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Fahrtenschreiber 2

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FAHRT ENSCHR E IBER 2 Neue Glossen vom schreibenden Busfahrer Philipp Probst mit Illustrationen von Eddie Wilde

Erschienen zwischen Herbst 2022 und Sommer 2024 in der Basler Zeitung


© 2025 by edition punktuell Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Verlagshaus Schwellbrunn, Appenzeller Verlag AG Im Rank 83, 9103 Schwellbrunn verlag@editionpunktuell.ch Verlagsauslieferung in die EU HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, 85748 Garching, service@herold-fulfillment.de Illustrationen: Eddie Wilde Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-905724-83-7 editionpunktuell.ch


INHALTSVERZEICHNIS

Die alten Hasen

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Autofahrer willkommen

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Banalitäten als pures Glück

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«Fahren Sie gern Bus?»

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«Basel schlecht bf»

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Sind Sie woke?

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Rumpelpisten 20 Die Motoren werden glühen

22

Basel leistet eidgenössische Pionierarbeit

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Kommt das Rösslitram zurück?

27

Ein Volk von Intelligenzbestien

29

Wird Sparen zum Volkssport?

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Wir sind Weltstadt!

33

Fahren war gestern, heute segeln wir

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«Darf’s e bitzeli meh si?»

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Der Fahrtenschreiber-Roboter

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Leben statt kleben

42

Verseuchte Fasnachtsluft

44

Nächste Haltestelle «Chuchichäschtli»

46

Das kann doch nicht wahr sein!

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Das Freie-Parkplätze-Syndrom

51

Müllmonster gegen Mistkübelfee

54

«Wär jung isch, stoht us Heefligkeit»

57

Küssen Sie noch?

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Mistkübel als Kunst

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«Quäl dich, du Sau!»

64

Basel unterirdisch

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Wir stumpfen ab

68

The water is so sauber, voll nice!

70

Meine Güte, meine Nerven!

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Wir segeln durch Manhattan

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Überdosis Basel

78

Die Sache mit dem Bundesrat

80

Verdammt nochmal, wie friedlich!

82

Summsummsumm 84 Zauberlehrling 86 Öfter Bus fahren

88

1000 Franken für alle als Weihnachtsgeschenk!

90

Süsse Fasnacht, bitterböse Skihüttengaudi

92

Die Vorbild-E-Stadt

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Auch Züri-Witze sind rassistisch

96

Fahrplanfetischist 98 Lust auf ein bisschen Streik?

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Action! Und leider echt

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Denken kostet extra!

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Wir sind Helden

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Eine Stadt wird neu gebaut

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Gelber Strich mit grünem Bus

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Grosses Auto – grosser Blumentopf

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Das schöne Stauleben

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DIE A LTEN H AS EN «Wetten, dass ..?» ist wieder da. ABBA ist wieder da. Schade, geben nicht auch Kultbundesräte wie Ruth Dreifuss und Adolf Ogi ihr Comeback.

Ich bin im Wettfieber. Seit einiger Zeit überlege ich mir eine richtig spektakuläre Wette. Thomas Gottschalk hat mich mit der Neuauflage von «Wetten, dass ..?» heiss gemacht. Wie früher, als wir am Samstagabend noch en famille auf dem Sofa gesessen sind und TV geguckt haben. Ach, was waren das für schöne Zeiten. Das ist nicht ironisch gemeint! Es waren wirklich schöne Zeiten. Heute gucken wir alle in unsere doofen Smartphones statt in den Fernseher … Also, ich wette. Hab da so einige Ideen. Ich mach mal eine Auslegeordnung. Ich wette, dass ich es schaffe, in meinem Wohnquartier in Basel innert fünf Minuten einen Parkplatz zu finden. Uff, das wird schwierig. Aber an einem Samstagabend – könnte klappen. Ich wette, dass ich es schaffe, innert dreissig Minuten an der Basler Schifflände zehn Velofahrende zu entdecken, die sich an das Strassenverkehrsgesetz halten. Unmöglich, das ist unmöglich. Ich wette, dass ich es schaffe, unter tausend Menschen, die alle einen einzigen, frei gewählten Satz sagen dürfen, herauszufinden, wer von diesen Menschen Politikerin oder Politiker ist. Oh, diese Wette gefällt mir. Zu einfach? Na gut … Sehr beliebt sind bekanntlich Baggerwetten. Oder überhaupt Wetten mit schwerem Gerät. Also: Ich wette, dass ich es schaffe, mit einem Gelenkbus der BVB innerhalb der Sendezeit von «Wetten dass ..?» fünf Alpenpässe im Rückwärtsgang zu absolvieren. Wie der Bus danach aussieht, ist ja egal. Folgende Wette fände ich auch super: Ich wette, dass ich es schaffe, zu erraten, welches Gericht der Fahrgast gerade isst, der in der hintersten Reihe meines Busses sitzt. Achtung: Es kommt auf die genaue Bezeichnung des Menüs an. Pizza Margherita oder Pizza Funghi? Dürüm oder Döner? Einfacher Cheeseburger oder Doppeldecker? Das wird knifflig …

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Ich könnte noch eine Variante anbieten: Ich wette, dass ich es schaffe, an einem Freitag- oder Samstagabend die Parfüms meiner Fahrgäste zu erschnuppern. Das wäre fantastisch. Allerdings nicht fernsehgerecht. Darf man auch eine Impfwette anbieten? Politisch und moralisch problematisch, sagen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Ja, sehe ich auch so. Ich hätte gewettet, dass ich es schaffe, jemandem anzusehen, ob er sich in den linken oder den rechten Arm hat stechen lassen und ob er dafür eine Belohnung bekommen hat – wie im Zürcher Impfdörfli einen Berliner … Schluss mit der Wetterei. Bei «Wetten, dass ..?» sind schliesslich auch die Altstars wichtig. Neben Gottschalk haben Benny und Björn von ABBA bewiesen, dass es die alten Hasen noch draufhaben. Was für ein Comeback! Und ABBA klingt noch immer wie ABBA. Ich war ganz aus dem Häuschen. Schade, dass nicht auch Kultbundesräte und Kultbundesrätinnen wie Adolf Ogi und Ruth Dreifuss aufgetreten sind und ihr Comeback gegeben haben – also nicht nur als Supporter der Impfkampagne, sondern zurück in Amt und Würde, zumindest kurzzeitig. Wir würden doch alles tun, was sie von uns, dem Volk, verlangen würden. Irgendwie waren das einfach grosse Persönlichkeiten, die es heute nicht mehr … Ach was, ich bin nur alt geworden.

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AU TOFAH RER WI L LKOM MEN Sich als Basler Autofahrerin oder Autofahrer nicht schikaniert fühlen? Na dann, ab in die Berge!

Die Basler Regierung hat mich gezwungen, Auto zu fahren. Hätte ich nie erwartet, aber so war es. Mein Auto stand nämlich auf einem Parkplatz, der plötzlich von Halteverbotsschildern umzingelt war. Genau: Parkplatzpolitik etcetera. Alles gut, sagte ich mir, dann nutze ich diese Aufforderung zum Fahren nicht bloss für die Parkplatzsuche im Quartier, sondern gleich für einen Ausflug. Wetter gut, Piste gut. Ab nach Engelberg zum Skifahren! Kaum surrte mein Diesel, überfiel mich das schlechte Gewissen. Natürlich ist mir bekannt, dass Engelberg auch mit dem Zug erreichbar ist. Wenn schon Ski fahren, dann bitte möglichst grün. Aber als BVBler bin ich wirklich durch und durch grün. Trotzdem, ich setzte bereits in Basel den Helm und die Skibrille auf – in der Hoffnung, es würde mich niemand erkennen, wenn ich aus der Stadt Richtung Autobahn fahre. Leider musste ich noch tanken. Aber das erledigte ich im Kanton Aargau … Auf der Passstrasse nach Engelberg stellte ich erfreut fest: Ich bin nicht allein. Eine Karawane schlängelte sich zum Obwaldner Skiort. Vor mir Autos aus Luzern, Aargau, Solothurn, Baselland – und Basel-Stadt! Als ich die Titlis-Bahn erreichte, staunte ich nicht schlecht: Ich durfte parkieren! Ich musste vor der Schranke nicht mal den Knopf drücken. Ein Mann in orangem Anzug übernahm das für mich, übergab mir das Parkticket und wünschte mir einen schönen Tag. Ein weiterer Mann in Orange zeigte mir, wo es langgeht und ein dritter wies mich ins Parkfeld ein, als wäre ich Pilot eines A380. Ich war überwältigt und fühlte mich als Autofahrer willkommen. Entsprechend locker sass meine Kreditkarte. Teuer? Ach was, ist alles für einen guten Zweck – Städter für Bergler, ja, das ist die Schweiz, unsere Schweiz. Schnell die Tageskarte gekauft, los ging’s. Mit der Bahn hinauf auf den Titlis und einfach: wow! Das Panorama – gigantisch. Der Schnee – fantastisch. Die Menschen – alle gut drauf. Mittagessen – voll fett! 9


Und dann der Hammer am Nachmittag: Ich sass auf einem Sessellift mit Sitzheizung! Excusé, ich gehöre zur alten Skiliftgeneration, die es gewohnt ist, sich am Bügel festzukrallen und in der steilen, vereisten Spur Todesängste auszustehen. Und nun wurde bei dieser Wellnessbergfahrt sogar mein Allerwertester gewärmt. Ich sage nur: Jeder Rappen in die Tageskarte war gut investiertes Geld. Liebe Bergmenschen, besucht uns Stadtmenschen im Gegenzug doch auch einmal. Das wäre grandios. Wir können zwar nicht so imposante Landschaften bieten, dafür schöne Altstädte, Museen, Kulturgüter, Zoos, Shoppingmeilen, coole Beizen, tolle Hotels und echt günstige Tageskarten für unsere Trams und Busse – allerdings ohne Sitzheizung. Und falls Ihr mit dem Auto kommt: Ich würde gerne mal an der Schranke eines Basler Parkhauses stehen, die Tickets persönlich überreichen und Euch einen schönen Tag wünschen.

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BA NALITÄTEN ALS PURE S GLÜC K Der Alltag ist manchmal wahnsinnig unspektakulär. Welch grosses Glück!

Erlauben Sie mir einen kurzen Hinweis, liebe Leserinnen und Leser: Ich werde Ihnen jetzt ziemlich banale Geschichten erzählen und hoffe, das ist okay für Sie. Also. Zum Beispiel habe ich neulich den Tramersatzbus der Linie 16 gefahren. Gleich an drei Tagen hintereinander. Gundeli, hoch zum Jakobsberg, danach via Gempenfluh zurück ins Gundeli. Der Jakobsberg hat eine gewisse Bedeutung für mich, denn ich bin dort zur Schule gegangen. Genau, in die Rudolf-SteinerSchule. Ich habe zwölf kreative und schöne Jahre erlebt. Ja, ich kann meinen Namen tanzen. Und nein, ich werde es Ihnen nicht vorführen. Ich glaube auch nicht, dass die Eurythmie mein Leben geprägt hat. Denn ich bin und war nie so der Bewegungsmensch. Bewegung ist gut, wenn sie im Sitzen stattfindet. Deshalb bin ich ja Busfahrer geworden … Ich bin also mehrfach am Jakobsberg vorbeigefahren und habe mich jedes Mal an eine bestimmte Szene aus meiner Schulzeit erinnert: Wir Buben standen an der Strasse, als der BVB-Bus vorbeifuhr. Ich glaube das war damals der 37er. Jedenfalls war es ein BVB-Bus. Er fuhr mitten auf der Strasse, um uns Bengel nicht zu gefährden. Darauf sagte Schulkollege Martin: «Im Maggiatal wäre der Busfahrer mit einem Millimeter Abstand an uns vorbeigefahren. Im Maggiatal gibt es eben die besten Busfahrer der Welt.» Darauf entgegnete Schulkamerad Stefan: «Das hätte der BVB-Chauffeur auch gekonnt. Denn die Basler Busfahrer sind die besten des Universums.» Gut vierzig Jahre später weiss ich endlich: Stefan hatte recht. Danke. Ebenso banal ist die Geschichte über mein Sujetkostüm für die Fasnacht. Ich habe es vor Corona und damit vor der fasnächtlichen Zwangspause von meiner Clique bekommen. Nun, kurz vor der Fasnacht, habe ich es gesucht. Ich habe es nirgendwo in meiner Bude gefunden, mein Puls ist in die Höhe geschossen. 11


Schliesslich habe ich es im Keller unter allerlei Plunder gefunden. Noch immer im Plastiksack. Dann wollte ich es anprobieren, habe aber nicht gewusst, wie. Was soll dieses Kostüm überhaupt darstellen, welches Fasnachtssujet haben wir eigentlich? Während Corona habe ich alles vergessen. Zum Glück hat der SujetObmann eine Gebrauchsanweisung zum Kostüm und eine Erklärung zu unserem Thema geschickt, das wir ausspielen wollen … Noch so eine unbedeutende Geschichte. Ich habe die Leitstelle angefunkt (emotionslos): «Ich möchte mitteilen, dass das rechte Abblendlicht meines Busses kaputt ist.» Frage der Leitstelle (ebenso emotionslos): «Aha. Und was noch?» Ich (etwas genervt): «Wie meinst du das?» Leitstelle (spitz, süffisant): «Bist du etwa in eine Mauer gefahren? Ist deshalb das Licht defekt?» Ich (gereizt): «Nein, also bitte, ich bin nirgends reingefahren, es ist einfach kaputt, also defekt, die Lampe, beim Einschalten, wie das …» Leitstelle (lachend): «Phippe, das war ein Witz.» Ach so. Wir haben gelacht. Das waren sie: Drei banale Geschichten aus einem höchstwahrscheinlich sehr banalen Leben. Und ich bin sicher, dass auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, in der vergangenen Woche drei banale Geschichten erlebt haben, die Sie Ihrer besten Freundin oder Ihrem besten Freund erzählen. Ich bin dankbar für diese Banalitäten, für diese Normalität. Bei diesem Irrsinn, der auf der Welt passiert, ist das pures Glück!

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«FA HREN S IE GE RN BUS ?» Leuchtende Türknöpfe, interessante Gerüche und spannende Gespräche. Warum Busfahrer ein so schöner Beruf ist.

Zuerst kam die Parfümwolke. Sie schwappte vom Fahrgastraum über mich. Dann erkannte ich hinter mir einen Schatten. Schliesslich sah ich im rechten Augenwinkel Füsse. Da wusste ich: Corona ist weg, die Passagiere sind wieder da. Zwei Wochen zuvor war die erste Sitzreihe in unseren Bussen wieder geöffnet worden. Auch die erste Tür konnte nun wieder bedient werden. Und ich muss sagen, es war am Anfang etwas merkwürdig. Es war vielleicht nicht so krass wie für all die Homeoffice-Menschen, die in ihre Büros zurückkehren mussten. Aber ein bisschen fühlte es sich schon so an. Der Arbeitsplatz der Busfahrerinnen und Busfahrer war jetzt wieder auf einen Quadratmeter geschrumpft. Und alle können nun wieder gucken, was man da vorne so treibt … Item. Mehr Mühe hatte ich damit, dass wir unsere Passagiere nach zwei Jahren wieder riechen können. Oder müssen. Denn es gibt ja nicht nur Menschen, die Parfümwolken mit sich herumtragen. Sie wissen, was ich meine, liebe Leserinnen und Leser. Und im Ernst: Ein Chauffeur, der den Kopf zum Seitenfenster hinausgestreckt und nach Frischluft hechelt, also nein, der macht keine gute Figur, oder? Die Türknopfdiskussion finde ich übrigens vor allem als Passagier lustig. Der gerade am häufigsten gesagte Satz an den Haltestellen lautet: «Es isch scho praktisch gsi, wo si d Türe no uffgmacht hänn, me hett gar nit müesse drugge.» Ja, aber so ein Türknopf hat doch etwas Magisches: Man drückt – und eine Tür öffnet sich. Und wenn die Türknöpfe nachts noch so schön leuchten … Zurück hinters Lenkrad. Da die Passagiere mir wieder so nah sind, kann ich endlich meine soziologischen Studien fortsetzen und die Gespräche der Menschen mithören. Im 31er ging es kürzlich per Handy um eine Vertragsverhandlung. Auf dem 34er bekam ich mit, dass die Waschmaschine kaputt ist. Und auf dem 33er erfuhr ich die Krankheitsgeschichten zweier älterer Herren. 13


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Man wird auch wieder angesprochen. Die Kinder getrauten sich zuerst. Im 36er stand plötzlich ein rund achtjähriges Mädchen neben mir: «Können Sie schneller fahren?» Was für eine Frage, natürlich kann ich schneller fahren. Oh ja! Aber da gibt es halt diese blöden Vorschriften und so. Das sagte ich natürlich nicht. Sondern, dass ich den Fahrplan einhalten müsse und nicht rasen dürfe. Das Mädchen zerrte ein zweites Mädchen ins Cockpit und sagte: «Meine Freundin kommt zu spät nach Hause. Ihre Mama ist böse.» Okay, ich drückte aufs Gas und erreichte Kleinhüningen eine Minute zu früh. Immerhin! «Sie, fahren Sie gern Bus?», fragte mich kurz darauf auf dem 48er ein Bub, so zwölf oder dreizehn Jahre alt. Ich: «Ja.» Der Junge: «Können Sie diesen Beruf empfehlen?» Ich musste nachdenken. Uiuiui, ich musste lange nachdenken … Dann aber fuhren wir vom Bachletten übers Birsigviadukt Richtung Bahnhof. Weil bei der Markthalle gebaut wird, kommt es auf der Brücke oft zu langen Staus. Die Busse dürfen aber auf das Tramgleis ausweichen und alle Autos überholen. Absoluter Hammer! Ich bekam vor Freude Hühnerhaut! «Ja», antwortete ich dem Buben. «Busfahrer ist ein ganz toller Beruf.»

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«BAS EL SCHL ECHT BF» Als BVB-Mitarbeiter ist man auch Auskunftsperson. Allerdings stösst man manchmal an seine Grenzen. Vor allem, wenn einem die moderne Art der Kommunikation Rätsel aufgibt.

Da stehe ich mit meinem Bus der Linie … nein, ich verrate noch nicht, welche Linie ich fahre. Ich stehe also mit meinem Bus der Linie irgendwas an der Haltestelle irgendwo, als mir ein Handy unter die Nase gestreckt wird. Auf dem Display lese ich: «Sag mir, wie ich nach Basel schlecht bf komme.» Ich schaue ratlos zur Person, die mir das Smartphone hinhält. Es ist eine Frau mittleren Alters, blond, grosse Augen. Hinter ihr eine zweite blonde Frau. Ich sage auf Baseldeutsch, Deutsch, Französisch und Englisch, dass ich «Basel schlecht bf» leider nicht verstehen würde. Die grossen Augen funkeln mich an. Die Frau hält mir das Handy noch näher vors Gesicht. Dann parliert sie kurz mit der zweiten Frau aufgeregt in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Zu mir: kein Wort. 16


Ich bin irritiert über die kuriose und nicht gerade freundlichste Art der Kommunikation, lächle trotzdem und überlege, wo «Basel schlecht bf» liegen könnte. Hm. Wo ist Basel wirklich schlecht? Dort, wo es am meisten Parkplätze gibt? Nein, kleiner Scherz. Kommen Sie drauf, liebe Leserinnen und Leser? Basel ist doch nirgendwo schlecht! Aber jetzt denken Sie einmal scharf nach. Dieser Ausdruck «Basel schlecht bf» ist doch das Resultat eines hirn- und leblosen Dolmetschers, der in diesem Handy steckt. So ein Übersetzungsdienst, eine Translator-App. Dämmert’s? Nur so nebenbei bemerkt: Falls die Politikerinnen und Politiker dieser Welt auch solche Apps verwenden – kein Wunder, dass die sich nicht verstehen und bei ihren «Gesprächen» nur Mist herauskommt. Wobei wir uns ja auch ohne Apps nicht richtig verstehen, nicht mal, wenn wir die gleiche Sprache sprechen. Wenn wir denn überhaupt miteinander sprechen. Oder vielleicht kommunizieren wir in der modernen Welt auch viel zu viel und verstehen vor lauter Kommunikation nicht mehr, was überhaupt kommuniziert wird, wir kommunizieren mit Apps und Robotern und … Waisch, wie ich main? Nein? Eben. Ich auch nicht. So. Sind Sie inzwischen draufgekommen, was «Basel schlecht bf» bedeutet? Ich helfe Ihnen und verrate, wo sich die Szene abspielt: am Bahnhof SBB. Ich stehe also am SBB und fahre die Linie 30 zum Badischen Bahnhof. Fällt das Zwanzgerli? Abgekürzt heisst der Badische Bahnhof «Bad Bhf». Gehen wir nun davon aus, dass die App auf Englisch trainiert ist und deshalb das Kürzel «Bad» als «schlecht» übersetzt – siehe da, alles macht Sinn. Warum die App aus dem Kürzel Bhf ein bf gemacht hat, ist mir schleierhaft, pfff. Aber egal. Ich nehme die Damen mit. Während der Fahrt wird mir immer mal wieder das Handy hingestreckt. Wortlos. Ich sage: «Alles wird gut.» Schliesslich kommen wir am Badischen Bahnhof an. Die Frau zeigt mir auf dem Display ein weiteres Mal «Basel schlecht bf» und deutet auf das Bahnhofsgebäude. Ich sage: «Ja, das ist der Badische Bahnhof.» Weg sind die Damen. Wortlos. Trotzdem rufe ich hinterher: «Dangge, aadie, e scheene Oobe!» Vielleicht ist die App der Dame so schlau und auch so nett, meine Worte zu übersetzen.

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SI ND SIE WOK E? Man sollte heutzutage «woke» sein, das «Narrativ» begreifen und auf irgendeine Art auch noch die Welt verstehen. Wie erfrischend können da relativ einfache Tätigkeiten sein: Spazieren, Joggen – oder Busfahren.

Manchmal habe ich das Gefühl, etwas doof zu sein. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit meinem grünen Bus jeden Tag mehrmals quer durch Basel fahre, was trotz Chaos und Hektik intellektuell, sagen wir mal, eine gewisse Einfachheit darstellt. Ich verstehe gewisse Dinge nicht mehr. Zum Beispiel die Welt. Aber auch schon einzelne Wörter und Begriffe. Ich frage deshalb Sie, liebe Leserinnen und Leser: Sind Sie woke? Bitte was? Woke? Ich habe diesen Ausdruck nun mehrmals gelesen und bin jedes Mal darüber gestolpert. Also habe ich husch, husch das Internet gefragt. Da war ich dann doch etwas erleichtert, denn die sicherlich mit Künstlicher Intelligenz und Milliarden von Algorithmen hochgerüstete Suchmaschine war auch nicht viel schlauer als ich und bot mir eine Riesenauswahl an chinesischen Pfannen und Wok-Rezepten an. Aber natürlich war nicht die clevere Suchmaschine, sondern ich der Dödel: In aller Eile hatte ich «wok», statt «woke» eingegeben. Ich landete schliesslich beim Duden. «Woke» bedeutet demnach: «in hohem Mass politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung». Irritiert hat mich der Hinweis, dass der Gebrauch «auch abwertend» sein könne. Also zu sehr «woke» sein ist auch nicht gut, oder wie jetzt? Wenn wir schon dabei sind: «Narrativ» ist schon etwas länger ein Modewort. Kannte ich auch nicht. Hat nichts mit einem Narren zu tun. Aber Achtung, liebe Leserinnen und Leser, jetzt müssen Sie Ihre grauen Zellen auf Vordermann beziehungsweise auf Vorderfrau bringen. Es gibt nämlich «narrativ» als Adjektiv, und als Substantive «Narrativ, das» und «Narrativ, der». Es geht dabei immer, so habe ich es zumindest verstanden, um eine Form der Erzählung. Aber wie genau – das weiss der Duden. Und vermutlich kaum all jene, die diesen Begriff fleissig benutzen. 18


Kürzlich bin ich am Wort «bellizistisch» hängen geblieben. Es ging in diesem Text um den Krieg in der Ukraine und um die Waffenlieferungen. Der Duden schreibt zu «bellizistisch»: «militärische Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele befürwortend; kriegstreiberisch». Oha lätz, da wird einem ja angst und bange. Ach ja, diese verflixten Fremdwörter! Und dann all die neuen Begriffe, die täglich dazukommen. Zum Glück bin ich weder Politiker noch Experte für alles: Eben noch mussten diese Menschen gescheite Ausdrücke zum Virus, zur Seuche und zur Impfung auswendig lernen und verbreiten, jetzt sind all die Fremdwörter zu Kriegsrhetorik und zu Waffen aller Art an der Reihe. Leider wird derzeit ein Wort oft vergessen und verkümmert zu einem Fremdwort. Ein schönes und wichtiges Wort notabene: Friede! PS: Ich hoffe, dass dieser Text woke war, aber nicht zu sehr, dass er in irgendeiner Form narrativ und vor allem nicht bellizistisch ausfiel. Da ich eh nie begreifen werde, warum die Menschen nicht friedlich miteinander leben können, widme ich mich nun wieder der wohltuenden Einfachheit des Busfahrens.

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