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Neujahrsblatt 161

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FormatOst Leseprobe

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Neujahrsblatt 161 (2021) Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen

Männerwelten Männerbilder Männerträume

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Archäologie  • Denkmalpflege  • Vereine St. Gallen 2021


Folgende Institutionen haben die Herstellung des 161. Neujahrsblattes des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen (2021) grosszügig unterstützt:

– Arnold Billwiller Stiftung – Ernst und Annelies Grossenbacher-Güntzel-Stiftung – Heinrich Hoessli Stiftung – Ortsbürgergemeinde St. Gallen

Umschlagbilder Cover (oben nach unten): Rheindelta mit Rheinmündung, Rammarbeiten für eine Pfahlwand, 1939 (Staatsarchiv St. Gallen) Marsch einer Infanterie-Kompanie, um 1863, Gemälde von Emil Rittmeyer (Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen 1914) Gian Caprez-Roffler, Ingenieur, Pfarrer, Ehemann und Familienvater 1931, mit dem ersten Kind (Archiv Christina Caprez)

Rückseite (im Uhrzeigersinn): Oberleutnant Barazetti mit Ehefrau und Hund, Fotografie von Otto Rietmann 1909 (Kantonsbibliothek St. Gallen) Kantonspolizei St. Gallen, Verkehrspolizisten mit BMW-Motorrädern R50/2, 1965 (Staatsarchiv St. Gallen) Auslandschweizer in Mexiko, 2. Hälfte 19. Jahrhundert, Fotograf unbekannt (Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen)

Impressum © 2021, Historischer Verein des Kantons St. Gallen Konzept und Redaktion: Peter Müller Redaktionskommission: Dorothee Guggenheimer, Regula Haltinner, Marcel Mayer, Clemens Müller, Marcel Müller, Arman Weidenmann, Regula Zürcher Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich.

Satz: Verlag FormatOst, Schwellbrunn Druck: Cavelti AG, Gossau SG Auslieferung und Bezugsstelle: Verlagshaus Schwellbrunn, Schwellbrunn www.formatost.ch ISBN: 978-3-03895-029-5 ISSN: 0257-6198


Inhalt 7 Dorothee Guggenheimer und Ernst Grob  Vorwort 8 Peter Müller  Ostschweizer Männergeschichte – ein «Pionierland» 10 Jürg Burlet Männlichkeit und Militär im 19. Jahrhundert Ostschweizer schildern ihre Zeit in Armee oder fremden Diensten 20 Gregory Aloisi und Lukas Gschwend Der Mann im St. Galler Recht Ein Blick auf Bürgerrecht/Beruf, Ehe/Familie und Verbrechen/Strafe 34 Max Lemmenmeier «Les hommes féministes» im Kanton St. Gallen Männer kämpfen für die politischen Rechte der Frau, 1912–1932 46 Peter Müller Männerwelten aus dem Fotoarchiv 48 Marcel Müller Der Chefarzt 50 Marcel Müller «Noch kein Stuhl frei, Madame!» 52 Martin Jäger Männer und Motoren, Freiheit und Macht: Die St. Galler Kantonspolizei als «Easy Rider»? 54 Marcel Müller «Hau ruck!» 56 Mathäus Lippuner Ort: Grabserberg Bergbauer Heinrich Lippuner 1910–2001 58 Patric Schnitzer «Mugshot» des Raubmörders Ferdinand Keel vom September 1869 60 Markus Kaiser Eine Daguerrotypie mit ausradiertem Gesicht (1849) Die wohl älteste homoerotische Fotografie der Schweiz und ihre Geschichte 64 Oliver Ittensohn Männlichkeit um 1900 Konzepte, Formen und Probleme – mit einem Fokus auf die Stadt St. Gallen und ihre Vereine 74 Simona Slanicka Heilende Männlichkeit in Heiden Henry Dunant oder: Vom Tourismus zu einer pazifistischen Internationalität um 1900?


82 René Hornung 1937–1939: Prozesslawine gegen Homosexuelle Eine Auswertung der Protokolle des Bezirksgerichts St. Gallen 94 Christina Caprez Der Mann hinter der berühmten Frau Gian Caprez-Roffler (1905–1994): Ingenieur, Pfarrer, Ehemann und Familienvater 106 Peter Müller «Wann ist ein Mann ein Mann?» (Herbert Grönemeyer) Interview mit Dr. med. Ruedi Osterwalder, Psychiater und Psychotherapeut 112 Peter Müller «Es kann nur noch besser werden» Die Abstimmung über das Frauenstimmrecht 1971 im Spiegel der Schweizer Satirezeitschrift «Nebelspalter» 118 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren  119 Kantonsarchäologie St. Gallen  Martin Peter Schindler: Jahresbericht 2020 136 Denkmalpflege des Kantons St. Gallen  Michael Niedermann: Jahresbericht 2020 144 Denkmalpflege der Stadt St. Gallen Niklaus Ledergerber: Jahresbericht 2020

150 Jahresberichte 2020 der regionalen Geschichtsvereine Peter Müller | Kulturhistorischer Verein der Region Rorschach Werner Ritter | Verein für die Geschichte des Rheintals Werner Ritter | Museumsverein Prestegg Susanne Keller-Giger | Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg (HHVW) Mathias Bugg | Historischer Verein Sarganserland Heinrich Speich | Geschichtsfreunde vom Linthgebiet Ernst Grob | Fokus Toggenburg – Verein für Heimatkunde Hans Vollmar | Kunst- und Museumsfreunde Wil und Umgebung Rebekka Ray | MUSA Museen SG Heinz Riedener | Genealogisch-Heraldische Gesellschaft Ostschweiz Marina Widmer | Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz Dorothee Guggenheimer und Ernst Grob | Historischer Verein des Kantons St. Gallen 174 Verzeichnis bisheriger Neujahrsblätter


Männerwelten Männerbilder Männerträume

Neujahrsblatt 161 (2021) Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen


Vorwort

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, kationen sind dazu geplant, auch in der Ostschweiz. «Männergeschichte» ist denn auch keine Konkurrenz zur «Frauengeschichte», sondern eine notwendige Ergänzung.

Sie halten ein Neujahrsblatt mit dem Titel «Männerwelten, Männerbilder, Männerträume» in den Händen. Als das Thema an einer Sitzung der Redaktionskommission zum ersten Mal vorgeschlagen wurde, dachte die Verfasserin dieser Zeilen reflexartig: Ist Geschichte nicht per se meist Männergeschichte? Waren es nicht über Jahrhunderte fast ausschliesslich Männer, welche als politische Akteure Kriege führten, Frieden schlossen, Verträge unterzeichneten, Debatten führten? In der angeregten Diskussion innerhalb der Redaktionskommission wurde aber schnell klar: Männer sind in der Geschichtsschreibung und auch in den HVSG-Neujahrsblättern der letzten 160 Jahre als Akteure zwar tatsächlich omnipräsent. Ihre geschlechterspezifische Erfahrung, ihre Identität als Männer und damit eben die «Männergeschichte als Geschlechtergeschichte» nimmt hingegen praktisch keinen Raum ein.

Dass unser Vorstandsmitglied Peter Müller einen Band zur Ostschweizer Männergeschichte so engagiert und umsichtig redaktionell betreut hat, freut uns ausserordentlich. Die Entstehung des Buches war pandemiebedingt erschwert: Die Arbeit zog sich in die Länge, AutorInnen zogen wegen Überlastung ihre Zusagen zurück, Archivbestände waren teilweise nicht oder nur schwer zugänglich. Wir danken Peter Müller und der begleitenden Redaktionskommission für die geleistete Arbeit sehr. Besonders grosser Dank gebührt darüber hinaus den Autorinnen und Autoren des vorliegenden Neujahrsblatts. Sie ermöglichen aus unterschiedlichen Perspektiven – als Historikerinnen und Historiker, als Enkelin und Soziologin, als Psychiater – neue Perspektiven auf ein in der Ostschweiz weitgehend unbeleuchtetes Thema.

Die Geschichte der Männlichkeit ist denn auch deutlich weniger gut untersucht als die Frauengeschichte, die in den 1960er-Jahren angetreten war, einen in der Forschung über Jahrhunderte sträflich vernachlässigten Aspekt auszuleuchten. 2021, im Erscheinungsjahr des nun vorliegenden 161. Neujahrsblattes, wird schweizweit dem 50-Jahr-Jubiläum der Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen gedacht. Verschiedene Sonderausstellungen und Publi-

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine anregende Lektüre! Für den Vorstand des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen Ernst Grob und Dorothee Guggenheimer

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Ostschweizer Männergeschichte – ein «Pionierland» von Peter Müller

Es ist paradox: In der historischen Fachliteratur zur Ostschweiz wimmelt es nur so von Männern, vom Paläolithikum bis zur Zeitgeschichte. Die Personenverzeichnisse am Schluss der Publikationen sind voll von Männern. Die Männer selber – die verschiedenen Dimensionen des «Mannseins» – sind hingegen bis heute auffallend wenig Gegenstand konkreter historischer Untersuchungen. Was es natürlich mehr als genug gibt, ist «selbstreferenzielle» Männergeschichte für bestimmte Institutionen, Milieus oder Gruppen – von Politik über Kirche bis Militär. Männergruppen und Männerbünde, die sich selber feiern oder feiern lassen. Aber darum geht es hier nicht, sondern um eine moderne Männergeschichte, die sich z.B. mit Begriffen wie Männerwelten, Männerrollen, Männerbilder und Männerträume umreissen lässt. Eine Geschichte der Männlichkeiten, also über «Geschlechtsentwürfe, die historisch-kulturell variabel sind und beeinflussen, wer wie handelt und an der Gesellschaft teilhat.»1

sie in eine bessere Zukunft zu führen. Umgekehrt sieht sich die Männergeschichte mit schwierigen, kritikbelasteten Themen konfrontiert, von Patriachat bis wirtschaftlicher Ausbeutung, von Aggression bis Krieg. Und zu alledem befindet sich der Mann seit Jahren in einer viel diskutierten Krise.2 «Die Geschlechterverhältnisse sind im Umbruch», schreibt der Soziologe und Geschlechterforscher Matthias Luterbach. «Die Familie, die geschlechtliche Arbeitsteilung und daran anknüpfend Betreuung und Erziehung (auch unter dem Stichwort «Care» verhandelt), Sexualität, Beziehungs- und (zwei-) geschlechtliche Lebensformen überhaupt verändern sich»3 Aktuelle Beispiele: Klimakrise und Covid-19

Dass Männergeschichte ein faszinierend breites, vielschichtiges Feld ist, zeigt sich schnell. Sozial- und Gesellschaftsgeschichte sind hier gefragt, aber auch Soziologie oder Gender Studies, Anthropologie oder Biologie. Sie alle haben

Zum Vornherein in der Defensive

Die Frauengeschichte ist hier in der Ostschweiz viel weiter. Woran liegt das? Eine Antwort liegt auf der Hand: Sie füllte eine Lücke, die seit den 1970er-Jahren als immer stossender empfunden wurde, bevölkerte die Geschichte endlich mit Frauen: mit Geschichten und Biografien, Fallstudien und Analysen. Damit unterstützte sie gleichzeitig den Kampf um Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen, lieferte Argumente und Vorbilder, stiftete Gemeinschaft und Identität.

Männergeschichte im deutschsprachigen Raum Die Frauengeschichte nimmt im deutschsprachigen Raum in den 1970er-Jahren Fahrt auf. Die Männergeschichte folgt mit Verspätung. Eine eigentliche Diskussion mit Studien und Aufsatzsammlungen setzt erst in den 1990er-Jahren ein4. Der zum Thema ausführlichste Artikel im «Historischen Lexikon der Schweiz» (HLS) ist «Geschlechterrollen» (Version: 24.3.2011). Ein Stichwort «Männergeschichte» existiert nicht. «Frauengeschichte» ist der Alternativtitel zum Stichwort «Geschlechtergeschichte».

Existierten für die Männergeschichte keine entsprechenden Bedürfnisse? Es scheint so. Über die Gründe kann man spekulieren. Sicher mitgespielt haben psychologische Momente. Im Gegensatz zur Frauengeschichte fehlt z.B. das grosse positive Grundthema, das die Männer vereinen würde, um

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Jürgen Martschuka, Olaf Stieglitz, Daniel Albrecht. Geschichtswissenschaft. In: Stefan Horlacher, Bettina Jansen, Wieland Schwanebeck (Hg.). Männlichkeit, Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2016, 104–126, 104. Eine interessante Momentaufnahme für die Ostschweiz: Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» Nr. 246, Juni 2015, mit dem Titelthema «Sorry, Männer». Die Situationsanalyse eines Soziologen und eines Männermediziners: «Der Mann kann heute alles nur noch falsch machen»,

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Interview mit Walter Hollstein und Marco Caimi. In: Tagesanzeiger vom 19.3.2015. Ein pionierhafter Text zur Männergeschichte in der Schweiz: Kuno Trüeb, Wo Männer sich auskennen. In: WOZ Nr. 27/1989, 7. Juli 1989. Kulturmagazin «Saiten», wie Anm. 2, S. 24. Jürgen Martschuka und Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, Frankfurt 2008, 77–83.


einer klassisch männlichen Berufung».6 Ein zweites Beispiel: 2020 kam eine Studie des National Bureau of Economic Research in Massachusetts zum Schluss, dass Frauen Covid-19 eher als ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko ansehen als Männer, die Corona-Massnahmen eher akzeptieren und sich an sie halten7. Die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach (Universität Basel) meinte dazu: «Die Geschlechterforschung zeigt, dass sich Männer in Bezug auf Gesundheit generell unvorsichtiger und rücksichtsloser als Frauen verhalten. Sie gehen seltener zum Arzt, nehmen gesundheitliche Probleme weniger ernst und weisen ein gesundheitsschädlicheres Verhalten auf – zum Beispiel, was den Alkoholkonsum, ungesundes Essen oder risikoreiches Autofahren angeht. Es überrascht also nicht, dass sich das nun auch im Kontext der Pandemie zeigt.»8 Für die Erklärung verweist sie auf bestimmte Männlichkeitsbilder und Männlichkeitssozialisationen. Geht man da in die Tiefe, wird es schnell kompliziert und interdisziplinär, und schnell landet man auch auf den Minenfeldern oder in den Diskurslabyrinthen ideologisch aufgeladener Geschlechterdebatten. Es ist überhaupt schwierig, dem Thema objektiv zu begegnen. Die Geschlechterthematik betrifft praktisch jeden Menschen in einer existenziellen Form – von Partnerschaft bis Sexualität, von Weltbild bis Erziehung. Gleichzeitig ist sie ungemein vielfältig. Bei diesem Thema ist sozusagen jeder und jede «Partei».

Geschichte wird von Männern gemacht und von Männern geschrieben. Ein Beispiel aus St.Gallen: Johann Jakob Bernets «Verdienstvolle Männer der Stadt St.Gallen», 1830. Reprint 1986.

Artikel, Fotos, Karikaturen

Wichtiges zum Thema beizutragen und überraschen auch immer wieder mit Fakten, Feststellungen und Einsichten5. Und auch Einsichten aus der Gegenwart können für die Betrachtung von «Männlichkeiten» früherer Zeiten interessant oder zumindest anregend sein. So machte sich der «Tagesanzeiger» vom 1. Dezember 2019 Gedanken über die «CO2-Männlichkeit»: Die Klimakrise werde offensichtlich mehr von Männern als von Frauen bestritten. Als Erklärung dränge sich ein Männerbild auf, das in der Industriegesellschaft vorherrsche: «Diese läuft quasi mit Erdöl – als männlich gilt unter anderem: starke Autos fahren, Geschwindigkeit lieben, um die Welt jetten, viel Fleisch essen. Der Männlichkeitsstatus wird so direkt mit C02-Verbrauchen verknüpft. Man benötigt zudem viel Selbstvertrauen, um eine grosse Mehrheit der Klimawisssenschaftler des kollektiven Irrtums zu bezichtigen. Auch dieses schöpft sich aus

Das vorliegende Neujahrsblatt lädt zu Erkundungen in diesem «Pionierland» der Ostschweizer Geschichte. Verschiedene Autorinnen und Autoren behandeln ganz unterschiedliche Themen. Es geht um Männlichkeit und Militär, um feministische Politiker oder den Mann in der Gesetzgebung des Kantons St. Gallen. Hinzu kommen Fotogeschichten aus dem Staatsarchiv St. Gallen, Karikaturen aus der Satirezeitschrift «Nebelspalter» und ein Interview mit dem bekannten Psychiater und St. Galler Therapeuten Ruedi Osterwalder. Dass sich die Macher/-innen dieses Neujahrsblatts freuen würden, wenn sie damit zu weiteren Forschungen anregen könnten, ist selbstredend. Und noch erfreulicher wäre, wenn allmählich auch die Ostschweizer Geschlechtergeschichte in die Gänge käme. Sie wäre so etwas wie die Synthese von Frauen- und Männergeschichte und damit vielleicht die gesellschaftlich konstruktivste Perspektive.

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Als Überblick: Stefan Horlacher, Bettina Jansen, Wieland Schwanebeck (Hg.), wie Anm.1.SNF (Hg.). Gender Studies Schweiz, Bern 2005, auf: http://www.snf.ch/SiteCollectionDocuments/com_inb_genderstudies_d. pdf (abgerufen am 7.2.2021). Beat Metzler, Die CO2-Männlichkeit. In: Der Tagesanzeiger vom 01.12.2019.

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https://ze.tt/darum-nehmen-maenner-die-corona-pandemie-nicht-soernst-wie-frauen-5aennlichkeitsideale-studie-gefahr-gesundheitsrisiko/ (abgerufen am 7.2.2021). Vgl. dazu auch Die Zeit vom 18.2.2021, mit dem Titelthema «Der grosse Unterschied», S. 45–46. wie Anm. 7, der zitierte Link.


Männlichkeit und Militär im 19. Jahrhundert Ostschweizer schildern ihre Zeit in Armee oder fremden Diensten von Jürg Burlet

Wurde früher Männlichkeit über das Militär definiert oder ist das heute noch so? Die Antwort liegt wohl in einer differenzierteren Betrachtungsweise, und man muss die Herkunft und das soziale Umfeld der militärdienstleistenden Männer genauer betrachten. Sicher ist, dass der Militärdienst in den letzten 200 Jahren ein Teil der Männerkultur in unserem Land war, egal ob als Milizsoldat oder im Dienst für fremde Herren. Die Frauen hingegen treten erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts zaghaft in Erscheinung, mindestens im offiziellen Dienst am «Vaterland».

Was für einen Einfluss hatte und hat das Militär nun auf die Männlichkeit in der Schweiz? Oder anders gefragt: Was trug die «Schule der Nation» zur Männlichkeit bei und trifft der oft gehörte Ausspruch zu, dass «erst die Rekrutenschule aus Jünglingen Männer macht»? Man kann die Frage mit Ja und mit Nein beantworten, je nach Standpunkt des Betroffenen und seinen diesbezüglich gemachten Erfahrungen. Für beide Argumentationen lassen sich Beispiele ins Feld führen. Aus subjektiver Sicht mit Ja beantworten kann man die Frage, wenn es darum geht, Aufgaben gemeinsam zu lösen, sich in einer Gemeinschaft einzuordnen, Verantwortung zu übernehmen und so Lebenserfahrungen zu sammeln. Dagegen spricht, dass man alle diese Erfahrungen auch anderswie erfahren und erleben kann.

Erlebnisse von Johannes Mettler-Lämmlin aus Brunnadern und Eindrücke des Kunstmalers Emil Rittmeyer aus St. Gallen, welche ihre Dienstzeit in der Miliz absolviert und den Sonderbundskrieg in der Schweiz als Soldaten erlebt haben. Auf der anderen Seite ist die Geschichte der beiden Appenzeller Kaspar Niederer und Johann Ulrich Künzler, welche sich als Soldaten im 2. Schweizerregiment nach Neapel verdingt hatten. Alle haben mit dem Historischen Verein des Kantons St. Gallen einen direkten Bezug, indem sich Teile ihrer Nachlässe in St. Gallen befinden. Die Fremden Dienste

Es gilt bei dieser Frage stets zu unterscheiden zwischen dem Reisläufertum und dem Dienst in den heimischen Milizen. Während bei Ersterem zumindest in früherer Zeit ein gewisser Männerkult klar auszumachen ist und auch gepflegt wurde, war der Dienst in den kantonalen Milizen eher eine leidige Pflicht, allenfalls mit Ausnahme der Offiziere, die ihrerseits auch immer beeinflusst waren vom Dienst in Schweizerregimentern in den Fremden-Regimentern.

In der Schweiz haben wir mit der Milizarmee eine etwas andere Ausgangslage als andere Länder und doch gibt es vermutlich Parallelen zu anderen europäischen Nationen. Das Absolvieren des obligatorischen Militärdienstes wird vom grösseren Teil der männlichen Bevölkerung, mit einigen Ausnahmen, als notwendige Pflicht erachtet und mit mehr oder weniger Begeisterung absolviert. Nichtsdestotrotz lieferten und liefern die geleisteten «Dienste» ein unerschöpfliches Reservoir von Erlebnissen und Geschichten, welche im Familienkreis und am Stammtisch zum Besten gegeben werden. Der Militärdienst scheint also ein nicht unwesentlicher Teil der früheren sowie der aktuellen Männerkultur zu sein. Wie war das aber vor 100 oder 200 Jahren? Ein Rückblick auf der Zeitschiene bringt uns da Einblicke in den Themenkreis Militär und Männer.

Mit dem Aufstieg Napoleons I. und der Helvetik diktierte dann der Korse, wieviele junge Männer die Schweiz zu liefern hatte, von Freiwilligkeit war nicht mehr die Rede. Die Lust an fremden Kriegsdiensten ging in dieser Zeit rapide zurück, und Napoleon musste seine Forderungen von 16 000 Mann auf 12 000 herunterschrauben. Nach dieser Zäsur während der napoleonischen Ära zogen die Fremden Dienste nach 1815 wieder an, Frankreich hatte ab 1816 wieder zwei Garderegimenter und vier Linienregimenter mit Schweizern, das Königreich beider Sizilien (Neapel) vier Regimenter und später noch das Jägerbataillon Nr. 13, in

Das Folgende basiert auf den Erlebnissen von einigen Ostschweizern, welche ihre Dienstzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts literarisch oder künstlerisch dokumentiert haben. Es handelt sich dabei einerseits um die 10


Holland stellten Schweizer die vier Regimenter 28 bis 31, und im Kirchenstaat konnten die Schweizer in die beiden Fremdenregimenter eintreten. Sogar Grossbritannien warb ab 1854 nochmals Schweizer an für den Krimkrieg in der «British Swiss Legion».

duelle fremde Dienst war aber nach wie vor erlaubt, bis 1927, man musste sich einfach im Ausland anwerben lassen. Erst mit dem Militärstrafgesetz von 1927 wurde der Dienst in fremden Armeen strafbar, mit Ausnahme der Schweizergarde des Papstes.

Damit man eine Ahnung vom Exodus der Dienstwilligen nach 1815 hat, hier ein paar Zahlen: Frankreich, gemäss Kapitulation, 12 378 Mann, Neapel 7300 Mann, Niederlande 10 112 Mann, Kirchenstaat etwa 3000 Mann, Grossbritannien (1855) ca. 3300 Mann (trotz Werbeverbot). Also rund 36 000 Mann. Dies entspricht etwa einem Drittel aller aufgebotenen eidgenössischen Truppen im Sonderbundskrieg. Die Zahlen waren aber vor 1800 noch um einiges höher, insbesondere in Frankreich, aber auch Spanien, Sardinien und die Niederlande benötigten im 18. Jahrhundert rund 70 000 Mann.

Auch nach dem Verbot der Anwerbung und der Auflösung der Schweizerregimenter blieben viele Söldner im Ausland und engagierten sich in Fremdenbrigaden (Neapel) oder in der Fremdenlegion (Frankreich) oder sie traten in reguläre Einheiten der verschiedenen Staaten ein. Dem einzelnen Individuum war damals der Kriegsdienst in anderen Ländern bis 1927 nicht verboten. Wohl gab es immer wieder Rückkehrer, altgediente Soldaten hingegen, die teilweise in ihrer neuen Heimat auch verheiratet waren, sahen für sich oft keine Chancen, in der alten Heimat ein Auskommen zu finden. Ausser Kriegsdienst hatten die meisten auch nichts gelernt, womit sie ihren Lebensunterhalt hätten verdienen können.

Nicht wenige Militärs, vor allem Offiziere, hatten ihr Handwerk in Frankreich, Holland, Neapel oder in britischen Diensten erlernt. 1847 hatten beispielsweise vier von sieben Divisionskommandanten Dienst in Schweizerregimentern im Ausland geleistet1. Auch der General Henri Dufour hat als Bürger von Genf, das bis 1815 zu Frankreich gehörte, seine militärische Ausbildung in Frankreich genossen und sich als Genieoffizier ausbilden lassen. Insgesamt schätzt man die Zahl der Schweizer in Fremden Diensten auf über 2 Millionen, 70 000 davon als Offiziere, und 700 erreichten einen Generalsrang.

Verschiedene Schilderungen von heimgekehrten Söldnern sind uns erhalten geblieben und einige sind später auch in Buchform erschienen und so einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Insbesondere werden die Erlebnisse der beiden Unterleutnants Thomas Legler und Albrecht von Muralt (Beresina) gerne angeführt, oder diejenigen von Leutnant Johann Jakob Romang (British Swiss Legion) sowie Johann zum Stein, welcher als Reisläufer in Neapel und in Sizilien Dienst tat.

Der Dienst in einem Schweizerregiment zugunsten fremder Monarchen war bis ins 19. Jahrhundert, bis zum Verbot der Anwerbung in der Schweiz, eine wirtschaftlich nicht zu unterschätzende Verdienstquelle für das arme Agrarland, welches die Eidgenossenschaft damals war. Nebst wirtschaftlichen Überlegungen waren sicher auch Abenteuerlust und Fernweh der jungen Schweizer ein Argument, sich anwerben zu lassen. Die Werber, welche bis 1849 ihre Anwerbung ungehindert und von den Behörden toleriert in der Schweiz durchführen konnten, versprachen den Interessenten denn auch sehr viel, was dann in der Realität selten gehalten wurde. Nach 1849 erlaubten die eidgenössischen Behörden keine Schweizerregimenter mehr im Ausland. Man war aber, wie die Aufstellung der «British Swiss Legion»2 zeigte, auch hier inkonsequent. Der indivi-

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Für uns interessant sind vor allem die Biografien von Kaspar Niederer aus Wolfhalden AR und seinem Kameraden Johann Ulrich Künzler, die sich 1854 als Soldaten ins 2. Schweizerregiment nach Neapel verdingt hatten. Ihre Motivation waren in erster Linie Abenteuerlust und die Möglichkeit, dem dunklen und feuchten Webkeller zu entfliehen und etwas von der Welt zu sehen. Dazu dürften auch die 56 Dukaten Handgeld vom Werber Hugentobler das Ihrige beigetragen haben. Kaspar Niederer startete sein Abenteuer mit 10 Franken im Sack und kehrte nach vielen abenteuerlichen und lebensgefährlichen Erlebnissen 1859 mit 5 Rappen im Sack nach Hause zurück. Geld, welches er dann noch in den Kauf von zwei Zigarren investierte! Dazwischen hat er viel erlebt, den Feldzug in Sizilien, die Rebellion und die Fahnenmeuterei3 von Angehörigen des

Louis Rilliet-Constant, Genf, war in kaiserlichen und französischen Diensten; Johann Burckhardt, Basel, in französischen Diensten; Peter Ludwig von Donats, Sils, in englischen und französischen Diensten; Carl Eduard Ziegler, Zürich, in niederländischen Diensten. Dominik Gmür, Schänis, wurde in der Schweiz Offizier, ebenso Giacomo Luvini, Lugano. Ulrich Ochsenbein, Bern, trat nach seiner Abwahl aus dem Bundesrat in französische Dienste ein. Die britische Schweizerlegion (BSL) war auf 3300 Mann angelegt, effektiv wurden zwei Regimenter zu 2 Bataillone aufgestellt, welche

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aber nicht mehr zum Kampfeinsatz im Krimkrieg kamen und 1856 entlassen wurden. Das Verhalten der Schweizer Regimenter erntete Kritik und der Bundesrat setzte sich für die Beseitigung der kantonalen und eidgenössischen Insignien auf den Feldzeichen der Regimenter ein. Dies führte zur Fahnenmeuterei vom 7./8. Juli 1859 und zur umgehenden Auflösung der Schweizer Regimenter in Neapel. Trotzdem kämpften noch bis 1860 drei Fremdenbataillone in Sizilien.


und konnten mit dem Ersparten und mit in der Fremde erlerntem Handwerk später zuhause eine Tätigkeit ausüben, wie Peter Lötscher aus St. Antönien, ehemals Wachtmeister in holländischen Diensten, welcher eine Töpferei betrieb5. Andere heuerten als Instruktoren bei den kantonalen Militärdirektionen an und anerboten sich, den Rekruten im Heimatland den nötigen «Schliff» zu verpassen. Diese waren wegen ihres Fluchens besonders berüchtigt, und man nannte sie dann auch hierzulande schlicht «Neapolitaner», selbst dann, wenn sie vorher in Holland gedient hatten! Hatte einer gute Zeugnisse, konnte leidlich Lesen und Schreiben und noch eine andere Sprache sprechen, war auch die Übernahme in eines der kantonalen Landjägerkorps eine Option, so wie es beispielsweise Joseph Theiler (1823–1883)6 aus Einsiedeln gemacht hat. Wer in einem Garderegiment (Frankreich, Holland) oder in einer Hundertschweizer Kompanie (Vatikan) Dienst tat, hatte hierzu noch bessere Chancen, da diesen Einheiten auch Etikette und gute Manieren beigebracht wurden. Das Milizwesen in der Schweiz nach Napoleon und der Helvetik

Bereits in der Mediationszeit versuchte man das darniederliegende Militärwesen in der Eidgenossenschaft wieder zu organisieren, was vor allem auf dem Papier gelang, in der Praxis sah es etwas anders aus. Erst mit dem Militärreglement von 1817 kam wieder Bewegung in die kantonalen Kleinarmeen. Das Wehrwesen musste von Grund auf erneuert werden, die Franzosen hatten nicht nur die Staatskassen mitgenommen, sondern auch die Zeughäuser geleert, das Land war ausgeplündert, hinzu kamen Missernten und die Hungerjahre von 1816–1818 wegen des Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815.

Grenadier (im Mantel) und Jäger des 2. Schweizer Regiments, 18544. Schweiz. Nationalmuseum, Zürich

2. und 3. Regiments sowie deren Niederschlagung durch das 4. Regiment und das 13. Jägerbataillon, welches zur Auflösung der Schweizerregimenter führte und den Niedergang der Bourbonen in Neapel einläutete. Wieder einmal hatten Schweizer auf Schweizer geschossen und Niederer wurde verwundet und als einer der Anführer der Revolte angeklagt und mit der Todesstrafe bedroht. Nach all diesen Erlebnissen zurück in der Schweiz, arbeitete er dann wieder als einfacher Seidenweber. Nicht alle Heimkehrer aus fremden Diensten fassten wieder Tritt, sei es wegen erlittenen Verwundungen, Trunksucht oder wegen der Unfähigkeit, sich in eine zivile Gesellschaft zu intergieren. Einige hatten aber auch Glück

Es galt zwar nun eine allgemeine Wehrpflicht, da aber nur die Mannschaft für die eidgenössischen Kontingente gestellt werden musste, entschied oft das Los. Auf 100 Seelen mussten drei Mann gestellt werden, welche in Auszug und Reserve eingeteilt wurden, man konnte aber auch einen Stellvertreter senden. Der Rest verblieb als Landwehr unter der Verwaltung der Kantone und musste nur im Kriegsfall der Eidgenossenschaft zur Verfügung gestellt werden. In etlichen Kantonen war es aber schwierig, auch diese bescheidenen Kontingente zu erfüllen. Dass der Soldat teilweise seine Ausrüstung selber beschaffen musste, war der Sache auch nicht förderlich. Allgemein wurde der Dienst

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Die Regimenter konnte man anhand der Farben von Kragen und Ärmelaufschlägen unterscheiden: 1. Regiment = hellblau, 2. Regiment = gelb, 3. Regiment = dunkelblau, 4. Regiment = schwarz «Geen geld, geen Zwitsers – Zwei Prättigauer in niederländischen Diensten», Der «Tanzbödeler» Nr. 19, Oetwil am See, 1987.

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Joseph Theiler aus Einsiedeln (1823 – 1883), Sohn des Josef Georg Theiler und der Maria Anna Schnüriger, trat nach seinem Dienst in Neapel vom 1. Januar 1866 bis 1. August 1880 ins Landjägerkorps Schwyz ein. (Quelle: Aufzeichnungen in zwei handschriftlich geführten Notizbüchlein, Privatbesitz).


Einblick in den Dienstbetrieb bei einem eidgenössischen Stab und bei einer Reiterkompanie und was für Distanzen dabei zurückgelegt wurden. Darin kommt auch der weiter unten erwähnte Franz Rittmeyer vor, welcher Feldweibel dieser Kompanie war und in Mettler einen versierten Vizefeldweibel hatte. Mettler beschreibt den Soldatenalltag und seine Beobachtungen sehr präzise und kommentiert mitunter auch humorvoll seine Erlebnisse.

in der Miliz eher als Mühsal empfunden, wenngleich es auch hier Ausnahmen gab, man kam endlich mal aus dem Dorf heraus und sah etwas von der «Welt», insbesondere dann, wenn eines der eidgenössischen Feldlager abgehalten wurde. Ein einschneidendes Erlebnis bot sicher das Aufgebot zum Sonderbundskrieg. Die Zeit der fröhlichen eidgenössischen Truppenlager der 1830er-Jahre, mit vielen Schlachtenbummlern und Marketendern, war jetzt vorbei, nun galt es ernst. Dieser Feldzug mit seiner grossen politischen Tragweite war für alle Teilnehmer ein tiefgreifendes Erlebnis, davon zeugen die Erlebnisberichte der Teilnehmer. Interessant sind diese vor allem, wenn sie aus der Sicht von Soldaten stammen, welche im Feld standen und nicht von Stabsoffizieren, die ihre taktischen Operationen niedergeschrieben haben. So sind erstaunlicherweise die Erlebnisse mehrerer Soldaten und Offiziere bekannt, welche diesen Feldzug aus der Perspektive der Mannschaft erzählen und uns einen Einblick in das damalige Geschehen geben. Wir kennen die Erlebnisse von Andreas Wüthrich als Sappeurwachtmeister, das Tagebuch eines «Johannes M.» als aargauischer Kavallerist, Aufzeichnungen von Johannes Wyss als Batteriearzt beim Gefecht bei Lunnern oder die Erinnerungen von Johannes Bieri aus Gwatt und von Pastor Heiz als Feldprediger eines Zürcher Bataillons.

Dank Mettler wissen wir auch, wie die Uniform der St. Galler Reiterei damals genau aussah, weil er sich während des Feldzuges im Dezember 1847 in Schwyz von einem Maler abkonterfeien liess und eine Kopie dieses Bildes später, zusammen mit anderen Unterlagen, dem Historischen Verein des Kantons St. Gallen übergab. Das Aquarell kostete ihn damals einen Brabantertaler und ist, wie eine kurze Suche unter Mithilfe des Historischen Vereins und der Kantonsbibliothek ergab, immer noch vorhanden. Der Kanton St. Gallen nahm 1847 mit 6458 Mann an diesem Feldzug teil, dazu 12 Geschütze und 470 Pferd. Eingeteilt waren einige St. Galler zu Beginn in der VI. Division (Eduard Ziegler, Zürich), die meisten aber in der V. Division (Dominik Gmür, Schänis), dort war auch die St. Galler Artillerie eingeteilt.

Sankt Galler im Sonderbundskrieg

Für uns sind in diesem Zusammenhang die Erinnerungen an die Sonderbundszeit von Johannes Mettler interessant, welcher als St. Galler Chasseur à cheval (Jäger zu Pferd) Dienst gemacht hat. Eingerückt war Mettler als «Brigadier» (Korporal) schon während der Zeit der Freischarenzüge, wurde dann Wachtmeister und beendete seine Militärkarriere später im Rang eines Hauptmannes. Über seinen Dienst im Sonderbundskrieg bei einer berittenen Jägerkompanie, die man in St. Gallen kurz «Schassör» nannte, beginnen seine Schilderungen bereits zur Zeit der Freischarenzüge, in einer Zeit also, die politisch sehr unruhig und mitunter auch bedrohlich war. Im Sonderbundskrieg war er als Wachtmeister und Chef eines Meldereiter-Detachements im Hauptquartier der Brigade Isler, später dann wieder bei seiner Einheit, der 2. St. Galler Jäger-Kompanie zu Pferd (eidgenössische Nr. 9) unter Hauptmann Messmer. Über den Feldzug hat er rege mit seinen Angehörigen korrespondiert und hat seine damals zurückgelegte Route fein säuberlich auf einer Karte der Postverwaltung eingetragen, und so wissen wir heute sehr genau, wie sich eine berittene Jägerkompanie im Felde bewegt hat. Gespickt mit zahlreichen Reminiszenzen gibt das Büchlein einen interessanten

Johannes Mettler in der Uniform eines St. Galler Jägers zu Pferd, 1847, Aquarell. Kantonsbibliothek St.Gallen

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Das revidierte eidgenössische Militärreglement von 1840 sah bei der Kavallerie für den Kanton St. Gallen zwei Kompanien mit insgesamt 128 Jägern zu Pferd vor. Tatsächlich sind dann zum Sonderbundfeldzug die beiden Auszugskompanien Nummer 4 (1. St. Galler Kompanie) unter Hauptmann Johann Wagner und Nummer 9 (2. St. Galler Kompanie) unter Hauptmann A. Messmer sowie die Landwehrkompanie 31 (Hauptmann Sulzberger) mit total 184 Reitern ausgerückt. Die Familie Rittmeyer kam 1829 aus der ehemals freien Reichsstadt Lindau am Bodensee, welche 1805 bayrisch geworden war, nach St. Gallen und wurde dort 1831 eingebürgert. Der Vater, Jacob Bartholome Rittmeyer, war ein wohlhabender und bekannter Textilkaufmann, der in St. Gallen eine Seidenstickerei und einen Textilhandel betrieb. Seine Söhne wurden dadurch dienstpflichtig und sind 1847 dem Aufgebot des Kantons St. Gallen gefolgt und eingerückt. Wie seine drei Brüder musste 1847 auch Emil als Wachtmeister einrücken und hat neben seinem Gewehr und Ausrüstung auch Bleistift und Skizzenblock in seinen Tornister gepackt und so Bilder aus dem Feldzug mit nach Hause gebracht. Unter anderem machte er eine Skizze, wo er den Moment des Einrückens mit seinen Brüdern festhielt, und später als Ölbild mit dem Titel «die vier Brüder Rittmeyer ziehen zum Sonderbundkrieg aus» malte7.

«Die vier Brüder Rittmeyer ziehen zum Sonderbundkrieg aus» von Emil Rittmeyer, 1847. Privatbesitz

Hoch zu Pferd der dritte Mann in der damals typischen Uniform der St. Galler «Chasseurs», den Jägern zu Pferd, im Grad eines Feldweibels. Es handelt sich um Franz Elisäus Rittmeyer (1819–1892), Miterfinder einer mehrnadligen Stickmaschine, eingeteilt in der 2. St. Gallischen «Chasseurs-Compagnie» Nr. 9 (Hauptmann Messmer). Die Uniform bestand aus dem grossen Tschako aus dem Jahre 1845 mit Vorder- und Hinterschirm, dem kurzen jägergünen Rock (Frack) mit karmesinroten Aufschlägen und den Achselschuppen aus Messing. Am breiten Bandulier aus weissem Leder hängt die Reiterpatronentasche. Gut zu sehen auch der Mantelsack, welcher hinten am Sattel befestigt ist, welcher seinerseits mit der grossen, mit Fell besetzten Satteldecke belegt ist (das Reitzeug entspricht der Ordonnanz 1843).

Dieses Ölbild, welches auch von uniformkundlichem Interesse ist, zeigt vier Soldaten des Kantons St. Gallen aus der Zeit des Sonderbundskrieges im Jahre 1847, in den damals getragenen Uniformen. Es sind der Maler selbst und drei seiner Brüder. Er war damals 27 Jahre alt und somit sicher noch im Auszug eingeteilt. Von links nach rechts sehen wir einen Wachtmeister der Infanterie im Mantel (es war November) und mit Wachstuchüberzug über dem konischen Tschako (Modell 1842), mit Tornister, Patronentasche und Gewehr. Es ist der Künstler selber, Emil Gottlob Rittmeyer (1820–1904), welcher seinen Dienst als Wachtmeister absolvierte. Daneben ein weiterer Infanterist, ebenfalls mit dem neuen, konischen Tschako (welchen man seiner Form wegen spasshaft «Zigerstock» nannte) von 1842, hier ohne den Wachstuchüberzug. Er trägt den Mantel gerollt über der linken Schulter, so dass man den dunkelblauen, einreihig geschlossenen Frack gut sehen kann. Es dürfte sich um Albert Ludwig Rittmeyer (1822–1895) handeln.

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Der vierte Bruder ganz rechts ist bei der Artillerie. Er trägt noch den alten, oben ausladenden, Tschako von 1832 mit Schuppenkette. Dazu die dunkelblaue Uniform mit rotem Besatz und mit Messingknöpfen. Nebst dem Tornister mit gerolltem Kaput trägt er den als «Briquet» bekannten Säbel.

Das Bild befindet sich in Privatbesitz und ist im Werk «Schweizer Wehrgeist in der Kunst», Genf, 1940, abgebildet (Abb. 170, p.214).

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Der Maler Emil Rittmeyer «Marsch einer Infanterie-Kompanie, um 1863» von Emil Rittmeyer.

Gottlieb (Gottlob) Emil Rittmeyer, geboren am 18.5.1820 Lindau, gestorben 21.4.1904 in Freudenstadt, war der Sohn des wohlhabenden Lindauer Textilkaufmanns Jacob Bartholome Rittmeyer und seiner Frau Anna Mariette Mange. Als er neun Jahre alt war, übersiedelte die Familie von Lindau nach St. Gallen, wo die Familie 1831 eingebürgert wurde. Von 1837–1843 folgte ein Studium an der Münchner Akademie bei den Historienmalern Wilhelm von Kaulbach und Peter Cornelius. Dort machte er auch die Bekanntschaft mit Gottfried Keller. Nach seiner Rückkehr nach St. Gallen war Rittmeyer zuerst als Zeichner in der väterlichen Seidenstickerei tätig, später als Illustrator. 1850 reiste er nach Antwerpen zur Weiterbildung und 1851–55 folgte ein Aufenthalt in Paris, wo er sich im Kopieren übte. Nach seiner Rückkehr blieb er in St. Gallen wohnhaft, abgesehen von einem Aufenthalt 1869 in München. Rittmeyer weilte öfters im benachbarten Appenzell, wo er Land und Leute porträtierte. Daneben beteiligte er sich an Wettbewerben für öffentliche Aufträge. Er zeichnete auch für Zeitschriften und fertigte Illustrationen zu Werken namhafter Autoren. 1898 folgte Rittmeyer der Einladung eines Verwandten nach Liedolsheim bei Karlsruhe, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

(Neujahrsblatt HVSG 1914)

Es ist wohl der Jüngste des Quartetts, Robert Bartholome Rittmeyer (1827–1911). Alle vier tragen am linken Oberarm die eidgenössische Armbinde, da es sich bei diesem Aufgebot um einen aktiven Dienst der Eidgenossenschaft handelte. Nebst Landschaften und Grafiken umfasst das Werk Rittmeyers historische Darstellungen und Genreszenen, insbesondere Darstellungen aus dem Appenzeller Volksleben. Er trat auch als Förderer junger Künstler und Künstlerinnen in Erscheinung. Auf dem Gebiet der Historienbilder ist auch sein Bild «Marsch einer Infanterie-Kompanie, um 1863» bekannt, wo die Marschkolonne durch eine enge Strasse mit niederen Gebäuden marschiert, vorneweg die beiden Sappeure mit ihren weissen Schürzen, dann die Tambouren, Offiziere und Mannschaften. Nebst viel Volk, Kindern und Federvieh steht rechts am Strassenrand der Kommandant und nimmt den Vorbeimarsch ab. Das Ori15


«Biwak bei Udligenswil, 23.–24. November 1847» von Emil Rittmeyer. Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen

ginal befindet sich im Kunstmuseum Winterthur. Ebenfalls von ihm stammt das Bild «Biwak bei Udligenswil, 23.–24. November 1847» (im Hist. Museum St. Gallen). Darauf sind Angehörige der St. Galler Kavallerie zu nächtlicher Stunde am Biwakfeuer zu sehen: im Zentrum mit Mantel stehen, laut Mettlers Angaben, die Offiziere der Kompanie, nämlich Hauptmann Messmer, Oberleutnant Lenggenhager und Leutnant Steiger.

Miliz absolut korrekt wiedergegeben werden. Das Thema Militär hat ihn auch später noch bei seinen Arbeiten beschäftigt, zum Beispiel bei seinem Bild «Marsch einer Infanteriekompanie durch ein sankt-gallisches Dorf»8 oder «Kadettenmanöver»9.

Rittmeyer war als zugewanderter Bayer stolz, den Waffenrock seiner neuen Heimat tragen zu können, nur so lässt sich das oben beschriebene Bild «Die vier Brüder Rittmeyer ziehen zum Sonderbundkrieg aus» erklären, wo die Uniformen der verschiedenen Waffengattungen der St. Galler

Wenn auch der Sonderbundskrieg nach drei Wochen vorbei war (3. bis zum 29. November 1847), hat er doch bei allen Beteiligten tiefe Eindrücke hinterlassen, welche noch Jahrzehntelang nachgewirkt haben. Nicht nur wegen der politischen und militärischen Vorgänge, sondern auch weil man in Gegenden kam, die man vorher nie gesehen hatte, falls man nicht aus beruflichen oder gesellschaftlichen Gründen oft auf Reisen war.

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Öl auf Leinwand, um 1863, Kunst Museum Winterthur, Inv. 52

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Öl auf Leinwand, um 1863, Privatbesitz St. Gallen, Schweizer Wehrgeist in der Kunst, Abb. 183


ten, schon aus rein finanziellen Gründen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Uniform immer im Kontext zur jeweiligen Zivilmode angesehen werden muss. Als man beim Militär hohe Tschakos getragen hat, trug man auch im Zivilleben hohe Zylinderhüte.

Männlichkeit und Uniform

Wer militärisch weiterkommen wollte, musste ökonomisch dazu in der Lage sein, das heisst aus begütertem Hause stammen, um sich Uniform, Waffen und allenfalls noch ein Pferd leisten zu können. Bauern, Handwerker oder Arbeiter sind deshalb selten in den Reihen der Offiziere zu finden, für sie waren die Unteroffiziersstellen vorgesehen. Die soziale Herkunft war im 19. Jahrhundert also eine wichtige Voraussetzung für ein Avancement.

Zusammenfassung

Der aktive Militärdienst, sei es im Inland oder in den Fremden Diensten, machte aus Jünglingen keine Männer, wohl aber Soldaten, die Angst vor Verwundung, Krankheiten oder Seuchen hatten oder vor der Ungewissheit bei bevorstehenden Feldzügen, sich aber fatalistisch dreinschickten. So findet man es mindestens in den sehr persönlichen Aufzeichnungen vieler Soldaten.

Wenn man etwas Typisches zur «Männlichkeit» im Zusammenhang mit Militär sucht, so sind es, nebst den Waffen, sicher die Uniformen. Hier kann auch die männliche Eitelkeit befriedigt werden. Bei der Uniform war es meistens die Kopfbedeckung, welche lange Zeit mehr Kopfputz als Kopfschutz war. Helme und hohe Tschakos «putzen» den Träger heraus und lassen ihn grösser erscheinen. An der militärischen Kopfbedeckung liessen sich zudem Waffengattung und Einteilung ablesen. Man muss noch anfügen, dass ausgefallene Kreationen hierzulande selten Erfolg hat-

Johannes Mettler und die Rittmeyer-Brüder wurden Soldaten, weil es die Bürgerpflicht erforderte, viele andere, wie Kaspar Niederer, zogen aus Abenteuerlust in die Fremde oder in der Hoffnung, ihre ökonomische Situation zu ver-

Uniform Vom Mittelalter bis zum Dreissigjährigen Krieg trugen nur Leibgarden von Königen oder beim Papst (seit 1506) sowie Stadtknechte eine Uniform oder Hoftracht, also gleichartige Kleidung. Die Heere kleideten sich dagegen in einer Art Kriegstracht, die auch modischen Trends unterworfen war. Ab dem Dreissigjährigen Krieg setzte der Wandel von der uneinheitlichen Kriegstracht zur einheitlichen Uniform ein, zuerst bei einzelnen Regimentern, später bei ganzen Armeen. Die Uniformen der selbstständigen kantonalen Truppen in der Eidgenossenschaft waren bereits vor 1798 stark durch die fremden Dienste in Frankreich, Holland oder Neapel beeinflusst. Städte verfügten nun über einheitlich gekleidete Korps, die Standeskompanien, welche auch zu Repräsentationszwecken aufgeboten wurden. Das napoleonische Frankreich setzte um 1800 neue Massstäbe: Ein hoher Tschako aus Filz und Leder zum Schutz vor Säbelhieben ersetzte den Dreispitz, die weisse, gepuderte Perücke verschwand endgültig. Der weite Rock wich dem am Körper anliegenden Kolett, einer Art Frack, und die Kniebundhosen mit hohen Gamaschen wurden durch lange Hosen mit kurzen Gamaschen ersetzt.

Tschako eines Jägers zu Pferd aus St. Gallen 1845–1852. Ehemalige Sammlung H. Pellet, Lausanne, heute Privatbesitz

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«Ein Schweizer Gardist erzählt in seiner Heimat von den Tagen der Pariser Juli-Revolution 1830» von Johann Baptist Kirner, 1831. Konkret ist ein Grenadier des 2. Schweizer Garderegiments Nr. 8 nach der Revolution und der Entlassung der Schweizer Regimenter in Frankreich zu sehen. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

bessern. Erstere kamen sicher besser weg, Letztere setzten ihr Leben mannigfaltigen Gefahren aus, und der Wunsch nach wirtschaftlichem Fortkommen wurde selten wahr. Blieb man am Leben und konnte in die Heimat zurückkehren, so hatte man kaum volle Taschen, aber auf alle Fälle etwas zu erzählen.

und zu wenig Essen erzählen können und nicht von Verwundungen und toten Kameraden berichten müssen, allenfalls mit Ausnahme der Ereignisse von 1847 und den Erlebnissen bei der Internierung der französischen Ostarmee unter ihrem glücklosen General Bourbaki. So gesehen kann man sagen: Lasst die alten Soldaten ihre Erlebnisse weiter erzählen …

Wenn am Stammtisch in den Wirtschaften andere Töne angeschlagen wurden, so war das meistens Angeberei. Trotzdem waren die Eindrücke und das Erlebte doch so wichtig, dass es gerne im Familien- und Freundeskreis zum Besten gegeben wurde.

Epilog

Im Kriegsjahr 1939 wurde der Frauenhilfsdienst (FHD) gegründet zur Unterstützung in verschiedenen Bereichen der Feldarmee. Später umbenannt in militärischer Frauendienst (MFD). Frauen haben aber bereits im Ersten Weltkrieg tatkräftig mitgeholfen bei der Landesverteidigung, in Soldatenstuben, in Flickstuben, im Rotkreuzdienst oder als Krankenschwestern in den Militärspitälern, oder sie haben im Zivilleben die Stelle der Männer eingenommen. Sukzessive erfolgte bis 2005 eine Angleichung

Daneben gab es auch in der Schweiz so etwas wie Waffenstolz, insbesondere dort, wo mehrere Generationen in der gleichen Waffengattung Dienst taten, zum Beispiel bei der Kavallerie oder der Artillerie. Wir haben in der Schweiz das grosse Glück, dass die Soldaten von anstrengenden Märschen, kalten Unterkünften 18


Soldaten schweizerischer Emigrantenregimenter vor einem Wirtshaus, Radierung, erschienen bei T. Mollo, Wien, 1802. Anhand der Farbe der Kragen und Umschläge lassen sich die Regimenter unterscheiden: Rovéréa (schwarz), Bachmann (grün), Salis (hellblau) und Courten (gelb). Schweiz. Nationalmuseum, Zürich

in Ausrüstung und im Grad an die männlichen Dienstleistenden. Heute können Frauen auch hohe Offiziersposten erreichen. Werden sie in Zukunft, ähnlich wie ihre männlichen Kollegen, Geschichten aus dem Dienst in geselligen Runden zum Besten geben und diese Tradition fortführen?

Quellen und Literatur zu Fremde Dienste: Tobler, Alfred. Erlebnisse eines Appenzellers in neapolitanischen Diensten, 1854 – 1859, Historischer Vereins des Kantons St. Gallen, 1901. Maag, Albert. Geschichte der Schweizertruppen in neapolitanischen Diensten, 1825 – 1861. Zürich 1909. Militair-Kapitulation S. M. dem König beider Sizilien, 1828. Verordnung seiner königlichen Majestät für die Waffenübungen und Manöver der Infanterie zum Gebrauche der Schweizer-Regimenter in Neapel, Neapel, 1852. Debrunner, Johannes. Die Erlebnisse der Schweizerkompanie in Venedig. Zürich und Frauenfeld 1849. Legler, Thomas und von Muralt, Albrecht. Beresina: Erinnerungen aus dem Feldzug Napoleons I. in Russland. Bern 1940. Romang, Joh(ann) Jak(ob). Die Englische Schweizerlegion und ihr Aufenthalt im Orient. Langnau 1857. Zum Stein, Johan. Erlebnisse eines bernischen Reisläufers in Neapel und Sizilien 1846 – 1850. Bern 1907.

Quellen und Literatur zum Schweizer Militär: Mettler, Johannes. Aus der Sonderbundszeit – Erinnerungen eines St. Galler Kavalleristen. Pfäffikon-Zürich 1966. Wüthrich, Andreas. Erlebnisse im Militärdienst und während des Sonderbundsfeldzuges 1847. Bern 1907. Zimmerlin, Franz (Hg.). Tagebuch eines aargauischen Kavalleristen aus dem Sonderbundsfeldzug. Zofinger Neujahrblatt 1924. Bieri, Joh(ann) Jak(ob). Erinnerungen eines Sonderbunds-Veteranen. Thun. Wyss, Johann. Das Gefecht bei Lunnern oder meine militärischen Erinnerungen. Familienmanuskript. Hafner, Rudolf (Hg.). Pastor Heiz’s Erlebnisse als Feldprediger im Sonderbundskriege 1847 – Wiedergabe seines eigenhändigen Manuskriptes. Zürich 1903.

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Der Mann im St. Galler Recht Ein Blick auf Bürgerrecht/Beruf, Ehe/Familie und Verbrechen/Strafe von Gregory Aloisi und Lukas Gschwend

Der folgende Beitrag befasst sich mit dem Mann als Rechtssubjekt der st. gallischen Gesetzgebung im 19. und 20. Jahrhundert. Er zeigt an ausgewählten Beispielen auf, welche Rechte und Privilegien der Mann genoss und welche Pflichten ihm auferlegt waren. Und er verdeutlicht, wie man die Ungleichbehandlung im Kontext der damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen rechtfertigte. Während heute die Wehrpflicht und das höhere Rentenalter eine rechtliche Benachteiligung des Mannes darstellen, ging der männliche Rechtsstatus über Jahrhunderte hinweg mit diversen Privilegien gegenüber dem weiblichen einher.

Die Entwicklung des Rechts nach geschlechtsspezifischen Aspekten bietet immer wieder einen fruchtbaren Boden für historische Forschung. Die grosse Mehrheit der wissenschaftlichen Publikationen zu diesem Thema beleuchtet die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau seit der Aufklärung und insbesondere seit dem Ersten Weltkrieg. Im Brennpunkt steht meist die eklatante Verzögerung der Gleichberechtigung in ihren rechts- und sozialwissenschaftlichen Schattierungen. Es ist leider keine zynische Überzeichnung, wenn schon festgestellt wurde, dass Justitia bis vor kurzem ein Mann war. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmten praktisch ausschliesslich Männer sowohl die Rechtssetzung als auch die Rechtsprechung in der Schweiz. Als Ergebnis entstand ein sehr männliches Produkt.

selbst, seines Eigentums und seiner Familie, sowie kollektiv Herr des Staates sein. Als Citoyens kamen den stimm- und wahlberechtigten Männern damit neue Rechte und Pflichten zu. Die privatrechtlichen Ordnungen des 19. Jahrhunderts normierten die sozialen Funktionen der Ehemänner und Familienväter. Sie waren stark vom Geiste des aufgeklärten Naturrechts und des Historismus geprägt. Bereits überkommene, paternalistische Rollenbilder wurden in enger Anlehnung an das römische und germanische Recht verteidigt und dadurch in die neue Zeit hinein gerettet. Die vom Recht sanktionierte Prädominanz des Mannes prägte das Ehe- und Familienleben bis in die Nachkriegszeit. Der vorliegende Beitrag beleuchtet die besondere Rechtsstellung des Mannes im Kanton St. Gallen in ausgewählten Rechtsgebieten.

Mit der Aufklärung verdrängten die Forderungen nach Freiheit und Gleichheit die alte Standesgesellschaft. Marie le Jars de Gournay und François Pulain de la Barre, zwei Vordenker des Rationalismus, haben bereits im 17. Jahrhundert über gleiche Rechte für Mann und Frau nachgedacht. 1789 kritisierte der Marquis de Condorcet öffentlich die Ungleichstellung der Geschlechter als Missstand.1 Der Grossteil der Aufklärer lehnte allerdings die Gleichberechtigung der Frau ab. Wirkungsmächtige Persönlichkeiten wie Immanuel Kant oder Jean-Jacques Rousseau verteidigten die Gleichberechtigung zwar zwischen Männern, nicht aber zwischen den Geschlechtern. Der Mann als freier Bürger stand im Zentrum des aufgeklärten und demokratisch-liberalen Weltbildes. Er allein sollte Herr seiner

Mit der Gründung des Kantons St. Gallen 1803 wurde ein neues Bürgerrecht ausgearbeitet. Bürger einer Gemeinde des Kantons St. Gallen waren neu auch Bürger des Kantons.2 Eheliche Kinder erhielten gleich wie die Ehefrau das Bürgerrecht des Familienhaupts, uneheliche dasjenige der Mutter.3 Einbürgerungswillige bedurften der Zusicherung des Ortsbürgerrechts durch die Wohngemeinde.4 Mit dem Nachweis dieser Zusicherung konnten sie beim Kleinen

1 2

3 4

1. Bürgerrecht und Beruf 1.1. Staatsbürgerschaft und Wahlrecht

Vgl. dazu Senn/Gschwend, S. 121–127. Kantonsverfassung des Kantons St. Gallen 1814 (fortan KV 1814 – spätere Verfassungen fortan entsprechend zitiert) Art. 8.; KV 1831 Art. 31.; KV 1861 Art. 26.; KV 1890 Art. 34.

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KV 1814 Art. 9; KV 1831 Art. 31; KV 1861 Art. 27; KV 1890 Art. 35. KV 1814 Art. 10; KV 1831 Art. 33; KV 1861 Art. 28; KV 1890 Art. 36.


Einsetzung des St. Galler Grossen Rats im Jahr 1803. Kupferstich von Daniel Beyel, nach einer Vorlage von Antonio Orazio Moretto, erschienen in den Neujahrs-Stücken für die vaterländische Jugend, 1807. Staatsarchiv St. Gallen, ZA 187/2

Rat (Regierung) die Einbürgerung beantragen. Dieser prüfte die Kandidaten auf ihr sittliches Betragen, die wirtschaftlichen Verhältnisse und ihren Beruf.5 Der Einbürgerungswillige hatte sich somit als beruflich erfolgreicher Mann von einwandfreiem sittlichem Leumund auszuweisen.

lich, konnte aber auch abgelehnt werden. Ausgebürgerte Schweizerinnen wurden oft wegen Armut oder Krankheit in das Heimatland des Ehemannes ausgeschafft. Im Gegensatz zum Ehemann entschied bei der Ehefrau nicht das angeborene Rechtsverhältnis zum Staat, sondern jenes zum Ehemann über ihr Bürgerrecht.

Verzichtete der Ehemann auf das Bürgerrecht, verloren die Ehefrau und die minderjährigen Kinder dieses ebenfalls.6 Bis 1992 erhielten ausländische Ehefrauen durch die Heirat automatisch die Schweizer Staatsbürgerschaft, inkl. Gemeinde- und Kantonsbürgerrecht des Mannes.7 Umgekehrt verloren Schweizerinnen bei der Heirat mit einem Ausländer die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ab 1953 konnte die Frau die Staatsbürgerschaft behalten, musste aber bis 1988 eine Erklärung abgeben, wenn sie dies wollte.8 Eine Wiedereinbürgerung war zwar grundsätzlich mög-

Die Anforderungen an einen Mann, damit dieser das Wahlrecht ausüben kann, veränderten sich über die Jahre stark. 1803 mussten männliche St. Galler Kantonsbürger dazu mindestens 30 Jahre alt sein. Bei verheirateten Männern reduzierte sich das Mindestalter auf 20 Jahre.9 Dem verheirateten Mann und Familienvater kam auch als Staatsbürger mehr Gewicht zu. Doch waren nicht alle volljährigen Bürger wahlberechtigt. Das Zensuswahlrecht beschränkte die Gleichheit der Bürger empfindlich. Um wählen und abstimmen zu dürfen, musste man bis 1830 Eigen-

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KG 1817.06.24 (= Kantonales Gesetz vom 24. Juni 1817, andere kantonale Gesetze fortan entsprechend zitiert) Art. 1. KV 1890 Art. 37. Vgl. Münz/Ulrich, S. 24.

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BG 1952.09.29 (Bundesgesetz vom 29. September 1952, andere Bundesgesetze fortan entsprechend zitiert). KV 1803 Art. 2.


Bürger bei der Stimmabgabe in der Halle des Palais électoral in Genf anlässlich der Abstimmung vom 12. Mai 1872 zur Totalrevision der Bundesverfassung. Xylografie, vermutlich aus einer ausländischen Zeitung. Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung

tümer eines Vermögens von mindestens 200 Franken sein.10 Ab 1814 musste der Kantonsbürger für die Ausübung der politischen Rechte in Kreis- und Gemeindeversammlungen 21 Jahre alt und nicht bevormundet sein, in bürgerlichen Ehren stehen, nicht auf Armenunterstützung angewiesen sein und ebenfalls wenigstens 200 Franken steuerbares Vermögen besitzen.11 Die Vermögensbedingungen des Wahlrechts wurden mit der Kantonsverfassung von 1831 abgeschafft. Die Gründung des Bundesstaates führte 1848 dazu, dass alle Schweizerbürger ihr Stimm- und Wahlrecht unabhängig von ihrem Heimatort und Heimatkanton an ihrem Wohnsitz ausüben durften.12 Die Bedingungen für das passive Wahlrecht der einzelnen Ämter variierten stark. Kandidaten für den Gemeindevorsitz mussten 1803 mindestens 30 Jahre alt sein und über 500 Franken Vermögen verfügen.13 Als Friedensrichter brauchte man 1000 Franken.14 Bei der Direktwahl zum Grossen

Rat war die einzige Bedingung ein Mindestalter von 30 Jahren.15 Die Mitglieder des Kleinen Rates und des Appellationsgerichts mussten über Liegenschaften im Wert von mindestens 9000 Franken,16 diejenigen der Bezirksgerichte im Wert von mindestens 3000 Franken17 verfügen. Der Mann, der öffentliche Ämter wahrnehmen wollte, hatte sich, wie im Ancien Régime überall üblich, durch Vermögen als wirtschaftlich erfolgreich und unabhängig auszuweisen und damit einem letztlich sehr traditionellen Rollenbild einer ehrenhaften und erfolgreichen Führungspersönlichkeit zu entsprechen. Neu war letztlich nur, dass Gesetz und Gesellschaft keine Erwartungen mehr an ein standesmässiges Geburtsprivileg hegten. Freilich waren manche dieser öffentlichen Aufgaben damals weitgehend als Ehrenämter ausgestaltet. Dennoch machen die Vermögensauflagen deutlich, wie stark das Bild des Staatsmannes von überkommenen, patrimonialen Erwartungen an finanzielle Potenz geprägt war.

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KV 1803 Art. 2 Abs. 3. KV 1814 Art. 13. KV 1861 Art. 32. KV 1803 Art. 11.

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KV 1803 Art. 12. KV 1803 Art. 13 Abs 1. KV 1803 Art. 19; KV 1803 Art. 21. KV 1803 Art. 20.


nern dominiert. Im Kanton St. Gallen war der reformierte Pfarrerberuf bis 1963 Männern vorbehalten. Erst nach Einführung des Frauenstimmrechts 1971 wurden Frauen in Legislativ- bzw. Exekutivämter und als Richterinnen wählbar. Bis 1998 gab es im Kanton keine weibliche Gemeindepräsidentin. In die Polizeirekrutenschule konnte nur aufgenommen werden, wer das Aktivbürgerrecht und einen tadellosen Leumund besass, die Militärrekrutenschule bestanden hatte und militärtauglich war, eine Berufslehre abgeschlossen hatte und im Alter von 22 bis 30 Jahren war. Die Kantonspolizei stellte allerdings seit den 1960er-Jahren auch Frauen ein – vorerst allerdings nur für einen sehr eingeschränkten Einsatzbereich.

1.2. Bildung und Erwerb

Die klassischen Akademikerberufe wie Pfarrer, Arzt, Richter und Anwalt blieben bis ins 20. Jahrhundert weitgehend den Männern vorbehalten, aber auch bei anderen beruflichen Tätigkeiten gab es für Frauen rechtliche Schranken. In der Schweiz verfügten Frauen aufgrund der unterschiedlichen Funktionsvorstellungen und Bildungsideale bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts meist gar nicht über eine gymnasiale Ausbildung. Zwar liess die Universität Zürich als erste im deutschsprachigen Raum nach 1862 Frauen mit einem gymnasialen Reifezeugnis zum Studium zu, doch blieb diesen auch nach erfolgreicher Promotion bis zur Jahrhundertwende die Zulassung zu den jeweiligen Berufen verwehrt.

2. Ehe und Familie

An der Handels-Hochschule St. Gallen blieben männliche Studierende bis in die Nachkriegszeit weitgehend unter sich, obschon Frauen dort seit der Gründung 1898 für das Studium zugelassen waren. Das Reglement vom 14.03.1901 für die Anwälte und Rechtsagenten im Kanton St. Gallen sah in Art. 1 vor, dass auch Frauen zum Rechtsanwaltsberuf zugelassen werden konnten. Erste Ärztinnen gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Allerdings blieben beide Berufsgruppen bis in die 1970er-Jahre weitgehend von Män-

Die Kodifikationsbemühungen des Privatrechts beeinflussten im 19. Jahrhundert auch die gesetzliche Regelung von Ehe und Familie. Zwar misslang im Kanton St. Gallen die Schaffung eines privatrechtlichen Gesetzbuches, dennoch erfuhr das Familienrecht eine zeittypische Normierung. Das Eherecht wurde nach der Kantonsgründung weitgehend säkularisiert. Das neue Eherecht sah mit der Einführung der Zivilehe die Möglichkeit der Scheidung

Hörsaal der Handels-Hochschule St. Gallen (später HSG, heute Universität St. Gallen), um ca. 1940. StASG, Online Archivkatalog, HSGH 022/001648/2

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