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Leseprobe_WJB_26

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Werdenberger Jahrbuch 2026


WERDENBERGER JAHRBUCH

2026 Mode

Beiträge zur Geschichte der Gemeinden War­tau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald

Historischer Verein der Region Werdenberg 39. Jahrgang


© 2026 by FormatOst, CH-9100 Herisau Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Verlagshuus, Appenzeller Verlag AG Windegg 5, CH-9100 Herisau verlag@formatost.ch Verlagsauslieferung in die EU: HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, DE-85748 Garching service@herold-fulfillment.de Herausgeber: Historischer Verein der Region Werdenberg HVW Redaktion: René Oehler (Leitung), Daniela Ulrich, Clara Müller, Hanna Rauber (Bildredaktion), Stephani Schmidt. Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Umschlagbild: Skizze aus dem Arbeitsheft von Lilly Appenzeller an der Berufsschule Buchs 1944, Foto: Ursula Dürr, Haag Gestaltung: Brigitte Knöpfel Gesetzt in ITC Stone Serif Std und ITC Stone Sans Std Druckvorstufe: Verlagshuus, Herisau Druck: Appenzeller Druckerei, Herisau Bindung: Buchbinderei Grollimund AG, Reinach BL ISBN 978-3-03895-077-6 formatost.ch

Das Verlagshuus wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026 – 2028 mit einem Strukturbeitrag unterstützt.


Inhalt 6 Dank 8 An die Leserinnen und Leser 10 12 20 30 42 50 54 66 74 82 88 102 114

FOKUS Mode und Moderne Peter Schulthess Gut betucht! Kleidermode im Mittelalter Thomas Gnägi und Maja Suenderhauf Über geschäftlich-familiäre Bande zu modisch-urbaner Eleganz Maya Zellweger Modetrends aus Paris, Stickereiprodukte aus dem Werdenberg Heini Schwendener Drei Generationen im Dienst der Stickerei Selina und Jakob Sonderegger Die Weberei Azmoos und ihre Geschichte Otto Ackermann Modegeschäfte gestern und heute Christoph Helbling Schuhmacher über drei Generationen Hansruedi Rohrer Die Tracht – das Kleid der Heimat Silvia Reifler Lilly Appenzeller – Damenschneiderin aus Sax Ursula Dürr Hutmode Hanna Rauber Schmuck aus Werdenberg René Oehler

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PANORAMA Streit um Hanf-, Flachs- und Obstzehnt Clara Müller Wie der Schutzheilige der Reisenden im Kirch­gemeindehaus Grabs zur Ruhe kam Daniel Saluz Das Fährunglück von Haag-Bendern 1587 – ein zeit­genössischer Katastrophenbericht im Umfeld konfes­sioneller Spannungen Fabian Frommelt 142 «Das gelobte Land» – Auswanderung aus Grabs nach Amerika im 19. Jahrhundert Anna Lippuner 150 «Händer mer keyni Lumpä?» Stephan Burkhardt 166 Die Firma Basaltstein und ihre Seilbahn – ein Stück Buchser Industriegeschichte Hansruedi Rohrer 172 Der Kampf um den Bau der Seilbahn nach Staubern Max Lemmenmeier 186 25 Jahre Mintegra: von der Migration zur Integration Jakob Gähwiler 194 Buchbesprechungen 204 Das Museümli in Buchs – ein kleiner und feiner Kunstort Regula Mosberger 210 CHRONIK 212 Vereinstätigkeit des HVW von Juli 2025 bis Juni 2026 Daniel Gut, Hanna Rauber und Stephani Schmidt 218 Schloss Werdenberg – Jahresrückblick Sommer 2025 bis Sommer 2026 Thomas Gnägi 228 Jahresrückblick der Werdenberger Gemeinden Hanna Rauber und Stephani Schmidt 263 Werdenberger Bevölkerungsstatistik von 2024 und 2025 264 Kommunale Abstimmungen/Wahlen der Werdenberger Gemeinden 266 Nachruf Noldi Kessler Michael Berger 268 Nachruf Hildegard Fässler Hanna Rauber 270 Unsere Verstorbenen 282 Abbildungsnachweise 287 Werdenberger Jahrbuch: Bisher erschienene Publikationen


DANK

Folgende Gemeinden, Firmen und Personen unterstützten die Herausgabe des Werdenberger Jahrbuchs 2026: – Politische Gemeinde War­tau – Politische Gemeinde Sevelen – Stadt Buchs – Politische Gemeinde Grabs – Politische Gemeinde Gams – Politische Gemeinde Sennwald


– ACV Steuerberatung AG, Buchs, acv.ch – Berufs- und Weiterbildungszentrum Buchs Sargans, Buchs, bzbs.ch – booksinbuchs GmbH, Buchs, booksinbuchs.ch – CHEMBERG GMBH SCHWEIZ, Salez, – Delta Möbel AG, Haag, delta-moebel.ch – Elektrizitätswerk Buchs, Buchs, ewbuchs.ch – Elektrizitätswerk Sennwald, Sennwald, ewsennwald.ch – Freimed Arztpraxis, Sennwald, freimed-sennwald.ch – Garage Kühnis AG, Grabs, garage-kuehnis.ch – Gasthaus Löwen, Salez, loewen-salez.ch – Graf Malerei AG, Buchs, grafmalerei.ch – Helbling Mode, Buchs, helblingmode.ch – Hotel Buchserhof, Buchs, buchserhof.ch – K + R Malerei AG, Sevelen, kundr.ch – Kolb Elektro SBW AG, Haag, kolbelektro.ch – Kühnis Optik Buchs AG, Buchs, kuehnis.ch/optik/buchs – Kuhn Felix, dipl. Architekt ETH SIA, Buchs, felixkuhn.ch – Meier-Joos Annamarie und Willi, Zürich – Merck, Buchs, sigmaaldrich.com – Die Mobiliar, Buchs, mobiliar.ch – Müller Azmoos AG, Azmoos, muellerazmoos.ch – Schöb AG, Gams, schoeb-ag.ch – SLB MEDIA AG, Buchs, slbmedia.ch – St. Galler Kantonalbank, Buchs, sgkb.ch – titz GmbH, Schaanwald, titz-gmbh.li – Torso GmbH, Buchs, torso-mode.ch – Verdunova AG, Sennwald, verdunova.ch – Wolle Gret GmbH, Buchs, torso-mode.ch – Ungenannte Freunde, Freundinnen, Gönner und Gönnerinnen


An die Leserinnen und Leser Mode, vor allem wenn es dabei um die Kleidung geht, betrifft uns alle, unabhängig davon, ob wir sie beachten und ihr folgen oder nicht. Wir kleiden uns täglich, und Kleider machen in jedem Fall Leute. Die Klei­ dung, die jemand trägt, macht immer auch Aussagen über dessen Cha­ rakter, Haltung, Geschmack und persönliche Vorlieben sowie – je nach historischem und gesellschaftlichem Kontext – über Geschlecht, Alter, Zivilstand und soziale Stellung. Das gilt mutmasslich seit Beginn der Menschheitsgeschichte und nachweislich seit Tausenden von Jahren. Was dabei jeweils angesagt, also modern beziehungsweise modisch war und ist, hängt von vielfältigen Faktoren ab, auf die der Textilhisto­ riker Peter Schulthess in seinem einleitenden Übersichtsartikel eingeht. Im daran anschliessenden Beitrag zeigen Thomas Gnägi und Maja Suen­ derhauf auf, was Kleidung und Mode konkret im Mittelalter bedeute­ ten, und wie das Wissen darüber auf Schloss Werdenberg mithilfe mo­ derner Technik vermittelt wird. Im minutiös recherchierten Artikel von Maya Zellweger erfährt man, wie im 18. Jahrhundert der zunehmende Wohlstand der erfolgreich im Baumwollhandel tätigen Familie Sulser aus Azmoos modisch Ausdruck fand. Christoph Helbling schliesslich erklärt in seinem Beitrag am Beispiel des Buchser Modehauses Helbling, wie sich die Mode und das Modegeschäft im 20. und 21. Jahrhundert entwickelt haben. Kleider machen nicht nur Leute, sondern Leute machen auch Klei­ der, so etwa die Damen- und Trachtenschneiderin Lilly Appenzeller aus Sax, um die es in Ursula Dürrs Beitrag geht. Bereits das Umschlagbild des Jahrbuchs verweist auf Lilly Appenzeller, zeigt es doch eine Skizze aus ihrem Arbeitsheft an der Berufsschule Buchs aus dem Jahr 1944. Die ausgewiesene Trachtenexpertin Silvia Reifler zeigt in ihrem Beitrag, was es mit der Werdenberger Tracht auf sich hat. Und auch die für unsere Region einst so wichtige Stickerei wird thematisiert: Heini Schwende­ ner zeichnet deren eindrücklichen Aufstieg und Niedergang überblicks­ artig nach, während Selina und Jakob Sonderegger aus Sennwald in ei­ nem Kurzbeitrag ihren bis 2023 bestehenden Familien-Stickereibetrieb vorstellen. Um Textilindustrie geht es auch bei Otto Ackermann, der die Geschichte der Weberei Azmoos von ihrer Gründung in den 1860er-Jahren bis zur Stilllegung im Jahr 1974 aufarbeitet. Im Zusammenhang mit Mode und Kleidung sind Hüte und andere Kopfbedeckungen, Schuhe und Schmuck ebenfalls zu beachten. Hanna


Einleitung

Raubers Artikel widmet sich der Hutmode und dem inzwischen ver­ schwundenen lokalen Hutgewerbe. Hansruedi Rohrer stellt die Schuh­ macherfamilie Lippuner vor, die an der Buchser Altendorfstrasse über drei Generationen hinweg eine Schuhwerkstatt betrieb, und René Oeh­ ler zeigt auf, wie das jahrtausendealte Schmuckgewerbe seinen Weg ins Städtchen Werdenberg fand. Alttextilien waren während Jahrhunderten begehrtes Grundmate­ rial für die Herstellung von Papier, der Beruf der Lumpen- beziehungs­ weise Textilsammlerin entsprechend hoch angesehen. Anhand von Do­ kumenten aus dem Werdenberger Kulturarchiv zeichnet der Buch­ drucker Stephan Burckhardt die Geschichte dieses sogenannten Hadern­ papiers nach. Sein Beitrag streift zwar die Fokusthematik, findet sich aber im reichhaltigen Panoramateil. Eröffnet wird dieser wie gewohnt durch die fixen Rubriken «Urkunde» und «Objekt des Jahres». Clara Müller stellt eine Werdenberger Urkunde aus dem Jahr 1488 vor, in der es um die Beilegung eines Streits um Zehntabgaben für Hanf, Flachs und Obst geht. Objekt des Jahres ist ein Fresko aus dem 15. Jahrhun­ dert, das den heiligen Christopherus zeigt. Was es mit ihm auf sich hat und wie es ins Kirchgemeindehaus Grabs gelangte, erfährt man im Bei­ trag von Daniel Saluz. 1587 ereignete sich am Rheinübergang Haag-Bendern ein schlim­ mes Fährunglück, das 80 Personen aus Gams das Leben kostete. Der Liechtensteiner Historiker Fabian Frommelt spürt dem dramatischen Geschehen in seinem Beitrag nach. Ein weiterer Panoramaartikel stammt von Anna Lippuner. Er basiert auf ihrer Maturaarbeit, die sie Anfang dieses Jahres an der Kantonsschule Sargans eingereicht hat. Die junge Autorin beschäftigt sich mit dem Schicksal von Grabserinnen und Grabsern, die im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten. Gleich in zwei Panoramabeiträgen geht es sodann um Seilbahnen. Zum einen zeichnet Max Lemmenmeier die Geschichte und das Ringen um die Seilbahn auf die Stauberen nach, zum anderen schwelgt Hansruedi Roh­ rer im Rahmen seines Beitrags zur Geschichte der Firma Basaltstein in Erinnerungen an die vor knapp 50 Jahren abgebrochene Materialseil­ bahn zum ehemaligen Steinbruch am Buchserberg. Jakob Gähwiler schaut auf 25 Jahre Mintegra zurück, eine Stiftung, die in unserer Region Migrantinnen und Migranten bei der Integration in die Gesellschaft unterstützt. Auf die Buchbesprechungen folgt ab­ schliessend Regula Mosbergers Beitrag zum Werdenberger Kulturschaf­ fen. Er ist dem Buchser Museümli gewidmet, wo pro Jahr lediglich vier eintägige Ausstellungen stattfinden. Dennoch gilt das originelle Kleinst­ museum in der überregionalen Kunstszene als Geheimtipp. Der Chronikteil bietet nebst Bevölkerungs- und Abstimmungs­ statistiken einen ausführlichen Jahresrückblick auf das Geschehen in den Werdenberger Gemeinden, und ganz zum Schluss wird der im vergange­ nen Jahr verstorbenen Werdenbergerinnen und Werdenberger gedacht. Viel Vergnügen beim Blättern, Lesen und Staunen! Vorstand HVW und die Redaktion

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FOKUS

Mode 12 Mode und Moderne 20 Gut betucht! Kleidermode im Mittelalter

30 Über geschäftlich-familiäre Bande zu modisch-urbaner Eleganz 42 Modetrends aus Paris, Stickereiprodukte aus dem Werdenberg 50 Drei Generationen im Dienst der Stickerei 54 Die Weberei Azmoos und ihre Geschichte 66 Modegeschäfte gestern und heute 74 Schuhmacher über drei Generationen 82 Die Tracht – das Kleid der Heimat 88 Lilly Appenzeller – Damenschneiderin aus Sax

102 Hutmode 114 Schmuck aus Werdenberg


Peter Schulthess

Mode und Moderne Die Anfänge des westlichen Modesystems liegen im höfischen Versailles/Paris des 17. Jahrhunderts. Die globale Blüte erreichte das System der Mode im 20. Jahrhundert.

Historiker und Ethnographen haben lan­ ge angenommen, dass die Erscheinung der Mode ein ausschliesslich europäisches Phänomen und nicht-westliche Beklei­ dung statisch und «traditionell» sei. Dies ist eine eurozentrische Vorstellung.1 Asien und Afrika inspirierten die Modemacher. Immer wieder eignete sich die westliche Mode fremde und exotische Kulturen an. Der Meister darin war der französische Couturier Yves Saint Laurent. In Indien, China oder Japan vollzo­ gen sich Modewechsel aufgrund dynasti­ scher Macht- und Ständeverhältnisse über lange Zeiträume und damit kaum sichtbar. Die Art der Bekleidung war in Asien stark reguliert. Gesellschaften waren hierar­ chisch in Schichten gegliedert, deren oberste als pars pro toto die ganze Gesell­ schaft repräsentierte. Strenge Kleiderord­ nungen oder Luxusmandate liessen zu­ mindest im öffentlichen Raum wenig Frei­ heiten zur Veränderung oder zu einem in­ dividuellen Ausdruck in der Bekleidung.2 Breite Bevölkerungsschichten waren (und sind noch immer) nicht in der Lage, Stof­ fe oder Kleiderformen zu variieren.

Asien und die europäische Modewelt Die europäische Expansion nach Asien über den Indischen Ozean hat den Westen mit fremden Kulturen und deren Gütern kon­ frontiert. Die in Europa importierten Luxus­ güter wie Seide oder Gewürze veränderten die westlichen Gesellschaften. In Kombina­ tion mit dem Seehandel, dem Kapitalismus, dem ökonomischen Liberalismus, der Imi­ tation von Farbigkeit und der Aneignung neuartiger Muster, dem Einsatz von Maschi­ nen in der Textilproduktion und der Stan­ dardisierung von Fabrikation und Produk­ ten entstand das, was wir als Mode und Mo­ derne bezeichnen. Breitere Gesellschafts­ schichten konnten und wollten sich im 18. Jahrhundert in ihren Bekleidungsstilen den Eliten annähern. Die Nachahmung von Luxus und Exotik wurde zum Motor der eu­ ropäischen Mode und der aufkommenden Textil- und Bekleidungsindustrie sowie des Kleiderhandels. Dabei spielte die Herstel­ lung von Neuheiten und die Möglichkeit der endlosen Vervielfältigung von Konsum­ gütern eine Hauptrolle.


Mode und Moderne 13

Four major schools of thoughts in the Global Cloth/Clothing Studies.

Auf dem Weg zu einem globalen Modesystem Die Grafik «Four major schools of thoughts in the Global Cloth/Clothing Studies» zeigt ein Untersuchungsmodell für das Modesystem. Das Modell dient der histo­ rischen und der zeitgenössischen For­ schung. Es folgt verschiedenen Denkschu­ len: Wirtschafts-, Konsum-, Kunst- und So­ zialgeschichte. Untersucht werden zum Beispiel die Gebrauchsweisen von Stoffen und Bekleidung in verschiedenen Weltge­ genden zu unterschiedlichen Zeiten, also soziale, kulturelle, industrielle und wirt­ schaftliche, historische oder aktuelle Trends in der Nachahmung und Verbreitung

(emulation) von Gewebe- und Kleider­ stilen.3 In diesem Modell ist die integrale Betrachtung von Stoff und Kleid (cloth/ clothing) zentral; diese wurde in Studien davor kaum berücksichtigt. In der Textilund Modewelt ist allen bewusst: «Der Stoff ist die halbe Mode.» Im Zentrum von For­ schungsfragen stehen immer Stoff und Kleid (cloth/clothing), also das Produkt der Mode (auch Schuhe oder Accessoires). Davon ausgehend werden die Untersu­ chungen in verschiedenen Feldern gleich­ zeitig gemacht. Das System der Mode ist genauso komplex wie faszinierend. Sie ist nicht nur ein soziales Phänomen, sondern auch ein Feld des Materials, des Hand­ werks, der Technik, der Kunst. Darin war


14 Peter Schulthess

die Schweizer Textilindustrie führend. Ei­ ne Konfektionsindustrie gab es aber nur in Ansätzen.4 Bekannt ist heute das Modela­ bel Akris. Diese Firma entstand aus der Produktion von Baumwollschürzen, eben­ so wie der spanische Kleidergigant Zara.

Revolutionen und Mode Exotische Gewebe lösten im 18. Jahrhun­ dert eine «Revolution» aus, welche die Ge­ sellschaft in Europa veränderte und mög­ licherweise für einige gewaltsame Revolu­ tionen zum Auslöser wurde (beispielswei­ se für die Französische Revolution 1789 oder den Fabriksturm von Uster 1832).5 Der Einfluss des Orients – besonders in Frankreich – war enorm und lässt sich so­ wohl in der Mode wie in der Literatur des 17. Jahrhunderts nachweisen.6 Der immer effizientere Handel mit Übersee und die Nachahmung der fremden Produkte löste eine Fleiss- und Konsumrevolution aus.7 Vor allem die farbig bedruckte Baumwol­ le (anfangs noch aus Indien) erfreute sich einer grossen Nachfrage. Die Textilindus­ trie imitierte die indischen Gewebe, um sie dann durch eigene Kreativleistungen weiterzuentwickeln. Von Genf über Glarus bis an den Bodensee entstanden im 18. und 19. Jahrhundert Dutzende von Stoff­ druckereien.

Neuheiten Der Textilfabrikant sieht den Stoff aus der Perspektive der Materialkomposition und des Herstellungsprozesses, während der Kunde seine Erscheinung (Farbe, Muster)

Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Spinnerei von Julius Gujer Uster. Die Frauen tragen Schürzen aus Baumwollstoffen.

und die Handhabung (Alltag oder Fest) wahrnimmt. Beide Seiten sind tief invol­ viert in den ökonomischen und kulturel­ len Themen hinter dem Tragen von Stof­ fen in der Form von modischer Beklei­ dung: Kosten, Preis, Qualität und Bedeu­ tung. Wir müssen Gewebe und Bekleidung aus diesen verschiedenen Perspektiven se­ hen, um zu verstehen, welches die Treiber hinter der Einführung bestimmter Materi­ alien, Kleider und Stile in einem Markt sind und welches die kollektiven Antwor­ ten in Form von Mode sind. Die bedeu­ tendste Entwicklung in der Moderne wa­


Mode und Moderne 15

Die Familie Hürlimann aus Oberägeri im Sonntagsputz. Der Vater war Viehhändler und die Mutter eine Heimweberin für die Zürcher Seidenindustrie.

ren die «Neuheiten». Auf der Angebotssei­ te schufen Neuheiten Wettbewerbsvortei­ le, stimulierten den Modewechsel und be­ feuerten den Konsumzyklus. Auf der Nach­ frageseite ermöglichten Neuheiten bei den Kunden ein gutes Gefühl, einen Weg, in der Gesellschaft wahrgenommen zu wer­ den, und setzten neue oder gewünschte soziale Zeichen. Neuheiten können auch auf gegen­ teilige Weise wirken: Sie sind ein Instru­ ment, um die luxuriösen Stilwechsel der Eliten zu unterhalten und zu festigen, und Neuheiten waren und sind heute gleich­

zeitig subversive Akteure, um genau diese elitären Modebarrieren einzureissen, in­ dem modische Bekleidung immer er­ schwinglicher gemacht wurde. Die im langen 19. Jahrhundert herr­ schende Philosophie des Fortschritts un­ terstützte die wirtschaftlichen und gesell­ schaftlichen Prozesse durch die Haltung, dass neue Stoffe, neue Stile und veränder­ te Schnitte besser und darum fortschrittli­ cher sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte die Rocklänge ständig. Von Mi­ di zu Maxi und von Maxi zu Mini, je nach Jahreszeit.8


16 Peter Schulthess

Europäische Innovationen Innovationen prägten Stoffe und Kleider. In der Textilindustrie ersetzte eine Chlor­ behandlung die Sonnenbleiche, die syste­ matische schriftliche Erfassung von Rezep­ turen ermöglichte eine musterkonforme Produktion, synthetische Farbstoffe erwei­ terten die Farbpalette (zuletzt der syntheti­ sche Indigo), Walzendruck statt Holz­ modell erlaubte grössere Mengen von far­ big bedruckten Geweben, Kunstharze machten Gewebe «bügelfrei». Kunstfasern und, nach dem Zweiten Weltkrieg, der brei­ te Einsatz von Synthesefasern auf der Basis von Erdölprodukten brachten eine Erwei­ terung des Angebots. Standardisierte Grös­ sen in der Näherei (von der Uniformher­ stellung übernommen) – zuerst für Kna­ ben- und Herrenkleider, später für Damen­ wäsche und für Schürzen – und Indus­­trieNähmaschinen brachten dann um 1900 konfektionierte Kleidung für alle. Im Zuge der Globalisierung gingen Schweizer Tex­ tilmaschinen nach dem Zweiten Weltkrieg auch nach Asien, vor allem nach China, Korea und Japan. In den 1970er- Jahren wurden Teile der Kleiderherstellung in Län­ der mit niedrigen Löhnen transferiert. Heu­ te nähen Frauen in Bangladesch unsere Hemden und Blusen.

Modezyklen Das Aufkommen von Mode schuf eine neue Welt, in der die Leidenschaft für Neu­ heiten, kombiniert mit raschen Wechseln des Geschmacks, die Tradition von fest verankerten Gewohnheiten in der Art und Weise, wie wir uns kleideten und welche Bedeutung wir der Bekleidung beimassen, langsam, aber stetig verschwand. Es wird

in der Forschung unterschieden zwischen Gesellschaften, in welchen die Kleidungs­ stile nicht einem raschen zyklischen Wechsel unterliegen, und solchen, in de­ nen rasche Wechsel in den Kleiderstilen die Regel sind. Im ersten Fall sprechen wir von «Kostüm» oder «Tracht» im zweiten Fall von «Mode» oder «Fashion». Das Aufkommen von Mode repräsen­ tiert einen Wendepunkt in der Geschich­ te der menschlichen Gesellschaften, in­ dem die Mode ein neues, andersartiges Wertesystem in die Sozialstruktur der Ge­ sellschaft einführte. Mode konnte das Ver­ halten der Protagonisten konditionieren, mit Blick auf die individuelle Aussage und die Strategien, welche dann in einer Tex­ tilwirtschaft (Herstellung von Stoffen und Herstellung von Kleidern) adoptiert wur­ den. Auf der Basis von begründeten Argu­ menten, welche die Sozialforschung vor­ brachte, kann die Mode als eine soziale In­ stitution gesehen werden, welche die zy­ klischen Wechsel in den Kleiderstilen her­ vorbrachte und damit die Regulierung durch Kleidervorschriften ablöste. Diese Annahmen implizieren zwei essenzielle Elemente: konstanten Wechsel in den Stilen und die Macht des Individu­ ums, diesem Wechsel ohne institutionel­ le Restriktionen folgen zu können. Mode wurde mehr oder weniger präsent in Ge­ sellschaften, in denen beide Argumente galten – im bürgerlichen urbanen Europa nach 1870.9

Ist Mode Kunst? Im Jahr 1863 beschreibt Charles Baudelai­ re die «modernité» als das «Vorübergehen­ de, das Entschwindende, das Zufällige». Er betont die Wandlung der Gesellschaft hin


Mode und Moderne 17

zum temporeichen Wechsel, dem Modi­ schen und Ephemeren. Dies sei die eine Seite der Kunst. Die andere Hälfte «das Ewige und Unabänderliche». Mode und Moderne hängen zusammen, aber der mo­ derne Künstler müsse «von der Mode das loslösen, was sie im Geschichtlichen an Poetischem, im Flüchtigen an Ewigem ent­ halten mag».10 Das wollten die französischen Cou­ turiers im 20. Jahrhundert mit ihren Kre­ ationen schaffen. Mitte des 19. Jahrhun­ derts liess sich der Brite Charles Frederick Worth als Kreateur in Paris nieder und er­ klärte seine Kleider zu Kunstwerken. Das war der Beginn der Haute Couture. Paris war bereits seit dem 17. Jahrhundert Mo­ destadt für die Damenoberbekleidung, London für die Herrenbekleidung. Diese Städte diktierten das Sortiment der Kon­ fektionäre in Wien und Berlin – die «Klei­ der ab der Stange» ahmten die Haute Cou­ ture nach. Die Kombination von Kultur­ gut, Kunst und Wirtschaft sowie Politik führte in den 1980er-Jahren zu den Luxus­ güterkonzernen, die wir alle kennen. Die­ se Unternehmen legten den Grundstein für neue Zeichen: die Marken, die Brands. Dies machten sie, indem die Namen der Modeschöpfer zu Ikonen wurden, welche nun global erscheinen. Lizenzen, Franchi­ sing, Marketing, Werbung, Stars und Sternchen und neuerdings Influencer be­ stimmen die gesamte Modewelt.

Die Beschleunigung der Modezyklen Der technische Fortschritt, die Industria­ lisierung, die Mechanisierung, Innovatio­ nen in der Textilherstellung sowie das Auf­ kommen der konfektionierten Bekleidung

führte zu einer stetigen Ausweitung des Angebots an Kleidern für breite Gesell­ schaftsschichten.11 Im westlichen Wirt­ schaftssystem greifen Wachstums- und Be­ schleunigungszwang perfekt ineinander – Neuheiten sind das Schmiermittel. Mode wird zunehmend zu einem Terminge­ schäft. Sie ist dank der Auslagerung der Näherei nach Asien und der günstigen Lie­ ferketten jederzeit, in jeder Form und Far­ be und zu erschwinglichen Preisen verfüg­ bar geworden. Die Zeiten, in denen Stoff­ lieferanten und Konfektionäre noch eine Sommer- und eine Winterkollektion schu­ fen, ist vorbei. Ständig werden neue Klei­ derstile im Detailhandel und nun auch im Onlinehandel angeboten. Was nicht ge­ fällt, kann zurückgesendet werden. Fast Fashion und Fashion Waste sind die neuen Begriffe für unlimitierte und unkontrol­ lierte Mode. Markenartikel werden kopiert oder gefälscht und diese vermeintlichen Luxusgüter finanzieren die Mafia und Ter­ rororganisationen.

Die Schattenseiten der Mode Soziologen und Philosophen beklagen längst die Entkoppelung der Produktiv­ kräfte von den Produktionsverhältnissen. Diese liesse alles Stehende und Ständische verdampfen. Die Ordnung der Moderne habe sich aufgelöst. Die Ströme aus Geld, Waren und Informationen liessen sich nicht mehr synchronisieren. Die Zeit sei aus den Fugen. Sie rase und stehe doch still. Der Modewechsel sei ein Spiel mit sich selbst.12 Der reissende Fluss der Beschleuni­ gung zeigt sich in Europa an den Mengen von Altkleidern. In Afrika, wohin diese Kleider verschifft werden, nennt man die


18 Peter Schulthess

Kleiderbündel «Mitumba Monster».13 Die gebrauchten Kleider sind besser als die bil­ lige chinesische Massenware. Bei ihnen lohnt sich eine Änderung durch eine Schneiderin. Trotzdem werfen die Kleider­ berge Schatten auf die afrikanischen Städte. An manchen Orten werden sie an­ gezündet, wobei der Brand giftige Stoffe freisetzt.

Das Spiel der Mode Die Mode ist keine westliche Erfindung. Sie kam in Europa und etwas später in den Vereinigten Staaten zur Blüte, war durch den Orient beeinflusst, und Modemacher wie Konsumenten eignen sich heute für das selbstvergessene Einkleiden alle mög­ lichen fremden Kulturgüter an. Es ist interessant, dass vor allem französische Philosophen sich mit der Mode und der Moderne auseinandersetz­ ten. Jean Baudrillard sieht die Mode als eine Simulation, indem die Zeichen (die Kleider) ihre Verbindung zur Realität ver­ loren haben und nur noch auf sich selbst verweisen.14 Mode sei ein sinnentleertes Spiel. Durch die Wiederaufnahme alter, vergangener Formen wird in der Gegen­ wart bloss eine Ästhetik der Wiederho­ lung erzeugt – eine Art von «gespensti­ scher Wiederauferstehung» – und durch den ständigen Wechsel von Stilen einzig und allein der Konsum einer Marke (eines Labels) angetrieben. Die Industrialisie­ rung schuf eine Generation von Objek­ ten, welche ohne Tradition und in unend­ lichen Mengen entstanden. Und weiter: Mode ist immer rétro, rezykliert das Ver­ gangene, ist nicht Neuheit ohne ein Altes, sie entsteht aus einer Kette von Krisen, Rissen, Revolution und aus dem Mythos des Fortschritts.

Japan Harajuku-Style, Aufstand gegen das Establishment durch Kleidung. Diese imitiert den westlichen Punk.

Peter Schulthess, *1957, ist Textilkaufmann, Autor, Illustrator und Ausstellungsmacher. Er hat einen MAS in Applied History mit einer Masterarbeit über die modeschaffenden Textilmanipulanten abgeschlossen. Mit Stadtführungen in Zürich und Uster vermittelt er lokale und globale Textilgeschichte.


Mode und Moderne 19

Anmerkungen 1 Belfanti 2008. Reiseberichte aus dem Mogulreich, der Ming-Dynastie und der japanischen Edo-Zeit beschreiben die Bekleidungsstile ab dem 17. Jahrhundert. 2 Helbling 1707. Auch die Schweiz kannte Kleiderund Luxusmandate. 3 Sugiura 2019. 4 Siehe Howald 1963: Das Aufkommen der Warenhäuser in Paris, London, New York, Berlin und Wien im 19. Jahrhundert revolutionierte die Bekleidungsindustrie. Die Distribution von Kleidern aus Serienfertigung beschleunigte die Produktion von Stoffen und die Verbreitung von konfektionierten Modewaren. 5 Baumwollgewebe aus Indien (englisch: calico) revolutionierten Kleidung und Haushalt (beispielsweise Vorhänge und Bettwäsche). «Calico craze» nannten Historiker diese Modewelle; der kulturelle und stilistische Einfluss Asiens auf die europäischen Gesellschaften war grösser als der europäische auf den Orient. An der Baumwolle manifestierten sich die Aus­ wirkungen der Industrialisierung und des Kolonialismus. Fabriken (Spinnereien und Webereien für Rohgewebe) waren auch Schauplatz von Kon­ flikten. Die Mode war ein Zeichen für den Wandel von der aristokratischen Seide zur Baumwolle. Französische Revolutionäre trugen lange Hosen aus Baumwolle oder Leinen. Sie hoben sich von den Kniebund­hosen (culottes) des Adels ab. 6 Das erste Modegeschäft in Paris hiess Au Grand Mogul. Es wurde geführt von Rose Bertin, der Couturière von Marie Antoinette. Indien und Siam (heute Thailand) beeinflussten das «Empire of Fashion». Frankreich sah in der Bedeutung der Mode das, was für Spanien die Silberminen in Südamerika waren – ein mächtiger Wirtschaftsfaktor. 7 Pfister 2015. 8 Sykas 2017. 9 Belfanti 2008. 10 Baudelaire 1981, S. 285–286. 11 Zur Geschichte der europäischen Mode vgl. Gabriele Mentges: Europäische Kleidermode (1450–1950) von Gabriele Mentges (www.ieg-ego. eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/ europaeische-kleidermode-1450-1950/gabrielementges-europaeische-kleidermode-14501950?set_language=www.ieg-ego.eu/de/threads/ modelle-und-stereotypen/europaeische-kleider­ mode-1450-1950/gabriele-mentges-europaeischekleidermode-1450-1950 [Stand: 25.04.2026]). Zur Soziologie der Mode vgl. das Projekt modetheorie.de [Stand: 25.04.2026]. 12 Rosa 2013.

13 Der Autor weilte im Januar 2026 in Tansania und lernte einen Künstler kennen, der zum Phänomen Mitumba arbeitet. Mitumba ist Swahili und bezeichnet in Plastik eingeschweisste Altkleiderbündel aus Europa – oft handelt es sich um riesige Ballen, oder Bündel von gebrauchten Schuhen oder Handtaschen/Rucksäcken. Der Künstler nennt die Kleiderbündel daher «Mitumba Monster». 14 Baudrillard 2022.

Literatur Baudelaire 1981 Charles Baudelaire: Der Maler des modernen Lebens, in: Gesammelte Schriften in sechs Bänden, Bd. IV, Dreieich 1981, S. 265–326. Baudrillard 2022 Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin 2022. Belfanti 2008 Carlo Marco Belfanti: Was fashion a European invention?, in: Journal of Global History, 2008, 3(3), S. 419–443. Helbling 1707 C. Helbling: Ein Rapperswiler Luxusmandat von 1707, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Band 22, 1918–1920. Howald 1963 Eduard Howald: Die schweizerische Konfektionsindustrie vor der europäischen Wirtschaftsintegration, Winterthur 1963. Pfister 2015 Ulrich Pfister: Die Anfänge der Konsumgesellschaft und die Fleissrevolution, Münster 2015. www.wiwi. uni-muenster.de/wisoge/sites/wisoge/files/ downloads/skripte/Grundlegung_Moderne/s09_ konsum-_und_fleissrevolution_folien.pdf [Stand: 27.04.2026]. Rosa 2013 Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung – Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, Frankfurt am Main 2013. Sugiura 2019 Miki Sugiura: Linking Cloth/Clothing Globally. The Transformation of Use and Value, circa 1700–2000, 2019. https://warwick.ac.uk/fac/arts/history/ghcc/ ghccpeople/members/visitingscholar/2019030603_ final_word_lccg_.pdf [Stand: 27.04.2026]. Sykas 2017 Philip. A. Sykas: Textiles for dress 1800–1920, unveröffentlichte Publikation, Manchester Metro­politan University, 2017. https://e-space. mmu.ac.uk/618058/3/Sykas%20Textiles%2018001920%20final%20draft%20%283%29.pdf [Stand: 27.04.2026].


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