zählen Auszug aus einem grösseren Prosaprojekt

Annas erster Tag in Jerusalem. Je näher sie der Altstadt kommt, desto mehr Souvenirshops gibt es. Und hinter der nächsten Häuserzeile kann sie plötzlich die hohe Mauer sehen. Sie bleibt stehen, um auf dem Stadtplan nachzuprüfen, wo sich das nächstliegende Tor befindet. Da fällt ihr Blick auf den Postkartenständer vor ihr. In ihm stecken nicht nur die immergleichen touristischen Sujets, die sie auf dem Weg die Jaffastrasse hinab vor vielen Geschäften hat stehen sehen, sondern alte Karten in leuchtenden Technicolorfarben, von der Sonne gebleicht, mit Staub beschichtet, gekrümmt aus dem Gestell hängend. Sie nimmt die dünnen Kartonvierecke aus den Metallumfassungen, dreht den Ständer, der schwarze Spuren an ihren Fingern hinterlässt, Reihe um Reihe einmal um seine Achse. Kein Verkäufer zeigt sich. Auch das ist ungewöhnlich, stehen sie doch – und fast immer sind sie auch die Besitzer des Ladens – meist nach

wenigen Sekunden schon neben einem, preisen die Ware an. Eigentlich, denkt Anna, könnte ich jetzt einfach weggehen; er würde vielleicht gar nichts bemerken. Doch die Neugier treibt sie ins Innere des Ladens hinein. Ihre Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann zeigen sich die Strukturen des Innenraums. Der Laden ist vom Boden bis zur Decke vollgestopft mit Gegenständen. Auf und unter Bambusgestellen liegen und stehen Taschen, Kerzen, Kerzenständer, Decken, Kamele aus Stoff, Stein und Holz, Handtrommeln, Hüte und Mützen, gestrickt, bestickt, Wand­ uhren, Haarspangen, Stoffbeutel. In einer Glasvitrine wird Silberschmuck dargeboten, Fingerringe, Halsketten, Ohrringe. Es riecht nach Staub und ein wenig zu penetrant nach Räucherstäbchen. «Please – you wish?» Anna fährt zusammen. Sie hat den Mann nicht kommen hören, jetzt steht er plötzlich neben einem der Bambusgestelle und lächelt sie ruhig an, als sie sich überrascht zu seiner Stimme hin dreht. «Sie wollen diese Postkarten?», fragt er sie auf Englisch.

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Bis vor wenigen Jahren gab es in Zürich zwei jüdische Bäckereien, die Backwaren nach jüdisch rituellen Vorgaben herstellten. (Foto: Michael Guggenheimer)

«Äh … Ja, bitte.» «Lassen Sie uns sehen, wie viele Postkarten Sie da haben … – ächad, schtäim, schelosch, araba, chamesch … – zehn, Sie haben zehn Karten; das wäre zehn Schekel.» Er sieht Anna mit seinen schwarz­ umrandeten, bernsteinfarbenen Augen freundlich an, nimmt einen weissen Papiersack vom Stapel auf dem Kassentisch und schiebt die Karten hinein. Verlegen gräbt Anna in ihrer Umhängetasche nach Schekeln. «Wie sagten Sie? Ächad schtäim, … Wenn Sie auf Zehn zählen, klingt das wie Musik», sagt sie. «Ich habe

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versucht, ein paar Wörter zu lernen, doch mehr als ‹Danke› wage ich noch nicht zu sagen.» «Wie lange sind Sie denn schon hier?» Ach nein, nun fragt er mich auch, woher ich komme und all diese lästigen Fragen, die mir hier ständig gestellt werden, denkt Anna. Heute Morgen waren es der Mann an der Reception und ein israelisches Ehepaar im Frühstücksraum, gestern die zwei jungen Frauen im Flugzeug. Die Fragen bekunden zwar ein Interesse, aber unterstreichen doch vor allem die Distanz, dass sie hier als Touristin angesehen wird. Sie ertappt sich bei dem Wunsch, hier nicht fremd sein zu müssen. Was will sie hier eigentlich? Das ist der Nahe Osten, er gehört im Prinzip schon zu Asien, was haben die aschkenasischen Gesichter ihrer Vorfahren damit zu tun, die sich in Kleidern mit dicken Stoffen, mit starr nach vorne gerichteten Blicken der Kamera präsentierten? «Etwas mehr als eine Woche», antwortet sie knapp. Dann bittet sie ihn: «Würden Sie mir die Zahlen von Eins bis Zehn aufschreiben? Wie man sie ausspricht – damit ich sie lernen kann?»


Amüsiert nimmt er einen weiteren weissen Papiersack, einen schwarzen Stift und beginnt die Ziffern aufzuschreiben. Dann setzt er links daneben die Aussprache in lateinischen Buchstaben. Dreimal liest er Anna die Namen laut vor, sie versucht sie nachzusprechen, was seine Lippen leicht zucken lässt, dann überreicht er ihr den Sack

mit der Bemerkung: «Sie kommen zurück, wenn Sie die Zahlen auswendig können.» Er zeigt ihr den Weg zum nächstgelegenen Tor, zur Klagemauer und dem Felsendom, und Anna geht los, in den Trubel des arabischen Bazars in der Altstadt, den Zahlenzettel immer fest in der Hand.

Kurt Guggenheim (1896 – 1983) Das Zusammensetzspiel

stücke, Bettwäsche, Küchenwäsche. Die beabsichtigte Untersuchung meint das Verhalten und das Verhältnis der Hausfrau und auch der übrigen Familienmitglieder zur Wäsche, insbesondere auch der Bedeutung des Waschtages – die grosse Wäsche. Die Aussteuer der Mädchen im heiratsfähigen Alter, die Leintücher vor allem, die Kissenund Pfulmenüberzüge. Bei uns, namentlich im Gebiete des Kantons Bern (Gotthelf), wohnt der weissen Wäsche eine irrationale, eine mythische Bedeutung inne. Die besondere Art der Gesichtszüge, der Körperhaltung bei Frauen, sobald von Wäsche

Ausgewählt von Bettina Spoerri

Ich sass vor der aufgeschlagenen Seite, und um ein wenig in Schuss zu kommen, kalligraphierte ich in die linke obere Ecke des Blattes die Worte «Wäsche – der Waschtag – die Wäsche der Schweizerin». Im Text fuhr ich in der gleichen Schönschrift behutsam weiter. Eine lange Erfahrung hatte mich belehrt, dass dies eine gute Art sei, sich einzuspuren. Mit Wäsche sind alle waschbaren Stücke eines durchschnittlichen Haushalts gemeint, Körperwäsche-

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