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Der Status und seine Symbole

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FormatOst Leseprobe

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Neujahrsblatt 160 (2020) Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen

Der Status und seine Symbole

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Archäologie  • Denkmalpflege  • Vereine St. Gallen 2020


Folgende Institutionen haben die Herstellung des 160. Neujahrsblattes des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen (2020) grosszügig unterstützt:

– Ortsbürgergemeinde St. Gallen – Steinegg Stiftung Herisau – Susanne und Martin Knechtli-Kradolfer-Stiftung – Walter und Verena Spühl-Stiftung

Umschlagbilder Vorderseite

Stadtlounge oder Roter Platz St. Gallen Foto: Arman Weidenmann

Rückseite

Briefkopf: Aktiengesellschaft Pelztierfarm Gründenmoos, Winkeln – St. Gallen, 1930, StASG ZMH 64/105

Impressum © 2020, Historischer Verein des Kantons St. Gallen Konzept und Redaktion: Arman Weidenmann, Clemens Müller Redaktionskommission: Dorothee Guggenheimer, Regula Haltinner, Werner Kuster, Helene Mühlestein, Marcel Müller, Peter Müller, Regula Zürcher Für den Inhalt der einzelnen Beiträge sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Satz: Verlag FormatOst, Schwellbrunn Druck: Cavelti AG, Gossau SG Auslieferung und Bezugsstelle: Verlagshaus Schwellbrunn, Schwellbrunn www.formatost.ch ISBN: 978-3-03895-020-2 ISSN: 0257-6198


Inhalt 7 Dorothee Guggenheimer und Ernst Grob  Vorwort 8 Arman Weidenmann  «Alß die affen haben wellen menschenklaider anlegen» Statuswandel in Zeiten des Umbruchs

17 Christoph Maeder Status – ein vielschichtiger Begriff mit soziologischen Implikationen 22 Regula Steinhauser-Zimmermann  Bernsteinperlen vom Montlingerberg – ein Luxusgut 29 Arnold Flammer, Dorothee Guggenheimer und Werner Kuster Das Streben nach Status am Beispiel des frühneuzeitlichen Landsitzbaus im Rheintal 55 Barbara Karl Die Spitze der Gesellschaft Luxus, Macht, Kontrolle in der Frühen Neuzeit 67 Peter Müller Pelz – zur wechselvollen Geschichte eines Statussymbols 76 Hansjörg Gadient Geld und Geist Der Garten als Statussymbol 99 Clemens Müller Heraldische Statuslegitimation und Statusrepräsentation Der Aufstieg der Familie Schobinger von St. Gallen anhand ihrer Wappendarstellungen 111 Angelo Steccanella Gold und Silber Gold- und Silberschmiedearbeiten aus dem Kanton St. Gallen. Inventar einer Privatsammlung 126 Oliver Ittensohn Wohnen als Statussymbol am Ende des 19. Jahrhunderts 141 Heinz Stamm und Arman Weidenmann Appenzeller Stiftungen – Balancieren zwischen Philanthropie und Status 148 Marcel Schmid Autofetisch


156 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren  157 Kantonsarchäologie St. Gallen  Martin Peter Schindler: Jahresbericht 2019 174 Denkmalpflege des Kantons St. Gallen  Michael Niedermann: Jahresbericht 2019 180 Höhe, Dichte, Sichtbarkeit  Marko Sauer 190 Denkmalpflege der Stadt St. Gallen Matthias Fischer: Jahresbericht 2019

196 Jahresberichte 2019 der regionalen Geschichtsvereine Peter Müller | Kulturhistorischer Verein der Region Rorschach Werner Ritter | Verein für die Geschichte des Rheintals Werner Ritter | Museumsverein Prestegg Susanne Keller-Giger | Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg (HHVW) Mathias Bugg | Historischer Verein Sarganserland Heinrich Speich | Geschichtsfreunde vom Linthgebiet Ernst Grob | Fokus Toggenburg – Verein für Heimatkunde Hans Vollmar | Kunst- und Museumsfreunde Wil und Umgebung Rebekka Ray | MUSA Museen SG Heinz Riedener | Genealogisch-Heraldische Gesellschaft Ostschweiz Marina Widmer | Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz Dorothee Guggenheimer und Ernst Grob | Historischer Verein des Kantons St. Gallen 219 Verzeichnis bisheriger Neujahrsblätter


Der Status und seine Symbole

Neujahrsblatt 160 (2020) Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen


Statusort: Hof zu Wil Die Gründung der Stadt Wil erfolgte spätestens um 1200 durch die Herren von Toggenburg. Markiert wurde sie wohl durch die Errichtung des Herrenhauses auf dem Wallberg, welches den Herrschaftsstatus der Toggenburger weithin sichtbar machte. Als der «Hof» an der Stelle des Herrschaftshauses 1302 erstmals urkundlich erwähnt wird, ist die Stadt bereits äbtisch. Von den Äbten wurde er entsprechend ihres Status als Landesfürsten zum repräsentativen Residenz- und Verwaltungssitz ausgebaut. Die heutigen Ausmasse verdankt er weitgehend dem Bauprogramm des Abts Ulrich Rösch (reg. 1463-91). Ende des 17. Jahrhunderts wurde das ursprüngliche Walmdach zum charakteristischen Krüppelwalmdach umgebaut. Bis heute, mehr als 200 Jahre nach der äbtischen Herrschaft, prägt der mächtige Bau am rechten Bildrand das Erscheinungsbild der Stadt Wil und bezeugt ihren Status als «Äbtestadt». Als Wahrzeichen der Stadt liefert er seit jeher ein beliebtes Sujet auf Postkarten von Wil. 1990 wurde dem «Hof» von der eidgenössischen Denkmalpflege der Status eines Baudenkmals von nationaler Bedeutung zuerkannt. Seit demselben Jahr ist er im Besitz der Stiftung «Hof zu Wil», welche dieses Kulturerbe bewahrt und zeitgemässen Nutzungen zugänglich macht.

Abbildung: Gruss aus Wyl (St. Gallen), zwischen 1900 und 1910, Kantonsbibliothek Vadiana, VSP o 295 K | Text: Clemens Müller


Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser Für die vorliegende Publikation haben wir für die Ostschweiz relevante Themen und mit diesen verbundene Symbole ausgewählt. Die Beiträge werden aufgelockert durch kurze Beispiele von Statussymbolen aus verschiedenen Regionen unseres Kantons (Stichwort: Statusorte), die unsere Kolleginnen und Kollegen aus den regionalen historischen Vereinen verdankenswerterweise vorgeschlagen und verfasst haben.

In der Redaktionskommission, welche die Entstehung der Neujahrsblätter eng begleitet, sind Historikerinnen und Historiker vertreten, die sich in unterschiedlichen Epochen auskennen. Dementsprechend kann es vorkommen, dass die Diskussion möglicher Themen – nehmen wir als Beispiel die Fichenaffäre oder die Melioration der Rheinebene – vor allem diejenigen mit Forschungsschwerpunkt «Geschichte der Neuzeit» anspricht. Ganz anders war das, als ein Kommissionsmitglied als Neujahrsblatt-Thema den Begriff «Status» bzw. «Statussymbole» in die Runde warf. Alle Anwesenden konnten aus dem Vollen schöpfen, da es sich, wie sich schnell zeigte, bei der Auseinandersetzung um die Stellung einer Person oder einer Gruppe innerhalb der Gesellschaft um eine historische Konstante zu handeln scheint. Die Suche nach Autorinnen und Autoren hat diesen Eindruck denn auch bestätigt: Selten ist es möglich, Beiträge zu einem einzelnen Thema von Archäologinnen, Frühneuzeit-Historikerinnen, Neuzeit-Geschichtsforschern, Architekten und Literaturwissenschaftlern in einem Band zu vereinen.

Der Vorstand des Historischen Vereins dankt den Autorinnen und Autoren der Themenartikel für ihre Bereitschaft, die vorliegende Publikation mit ihren Beiträgen zu bereichern. Ein besonderer Dank gilt Arman Weidenmann, Historiker und Mitarbeiter im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen sowie Clemens Müller, klassischer Philologe und Bearbeiter der Briefe der Vadianischen Sammlung der Ortsbürgergemeinde. Sie beide haben verdienstvollerweise die Redaktion des 160. Neujahrsblattes übernommen. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine anregende Lektüre! Für den Vorstand des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen Ernst Grob und Dorothee Guggenheimer

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«Alß die affen haben wellen menschenklaider anlegen» Statuswandel in Zeiten des Umbruchs von Arman Weidenmann

Umgangssprachlich werden Luxusgüter oft mit Statussymbolen gleichgesetzt. Villen, Jachten, Autos der Schönen und Reichen, aber auch Urlaubsfotos von exotischen Destinationen in den sozialen Medien entspringen dem Wunsch, sich von der Masse abzuheben, etwas Besonderes zu sein. Dies ist kein neues Phänomen, sondern kann als historische Konstante bezeichnet werden. Davon zeugen nicht nur heute noch bestehende Landsitze aus dem Spätmittelalter, sondern bereits archäologische Funde aus der Frühzeit. Woher kommt dieses Bedürfnis nach sozialer Differenzierung?

Solchen Fragen geht das diesjährige Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen nach. Leitgedanke ist, dass ohne Status ein Leben in der Gesellschaft nur schwer vorstellbar wäre, fehlen doch grundsätzliche Ordnungs- und Orientierungskategorien. Status ist kein statisches Konzept, sondern Ergebnis eines bewussten oder unbewussten Aushandlungsprozesses innerhalb einer sozialen Gruppe. Umwelt und Zeitumstände spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Übertriebene Formen der Statusmarkierungen wie auch das bewusste Unterlassen derselben wurden und werden gesellschaftlich sanktioniert. Deren «richtige» Dosierung ist deshalb immer ein riskantes, nie triviales Spiel, bei dem die Beteiligten gewinnen und verlieren können.

Status, welche Unterscheidungskriterien innerhalb einer Gemeinschaft definieren und bearbeiten, sind nachvollziehbar und einleuchtend. «Der Begriff Stand bezeichnet gesellschaftliche Verbände, die sich innerhalb eines hierarchisch gegliederten sozialen Gefüges aufgrund rechtlich-sozialer und/oder verfassungsrechtlicher-politischer Merkmale voneinander abgrenzen».1

Der lateinische Begriff «Status», deutsch «Stand» ist, sofern man ihn in Kombination mit Symbol verwendet, im Alltag allgegenwärtig. Auch sozialwissenschaftliche Konzepte von

Betrachtet man Status jedoch aus historischer Perspektive, so wird der Begriff auf einmal spröde, unscharf und doppelbödig. Schnell stellt man fest, dass in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen eine Vielzahl miteinander verwandter, semantisch jedoch nicht völlig deckungsgleicher Begriffe nebeneinander oder alternativ verwendet werden. So trifft man neben dem eher selten in Einzahl verwendeten Stand weitaus häufiger auf den Plural Stände. Oder es wird stattdessen von Ordo oder Conditio gesprochen, was auf Deutsch mit Ordnung oder Eigenschaft übersetzt werden kann.2 Gemeinsam ist all diesen Begriffen, dass sie vergangene soziale Lebenswirklichkeiten in Teilen oder gesamtheitlich wiedergeben, die uns heute fremd ist. Selbst Schlagwörter wie Ständeordnung oder Ständestaat klingen bestenfalls altertümlich, im ungünstigsten Fall unverständlich. Weiterführende Erklärungen sind notwendig, da ansonsten die Gefahr besteht, dass man abstrakten, mehrdeutigen Leer- und Blindformulierungen aufsitzt, die keinen Erkenntniswert besitzen. So ist für uns beispielsweise das Wort Bauer mit dem Ausdruck Landwirt oder Agronom austauschbar, wohingegen Bauer als Stand einen weit grösseren Bedeutungsinhalt aufweist als eine schlichte Berufs-

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Archäologinnen, Architekten, Soziologen, Literaturwissenschaftler, Kunsthistorikerinnen und Geschichtsforschende ergründen das Phänomen Status im Kanton St. Gallen. Unterschiedliche Perspektiven eröffnen dabei eine breite Palette von Zugängen zum Thema. Dabei werden neben diversen Statussymbolen wie Schmuck, Textilien, Silber, Autos, Wappen, Pelz auch Architektur, Gartenbaukunst und philanthropische Stiftungen angesprochen. Welcher Selbstwahrnehmung entsprang die Verwendung verschiedener Symbole, welche Aussenwirkung wünschte man zu erzielen? Und: Sind im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen feststellbar? Status ein «Historikerbergriff»?

Zitat aus Mitsch, S. 44.

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Gerwing, S. 68.


terschieden werden. Neben diesen Einzelkriterien boten verschiedene Kombinationen sozialer, politischer und wirtschaftlicher Faktoren auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Hierarchien zu bezeichnen und zu umschreiben. Insbesondere die funktionelle Dreiteilung von Klerus, Ritter und Bauer (Oratores, Bellatores und Laboratores), die in der politischen Theorie bis zur französischen Revolution Bestand hatte, erlaubte es, auf Basis einer Berufsund Arbeitsteilung eine Rangordnung zu erstellen, der alle Menschen unterworfen waren.4

bezeichnung. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts konnte mit dem Wort Bauer neben der wirtschaftlichen Tätigkeit auch eine gesellschaftliche Schicht oder eine politische Position umschrieben werden, was dazu führte, dass die Mehrheit der Bevölkerung diesem Stand zugezählt wurde.3 Der Vielzahl der Begrifflichkeiten entspricht die Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen sich die Gesellschaften der Vergangenheit selbst differenzierten und ordneten. Mit Status konnten entweder Kriterien wie Abstammung (Geburtsstand), abgestufte Teilhabe an der politischen Herrschaft (Lehenstand, später Bürgerstand) oder die Funktion innerhalb der Gesellschaft (Berufsstand) voneinander un-

Betstand, Wehrstand, Nährstand, erster, zweiter und dritter Stand lautete die Nomenklatur für gesellschaftliche Grossgruppen. Rasch wurde daraus eine von Gott geschaffene Ordnung, die gut und dadurch nicht anfechtbar war.5 Funktionale Zuschreibungen an jeden Stand zementierten die Theorie. Der Adel schützt durch seine Waffenfähigkeit die Geistlichkeit und die Bauern. Die Geistlichkeit vermittelt Seelenheil an Adel und Bauern, wohingegen die Bauern mittels ihrer Arbeit die beiden Herrenstände von Geistlichkeit und Adel ernähren. Aus der Aufgabe, Schutz zu gewähren, erwuchs Herrschaft gegenüber den Bauern und dem durch sie bewirtschafteten Boden. Aus der Verwaltung der göttlichen Gnade und dem Umgang mit dem Numinosen bezog der Klerus seine Existenzberechtigung und sein Charisma. Der grosse Rest waren die Laboratores, Bauern und Handwerker, welcher unter dem Begriff «Gemeiner Mann» die Herrenstände ernährten und versorgten.6 Aber auch auf individueller Ebene lassen sich unterschiedliche Formen von Status unterscheiden, die dem heutigen Verständnis näher liegen als die zuvor erwähnte Ständeordnung. Ebenso Status definierend sind persönliche Lebensverhältnisse (ledig, verheiratet, verwitwet), finanzielle Situation (arm oder reich), Lebensformen, Alter, aber auch äusserliche Zeichen wie Kleidung. Persönliche Lebenssituation (verheiratet, ledig, verwitwet), die Lebensverhältnisse (arm oder reich), die Lebensformen, Lebensalter, aber auch äusserliche Zeichen wie Kleidung sind ebenso Statusdefinitionen. Zwar haben sie keinen allgemeinen Anspruch auf Welterklärung, umschreiben aber eine Person und ihre Lebensumstände. Als Ordnungsmodell und Deutungsschema überlappen sie sich häufig gegenseitig oder konkurrenzieren sich teilweise.

Darstellung der spätmittelalterlichen Ständeordnung. Holzschnitt von Jacob Meydenbach aus der Prognosticatio von Johannes Lichtenberger, 1488. Christus auf dem Regenbogen segnet die drei Stände Klerus (links), Adel (rechts) und Bauern (unten). Die Aufschrift «Tu supplex ora, tu protege, tuque labora» bedeutet «du bete demütig, du schütze, und du arbeite.»

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Zusammenfassend ist der Begriff «Status» unscharf genug – und dadurch ein echter Historikerbegriff – um spätere Präzisierungen aufgrund einer empirischen Basis zu ermög-

Walther, S. 156–159. Diese funktionale Dreiteilung geht auf antike Vorbilder zurück. Bereits Platon unterschied in seinem Bild des idealen Gemeinwesens Herrscher, deren Helfer und als dritte Funktion Bauern und Handwerker. Die individuelle, gesellschaftliche Position einer Person wurde dadurch definiert,

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ob die Götter bei der Geburt entweder Gold, Silber oder Eisen beigemischt hatten. Platon, Politeia 434b und 415a–d in Walther, S. 161 und 187. Zum Ordo-Gedanken siehe Oexle, S. 1436f. Blickle (2008), S. 160–162.


Auff und Nidergang deß Weiblichen alters. Kupferstich von Abraham Aubry, verlegt von Gerhard Altzenbach, Köln um 1640. Status wird als Stufe auf der Lebenstreppe dargestellt. Dabei werden die Eigenschaften jeder Altersstufe durch geflügelte Attribute (Vögel, Fledermaus) angedeutet. Die Antithetik von Wachsen und Vergehen, von Jugend und Alter, welche die linke und rechte Seite der Stufenpyramide bestimmen, wird durch weitere Bildmotive wie Bäume oder Memento Mori ergänzt. Die Periodisierung des Lebens in zehn Stufen, mit sieben Jahren pro Stufe, geht auf die Antike zurück. Hier sind es 13 Stufen. Aus: Harms/Schilling. Deutsche illustrierte Flugblätter Berlin 2018. Bd. IX. S. 80. Kantonsbibliothek Vadiana VBF 8.

lichen und notwendig zu machen. Er ist aber auch deutlich genug, um nicht jede individuelle oder kollektive Abgrenzung als Statushandlung zu verstehen. Status bietet, sozial verstanden, ein Instrument, die eigene Umgebung einzuteilen und dadurch beherrschbar zu machen. Gleichzeitig bietet Status aber auch ein normativ-ethisches Modell an, «wie das Viele und Verschiedene, was ist, in seiner Vielheit zusammengefügt ist zu einem Ganzen».7 Ordo, Conditio oder Status sind auf eine ideelle, gottgegebene Ordnung ausgerichtet, die sich, sofern sie nicht gestört wird, durch Friedlichkeit, Harmonie und Gerechtigkeit auszeichnet. Faktisch bestehende soziale Ungleichheiten werden deshalb kaum in Frage gestellt, sondern religiös überhöht und dadurch zementiert. Anerkennt man die Vorstellung einer allgemeinen Ordnung erst einmal an, ist es nur noch ein kleiner Schritt, selbst in diese Ordnung einzugreifen. Ins-

besondere dann, wenn die soziale und politische Ungleichheit als zu drückend empfunden und dadurch die Ordnung in Frage gestellt wird. Theorien allein machen noch keine Geschichte, es sei denn, sie seien gelungene Verarbeitungen der Realität und würden einen Ausweg aus blockierten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bieten.8

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Anhand des ersten Rheintaler Sittenmandats von 1528 soll nun überprüft werden, welche Bedeutung Status in der vormodernen Gesellschaft hatte und wie er sich in Geboten und Verboten artikulierte. Dies bietet sich auch deshalb an, weil durch die Reformation die religiöse Legitimation der Ständeordnung grundsätzlich in Frage gestellt und dadurch ihrer Basis beraubt wurde. Dadurch stand die Ordnung plötzlich zur Disposition und musste neu definiert werden.

Walther, S. 156.

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Ders., S. 200–203 und Blickle (1980), S. 236–239.


«Verwirrter Pauren Practic und Articel, so sie gemacht haben in ihrem Abfahl im obern Rheinthal»9

Im Sommer 1528 begann im Rheintal die entscheidende Phase der Reformation. Am 15. August versammelten sich die vier Höfe Altstätten, Marbach, Balgach und Berneck zu einer Landsgemeinde und beschlossen zum neuen Glauben überzutreten. Zwar basierte dieser «abfahl» auf der eigenständigen Rezeption der Reformation durch die vier Höfe, wurde aber durch eine offensive Expansionspolitik von Zürich begleitet.10 Eine Eigentümlichkeit der Zürcher war, dass sie den einmal erreichten Stand der Reformation durch Mandate zu sichern suchten. In rascher Folge wurden Sittenmandate, welche häufig auf Zürcher Vorlagen basierten oder zumindest daran angelehnt waren, in den durch sie verwalteten Territorien erlassen. Theologische Theorien vermischten sich mit praxisbezogenen, weltlichmateriellen Überlegungen. Religion verwies auf Politik und Politik wurde durch Religion legitimiert. So zielte die Reformation nicht nur auf die Erneuerung der Kirche und ihrer Einrichtungen, sondern auch auf die Reformation der Sitten und Gebräuche.11 In diesem Zusammenhang entstand auch das Rheintaler Sittenmandat, welches am St.Thomastag (21. Dezember) an einer Volksversammlung in Marbach durch die vier Höfe angenommen wurde.12 Nun interessiert Politik und Religion nur am Rande. Vielmehr ist nach den Auswirkungen auf die Ordnung der Gesellschaft und den Status der Menschen zu fragen. Veränderte dieses Mandat etwas oder blieb alles beim Alten? Bemerkenswert ist zunächst, dass kein Original dieses Dokuments erhalten ist, sondern nur eine Abschrift in einem Urkundenbuch aus dem Kloster St. Gallen von 1725. Dass der klösterliche Schreiber den Text nicht nur abschreibt, sondern auch noch auf jeder Seite kommentiert, ist noch erstaunlicher. Da wird von «Spiegell verstellter frommkaith», von den titelgebenden «affen (…) in menschenklaider» oder von «der teüffel hailligen pfleger» gesprochen.13 Was war es, was den Zorn des Schreibers, trotz einer zeitlichen Distanz von zweihundert Jahren, so erregte?

Erste Seite der Abschrift des Rheintaler Sittenmandats vom St. Thomastag (21. Dezember 1528) im Urkundenbuch des Klosters St. Gallen, StiASG, Bd. 7, S. 69.

truckhung der ergerlichen offnen lasteren» zu sorgen. Also sollten einerseits das Wohl der Allgemeinheit gefördert und andererseits die öffentlichen Laster verhindert werden. Zudem enthielt das Mandat bereits im ersten Abschnitt gegenüber den Landesherren «unsern gnädigen herren der acht orthen, unserem herrn von St. Gallen (…) und Appenzell» das Versprechen, sämtlichen Abgaben weiterhin zu entrichten und alle Abmachungen und Verträge zu achten. Selbst eine Art Friedensangebot gegenüber den katholisch gebliebenen Mitbürgern war darin enthalten.14 Auch

Die Rheintaler wollten doch nur «Gott zu lob, zu fürderung und beßerung unsers lebens» Regeln formulieren. Ziel dabei war «zu uffenthalt gemaines nutzens und nider-

9 SSRG SG III/3, Nr. 113, S. 431. 10 Die Herrschaft in der Landvogtei Rheintal wurde seit 1490 zwischen den eidgenössischen Orten, welche die Landesherrschaft innehatten und dem Fürstabt von St. Gallen als bedeutendstem Grundherrn geteilt. Während der Reformation geriet das Rheintal dadurch ins Kraftfeld der eidgenössischen Politik, da es permanent zu Reibereien zwischen den reformierten eidgenössischen Orten und dem Fürstabt kam. Zur politischen und religiösen Geschichte des Rheintals während der Reformation siehe Kägi, S. 71–75 und von Rütte, 55f. Zu den Herrschaftsrechten, Einleitung von Werner Kuster in SSRQ SG III/3, S. 50–59.

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Dobras, S. 165–174 für Konstanz, Wälchli, S. 51–54 für die gemeine Herrschaft Thurgau. Letzterer listet die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Sittenmandate von Zürich, Basel und Thurgau tabellarisch auf. Siehe auch Ziegler, S. 31. Kägi, S. 73 spricht von einem eigentlichen «Höhepunkt» der Reformationsbewegung im Rheintal. Zum Einfluss von Zürich auf das Mandat der vier Höfe siehe Frey, S. 68–75 und von Rütte, S. 55f. SSRQ SG III/3, Nr. 113, S. 431. Ebd, S. 431 und 436, Ziff. 23: «das wir fridsamm durch und by ainandern wandlen und leben mögen».


was den Inhalt betraf, blieb das Mandat vordergründig konventionell und orientierte sich, wie auch die Zürcher Vorlage, am Dekalog: Definition der protestantischen Feiertage, der Gottesdienste und des Glockenläutens (4. Gebot), Verbot des Fluchens und der Gotteslästerung (3. und 9. Gebot), des Wuchers (8. Gebot), des Ehebruchs und der «offen huererey» (7. Gebot), der unnützen Trunkenheit und Völlerei, speziell auch des Zutrinkens, was in einem traditionellen Weinbaugebiet auf den ersten Blick doch erstaunen mag. Aber auch jeder andere Ausdruck von Le-

bensfreude wie Tanzen, Singen, Trommeln, Pfeifen und aufwendige Kleider wurden reglementiert und eingeschränkt (8. und 10 Gebot).15 Dies war nichts wirklich Neues und entspricht unseren Vorstellungen von einer bevormundenden, engherzigen Obrigkeit. Da wurde den Untertanen mit dem Zorn Gottes gedroht oder aber mit dem «gemeinen Nutzen» und mit paternalistischer Fürsorglich-

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Eine inhaltliche Zusammenfassung liefert Bless, S. 48f.

Liederlicher Lebenswandel und Gottes Zorn: «Ein wunderbarlich gantz warhafft Geschicht so geschehen ist in dem Schwytzerland by einer statt heist Willisow. In truck gegeben durch Heinrich Wirri, Burger zuo Soloturn im 1553». In: Harms/Schilling: Deutsche illustrierte Flugblätter, Tübingen, 2005, Bd. VI, S. 54. Kantonsbibliothek Vadiana VBF 8. Ein Willisauer verlor beim Spiel viel Geld und begann zu fluchen. Er ging so weit, dass er Gott drohte, er würde ihn erstechen, wenn er nochmals verlieren würde. Nachdem er nochmals verlor, setzte er seine gotteslästerliche Drohung in die Tat um und warf sein Messer in die Luft, was nicht ohne Folgen blieb. Der Dolch verschwand, dafür fielen fünf Blutstropfen vom Himmel. Anschliessend holte der Teufel den Sünder zu sich. Aber auch die Mitspieler, welche nichts unternommen hatten, ereilte ein baldiges Ende. Einer wurde durch Läuse zu Tode gebissen, der andere hingerichtet.

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Schau gestellten Luxus oder die Sittlichkeit verletzende Bekleidung zu verbieten. Kein Mandat, so scheint es, verzichtete auf einen Absatz, der die Bekleidung regelte.19 Stellten die zerhauenen, also geschlitzten, Hosen «überfluss» und «hoffart» dar, so ist auf den ersten Blick nicht klar, was mit unchristlicher Kleidung gemeint ist. Man solle sich «teckhen, sin rock zusammen thuon» und die «ersahmmen leüthen» nicht damit «tratzen», also herausfordern. Verständlicher wird diese Passage, wenn man den Kommentar über die «gemainen dochteren an mißbruch» in Johannes Kesslers Sabbata gegenüberstellt. Dort beklagt sich der Autor, dass «sy ire herze vorne und hinden biß auf die brust (…) entblosstend». Diese sogenannte «entdeckung der herzen und hälsen» wird von Kessler auch als «die tafel ufthun» bezeichnet. Damit spielt er darauf an, dass bei hohen katholischen Feiertagen die üblicherweise geschlossenen Altartafeln geöffnet wurden und damit ihr Innerstes preisgaben. Entsprechend machten dies auch die jungen Frauen, damit «man die abgöttli zuo anrainzung böser, unjunkfröwlichen begirden sechen möchte.»20 Ob dies eher ein städtisches Problem war oder auch in den vier Höfen für Unruhe sorgte, muss offenbleiben. Auffällig ist aber, dass im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Kleiderordnungen dieser Passus wenig detailliert ist und auch keine Strafandrohung enthält. Zudem wird eine erstaunlich lange Frist von einem halben Jahr gewährt, die unziemlichen Kleider abzuändern.

keit argumentiert. Besonders die Angst vor kollektiven Strafen Gottes, Ausfluss der Vorstellung einer Vergeltungstheologie, wurde in Mandaten und in Flugblättern immer wieder geschürt. Dabei traf es nicht nur den Übeltäter selbst, sondern tangierte die ganze Gesellschaft. So konventionell das Rheintaler Sittenmandat auch erscheint, ist dies nur ein Teil der Wahrheit. Schliesslich stand in Marbach keine Obrigkeit den Untertanen gegenüber, sondern man beschloss, gemeinsam diese Ordnung anzunehmen. Der Wechsel zum neuen Glauben, der sich auch in einer moralischen Aufrüstung der Lebensumstände zeigte, erfolgte bewusst konsensual. «Diese satzung und ordnung mügen (…) mit gantzer versammlung der vier höffe, mit welchen dann solches angenommen ist, und keins andern wegs beschechen». Die religiöse, politische und sittliche Statusänderung erfolgte durch gemeinsame, öffentlich manifestierte Akzeptanz und erhielt so erst ihre Legitimität. Hinzu kam, dass jede «kilchery», also Kirchgemeinde, diesen Regeln mit fünfzehn oder neun ehrbaren Männern in ihrem Bereich durchsetzen sollte: «diesem allen trüwlich ufzusechen und dapferlich nachzukommen, sollend jedi kilchery die vor verordneten fünffzechen oder neün ehrsamme, redliche männer (…) verordnen». Aber auch an die generelle soziale Kontrolle wurde gedacht, denn «ein jetlicher sinen nächsten (…) früntlich warnen sollte». Und auch «es soll ain jeder solche wahrnung in guottem von dem anderen anemmen und sich zu beßeren gewehnen».16 Jeder war für sich, aber auch für seine Mitmenschen verantwortlich. Kleider machen Leute oder von «ohnchristlicher klaydung»

Der «puritanische Zuschnitt des täglichen Lebens»17, aber auch die Vorbildfunktionen der Zürcher Sittenmandate werden deutlich, wenn man den Artikel über die Kleidung betrachtet. Dort heisst es: «Item, der unzimbligen, ohnchristlichen klaydung halb, das der ehrbarkeit nit zimbt, sich auch merkckhlich darab verletzt, es sy an frowen, töchteren oder mannßbilderen, fürnemblich aber die zerhowen hoßen, sölle sich menckhlich darin schickhen, die etwelchen weg zu verändern».18

Kleider machen Leute, wie dies der St. Galler Georg Straub in seinem Trachtenbuch zeigt. Aus: Icones, Quibus Habitus Omnium Fere Mundi Gentium : Tum Virili, Tum Muliebri Sexui Cuiusvis Conditionis, pro More Convenientes, Et Hactenus Usitati : Suis Imaginibus Ad Vivum Exprimuntur. Nunc primum in lucem editae. Per Georgium Straubium Typographum Sangallensem, 1600. VadSlg Inc 960, S. 38.

Eines der ersten und offensichtlichsten Unterscheidungsmerkmale bei Menschen sind Kleider. Deshalb bemühte sich die Obrigkeit fortlaufend darum, übermässig zur

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SSRQ SG III/3, Nr. 113, S. 432 und 436. Frey, S. 71. SSQR SG III/3, Nr. 113, S. 433.

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Siehe die Gegenüberstellung der Reformationsmandate von Basel, Zürich und Thurgau bei Wälchli, S. 52. 20 Kessler, S. 233 und Ziegler, S. 34.

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Kleider als Unterscheidungsmerkmal und Uniformierung des Berufsstandes: Zwölf Berufe im Leinwandgewerbe, Öl auf Leinwand, St. Gallen 1714, HMSG 2003.312. Das Gemälde zeigt im Vordergrund zwölf Vertreter von Berufsgruppen, die im St. Galler Leinwandgewerbe tätig sind. Von links nach rechts: Kaufmann, Faktor, Feilträger, Leinwandmesser, Bauer als Hausweber, Bleicher, Leinwandschneider, Färber, Einbinder, Küfer, Fuhrmann und Maultiertreiber.

er zwar alle Rechte des gemeinen Mannes, aber auch sämtliche Verpflichtungen auf sich zu nehmen, wie beispielsweise Steuern zu zahlen. Indirekt wurde damit auch die Kompetenz des geistlichen Gerichts in Konstanz, vor das alle Geistlichen bisher vorgeladen wurden, gekappt. Diese Satzung war ein klarer Bruch gegenüber dem herkömmlichen Recht und aus der Sicht von Zürich, aber auch aus der Perspektive der Rheintaler ein zentrales Element, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen. Nicht nur wurden neue Abhängigkeiten geschaffen, sondern die tradierte Ständeordnung fundamental umgegraben. Der Priester wurde von der Gemeinde und von der weltlichen Obrigkeit in die Pflicht genommen. Nicht mehr Privilegien wurden zugestanden, sondern Dienstleistungen gefordert.22

Statusänderung über den Verordnungsweg

Wirklich einschneidend war aber eine Regel, die trotz des bescheidenen Umfangs und dem zunächst recht harmlos erscheinenden Inhalt allergrösste Konsequenzen für die Geistlichkeit hatte. «Item, die priester sollen ouch keine predig ohne ehehaffte noth und ursach versumen, sondern von anfang biß zu end verharren und in allen andern sachen gehorsamm sin, der oberkaith schweren, wachen, stüren und sich bruchen laßen wie ander einsäßen».21 Die Priester sollten also keine Predigt ohne triftigen Grund versäumen. Auch wurde erwartet, dass sie von Anfang bis zum Ende anwesend seien. Wichtiger als dieser Anwesenheitszwang war jedoch die Gehorsamspflicht «in allen andern sachen». Die Priester verloren damit ihre Privilegien und ihren unabhängigen Status. Denn sie wurden verpflichtet, der Obrigkeit den Treueid zu schwören. Gleichzeitig sollten sie aber auch über die Umsetzung der Gebote und Verbote wachen und ihre Gemeinde steuern. Waren sie doch gehalten, während der Messe, zu deren Besuch die Gläubigen verpflichtet waren, Urteile und Mandate vorzulesen. Dadurch wurden die Priester zu einem verlängerten Arm der Obrigkeit, einem Transmissionsriemen der ordnungspolitischen Regulierung. Grundlage war ein neues Kirchen- und damit auch Pfarrerverständnis. Der Geistliche war nun ausschliesslich Diener am Wort Gottes und als solcher auch Diener seiner Kirchgemeinde. Dadurch hatte

In einem damit zusammenhängenden Bereich wurde das Sittenmandat ebenfalls explizit. Mehrere Artikel behandeln die Ehe. Dabei wurde auch der Umgang von Geistlichen mit Frauen angeprangert und gleich eine pragmatische Lösung hinzugefügt: «Sithemal die offen huerery, die beyainander mit verärgernus ainer christenlichen gmaind sitzt, sich bißhar niemans unverschambter als die pfaffen gebrucht hat, ist unser fürnemmen und ansechen, das alle pfaffen, die bin ihren ihr huren sitzend habend oder sunst in besunderen heüßeren verlegend, ihre huren innert vierzechen tagen nächsten künfftigen eintweders zu der ehe nemmend oder gar von ihnen laßend».23

21 SSQR SG III/3, Nr. 113, S. 436. 22 Frey, S. 74. Und Blickle (2015), S. 178f.

23 SSQR SG III/3, Nr. 113, S. 435. Dies ist nach Frey, S. 72 eine wortwörtliche Abschrift des Zürcher Mandats vom 21. März 1526.

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Hatte ein Geistlicher Umgang mit einer Frau, so musste er sie innert vierzehn Tagen heiraten oder das Verhältnis lösen. Und tatsächlich wurden in Altstätten die beiden Kapläne Heinrich Fatzer und Bartholomäus Wirth zur Ehe gezwungen.24 Aber die drastische Formulierung ist wohl eher reformatorischer Propaganda zuzuschreiben als einem allgemeinen Sittenzerfall. Denn solche Eheordnungen, die in allen reformierten Gebieten der Ostschweiz erlassen wurden, füllten ein Vakuum, welches aus der «Konkursmasse der geistlichen Gerichtsbarkeit des Bischofs von Konstanz»25 hervorgegangen war. Hatte vor der Reformation die altgläubig-bischöfliche Jurisdiktion über Eheangelegenheiten Recht gesprochen, war es nun die weltliche Obrigkeit, die über Ehebruch oder über die Unsittlichkeit der jungen ledigen Leute entschied. Denn dort, «wo aber sunst ledige persohnen by ainandern argwöhnlich und verletzlich sitzend oder ainandern uffenthaltend», sollten sie ebenfalls zur Ehe gezwungen werden oder aber «gantz und gar von ainander schaiden». Dabei ist jeder Untertan aufgefordert, «uff sollichs flißig uffluogen», also seine Mitmenschen zu bespitzeln.26 Damit wurde der Familienstand zu einem zentralen Statusmerkmal einer Person erhoben. Gleichzeitig wurde jeder verpflichtet, im Sinne einer sozialen Kontrolle, Verstösse zu beobachten und zu melden.

Aber auch die alten Herrschaftsträger wurden wieder in ihre Rechte eingesetzt.27 Bereits 1539 trat ein neues Sittenmandat für das Rheintal in Kraft. Dieses Mal wurde es vom Abt von St. Gallen und vom Landvogt erlassen, von Konsens konnte keine Rede mehr sein. Und auch die Ständeordnung wurde nicht mehr in Frage gestellt.28 Literatur Quellen Kessler, Johannes. Sabbata: mit kleineren Schriften und Briefen. Hrsg. vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen. Unter Mitwirkung von Emil Egli und Rudolf Schoch. St. Gallen 1902. Rheintaler Sittenmandat vom 21. Dezember 1528, in: Urkundensammlung zum Rheintal, Teil 1: Rheintal allgemein. StiASG, Bd. 7a, S. 69–82. Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, XIV. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons St. Gallen, Dritter Teil: Die Landschaften und Landstädte, Band 1–3: Die allgemeinen Rechtsquellen des Rheintals, bearbeitet von Werner Kuster, Basel 2018. (SSRQ III/1–3).

Darstellungen Bless-Grabher, Magdalen. Wider das Fluchen, Tanzen und Spielen: Rheintalische Sittenmandate des 16.–18. Jahrhunderts. In: Unser Rheintal. Au 1984, S. 47–57. Blickle, Peter. Bäuerliche Rebellion im Fürststift St. Gallen. In: Aufruhr und Empörung: Studien zum bäuerlichen Widerstand im Alten Reich von Peter Blickle, Peter Bierbrauer, Renate Blickle und Claudia Ulbrich. München 1980, S. 215–307. Blickle, Peter. Das alte Europa: Vom Hochmittelalter bis zur Moderne. München 2008. Blickle, Peter. Die Reformation im Reich. 4. Überarbeitete Auflage. Stuttgart 2015. Dobras, Wolfgang. Ratsregiment, Sittenpolizei und Kirchenzucht in der Reichsstadt Konstanz 1531–1548: ein Beitrag zur Geschichte der oberdeutschen-schweizerischen Reformation. Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte. Im Auftrag des Vereins für Reformationsgeschichte hrsg. von Gustav Adolf Benrath. Bd. 59. Gütersloh 1993. Frey, Theodor. Das Rheintal zur Zeit der Glaubensspaltung. Altstätten 1947. Gerwing, Manfred. Status. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Bd. 8. München 2003, S. 68–69. Kägi, Ursula. Die Aufnahme der Reformation in den ostschweizerischen Untertanengebiete – der Weg Zürichs zu einem obrigkeitlichen Kirchenregiment im Frühjahr 1529. Zürich 1972. Mitsch, Ralf. Stand, Stände, Ständelehre. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Bd. 8. München 2003, S. 44–49. Oexle, Otto. Ordo (Ordines). In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Bd. 6. München 2003, S. 1436–1437. Rütte, Hans von. Bäuerliche Reformation am Beispiel der Pfarrei Marbach im sanktgallischen Rheintal. In Zugänge zur bäuerlichen Reformation. Hg. Peter Blickle. Bauer und Reformation. 1. Band. Zürich 1987, S. 55–84. Wälchli, Philipp. Reformationsmandat für den Thurgau 1530. In: Zwingliana 39 (2012), S. 51–77. Walther, Rudolf. Stand, Klasse. In: Geschichtliche Grundbegriffe (GLG). Bd. 6. Stuttgart 1990, S. 155–284. Ziegler, Ernst. Sitte und Moral in früheren Zeiten: Zur Rechtsgeschichte der Reichsstadt und Republik St. Gallen. Sigmaringen 1991.

Inwieweit dieses Sittenmandat Einfluss und Wirkung entfalten konnte, kann abschliessend nicht beurteilt werden, da der praktische Vollzug nicht überprüft wurde. Im Grundsatz zielte man damit auf die Läuterung und Verchristlichung der Individuen vor dem Hintergrund der protestantischen Lehre. Dies erlaubte, bewusst oder auch unbewusst, in manchen Belangen die traditionelle Ständeordnung zu hinterfragen und zu verändern. Dadurch wurde aber auch der persönliche Status des Menschen, sei es nun religiös oder familiär, erneuert. Der endgültige Zusammenbruch der alten Ordnung sollte noch einige Jahrhunderte auf sich warten lassen. Die Entwicklungsrichtung von der der individuellen Abhängigkeit zwischen Untertanen und Obrigkeit hin zu einer abstrakt-räumlichen Organisation der Gesellschaft war damit jedoch im Kern bereits vorgespurt. Dies wird gemeinhin als Übergang vom Personenverbands- zum Territorialstaat bezeichnet. Dem Rheintaler Sittenmandat war nur eine kurze Wirkungszeit beschieden. Denn mit dem katholischen Sieg nach dem Zweiten Kappelerkrieg 1531 wurden die Karten in den vier Höfen von Altstätten, Marbach, Berneck und Balgach neu gemischt. Die Zürcher Expansionspolitik war zu einem jähen und gewaltsamen Ende gekommen und damit auch die Ausbreitung der Reformation. Zwar wurde mit dem Zweiten Landfrieden die konfessionelle Zweiteilung des Rheintals auf der Grundlage der Parität bestätigt.

24 Frey, S. 73. 25 Blickle (2014), S. 172. 26 SSQR SG III/3, Nr. 113, S. 435.

27 Einleitung Kuster, S. 56 in SSQR SG III/3. 28 Ebd, S. 639 und Bless, S. 49.

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Statusort: Flugplatz Altenrhein Testpilot Manfred Brennwald Wer kannte sie nicht, die Piloten Häfliger, Brunner, Bardill oder Brennwald? Für die flugbegeisterte Jugend der 1960er Jahre waren diese einst ab Altenrhein operierenden Testpiloten der Inbegriff von Fortschritt, höchster Kompetenz und Wagemut. Manfred Brennwald, 1964 Testpilot bei der Mirage-Einführung, flog 1969 als Erster mit dem in Altenrhein entwickelten und gebauten Trainings- und Akrobatikflugzeug BRAVO. Er vermochte so auch seinen Auftraggeber und legendären FFA-Patron Claudio Caroni sichtlich zu begeistern. Foto: Staatsarchiv St. Gallen, Signatur W 241/5-069284-1.3 | Text: Anton Heer


Status – ein vielschichtiger Begriff mit soziologischen Implikationen von Christoph Maeder

Der Begriff Status spielt in der Medizin, im Recht und insbesondere in der Soziologie eine wichtige Rolle. Er unterwirft einzelne Personen und soziale Gruppen einer kontextabhängigen Bewertung und stellt damit gesellschaftliche Orientierungsschemata zur Verfügung. Die soziologische Verwendung des Statusbegriffs zielt darauf ab, soziale Ungleichheit und soziale Differenzierung zu erfassen, zu beschreiben und zu verstehen. Verschiedene Theoriestränge lassen sich dahingehend bündeln, dass der Status immer auch eine Bewertungsdimension für die soziale Wertschätzung und damit ein Instrument für die gesellschaftliche Verortung seiner Trägerinnen und Träger enthält. Diese Bewertungsmöglichkeiten von Konsumgütern und anderen Dingen führen dazu, dass sich teure Autos und grosse Häuser, aber auch das Zeigen von gutem Geschmack und auserlesenem Konsum als Statusmarkierungen für den Hinweis auf eine bestimmte Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge gebrauchen lassen. Umgangssprachlich hat sich von der soziologischen Begriffsverwendung her insbesondere der demonstrative Konsum als ein Statusindikator verbreitet.

Status als Begriff wird in vielfältigen Kontexten verwendet. Seiner lateinischen Herkunft nach steht das Wort «Status» für «1. das Stehen, Stand, Stellung 2. Zustand, Verfassung, Umstände, Beschaffenheit, Lage».1 Letzteres wird in der Medizin, der Technik, der Jurisprudenz und der Soziologie verwendet. In diesen Bereichen ist Status als Fachbegriff fest etabliert. Das Wort Status verweist dabei immer auf die Lage, die Situation oder die Umstände, in denen sich jemand oder etwas in einem spezifischen Kontext befindet. Im Verweishorizont ist dabei oft eine Mitbedeutung enthalten, wonach ein Mehr oder ein Weniger der adressierten Sachverhalte besser oder schlechter sind.

für die Definition der einen Gesundheit keine Einigkeit besteht. Eine der Medizin analoge Begriffsverwendung finden wir auch im Bereich von Computern und bei den Internettechnologien. Der «Update Status» eines Geräts verweist auf seinen Zustand im Hinblick auf die vorhandenen Programmversionen. Und mit diesen Programmen wiederum werden z.B. Statusaspekte zu technisch vermittelten sozialen Konstruktionen, wie die Anzahl Freunde in Netzwerken markiert. Mindestens so wichtig für Menschen in komplexen, modernen Gesellschaften ist auch deren rechtlicher Status. Dieser Status zeigt sich in Zugehörigkeitszuschreibungen zu Nationalität, politischer Stellung, Zivilstand und Geschlecht. Damit einher gehen Teilhabe- und Tätigkeitsrechte sowie bestimmte allgemeine und situierte Rollenanforderungen.

Ein medizinischer Status bezeichnet die Gesamtheit der Ausprägungen gesundheitlicher Merkmale, die einer Person durch die ärztliche Diagnose zugeschrieben wird. Hier wird der Status als eine Art Sammelbegriff für Untersuchungsergebnisse verwendet. Ein Gesundheitsstatus mit wenigen Krankheitssymptomen wird dabei besser beurteilt als eine lange Liste diagnostizierter Gebrechen. Dazu gibt es immer auch attribuierende Unterbegriffe zum generellen medizinischen Status, wie beispielsweise den Ernährungsstatus, den Organstatus, den Status von biologischen Teilsystemen wie dem Kreislauf und ähnlichem mehr. Interessant ist festzustellen, dass sich für die Ausdifferenzierung der Krankheitsbefunde grosse standardisierte Klassifikationen mit vielen tausend Einträgen finden, dass aber

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Die oben beschriebenen, medizinischen und rechtlichpolitischen und, relativ gesehen, objektiven Attribute von Menschen zwecks professioneller oder administrativer Kategorisierung bezeichnet man in der Soziologie als «zugeschriebene Statusmerkmale». Sie können nicht nur auf Individuen und Personen, sondern auch auf den rechtlichen Status von Gebietskörperschaften (Gemeinden, Kantone, Staaten) und wirtschaftlichen Einheiten (Genossenschaften, Aktiengesellschaften) angewendet werden. So ist es

Georges, S. 2791f.

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Die Bestattung als Statussymbol. Das 1903 auf Betreiben des Feuerbestattungsvereins nach heftigem Widerstand und langen Diskussionen erstellte Krematorium auf dem Friedhof Im Feldli. Gelatinetrockenplatte 13 x 18 cm von Otto Rietmann, 12. Oktober 1910, Kantonsbibliothek Vadiana VSRG 60313.

verorten. Statushierarchien sind fast immer verknüpft mit meritokratischen Ideen von Talent, Fleiss und Anstrengung. Nur wer sich auch anstrengt, soll für sein Engagement auch entsprechend mit einem höheren Sozialstatus belohnt werden. Dabei gilt in einer sozial durchlässigen Gesellschaft die Regel, wonach sich Leistung in der Form höherer Reputation und monetärer Gratifikation zeigen sollte. Allerdings trifft die Regel auch in sogenannten Leistungsgesellschaften nur punktuell und dann meistens erst noch eher ungenau zu. Die Gründe dafür liegen in der Schwierigkeit begründet, überhaupt zu definieren, was denn Leistung konkret, d.h. jenseits einer heuristischen oder ideologischen Verwendung ausmacht.2 So ist es beispielsweise nicht möglich, die Arbeit eines Polizisten oder Feuerwehrmanns und einer Krankenschwester oder Kindergärtnerin einander leistungsmässig präzis gegenüberzustellen. Auf einer funktionalen Ebene sind alles gesellschaftlich gleichwertige und sicherlich notwendige Tätigkeiten, die nicht nach einer Hierarchisierung verlangen. Doch aus historischen und geschlechterbezogenen Gründen werden

möglich zu sagen, dass beispielsweise der sozio-ökonomische Status einer Bevölkerungsgruppe oder eines Siedlungsgebietes höher ist als derjenige einer Vergleichsgruppe. Im Gegensatz dazu bezeichnet man nun Statusmerkmale, die durch Mühe, Ehrgeiz, Anstrengung und Fleiss erworben oder gar erkämpft werden mussten, als «erworbene Statusmerkmale». Darunter fallen beispielsweise akademische Titel, selbsterarbeitetes Vermögen, ausgewiesene kreative Fähigkeiten und oft auch politische Rechte. Das Zusammenspiel der beiden, nicht immer genau voneinander abgrenzbaren Statusmerkmale ergibt dann den gesamten Sozialstatus einer Person, einer sozialen Gruppe oder einer Körperschaft innerhalb des Gefüges der jeweilig betrachteten sozialen Ordnung. Die Kombination von zugeschriebenen und erworbenen Statusmerkmalen erzeugt nun nolens volens konstant Statushierarchien, d.h. unterschiedliche gesellschaftliche Bewertungen der statusrelevanten Attribute. Dadurch lassen sich deren Trägerinnen und Träger im sozialen Kontext

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Vgl. dazu exemplarisch die Ausführungen in: Dröge et al. 2008.

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beispielsweise die sogenannten «Care-Berufe» immer noch tendenziell weiblich attribuiert und weniger hoch entlohnt als die «männlichen» Berufe mit Bezug zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung. Hier werden mit Dahrendorf gesprochen Machtverhältnisse im Kontext der Produktion von sozialer Ungleichheit erkennbar und die Gesellschaft wird so zu einer «ärgerlichen Tatsache», weil Sozialstruktur und ideeller Anspruch an sie auseinanderklaffen.3 Von der Leistung eines Individuums oder einer Gruppe zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis von marktförmigen Aktivitäten, welches sich auch ohne Leistung der Anbieter ändern können. Auf Märkten können Überschüsse und Gewinne ohne grosse Leistung oder Anstrengung entstehen, wenn sich Präferenzen und damit die Nachfrage verändern. Wenn bestimmte Marken oder Güter symbolisch an Lebensstilwert gewinnen, dann erhöhen sich die Preise, ohne dass die Kosten entlang der Produktionsfunktion notwendigerweise steigen. Resultat sind überproportional grosse Erträge und Gewinne, ohne dass sich jemand dafür anstrengen musste. Dasselbe trifft zu, wenn jemand ein grosses Erbe macht und dieses ohne eigenes Zutun gewonnene Statusmerkmal des Reichtums mit einer erbrachten Leistung verwechselt.

Damit eng zusammen hängt die Idee der sogenannten Statusgüter, mit denen ein bestimmter, meistens höherer Sozialstatus markiert werden kann. So sind teure Autos und grosse Liegenschaften, aber auch Schmuck und Designerkleider Statusgüter, mit denen die jeweiligen Besitzer ihren Sozialstatus gegenüber anderen symbolisch markieren können. Dazu hat sich der Begriff des Statussymbols eingebürgert. Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hat dazu bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine «Theorie der feinen Leute» entwickelt und dafür den Begriff der «conspicuous consumption» (demonstrativer oder auffälliger Konsum) geprägt.7 Bemerkenswert an der Veblenschen Theorie zur sozialen Ungleichheit ist ihr Konnex zur Statusmarkierung als einer aktiven Hervorbringung oder einer Aspiration des vergesellschafteten Menschen. Wenn wir dessen Statuslage in einer funktionalistischen Theorie untersuchen, dann stossen wir auf das Phänomen von soziologischer Ambivalenz. Damit wird die Beobachtung umschrieben, dass eine Person nicht nur in einer einzigen Dimension statusmässig verortet ist, sondern in einem eigentlichen Geflecht von Statusdimensionen steht. Dieses wird nicht nur von den Betroffenen selbst beeinflusst, sondern hängt auch von normativen Erwartungen anderer ab. Als vereinfachende Beobachtungs- und Erhebungsdimensionen für diese Perspektive nimmt man zur Analyse gerne die Trias der Statuspositionen von formaler Bildung, ökonomischer Lagerung und Ansehen. Dabei gibt es statuskonsistente und statusinkonsistente Positionen. Gut gebildete Akademikerinnen und Akademiker mit einem hohen Einkommen und einem angesehenen Arbeitsfeld (Medizin, Gericht, gymnasiale Lehre) geniessen einen hohen und konsistenten Sozialstatus, was Bildung, Einkommen und Reputation angeht. Ihre Statuskonfiguration wird als stabil und spannungslos bezeichnet. Ein ebenso gut gebildeter Künstler hingegen, der seinen Durchbruch noch nicht geschafft hat, ist, was sein Einkommen und seine Reputation angeht, noch in einer Statusspannung und in einer statusinkonsistenten Lage. Am unteren Ende der Statusskala sind dann diejenigen Menschen, die weder über Bildung, Geld noch über angesehene Arbeitsfelder verfügen. Deren marginalisierte, aber statuskonsistente Lage ist für die Gesellschaft (nicht für den Einzelnen!) insofern latent funktional, als sie möglichst vermieden werden will und sich deshalb die Leute nach ihren Möglichkeiten in einem endlosen Kampf gegen eine derartige Verortung ihrer selbst wehren müssen. Diese Theorie soziologischer Ambivalenz des Sozialstatus geht auf den amerikanischen Soziologen Robert K. Merton zurück und sie besagt letztlich, dass die Ambivalenz über den jeweiligen Sozialstatus es den Men-

Die zurzeit dominante Ideologie der Ökonomisierung des Sozialen mittels Märkten für alles und jedes führt dazu, dass bestimmte Subjektivierungsformen soziale Statusmerkmale erzeugen. Alle Erfolge oder Misserfolge werden dem Einzelnen als in seinem Einfluss stehend zugeschrieben. Daraus entsteht dann ein eigentlicher Zwang zur Teilnahme an einer Erfolgskultur4, in der die Sieger durchwegs das Lob der Tüchtigen singen, obwohl es doch immer auch viele Zufallsgewinner und Marginalisierte gibt. Es heisst dann, dass im Grunde genommen alle könnten, auch wenn in Realität eben nicht alle können.5 Grundlegend ist dabei, dass die Verantwortung für einen bestimmten Status in der Gelingens- oder Misserfolgsdimension immer beim Einzelnen angesiedelt wird. Damit werden dann auch die den Versagenden entsprechenden Politiken von Fördern und Fordern legitimiert, die den sozial schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft verordnet werden. Dass solche ideologisierte Strategien zum Erfolg nicht mehr funktionieren können, wenn beispielsweise körperliche Behinderungen, psychische Krankheiten oder gar ein wirtschaftlicher Strukturwandel vorliegen und sich in den Arbeitsmärkten auswirken, leuchtet ein. Dennoch erzeugt natürlich eine ökonomistische Sichtweise bei den Betroffenen individuelles Leid infolge der Zuschreibung von sozialen Möglichkeiten, die für die einzelnen gar nicht erreichbar sind.6

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Immer noch aktuell und lesenswert dazu: Dahrendorf 1957, Zitat ders. 1974, S. 139. Vgl. dazu Neckel 2008.

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Vgl. dazu Ders., Bourdieu et al. 2001 und Dröge 2002. Vgl. dazu Nadai und Maeder 2009. Veblen 1981, [1899].


Psychiatrie als Statussymbol. Die zweite psychiatrische Klinik im Kanton St. Gallen, nach St. Pirminsberg, wurde 1892 in Wil unter dem Namen «Kantonales Asyl» eröffnet. Von Anfang an legte man grossen Wert auf die Mitarbeit der Insassen. Einerseits sollten dadurch die Selbstversorgung gefördert, andererseits durch Arbeit die Patienten und Patientinnen therapiert werden. Deshalb wurde der Klinik ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb angegliedert. Ursprünglich für 120 Kranke in fünf Gebäuden konzipiert, zählte die Heil- und Pflegeanstalt 1935 bereits 25 Gebäude für rund 1000 Patientinnen und Patienten. Gelatinetrockenplatte 42 x 29 cm von Otto Rietmann, zwischen 1892 und 1895, Kantonsbibliothek Vadiana, VSRG 90099.

Eine weitere Theorie zum sozialen Status stammt vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1983). Ausgehend von Lebensstilpraktiken und dafür verfügbaren Kapitalsorten entsteht bei ihm ein sozialer Raum, in dem sich Lebensstile zu verkörperten Habitaten in spezifischen Handlungsfeldern ausprägen. Wir können dies an den Selbstinszenierungen und Lebensführungsweisen unterschiedlicher Milieus erkennen, wenn wir beispielsweise feststellen, dass sich

die Sprache, die Kleider, die Arten des Bewegens und der Geschmack bei der Nahrungsauswahl zwischen Unter-, Mittel- und Oberschichten unterscheiden. Diese Kapitaltheorie geht davon aus, dass jedes Individuum und jede Familie über «ökonomisches Kapital» in der Form von Geld und handelbaren, immateriellen Gütern, über «kulturelles Kapital» in der Form von Geschmack, Lebensstil und schulischen Abschlüssen oder Titeln und über «soziales Kapital» in der Form von Beziehungen verfügt. Alle drei Kapitalsorten sind beschränkt untereinander transferierbar und lassen sich, wenn auch unterschiedlich leicht, akkumulieren. Deshalb wohnt dem so ausdifferenzierten Kapitalstock die Eigenschaft inne, dass er mit der Zeit wachsen kann. Die zu einem Zeitpunkt gegebene Verteilung dieser Kapitalien bildet die Gesamtheit der gesellschaftlichen Welt, die das Funktionieren der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmt

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schen dauernd auferlegt, eine statuskonsistente und wenn immer möglich auch eine höhere Position anzustreben.8 Die latente Funktion sozialer Ungleichheitsdimensionen, wie sie im Sozialstatus gerinnen, liegt demnach in einer konstanten und wirksamen Disziplinierung von arbeitenden Bevölkerungen, die sich immer wieder anstrengen müssen, um nicht marginalisiert zu werden.9

Vgl. dazu Merton and Barber, 1976.

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Merton 1949.


und damit die Erfolgsmöglichkeiten der sogenannten Praxis der Leute entscheidet. Alle drei Kapitalien und die damit zusammenhängenden Formen des Zeigens führen zu einer gesellschaftlichen Differenzierung in Statuskategorien, die auch als die «feinen Unterschiede»10 bezeichnet werden. Fein deshalb, weil sich kleinste Verschiebungen im Kapitalbestand als Statusmarkierungen gebrauchen lassen. Hier ist beispielsweise an die verschiedenen Gebrauchsformen von Essbesteck oder den sogenannt guten Geschmack bei der Auswahl von Kleidern, Kunstgegenständen oder Automobilen zu denken. Alles, was sich symbolisch auf eine der drei Kapitalsorten beziehen lässt, ist damit für die jeweiligen Besitzerinnen und Besitzer statuswirksam. Dadurch erweitert Bourdieu den ursprünglich ökonomisch verstandenen Klassenbegriff: Auch der richtige Geschmack und die entsprechenden ästhetischen Vorlieben klassifizieren die Gesellschaft, nicht mehr allein Armut und Reichtum.

keit von Statusmerkmalen in welcher Form auch immer, vorgetragen. Dabei wird aber die grundsätzliche soziale Ordnungsleistung solcher Kategorien für Herstellung von Gesellschaft übersehen: Ohne Statusmerkmale könnten wir uns in der modernen Gesellschaft nicht zurechtfinden. Das bedeutet aber auch nicht, dass es sicherlich unnötige und übertriebene Formen der Statusmarkierung nicht trotzdem geben kann. Deren «richtige» Dosierung ist immer ein riskantes, nie triviales Spiel, bei dem die Beteiligten gewinnen und verlieren können. Literatur Bourdieu, Pierre. Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt: Sonderband 2, hrsg. von Reinhard Kreckel. Göttingen 1983, S. 183–198. Bourdieu, Pierre. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1988. Bourdieu, Pierre; Eppler Erhard und Ohr Renate. Neue Wege der Regulierung: vom Terror der Ökonomie zum Primat der Politik. Hamburg 2001. Dahrendorf, Ralf. Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft. Stuttgart 1957. Dahrendorf, Ralf. Pfade aus Utopia: zur Theorie und Methode der Soziologie. München und Zürich 1974. Dröge, Kai; Marrs Kira und Menz Wolfgang. Rückkehr der Leistungsfrage: Leistung in Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft. Berlin 2008. Georges, Karl Ernst. Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Bd. 2. Nachdruck. Hannover 2010, S. 2791f. Knapp, Gudrun-Axeli. Intersectionality – ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von Race, Class, Gender. In: Feministische Studien. 23 (1/2005), S. 68–81. Merton, Robert K. Manifest and Latent Functions. Toward the Codification of Functional Analysis in Sociology. In: Social Theory and Social Structure. Toward the Codification of Theory and Research, hrsg. von Robert K. Merton, Glencoe 1949, S. 21–81. Merton, Robert K. und Barber Elinor. Sociological Ambivalence. In: Sociological Ambivalence and other Essays, hrsg. von Robert Merton, New York 1976, S. 3–31. Maeder, Christoph und Nadai Eva. Leistung lohnt sich (nicht immer): Beschäftigungsfähigkeit als Eintrittskarte zum Arbeitsmarkt. In: Armut trotz Arbeit: die neue Arbeitswelt als Herausforderung für die Sozialpolitik, Schriften zur Sozialen Frage 4. hrsg. von Stefan Kutzner, Michael Nollert, und Jean-Michel Bonvin, Zürich 2009, S. 113–126. Neckel, Sighard. Flucht nach vorn: Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt am Main 2008. Neckel, Sighard und Dröge Kai. Die Verdienste und ihr Preis: Leistung in der Marktgesellschaft. In: Befreiung aus der Mündigkeit: Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. herausgegeben von Axel Honneth, Frankfurt am Main 2002, S. 93–116. Veblen, Thorstein. Theorie der feinen Leute: eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, München 1981.

War Bourdieus Kapitaltheorie zu seiner Zeit bahnbrechend, so ist sie auch in doppelter Weise zeitgebunden. Einerseits existiert die traditionelle Klassengesellschaft in Europa nur noch eingeschränkt. Der Aufstieg einer breiten Mittelschicht, die Individualisierung und der zunehmende Einfluss der Globalisierung lösen solche sozio-kulturellen Grenzen auf. Kleidercodes gelten nur noch eingeschränkt und mittlerweile orientiert sich die Haute Couture an der Street- und Sports-Wear, welche überall im öffentlichen Raum auftritt. Klasse und damit auch ein eindeutiger sozialer Status sind in den letzten Jahrzehnten abgelöst worden durch neue Kriterien wie Gender, Race, Sexualität und Alter. Identitäten werden hinterfragt, spielerisch verändert und verfremdet. Allerdings bleiben grundsätzliche Verortungen sozialer Ungleichheiten dennoch auch unter diesen neuen Lesarten der Regimes der sozialen Differenzierung erhalten.11 Wenn wir abschliessend auf die hier präsentierten Theoreme zum Sozialstatus zurückblicken, so können wir feststellen, dass sich der in der Soziologie wichtige Begriff recht eigentlich popularisiert hat und zu einem Alltagswissensbestand geworden ist. Konsum als Statusmarkierung (Veblen), Sozialstatus als ambivalente und funktionale Eigenschaft sozialer Hierarchisierung (Merton) und die Verkörperung von Sozialstatus als Habitus von Personen im sozialen Raum (Bourdieu) verweisen alle auf die von Dahrendorf als «ärgerliche Tatsache der Gesellschaft» beschriebenen Zusammenhänge, wonach die Sozialstruktur mit dem Sozialstatus von Gruppen, Berufen und Funktionssystemen wie der Wissenschaft, der Kunst, der Religion u.a.m. immer auf das Engste verbunden ist. Dies wird in der alltagssprachlichen, massenmedialen Verwendung des Begriffs denn auch immer wieder als angebliche Überflüssig-

10 Bourdieu 1988.

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Vgl. dazu Knapp 2005.


Bernsteinperlen vom Montlingerberg – ein Luxusgut von Regula Steinhauser-Zimmermann

Bernstein ist ein ganz besonderes Material: goldgelb, leicht, warm. Bernstein kann geschnitzt, gedrechselt und gebohrt werden. Bernstein kann man verbrennen und wie Weihrauch nutzen. Bernstein ist selten und deshalb teuer. Weshalb konnte sich im St. Galler Rheintal jemand vor 3000 Jahren Bernsteinperlen und -knöpfe mit einem Gesamtgewicht von über 350 Gramm leisten?

später durch Grabungen geklärt werden. Sie fanden von 1921–1926 (Leitung Dr. Hans Bessler) sowie von 1951–1954 und 1960 (Leitung Dr. h.c. Benedikt Frei) statt.

Der Montlingerberg

Etwa 20 Kilometer südlich des Bodensees ragt am linken Rheinufer der Montlingerberg aus der Schwemmebene des Rheintals. Er zeugt von der geologischen Verbindung zwischen Alpstein und Bregenzerwald, die im Grabenbruch des Rheintals versunken und später von Vergletscherungen überprägt worden ist.

Die 1989 publizierte Gesamtauswertung von Funden und Grabungen ergab, dass der Montlingerberg bereits während der späten Jungsteinzeit und der Mittelbronzezeit von Menschen begangen worden war. Während der späten Bronzezeit, etwa in der Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr., begann eine rege Siedlungstätigkeit. Quer über das Plateau errichtete man einen Wall aus Trockenmauern und mit Lehm gefüllten Holzkästen. In seinem Schutz lag die Siedlung. Der Wall stürzte allerdings schon nach wenigen Jahrzehnten zusammen und beschädigte oder zerstörte die un-

Von 1857 bis 1956 nutzte die Internationale Rheinregulierung die Nordseite des Berges als Steinbruch. Beim Abräumen der Erde kamen mehrfach Funde zum Vorschein, die dem Historischen Museum in St. Gallen abgeliefert wurden. Die frühe Geschichte des Montlingerbergs konnte

Der Montlingerberg im Rheintal. Ansicht von Süden. Bild: Christoph Sonderegger, Rheineck.

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Steinbruch der Internationalen Rheinregulierung, 3. Mai 1913, von Nordwesten. Vor der Sprengung wurde an der oberen Kante die Erde entfernt; dabei kamen unter anderem auch die Bernsteinperlen und -knöpfe zum Vorschein. Der Abschlusswall im Westen des Hochplateaus ist deutlich sichtbar. StASG A 481/03.01-02.

Der jüngere Abschnitt der späten Bronzezeit (1200–800 v. Chr.) ist durch die weiträumige Verbreitung gleichartiger Keramik- und Metallformen im Gebiet nördlich der Alpen charakterisiert und trägt den Namen Urnenfelderkultur.2 Zur gleichen Zeit war in Mittelitalien und in der Poebene die Protovillanova-Kultur verbreitet, aus der später die etruskische Kultur entstand. Im Gebiet Südtirol/Trentino hatte sich die Laugen-Melaun-Kultur entwickelt.3

ner mit nach Hause oder liessen sich mit ihnen an einem anderen Ort nieder. Auf dem Montlingerberg belegen Funde aus Nord- und Mittelitalien, aus Tirol, dem schweizerischen Mittelland und Süddeutschland einen Ideen- und Güteraustausch sowie Wanderbewegungen. Dies ist nicht erstaunlich, da die Siedlung an einem Schnittpunkt wichtiger Verkehrswege liegt: Hier kreuzen sich die Ost-WestRoute vom Tirol über den Arlbergpass Richtung schweizerisches Mittelland und die Nord-Süd-Route von Süddeutschland über die Alpenpässe nach Norditalien. Der aufwendig gebaute Wall scheint nahezulegen, dass Menschen und Güter geschützt werden mussten. Gab es auf dem Berg Lagerhäuser, in denen kostbare Güter aufbewahrt wurden? War der Wall ein Zeichen der Macht? Befand sich hier die Residenz einer Führungspersönlichkeit, die auch die Handelsrouten kontrollierte?

Die Menschen dieser Kulturkreise lebten nicht isoliert. Händler, Handwerker und Abenteuerlustige transportierten Güter und Ideen; Frauen und Männer brachten Part-

Untersuchungen haben gezeigt, dass in den ältesten Siedlungsphasen bis zu 13 % der Tongefässe aus Formen bestehen, die genau denjenigen aus dem Südtirol/Trentino ent-

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mittelbar daneben stehenden Häuser. Feuerstellen, Hausgrundrisse und Funde belegen aber, dass die Siedlung weiterhin bestand und während des ganzen 1. vorchristlichen Jahrtausends mehrfach um- und neugebaut wurde. Funde von römischer Keramik und sorgfältig gelegte Fundamente eines Gebäudes zeigen, dass der Berg auch im 1. nachchristlichen Jahrhundert besiedelt war.1

Steinhauser-Zimmermann 1989. Zur Terminologie vgl. SPM III, 1998, S. 15–17, Abb. 1.

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Die Räter / I Reti 1992.


sprechen. Die typischen Becher und Krüge wurden aber sicher im Rheintal hergestellt.4 Dies lässt die Vermutung zu, auf dem Montlingerberg hätten Personen aus dem inneren Alpenraum und aus dem süddeutsch-schweizerischen Gebiet zusammengelebt. War die Gruppe aus dem inneren Alpenraum für Fernbeziehungen und den transalpinen Güterverkehr zuständig?5 Beleg für spätbronzezeitlichen Fernhandel: Bernsteinperlen und -knöpfe

Gütertransporte waren in urgeschichtlicher Zeit schwierig, da es noch keine Fahrstrassen gab. Als Verkehrswege dienten hauptsächlich Gewässer, die man mit Booten und Flössen befahren konnte; über Land gab es Fusspfade und in den Alpen Saumpfade. Man konzentrierte sich deshalb nach Möglichkeit auf seltene, gut transportierbare Gegenstände von hohem Wert oder auf Handelswaren, die sich selbst bewegen und dabei noch etwas tragen konnten, wie Sklaven oder Vieh. Bronzezeitlicher Handel mit lebenden oder vergänglichen Gütern ist allerdings kaum nachweisbar. Es sind jedoch genügend Gegenstände erhalten geblieben, die von intensiven transalpinen Kontakten und dem Handel mit kostbaren Gütern Zeugnis ablegen. Vom Montlingerberg ist ein Ensemble von Bernsteinperlen und -knöpfen bekannt, das insgesamt 355 Gramm wiegt. Der Fund kam bei den Steinbrucharbeiten im Jahr 1913 zum Vorschein. Es handelt sich um zwölf runde Knöpfe mit V-förmiger Bohrung, einen grossen halbkugeligen Knopf mit V-Bohrung, 36 konische und doppelkonische, spiralig gerillte lange Perlen, zwei scheibenförmige quer durchbohrte Perlen und eine scheibenförmige längs durchbohrte Perle.6 Alle Bernsteinobjekte haben eine rotbraune bis schwarzbraune Rinde, was auf die Lagerung im Boden zurückzuführen ist. Die originale honiggelbe Bernsteinfarbe zeigt sich an zerbrochenen Perlen. Speziell sind die spiralig gerillten Perlen. Sie werden nach einem Fundort nordwestlich von Rom als Perlen des Typs Allumiere bezeichnet. Interessant ist ihre Verbreitung: Am meisten Fundorte dieser Perlenart sind aus Nord- und Mittelitalien bekannt. Eine weitere Fundortkonzentration befindet sich auf Sardinien, wobei viele Funde in der Umgebung von Nuraghen7 zum Vorschein kamen. Vereinzelte weitere Fundpunkte liegen in Kroatien, Bosnien-Herzego-

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Bernsteinperlen und -knöpfe vom Montlingerberg. Bilder: KASG.

Stauffer-Isenring 1983, S. 98–120. Steinhauser-Zimmermann 1989. – Neubauer 1994, S. 87–88. Die angegebene Zahl bezieht sich auf alle (ganzen und fragmentierten) Stücke. Für Ausstellungs- und Abbildungszwecke wurden nur die einigermassen vollständigen Stücke montiert.

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Nuraghen (italienisch nuraghe, Plural nuraghi) sind steinerne konische Türme, deren oberer Abschluss als falsches Gewölbe (Kraggewölbe) ausgebildet ist. Es gibt Einzeltürme und auch Komplexbauten aus mehreren Türmen. Über den Zweck wird nach wie vor diskutiert, wobei eine Nutzung als Wohn- und Befestigungskomplexe im Vordergrund steht. Nuraghen sind eine rein sardische Erscheinung und Kennzeichen der bronze- und eisenzeitlichen Nuraghen-Kultur (1600–400 v. Chr.) auf Sardinien.


wina, Albanien, Griechenland und Rumänien. Sogar in einem Grab beim Dorf Gordievka in der Ukraine kamen einige derartige Perlen zum Vorschein.8 Nördlich der Alpen gibt es nur zwei Fundstellen: die Seeufersiedlung Hauterive-Champréveyres am Neuenburgersee und die Höhensiedlung Montlingerberg.9 Auffallenderweise sind weder aus dem westlichen Oberitalien (Piemont, Ligurien) noch aus Frankreich Perlen dieses Typs bekannt, auch von Korsika nicht.10

Der Verbreitungsschwerpunkt der Allumiere-Perlen aus baltischem Bernstein liegt in Nord- und Mittelitalien. Nicht nur die Zahl der Fundstellen, sondern auch die Menge der gefundenen Perlen deuten auf eine Verarbeitung des Rohmaterials in diesem Gebiet hin. Als Verarbeitungs- und Handelszentrum wird die grosse spätbronzezeitliche Siedlung von Frattesina di Fratta Polesine in der Provinz Rovigo vermutet.13 Bisher wurde dort zwar noch kein Rohbernstein nachgewiesen; belegt ist aber die Verarbeitung von Glas, Bronze, Hirschgeweih, Knochen und Strausseneierschalen. In den letzten Jahren kam zudem ein Werkstück einer Allumiere-Perle zum Vorschein.14 Frattesina di Fratta Polesine liegt südlich eines heute verlandeten Laufs des Po di Adria.15 Von dort gelangten die Perlen an

Die Allumiere-Perlen stammen aus Gräbern und aus Siedlungen. In den Gräbern treten sie meistens zusammen mit weiteren Perlen aus Bernstein, Glas, Kristall, Bronze usw. auf, häufig als Bestandteile von reichen Halsketten. Die kugeligen und halbkugeligen Knöpfe eignen sich aufgrund der V-Bohrung nicht als Kleiderverschlüsse (wie Knöpfe heute). Sie dürften als Besatz auf Kleidungsstücken aufgenäht gewesen sein. Ihre Verbreitung ist bisher nur unzureichend erforscht; in Italien sind sie von zwei Fundstellen in Nord- und Mittelitalien bekannt: Fünf ganze kugelige Knöpfe und einige Fragmente wurden in Frattesina di Fratta Polesine (Provinz Rovigo), ein halbkugeliger Knopf in Fossanera di Porcari (Provinz Lucca) gefunden. Herkunft, Produktion und Verteilung

Bei prähistorischen Handelsgütern interessieren nicht nur die Güter selbst und ihre Handelswege, sondern auch das Rohmaterial und seine Herkunft sowie der Produktionsort der verhandelten fertigen Objekte. Bernstein ist der allgemeine Begriff für fossiles Harz, das zu unterschiedlichen Zeiten entstand. Für die Bernsteinobjekte vom Montlingerberg konnten naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es sich eindeutig um baltischen Bernstein (Succinit) handelt.11 Dieser stammt aus dem frühen Tertiär (80–60 Millionen Jahre vor heute). Die Lagerstätten befinden sich an den südlichen und nördlichen Küsten der Ostsee, wobei auch Lager aus Dänemark und von der friesischen Küste bekannt sind. Der Rohbernstein wurde von der Ostsee wahrscheinlich über das Elbeund Odergebiet und die Ostalpen zur Adria transportiert.12 Somit stellt sich die Frage nach dem Herstellungsort des fertigen Produkts.

Zerbrochene Bernsteinperle. Aussenseite mit Rillen, braunrot verfärbt; Innenseite links alt gebrochen, rechts mit neuem Bruch. Im Bruch sind die braunrote Oxidationsschicht und die originale honiggelbe Farbe sichtbar. Die Längsdurchbohrung der Perle zeichnet sich deutlich ab. Bilder: KASG.

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Negroni Catacchio 1972, S. 3–20. Negroni Catacchio 1999. Boroffka 2001, S. 400, Abb. 3. Tesori delle Steppe 1995, S. 33 und 185. 9 Steinhauser und Primas 1987. Beck et al. 1993, S. 119–121. 10 Guilaine und Verger 2008, S. 227. 11 Caravatti 1987, S. 208–212. 12 Negroni Catacchio et al. 2006, S. 1463–1468. Negroni Catacchio und Gallo 2016, S. 318–320.

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Negroni Catacchio 1999, S. 258–259. Negroni Catacchio 2014, S. 6. Bellintani 2016, S. 290–294. Negroni Catacchio 2014, S. 6. Leider sind die neusten Forschungsresultate noch nicht publiziert. Die Unterlagen der Tagung «Frattesina fifty years later. The Po Delta between Europe and the Mediterranean in the centuries around 1000 BC» vom 13.–15. April 2018 sollen in einer der nächsten Nummern der Zeitschrift «Padusa» veröffentlicht werden. Bellintani et al. o.J., S. 24.


Verbreitung der Bernsteinperlen des Typs Allumiere und Herkunftsgebiet des Rohbernsteins. Bild: KASG.

Dänemark. Im spätesten Neolithikum und dann vor allem während der frühen Bronzezeit scheinen die Führungspersönlichkeiten der Aunjetitzer Kultur (östliches Mitteleuropa) den Handel mit Rohbernstein monopolisiert zu haben. Erst während der mittleren Bronzezeit vermehren sich die Fundpunkte im westlichen Mitteleuropa, im Balkangebiet und in Südeuropa.17 Ab der späten Bronzezeit bis gegen Ende der römischen Zeit scheint der Handel mit Rohbernstein über regelrechte «Bernsteinstrassen» vom Baltikum nach Südeuropa geführt zu haben.18

die östliche Adriaküste und nach Griechenland. Die Funde auf Sardinien hingegen scheinen mindestens teilweise auf der Insel selbst hergestellt worden zu sein, wobei nicht nur baltischer Bernstein, sondern auch Rohmaterial aus bisher noch unbekannten Quellen verarbeitet wurde.16 Bernstein als Luxusgut und Statuskennzeichen

Bernstein hat spezielle Eigenschaften: Er ist leicht, wirkt warm, hat eine sonnengleiche Farbe, und manchmal finden sich eingeschlossene Tiere und/oder Pflanzenteile. Er lässt sich einfach bearbeiten und ist brennbar, obwohl er aus dem Wasser kommt. Es ist durchaus denkbar, dass Bernstein schon zu dieser Zeit mit Mythen verbunden war. So deutete man Bernstein im vorklassischen Griechenland spätestens seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert als die erstarrten Tränen der Heliaden, der Schwestern des mit dem Sonnenwagen abgestürzten Phaeton.

Spätbronzezeitliche Bernsteinperlen des Typs Allumiere sind kein häufiges Fundgut. In den Frauengräbern sind sie meist mit weiteren Perlen (aus Bernstein und anderen Materialien) zu Halsketten kombiniert. Luxuriöse Ketten mit Bernsteinperlen fanden sich ebenfalls in einigen Kriegergräbern in Griechenland. Die Ketten, auch von weit entfernten Fundorten, sind sich in der Wirkung ähnlich, obwohl ihre Zusammensetzung nicht unterschiedlicher sein kann. Dies lässt die Vermutung zu, dass sie nicht nur ein Zeichen für Reichtum, sondern auch für Macht und Ansehen waren. Der Austausch derartiger Ketten als Gast-, Bündnis- oder Dankgeschenk, aber auch ihre Präsentation

Die ältesten Funde von bearbeitetem Bernstein stammen aus spätpaläolithischen und mesolithischen Fundstellen in

16

Bellintani et al. 2012, S. 1169–1170; Bellintani 2016, S. 295–296. InfrarotSpektralanalysen haben ergeben, dass es sich um Bernstein handelt, der mit rumänischem Bernstein (Rumänit, Schraufit) vergleichbar ist; vgl. Angelini und Dalla Longa 2018, S. 17–18.

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Meller 2019, S. 25. Negroni Catacchio et al. 2006, S. 1463–1468. Negroni Catacchio et al 2016.


im Rahmen von Anlässen, dürfte die gesellschaftliche Stellung der beteiligten Personen klar herausgehoben haben.19 Beim Bernsteinfund vom Montlingerberg fallen zwei Tatsachen auf: Zum einen enthält er – neben drei einfachen Perlen, die ohne Fundzusammenhang nicht datierbar wären – ausschliesslich Allumiere-Perlen sowie kugelige und halbkugelige Kleiderbesatzknöpfe. Zum andern handelt es sich um den Fund mit der grössten Anzahl von AllumierePerlen im gesamten Verbreitungsgebiet dieses Typs. Die Datierung (11./10. vorchristliches Jahrhundert) lässt einen möglichen Zusammenhang mit der Siedlungsgründung auf dem Montlingerberg vermuten: Der Bau des grossen Abschnittswalls und die Etablierung der Siedlung auf dem Montlingerberg erforderten Planung und entsprechende Ressourcen, was in dieser Zeit fast nur unter der Herrschaft einer Führungsperson denkbar ist. Dies würde im Hinblick auf die anderen gleichzeitigen Bernsteinfunde das Vorkommen von Bernstein auf dem Montlingerberg erklären. Dass es sich bei den Perlen ausschliesslich um Allumiere-Perlen handelt, kann im Übrigen durchaus mit einer persönlichen Vorliebe für eine bestimmte Modeerscheinung zusammenhängen.

nell'Alto Adriatico, in: Frattesina, 50 anni dopo, Vorpublikation zu Convegno internazionale 13–15 aprile 2018, Rovigo, Museo dei Grandi Fiumi, Rovigo ohne Jahrgang, 22–39. Bellintani, Paolo/ Usai, Alessandro/ Fadda, Maria Ausilia. Ambre protostoriche della Sardegna: nuovi dati su tipologia e possibili indicatori di lavorazione locale, in: La preistoria e protostoria della Sardegna, Atti della XLIV riunione scientifica, cagliari, Barumini, Sassari 23–28 novembre 2009, Florenz 2012, 1163–1171. Boroffka, Nikolaus. Bemerkungen zu einigen Bernsteinfunden aus Rumänien, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 31, 2001, 395–409. Caravatti, Pablo. Die Untersuchung von Bernstein mittels der 13C Festkörper NMR-Spektroskopie, in: Germania 65, 1987, 208–212. Guilaine, Jean/ Verger, Stéphane. La Gaule méditerranée (13e–8e siècles avant notre ère), in: Contacto cultural entre el Mediterranéo y el Atlántico (siglos XII–VIII ane). La precolonización a debate, Madrid 2008, 219– 238. Meller, Harald. Ahnen, Armeen und geheimes Wissen – eine neue Herrschaftsform in Mitteldeutschland, in: Archäologie in Deutschland, 04/2019, 22–25. Negroni Catacchio, Nuccia. La problematica dell’ ambra nella protostoria Italiana: le ambre intagliate di Fratta Polesine e le rotte mercantili nell‘ Alto Adriatico, in: Padusa VIII, Rovigo 1972, 3–20. Negroni Catacchio, Nuccia. Produzione e commercio dei vaghi d’ambra tipo Tirinto e tipo Allumiere alla luce delle recenti scoperti, in: Protostoria e Storia del «Venetorum Angulus», Atti del XX Convegno di Studi Etruschi ed Italici 1996, Pisa und Rom 1999, 241–265. Negroni Catacchio, Nuccia. I vaghi tipo Tirinto e Allumiere come indicatori di status. Nuovi dati su cronologia e diffusione, in: Amore per l'Antico. Dal Tirreno all'Adriatico, dalla Preistoria al Medioevo e oltre. Studi di antichità in ricordo di Giuliano de Marinis, Rom 2014, 3–14. Negroni Catacchio, Nuccia/ Gallo, Veronica. L’ambra in Italia. Le vie di penetrazione e la diffusione durante la protostoria, in: The amber roads. The ancient cultural and commercial communication between the peoples, Proceedings of the 1st International Conference on Ancient Roads, Republic of San Marino, April 3–4, 2014, Florenz 2016, 313–335. Negroni Catacchio, Nuccia/ Massari, Alessandra/ Raposso, Barbara. L'ambra come indicatore di scambi nell'Italia pre e protostorica, in Materie prime e scambi nella Preistoria italiana, Atti XXXIX Riunione Scientifica IIPP, vol III, Florenz 2006, 1440–1475. Neubauer, Wolfgang. Flums-Gräpplang. Eine spätbronzezeitliche Siedlung in der Schweiz. St. Gallen 1994. Die Räter / I Reti. Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer. Bozen 1992. SPM III: Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter. Bronzezeit. Basel 1998. Stauffer-Isenring, Lotti: Die Siedlungsreste von Scuol-Munt Baselgia (Unterengadin GR). Antiqua 9, Basel 1983. Steinhauser, Regula/ Primas, Margarita. Der Bernsteinfund vom Montlingerberg (Kt. St. Gallen, Schweiz), in: Germania 65, 1987, 203–214. Steinhauser-Zimmermann, Regula Anna. Der Montlingerberg im Kanton St. Gallen (Schweiz). St. Gallen 1989. Steinhauser-Zimmermann, Regula Anna. Früher Handel mit Luxusgütern auf dem Montlingerberg im St. Galler Rheintal, in: Über die Alpen, Stuttgart 2002, 169–174. Tesori delle steppe: Cimmeri, Sciti, Sarmati, Unni, Avari e Cazari. Katalog zur Ausstellung der Galleria La Rinascente in Mailand, 1.12.1995–13.1.1996, Mailand 1995. Von Bismarck, Rule. Bernstein, das Gold des Nordens. Neumünster 1979.

Fragen bleiben aber: Durch wieviele Hände ging der Rohbernstein auf seinem nahezu 1500 Kilometer langen Weg nach Süden? Wie und wieso gelangte das grösste je gefundene Ensemble von Allumiere-Perlen ausgerechnet auf den Montlingerberg? Waren die Bernsteinperlen ein Gastgeschenk, ein Entgelt für geleistete Dienste oder eine Ausstattung? Wem gehörten die Perlen und die Knöpfe überhaupt: einer Frau oder einem Mann?20 Literatur: Angelini, Ivana/ Dalla Longa, Elisa. Utilizzo di ambra non baltica in Europa nell'età del Rame e nell'età del Bronzo: analisi dei dati archeometrici ed archeologici, in: Materiali preziosi, semipreziosi e inconsueti nell'età del Rame e nell'età del Bronzo italiana. Archeologia, archeometria e paleotecnologia, 5 incontri annuali di preistoria e protostoria a Padova, Abstract Book, Florenz 2018, 17–18. Beck, Curt W./ Hartnett, Hilairy E./ Phocas, John G. The origin of amber found at Hauterive-Champréveyres, Switzerland. Hauterive-Champréveyres, 9. Métal et parure au Bronze final. Archéologie neuchâteloise, Neuchâtel 1993, 119–121. Bellintani, Paolo. Il ruolo delle Alpi nella circolazione dell’ambra baltica nel Mediterraneo centrale nel corso dell’età del bronzo, in: The amber roads. The ancient cultural and commercial communication between the peoples, Proceedings of the 1st International Conference on Ancient Roads, Republic of San Marino, April 3–4, 2014, Florenz 2016, 273–311. Bellintani, Paolo et al. Frattesina di Fratta Polesine. Traffici e mercanti

19

Negroni Catacchio 2014, S. 9.

20 Die vorliegende Arbeit ist eine erweiterte und ergänzte Fassung eines Artikels aus dem Jahr 2002, vgl. Steinhauser-Zimmermann 2002.

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Statusorte: St. Galler Rheintal Familiengräber Rohner und Schmidheiny Gräber sind seit je auch Ausdruck von Status-Denken und Status-Inszenierung. Diese beiden Gräber im St. Galler Rheintal, in Balgach und Rebstein, illustrieren das Phänomen eindrücklich. Das Grab des Textilindustriellen Jacob Rohner (1852–1926) auf dem katholischen Friedhof Rebstein wirkt schwülstig und pompös – die Kreuzigungsgruppe ist eine Schöpfung des deutschen Bildhauers Georg Busch (1862–1943). Das Grab des Grossindustriellen Max Schmidheiny (1908–1991) auf dem protestantischen Friedhof Balgach wirkt schlicht und diskret. Das Grab eines Grossindustriellen und Global Players, bei dessen Beerdigung Bundesräte anwesend waren. Text und Fotos: Peter Müller


Das Streben nach Status am Beispiel des frühneuzeitlichen Landsitzbaus im Rheintal von Arnold Flammer, Dorothee Guggenheimer und Werner Kuster

Die sonnigen Hügel des Rheintals ermöglichten nicht nur der ansässigen Bevölkerung landwirtschaftliche Tätigkeiten wie Weinbau, sondern waren auch bei reichen Städtern, insbesondere Stadtsanktgallern, beliebt für die Errichtung von repräsentativen Landsitzen. Damit einher ging die weitherum sichtbare Präsentation ihres Reichtums, was schon früh den Widerstand der Einheimischen weckte, die keine Möglichkeit hatten, diese begehrten Güter selbst zu erwerben. Sie versuchten, sich dagegen zu wehren, unter anderem mittels des so genannten Verspruchsrechts. Dieser von einem Architekten, einer Historikerin sowie einem Historiker verfasste Text behandelt das Streben nach der Zurschaustellung von Status, dessen Ausprägungen, Ursachen und Folgen. Zunächst beschreibt Arnold Flammer anhand ausgewählter Beispiele die Erscheinungsform dieser Landsitze der statusbewussten Erbauer. Dorothee Guggenheimer schildert die mentalitätshistorischen Hintergründe und die gesellschaftlichen Folgen dieser Bautätigkeit auf dem Land. Werner Kuster zeichnet abschliessend nach, mit welchen Mitteln die ansässige Landbevölkerung versuchte, dem Gebaren der reichen Städter im Rheintal Einhalt zu gebieten.

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Landsitze im St. Galler Umland: Beispiele, Architektur und Typologisierung von Arnold Flammer

Nun aber führte das wirtschaftliche Erstarken der Stadtrepublik St. Gallen seit dem mittleren 16. Jahrhundert zu deutlichen Veränderungen im Stadtbild. Stadtbilder entstanden, die nun weniger durch die Kirchen und ihre Türme geprägt waren, sondern hauptsächlich durch neue charakteristische Merkmale der Stadtbefestigungen und durch repräsentative öffentliche Bauten. In St. Gallen fand dieser Wandel innert weniger Jahrzehnte statt, in denen insbesondere der damalige Stadtwerkmeister Wolfgang Vögeli markante Bauten schuf und diese mit verschiedenen charakteristischen Merkmalen versah. Vögeli wurde 1547 in St. Gallen eingebürgert und 1566 in sein Amt gewählt; er starb 1586.2

Ob auf einem stadtnahen Blustbummel, einem Ausflug zum Bodensee, einer Wanderung im Thurgau oder auf einem Sauserbummel im Rheintal: Überall in der Umgebung von St. Gallen – mit Ausnahme des südlich angrenzenden Appenzellerlands – stossen aufmerksame Beobachterinnen und Beobachter auf Schlösser, Schlösschen, Landsitze, viel zahlreicher als jene im Wald versteckten Ruinen von mittelalterlichen Burgen, die wir aus dem Schulunterricht kennen. Festlich herausgeputzt und in leuchtenden Farben die einen, grau und vernachlässigt die anderen; von Mauern und Zinnen umgeben und mit Türmen und Giebeln versehen die einen, einem Bauernhaus ähnlich und doch irritierend verschieden die anderen. Einige sind als Museum oder Wirtshaus einladend, weitere sind abweisend hinter Toren und Hecken verborgen. Diese Anlagen – oft mit zugehörigem landwirtschaftlichem Betrieb – zeugen von Wohlstand, von Musse, von Luxus und augenfällig auch von der Lust zur Repräsentation. Die Erbauer und Eigentümerinnen waren aber nicht etwa vermögende ansässige (Adels-) Familien, sondern häufig reiche Bürger, viele davon aus der Stadt St. Gallen. Meist waren sie im Leinwandhandel tätig, mit geschäftlichen Beziehungen oft weit ins Ausland, von Lyon und Paris bis nach Nürnberg und Krakau.

1545 1546 1549 1550 1550 1556 1560

Das Erstarken des Bürgertums…

Ab dem 14. und besonders ab dem 15. Jahrhundert gelang es den handeltreibenden städtischen Familien zunehmend, Reichtum und Einfluss zu gewinnen; demgegenüber verlor der Adel fortwährend an Bedeutung.1

1562/1588

1562

Diese Entwicklung schlug sich auch in der architektonischen Erscheinung der Stadt nieder: Die früheren trutzigen Formen der alten Stadtbefestigung erinnerten mit ihren gedrungenen Baukörpern, ihren schroffen Obergaden mit Krüppelwalmdach und ihren spröden hölzernen Wehrgängen noch an die Burgen des Mittelalters.

1 2 3 4 5 6

1563 1584

Schmid 1980, S. 25; Renfer/Widmer 1985, S. 10; Renfer 1993, S. 14. Anderes 1983, S. 52ff. Bdm, S. 308ff. Bdm, S. 286f; Ziegler 2000, S. 28ff. Bdm, S. 284f, Ziegler 2000, S. 8ff. Bdm, S. 355f.

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Renovation des Platztors mit vorgelagertem Zwinghof und zusätzlichem äusseren Turm Bürgermange (Tuchhaus) in der Neugasse mit mächtigen Treppengiebeln und Rundbogenfenstern3 Erneuerung des Schibenertors mit Erkern, gekreuzten Firsten und vier grossen Giebeln und mit vorgebautem Zwinger mit Zinnen4 Erneuerung des Müllertors mit Treppengiebeln und vorgelagertem Zwinger mit Zinnen5 Brotlaube mit elegantem rundem Eck-Erkertürmchen mit Spitzhelm6 Zeughaus am Bohl mit Treppengiebeln7 Erneuerung des Spisertors, ebenfalls mit Erker und mit gekreuzten Firsten und vier grossen Giebeln8 Erneuerung des Markt- oder Irertors mit Treppengiebeln, mit Klebdach auf steinernen Konsolen, mit rundem Eckturm mit Spitzhelm und mit Wappenrelief9 Erneuerung des Multertors mit Treppengiebeln, Erker und Sonnenuhr10 und mit vorgelagertem Zwinger mit Zinnen Rathaus am Markt mit Treppengiebeln, Erker und Rundbogenportalen11 Waaghaus am Bohl mit Treppengiebeln und Rundbogenportalen12

Bdm, Tf. II-IV. Bdm, S. 281ff, Ziegler 2000, S. 70ff. Bdm, S. 279ff, Ziegler 2000, S. 94ff. Bdm, S. 277f, Ziegler 2000, S. 18ff. Bdm, S. 297ff. Bdm, S. 373ff.


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