FormatOst Leseprobe
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Werdenberger Jahrbuch 2018
WERDENBERGER JAHRBUCH
2018 Kindheit
Beiträge zur Geschichte der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald
Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg 31. Jahrgang
© 2018 by Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Herausgeberin: Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg HHVW Redaktion: Sarah Mehrmann (Leitung), Claudia Finkele, Caroline Schärli Umschlagbild: Sarah Mehrmann Gestaltung: Janine Durot Gesetzt in ITC Stone Serif Std und ITC Stone Sans Std Satz: Verlagshaus Schwellbrunn Druck: Galledia AG, Flawil Bindung: BuBu AG, Mönchaltorf ISBN 978-3-03895-005-9 www.formatost.ch
Inhalt 7 Vorwort 8 Dank 10 Einleitung 12 FOKUS 14 Wie alles beginnt: Ein sozialgeschichtlicher Blick auf die Geburt Josef Gähwiler 20 Rebstöcke als Grundstein der Wartauer Schule Bruno Seifert 28 Die Lieblingsspielsachen dreier Generationen 36 Richtig Kind sein geht nur daheim Sarah Mehrmann 44 Geschichten von der Schulhausstrasse Elisabeth Schällibaum-Eggenberger 52 Werdenberger Kindheiten Elsbeth Maag, Doris Büchel, Anja Nora Schulthess, René Mehrmann, Alice Gabathuler 66 Die Schwabengänger von Gams Noldi Kessler 84 Die Entwicklung des Kindesrechts im 20. Jahrhundert Nicole Gönitzer 96 Streiflichter auf die Geschichte von Pfadi, Cevi, Jubla im Werdenberg Daniel Saluz 110 «Heute gibt es weniger Rebellen» Ein Gespräch mit Markus Büchel Mengia Albertin 1 18 PANORAMA 120 Arme und Reiche in Grabs 1680 Mathäus Lippuner 124 Die Pfarrei Gams (und Wildhaus) im Spätmittelalter Heinz Gabathuler 130 Gion Martin Anton Durgiai – ein aussergewöhnlicher Pfarrer Judith Kessler 134 Ein Fest auf die Gotik – zum 150-jährigen Jubiläum der Michaelskirche zu Gams (1868–2018) Carolin Krumm 146 Der Gamser Kirchenschatz Angelo Steccanella 154 Buchbesprechungen 166 30 Jahre Jahrbuch-Werbung Hanna Rauber 1 74 Bildreportage zur Ausstellung «Mein Werdenberg» 180 153 Jahre Bahnhofstrasse Buchs Hanna Rauber 192 Renaturierungen des Werdenberger Binnenkanals Gojko Jošić 202 Werdenberger Kulturschaffen: Reto Neurauter 208 CHRONIK 210 Vereinstätigkeit der HHVW Oktober 2016 – Juni 2018 Susanne Keller-Giger und Hanna Rauber 215 Was der Grabser Mühlbach im Jahreslauf erlebt Simone Wald 218 Rückblick Verein Schloss Werdenberg Juli 2017– Juli 2018 Thomas Gnägi 221 Jahresrückblick der Werdenberger Gemeinden Oktober 2016 – Juni 2018 Heini Schwendener und Heidy Beyeler 242 Kommunale Abstimmungen/Wahlen der Werdenberger Gemeinden 244 Unsere Verstorbenen
Vorwort 7
Vorwort Es sei ein Wagnis, im kleinräumigen Werdenberg eine jährlich erscheinende Publikation mit Schwerpunkt Geschichte herauszugeben. Dies schrieb der damalige Präsident der Historisch-Heimatkundlichen Vereinigung Werdenberg (HHVW), Gerhard Hochuli, 1988 im Geleitwort zur ersten Ausgabe des Werdenberger Jahrbuchs. Der heutige Vorstand der HHVW freut sich, dieses nun schon dreissigjährige Wagnis mit dem 31. Band des Werdenberger Jahrbuchs auch für die Zukunft eingehen zu können. Das Jahrbuch 2018 erscheint mit einiger Verzögerung, weil ein neues Redaktionsteam sowie ein neuer und erfahrener Verlagspartner gesucht werden mussten. Beides konnte gefunden werden: Sarah Mehrmann aus Buchs als Redaktionsleiterin, Claudia Finkele aus Mels und Caroline Schärli aus Buchs als Redaktorinnen betreuten Form und Inhalt dieser Ausgabe. Und das Appenzeller Verlagshaus in Schwellbrunn sorgt für die Produktion und Administration der Werdenberger Jahrbücher in seinem neuen Verlagsprogramm FormatOst. Gemeinsam mit Redaktion und Verlag hat die HHVW als Herausgeberin das in die Jahre gekommene Buch einer Verjüngungskur unterzogen. Geblieben ist die inhaltliche Dreiteilung, die als Fokus, als Panorama und als Chronik farblich hervorgehoben wird. Geändert wurde die formale Gestaltung, die mit einem modernen Seitenumbruch die Texte übersichtlich und die Illustrationen grosszügig präsentieren kann. Verzichtet wird auf die bisherigen Inserateseiten, die durch eine besondere Doppelseite als Dank an alle Sponsoren, Freunde und Gönner des Werdenberger Jahrbuchs ersetzt werden. Grundlegend bleiben aber die Vielfalt an Beiträgen und die Vielzahl von Autorinnen und Autoren, die Land und Leute der Werdenberger Gemeinden in den Mittelpunkt stellen. HHVW-Vorstand, Redaktion und Verlag hoffen, mit dem neu gestalteten Jahrbuch auch in Zukunft einen überzeugenden Beitrag zum Gedächtnis der Region Werdenberg leisten zu können. Vorstand HHVW
DANK
Folgende Gemeinden, Firmen und Personen unterstützten die Herausgabe des Werdenberger Jahrbuchs 2018: – – – – – – – – – – –
Politische Gemeinde Politische Gemeinde Stadt Buchs Politische Gemeinde Politische Gemeinde Politische Gemeinde
Wartau Sevelen Grabs Gams Sennwald
ACV Treuhand AG, Buchs, acv.ch ALOBIS AG, Gams, alobis.com Blattner-Vetsch, Ruth, Ermatingen bzb Weiterbildung, Buchs, bzbuchs.ch Delta Möbel AG, Haag, delta-moebel.ch – Eggenberger Haustechnik AG, Buchs – Elektrizitätswerk Sennwald, Sennwald, ewsennwald.ch – Enggist AG Therapie und Fitness, Buchs, medicalfitness.ch
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Fahrschule Blaser, Buchs, ronnyblaser.ch Gebrüder Schöb AG, Gams, schoeb-holzbau.ch gmg GmbH, Books in Buchs, Buchs, gmg.biz Graf Malerei AG, Buchs, grafmalerei.ch Hilty Mode AG, Buchs, trendhouse-hilty.ch Hirsch, Simon, Buchs K + R Malerei AG, Sevelen, kundr.ch KAUNDBE Architekten AG, Vaduz/Buchs, kaundbe.com Konsumgenossenschaft Gams, Gams, landigams.ch Kuhn Felix, dipl. Architekt ETH SIA, Buchs, felixkuhn.ch L. Spreiter AG Baugeschäft, Sevelen, l-spreiter.ch Linder und Bokstaller AG, Buchs, l-und-b.ch Meier-Joos, Annamarie und Willi , Zürich Restaurant Mühle, Oberschan, restaurantmuehle.ch Schrybi AG, Buchs, schrybi.com Schützengarten Getränke-Service, Buchs, schuetzengarten.ch Secli Weinwelt AG, Buchs, secli-weinwelt.ch SLB MEDIA AG, Buchs, slbmedia.ch St. Galler Kantonalbank, Buchs, sgkb.ch Typolay AG, Buchs, typolay.ch Ungenannte Freunde und Gönner
10 Einleitung
Einleitung In der 31. Ausgabe des Werdenberger Jahrbuches haben wir es gewagt – wir haben viel Neues ausprobiert, sind aber den Wurzeln trotzdem treu geblieben. So halten Sie nach wie vor ein Buch in den Händen, das sich der vielfältigen Auseinandersetzung mit der Region Werdenberg in Geschichte und Gegenwart verschrieben hat. Die Gliederung in drei Teile ist geblieben. Sie heissen neu «Fokus», «Panorama» und «Chronik» und sind optisch klar voneinander abgegrenzt. Künftig befassen sich neben wissenschaftlichen Aufsätzen auch literarische Texte, Interviews, Bildstrecken sowie Beiträge unter Einbezug der lokalen Bevölkerung mit dem Fokusthema. Der Fokus des diesjährigen Jahrbuchs liegt auf dem Thema Kindheit – von der Geburt über die Schul- bis hin zur Jugendzeit. Im Zentrum des Interesses stand nicht das Konzept einer fortlaufenden historischen Abhandlung, vielmehr ergeben einzelne Mosaiksteinchen zusammen ein Bild dessen, was Kindheit und Kindsein in der Region Werdenberg in der Vergangenheit bedeuten konnte oder heutzutage sein kann. So beschreiben im Werdenberg aufgewachsene Autorinnen und Autoren ihre Kindheitserinnerungen, die trotz Unterschiedlichkeit erstaunlich viele Parallelen aufweisen. Ergänzend dazu veranschaulichen eine literarische Analyse zu den Jugendbüchern der Schriftstellerin Hedwig Zogg-Göldi und die autobiografische Erzählung von Elisabeth Schällibaum typische Merkmale einer Zeit. Weniger schöne Seiten und Zeiten von Werdenberger Kindheit werden im Beitrag über das Schicksal der Gamser Schwabengänger behandelt. Die Stickerkinder erscheinen hingegen nicht im aktuellen Band, da Heini Schwendener bereits im Beitrag «Für die Saat der Schule ein abgewirtschafteter Acker» im Jahrbuch 1995 (8. Jahrgang) über sie geschrieben hat. Ein rechtshistorischer Aufsatz zeigt den Wandel des Kindesrechts im 20. Jahrhundert. Weitere Beiträge befassen sich mit den sozialgeschichtlichen Veränderungen des Geburtswesens und den Anfängen der Geburtsstation des Spitals Grabs sowie den Entwicklungen der Wartauer Schule während ihrer 400-jährigen Geschichte. Kindliche und jugendliche Freizeitgestaltung findet sowohl in der Geschichte der Werdenberger Jugendvereine Cevi, Jungwacht/Blauring und Pfadi als auch in der Präsentation von Spielsachen dreier Generationen durch eine 6. Klasse aus Buchs ihren Niederschlag. Höchst aktuell sind die Aussagen des Jugendarbeiters Markus Büchel
Einleitung 11
zur Frage, was die Jugend von heute bewegt. Das breite Spektrum an Beiträgen des Fokus-Teils vermittelt nicht nur Wissen und ruft persönliche, emotionale Eindrücke hervor, sondern es soll auch zum Nachdenken anregen und dazu animieren, sich ein eigenes Bild der Kindheit zu machen. Das Panorama ist der offene Teil, in dem vielfältige regionale Themen Platz finden, die teilweise auch aus aktuellem Anlass ins Jahrbuch aufgenommen wurden. Vier Beiträge entstanden anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Michaelskirche in Gams. Das Werdenberger Jahrbuch verzichtet künftig auf Inserate und wird vollumfänglich von Gönnern und Sponsoren finanziell unterstützt; eine Analyse der Inserate im Werdenberger Jahrbuch der vergangenen 30 Jahre dient der Würdigung der wertvollen Zusammenarbeit mit den Inserentinnen und Inserenten und veranschaulicht den Wandel von Gesellschaft und Zeitgeschmack. Überraschendes führten Nachforschungen zu den Ursprüngen der Buchser Bahnhofstrasse zutage: Ihre Entstehungsgeschichte und das Alter der Strasse sollten korrigiert werden. Neben der Präsentation einer Urkunde des 17. Jahrhunderts, einer Bildreportage zur letztjährigen Ausstellung der Museen Werdenberg und Buchbesprechungen enthält der Panorama-Teil eine Dokumentation zu den Renaturierungen des Werdenberger Binnenkanals sowie einen von mehreren Personen verfassten Nachruf auf Reto Neurauter, der bis zu seinem Tod im Februar dieses Jahres die Rubrik «Werdenberger Kulturschaffen» wesentlich geprägt hat. Das Jahrbuch wird durch einen umfassenden Chronikteil abgerundet. Der Jahresbericht der Historisch-Heimatkundlichen Vereinigung der Region Werdenberg, der Jahresrückblick auf die Werdenberger Gemeinden und die Rubrik «Unsere Verstorbenen» sind umfassender ausgefallen. So beginnt die Chronik bereits im Oktober 2016. Neu geben ausserdem die beiden kulturhistorisch tätigen Vereine Schloss Werdenberg und Grabser Mühlbach Einblick in ihre Aktivitäten vom vergangenen Jahr. Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre des ersten Bandes der zweiten Jahrbuch-Generation! Die Redaktion
FOKUS
Kindheit 14 Wie alles beginnt: Ein sozialgeschichtlicher Blick auf die Geburt 20 Rebstöcke als Grundstein der Wartauer Schule 28 Die Lieblingsspielsachen dreier Generationen 36 Richtig Kind sein geht nur daheim 44 Geschichten von der Schulhausstrasse 52 Werdenberger Kindheiten 66 Die Schwabengänger von Gams 84 Die Entwicklung des Kindesrechts im 20. Jahrhundert 96 Streiflichter auf die Geschichte von Pfadi, Cevi und Jubla im Werdenberg 110 «Heute gibt es weniger Rebellen»
Josef Gähwiler
Wie alles beginnt: Ein sozialgeschichtlicher Blick auf die Geburt Die jüngsten Diskussionen um die Spitalstandorte im Kanton St. Gallen haben es erneut gezeigt: Die Region Werdenberg steht hinter ihrem Spital Grabs. Im Jahr 1907 wurde das Bezirksspital Grabs eröffnet und bald darauf vom Kanton übernommen. In den über hundert Jahren seines Bestehens hat sich das Verhältnis zu medizinischen Behandlungen in der Gesellschaft verändert. Von diesem Wandel waren und sind auch die Geburten betroffen. Diesen Veränderungen, mit Fokus auf die Entbindungen, wird im vorliegenden Text nachgegangen.
Wer in unserer Region die Leute fragt, wo sie geboren sind, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit «Grabs» als Antwort erhalten. Dies nicht, weil Grabs besonders attraktiv für junge Familien wäre; ausschlaggebend ist das Kantonale Spital Grabs mit seiner Geburtenabteilung. Die meisten Werdenbergerinnen und Werdenberger werden im Spital Grabs zur Welt gebracht. Fast überall hat sich die Geburt vom Privaten, von zu Hause, ins Spital verlagert. Dieser weltweite Trend zeigt sich ebenso in der Schweiz und daher auch in der Region Werdenberg. In der Schweiz kamen in den letzten Jahren jeweils rund 85 000 Kinder zur
Welt.1 Die meisten davon, nämlich 98 von 100 Geburten, fanden in einem Spital statt. Die übrigen Geburten verteilen sich auf Geburtshäuser und Hausgeburten. Die Zahl der Hausgeburten ist in den letzten Jahren relativ stabil geblieben. Zwischen 1 300 und 1 400 Frauen sind es jeweils jährlich, die ihr Kind zu Hause zur Welt bringen. Dagegen erblicken immer mehr Kinder mithilfe medizinischer Eingriffe das Licht der Welt: Bei rund zwei Dritteln kommen beispielsweise Geburtseinleitung, Zangen, Vakuumextraktion oder auch Dammschnitt zum Einsatz. Durchschnittlich jede dritte Geburt ist ein Kaiserschnitt, wobei regional grosse Un-
Sozialgeschichtlicher Blick auf die Geburt 15
Das Werdenbergische Bezirkskrankenhaus im Jahr 1907.
terschiede in diesem Wert bestehen.2 Im Universitätsspital Zürich beträgt die Kaiserschnittrate beispielsweise 45 Prozent. Dieser Wert scheint relativ hoch, laut Einschätzung der WHO wäre ein Wert von zehn bis 15 Prozent normal.3 Teils ist der hohe Wert durch Sicherheitsüberlegungen aufgrund des eher höheren Alters der werdenden Mütter zu erklären, doch allein damit ist die hohe Rate nicht zu begründen. Einerseits werden in den Spitälern die körperlichen Folgen der Geburt stärker gewichtet als früher, andererseits wird das Hebammenwissen tendenziell zu wenig genutzt. Hinzu kommt, dass an einer Schnittentbindung das Spital mehr verdient.4 Was bestimmt eine ebenso grosse Rolle spielen dürfte, ist das Vertrauen in die Künste und Errungenschaften der Medizin. Dieses Vertrauen war nicht schon immer gegeben. Lange Zeit ging nur in ein Krankenhaus, wem eine Operation bevorstand oder wer an einer hochansteckenden Krankheit litt. Die Fortschritte in
den medizinischen Behandlungen der Menschen lassen sich im 18. Jahrhundert verorten. In beinahe allen Ländern Europas wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts Einrichtungen geschaffen, die sich um körperlich oder geistig Behinderte, psychisch Kranke oder um Waisen kümmerten. Diese Einrichtungen wurden vor dem Hintergrund der Aufklärung gegründet und sollten sowohl der Bevölkerung dienen als auch durch die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger die Bevölkerungspolitik des Staates stützen. Im Rahmen dieser Bestrebungen wurden Gebärhäuser errichtet und so die aufgeklärte Haltung des Staates unterstrichen. Die erste Gebäranstalt wurde 1728 in Strassburg gegründet und diente in erster Linie als Hebammenlehranstalt. Erst später, als sich die Frauenheilkunde als Teilgebiet der Medizin etabliert hatte, wurden dort auch Medizinstudenten im gynäkologischen Fachgebiet ausgebildet. Nach dem Vorbild von Strassburg ent-
16 Josef Gähwiler
standen später ähnliche Institutionen in anderen Städten und Ländern. Ziel war immer auch die medizinische Ausbildung. Die frühen Gebärhäuser waren also, wie alle anderen medizinischen Einrichtungen, sowohl Ort für medizinische Behandlung als auch Symbol für Fortschritt und Aufschwung.5 Diese Anstalten sind Ausdruck der Medikalisierungsbestrebungen der Zeit. Wo solche Institutionen errichtet wurden, nahmen jeweils die Geburten in diesen Häusern zu. Inwiefern dabei der Wunsch der Frauen nach einer risikoarmen oder schmerzfreien Geburt eine Rolle gespielt hat, ist nicht mehr zu klären, da diese Fragestellung bis vor wenigen Jahrzehnten die historische Forschung schlicht nicht interessierte.6 In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Geschichte der Geburtshilfe und der Frauenheilkunde immer auch die Geschichte der Medizin und deren Institutionen ist, nicht aber die Geschichte der Frauen (als Patientinnen). Die Medikalisierung und Professionalisierung der Geburtshilfe gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte eine Vermännlichung des Fachgebietes zur Folge: Was zuvor das Aufgabengebiet der Hebammen war, begann nun die Mediziner zu interessieren. Die Hebamme wurde durch die Professionalisierung mehr und mehr vom Arzt verdrängt. Dass die Errichtung von Gebärhäusern nicht nur wohlwollend aufgenommen wurde, zeigt die Tatsache, dass den Anstalten vorgeworfen wurde, die Frauen nur als Fälle zu betrachten und sie einzig für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden. Inwiefern diese Interpretation durch einseitige Dokumentation gefärbt ist, ist schwierig zu beurteilen. Zudem hängen diese Ergebnisse jeweils damit zusammen, mit welcher Fragestellung Quellen untersucht werden.7 Die ärmliche Region Werdenberg war medizinisch eher dürftig versorgt. Bis ins 20. Jahrhundert ging man nur ins Krankenhaus, wenn es absolut notwendig
war. In der Regel wurden Krankheiten zu Hause ertragen, auch wenn deren Verlauf nicht selten mit dem Tod endete. Ins Spital kamen lediglich sehr schwere und ansteckende Fälle oder solche Patienten, die einen chirurgischen Eingriff benötigten. Ebenso wurden Kinder fast ausschliesslich zu Hause geboren.8 Davor lag die Gesundheitsversorgung nur zum Teil in den Händen gelehrter Ärzte. Auch Bader, Chirurgen, Hebammen, Apotheker und andere Heilkundige boten ihre Dienste an. Im Jahr 1877 wurde die Medizinalprüfung gesamtschweizerisch geregelt. Dadurch wurden die anderen Berufe aus der medizinischen Tätigkeit verdrängt und, wie oben bereits erwähnt, setzte eine Professionalisierung ein. Diese Professionalisierung war vom Staat gewünscht. Durch die staatliche Kontrolle von Ausbildung und Institutionen konnte er seinen Einfluss geltend machen – schliesslich hatte der Staat für seine Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. In dieser Zeit, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lässt sich in der Schweiz das Entstehen von zahlreichen Kliniken und anderen Pflegeanstalten verorten. Natürlich hängt dies auch mit der Bundesstaatsgründung nach dem Sonderbundskrieg zusammen.9 Ingenieur, Alt-Kantonsrat und Bezirksrichter Paravizin Hilty verfügte bei seinem Tod im Jahr 1896, dass mit seinem Vermächtnis ein Werdenbergisches Bezirkskrankenhaus gegründet werden sollte. Nach Diskussionen und schwierigen Verhandlungen konnte im Frühling 1907 das Krankenhaus bezogen werden. Auch wenn das Krankenhaus mit minimalem Personalaufwand betrieben wurde, hatte man doch von Beginn weg mit einem Defizit zu kämpfen. Aus diesem Grund wurde das Bezirkskrankenhaus 1911 vom Kanton übernommen und als Kantonales Krankenhaus Grabs geführt.10 Dr. med. Hermann Werder, der ab 1927 im Spital Grabs tätig war, nach 1936
Ingenieur Paravizin Hilty (1806–1896), ursprünglicher Stifter des Spitals Grabs.
als Chefarzt, verfasste 1982 einen Bericht mit dem Titel Erinnerungen eines früheren Chefarztes. Laut diesem Rückblick auf seine Tätigkeit wurden nach dem Zweiten Weltkrieg stetig mehr Patientinnen und Patienten behandelt, operiert und Kinder zur Welt gebracht. Daraus lässt sich schliessen, dass sich nach dem Krieg die Geburt im Spital, wenn auch langsam, durchgesetzt zu haben scheint.11 Bereits in den ersten Jahren seines Bestehens wurden die ersten gynäkologischen Eingriffe vorgenommen. Die erste Geburt im Spital Grabs fand 1920 statt. Ein Jahr danach kam im Spital Grabs das erste Kind per Kaiserschnitt zur Welt.12 Die Entbindungsabteilung in Grabs wurde im Jahr 1925 eröffnet. Im Geschäftsbericht heisst es, im Laufe des Jahres seien 56 Mütter und 57 Kinder verpflegt worden. In dieser Zeit dürfte also der Beginn des oben beschriebenen Umbruchs in der Gesellschaft unserer Region zu verorten
sein. Wie lange genau es dauerte, bis die Geburt im Spital zum Normalfall wurde, ist nicht genau festzumachen. 1942 wird auf jeden Fall eine starke Zunahme der Entbindungen im Krankenhaus vermerkt. Diese Erscheinung wird im Geschäftsbericht auf die veränderten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zurückgeführt. Dies sei nicht nur eine Mode und auch nicht der Machtgier der Krankenhäuser zuzuschreiben, heisst es dort weiter. Zum Vergleich: Während 1941 178 Mütter entbanden, nahm diese Zahl um 26 auf 204 Patientinnen zu, die 207 Kinder zur Welt brachten.13 In den ersten hundert Jahren seines Bestehens kamen im Spital Grabs 31 000 Kinder zur Welt. Die Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum vermerkt nicht ohne Stolz, dass auch die Kinder des Fürstenhauses Liechtenstein zu den kleinen Patienten gehörten und ausserdem Berühmtheiten, beispielsweise Skispringer
Säuglingszimmer im Spital Grabs im Jahr 1955.
Simon Ammann, in Grabs das Licht der Welt erblickten.14 Mittlerweile ist es so, dass ein Kind in der Regel im Spital zur Welt kommt. Diese Verlagerung der Geburt vom Privaten in die «Öffentlichkeit» des Spitals lässt sich also in der Mitte des 20. Jahrhunderts verorten. Warum genau dieser Wandel stattfand, ist schwierig zu rekonstruieren und dürfte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein. Wie oben erwähnt führt der Geschäftsbericht des Spitals diesen Wandel auf die veränderten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zurück. Diese veränderten Verhältnisse lassen sich an verschiedenen Neuerungen festmachen: Vermutlich hat sich der gesellschaftliche Blick auf Medizin und Wissenschaft im 20. Jahrhundert verändert. Erste Anzeichen für diese Veränderung
zeigen sich bereits vor der Jahrhundertwende, auch im Zusammenhang mit Erfindungen und dem damit verbundenen Wandel der Lebensumstände. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Weltkriege zeigte sich, dass die Medizin im Vergleich zu früher riesige Fortschritte gemacht hatte. Dies steigerte das Vertrauen in die Medizin, und darum dürfte vermehrt die Hilfe von Ärztinnen und Ärzte in Anspruch genommen worden zu sein. Diese Veränderungen scheinen ebenfalls bei der steigenden Zahl von Geburten im Spital zum Tragen gekommen zu sein. Während früher die medizinische Behandlung nicht immer erfolgversprechend war, verbesserte sich diese Quote im Laufe der Jahre. Das Vertrauen in Technik und Fortschritt vergrösserte auch das Vertrauen in die Medizin. Dieses gewach-
Sozialgeschichtlicher Blick auf die Geburt 19
sene Vertrauen in die Medizin kam nicht von ungefähr, sondern war Resultat der stetigen Professionalisierung und Weiterentwicklungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingeleitet wurden. Was ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist, sind die Krankenversicherungen, die im Zuge der Industrialisierung vermehrt in den Fabriken eingeführt worden sind. Bis zum heutigen System mit dem Obligatorium und der umfassenden Abdeckung war es zwar noch ein weiter Weg, doch die Tatsache, dass medizinische Betreuungen nicht selbst bezahlt werden mussten, ermöglichte es den Versicherten, diese Leistungen in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig wurde die medizinische Versorgung vermehrt als Aufgabe des Staates verstanden, so dass das Vertrauen in diese Behandlungen wuchs.15 In der Region Werdenberg dürfte aber auch ein weiterer Faktor zum Tragen gekommen sein: Mit dem verbesserten medizinischen Angebot durch den Bau des Spitals in Grabs gerieten die medizinischen Behandlungen im Spital in den Fokus. Davor mussten Patienten weit reisen – die Nähe machte es den Leuten einfacher, für eine Behandlung ins Spital zu gehen. Bis heute ist die Nähe des Spitals für die Bevölkerung sehr wichtig, dies zeigte sich bei der Diskussion um die Spitalstandorte im Kanton St. Gallen. Die Menschen schätzen das Spital und seine Leistungen für die regionale medizinische Versorgung. Josef Gähwiler ist freischaffender Historiker, unterrichtet am bzb Allgemeinbildung und sitzt für die SP im Kantonsrat. Der Vater einer kleinen Tochter lebt mit seiner Familie in Buchs.
Anmerkungen 1 Bundesamt für Statistik: https://www.bfs.admin.ch/ bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburtentodesfaelle.html (Stand: 04.05.2018). 2 Polli 2013. 3 Banz 2016. 4 Sohmer 2017. 5 Hilber 2012, S. 9–13. 6 Eckart/Jütte 2014, S. 350. 7 Hilber 2012, S. 14–18. 8 Baumann 1989, S. 24. 9 Brändli 2012. 10 Baumann 1989, S. 17–23. 11 Baumann 1989, S. 24–25. 12 Spitalregion 2007, S. 8. 13 Baumann 1989, S. 26–29. 14 Spitalregion 2007, S. 8. 15 Brändli 2012. Literatur Baumann 1989 Walter Baumann: Vom Werdenbergischen Bezirkskrankenhaus zum kantonalen Spital Grabs, Buchs 1989. Banz 2016 Esther Banz: «Wir Gynäkologen haben immer ein wenig Angst.», in: Migrosmagazin. https://www. migrosmagazin.ch/archiv/pro-und-contra-zur-hausgeburt (Stand: 04.05.2018). Brändli 2012 Sebastian Brändli: Gesundheitswesen, in: Historisches Lexikon der Schweiz. http://www.hls-dhs-dss.ch/ textes/d/D16593.php (Stand: 04.05.2018). Eckart/Jütte 2014 Wolfgang Eckart/Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung, Stuttgart 2014. Hilber 2012 Marina Hilber: Institutionalisierte Geburt. Eine Mikrogeschichte des Gebärhauses, Bielefeld 2012. Polli 2013 Tanja Polli: Der erste Schrei zu Hause, in: Beobachter. https://www.beobachter.ch/kinder/mutterschaft-dererste-schrei-zu-hause (Stand: 04.05.2018). Sohmer 2017 Vera Sohmer: Der sichere Schnitt ins Leben?, in: Beobachter. https://www.beobachter.ch/medizinkrankheit/geburt-der-sichere-schnitt-ins-leben (Stand: 04.05.2018). Spitalregion 2007 Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland (Hg.): 100 Jahre Spital Grabs. Spital mit Zukunft, Grabs 2007.
Bruno Seifert
Rebstöcke als Grundstein der Wartauer Schule Rund 100 Jahre nachdem der Reformator Martin Luther die Selbstverantwortung des Menschen Gott gegenüber propagiert hatte, wurde im bereits ab 1526 reformierten Wartau der Ruf nach einer Volksschule laut. Mittels einer aussergewöhnlichen Finanzierungsidee und gutem Verhandlungsgeschick wurde 1618, also vor genau 400 Jahren, der Grundstein für die heutige Wartauer Schule gelegt.
Noch bevor Wartau eine eigene (wenn auch freiwillige) Schule bekam, erlernten einzelne Knaben und Männer aus dem Untertanenstand das Lesen, Schreiben und Rechnen.1 Dies lässt sich dank mehrhundertjährigen Alpbüchern und -briefen sowie Grundbuchlisten für die Feldmauserei (sogenannte Scherenbücher) nachweisen. Erlernt haben dürften sie es an auswärtigen Schulen und nach der Reformation auch bei den Pfarrherren zu Gretschins. Der Unterricht beschränkte sich damals wohl auf wenige Wochen im Winter. Lernwillige und privilegierte Knaben dürften dabei innert drei oder vier Wintern die nötigen Grundkenntnisse erworben haben, die sie später in die Lage versetzten, im Auftrag der Obrigkeit als Schlossweibel, Schlossammann, Statthal-
ter oder gar als Richter zu amten. Dass ein Amt vom Vater auf den Sohn überging, war nicht unüblich, besonders dann, wenn der junge Mann lesen und schreiben konnte. Für die Schulbildung hatten aber die meist vermögenden Eltern alleine aufzukommen.
Chancengleichheit als Antrieb Immer wieder gerieten wohl einzelne Männer in Bedrängnis, wenn sie bei der Festsetzung über Rechte und Pflichten oder bei der Erstellung von Rödeln, Gemeinde-, Spen- oder Alprechnungen wohl mitberaten, aber nicht mitlesen und mitrechnen konnten. Um eine bescheidene Chancengleichheit zu schaffen, wurde
Wartauer Schule 21
der Wunsch und die Notwendigkeit für eine Volksschule immer offenbarer.2 Als sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts führende Köpfe aus den Wartauer Dörfern Azmoos, Malans, Oberschan, Gretschins und Murris3 dazu entschlossen, eine Schule zu gründen, waren sie auf das Einverständnis gleich zweier fremder Herren angewiesen. Die Gemeinde war damals Untertanengebiet, über deren grösseren Teil ein Landvogt der Sieben Alten Orte auf Schloss Sargans regierte. Die Herrschaft Wartau, bestehend aus dem Schloss, dem Dörfchen Gretschins und der (der ganzen Gemeinde dienenden) St. Martinskirche,4 bildete als politische Enklave den kleineren Teil der Gemeinde. Von Werdenberg aus führte dort ein glarnerischer Landvogt die Regierungsgeschäfte. Flächenmässig war die Gemeinde aber schon damals mit der heutigen politischen Gemeinde identisch. Erschwerend kam hinzu, dass es in allen Dörfern zwei Sorten «Wartauer» gab, sogenannte Schlosswartauer, die ihre Steuern nach Werdenberg zu entrichten hatten, und sargansische, welche ihre Taxe auf Schloss Sargans zu bezahlen hatten. Folgerichtig waren die Wartauer auf das Wohlwollen beider Landvögte beziehungsweise auf deren Regierungen angewiesen, wollten sie für sich eine eigene Volksschule gründen.5 Als Anführer der Wartauer Schulgründer dürfen der Gretschinser Pfarrer Caspar Suter und der «fürnem und weis Allexander Sulser der Zeit Statthalter»6 bezeichnet werden. Sulser war es auch, der in Landvogtkreisen grosse Anerkennung genoss. Dank seinem Ansehen durften die Abgeordneten der einzelnen Dörfer ihr Anliegen, eine öffentliche Schule zu gründen, am 22. Dezember 1618 den beiden Landvögten unterbreiten. In Azmoos traf man sich also zwei Tage vor Heiligabend mit Hans Jakob Bürkli, Rat zu Zürich und
Landvogt zu Werdenberg, und Salomon Trümpi, Rat zu Glarus und Landvogt zu Werdenberg.7
Ein Bürgerwingert für die Schule Um sich in eine gute Verhandlungsposition zu bringen, führten die Wartauer eine wohl einmalige (Finanzierungs-)Idee ins Feld. Eine, die weder den nach Werdenberg noch nach Sargans zu entrichtenden Steuerertrag aus dem Wartau minderte. Dank einer 1754 getätigten Abschrift des sogenannten Wolfgartenbriefs konnten die Verhandlungsgegenstände der Zusammenkunft in die heutige Zeit gerettet werden. Darin wurde seitens Bittsteller sinngemäss festgehalten, dass es am Trüebbach eine Allmend gebe, die man seit jeher Wolfgarten nennt und die nur mit Stauden überwachsen sei. Als Weidefläche oder für die Holzerzeugung sei diese Wildnis nicht nutzbar. Man sei nun entschlossen, dieses nutzlose Strauchwerk auszureissen und dort stattdessen einen Wingert (Weingarten) zu pflanzen. Vorausgesetzt, dass alle, die einen Anspruch auf einen Zehnten aus dem Wolfgarten hätten, zugunsten einer Schule darauf verzichten würden. Aus diesem Weinzehnten wolle man stattdessen eine Schule finanzieren. Die beiden Landvögte befinden den Antrag der Wartauer unterstützungswürdig und stellen für dessen Umsetzung folgende Bedingungen: Zuerst solle der Wolfgarten durch den Statthalter, die Geschworenen und den Weibel vermessen werden. Jeder Kirchgenosse, der im Wartau zu Hause ist und dies wünsche, soll einen Teil des Wingerts zum Eigentum bekommen. Nach der Teilung soll jeder sein Stück sofort von den Stauden befreien und mit Rebstöcken bepflanzen. Wer später seinen Teil verkaufen oder verset-
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zen will, darf dies nur an Einwohner Wartaus tun. Eine Vererbung über die Gemeindegrenze hinaus sei nicht erlaubt. Sind keine Erben im Wartau, fällt der Rebteil der Gemeinde zu. Eine integere Person soll zum Schulvogt ernannt werden, der den Zehnten aus dem Wolfgarten verwaltet und ihn zu Gunsten einer Schule verwendet. Damit die neuen Wingertbesitzer keinen Missbrauch betreiben können, soll ein eigener Torkel gebaut werden, in dem nur die Trauben aus dem Schulwingert gekeltert werden dürfen. Wann mit dem Bau der neugegründeten Schule in Wartau gestartet werden konnte, weiss man nicht genau. Vermutlich aber wurde der Wolfgarten im Frühling 1619 gerodet, vermessen und bepflanzt.8 Vor dem Herbst 1622 dürfte also noch keine Weinernte stattgefunden ha-
ben, und entsprechend war auch kein Weinzehnter für die Schule eingegangen. Zwischenzeitlich dürfte gegenüber dem stattlichen Sulserhaus in Azmoos9 das niedere, aus Stein erbaute Gebäude als Schultorkel errichtet worden sein. Pfarrer und Förderer Caspar Suter verstarb noch vor dessen Fertigstellung im Jahr 1620. In seine Fussstapfen trat sein Sohn Hans Balthasar Suter, der wohl persönlich Kinder im Pfarrhaus oder im ehemaligen Frühmesshaus unterrichtete. Ob die Schule damals schon regelmässig stattfand, ist allerdings fraglich.10 Auch andere Widerwärtigkeiten dürften Einfluss auf einen regelmässigen Schulbetrieb gehabt habe. Denn 1618 war auch das Jahr, in dem der Dreissigjährige Krieg ausbrach und die Kirchgenossen während ihrer friedlichen Aufbauarbeit
Der heute für den Schulbetrieb umgebaute Schultorkel diente fast 200 Jahre lang der Kelterung des Weins aus dem Wolfgarten-Wingert.
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zusehen mussten, wie auf der anderen Seite des ungebändigten Rheins fremde Heere durchzogen und wie der strategisch Luzisteig wichtige Passübergang von St. 11 erbittert umkämpft war. Gleichzeitig tobte durch die Graubündner Täler die Gegenreformation. Neben einer Hungersnot wütete ennet dem Fläscherberg bereits die Pest, die von fremden Heeren eingeschleppt wurde.12 Als der Schwarze Tod 1629 die Gemeinde Wartau erreichte, raffte er in kurzer Zeit 700 Menschen hin. Unter ihnen war auch Hans Balthasar Suter, der viel zur Errichtung des Schulstifts beigetragen hatte. Dass in der Folge der von der Ernte abhängige Weinzehnte nicht immer für den Schulbetrieb ausgereicht hat, belegen mehrere Darlehen, die der Spenvogt dem Schulvogt gewährte.13
Zwei Geflohene als Entwicklungshelfer Suters Nachfolger, Herkules Tschudi, schrieb am 13. Oktober 1633 in das allererste Pfarrbuch von Gretschins, dass «Johannes Caseus unser Schulmeister us der Pfaltz und N.N. sein Ehefrauw» ein Kind taufen liessen. 1638 liess auch ein gewisser «Vitus Blasius von Crütznach us dr Pfaltz» ein Kind taufen. Als er nach dem Kindsbetttod seiner ersten Frau 1640 eine zweite Ehe einging, wurde er als «unser Schulmeister 10 Jahr» bezeichnet. Folglich kann daraus geschlossen werden, dass seit 1630 zwei deutsche Schulmeister die Wartauer Kinder unterrichteten. Wie kam es dazu? Als im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs das Land Pfalz von 1623 bis 1632 durch spanische Heere besetzt wurde, lastete nebst der wirtschaftlichen Ausplünderung vor allem nach 1625 der konfessionelle Druck auf den Pfälzern. Dabei war den Spaniern die evangelisch-calvinistische Stadt Kreuznach ein besonderer Dorn im Auge. So wurde das Karmeliterkloster, in dem sich
die Deutsche Schule und das reformierte Gymnasium befand, dem Mönchsorden zurückgegeben. Die evangelische Predigt, die Kinderlehre und sogar die Taufe wurden verboten. Wer fliehen konnte, verliess die Heimat und musste ausser dem eigenen Glauben alle seine Güter zurücklassen. Unter den 800 Kreuznachern, die der spanischen Hölle entrannen, waren auch die beiden Flüchtlinge und Schulmeister Caseus und Blasius, die nach wochenlanger Flucht in Wartau eine Insel des Friedens fanden.14 Während im katholischen Liechtenstein das Volk – im Gegensatz zum benachbarten reformierten Wartau und Werdenberg – dem Hexenwahn verfiel,15 durften die beiden evangelischen Flüchtlinge als «Diener an der Schule wirken und die Gedanken der Jugend auf eine glücklichere Zukunft hinlenken».16 Zusammen mit Pfarrer Herkules Tschudi dürften die beiden Pfälzer dafür gesorgt haben, dass die Gemeinde auch Schulmeister aus den eigenen Reihen erhielt. Denn aus weiteren Kirchenbucheinträgen ist zu entnehmen, dass ab Mitte des Jahrhunderts auch einheimische Schulmeister über kurze oder längere Zeit unterrichteten. Ein Schulmeister, der sich zeitlebens zum Wohle der Wartauer Jugend einsetzte, war Jakob Gabathuler aus Oberschan. Er wurde 1772 in Gretschins begraben, «nachdem er beinahe 60 Jahr die Schul gehalten»17. Da die Schulmeisterei aber kaum einträglich noch befriedigend war, mussten auch immer wieder die Pfarrer aushelfen. Und auch wenn die Ausbildung nach heutigen Begriffen natürlich spärlich war, brachten es in der Folge auch ein paar einfache Bauern durch Freude, Fleiss und guten Willen fertig, ein Häuflein Kinder während der Freizeit im Sommer in ihrer Wohnstube zu unterrichten.18 Wann genau in den Dörfern ausserhalb Gretschins Schule gehalten wurde, kann nur vermutet werden. Bereits 1759
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Das Primarschulhaus in Oberschan wurde 1822 erbaut und seither mehrfach erweitert und modernisiert.
war die Schule jedenfalls in drei Schulkreise (Schuldrittel) eingeteilt. In den Azmooser Drittel (mit Matug und Obertrübbach), in den Schaner Drittel (Oberschan und Gretschins) und den mittleren Drittel (bestehend aus Malans, Fontnas und Murris). Der Schulvogt hatte jedem Drittel jährlich ein Schulstubengeld in Form eines Guldens zu bezahlen. Wie zu dieser Zeit aus der vom Schulvogt abgelegten Jahresrechnung im Wartauer Steuerbuch hervorgeht, wurde die Schule nur im Sommer regelmässig abgehalten. Im Winter war der Weg oft zu beschwerlich und
an besonders kalten Wintertagen musste jeder Schüler ein Scheit mitbringen, da sonst die Tinte einfror.19
Freiheit, Gleichheit und die Schulpflicht Mit der Gründung der Helvetischen Republik (1798) durch Napoléon Bonaparte erreichten die Ideen der Französischen Revolution auch die Schweiz. Dazu gehörte die Erklärung von Menschen- und Bürgerrechten. Am 19. März 1803 erfolg-
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Das ehemalige Wohnhaus in Fontnas wurde von der Ortsgemeinde gekauft und ab 1869 als Realschulhaus verwendet. Heute befindet sich darin der Kindergarten.
Albert Ankers Ölgemälde Dorfschule von 1848 entstand 1895/96.
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te die Gründung des Kantons St. Gallen, zu dem fortan auch das befreite Wartau gehörte. Die Volksbildung war von nun an eine politische Angelegenheit, denn ein demokratisches Staatswesen setzt urteilsfähige Bürger voraus. Bereits 1803 erliess der Kanton St. Gallen Schulgesetze. Der Schulbesuch wurde obligatorisch. Zum ersten Mal durften auch Mädchen die Schule besuchen. Der Beginn der allgemeinen Schulpflicht gestaltete sich jedoch schwierig, mussten doch zuerst Schulen gebaut werden, in denen das ganze Jahr über Schule gehalten werden konnte. Denn ausser im Pfarrhaus Azmoos gab es bis anhin im ganzen Bezirk Werdenberg keine öffentliche Schulstube. Das Schaner Drittel erbaute 1809 ein Schulhaus, das jedoch bereits 1821 dem grossen Dorfbrand zum Opfer fiel. Auf dem Baugrund der ebenfalls dem Brand zum Opfer gefallenen St. Oswaldkapelle wurde 1822 ein neues Schulhaus errichtet. Mehrmals erweitert und umgebaut, dient es bis heute der Primarschule. Auch das Azmooser Drittel errichtete 1819 ein stattliches Schulgebäude gegenüber der evangelischen Kirche. 1889 wurde dieses durch das heutige Schulhaus beim ehemaligen Schultorkel in Azmoos ersetzt. Das Trübbächler Schulhaus im Prapafier wurde erst 1963 erbaut. Das mittlere Drittel setzte um 1820 gleich zwei Schulhausprojekte um: eines am Fuss der Gilbordahalda in Weite, das andere durch die Umnutzung der ehemaligen St. Laurentiuskapelle in Malans. Das alte Schulhäuschen dient heute noch der Dorfbevölkerung von Malans als Ort der Begegnung. Das heutige Schulhaus von Weite wurde 1888/89 erbaut.20 Zwischen den ersterbauten und aktuellen Schulbau-
ten wurden verschiedene Häuser als Schulhaus genutzt oder neu gebaut. Eine ausführliche Aufzählung findet sich im Werdenberger Jahrbuch 1995.21 Aber auch die Ausbildung der Lehrpersonen blieb noch länger eine Baustelle. Denn bis der Kanton 1856 das einstige Kloster Mariaberg in Rorschach zum kantonalen Lehrerseminar umbaute und in Betrieb nahm, lagen die wenige Wochen dauernden Ausbildungskurse in privaten Händen. Diese vermittelten oft eher dürftiges Können und Wissen. Mit der neuen Ordnung wurde das Finanzierungsmodell des Weinzehnten hinfällig. Der Schulwingert im Wolfgarten und der dazugehörige Torkel kamen 1807 in private Hände. Die fast 200 Jahre währende Finanzierung der Schule mittels Zinserträgen aus dem Schulwingert ist wohl einmalig. Auf Anordnung der Ortsgemeinde schlossen sich die Schuldrittel 1842 zu einer (evangelischen) Schulgemeinde Wartau zusammen, die fortan für die Jugendbildung verantwortlich zeichnete. Die Kinder der Dorfschulen von Azmoos, Malans, Oberschan und Weite waren damals sechs Lehrern anvertraut. Schulzimmer mit 70 und mehr Kindern waren die Regel, bevor gegen Ende des Jahrhunderts weitere Schulbauten entstanden. Mittels einer Abkurung von 50 000 Franken löste sich die Ortsgemeinde 1866 gänzlich von den Verpflichtungen gegenüber der Schulgemeinde.22
Die Gründung der Oberstufe Mathäus Gabathuler vermutet, dass mit der Industrialisierung und dem Bau der Weberei Azmoos 1866/67 das Dorfleben
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grundlegend verändert wurde. Die Bereitschaft zur Gründung einer weiterführenden Schule war dementsprechend gross. Die weiterführende Realschule von Wartau wurde im Frühling 1869 eröffnet. Die damals freiwillige Realschule (heute Sekundarschule) wurde auch von Kindern aus Sevelen besucht. Als Impuls- und Geldgeberin trat wiederum die weitsichtige Ortsgemeinde auf. Sie kaufte in Fontnas ein grösseres Wohnhaus und baute es zu einem Schulhaus um. Im selben Haus befindet sich heute ein Kindergarten. Bevor das Oberstufenzentrum Seidenbaum bei Trübbach 1978 erbaut wurde, diente das 1950 erbaute Schulhaus Feld als Sekundarschulhaus.23 Bis Sommer 2018 war darin noch die Primarschule untergebracht, ehe es einem Neubau wich, dessen Eröffnung auf 2020 geplant ist. 2016 wurde an der Wartauer Schulbürgerversammlung beschlossen, dass die bisher strategisch selbständige Schulgemeinde in die Politische Gemeinde inkorporiert wird. Mit der Bildung der Einheitsgemeinde per 1. Januar 2017 wurde der vorläufig letzte Schritt in Wartaus bewegter Schulgeschichte vollzogen. 2018, also 400 Jahre nach deren Gründung, werden stufenübergreifend 647 Kinder von 87 Lehrpersonen (mit 53,6 Vollzeitstellen) unterrichtet.24 Bruno Seifert, 1969 lebt in Gretschins und ist als selbständiger Unternehmer in der Kommunikationsbranche tätig. Seit 2017 ist er Schulratspräsident und Gemeinderat von Wartau. Anmerkungen 1 Die wichtigsten Quellen sind identisch mit den Quellen des Kirchspiels Gretschins, die von Jakob Kuratli 1950 zusammengestellt worden sind. Eine Schulgeschichte ist von Alt-Schulrat Fritz Widrig begonnen und darauf im Auftrag des Schulrates Wartau durch Alt-Lehrer Mathäus Gabathuler 1986 veröffentlicht worden.
2 M. Gabathuler 1986, S.12–13. 3 Durch das Gebiet der heutigen Dörfer Trübbach und Weite floss damals noch der ungezähmte Rhein. 4 Die evangelische Kirchgemeinde Wartau-Azmoos entstand 1735/36, die katholische Kirchgemeinde 1892. 5 Gabathuler 1986, S. 10. 6 Kuratli 1950, S. 143. 7 Kuratli 1950, S. 143. 8 Die Fläche dürfte damals 4 Hektaren betragen haben. 9 Heute befindet sich das Rathaus darin. 10 Kuratli 1950, S. 144. 11 Kuratli 1950, S. 145. 12 Pieth 1945, S. 212. 13 Gabathuler 1989, S. 42. 14 Kuratli 1950, S. 146. 15 Zwischen 1648 und 1650 wurden in Vaduz und am Eschnerberg 100 Personen hingerichtet. Kaiser 1923, S. 451 f. 16 Kuratli 1950, S. 147. 17 Kuratli 1950, S. 149. 18 Kuratli 1950, S. 148–149. 19 Kuratli 1950, S. 149–150. 20 Gabathuler 1986, S. 94. 21 Reich 1995, S. 51–55. 22 Gabathuler 1986, S. 77. 23 Gabathuler 1986, S. 103–108. 24 Stichtag 8. März 2018. Literatur Kuratli 1950 Jakob Kuratli: Geschichte der Kirche von WartauGretschins, Buchs 1950. Gabathuler 1986 Mathäus Gabathuler: Wartauer Schulgeschichte, 1618 bis zur Gegenwart, Buchs 1986. Gabathuler 1989 Jakob Gabathuler: Die Spen zu Wartau, Buchs 1989. Kaiser 1923 Peter Kaiser: Geschichte des Fürstentums Liechtenstein, Vaduz 1923. Pieth 1945 Friedrich Pieth: Bündner Geschichte, Chur 1945. Reich 1994 Hans Jakob Reich: Bau von öffentlichen Schulhäusern im Werdenberg des 19. Jahrhunderts, in: Werdenberger Jahrbuch 1995 (8), 1994, S. 48–69.
Die Lieblingsspielsachen dreier Generationen Womit oder wie spielten meine Grosseltern und Eltern? Und was war mein Lieblingsspielzeug? Sch체lerinnen und Sch체ler einer 6. Klasse aus Buchs gingen diesen Fragen nach. Auf den Bildern pr채sentieren sie die verschiedenen Spielzeuge und erkl채ren in kurzen Texten, wer damit gespielt hat. Sie geben damit einen Einblick in die Kindheit verschiedener Zeiten und Kulturen.1
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Ardonita Ich habe mit Puppen gespielt. Ich habe die meisten Puppen im Manor gekauft und die anderen geschenkt bekommen. Meine Mutter hat mit Jasskarten gespielt. Sie hat auch in der Küche sehr gerne geholfen, deshalb hatte sie nicht sehr viel Zeit zum Spielen. Mein Vater hat Fussball und Mühle gespielt, er ist in Pristina aufgewachsen. Meine Grosseltern haben das Mühlefeld auf den Boden gezeichnet und Mühle mit Steinen gespielt.
Ana Meine Mutter spielte gerne mit Puppen. Sie hatten einen kleinen Keller, den sie mit ihren Kolleginnen in ein Spielhaus umgewandelt hat. Mein Vater spielte gerne mit seinen Kollegen Fangen. Weil es so oft schönes Wetter in Frisaj war. Meine Oma spielte gerne mit Murmeln. Sie wuchs in Prizren auf. Das Lieblingsspielzeug von meinem Opa war ein Basketball. Er wuchs in Peje auf. Mein Lieblingsspielzeug ist meine Plüschgiraffe. Mein Vater und meine Mutter kauften sie mir zu meinem siebten Geburtstag.
30 Lieblingsspielsachen
Coelestin Meine Mutter hatte als Kind nicht viel Geld, sie musste immer ihren Eltern helfen. Ihr einziges Spielzeug war eine Maispuppe. Mein Papa und Opa hatten ziemlich die gleiche Kindheit, sie mussten im Stall helfen und spielten entweder draussen oder mit der Modelleisenbahn. Meine Oma ist ein Kriegskind, sie hat immer auf der Strasse gespielt, gerne darauf gezeichnet und mit Steinen gespielt. Ich bin mit Lego, Musik, Schwimmen, Bob dem Baumeister, und mit der Natur aufgewachsen.
Paul Ich: Früher habe ich mit den verschiedensten Legosteinen gespielt. Mein Lieblings-Lego-Set war der Millenium Falcon. Lebensort: Seit meiner Geburt wohne ich in der Schweiz. Meine Mutter: Meine Mutter spielte mit einem Monchhichi. Das ist ein schwarzes Äffchen, das am Daumen nuckelt. Lebensort: Meine Mutter ist in Thüringen (DE) aufgewachsen. Und lebt jetzt mit mir in der Schweiz. Meine Oma: Sie hatte einen Teddy und einen unhandlichen Puppenwagen. Lebensort: Sie wohnte ebenfalls in Thüringen (DE). Aber jetzt lebt sie in Nürnberg (DE).
Lieblingsspielsachen 31
Lisa
Ivo Ich: Ich habe mich früher als Bob der Baumeister, verkleidet und dann im Kostüm Lego gebaut. Mama: Meine Mama ist in einem kleinen Dorf namens Golinjevo, welches in Herzegowina liegt, aufgewachsen. Sie hat früher draussen Gummitwist, Fangis und mit Steinen und Blättern gespielt. Papa: Mein Papa ist in Vitez, einem Dorf in Bosnien, aufgewachsen. Er hat mit seinen zwei besten Freunden mit Spielzeugpistolen Cowboy und Fussball gespielt. Er musste aber auch arbeiten gehen, um Geld zu verdienen. Oma: Meine Oma hat sehr wenig gespielt, denn sie musste viel im Haushalt helfen. Opa: Mein Opa hatte nicht viel Zeit zum Spielen, weil er auf dem Feld arbeiten musste. Doch wenn er Zeit hatte, spielte er Schach.
Ich: Ich habe früher sehr gerne mit einem Verkaufsladen gespielt. Meine Lieblingsspielsachen waren aber Barbie und Littlest Pet Shop. Mutter: Meine Mutter ist in Buchs aufgewachsen. Sie hat nicht viel mit Spielsachen oder Spielen gespielt. Sie hat immer mit Kolleginnen «Schüler und Lehrer» gespielt. Das einzige Spiel, das sie sonst noch spielte, war Gummitwist. Meine Mutter hatte schon Spielsachen, zum Beispiel eine Puppe, aber sie spielte nie mit ihr. Vater: Mein Vater hat, bis er vier Jahre alt war, in Kanada gelebt. Da war er sehr viel draussen im Wald am Spielen. Als er mit circa vier Jahren zurück in die Schweiz kam, war er immer noch am liebsten draussen zum Spielen, er spielte trotzdem sehr gerne mit Legos. Oma: Meine Grossmutter hat gerne Gummitwist, mit Bällen, Puppen und Monopoly gespielt. Opa: Mein Grossvater ist in einem kleinen Dorf in Graubünden namens Andiast aufgewachsen. Er half viel auf der Alp und hatte daher keine Zeit und kein Geld für Spiele oder Spielsachen.
32 Lieblingsspielsachen
Julia
Fatlinda
Oma: Meine Oma hat das Kugelspiel an Weihnachten in der Stube vor dem Weihnachtsbaum gespielt. Aufgewachsen ist meine Oma in Österreich. Mutter: Meine Mutter spielte sehr viel draussen auf einem Baum. Wenn sie drinnen war, spielte sie «Mensch ärgere dich nicht». Meine Mutter ist in Deutschland aufgewachsen. Vater: Mein Vater spielte auch draussen mit anderen Kinder aus der Strasse. Drinnen spielte er mit kleinen Cowboys, Autos und Indianerfiguren. Er ist wie meine Oma in Österreich aufgewachsen. Ich: Mein Lieblingsspiel ist Cluedo, das habe ich zu meinem siebten Geburtstag bekommen, es ist immer noch mein Lieblingsspiel. Ich bin in der Schweiz augewachsen.
Meine Gosseltern und mein Vater: Meine Grosseltern und mein Vater spielten als Kinder Okey Plus. Sie sind alle in Mazedonien geboren und aufgewachsen. Was ist Okey Plus? Okey Plus ist ein Spiel, bei dem man zu viert spielt. Man kann es auch zu zweit oder zu dritt spielen. Das Spiel besteht aus Steinen, die mit Zahlen und Farben beschriftet sind, und Holzkästchen, auf die man die Steine drauf setzt. Mutter: Meine Mutter spielte als Kind Uno. Sie ist in Mazedonien geboren, aber als Baby in die Schweiz nach Sevelen gezogen. Ich: Ich spielte Uno als Kind. Aufgewachsen bin ich in der Schweiz, in Buchs SG. Wieso ich das spielte? Weil es spannend war mit diesen Farben und Zahlen.
Lieblingsspielsachen  33
Niklas
Juled
Mein Grossvater hat Domino gespielt. Aber er musste auch viel arbeiten. Meine Grossmutter hat Klappbox gespielt. Meine Grossmutter ist in der Schweiz aufgewachsen. Mein Vater hat wie mein Grossvater Domino gespielt, er hat aber auch Playmobil gespielt. Er musste auch draussen helfen. Meine Mutter hat mit Barbie gespielt, aber auch mit sonstigen Spielen. Meine Mutter ist an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgewachsen. Ich habe mit Lego und Playmobil gespielt. Ich wohnte mit meinen Eltern zuerst bei Bekannten, weil unser Haus noch im Bau war.
Meine Grosseltern und meine Eltern sind in Serbien geboren und haben sehr viel gearbeitet. Oma: Meine Oma spielte mit einer selbstgemachten Puppe. Opa: Mein Opa fand Murmeln ganz interessant. Vater: Mein Vater interessierte sich fĂźr Spielzeugautos. Mutter: Meine Mutter liebte es, mit Puppen zu spielen. Ich bin in der Schweiz geboren und habe mit einer Biene gespielt, weil ich die Farben schĂśn fand.
Rokas Ich: Als Vierjähriger spielte ich schon im FC Buchs. Bis dahin spielte ich mit kleinen Autos oder Lego. Jetzt spiele ich in der FE 12 (Footeco) des FC SG. Mein grösstes Vorbild ist Neymar Jr., ein brasilianischer Fussballer. Mom: Meine Mutter spielte mit Puppen oder häkelte Zierdecken. Dad: Mein Vater war meistens draussen zu sehen. Grossvater: Mein Grossvater spielte gerne Schach oder Dame. Grossmutter: Meine Grossmuter musste oft in der Küche helfen und spielte nur wenig.
Hanna Ich habe früher immer Halligalli gespielt, und ich hatte noch einen Hund als Plüschtier. Mama und Papa: Meine Mama hat früher immer «Mensch ärgere dich nicht» gespielt und bastelte viel. Meine Mama wuchs in der Westschweiz auf. Mein Papa hat früher immer mit einem Teddybären gespielt, und Schach spielte er auch oft. Mein Papa wuchs in Bihac (BIH) auf. Oma und Opa: Meine Oma hat früher nur draussen gespielt. Meine Oma wuchs in Cazin (BIH) auf. Mein Opa hat früher mit einem selbstgemachten Schachbrett gespielt. Die Schachfiguren hat er aus Speckstein gemacht. Mein Opa wuchs in Bihac (BIH) auf.
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Sara Meine Oma, mein Opa, meine Mutter und mein Vater sind in Portugal aufgewachsen. Meine Oma spielte früher mit Puppen, und sie liebt sie immer noch. Sie spielte auch Lotto. Mein Opa spielte Hockey und Fussball. Er war sehr oft draussen. Das Lieblingsspiel meiner Mutter war Keuimax. Es ist ein Kartenspiel. Sie war auch sehr gut mit dem Springseil.
Cyrill Meine Grossmutter mütterlicherseits: Sie hat mit einer selbst gemachten Puppe gespielt. Meine Grossmutter hatte nicht viel Geld. Meine Grossmutter väterlicherseits: Sie hat mit Murmeln gespielt. Sie wollte Murmeln, weil sie Muster drin haben und das Licht spiegeln. Meine Mama: Sie hat mit Barbie und selbst genähten Puppen gespielt. Mein Papa: Er konnte nicht viel spielen, im Sommer hatte er keine Zeit zum Spielen, er musste helfen. Im Winter ist er Ski gefahren.
Ich: Ich habe mit Autos gespielt, und ich war viel draussen. Ich wollte immer mehr Autos, und jetzt brauche ich sie nicht mehr. Draussen habe ich immer Fussball gespielt. Mein Vater baute gern Sachen, daher spielte er mit Lego Technics. Auch Volleyball spielte er gern. Ich habe immer mit einem Plüschhasen gespielt, aber leider habe ich ihn verloren. Dann habe ich begonnen, mit Puppen zu spielen. Ich bin in Portugal und in der Schweiz aufgewachsen.
Anmerkung 1 Tobias Rüdisühli, der Lehrer dieser Klasse, ermöglichte das Projekt. Die Illustrationen stammen von Johannes Luther.
Sarah Mehrmann
Richtig Kind sein geht nur daheim Die Autorin Hedwig Zogg-Göldi hat mit ihren lebhaften Erzählungen über die Geschwister Wartburger zum literarischen Gedächtnis des Wartaus beigetragen. Ihre Jugendromane im Heimatstil beschwören vor allem die Sehnsucht nach der idealisierten ländlichen Heimat, zeigen aber auch in realistischer Form eine mögliche Werdenberger Kindheit in den 1920er- und 1930er-Jahren.
Das Glarnerland grüsste mit seinen hohen Schneebergen. Dem Margretli wurde warm ums Herz. Tiefblau lag der Walensee vor ihnen und die Berge ringsum zeichneten sich klar und scharf vom Himmel ab. Nun fuhren sie durch eine Reihe vonTunneln. Die Buben freuten sich über diese nicht minder, als über den herrlichen Ausblick, den man zwischenhinein auf See und Berge genoss. […] Margretli steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus. «Der Falknis!» Seine kühnen Zacken und Zinnen ragten weit hinaus in den blauen Himmel. «Und hier der trotzige Gonzen», wies der Vater zur Seite. […] «Das Schloss Sargans», erklärte der Vater, «seht die starken Mauern. Sieht’s nicht aus, als wären sie aus dem Felsklotz, auf dem sie stehen, herausgewachsen?» […] «Schon wieder eine Burg! Doch die ist zerfallen!» rief Heini.
« Das ist unsere!» fiel Margretli ein, «und gleich daneben liegt…» «Vilnas» wollte es sagen. Doch die Erregung zerschlug ihm die Stimme. Aufschluchzend fiel es der Base an den Hals. Diese strich ihm übers Haar: «Nun bist du wieder daheim.»1
So beschreibt die Autorin Hedwig Zogg-Göldi die Heimkehr vom Margretli im Jugendroman Die Geschwister Wartburger. Die Geschichte spielt im Wartau, die Protagonistin Margretli wächst in Vilnas2 auf. Als kurz nach ihrem Vater auch ihre Mutter stirbt, darf das kleine Mädchen zu ihrem Onkel und seiner Familie ziehen, die in Zürich wohnen. Obwohl Margretli von der ganzen Familie herzlich aufgenommen wird, wird sie in der grossen Stadt von schrecklichem Heimweh geplagt, und es scheint, als ob Kindsein in der Grossstadt etwas ganz anderes bedeu-
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Hedwig Zogg-Göldi im Jahr 1957. Das Foto entstand im Rahmen der Kinderbuchausstellung in Bern, zu der die Autorin als Gast eingeladen war.
tet als Kindsein auf dem Land. Bis sich doch alles zum Guten wendet und sie zusammen mit ihrer neuen Familie zurück ins Wartau in ihr Elternhaus ziehen kann, muss sie sich in der für sie unbekannten Stadt zurechtfinden. Im obenstehenden Zitat wird die Heimkehr vom Margretli in ihre Heimat beschrieben. Die Struktur und die Motive, die in Hedwig Zogg-Göldis erstem Roman aus dem Jahr 1931 vorherrschen, finden sich in ihrem gesamten literarischen Werk immer wieder. Ihre Literatur lässt sich thematisch dem Genre des Heimatromans3 zuordnen. Doch wer war die Autorin Hedwig Zogg-Göldi? Wie war ihre Verbindung zur Gemeinde Wartau, welche in den beiden Bänden der Geschwister Wartburger so blumig und doch realistisch beschrieben wird?
Hedwig Göldi wurde 1882 als siebtes von acht Kindern in St. Gallen geboren. Ihre Nachname Göldi verweist auf ihre Wurzeln im Rheintal, so war ihre Familie gebürtig von Sennwald. Sie verbrachte ihre Kindheit in St. Gallen und trat 1898 ins Seminar Rorschach ein, welches sie nach drei Jahren mit einem Diplom als Lehrerin in der Tasche verliess. Nach einer kurzen Zeit in einem Kinderhort in St. Gallen wurde sie dann bald an die Primarschule Weite gewählt und arbeitete dort fünf Jahre als Lehrerin. Diese Zeit muss die junge Frau sehr geprägt haben, wie ihrem literarischen Werk zu entnehmen ist. Ihre Verbindung zum Wartau blieb stets bestehen und weitete sich aus, denn sie lernte in ihrer Zeit als Lehrerin dort ihren zukünftigen Ehemann Johann Heinrich Zogg kennen. Nach weiteren beruflichen Stationen, wiederum in St. Gallen an der
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Blumenau-Schule und in Feldmeilen ZH, heiratete sie 1914 und liess sich mit ihrem Mann am Zürichsee nieder, da dieser bei der SBB in Wädenswil angestellt war. Sie gründeten eine Familie mit vier Kindern, die alle ihre Kinder- und Jugendjahre am Zürichsee verbrachten. Wie es die Gesellschaft zu dieser Zeit verlangte, widmete sich Hedwig Zogg-Göldi nach der Heirat ganz ihren Aufgaben als Gattin und Mutter. Obwohl nicht mehr als Lehrerin tätig, nahm sie ausserhalb der Familie diverse soziale Aufgaben wahr und setzte sich schon in diesen frühen Jahren für das Frauenstimmrecht ein.4 Als der erzählfreudigen Mutter der Vorlesestoff ausging, entschloss sie sich, ihren Kindern als Weihnachtsgeschenk eine Geschichte zu schreiben – dies war der Auftakt für die Geschwister Wartburger. Eigentlich nie zur Veröffentlichung vorgesehen, ermutigten sie Bekannte die Geschichte zu veröffentlichen. Der damalige Frauenfelder Verlag Huber & Co. nahm sie unter Vertrag. In Zogg-Göldis Nachlass finden sich solche und ähnliche Notizen zur Entstehungsgeschichte ihres Werkes: Meine eigene Geschichte führte mich an den Zürichsee. Dort wuchsen meine Kinder heran, und als sie im richtigen lesehungrigen Alter waren, kam mir auf einmal der Gedanke, ich könnte ihnen statt Jacken stricken, auf Weihnachten etwas ganz besonderes schenken: ein Heimatbuch! Natürlich musste es im St. Galler Oberland spielen, wo wir immer in die Ferien gingen und wo Vater und Mutter verwurzelt waren. Und so schrieb ich Bogen um Bogen voll, ein ganzes dickes Bündel, denn einmal angefangen, floss das Bächlein der Erinnerungen immer reicher und lebhafter. Ich schuf ein Kinderschicksal, das im Oberland wurzelte, in der Nähe «unserer» Burg, und ich gab der Familie den Namen Wartburger. […]
Der damaligen Redaktorin der Lehrerinnenzeitung, mit der ich immer in Verbindung stand, erzählte ich davon, und sie mahnte mich, das Manuskript nicht in die Schublade zu stecken.[…] 5
Obwohl es so scheint, als hätte die Autorin völlig frei von Konventionen und literarischen Normen diese Geschichten geschrieben, finden sich die vorherrschenden Strukturen im Bereich der Jugend- und Trivialliteratur in beiden Bänden der Wartburger wieder. Sie hat in diesem Sinne nichts Neues geschaffen. Es ist wichtig, hier zu erwähnen, dass sich die Schweizer Literaturgeschichte gerade Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts grundsätzlich anders entwickelte als in Deutschland. So entstanden in Deutschland neben Werken, die unter dem Begriff Heimatkunst zusammengefasst wurden, um die Jahrhundertwende verschiedene vom poetischen Realismus und Naturalismus ausgehende Strömungen wie der Symbolismus, die Neue Sachlichkeit und die expressionistische Literatur. In dieser Zeit folgte die Entwicklung in der Schweiz nicht der für die europäische Literatur (und Kunst) typischen Abfolge von Naturalismus, Symbolismus, Jugendstil, Expressionismus und Surrealismus und so weiter, sondern zeichnete sich durch das Festhalten an der realistischen Erzähltradition aus. Damit finden sich in dieser Zeitspanne vermehrt Werke, die sich durch einen literarischen Heimatstil auszeichnen wie beispielsweise die 1880/81 erschienenen Heidi-Bücher von Johanna Spyri (1827– 1901) oder die Jugendbücher von Autorinnen wie Elisabeth Müller (1885–1977), Olga Meyer (1889–1972) und Ida Bindschedler (1854–1919). Zogg-Göldis Werk lässt sich problemlos in diese Schreibtradition eingliedern, und es ist offensichtlich, dass gerade einer der wohl weltweit popu-
Die Zeichnung von Albert Hess, der die Wartburger-Bücher illustriert hat, zeigt das Margretli beim Verlassen des Schulhauses in Vilnas mit dem Heidi-Buch in der Hand.
lärsten Jugendromane, nämlich Spyris Heidi, zum Vorbild genommen wurde. Und so wird auf die Heidi-Erzählung sogar immer wieder explizit Bezug genommen, und das Heidi-Buch selbst ist Margretlis letztes physisches Andenken an ihre Heimat, als sie sich in der fremden Stadt Zürich zurechtfinden muss. Sie bekam das Buch nämlich zum Abschied von ihrer Lehrerin in Vilnas geschenkt.6 Dabei gibt es auch eine auffällige inhaltliche Übereinstimmung zwischen den Werken, geht es doch Margretli in Zürich ganz ähnlich wie Heidi in Frankfurt. Dieser Aufsatz soll sich im Weiteren vor allem auf die Stadt-Land-Dichotomie in den beiden Hauptwerken der Autorin, Die Geschwister Wartburger aus dem Jahr 1931 und der Fortsetzung Die Geschwister Wartburger und ihre Freunde aus dem Jahr 1933, konzentrieren. Wie oben schon kurz beschrieben, finden sich mehrere typische Stilelemente der Heimatkunst in Zogg-Göldis Erzählungen. In beiden Bänden fällt auf, wie das dörfliche Leben idealisiert und die Stadt als Lebensraum abgewertet wird. Dies stimmt überein mit der Heimatkunstbewegung, die einen Re-
flex gegen den Modernisierungsprozess darstellte, die sich gegen die Verstädterung, Industrialisierung und Technisierung wandte. Und so haben die Heimatromane vielfach ein festes Grundmuster: Sie erzählen vom geschlossenen Raum des Dorfes, dem als offener Raum das Fremde – das ist in vielen Fällen die Stadt – gegenübersteht. Das Dorf, in unserem Fall Vilnas, steht dabei für ein intaktes Sozialmodell, das Vorbildcharakter erhält und sich in Verbindung mit der umgebenden Landschaft als Schutzraum und Zufluchtsort bewährt.7 So gestaltet sich Margretlis Ankunft in der Stadt folgendermassen: « Ist das die Stadt?» fragte Margretli beklommen. Bald umfing sie ein immer stärkeres Sausen und Schwirren, ein Lärmen, Läuten und Tuten, und es schaute vom Fenster in die Unruhe der Strassen hinein. Unversehens deckte sie eine mächtige, russgeschwärzte Halle zu, und der Zug hielt zwischen vielen anderen Zügen an. Die Base nahm ihren Reisekorb und die verschiedenen Gepäckstücke und führte das Margretli mitten in einen dichten Knäuel von Menschen hinein. Dem Mädchen wurde angst und bang. Wie sollte man da durchkommen?8
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Diese Ankunft in der Stadt gestaltet sich vollkommen gegensätzlich zur Rückkehr nach Vilnas. Alles in der Stadt ist angsteinflössend und einengend für das Mädchen. Und so fragt es sich dann auch bald: «‹Daheim?› dachte Margretli zweifelnd, ‹kann man da in dem Getümmel auch irgendwo daheim sein?›»9 Erinnert man sich an die anfangs zitierte Heimkehr von Margretli, zeigt sich deutlich, wie die Heimat für sie aussieht, und was es braucht, um sich daheim zu fühlen. Obwohl sich in der Erzählung Margretlis Cousins in der Stadt anscheinend zurechtfinden und diese zu ihrer Heimat geworden ist, ist das Leben in der Stadt alles andere als einfach. So reicht ihr Geld nämlich nur für das Notwendigste und so kann beispielsweise der älteste Sohn nicht mit dem Tram mitfahren, sondern muss nach Hause rennen, da er sich so ein Billett sparen kann.10 Margretli fühlt sich zwar sofort wohl bei ihren Verwandten, und beim ersten Zusammentreffen mit ihrem Götti, der ihrer verstorbenen Mutter sehr ähnlich sieht, steigt «ein heisses Dankgefühl» in ihrem Herzen auf.11 Trotzdem aber kann die Stadt der Familie nicht ein sorgloses Leben bieten und, da der Vater aufgrund einer Fussverletzung nicht arbeiten kann, müssen die beiden ältesten Buben am Abend Zeitungen austragen, um so Geld dazuzuverdienen. Das Wartauer Mädchen lebt sich aber schnell in der neuen Schule und bei der neuen Familie ein, doch sie haben mit der Verlet-
zung des Vaters, finanziellen Sorgen und einer bösen Hausmeisterin, die die Familie am liebsten gleich aus der Wohnung haben möchte, zu kämpfen. Und auch die schönen Momente in der Stadt werden meist gleich wieder durchbrochen: Der weisse Alpenkranz aber, der den lieblichen See in der Ferne umschloss, bot ihm [Margretli] einen Gruss aus der Heimat. Es freute sich auch an den Frühlingsblumen, die verstreut in den grünen Rasenbeeten des Ufergartens blühten. Es waren liebe Bekannte, Schneeglöcklein, Krokusse und gelbe Märzensterne. […] «Ganz wie daheim!» fuhr es ihm durch den Sinn, und glücklich kniete es nieder, um ein Sträusschen zu pflücken. Doch der Heini riss es zurück: «Man darf keine abreissen!» «Sonst kommt ein Polizist und sperrt dich ein!»12
Solche und ähnliche Szenen sind mehrfach zu finden, während sich Margretli in der Stadt befindet. Was hier auffällt, ist das Motiv der Heimat. Es wird immer wieder von Daheim, dem Heim und der Heimat gesprochen. Und gerade hier orientierte sich die Autorin sehr streng an den nationalen Konventionen des Jugendromans. Der Begriff der Heimat ist in den Werken Zogg-Göldis stark idealistisch aufgeladen und so gut wie nie wertneutral. Und so kann sich das Margretli zwar im Kreise seiner Familie daheim fühlen und
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vom fröhlichen Heimkommen und Einleben der ganzen Familie.
Die drei Buben Heini, Ruedi und Mathis mit dem kaputten Schlitten beim Schmied. Zeichnung von Albert Hess in Die Wartburger und ihre Freunde.
es lernt auch, sich in der Stadt zu orientieren, jedoch wird die Stadt nie zu seiner Heimat werden. Umgekehrt aber ist es ganz einfach für die Kinder ihres Göttis, das Wartau zu ihrer Heimat zu machen. Durch eine gute Fügung ergibt sich nämlich für die Familie die Möglichkeit, nach Vilnas in Margretlis Elternhaus (das zugleich das Elternhaus des Göttis ist) zu ziehen. Für die Familie ist von Vornherein klar, dass in Vilnas nur alles gut werden kann. Und so erzählen die letzten Kapitel im ersten Band der Geschwister Wartburger
Der zweite Teil erschien nur zwei Jahre später, im Jahr 1933, unter dem Titel Die Wartburger und ihre Freunde. Dort wird die Geschichte Margretlis weitererzählt, jedoch erscheint das Margretli nun, da sie selbst wieder in ihrer Heimat ist und es ihr gut geht in ihrer neuen Familie, nicht mehr als Opfer, sondern als Retterin in der Not. Es werden in dieser Erzählung verschiedene Erlebnisse aus einer möglichen Wartauer Kindheit in dieser Zeit sehr realistisch dargestellt. Die Geschichte führt vom Winter in den Sommer, und so wird das Erleben der Jahreszeiten detailreich in die Erzählung eingebaut, beispielsweise die Schlittelgeschichte der beiden Wartburger Zwillinge Ruedi und Heini. Sie lassen mit ihrem Freund Mathis einen alten Schlitten beim Schmied flicken, und auch dort wird das bekannte Thema angesprochen, denn so sagt der Schmied: «Wem gehört ihr? Euch kenn ich nicht. Oder – wartet – seid ihr etwa Hansuli Wartburgers Buben? Ist mir doch, er sei doppelt wieder auferstanden. Gerade so sah er aus, als wir noch miteinander die gleiche Schulbank drückten, ha, ha! Und wie gefällt’s euch da? Besser als in der Stadt? Ja? Das glaub ich wohl! Ha, ha! Ob Ost, ob West, daheim ist’s Best! Sagt dem Vater einen Gruss vom Schmiedheiri!»13
42 Sarah Mehrmann
An solchen und ähnlichen Zitaten, aber auch an Geschehnissen wie der Kur des Stadtmädchens Alice in Vilnas,14 zeigt sich die Weiterführung des Stadt-Land-Gegensatzes auch im zweiten Band der Jugendbücher Zogg-Göldis. Abschliessend kann gesagt werden, dass die Jugendbuchautorin Zogg-Göldi in ihren Kindergeschichten das Wartau als Heimat stark idealisiert und mit einem stark mythologisierten Heimatbegriff darstellt. Obwohl in beiden Büchern auch traurige und schwierige Schicksale erzählt werden, nehmen diese immer ein gutes Ende, was vor allem mit ihrer Heimatverbundenheit und der Hilfe aus ihrem Dorf zusammenhängt. So wird deutlich, dass sich die Menschen im Wartau helfen und einander beistehen. Es kann vermutet werden, dass gerade diese relativ simple Struktur und die doch sehr idealisierte Darstellung des Heimatmotivs dazu führten, dass die Beliebtheit der Erzählungen Hedwig Zogg-Göldis kaum mehr über ihre eigene Zeit hinausreichten. Zudem hinkte die Autorin literaturwissenschaftlich betrachtet sogar ihrer eigenen Zeit hinterher. So hatte die Heimatliteratur und die damit einhergehende Identitätsgestaltung in der Schweizer Literaturgeschichte zwar einen anderen Stellenwert als beispielsweise in Deutschland, jedoch hatte sich der Heimatroman (und auch der Hei-
matbegriff in der Jugendlitertur15) von der Jahrhundertwende bis in die Dreissigerjahre differenziert entwickelt. Und so heisst es in der Schweizer Literaturgeschichte über die Jahre von 1914 bis zum Zweiten Weltkrieg: «Die Topik des traditionellen Heimatromans verwandelt sich dabei unversehens in eine reine Diskursivität: Die Dorfgeschichte wird zur Sprache und zum Ausdrucksmedium zivilisatorischer Differenzen und das Dorf wird zunehmend zum Ausdruck komplexer Modernisierungserfahrung.»16 Diese Komplexität fehlt bei Zogg-Göldi gänzlich, so sind die beiden Wartburger-Erzählungen zwar detaillierte und blumig erzählte Darstellungen einer Wartauer Familie, ein differenziertes Abbild ihrer Zeit geben sie jedoch nicht. Das war aber wohl auch kaum der Anspruch der Autorin. In jedem Fall tragen die beiden Jugendromane von Zogg-Göldi zum kulturellen Gedächtnis der Gemeinde Wartau bei und lassen sich als eine literarische Verarbeitung möglicher Werdenberger Kindheiten lesen. Sarah Mehrmann ist 1982 in Grabs geboren und in Buchs aufgewachsen. Obwohl es Zeiten gab, als sie in Städten gewohnt hat, blieb sie mit ihrer Werdenberger Heimat immer eng verbunden. Sie hofft, dass sie durch ihre aktuelle Arbeit in der Redaktion des Jahrbuchs ihre Heimat nicht irgendwann ebenso idealisiert wahrnimmt wie Hedwig Zogg-Göldi.
Richtig Kind sein 43
Anmerkungen 1 Zogg-Göldi 1931, S. 160–163. 2 Historische Tatsachen wie der Brand im Dezember 1930 belegen, dass mit Vilnas das Dorf Gretschins gemeint ist. So wird dieser Brand auch im zweiten Band explizit thematisiert, vgl. Zogg-Göldi 1933, S. 267. Hedwig Zogg-Göldi benannte ihr Dorf aber nach einem Flurnamen in der Gemeinde Wartau nahe Plattis. Vgl. dazu auch Kessler 1991, S. 84 f. 3 Man könnte ihre Texte auch als «Dorfgeschichte», «Dorfroman» oder «Bauernerzählung» klassifizieren. In der literaturwissenschaftlichen Forschung zu dieser Thematik werden diese Begriffe üblicherweise unter dem Terminus «Heimatroman» zusammengefasst. 4 Ihrem Nachlass entnommen; vieles aus dem Nachruf im St. Galler Tagblatt. 5 Vgl. dazu den Nachlass von Hedwig Zogg-Göldi. Das Zitat stammt aus privaten Notizen der Autorin, welche ihre Tochter Anna Keller-Zogg gefunden und transkribiert hat. 6 Zogg-Göldi 1931, S. 30 f. 7 Vgl. dazu Rosenstein 2003, S. 226 f. 8 Zogg-Göldi 1931, S. 37. 9 Zogg-Göldi 1931, S. 38. 10 Vgl. Zogg-Göldi 1931, S. 40 f. 11 Zogg-Göldi 1931, S. 47. 12 Zogg-Göldi 1931, S. 92 . 13 Zogg-Göldi 1933, S. 33 f. 14 Alice ist die Tochter des Vetters der Mutter Wartburger. Sie kommt wegen Blutarmut von Zürich nach Vilnas an die frische Luft, wo sie der Pfarrfrau mit ihren Pflegekindern hilft. Vgl. dazu beispielsweise Zogg-Göldi 1933, S. 74 f. 15 Rutschmann 1994, S. 115–128. 16 Rusterholz/Solbach 2007, S. 175.
Literatur Domagalski 1981 Peter Domagalski: Trivialliteratur, Freiburg 1981, S. 65–82. Kessler 1991 Noldi Kessler: Das Werdenberg in literarischen Zeugnissen auswärtiger Autoren, in: Werdenberger Jahrbuch 1992 (5), 1991, S. 84 f. Kulturarchiv Werdenberg Kulturarchiv Werdenberg: Nachlass Hedwig ZoggGöldi. Rosenstein 2003 Doris Rosenstein: Heimat, in: Hans-Otto Hügel (Hg.): Handbuch Populäre Kultur, Stuttgart/Weimar 2003, S. 226–232. Rusterholz/Solbach 2007 Peter Rusterholz/Andreas Solbach (Hg.): Schweizer Literaturgeschichte, Stuttgart 2007. Rutschmann 1994 Verena Rutschmann: Fortschritt und Freiheit. Nationale Tugenden in historischen Jugendbüchern der Schweiz seit 1880, Zürich 1994. Zogg-Göldi 1931 Hedwig Zogg-Göldi: Die Geschwister Wartburger, Frauenfeld/Leipzig 1931. Zogg-Göldi 1933 Hedwig Zogg-Göldi: Die Wartburger und ihre Freunde, Frauenfeld/Leipzig 1933.
PANORAMA
120 Arme und Reiche in Grabs 1680 124 Die Pfarrei Gams (und Wild haus) im Spätmittelalter 130 Gion Martin Anton Durgiai – ein aussergewöhnlicher Pfarrer 134 Ein Fest auf die Gotik – zum 150-jährigen Jubiläum der Michaels kirche zu Gams (1868– 2018)
146 Der Gamser Kirchenschatz 154 Buchbesprechungen 166 30 Jahre Jahrbuch Werbung 174 Bildreportage zur Ausstellung «Mein Werdenberg» 180 153 Jahre Bahnhofstrasse Buchs 192 Renaturierungen des Werdenberger Binnenkanals 202 Werdenberger Kulturschaffen: Reto Neurauter
Mathäus Lippuner
Arme und Reiche in Grabs 1680 Urkunde im Ortsarchiv Grabs, O 1680-1 Regest: Glarner Gesandte bestätigen, dass die Grabser Bauern ihre nichtbäuerlichen Gemeindegenossen für die Nutzung der Allmend zu entschädigen haben (21. Mai 1680).
Transkription Uff ingelangte Klag wägen der Armen der Genossamme auch Theilung undt Bestossung der Alpen undt Allmeinden zuo Grabs wider die habenden Gemeindtsgnossen. Habendt sich die Herren Ehrengesandten, neüw undt alte Herren Landtvögt nach Anhörung der Klagen über ihr habenden Streith rächtlichen erkhänt, des namlichen undt zum ersten, das der Gemächtsbrieff bis künfftigen Herbst in würrkhlichen Krefften sein undt verbleiben solle, undt dannethin die Reichen den Armen, die nur ein Küöly haben oder gar keines, solle aus der Stür gäben undt bezahlen namlichen 18 Batzen, welcher aber Burger sindt undt an der Stür nichts haben, sollent die Burger für ihre Burger zahlen. Hernach aber zuo Usgang des Gemächtsbrieffs sollent alsdan die Gemeindtsgnossen sambtlichen sächen, das sie sich widerumb fründtundt güetlich verglichen, wo fehren aber der Verglich nit fruchten wolte, solle alsdan ihre habende Streitt für Herren Landtamman undt gantz gesässner Ratt nacher Glarus geschlagen sein. Jedoch sollent beide Partheyen zum ersten nach den Brüchen von Herren Landtvogt Erlaubnus nemmen undt vor Usgang des Gemächtsbrieffs
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nit nacher Glarus gehren undt weithers vornemmen. Uff seithen der hablichen Gemeindsgnossen sindt usgeschossen worden H(err) Haubtman Zockh, H(err) L(andes)fenderich Tischhauser, Seckhelmeister Gräsly. Uff seithen der Armen Hans Montaschiner, M(eister) Dietrich Fetsch undt M(eister) Andreas Zockh auch anderen Gemeindtsgnossnen mehr. Es soll auch den Verstandt haben, das alsdan der Usschutz von Reichen undt Armen beschächen solle, vorigen Gemächtsbrieff zuo bekrefftigen oder zuo endern. Beschächen den 21 Tag Mayen anno 1680. Es ist auch von beiden Herren Ehrengesandten auch neüw undt alten Herren Landtvögten erchent, das die Kösten in diser Sach daruff ergangen, sollent auch aus demjenigen, wo man den Armen die 18 Batzen nimbt, genommen wärden. Original des Landschreibers Melchior Marti; Grossschreibung und Interpunktion angepasst.
122 Mathäus Lippuner
Die Allmend Privater Bodenbesitz der Bauern im Werdenberg war meist eher unbedeutend. Viel umfangreicher und wichtiger war die «Gemeinmark», die Allmend. Sie umfasste nebst den Alpen Weideland im Berg- und Talgebiet, Obstbäume, Wälder, auch Pflanzland, Gärten, Hanfland und Streueriete. Die Nutzung der Allmend war bis ins Detail in sogenannten Legibriefen in den jeweiligen «Genossamen» und Gemeinden geregelt, und es wurde streng auf deren Einhaltung geachtet. Viele Waldungen dienten nebst der Holzlieferung zur Sammlung von Bucheckern, als Eichellieferanten für die Schweinemast und als Weideplätze für Gross- und Kleinvieh. Theoretisch waren an den Allmenden alle Mitglieder der «Genossame» nutzungsberechtigt, praktisch jedoch nur Familien. Der Schwerpunkt der Nutzung war die Beweidung. In den sogenannten «Legibriefen» war festgelegt, wie viel Vieh pro Haushaltung kostenlos auf die Allmenden getrieben werden durfte.
Die Armen und die Habenden Genossen, die kein Vieh besassen, wurden als «die Armen», Viehbesitzer als «die Habenden» oder «die Reichen» bezeichnet. Ursprünglich beruhte die Nutzung auf einer eindeutigen Ungerechtigkeit, da nur diejenigen Genossen, welche eigenes Vieh besassen und zudem einen eigenen Haushalt – «Hausräüchi» – führten, die Allmend nutzen durften. Dadurch blieben die Armen arm oder wurden immer ärmer. Ab dem 14. Jahrhundert begannen sich die benachteiligten Viehlosen dagegen zu wehren und verlangten für sich eine «Besserstellung».1 Deshalb kam es während Jahrhunderten immer wieder zu Streitereien und Gerichtsurteilen. So wurde später den Armen als Ersatz etwa ein Stück Pflanzland oder ein Brennholzlos zugesprochen. Wenn dies nicht verfügbar war, mussten die Viehbesitzer die Armen mit einer Auszahlung entschädigen. Im hier vorliegenden Fall zum Beispiel diejenigen, «…die nur ein Küöly haben oder gar keines…», mit 18 Batzen pro Haushaltung. Aus dem Inhalt geht zudem hervor, dass es sogenannte «Arme» und «Habende» auch bei den sonst meist bevorteilten Genossen der Stadt-Burgerschaft wie auch bei den Kilch-Gemeindsgenossen gibt. Ersichtlich ist auch, dass ein Stadt-Burger nicht zwingend auch Gemeindsgenosse ist, es heisst in den Zeilen 13/14, dass diejenigen Burger, die nicht an der Steuerkasse (Gemeindsgenossenkasse) beteiligt sind, die 18 Batzen an die armen Burger – also an ihre Mitgenossen – aus ihrer eigenen Kasse zahlen sollen. In der vorliegenden Urkunde wird die bisherige Regelung bekräftigt, dass die Reichen den Armen
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als Entgelt dafür, dass sie keine Weide-Nutzniessung erhalten, 18 Batzen aus der jeweiligen Kasse zahlen. Da die in Streitfällen auflaufenden Kosten von den jeweiligen Streitparteien bezahlt werden müssen, werden diese ermahnt, sie sollen künftig solche Unstimmigkeiten, die grosse «Kösten» verursachen, friedlich gemeinsam aushandeln. Sollte dies nicht gelingen, wird die Streitsache das nächste Mal vor das hohe Gericht in Glarus gebracht und die Kosten werden den Streitparteien auferlegt.
Keine friedliche Lösung Kurze Zeit danach bezeugt eine Urkunde aus dem Jahr 1713,2 dass der Streit in dieser Sache in der Zwischenzeit wohl nie beigelegt worden ist. Der Landammann und ganz «gesessner» Rat zu Glarus halten darin in der Einführung fest, dass «… uns zu besonderem Missfallen zu vernemmen kommen daß Unßer liebe Getreuen Angehörige: Die Gmeindts Genoßen in Grapß … under sich selbst in Streith und Mißverstendniß Gerathen umb die gemeinsamme genießung der Trath Allmeinden und Allpen …». Der Streit sei «unnöthig», weitläufig und vor allem habe er schon bisher grosse Kosten verursacht. Diese sollen die beiden Streitparteien gemeinsam tragen. Die Nutzniessung wurde im Grundsatz nicht wesentlich verändert, ausser dass man sich mit dem Einverständnis der Reichen darauf einigte, dass «… umb dießer Gegenwertigen strengen Zeith Willen dem Arm genandten Theil daß ops und das Heüw auf den Allmenden, wie auch die Püls Streüwe Allein Zugewießen …» werde. Dies brachte den Armen wohl eine gewisse Erleichterung, gerecht war die Zuteilung jedoch noch lange nicht. Auch die Uneinigkeiten waren damit nicht beigelegt. 17903 wurde der letzte «Lege- und Ordnungsbrieff», die Waldungen und Allmenden betreffend, erlassen und ab 1800, nach der Befreiung, wurden die herkömmlichen Allmenden im Werdenberg aufgehoben, was jedoch ebenfalls wieder grosse Streitereien mit sich brachte. Mathäus Lippuner, 20.11.1942, Grabs, früher Ortsgemeindepräsident Grabs, Vorstandsmitglied des Waldwirtschaftsverbandes St. Gallen-Appenzell-Liechtenstein, Mitglied der Kulturkommission Grabs sowie Gründer der Stiftung Ortsarchiv Grabs und seit elf Jahren deren Leiter und Archivar. Anmerkungen 1 Hans Beusch: Grabs, Dissertation 1918, erwähnt diesbezügliche Quellen, S. 16. 2 Ortsarchiv Grabs, O 1713-1. 3 Ortsarchiv Grabs, O 1790-1: Lege- und Ordnungsbrief für die Gemeinde Grabs; Mathäus Lippuner/Hans Stricker: Der Grabser Legibrief von 1790, in: Werdenberger Jahrbuch 2002 (15), 2001, S. 250–264.
Heinz Gabathuler
Die Pfarrei Gams (und Wildhaus) im Spätmittelalter Die beiden Kirchgemeinden Gams und Wildhaus bildeten bis ins späte Mittelalter eine gemeinsame Pfarrei. Zur Organisation und zum Personal der Seelsorge sind zahlreiche schriftliche Quellen aus dem 15. Jahrhundert unter den Freiherren von Bonstetten überliefert. Sie nennen mehrere, bisher unbekannte Namen von Seelsorgern und zeigen, dass die Gamser und Wildhauser Kirchgenossen vor allem von Werdenberger und Toggenburger Geistlichen betreut wurden.
Vor der Reformation gab es laut einem Priesterverzeichnis des Bistums Chur in Gams einen Leutpriester (plebanus) mit seinem Frühmesser (cum suo primissario) und in Wildhaus einen Leutpriester und einen Kaplan (capellanus).1 Während in Gams eine Kirche seit dem 9. Jahrhundert bestand, entstand erst im 14. Jahrhundert eine Kapelle in Wildhaus. Noch beim Verkauf der Herrschaft Wildenburg 1313 und 13202 durch Heinrich Ulrich von Sax an die Grafen von Toggenburg wurde keine
Kapelle genannt. Die Wildhauser Dorfgenossen blieben auch als Toggenburger Untertanen weiterhin Gamser Kirchgenossen und unterstanden kirchlich den Herren von Sax, den Patronatsherren der gemeinsamen Pfarrkirche. 13933 verkaufte Ulrich Eberhard I. von Sax-Hohensax seine Herrschaft mit Dorf und Kirche Gams für 12 000 Gulden an die Herzöge von Österreich. Und 13954 erhielt die Pfarrkirche einen Saxer Zehnten für eine Gedenkstiftung an alle «Lebenden und
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Toten» der Herrschaft Österreich, die im Gamser Jahrzeitbuch eingetragen wurde. Der Herzog Leopold versprach 14015 dem Kloster Pfäfers sein Gamser Kirchenlehen «für immer», sobald es «am nächsten ledig wird», also bei der nächsten Vakanz eines Pfarr- und Pfrundherrn. Zum versprochenen Kirchenlehen muss auch eine Kapelle in Wildhaus gehört haben, denn beide wurden im Pfäferser «goldenen Buch» (Liber aureus) als Patronatskirchen eingetragen: die Pfarrkirche (ecclesia parochialis) des Erzengels Michael in Gams mit ihrer Tochterkirche (cum filia), der Kapelle der heiligen Jungfrau Maria im Schönenboden bei der Burg genannt «zem Wildenhus».6 Der Besitzeintrag in Pfäfers war aber eine voreilige Handlung, weil das herzogliche Versprechen nur eine bedingte Schenkung betraf. Sie wurde nie vollzogen, denn 14117 erhielt der Freiherr Johann von Bonstetten (1389–1429) die Herrschaft Hohensax mit der Kirche Gams und all ihrem Zubehör als österreichisches Pfand. Zu dieser Zeit bauten die Dorfgenossen von Wildhaus «in den Foren» eine neue Kirche und übertrugen das Maria-Patrozinium von der Kapelle im Schönenboden in ihr Dorf. 14128 kauften sie vom Grafen Friedrich VII., dem letzten Grafen von Toggenburg, für 130 Pfund Pfennig einen Zehnten, der zwischen dem Burgtobel und der Rossegg (Rössleregg) lag. Damit sollte eine ewige Messpfründe «gebessert» werden, bis sich die Wildhauser einen eigenen Leutpriester leisten konnten. Der Kaufbrief zeigt, dass diese Pfründe eine genossenschaftliche Stiftung war und sich ein Priester nur mit «Willen und Gunst» der Dorfgenossen in Wildhaus niederlassen konnte. Bis zur Selbständigkeit ihrer Pfarrei und der Trennung ihrer
Liebfrauen-Kapelle von der Michael-Kirche Gams mussten sich die Wildhauser aber noch 72 Jahre gedulden. Als Gamser Seelsorger, die im 15. Jahrhundert auch die Wildhauser zu betreuen hatten, sind nur drei Pfarrherren überliefert. Ein Verzeichnis des Kapitels «unter der Landquart», zu dem Gams und Wildhaus gehörten, nennt einen Gamser Leutpriester Heinrich Schwegler als Vorgänger des Leutpriesters Ulrich Rotensteiner.9 Und als Nachfolger des 147110 verstorbenen Ulrich Rotensteiner präsentierte der Patronatsherr Andreas Roll von Bonstetten (1460–1492) dem Churer Bischof den Priester Johann Schmid (Fabri) aus dem Bistum Konstanz. Vielleicht stammte Johann Schmid aus Balgach und hatte sich 146011 beim Papst für die vorarlbergische Pfarrei Schnifis beworben.
Die Gamser Frühmesse Andreas Roll von Bonstetten soll 147312 eine Frühmesse in Gams gestiftet haben, doch bestätigte er nur eine bereits bestehende Stiftung. Schon 147213 wurden dem Churer Bischof von den Herren von Sax-Forstegg gleich zwei Nachfolger für den verstorbenen Kaplan Ulrich Baumgartner (Bomgartter) präsentiert. Und schon der Gamser Gangbrief, der wohl zu Recht auf 1461 datiert wird, nennt ein dem Frühmesser gehörendes Feld an der Landstrasse.14 Dieses «Frühmesserfeld» dürfte mit dem Gut «genannt das Feld» in der Bestätigung der Stiftung identisch sein, wo auch der Saxer Zehnt erwähnt wird, die Schenkung des österreichischen Herzogs aus der Herrschaft Sax-Forstegg. Ebenfalls genannt werden ein Zins und ein Gut «in der Breiten», die im Gamser
126 Heinz Gabathuler
Jahrzeitbuch als Schenkungen an die Frühmesse verzeichnet waren. Die Messpfründe des Kaplans Ulrich Baumgartner muss also bestanden haben, bevor 1473 ihre gestifteten Güter und Zinsen bestätigt wurden. Vermutlich hatte Kaspar von Bonstetten (1423–1461), der mit Elisabeth von Sax-Forstegg verheiratet war, die Gamser Frühmesse eingerichtet. Ihr Sohn Andreas Roll von Bonstetten versprach 1473, wieder einen besonderen Laienpriester einzusetzen und ihm 30 Pfund Pfennig für ein angemessenes Einkommen zu verschreiben. Der Kaplan oder Frühmesser hatte vor allem an Sonn- und Feiertagen in der Pfarrkirche die Messe zu lesen. Auf dem Saxer Zehnten beruhten wohl die Saxer Ansprüche auf die Gamser Frühmesse, denn Ulrich VIII. von SaxForstegg und sein Onkel Gerold, der Verweser der Einsiedler Propstei St. Gerold im Walgau, präsentierten 1472 für Ulrich Baumgartner je einen Nachfolger. Beide behaupteten, als Patronatsherren die Kaplanei mit einem Priester besetzen zu können. Vielleicht führten diese Ansprüche zur Bestätigung 1473, die aber noch keinen Priester für die offenbar immer noch vakante Pfründe präsentierte. Erst 148315 nannte Andreas Roll von Bonstetten den verstorbenen Kaplan Ulrich Hering, als dessen Nachfolger er Ulrich Lenherr vorschlug. Ulrich Lenherr wurde 1483 vom Bischof Ortlieb von Brandis, der auch noch seinen Vorgänger (antecessor suus dictus Hering) erwähnte, investiert und bezahlte bis 148516 eine Gebühr von 12 Gulden. Sein Nachfolger wurde 149917 Michael Salbär, der wahrscheinlich mit Johann Salbär verwandt war, dem früheren Pfarrherrn von Grabs und 148018 Dekan des Kapitels «unter der Landquart». Michael Salbär verkaufte einen gestifteten
Acker «in der Breiten» für 16 Pfund Pfennig und verwendete den Betrag «zum guten Nutzen» der Frühmesse.19
Die Wildhauser Frühmesse Auch die Frühmesse in Wildhaus ist älter als bisher angenommen, weil im Rechnungsbuch des Bischofs Ortlieb von Brandis schon 146220 Wildhaus (Willenhus) genannt wird. Von einer dortigen Pfründe (pfruond daselbs) schuldeten die Nachbarschaft (die nachburen) 16 Gulden und der dortige Kaplan (caplanus daselbs) 6 Gulden. Demnach konnten die Wildhauser unter dem Patronatsherrn Kaspar von Bonstetten für die 1412 gebaute Kirche zwar noch keine Pfarrpfründe, aber eine Kaplanei einrichten. Und demnach wirkte schon eine Generation vor dem Frühmesser Bartholomäus Zwingli ein Kaplan in Wildhaus. Im Mai 1487 resignierte Bartholomäus Zwingli auf die Wildhauser Pfründe, weil er zum Pfarrherrn von Weesen gewählt worden war. Als seinen Nachfolger schlug er den Priester Sebastian Gerster aus Gams vor, der im Juli 148721 von der Nachbarschaft Wildhaus nominiert und im August 148722 von Abt Ulrich Rösch von St. Gallen dem Churer Bischof präsentiert wurde. Sebastian Gerster hatte 148423 in Basel studiert und schuldete 148724 für seine Einsetzung in Wildhaus der bischöflichen Kurie ebenfalls 12 Gulden. Sein Nachfolger war 1502/0725 Jakob Steiger von Lichtensteig, der 1489 in Basel die freien Künste studiert und 1491 den akademischen Grad eines Bakkalaureus erreicht hatte. Weitere Frühmesser wurden 1515 Marius Kobolt von Berneck, 1517 Heinrich Gasenzer (Gussenntzer) von Werdenberg, der spätere Leutpriester in
Pfarrei Gams 127
Buchs, und 151926 Michael Albrecht von Werdenberg, der 151527 noch in Leipzig studiert hatte. Michael Albrecht war der letzte Wildhauser Kaplan bis zur Reformation und fällt durch einen ganzseitigen Eintrag im bischöflichen Schuldenverzeichnis auf. 1519 schuldete er 4 Gulden für seine Absolution wegen Hurerei (publice fornicacionis) und wegen Vaterschaft von zwei Kindern (prolium duarum), die er mit verschiedenen Frauen (ex diversis mulieribus) gezeugt hatte. Gleichzeitig hatte er für seine Einsetzung in Wildhaus 14 Gulden zu bezahlen. Trotz Teilzahlungen schuldete er wegen weiteren Bussen 1521 immer noch eine Summe von 20 Gulden, die er offenbar in Chur eigenhändig (ego Mihael Albrech) bestätigte. Ob er diese Summe und weitere Bussen jemals bezahlte, ist fraglich, denn seine Einträge im Schuldenverzeichnis brechen 152428 kurz vor der Reformation im Toggenburg ab.
Die Pfarrei Wildhaus 1484 erreichten die Wildhauser nach 72 Jahren eine Dismembration oder Separation ihrer Kirche von der gemeinsamen Pfarrkirche Gams. Die Trennung der Tochter- von der Mutterkirche hatte zu einem langwierigen Rechtsstreit zwischen der Nachbarschaft Wildhaus und Andreas Roll von Bonstetten geführt, weil beide das Patronatsrecht über die beiden Pfründen von Frühmesse und Pfarrei beanspruchten. Mit Hilfe des Abtes Ulrich Rösch von St. Gallen wurde die Trennung von Gams und Wildhaus aber im September 148429 rasch vollzogen: Die Wildhauser bezahlten dem Freiherrn 50 Gulden – 10 Gulden sofort und 40 Gulden bis Weihnachten – an seine Rechtskosten, und der Freiherr übergab dem St. Galler Abt die Lehenschaft der
Liebfrauen-Kirche mit dem Patronat beider Pfründen. Der neue Patronatsherr bestätigte den Dorfgenossen, dass sie bei einer Vakanz «einen tauglichen Priester» wählen durften, den er als Leutpriester dem Churer Bischof vorschlagen werde. Das Wahlrecht (nominatio) hatten also die Wildhauser, das Vorschlagsrecht (praesentatio) der St. Galler Abt, während die Einsetzung (investitio) dem Churer Bischof zustand. Als erster Pfarrherr von Wildhaus wurde schon im November 148430 der Priester Kaspar Kuhn aus dem Bistum Chur nominiert und präsentiert. Er wirkte nur einige Jahre in Wildhaus und ist 1503/0531 als Leutpriester in Grabs bezeugt. Sein Nachfolger war Laurenz Müller, ein Priester aus dem Bistum Eichstätt, der aber 150032 auf sein Amt resignierte. Ihm folgte Jodok Grässli von Werdenberg, der noch 151233 als Wildhauser Leutpriester belegt ist. Die nur noch den Gamser Dorfgenossen gehörende Michael-Kirche wurde 149834 mit vier Altären vom Churer Weihbischof Balthasar Brennwald neu geweiht. Dies geschah, nachdem sich die Nachbarschaft Gams 149735 vom Freiherrn Batt von Bonstetten (1492–1529) losgekauft hatte. Die Gamser befreiten sich für 4920 Gulden von der Bonstetter Herrschaft, unterstellten sich aber den Ständen Schwyz und Glarus, die ihnen für den Freikauf 4000 Gulden zu einem jährlichen Zins von 200 Gulden geliehen hatten.
Zwinglis Taufe Ulrich Zwingli wurde am 1. Januar 1484 als Wildhauser Dorfgenosse und als Gamser Kirchgenosse in der Herrschaft Toggenburg geboren. Auf sein Geburtsjahr verweist er in einem Kommentar 1525
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Vorreformatorische Seelsorger in Gams und Wildhaus Gams 1461 Kaplan N.N. ? Pfarrer Heinrich Schwegler 1471 † Pfarrer Ulrich Rotensteiner 1471 Pfarrer Johann Schmid 1472 † Kaplan Ulrich Baumgartner 1483 † Kaplan Ulrich Hering 1483 Kaplan Ulrich Lenherr 1499 Kaplan Michael Salbär
und in einem Brief kurz vor seinem Tode 1531; seinen Geburtstag am Neujahrstag nennt sein Nachfolger Heinrich Bullinger.36 Bei seiner Geburt wirkte in Wildhaus noch kein Leutpriester, sondern nur der Kaplan, der zwar Messen lesen, aber keine Sakramente spenden durfte. Dass dieser Kaplan und Frühmesser sein Onkel Bartholomäus Zwingli gewesen sei, ist zwar möglich, aber nicht gesichert. Bei der Wahl des Nachfolgers 1487 teilten die Wildhauser nur mit, die Frühmesse sei Bartholomäus Zwingli «vor Jahren» verliehen worden. Als Kaplan schon vor 1484 wäre er aber ein erster Anwärter auf die seit langem geplante Pfarrpfründe Wildhaus gewesen. Zu den Rechten und Pflichten eines Leutpriesters gehörte das Spenden der Sakramente, wofür er die sogenannten Stolgebühren erhielt; als übliche Stolgebühr bezeichnete die bischöfliche Kurie in einem Prozess 150837 den Betrag von 18 Pfennig. Die Pfarrkinder unterstanden einem Pfarrzwang: Sie durften die Sakramente etwa bei Taufe oder Heirat nur von ihrem Pfarrherrn und nur in ihrer Pfarrkirche empfangen. 1484 war also noch der Pfarrer von Gams für die heiligen
Wildhaus 1462 Kaplan N.N. 1484 Pfarrer Kaspar Kuhn 1487 Kaplan Bartholomäus Zwingli 1487 Kaplan Sebastian Gerster 1500 Pfarrer Laurenz Müller 1500 Pfarrer Jodok Grässli 1502 Kaplan Jakob Steiger 1515 Kaplan Marius Kobolt 1517 Kaplan Heinrich Gasenzer 1519 Kaplan Michael Albrecht
Handlungen auch an Wildhauser Dorfgenossen zuständig; vielleicht war es immer noch der 1471 investierte Johann Schmid. Ein Kaplan konnte zwar auch Sakramente spenden – aber nur im Notfall. Im Gamser Stiftungsbrief 1473 bekräftigte Andreas Roll von Bonstetten, dass der Frühmesser ein Kind taufen sollte, wenn man den Leutpriester «nicht haben konnte und man zum Kaplan käme und solches von ihm begehrte». Dieser musste also einen Taufakt vollziehen, wenn eine Nottaufe von ihm verlangt wurde, weil kein Leutpriester zur Verfügung stand. In einem solchen Fall konnte er auch die Stolgebühr einziehen, die für eine Amtshandlung im Messgewand (von der stol wegen) sonst nur dem Pfarrer zustand. Es ist auszuschliessen, dass Ulrich Zwingli von einem Gamser oder Wildhauser Kaplan eine Nottaufe erhielt. Deshalb wurde er nicht nur als Gamser Kirchgenosse geboren, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch vom Gamser Pfarrer in der Gamser Kirche getauft. Betreut wurde er aber als Kind von Leutpriester und Frühmesser in Wildhaus, bis er als Knabe 1489 zu seinem Onkel Bartholomäus Zwingli nach Weesen zog.
Pfarrei Gams 129
Seine Primiz, seine erste Messe, feierte der spätere Reformator jedoch am 29. September 1506 unter dem Pfarrer Jodok Grässli und dessen Kaplan Jakob Steiger in der Pfarrkirche Wildhaus, der früheren Gamser Tochterkirche. Heinz Gabathuler hat an der Universität Zürich Germanistik und Publizistik studiert und ist Verfasser mehrerer Beiträge zur rätischen Geschichte im Mittelalter. Er lebt in Oberschan. Anmerkungen 1 Vasella 1944, S. 286. 2 1313, 1320: UBSSG 2, Nr. 1078, 1086, 1193. 3 1393: UBASG 4, Nr. 2058. 4 1395: StiAPf, III. (27). 23.a. Nr. 7. 5 1401: StiAPf, Urk. 15.06./08.09.1401. 6 StiAPf, Cod. Fab. 2, fol. 32r, col. a. 7 1411: BBB, Familienarchiv von Bonstetten 6 (2), Nr. 5. 8 1412: UBASG 5, Nr. 2515. 9 PfarrA Sargans, Archiv des Dekanates I.1, S. 57–59. 10 1471: BASG Gams 1. 11 1460: UBASG 5, Nr. 6427. 12 1473: OGA Gams 5. 13 1472: BASG Gams 2, 3. 14 Senn 1884, S. 6, 10. 15 1483: BASG Gams 4. 16 1483/85: BAC 611.03 Rechnungsbuch III (1480–1491), S. 68. 17 1499: OGA Gams 30. 18 1480: LAGL 2402/06. 19 (1473): OGA Gams 5 (Nachtrag). 20 1462: BAC 611.01 Rechnungsbuch I (1455–1476), fol. 114v. 21 1487: StiASG, Urkunden M2 Vv4–5. 22 1487: BASG Wildhaus 2. 23 1484: Staerkle 1939, Nr. 314. 24 1487: BAC 611.03 Rechnungsbuch III (1480– 1491), S. 236. 25 1502/07: BAC 621.01 Debitorium generale I.1, S. 291. 26 1515–1519: StiASG, Urkunden M2 Vv6–7, 9; BASG Wildhaus 4. 27 1515: Staerkle 1939, Nr. 608. 28 1519–1524: BAC 621.01 Debitorium generale I.1, S. 291. 29 1484: StiASG, Urkunden M2 Vv1–2. 30 1484: BASG Wildhaus 1.
31 1503/05: BAC 621.01 Debitorium generale I.1, S. 306. 32 1500: BASG Wildhaus 3. 33 1512: BAC 621.01 Debitorium generale I.1, S. 296, 297. 34 1498: Müller 1937, S. 71. 35 1497: SSRQ GL VII/1, Nr. 91. 36 Farner 1943, S. 68–70. 37 1508: VLA Nr. 4533. Quellen BAC: Bischöfliches Archiv Chur. BASG: Bischöfliches Archiv St. Gallen. BBB: Burgerbibliothek Bern. LAGL: Landesarchiv Glarus. OGA: Ortsgemeindearchiv. PfarrA: Pfarrarchiv. SSR Q GL VII/1: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, VII. Abteilung. Die Rechtsquellen des Kantons Glarus, 1. Band: Urkunden, Vereinbarungen und Gerichtsordnungen, bearb. von Fritz Stucki, Aarau 1983. StiAPf: Stiftsarchiv Pfäfers, St. Gallen. StiASG: Stiftsarchiv St. Gallen. UBA SG: Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen, Bd. 4, bearb. von Hermann Wartmann, St. Gallen 1899; Bd. 5, bearb. von Placid Bütler/Traugott Schiess, St. Gallen 1913. UBS SG: Urkundenbuch der südlichen Teile des Kantons St. Gallen, Bd. 2, bearb. von Franz Perret, Rorschach 1982. VLA: Vorarlberger Landesarchiv, Bregenz. Literatur Farner 1943 Oskar Farner: Huldrych Zwingli, Bd. 1, Zürich 1943. Müller 1937 Anton Müller: Beiträge zur Heimatkunde von Gams, Gams 19372. Senn 1884 Nikolaus Senn (Hg.): Der Gangbrief und das Erbrecht der Herrschaft Hohensax und Gams, Buchs 1884. Staerkle 1939 Paul Staerkle: Beiträge zur spätmittelalterlichen Bildungsgeschichte St. Gallens, St. Gallen 1939. Vasella 1944 Oskar Vasella: Beiträge zur kirchlichen Statistik des Bistums Chur vor der Reformation, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 38, 1944, S. 259–289.
Judith Kessler
Gion Martin Anton Durgiai – ein aussergewöhnlicher Pfarrer Dem Gamser Pfarrherrn Gion Durgiai ist es zu verdanken, dass die Kirchgemeinde Gams vor 150 Jahren eine grosse, prächtig ausgestattete Kirche erhielt. Sie bleibt neben anderen wichtigen sozialen und kulturellen Institutionen sein bedeutendstes Lebenswerk. Bei der Beschaffung der finanziellen Mittel, die für den Kirchenneubau notwendig waren, ging der Gamser Pfarrer bisweilen unkonventionelle Wege.1
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts vermochte das alte, baufällige Gamser Gotteshaus seiner Bestimmung nicht mehr zu genügen. Es war eine glückliche Fügung, dass damals ein junger, tatkräftiger Priester das Amt des Pfarrherrn innehatte, nämlich Gion Martin Anton Durgiai, geboren 1811 und gebürtig aus Disentis. Der hochgelehrte Mann hatte im Jahre 1850 auf die Bitte des ersten St. Galler Bischofs, Johann Peter Mirer, die Pfarrstelle in Gams einer Professur am Gymnasium in Feldkirch vorgezogen.
Pfarrer Durgiai selbst beklagte sich, dass die Kirche kaum mehr die Hälfte der Kirchbürger fassen könne und dazu unbeschreiblich hässlich sei. So präsidierte er die sogleich von der Kirchgemeinde eingesetzte fünfköpfige Baukommission. Bei der Beschaffung von Plänen, Kostenberechnungen und Finanzierungsmöglichkeiten riet der Bischof, den Baumeister Anton Kuster aus Jona zu Rate zu ziehen. Dieser schlug aus Kostengründen vor, Turm und Chor der alten Kirche stehen zu lassen und lediglich ein grösseres Schiff zu erstellen.
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Er konnte aber die Baukommission nicht überzeugen; sie prüfte unverzüglich die Möglichkeiten eines Neubaus.
Sammelaktionen und «Franziskusreisen» Wie aber waren die finanziellen Mittel für ein Bauwerk solchen Ausmasses aufzutreiben? Zunächst plante man eine Sammelaktion in der eigenen Gemeinde; später wollte man auch auswärtige Geldgeber um die notwendige Hilfeleistung angehen. In der Fastenzeit 1853 begannen im Beisein des Pfarrers die Hausbesuche für die Sammlung: «Keine einzige Hütte katholischer Bewohner […] wurde unbesucht gelassen.» Trotz «Antipathien, Übelberichten und Vorurteilen», wie Durgiai klagte, kam das erstaunliche Ergebnis von 13 251.87 Franken zustande: vom stolzen Betrag des Kreisammanns Hardegger über grosszügige Spenden der Gastwirte bis zum Scherflein der Witwe Dürr. Den Anfang machte der Pfarrer mit 500 Franken, Handwerker versprachen, unentgeltliche Facharbeit zu leisten, Mittellose traten ihren Bürgernutzen ab. Zweimal monatlich sollte zukünftig das Kirchenopfer zugunsten des Neubaus aufgenommen werden. Zur weiteren Geldbeschaffung begab sich der Pfarrherr persönlich auf Bettelreisen im In- und Ausland. Die erste dieser sogenannten «Franziskusreisen» führte ihn im Juni 1853 nach Frankreich, wo ihm aber die Sammeltätigkeit untersagt wurde, weil er unterlassen hatte, die Erlaubnis der zuständigen Bischöfe einzuholen. In Chalon-sur-Saône plante er, nach Belgien weiterzureisen, als er ernst-
haft erkrankte und im September 1853 heimkehren musste. Mit ungebrochenem Mut brach er, kaum genesen, zur zweiten Reisekollekte auf, diesmal im Inland. Unter anderem aus politischen Gründen wurde er in den von ihm besuchten Kantonen St. Gallen, Schwyz, Luzern, Uri, Unterwalden, Tessin und Graubünden durchaus nicht mit offenen Armen empfangen, konnte aber dennoch 5000 Franken nach Hause bringen. In Stans traf er den damals bekanntesten Schweizer Kirchenmaler Melchior Paul von Deschwanden. Statt einer Spende offerierte der Künstler der neuen Kirche ein Altarbild («Mariä Krönung») für einen kleinen Anteil an seine Materialkosten. Mit Bittschriften versuchte der zielstrebige Geistliche nun, auf dem Postweg neue Geldquellen zu erschliessen. Er adressierte 207 Briefe an die gesamte europäische Prominenz: gekrönte Häupter von Portugal bis Russland – darunter auch die österreichische Kaiserin Sisi –, kirchliche Würdenträger wie den Papst und den Erzbischof von Lyon, reiche Bankiers wie die Londoner Rothschilds. Einige davon antworteten mit grosszügigen Spenden, worauf er in der folgenden Zeit dieses einträgliche Betteln fortsetzte; so verschickte er zum Beispiel 1857 über 350 Briefe. Er wandte sich nun an Klöster, Pfarrer, Richter, Professoren, Kantonsregierungen sowie Zeitungsredaktionen und sammelte auf diese Weise mehrere tausend Franken. Im April 1856 beabsichtigte Durgiai, eine dritte «Franziskusreise» nach Deutschland zu unternehmen, doch «schlechte ökonomische Zeiten» liessen ihn nach Wien weiterziehen. Die dortige Bürokratie und das lange Warten auf positive Beschei-
Gion Martin Anton Durgiai, Pfarrer in Gams 1850–1869.
de für Audienzen machten ihm sehr zu schaffen. Dann aber ging er aus und ein am Hof des Kaisers, bei den Fürsten, Grafen, Baronen, Kardinälen und Bischöfen der Stadt. In seinen Aufzeichnungen finden sich klingende Namen der Donaumonarchie: Metternich, Esterhazy, Schwarzenberg, Palfy, Kinsky, Liechtenstein. Im «Severinus-Verein», dem fast alle prominenten Katholiken Wiens angehörten, hielt er einen Vortrag, den er später vor 2000 Zuhörern wiederholen durfte. Das Referat erschien fast wortwörtlich in der Sonntagsausgabe des «Österreichischen Volksfreundes». Als wortgewaltiger Rhetoriker appellierte Durgiai mehrmals eindringlich an die Solidarität der Glau-
bensbrüder. Ausgehend von der Schilderung des armen Dörfchens Gams, das als katholische Insel im protestantischen Werdenberg der alten Konfession treu geblieben war, beschrieb er sogar die Auffahrtsprozession und die «Stockpredigt», die noch heute an die Reformationszeit erinnern. Mit viel Enthusiasmus gab er die Pläne des Neubaus bekannt, nachdem er über den desolaten Zustand der jetzigen Kirche berichtet hatte: «Der neue würdige Tempelbau, auf dieser erhabenen, wunderschönen Stelle, dem schönsten Punkt im ganzen weiten Thale, würde da leuchten wie ein Leuchtthurm, zu Ehren des unbesiegbaren, sich immer verjüngenden Katholizismus.»
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Wieder konnte er im Juni 1856 mit der Zusicherung von 6000 Franken nach Hause reisen. Eine Depesche aus der Heimat hatte ihm gemeldet, man wundere sich über sein langes Ausbleiben, sodass er geplante Besuche bei wohlhabenden Gästen in böhmischen und deutschen Kurbädern fallen liess.
Misstrauen in der Bevölkerung Die Gamser lohnten ihrem Pfarrer den immensen Aufwand für die neue Kirche schlecht. Seine Abwesenheit wurde mit Misstrauen kommentiert und 1856 sogar ein Haftbefehl auf ihn ausgestellt. Vielleicht fürchtete man, dass er mit dem Geld verschwinden könnte. Seinem Mitarbeiter, dem Gamser Kaplan Anton Brügger, teilte man mit, dass Durgiai nicht so oft fortgehen und für die Gemeinde den Bettler spielen dürfe, ohne einen Ersatz einzustellen. Auch im weiteren Verlauf der Bauvorbereitungen mit unzähligen Sitzungen und Verhandlungen waren die Gamser dem Pfarrer keine Hilfe. Kirchgemeinde und Verwaltungsrat zögerten den Baubeschluss möglichst lange hinaus, und erst 1864/67 konnte die alte Kirche abgebrochen werden. Trotzdem ahnten die Gamser Durgiais Potenzial: Er wurde zum Schul- und Kirchenratspräsidenten gewählt, er richtete ein Kirchenarchiv und eine Jugendbibliothek ein, er liess ein neues Armenhaus und das Schulhaus Bsetzi bauen. Überdies war er Mitglied des Bezirksschulrats Wer-
denberg und des Katholischen Kollegiums. Er pflegte Beziehungen zu interessanten und prominenten Persönlichkeiten, die manchmal im Pfarrhaus zu Gast waren; auch Andersgläubige sprachen mit Respekt von ihm. Der Werdenberger Chronist Niklaus Senn beschrieb ihn als «ein durch und durch nobles Wesen, das es verstand, mit Fürsten und Bauern gleich umzugehen». Grosse Anerkennung im Dorf und bei den Oberen in St. Gallen fand Durgiai endlich, als die Kirche 1868 fertiggestellt war. Sie hatte samt Innenausstattung und neuem Friedhof 206 323 Franken gekostet. Am Kirchweihtag waren die Gamser mit Recht stolz auf ihren Pfarrherrn. Dieser aber konnte sich an seinem wichtigsten Lebenswerk nicht allzu lange erfreuen: Er starb im November 1869. Bei seiner Grablegung sollen ihm 3000 Personen die Ehre erwiesen haben. Spätestens jetzt wurden sich seine Schäflein bewusst, welch herausragende Persönlichkeit ihr Hirte gewesen war. Judith Kessler-Dürr ist ausgebildete Lehrerin und war in verschiedenen Bereichen der Volksschule tätig. Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und nun passionierte Grossmutter lebt in Gams und beschäftigt sich gerne intensiv mit Geschichte und Volkskunde. Anmerkung 1 Dieser Beitrag basiert auf der von Noldi Kessler verfassten Biografie Gion Martin Anton Durgiais (Johann Martin Anton Durgiai. Ein Gamser Pfarrer als Kirchenbauer), erschienen im Werdenberger Jahrbuch 1990 (3), 1989, S. 196–206.
Carolin Krumm
Ein Fest auf die Gotik – zum 150-jährigen Jubiläum der Michaelskirche zu Gams (1868–2018) Keiner anderen Kirche Werdenbergs wurde eine derartig exponierte Stellung zuteil wie der auf einem Plateau über dem Dorf thronenden katholischen Michaelskirche von Gams. Schon die älteste Gamser Kirche befand sich vermutlich an dieser Stelle, sie war aber entgegen der heutigen Ausrichtung nach Osten orientiert. 1868 entstand ein Kirchenneubau nach Plänen des Schwyzer Architekten Carl Reichlin. Das Äussere ist noch heute ein Zeichen seines Schaffens, während die Innengestaltung 1923 nach Plänen des St. Galler Architekten Adolf Gaudy neu entstand.
Daten zur frühen Kirchenund Baugeschichte Über die mittelalterlichen oder jüngeren Vorgängerbauten sind so gut wie keine Details bekannt. Nach dem ältesten Nachweis der Gamser Kirche um 835/421 und der Nennung ihres Patroziniums 979 (hl. Se-
bastian)2 wird sie erst wieder um 1220 im Einsiedler Urbar benannt.3 1393 erscheint sie im Zuge ihres Verkaufs an den Herzog von Österreich zusammen mit dem Dorf Gams erneut in den Quellen.4 Als dieser das Kirchlehen zu Gams schliesslich 1401 dem Kloster Pfäfers versprach, ist bereits von der dem Erzengel Michael geweihten
150 Jahre Michaelskirche zu Gams 135
Gams von seiner schönsten Seite: die Pfarrkirche mit Schulhaus Bsetzi und Pfarrhaus vor dem Panorama des Bergmassivs.
Pfarrkirche die Rede, die 1411 bis 1497 als Pfand an die Herren von Bonstetten überging. Offenbar wurde bald darauf – 1498 – eine Neuweihe durchgeführt, was auf einen Teilneubau oder Neubau des Chores beziehungsweise der Einweihung eines neuen Altars hindeuten könnte. Tatsächlich überliefert die älteste fotografische Ansicht der Kirche eine ungewöhnliche Baugestalt, das unharmonische Nebeneinander eines kurzen, nur fünf Fensterachsen langen Kirchenschiffs hinter einem vergleichsweise hohen polygonalen Chor, der zweifellos im späten 15. Jahrhundert er-
richtet wurde, wie dies vielerorts zu der Zeit der Fall war (Abbildung Seite 136).5 Die oben genannte Neuweihe des Chors ist über primäre Quellen zurzeit nicht zu bekräftigen.6 Einen Hinweis darauf könnte jedoch die heute die Gasenzler Kapelle schmückende Muttergottes liefern, eine Arbeit aus der Werkstatt Niklaus Weckmanns aus dem Umfeld des bedeutenden Bildschnitzers Jörg Syrlin d. J. aus Ulm (siehe Abbildung S. 148).7 Obwohl es hierfür keinerlei schriftliche Belege gibt, könnte diese süddeutsche Arbeit im Zusammenhang mit dem Neu-