FormatOst Leseprobe
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Verlag FormatOst www.formatost.ch
WERDENBERGER JAHRBUCH
2022 Abfall
Beiträge zur Geschichte der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald
Historischer Verein der Region Werdenberg 35. Jahrgang
© 2022 by Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Herausgeber: Historischer Verein der Region Werdenberg HVW Projektleitung: Susanne Keller-Giger Redaktion: Sarah Mehrmann (Leitung), Clara Müller, René Oehler, Hanna Rauber (Bildredaktion). Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Umschlagbild: Fabienne Gantenbein Gestaltung: Brigitte Knöpfel Gesetzt in ITC Stone Serif Std und ITC Stone Sans Std Druckvorstufe: Verlagshaus Schwellbrunn Druck: Appenzeller Druckerei, Herisau Bindung: Buchbinderei Grollimund AG, Reinach BL
ISBN 978-3-03895-045-5 www.formatost.ch
Inhalt 6 Dank 8 An die Leserinnen und Leser 10 FOKUS 12 Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute Christian Rohr 20 Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? Tensing Gammeter 34 Erinnerungen an die Werdenberger Gruschtlöcher Heiner Schlegel 42 Vom Schrotthändler zum internationalen Recyclingunternehmen Sarah Mehrmann 46 Schinderhütte, Rosshimmel, Wasenplatz – Wo Tiere «abgedeckt» und entsorgt wurden Mathäus Lippuner 52 Bau, Betrieb und Auflösung der ARA Wartau Michael Kobelt 64 Wie Buchs zu seiner Kehrichtverwertungsanlage kam Urs Brunner 75 Die Abfallfraktion Fabienne Gantenbein 86 Nachhaltigkeit durch nachhaltige Chemie Michael Ulmer 90 92 96 100 110 118 134
PANORAMA Zwei vorreformatorische Pfarrherren von Sevelen Heinz Gabathuler Objekt des Jahres: Fasnachtsmaske Trübbächler Weingeister Clara Müller Ausgrabungen in der evangelischen Kirche Sax Marco-Joshua Fahrni und Martin Peter Schindler Dem Kloster Pfäfers zweimal geholfen Jakob Kuratli Hüeblin Freiheit! Liberté! Ja – aber welche? Alfonso C. Hophan Matheus Eggenberger und der Wandel der Werdenberger Landwirtschaft 1800 bis 1870 Max Lemmenmeier 154 Mit Abfall die Freizeit gestalten: Rückblick und Impressionen der Kinderbaustelle Buchs Markus Büchel 164 Buchbesprechungen 178 Werdenberger Kulturschaffen: Verschlossene Vergangenheit und verheissungsvolle Zukunft René Oehler 182 184 188 193 209 210 212 216 230 232
CHRONIK Vereinstätigkeit der HHVW Juli 2021–Juni 2022 Susanne Keller-Giger und Hanna Rauber Schloss Werdenberg – Rückblick Juli 2021 bis Juni 2022 Thomas Gnägi Jahresrückblick der Werdenberger Gemeinden Heidy Beyeler und Peter Keller-Giger Werdenberger Bevölkerungsstatistik 2021 Kommunale Abstimmungen und Wahlen der Werdenberger Gemeinden Nachruf Valentin Vincenz Unsere Verstorbenen Abbildungsnachweis Werdenberger Jahrbuch: Bisher erschienene Publikationen
DANK
Folgende Gemeinden, Firmen und Personen unterstützten die Herausgabe des Werdenberger Jahrbuchs 2022: – – – – – –
Politische Gemeinde Politische Gemeinde Stadt Buchs Politische Gemeinde Politische Gemeinde Politische Gemeinde
Wartau Sevelen Grabs Gams Sennwald
ACV Treuhand AG, Buchs, acv.ch Berufs- und Weiterbildungszentrum Buchs Sargans, Buchs, bzbuchs.ch booksinbuchs GmbH, Buchs, booksinbuchs.ch Dr. med. Thomas Buchalla-Stüdli , Sevelen, praxisdrbuchalla.ch Elektrizitätswerk Sennwald, Sennwald, ewsennwald.ch Graf Malerei AG, Buchs, grafmalerei.ch Hilty Mode AG, Buchs, trendhouse-hilty.ch Hotel Buchserhof, Buchs, Buchserhof.ch K + R Malerei AG, Sevelen, kundr.ch Kuhn Felix, dipl. Architekt ETH SIA, Buchs, felixkuhn.ch LANDI Werdenberg AG, Buchs, landiwerdenberg.ch L. Spreiter AG Baugeschäft, Sevelen, l-spreiter.ch Meier-Joos Annamarie und Willi, Zürich Müko Gartengestaltung AG, Buchs/Mauren, mueko.ch Schrybi AG, Buchs, schrybi.com Secli Weinwelt AG, Buchs, secli-weinwelt.ch SLB MEDIA AG, Buchs, slbmedia.ch St. Galler Kantonalbank, Buchs, sgkb.ch VfA – Verein für Abfallentsorgung, Buchs, vfa-buchs.ch Kühnis Optik Buchs AG, Buchs, kuehnis.ch/optik/buchs Ungenannte Freunde/Gönner
An die Leserinnen und Leser Der dampfende Kamin der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) im Nord osten von Buchs ist ein ganz besonderes Wahrzeichen der Region, an dem sich orientieren kann, wer in unseren Bergen unterwegs ist und die Aussicht ins Tal geniesst. Natürlich erinnert er uns aber auch stets daran, dass wir täglich viel Abfall produzieren und zu entsorgen haben. Das 35. Werdenberger Jahrbuch widmet sich dem Thema Abfall und klärt unter anderem, wann und wie es zum Bau der KVA Buchs und damit des mar kanten Kamins kam und was davor mit unseren Abfällen geschah. Abfall haben die Menschen schon immer verursacht, wenn auch bis in die frühe Neuzeit in weit geringeren Mengen als heute, denn mit den kostbaren Rohstoffen und Produkten galt es sorgsam umzugehen. Wie stark sich unser Verhalten diesbezüglich im Lauf des letzten Jahr hunderts verändert hat, wird in den meisten Beiträgen des diesjährigen Fokusteils deutlich. Eine fundierte Einleitung in das vielfältige Thema bietet der Rah menartikel von Christian Rohr, Professor für Umwelt- und Klima geschichte an der Universität Bern. Er zeichnet die Entwicklung von Ab fall und Recycling vom Mittelalter bis heute nach und nimmt dabei auch Bezug auf die nachfolgenden regional orientierten Beiträge. Von Urs Brunner stammt die Dokumentation, die sich ausführlich mit der Entstehung und der ständigen Weiterentwicklung der KVA Buchs befasst, während Michael Kobelt die Geschichte der Abwasser reinigungsanlage (ARA) Wartau von deren Anfängen bis zur kürzlich er folgten Auflösung beziehungsweise zum Anschluss an die ARA Sargans nachzeichnet. Die lange rasant wachsenden Abfall- und Abwassermen gen sowie die immer strengeren gesetzlichen Vorgaben führten bei KVA und ARA wiederholt zu Vergrösserung und Ausbau und zu einer stetigen Modernisierung der Anlagen. Ähnliches lässt sich für die beiden Werden berger Deponien Criangga bei Gretschins und Buchserberg sagen, um die es im Beitrag von Tensing Gammeter geht. Da scheinen die Vorläu fer der modernen Deponien, die legendären Werdenberger Gruscht löcher, geradezu aus der Zeit gefallen, obwohl sie bis vor rund sechzig Jahren bestanden. Heiner Schlegel hat für seinen Beitrag mit Werden bergerinnen und Werdenbergern gesprochen, die noch persönliche Erinnerungen an diese etwas unheimlichen Orte haben. Auch Isaheiri, der Übername des Grabser Schrott- und Altstoffhändlers Heinrich
Einleitung
Eggenberger, ist vielen in unserer Region nach wie vor ein Begriff. Wie aus dem Einmannbetrieb im Lauf der letzten gut 100 Jahre ein interna tional tätiges Recyclingunternehmen wurde, schildert Sarah Mehr mann in ihrem Artikel. Auch die Fotografin Fabienne Gantenbein hat dieses Unternehmen sowie die KVA besucht und ihre Eindrücke in ei ner Fotostrecke festgehalten. In weiteren Beiträgen geht es ausserdem um die Entsorgung von Tierkadavern sowie um Nachhaltigkeit in der Textilproduktion. Locker über den ganzen Fokusteil verstreut sind schliesslich Elsbeth Maags im Buchser Dialekt gehaltenen Sprüche, die die Abfalleimer an der Buchser Bahnhofstrasse zieren. Anders als im Fokusteil, wo es themenbedingt weitgehend um Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts geht, schauen die meisten Beiträge im Panoramateil wesentlich weiter in die Vergangenheit zu rück. Bis ins frühe Mittelalter reicht der Blick, den Jakob Kuratli Hüeb lin auf den liber viventium des Klosters Pfäfers wirft, ein Gedenkbuch mit einer Namensliste von Wohltätern beziehungsweise Geldgebern der Abtei, die teilweise auch aus unserer Gegend stammten. Kantons archäologe Martin Schindler berichtet über die Erkenntnisse, die an lässlich der Ausgrabungen im Zusammenhang mit der Renovation der Kirche Sax gewonnen wurden, und der Rechtswissenschaftler Alfonso Hophan untersucht und klärt in seinem Beitrag die Frage, wie es mög lich war, dass die freien und freiheitsliebenden Glarner das Werdenberg jahrhundertelang als Untertanengebiet verstanden und verwalteten. Der tiefgreifende Wandel, der die Landwirtschaft Werdenbergs im 19. Jahrhundert erfasste, ist Thema im Beitrag des Historikers Max Lem menmeier. Nach zwei Pandemiejahren haben wohl die meisten von uns ge nug von Masken, aber jene der Trübbächler Weingeister, die Clara Mül ler in der Rubrik Objekt des Jahres vorstellt, lässt man sich bestimmt ger ne gefallen. Eine optimistische Grundhaltung und Lebenseinstellung sind auch typisch für die vielseitige Buchser Theaterfrau Claudia Ehren zeller, deren Porträt den Panoramateil abschliesst. Möge davon mög lichst viel auf die Leserinnen und Leser des 35. Werdenberger Jahrbuchs ausstrahlen! Vorstand HVW und die Redaktion
9
FOKUS
Abfall 12 Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute 20 Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? 34 Erinnerungen an die Werdenberger Gruschtlöcher 42 Vom Schrotthändler zum internationalen Recyclingunternehmen 46 Schinderhütte, Rosshimmel, Wasenplatz – Wo Tiere «abgedeckt» und entsorgt wurden 52 Bau, Betrieb und Auflösung der ARA Wartau 64 Wie Buchs zu seiner Kehrichtverwertungsanlage kam 75 Die Abfallfraktion 86 Nachhaltigkeit durch nachhaltige Chemie
Christian Rohr
Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute Abfall und Recycling waren schon immer wichtige Themen für den Lebensalltag. Der Beitrag zeichnet die wesentlichen Entwicklungen seit dem Mittelalter auf und beleuchtet, wie sich insbesondere seit der Nachkriegszeit unser Abfall- und Recyclingverhalten verändert hat. Die Auseinandersetzung mit der Geschich te von Abfall und Recycling in Europa stellte lange Zeit ein Randthema dar. Die an Politik, Kirche und Institutionen orien tierte ältere Geschichtsforschung machte um solche «banalen» Alltagsthemen einen grossen Bogen, sofern es sich nicht um rechtliche Fragen handelte, die in Stadt ordnungen und ähnlichen Quellen abge handelt wurden. In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen dann aber – unter dem Einfluss der französischen und bri tisch-amerikanischen Forschung – immer mehr alltagsgeschichtliche Fragestellun gen auf, die genau solche Themen in den Vordergrund stellten. Dies entstand auch aus dem Wissen heraus, dass etwa Fragen der Hygiene in den Städten massgeblich für die Ausbreitung und Eindämmung von Epidemien waren und damit historische Entwicklungen entscheidend mitprägten. In den letzten 20 Jahren haben des wegen Überblicksdarstellungen zur All
tagsgeschichte wie diejenige von Ernst Schubert zu Alltag im Mittelalter ganze Kapitel zu dieser Thematik aufgenom men.1 Abfall und Recycling als Themen von umfangreichen Monografien sind al lerdings erst ein Trend der letzten Jahre und konzentrieren sich schwerpunktmäs sig auf die Nachkriegszeit.2 Etwas besser, insbesondere auch für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert, ist das Thema Recycling aufgearbeitet, namentlich durch die bei den in Salzburg tätigen Wirtschafts-, So zial- und Umwelthistoriker Georg Stöger und Reinhold Reith.3 Schliesslich hat sich in der Forschung der vergangenen Jahr zehnte immer mehr gezeigt, dass es das Zusammenwirken aller beteiligten Diszip linen braucht, von der Chemie und Öko logie über die Ingenieurswissenschaften bis hin zur Soziologie, der Politikwissen schaft und der Umweltgeschichte, um die Müllthematik in ihrer historischen Gene se zu verstehen.
Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute 13
Der Umgang mit Müll und Recycling in der Vormoderne Jeder Rohstoff und jedes Produkt war in der Gesellschaft des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kostbar, denn praktisch alles wurde aufwendig von Hand produ ziert, seien es Textilien, Metallgeräte, Bau stoffe oder Lebensmittel. Ein verschwend erischer Umgang damit war daher höchs tens im Umkreis von Herrscherhäusern zu finden und galt dann als Zeichen des Reichtums. Für die übrige Bevölkerung hingegen hiess es, die Lebensdauer dieser Stoffe durch Reparaturen so lang wie mög lich zu verlängern oder sie einer Sekundär nutzung zuzuführen. Daraus entwickelten sich auch eigene Berufsstände, vom Kes selflicker bis zum Lumpensammler. Und was gar nicht mehr brauchbar war, wurde nicht selten als Füllmaterial beim Bau ver wendet, etwa bei der Kon struktion von Fachwerkhäusern. Produkte wie Papier entstanden in Europa von Grund auf aus recycelten Materialien, konkret aus Lei nenlumpen, Knochenleim und anderen Zutaten.4 Somit war Abfall in dieser Zeit mengenmässig nicht mit jenem moderner Gesellschaften vergleichbar. Signifikante Mengen von Abfall be schränkten sich auf einige wenige Berei che. Erstens fielen darunter verderbliche, aber nicht kompostierbare Reststoffe. In Zeiten weitgehend fehlender Lebensmit telkühlung betraf dies vor allem Fleischund Knochenreste, die bei der Verarbei tung ganzer Tiere anfielen und nicht Schweinen, Hunden und anderen Haus tieren verfüttert wurden. Diese verderbli chen Reste wurden innerhalb kürzester Zeit zu einem hygienischen Problem, ins
besondere aber auch zu einem Geruchs problem. Das führte dazu, dass sich Metz ger in vielen Städten nicht in den dicht bebauten Zonen ansiedeln durften, son dern vor den Stadtmauern ihre Verkaufs stände hatten, in der Regel auf den Brü cken. Diese «Fleischbänke» konnten mit unter auch zu festen Aufbauten der Brü cken mutieren – das berühmteste Beispiel dafür ist der Ponte Vecchio in Florenz. Die Fleischreste konnten von der Brücke ein fach in den Fluss entsorgt werden. Für die städtischen Gemeinschaften war dies eine willkommene Form der Entsorgung, die aber andernorts zu Konflikten führte: Zum einen muss man sich die Flüsse ge nerell als stark verschmutzt vorstellen, was vor allem die Kommunen flussab wärts zu spüren bekamen. Zum anderen konnten sich Knochenreste und andere Festkörper in flussabwärts liegenden Müh lenrädern verfangen und diese nachhaltig beschädigen, sodass es immer wieder zu Konflikten zwischen Metzgern und Mül lern kam – zahlreiche zeitgenössische Ge richtsakten berichten davon. Ein zusätzli ches Problem stellte die Entsorgung von Tierkadavern dar. Daraus entwickelte sich ein eigener Berufsstand, die Abdecker.5 Zweitens mussten die Flüsse auch ge werbliche Reste schlucken. Ähnlich wie die Metzger waren etwa auch textil- und lederverarbeitende Gewerbe meist ausser halb der Stadtmauern angesiedelt, in je dem Fall aber direkt am Wasser. Aus dem Färbe- und Gerbeprozess gelangten mit unter hochgiftige Substanzen ins Wasser, was wohl auch Auswirkungen auf die Fischbestände hatte. Auch die Geruchs belästigung muss stellenweise sehr hoch gewesen sein. Ausserhalb der Städte gab es
14
Christian Rohr
noch ein weiteres «Abfallproblem»: die Schlackenberge aus dem Bergbau. Diese konnten je nach Zusammensetzung eben falls grössere Auswirkungen auf das um liegende Ökosystem haben. Die sich da mit beschäftigende Montanarchäologie konnte für manche Bergbaureviere eine bis heute andauernde hohe Schwermetall belastung im Boden nachweisen.6 Das grösste Müllproblem vormoder ner Gesellschaften lag schliesslich im Be reich der menschlichen und tierischen Fä kalien. Man muss sich auch für städtische Siedlungen eine grosse Zahl an zum Teil frei herumlaufenden Tieren vorstellen, insbesondere Schweine und Geflügel, die allerorts ihren Kot hinterliessen. Kanal systeme, wie sie schon in den römischen Städten existierten, waren im Mittelalter weitgehend verlorengegangen. In man chen Städten, deren Topografie das nötige Gefälle aufwies, wurden Stadtbäche in kleinen Rinnsalen offen durch die Stras sen geleitet, sodass die Fäkalien und ande re Müllreste in den nächstgelegenen Fluss geleitet werden konnten. Solche Bauten sind etwa in Bern oder Freiburg im Breisgau bis heute erhalten geblieben. Umfangreiche und flächendeckende Ka nalsysteme entstanden dann erst wieder im 18. und 19. Jahrhundert im Zuge der grossen Stadterweiterungen. Vorreiter wa ren Städte wie Wien, wo die Innenstadt schon 1739 ein vorbildliches Kanalisa tionssystem hatte.7 Es versteht sich von selbst, dass der kleinstädtische und dörfli che Bereich nicht derartige Annehmlich keiten aufweisen konnte. Sowohl in grossen als auch in klei nen Städten, aber auch in Dörfern kam es immer wieder zu Konflikten um verunrei nigte Brunnen und stark verschmutzte Strassen. Aus Städten wie Nürnberg sind
mehrere Stadtordnungen erhalten, die sich dieser Probleme ausführlich anneh men und aufzeigen, dass das Thema Müll zu den konfliktträchtigsten Fragen vor moderner Gesellschaften gehörte. So durf te Müll nicht mehr einfach auf die Stras sen gekippt werden; Schweine mussten in Hinterhöfen gehalten werden und durf ten nicht mehr frei herumlaufen.8 In je dem Fall wurde die Müllproblematik dann vom Ärgernis zur lebensbedrohenden Fra ge, wenn davon auch die Trinkwasser reserven betroffen waren.
Von der Industrialisierung bis zur Ökowende Mit der Industrialisierung änderte sich vorerst an der Recyclingkultur nur wenig, denn ein grosser Teil der Bevölkerung war weiterhin arm. Auch die hygienischen Verhältnisse in den Städten und Dörfern blieben im 19. Jahrhundert oft noch ähn lich wie in den Jahrhunderten davor. Die Kanalisation erfasste zunächst nur die grösseren Städte, die durch den Zuzug aus dem Umland sowie durch das allgemeine Bevölkerungswachstum regelrecht «explo dierten», wenn Industriebetriebe für aus reichend Arbeitsplätze sorgten. Es waren häufig auch die grossen Epidemien, im 19. Jahrhundert vor allem die Cholera, welche die Stadtobrigkeiten dazu anleite ten, massiv in den Ausbau der Kanalsyste me und in die Versorgung mit sauberem Trinkwasser zu investieren. Viele Fluss systeme wurden durch die Industrialisie rung noch mehr zu reinen «Entsorgungs kanälen», da die Rückstände aus der in dustriellen Produktion meist ungefiltert eingeleitet wurden – ein Umstand, der vielerorts bis in die 1970er- und 1980er-
Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute 15
Jahre anhielt. Wasserreinheit und ein in taktes Ökosystem wurden der fortschrei tenden Industrialisierung häufig auch be wusst hintangestellt. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren aus wirtschafts-, sozialund umwelthistorischer Perspektive auch für das Thema Abfall und Recycling ein Wendepunkt: Als nach 1950 die kriegsbe dingte Mangelwirtschaft immer mehr ei nem Wirtschaftsboom, dem «Wirtschafts wunder der 1950er- und 1960er-Jahre» wich, hatte dies insbesondere auch Aus wirkungen auf das Konsumverhalten der Bevölkerung in der westlichen Welt. Rasch stellte sich in vielen Ländern Voll beschäftigung, ja sogar ein Arbeitskräfte mangel ein, was im Gegensatz zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, der Weltwirt schaftskrise der 1930er-Jahre, bei den meisten Familien zu einem geregelten Ein kommen führte. Dadurch wurden auch Konsumgüter erschwinglich, die über das Lebensnotwendigste hinausgingen. Vor allem aber wurden damals Erdöl und Erd ölprodukte deutlich billiger. Dies begüns tigte nicht nur den Siegeszug des motori sierten Individualverkehrs seit den 1970erJahren,9 sondern auch zahlreicher Pro dukte aus Kunststoffen. «Plastik» wurde zu einem der führenden Werkstoffe einer neuen «Konsumgesellschaft», ob für Mö bel, Spielzeug oder Verpackungen. Das Aufkommen von Selbstbedienungssuper märkten brachte auch eine Zunahme von Verpackungsmaterial mit sich, das weitge hend im Müll landete. Der Berner Um welt- und Klimahistoriker Christian Pfis ter hat diesen Wandel zu einer westlichen Konsumgesellschaft treffend als «1950erSyndrom» bezeichnet.10 Da Recycling in dieser ersten Phase der Konsumgesellschaft kaum üblich war
– es galt als Zeichen einer Mangelgesell schaft, die man ein für alle Mal als über wunden ansah –, wuchsen die Müllberge in einer Weise an, wie dies in der Ge schichte des Abfalls bislang noch nie vor gekommen war. Die Mülldeponien und ersten Verbrennungsanlagen waren mit dem Zuwachs an Hausmüll hoffnungslos überfordert.11 Vor allem die Entsorgung von Kunststoffen blieb ein ungelöstes Problem: Plastik verrottete nicht, und die Auswirkungen beim allmählichen Zerfall auf die Umwelt waren erst in Ansätzen be kannt; dies galt insbesondere auch für die Verbrennung von Kunststoffen.12 Um 1970 lässt sich somit eine zweite Zäsur in der Umweltgeschichte feststel len, die der heute in Innsbruck tätige Um welthistoriker Patrick Kupper als «1970erDiagnose» bezeichnet hat.13 Die immer deutlicher werdende Verschmutzung der Gewässer, der Böden und der Luft wurde zu einem dominanten Thema des gesell schaftlichen Diskurses. Während die Naturschutzverbände seit dem späten 19. Jahrhundert vor allem am Schutz intakter Landschaften und Siedlungen interessiert waren, kam nun ein viel weiter gefasster «Umweltschutz» auf, der auch auf der Er
Als thematischer Kontrapunkt finden sich im Buch einige der Abfallsprüche von Elsbeth Maag.
16
Christian Rohr
kenntnis aufbaute, dass es um den Erhalt gesamter Ökosysteme gehen müsse, die auf vielfältige Weise miteinander vernetzt sind. Die Umweltschutzverbände der 1970er- und 1980er-Jahre nahmen sich daher auch des Themas Abfall an. Dabei ergänzten sich lokale Protestorganisatio nen und überregionale Umweltverbände wie Greenpeace.14 In der Schweiz entstanden zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren – ähnlich wie in den meisten anderen Ländern Mit tel- und Westeuropas – zahlreiche Depo nien, um der Mülllawine Herr zu werden. In vielen Fällen entsprachen sie nicht heutigen Standards, sodass schon relativ bald umfangreiche Sanierungsprojekte in Angriff genommen werden mussten, weil die Abdichtung mangelhaft war und zum Teil hochgiftige Substanzen in den Boden beziehungsweise ins Grundwasser gelang ten. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) geht allerdings davon aus, dass heute der Grossteil der Deponien aus diesen Jahr zehnten saniert und von Altlasten befreit wurde.15 Ähnliches gilt für die erste Genera tion der Kehrichtverbrennungsanlagen, deren Filteranlagen zahlreiche Schadstof fe nicht oder nur unzureichend herausfil tern konnten, zum Teil auch, weil sie noch nicht oder noch kaum bekannt wa ren. Dies gilt insbesondere für die ganze
Bandbreite der Dioxine, deren dramati sche Auswirkungen auf die Umwelt erst nach der Chemiekatastrophe in Seveso bei Mailand (1976) ins breite Bewusstsein gelangten. Auch im Kontext solcher Keh richtverbrennungsanlagen tauchen bis heute immer wieder Altlasten auf, wie et wa 2021 das Beispiel Lausanne zeigte, wo hohe Dioxinwerte im Boden gemessen wurden und Kinderspielplätze geschlos sen werden mussten. Dies führte auch im Kanton St. Gallen zu einem erhöhten Bewusstsein, die Dioxinwerte im Umfeld von Kehrichtverbrennungsanlagen ge nauer unter die Lupe zu nehmen.16 Der Wandel hin zu höheren Um weltstandards, zu genaueren Kontrollen der Deponien und Kehrichtverbren nungsanlagen sowie zu einem deutlich höheren Recyclinggrad spiegelt sich auch in der fortschreitenden Umweltgesetzge bung wider. Es dauerte bis in die Zeit verstärkten Umweltbewusstseins, in der Schweiz konkret bis 1971, bis das erste ex plizit als Umweltschutzgesetz ansprech bare Bundesgesetz verabschiedet wurde. Es betraf den Schutz der Gewässer gegen Verunreinigungen, für jedermann eines der sichtbarsten Umweltprobleme. In revi dierter Fassung ist es bis heute gültig. 1983 wurde ein Bundesgesetz über den Umweltschutz erlassen, das erstmals den Grundsatz enthielt, Abfälle zunächst zu vermeiden, und wenn dies nicht möglich sei, sie bestmöglich zu verwerten oder zu mindest umweltgerecht zu entsorgen. Zu diesen Umweltgesetzen auf Bundesebene traten als genauere Ausführungsbestim mungen laufend kantonale Verordnun gen, etwa im Kanton St. Gallen die Abfall verordnung (VVEA) von 2016, welche die Klassifizierung nach Deponietypen noch verfeinerte.17
Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute 17
Die Situation im Werdenberg ent spricht jener in vielen Regionen der Schweiz. Die 1970 eröffnete Deponie Cri angga bei Gretschins wurde bereits 1974 wieder geschlossen; schon im Jahr darauf mussten erste Sanierungsmassnahmen durchgeführt werden, weitere 1992. Erst kürzlich im Jahr 2021 kam es zu einer alt lastenrechtlichen Neubeurteilung, welche die Deponie weiterhin als «überwachungs bedürftig» einstufte. Auch die zweite De ponie Buchserberg, eröffnet 1975 als Multi komponentendeponie, musste 1995 einer umfassenden Sanierung unterzogen wer den.18 Durch die Zunahme der Kehricht verbrennung, im Kanton St. Gallen kon kret in Buchs und in St. Gallen, veränder te sich auch das Material, das auf Deponi en zwischen- oder endgelagert wird. Es sind mehr und mehr die Schlackenreste, welche bei der Kehrichtverbrennung üb rigbleiben. Bemerkenswert ist schliesslich auch der Wechsel in der Bezeichnung: Sprach man in der Anfangszeit in der Re gel von «Kehrichtverbrennungsanlagen», so ist diese Bezeichnung heute dem Be griff «Kehrichtverwertungsanlage» gewi chen. Es geht also auch in diesem Schritt der Abfallbeseitigung um die Generierung eines Mehrwerts.19
Blick auf den kleinstädtischdörflichen Bereich Resümierend lässt sich mit einem Blick auf die Forschung zu Abfall und Recycling in der Geschichte zusammenfassen, dass diese erst in den letzten beiden Jahrzehn ten angelaufen ist. Umweltgeschichtliche Studien zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit müssen sich dabei in der Regel auf schriftliche Quellen sowie archäologische
Funde stützen. Dies bringt mit sich, dass es weitgehend die städtischen Bereiche sind, die hinsichtlich dieses Themas mehr und mehr erforscht werden können, in Einzelfällen auch Burganlagen und die sie umgebende Baustruktur. Für die letzten beiden Jahrhunderte seit dem Einsetzen der Industrialisierung wird die Wissensla ge dichter, bleibt aber weiterhin eher auf den städtischen Bereich konzentriert. Dies ändert sich erst ab der Nachkriegs zeit, welche durch eine Zunahme an Depo nien und Kehrichtverbrennungsanlagen geprägt war. Damit rückten diese Anlagen selbst ins Interesse der Forschung und der Medien, vor allem aber auch des lokalen und überregionalen Protests. Anlagen wie die Sondermülldeponie Kölliken (Aargau) liegen dabei in einem rein ländlichen Umfeld. Nichtsdestotrotz ist der dörflich klein städtische Bereich nach wie vor zu wenig erforscht. Der vorliegende Themenband des Werdenberger Jahrbuchs kann somit auf einer Mikroebene eine Forschungs lücke schliessen, die hoffentlich auch für weiterführende, vergleichende Studien als Anknüpfungspunkt dienen kann. Regio nale Sonderformen wie die Gruschtlöcher im Werdenberg wurden bislang praktisch nie in der Literatur zur Abfallbeseitigung thematisiert.20 Schliesslich ist es diesem Band zu wünschen, dass er auch das Be wusstsein in der breiten Bevölkerung stärkt, dass Abfall und Recycling zentrale Themen unseres Umweltverhaltens sowie der regionalen und überregionalen politi schen Entscheidungsprozesse sein müssen.
18
Christian Rohr
Christian Rohr ist seit 2010 Ordentlicher Professor für Umwelt- und Klimageschichte an der Universität Bern. Seine Forschungsgebiete reichen dabei von der Klimageschichte und Naturkatastrophen vom Mittelalter bis heute bis hin zur Umweltgeschichte des Tourismus und zum Umgang mit Ressourcen.
Anmerkungen 1 Vgl. Schubert 2002: S. 95–107. 2 Vgl. Strasser 1999/2013; Stokes/Köster/ Sambrook 2013; Köster 2017. 3 Reith 2011; Stöger/Reith 2015 sowie mehrere weitere Studien der beiden Autoren. 4 Vgl. dazu die entsprechenden Abschnitte bei Reith 2008. 5 Vgl. zum Berufsstand der Abdecker Nowosadtko 1994 sowie den Beitrag von Mathäus Lippuner, S. 46 in diesem Buch. 6 Die Montanarchäologie erlebte insbesondere in den 1990er-Jahren einen Aufschwung. Siehe dazu den Sammelband Steuer/Zimmermann 1993 (mit Beispielen aus ganz Europa). 7 Reichenberger 1739. 8 Vgl. Schubert 2002: S. 88–89. 9 Zum Siegeszug des motorisierten Individual verkehrs in der Schweiz vgl. Haefeli 2022; Sieber 2022. 10 Pfister 1995. 11 Für Westdeutschland vgl. dazu im Detail Köster 2017; für einen Vergleich zwischen Grossbritannien und Westdeutschland vgl. Stokes/Köster/Sambrook 2013. 12 Vgl. Westermann 2013. 13 Kupper 2003. 14 Zu Umweltprotesten in der Schweiz im Spiegel audiovisueller Quellen vgl. Länzlinger/Schärer 2020. 15 Meuli 2017 am Beispiel der Sanierungen von Bonfol im Jura und Pont Rouge im Unterwallis. 16 Hauser 2021. 17 Vgl. dazu den Beitrag von Tensing Gammeter, S. 20 in diesem Buch. 18 Vgl. zu beiden Deponien den Beitrag von Tensing Gammeter, S. 20 in diesem Buch. 19 Zur Geschichte der Kehrichtverwertungsanlage Buchs vgl. den Beitrag von Urs Brunner, S. 64 in diesem Buch. 20 Vgl. dazu den auf Interviews aufbauenden Beitrag von Heiner Schlegel, S. 34 in diesem Buch.
Literatur Haefeli 2022 Ueli Haefeli: Mobilität im Alltag in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert. Unterwegs sein können, wollen und müssen (Verkehrsgeschichte Schweiz, Bd. 4), Zürich 2022. Köster 2017 Roman Köster: Hausmüll. Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1990 (Umwelt und Gesellschaft, Bd. 15), Göttingen 2017. Kupper 2003 Patrick Kupper: Die 1970er Diagnose. Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 43, 2003, S. 325–348. Länzlinger/Schärer 2020 Stefan Länzlinger/Thomas Schärer: Gifttod, Betonwüsten, strahlende Zukunft – Umweltbewegungen und bewegte Bilder in der Schweiz, 1940–1990 (Berner Studien zur Geschichte, Reihe 4: Visual Environmental History, Bd. 1). Bern 2020, online unter https://boris. unibe.ch/142141/ [Stand: 13.07.2022]. Pfister 1995 Christian Pfister (Hg.): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft, Bern 1995. Nowosadtko 1994 Jutta Nowosadtko: Scharfrichter und Abdecker. Der Alltag zweier «unehrlicher Berufe» in der Frühen Neuzeit, Paderborn u.a. 1994. Reith 2008 Reinhold Reith: Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngießer, München 2008. Reith 2011 Reinhold Reith: Wiederverwertung, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 14, Stuttgart 2011, S. 1079–1085. Schubert 2002 Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, Darmstadt 2002. Sieber 2022 Markus Sieber: Schneller, weiter, billiger, mehr? Mobilität und Verkehr in der Schweiz seit 1918 (Verkehrsgeschichte Schweiz, Bd. 3), Zürich 2022. Steuer/Zimmermann 1993 Heiko Steuer/Ulrich Zimmermann: Montanarchä ologie in Europa. Berichte zum internationalen Kolloquium «Frühe Erzgewinnung und Verhüttung in Europa» in Freiburg/Breisgau vom 4. bis 7. Oktober 1990 (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland, Bd. 14), Sigmaringen 1993.
Abfall und Recycling vom Mittelalter bis heute 19
Stöger/Reith 2015 Georg Stöger/Reinhold Reith: Western European Recycling in a Long-Term Perspective. Reconsidering Caesuras and Continuities, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 56/1, 2015, S. 267–290. Stokes/Köster/Sambrook 2013 Raymond G. Stokes/Roman Köster/Stephen C. Sambrook: The Business of Waste. Great Britain and Germany, 1945 to the Present, Cambridge/New York 2013. Strasser 2013 Susan Strasser: Waste and Want. A Social History of Trash, New York 1999, Nachdruck 2013. Westermann 2013 Andrea Westermann: When Consumer Citizens Spoke Up: West Germany’s Early Dealings with Plastic Waste, in: Contemporary European History 22/3, 2013, S. 477–498. Elektronische Publikationen Hauser 2021 Dinah Hauser: Nach Studie in Lausanne wird der Boden ums KHK untersucht: «Übermässige Dioxinbelastung ist in St. Gallen aber eher unwahrscheinlich», in: St. Galler Tagblatt online, 14.10.2021, www.tagblatt.ch/ostschweiz/stgallen/ umweltbelastung-nach-studie-in-lausanne-wirdder-boden-ums-khk-untersucht-uebermaessigedioxinbelastung-ist-in-stgallen-aber-eherunwahrscheinlich-ld.2201434?reduced=true [Stand: 13.07.2022]. Meuli 2017 Kaspar Meuli: Erfahrungen aus Grosssanierungen: Der Mehrfachschlüssel zum Sanierungserfolg, 28.08.2017, www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/ themen/altlasten/dossiers/erfahrungen-ausgrosssanierungen-der-mehrfachschluessel-zumsanierungserfolg.html [Stand: 13.07.2022]. Reichenberger 1739 Joseph Reichenberger: Plan von der Kayserlichen Haubt und Residentzstadt Wienn wie solcher der zeith an dennen Bastionen, Ravelinen, Glacis, oder bedegten Weeg fortificiert sich befindet, etc., 1739, Wien, Wiener Stadt- und Landesarchiv, Plan- und Schriftenkammer, P5: 100133, online verfügbar mit Abbildung unter www.geschichtewiki.wien.gv. at/Stadtplan,_Kanalisation_(1739) [Stand: 13.07.2022].
Tensing Gammeter
Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? Der folgende Artikel beleuchtet rund 50 Jahre Schweizer Abfallwirtschaft und Umweltschutzgesetzgebung anhand der zwei in der Region Werdenberg bekannten Deponien Criangga bei Gretschins und Buchserberg. Zudem werden die Begriffe «Altlast» und «Deponie» genauer unter die Lupe genommen.
Wir steigen ein im Jahr 1970, es gibt noch kein eigentliches Umweltschutzgesetz, le diglich kleinere Verbrennungsanlagen mit, falls überhaupt vorhandenen, sehr einfachen Abluftreinigungen und keine gesetzlichen Vorgaben zum Umgang mit Abfällen, Deponien oder Altlasten. Dieser ist im Vergleich zu heute sorglos. Abfälle werden nach dem Prinzip dig it, burn it and forget it entweder irgendwo verscharrt oder abgefackelt und dann meist verges sen. 1970 Eröffnung der Deponie Criangga Für die Deponie Criangga wird dem Zweckverband für die Kehrichtverwer tung in der Region Werdenberg-Liechten stein am 25. August 1970 durch das dama
lige Amt für Gewässerschutz des Kantons St. Gallen – das heutige Amt für Umwelt – die Bewilligung1 erteilt. In einer im Ver gleich zu heute sehr schlanken Form wer den auf lediglich fünf A4-Seiten die Vor gaben für den Betrieb der Deponie defi niert. Zugelassene Abfälle sind demnach Haus- und Strassenkehricht, Gartenab raum, Sperrgut, Industrieabfälle, Ab bruchmaterial sowie Aushubmaterial aus Baugruben. Im Zweifelsfall sollte zudem durch «Expertengutachten nachgewiesen werden, dass die abzulagernden Abfälle keine wassergefährdende Wirkung auslö sen». Der in der ursprünglichen Senke verlaufende Töbelibach wird eingedolt und unter der Deponie durchgeführt. Technische Massnahmen wie etwa eine
Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? 21
Abdichtung an der Deponiesohle oder ei ne Sickerwasserfassung werden nicht er griffen. Auf einer Fläche von etwas über zwei Hektaren werden in den nächsten Jahren einige zehntausend Tonnen soge nannt unbehandelte, nicht verbrannte Abfälle deponiert. 1971 Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer gegen Verunreinigungen Im Jahr 1971 wird das erste wirklich griffi ge eidgenössische Gewässerschutzgesetz2 in Kraft gesetzt. Bereits die Bezeichnung des Gesetzes «Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer gegen Verunreini gungen» zeigt, dass nun die Reinigung von Abwassern und generell der Schutz des Trinkwassers – unter anderem durch die Ausscheidung von Schutzzonen – stär ker gewichtet werden. Der Gewässer schutz wurde zwar bereits ab dem Jahr 1953 in der Bundesverfassung und etwas später in einem ersten Gesetz festgehal ten, entfaltete aber kaum Wirkung. 1972 In Buchs und St. Gallen gehen Kehrichtverbrennungsanlagen in Betrieb Sowohl in der Stadt St. Gallen im Jahr 1972 als auch in Buchs im Jahr 1974 wer den die Kehrichtverbrennungsanlagen in Betrieb genommen, welche in stark mo dernisierter Form an den gleichen Stand orten noch heute ihren Dienst versehen. 1974 Schliessung der Deponie Criangga Die Deponie Criangga ist nach einer kur zen Betriebszeit von vier Jahren bereits verfüllt, wird abgeschlossen, nach dem damaligen Stand der Technik rekultiviert und wieder landwirtschaftlich genutzt. In den Akten des Kantons finden sich bereits
ab diesem Zeitpunkt hitzige Schriftwech sel über festgestellte oder vermutete Um weltbeeinträchtigungen durch die Depo nie. 1975 Erste Sanierungsarbeiten auf der Deponie Criangga Bereits kurz nach der Schliessung muss der Wasserhaushalt der Deponie Criangga einer ersten Sanierung unterzogen wer den. Unter anderem wird der eingedolte Töbelibach an den Rand verlegt, und es wird versucht, austretendes Sickerwasser zu fassen und der Kanalisation zuzufüh ren. Zudem wird damit begonnen, die Be lastung des Deponiesickerwassers auf che mische Schadstoffe zu untersuchen. 1975 Deponie Buchserberg: Eröffnung als Multikomponentendeponie Oberhalb von Buchs wird derweil im Steinbruch Buchserberg eine Multikom ponentendeponie in Betrieb genommen. Abgelagert werden neben Bauschutt und Aushubmaterial auch Rückstände aus der Kehrichtverbrennung und metallhaltige Schlämme. 1975 Erste Sackgebühr der Schweiz in der Stadt St. Gallen Die Stadt St. Gallen führt im Jahr 1975 als erste Gemeinde in der Schweiz den Ge bührensack ein. Durch die Erhebung ei ner Gebühr für einen Sack voller Sied lungsabfälle wird einerseits die Entsor gung verursachergerecht finanziert und zudem ein Anreiz dazu geschaffen, weni ger Abfall zu produzieren und verwertba re Fraktionen, die in der Regel kostenlos abgegeben werden können, nicht über den Kehrichtsack zu entsorgen. Die Sack gebühr erweist sich als Erfolgsmodell, wel ches mittlerweile fast in der ganzen
22
Tensing Gammeter
Schweiz zur Anwendung kommt. Ganz ohne Nebengeräusche geht die Einfüh rung der Gebührensäcke aber dennoch nicht über die Bühne. Im Kanton St. Gal len lassen sich einige wenige Oberländer Gemeinden erst in den späten 2000er-Jah ren aufsichtsrechtlich durch den Kanton überzeugen, in anderen Regionen der Schweiz gelangt der Gebührensack sogar bis vor Bundesgericht. Einzig im Kanton Genf gibt es auch heute noch keine Sack gebühr. Die Einführung der Sackgebühr führte dazu, dass sich die durchschnittli che Hauskehrichtmenge von fast 400 Ki logramm je Einwohner und Jahr auf unter 200 Kilogramm je Einwohner und Jahr halbierte. 1976 In Bazenheid geht die dritte St. Galler KVA in Betrieb Nach der Inbetriebnahme der Kehricht verbrennungsanlagen in der Stadt St. Gal len und Buchs wird im Jahr 1976 in Ba zenheid die dritte, heute noch bestehende Kehrichtverbrennungsanlage in Betrieb genommen. KVA sind in Bezug auf Depo nien und Altlasten von immenser Bedeu tung. Durch die Verbrennung wird einer seits die Abfallmenge um 80 Prozent ver ringert, andererseits werden durch die thermische Zerstörung von Schadstoffen die Abfälle inertisiert und deren Schad stoffpotenzial reduziert. Aus diesen Grün den wurden KVA früher auch als Hygieni sierungsanlagen bezeichnet. 1976 Erste Deponierichtlinie des Bundes In der Deponierichtlinie3 1976 des dama ligen Bundesamtes für Umweltschutz wer den neben Anforderungen an den Bau und Betrieb von Deponien vier Deponie klassen definiert, wobei die höchste Klasse IV einer Sondermülldeponie entspricht. Die Klassifizierung war rein gewässer schutzorientiert und erfolgte aufgrund von Überlegungen zur Belastung der zu er
wartenden Sickerwässer während dem Be trieb. Neben diversen hydrogeologischen und baulichen Grundsätzen, die auch heute noch Gültigkeit haben, sind insbe sondere die Vorgaben für die damals noch zulässigen Deponien für Siedlungs- sowie Sonderabfälle interessant. Ein eigenes Ka pitel widmet sich der Brandbekämpfung auf Deponien. So soll «als L öschmittel auf dem Deponieplatz immer eine genügend grosse Menge Abraummaterial bereitste hen». Zusammen mit Methangas aus der Deponie austretende «stinkende Gase» (vermutlich Schwefelwasserstoffverbin dungen, die nach faulen Eiern riechen) können an der Deponieoberfläche durch «Einrammen von Rohren abgefackelt wer den». In einem weiteren Kapitel werden zudem Empfehlungen zur Ungezieferbe kämpfung auf Siedlungsabfalldeponien abgegeben, seien dies nun «Nebelblasgerä te» gegen Insekten, bauliche Vorrichtun gen gegen Ratten und Mäuse sowie «Vo gelscheuchbänder und Knallpatronen» gegen Vogelschwärme. 1976 Chemieunfall in Seveso Mehrere Dutzend Fässer mit hochgiftigem Material werden nach dem Unfall in Seve so, Italien, auf Irrwegen durch halb Euro pa gefahren, gelten zeitweise als ver schwunden und werden erst nach intensi ver Suche wieder aufgefunden. Eine Er kenntnis aus der Affäre ist, dass die Nach verfolgbarkeit von heiklen Abfällen vom Ort ihrer Entstehung bis zur Endentsor gung nicht gewährleistet ist. Die Vorgaben zum Verkehr mit Sonderabfällen werden rund zehn Jahre später gesetzlich geregelt und gelten im Grundsatz auch heute noch. 1978 Die Sondermülldeponie in Kölliken geht in Betrieb Im Kanton Aargau wird in der Ortschaft Kölliken eine Deponie für Sondermüll in Betrieb genommen, die trotz einer kurzen Betriebsdauer von weniger als zehn Jah
Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? 23
chen Lebensgrundlagen, insbesondere die biologische Vielfalt und die Fruchtbarkeit des Bodens. Interessant ist, dass bereits im Zweckartikel das Prinzip der Vorsorge fest gehalten wird. Bis heute wurden gestützt auf das USG rund 20 Verordnungen erlas sen, darunter auch die Abfall- sowie die Altlastenverordnung. Der im USG bereits früh festgehaltene Grundsatz, wonach Abfälle in erster Linie möglichst vermie den, dann verwertet und letztlich um weltgerecht entsorgt werden sollen, hat bis heute Gültigkeit.
Deponierichtlinie vom Bundesamt für Umweltschutz 1976.
ren rund 30 Jahre später die gesellschaft liche Wahrnehmung der Altlasten- und Entsorgungsproblematik massgeblich be einflussen wird. 1983 Bundesgesetz über den Umweltschutz Das noch heute geltende Bundesgesetz über den Umweltschutz4 (USG) wird im Jahr 1983 erlassen und zwei Jahre später in Kraft gesetzt. Es verlangt in der heuti gen Fassung den Schutz von Menschen, Tieren und Pflanzen, ihren Lebensge meinschaften und Lebensräumen vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen sowie den dauerhaften Erhalt der natürli
1986 Die Schweiz erhält ein Leitbild Abfallwirtschaft Abfallverwertung und Recycling sind kei ne neuen Erfindungen, denn die Grund züge der Bewirtschaftung von Abfällen werden im Jahr 1986 durch das damalige Bundesamt für Umwelt, Wald und Land schaft im Leitbild für die Schweizerische Abfallwirtschaft5 festgelegt. Auch hier wird in einem Leitsatz bestimmt, dass ein Ab fall der Verwertung zuzuführen ist, sofern dadurch eine geringere Umweltbelastung als durch die Beseitigung oder Neupro duktion entsteht. 1986 Der Verkehr mit Sonderabfällen wird in einer Verordnung geregelt Die alarmierenden Erkenntnisse aus dem Drama um die Fässer aus dem Unfall in Se veso im Jahr 1976 führen dazu, dass in der Bundesverordnung über den Verkehr mit Sonderabfällen6 festgelegt wird, wie der Ent sorgungsweg von Sonderabfällen lücken los kontrolliert und deren umweltgerech te Entsorgung sichergestellt werden kann. Ab diesem Zeitpunkt kommen die noch heute eingesetzten Begleitscheine zur An wendung, wobei die Abwicklung zuneh mend über den digitalen Weg erfolgt. Je des einzelne Kilogramm eines Sonderab falls kann so vom Abgeber über Zwischen stationen bis zur Endentsorgung nachver folgt werden.
24
Otto Ackermann
Ein erkranktes Schaf wird daraufhin untersucht, ob die Erkrankung auf Schadstoffe aus der Deponie zurückzuführen ist.
Eines der auf Schadstoffe untersuchten Fässchen der Deponie Criangga.
1988 Deponie Buchserberg: Endgestaltungskonzept Aufgrund von festgestellten Belastungen im Grundwasser im Umfeld der Deponie wird die Planung der Deponie Buchser berg überarbeitet. Für Schlacke aus der KVA wird ein separates, abgedichtetes Ab lagerungskompartiment errichtet, und die bestehende Altdeponie soll überschüt tet und damit die Sickerwasserproduktion und somit die Auswaschung von Schad stoffen reduziert werden. Auch wird im Bereich der alten Ablagerung das belastete Sickerwasser mittels eines Drainagerohrs abgeleitet. 1990 Technische Verordnung über Abfälle Mit der Technischen Verordnung über Ab fälle7 (TVA) werden im Jahr 1990 die Vor gaben zur Abfallbewirtschaftung in der
Das Gruschtloch von gestern ist die Altlast von heute – ist die Deponie von heute die Altlast von morgen? 25
Schweiz durch den Bund auf Verord nungsstufe festgelegt, insbesondere wer den technische und hydrogeologische Vorgaben für die Errichtung von Deponi en sowie Grenzwerte für chemische Belas tungen und Fremdstoffgehalte in Abfällen definiert. 1991 Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer Die Schweiz erhält das Gewässerschutzge setz8 (GSchG) in der Form, wie es auch über 30 Jahre später nach diversen Revi sionen und Anpassungen noch gilt.
Sanierungsarbeiten Deponie Buchserberg 1997.
1992 Deponie Criangga: Umfassende Sanierung Die Deponie Criangga wird aufgrund der festgestellten Probleme mit dem Deponie sickerwasser ab dem Jahr 1992 umfassend saniert. Wie bereits bei der ersten Sanie rung 1975 steht die Optimierung des Was serhaushaltes der Deponie im Mittel punkt. Der Töbelibach wird aus seiner Eindolung befreit und als offenes Gewäs ser am Rand der Deponie geführt. Die Ausführungspläne9 von 1994 zeigen, dass das Bachbett unter dem Sohlenmaterial über eine veritable technische Abdich tung aus einem zwölf Zentimeter mächti gen Paket aus Binderschicht und Dich tungsbelag verfügt. Zudem wurde der Zu fluss von Wasser aus der Umgebung in die Deponie mittels einer Drainage am Hang, der Fassung des Strassenabwassers sowie der Aufschüttung von wenig durchlässi gem Material auf die Deponieoberfläche reduziert. Je weniger Wasser in eine Depo nie eintritt, desto weniger belastetes Sicker wasser kann entstehen. Ab diesem Zeit punkt werden die Deponie und deren Umgebung – insbesondere das Grundwas ser – noch intensiver überwacht. Akten