Hermann Hungerbühler
es kreist und kreist der blaue rotmilan
edition punktuell Leseprobe
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Hermann Hungerbühler
es kreist und kreist der blaue rotmilan Streiflichter
edition punktuell
© 2022 by edition punktuell, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Daniela Saravo Umschlagbild: davemhuntphotography Gesetzt in Arno Pro Regular und Arno Pro Display Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn isbn 978-3-905724-74-5 www.editionpunktuell.ch
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ie Theaterbühne öffnet sich, und der Vorhang gibt die Kulisse frei: Da liegt der hochgewachsene Philipp1 im Strassengraben und erwacht: «Wo bin ich?» Nach und nach nehmen die Augen den klaren Sternenhimmel wahr, mit zunehmendem Halbmond und dennoch dunkel. Es brummt sein Schädel, alles ist nass. Die Hand greift ins kalte Schmelzwasser. Bei jedem Atemzug bohren Stiche in der Brust. Er versucht sich umzudrehen, stemmt sich auf das linke, dann auf das rechte Knie. Hose und Oberkleider kleben an der Haut. Jetzt auf die Zähne beissen! Aber es ist noch ein gutes Stück nach Hause. Dann lieber zuerst zum Baron2. Der hat ihm schon oft aus der Patsche geholfen. Die Hausglocke muss mehrfach betätigt werden. «Was ist passiert? Komm in die warme Stube!» Der barmherzige Samariter befördert den immer noch Blutenden ins Bett. Wolldecken feinster Art bedecken den Unterkühlten. Es ist gegen vier Uhr in der Nacht. Stückweise kommt’s hervor: «Hinterrücks wurde ich überfallen, mit Fäusten und Schuhen getreten – aber der kleingewachsene Junge war stärker. Und das Geld ist auch weg.»
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ir notieren: Freitag ist’s, der 19. Januar 1934. Wochenmarkt im Dorf oben, den Hügel hinauf im Nachbarkanton. Dort ist auch immer etwas los. Man trifft sich mit Bekannten, plaudert belanglos. Dann geht’s mit der Bahn wieder hinunter in die alte Taverne, zum Pferdehändler. Ihm verkauft der Hochgewachsene zum besten Preis einen Eidgenoss3, den er zuvor noch gar nie gesehen hat: Man muss einander halt vertrauen. Man kennt sich ja. Die lappengrossen Banknoten werden in die Tasche des Gilets gesteckt. Im selben Gasthaus feiert auch ein unbekannter Jungmann seinen Erfolg. Für die vorgesehene Lebensversicherung beschafft ihm der Arzt ein Gesund5
heitszeugnis. Eine Kleinigkeit – im Alter von 28 Jahren! In bester Kleidung samt neuer Krawatte und glänzenden Manschettenknöpfen: ein figelanter Mann. Mit dem benötigten Attest in der Tasche bleibt ihm jetzt viel Zeit, seine Gedanken in angenehmer Umgebung schweifen zu lassen. Der gelungene Dreh mit dem unbekannten Pferd und der Geschäftserfolg bleiben auch für fremde Ohren hörbar. In der nächsten und übernächsten Gaststube trifft man sich wieder. Jetzt werden die Gespräche konkreter. Der selten verlegene und sich gerne aufs hohe Ross Schwingende ist auf der Suche nach einem Stallknecht. Der ihm gegenübersitzende und arbeitslose Jungmann könnte da infrage kommen. Er möchte ihn erst einmal prüfen und sein Alter schätzen lassen. Das Resultat liegt krass daneben. Für den Robusten eine Unverschämtheit! Der hat es vom einfachen Knecht zu einem wohlhabenden Gutsbesitzer gebracht: Deinen ganzen Weiler könnte ich kaufen, hat er dem «armen Schlucker» ins Gesicht geprahlt. Auf diese Fehleinschätzung hin wurde die bereits zugesagte Stelle wieder zurückgezogen. Eine unbändige Wut macht sich im Bauch des Unterlegenen breit. «Dem will ich es heimzahlen!»
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itternacht ist eine Viertelstunde vorbei. Der blaue Rotmilan zieht unermüdlich seine Kreise. An seinen beiden Flügelenden wachen zwei blaue Nazars4 über das Geschehen auf dem Erdboden. Sie ermahnen Frederik, alles schön der Reihe nach zu erzählen.
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m letzten Gasthaus an der Hauptstrasse Arnegg – Bischofszell wartet die Serviererin sehnsüchtig auf den Betriebsschluss. Philipp und der kleingewachsene Schreiner haben jedoch gutes Sitzleder. Des Wartens endlich müde bezahlt der Kleine und verabschiedet sich. Kurz darauf sieht auch der Grössere sein Nach-Hause-Gehen als gekommen und begleicht sei6
ne Schuld. Beim Wirt und Vetter gleichen Namens bittet er um ein kleines Licht auf den Heimweg. Dieser ist dazu bereit, begibt sich in die Kammer hinauf und will sich entsprechend ankleiden. Doch unten besinnt man sich anders: «Den Weg finde ich schon allein!»
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m Strassenrand, einige hundert Meter nach der Abzweigung, lauert der Schreiner. Endlich kommt der Grossgewachsene daher, leicht schwankend und tauscht ein paar Worte mit dem Jüngeren: «Sicher kannst du mir zehn Franken geben, wir kennen uns ja.» Als Philipp das Portemonnaie öffnet, löst sich der Verschluss, und das Geld kollert zu Boden. Instinktiv greift er an die Brust. Diese Bewegung bemerkt der Kleine und weiss nun, wo die Banknoten stecken. Nun stürzt sich H. auf den Unglücksraben, schlägt ihn mit Fäusten auf den Kopf und ins Gesicht, tritt ihn mit Schuhen und ringt ihn zu Boden. Phi lipp rappelt sich mehrmals auf. Allmählich lassen seine Kräfte nach. Der Kleinere ist stärker. Seine Hemdsärmel werden zer zaust und hinterlassen blutige Spuren. Ein Manschettenknopf landet im Schnee, und die Kravatte liegt auf dem Boden. Das minutenlange Gerangel endet für Philipp im Strassengraben. Er regt sich nicht mehr. Mühelos wechseln die Banknoten ihren Besitzer. Ob er noch lebt? Um sicher zu gehen, werden die Puls adern am Hals und an der linken Hand betastet – sie schlagen noch, sie schlagen zügig. Jetzt hat der Prahlhans seine Lektion. Die wird er so schnell nicht vergessen. Eiligen Schrittes wird nun die Wohnung in der Stöcklen ins Auge gefasst, um die müden Knochen für den Rest der Nacht in das uralte und schäbige Bett zu legen. Am folgenden Morgen übergibt H. seiner Mutter 750 Franken. Diese kommen ihr gelegen und werden zur Sicherheit in die Daunendecke des Stubenwagens einnäht. Ihr Grosskind ist noch unschuldig und hat nichts zu befürchten. Für sich behält H. 200 Franken. Die eintreffende Polizei nimmt den Jungmann mit und verwahrt ihn in 7
einer Zelle. Gerade noch rechtzeitig kann sie seinen Versuch zur Selbsttötung verhindern5.
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as nächtens verborgen, kommt durch den Baron ans Licht. Bei Familie H. streitet der Junior hartnäckig die Tat ab, und die Eltern wollen nichts von der Sache wissen. Die Polizei findet ein frisch eingeweichtes Hemd mit Blutspuren: Es liege schon seit drei Tagen im Wasser, meint die Mutter. Kribbeliges Knistern liegt in der Luft. Gedanken schwirren durchei nander. Antworten müssen sofort kommen. Es kann nicht lange überlegt werden. Nerven liegen blank. Aber die Manschettenknöpfe und die Krawatte? – «Ja, die gehören meinem Sohn! Nein – ums Himmels Willen!» Die Aussage wird zwar widerrufen. Es gibt aber kein Entrinnen mehr. Der Junior gesteht die Tat.
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as Kantonsgericht entscheidet heute in Gegenwart aller Angeklagten6. Für den Schreiner H. Junior fällt erschwerend ins Gewicht, dass er mehrfach wegen Diebstahls und Körperverletzung vorbestraft ist und das Opfer brutal traktiert hat. Einen Milderungsgrund sieht das Gericht im provokativen Auftreten des Opfers, dem Alkoholgenuss aller Beteiligten sowie in der finanziellen Notlage. Der von Amtes wegen bestellte Verteidiger bemüht sich um Milderungsgründe. Auf den Tribünen herrscht reges Treiben. Neugier bei den einen, Betroffenheit bei den anderen. Spontane Äusserungen zu Lasten der Angeklagten muss der Gerichtsvorsitzende rügen und verbieten. Folge davon: Ein verdriessliches Raunen unter den Zuschauern.
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rteile sind für Leute ohne viel Wissen um Gesetze und Erfahrungen oft kaum nachvollziehbar. Sie entscheiden aus dem momentanen Gefühl heraus. Th. H. wird zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Vater 8
H., jetzt wieder in Bütschwil wohnend, wird mit anderthalb Monaten Gefängnis bestraft. Die Mutter erhält während zwei Jahren Probezeit einen bedingten Straferlass. Sie hat ja keine Vorstrafen.
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eitungsberichte verschiedener Parteiblätter kennen für die Verurteilten wenig bis gar kein Erbarmen. Gewissenhafte Erkundigungen über ihr Vorleben kommen erst nach und nach zum Vorschein. So hat die Familie H. Hochs und Tiefs der Weltwirtschaft in den Dreissigerjahren mitbekommen. Einem Zeitungsbericht zufolge lebten sie einige Jahre nach 1916 in Deutschland, wo sie es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Die Inflation der anschliessenden Jahre zwang sie, wieder in die Schweiz zurückzukehren. Sie liessen sich nacheinander in Mosnang, Wattwil, Uzwil, Gähwil und zuletzt in Arnegg nieder. Überall begegnete ihnen Arbeitslosigkeit, Krankheit und auch Missgunst der Nachbarn.
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elegentlich lockt die Ferne, das Unbekannte. Und ist man dann zurückgekehrt, so ist man nicht mehr derselbe. Der Amerikaner Sylvester Kreilein mit Schweizer Vorfahren sowie Frederik einigen sich auf eine längere Heiligland-Reise. Die vorlesungsfreien Sommermonate an der Universität7 bieten Zeit für grosszügige Erkundungen. Ausgestattet mit Pass und Taufschein8 für die arabischen Länder, mit nützlichen Hinweisen und dem extra für dieses Unternehmen ausgestatteten NSU- Motorrad Max wird die Reise mit Neugier und froher Zuversicht angegangen. Traveller Checks dienen als sicheres Zahlungsmittel9.
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s ist Samstag, der 13. Juli 1963. Innsbruck steht bereits im Sonnenschein, und das Gefährt setzt sich mit seiner Besatzung und Beladung in Bewegung. Über den Brenner und das Osttirol geht alles flott voran bis zur Grenze. Entgeistert betrachten die Zöllner die ungewohnte Fuhre mit dem prall gefüllten Gepäckträger.
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ugoslawien, das Land des Marschalls Tito10, beschert den Pilgern die erste Überraschung. Die Asphaltstrasse endet und mündet in einen immer steiler werdenden Schotterweg, der bald 35 Grad Steigung aufweist. Freigelegte Baumwurzeln liegen quer über der Fahrbahn. Noch bevor die Frage beantwortet wird, ob dies wohl der richtige Weg sei, kippt das Gefährt samt seiner Fracht auf die rechte Seite und gibt den Geist auf. Lautlose Stille. Beide liegen auf dem Boden und rappeln sich mühsam wieder auf. Im ersten Gang setzt Sylvester zu Fuss seinen Weg bergauf fort, und sein Kollege stösst mit beiden Händen das Motorrad etwa 400 Meter aufwärts. «Das fängt gut an», meint Frederik mit stotternder Stimme. All11
mählich werden die Wege besser, und das erste Etappenziel ist in Sicht.
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jubljana11 nimmt die Fahrer freundlich auf. Dort überreichen sie ein Geschenk des Regens12 an Erzbischof Jožef Pogačnik13, und in Zagreb finden sie Unterkunft im Priesterseminar, das Frederik von früher bekannt ist. Von hier aus kann die Autobahn benutzt werden, die auch von Pferde- oder Eselfuhrwerken befahren wird. Schlaglöchern ausweichen zu wollen ist sinnlos, sie sind überall. In Niš (sprich Nisch) darf der katholische Pfarrer die Pilger nicht aufnehmen, jedoch zur Messe am kommenden Morgen und zum Frühstück einladen, was diese gerne annehmen. Erstmals kommt eine Moschee ins Blickfeld.
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ukarest heisst die nächste Station. Gewitzigt durch Erfahrung übernachten die Reisenden auf einem Zeltplatz etwas ausserhalb der Stadt und können sich mit anderen Touristen unterhalten. Ein französischer Professor, der seinen Angaben zufolge als Kulturattaché tätig ist, gibt ein paar praktische Hinweise für die vorgesehene Route.
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n Bulgarien fallen die sauber gepflegten Strassen mit den weiss leuchtenden Randsteinen auf, hinter denen sich überall Rosenbeete14 ausbreiten. An der Grenze zur Türkei stehen grosse Türme auf beiden Seiten. Militär mit Maschinenpistolen markiert Präsenz. Ein Hinweisschild zeigt: noch 250 Kilometer bis Istanbul.
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em Sonnenlauf wird entgegenfahren, und die Uhren versagen ihren Dienst. Das wird lange nicht zur Kenntnis genommen. Hingegen jedoch mehr und mehr eine biblische Landschaft: Schafherden, Hirten mit langen Stecken, karges und trockenes Weideland, freundlich nickende Leute am Strassenrand. Vorwärts, immer vorwärts, um schnell der Hitze zu 12
entrinnen – und die Fahrt will nicht enden. Tief in der Nacht leuchten unvermutet in der Ferne Lichter auf; plötzlich ist es dunkel geworden.
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stanbul15 ist in Reichweite. Links und rechts Wasser. Auf einem Damm geht es vorwärts. Riesige Mauern in Schwarz und dann Lichterglanz. Jetzt will der Max nicht mehr und steht bockstill. Von überall her kommen Leute und wollen helfen16. Ein Taxi fährt mit dem Gepäck zur nächsten Absteige, ins Haus der Österreicher. Nicht gerade erbaut zu dieser Stunde – es ist ein Uhr nachts – nimmt der Pförtner die späten Gäste dennoch in Empfang und labt die durchgeschüttelten Knochen mit einer Erfrischung. Eine unendlich lange Strecke haben sie in diesen Tagen geschafft. Wenn Frederik zurückdenkt, kommt ihm Onkel Richard in den Sinn, der mit einigen Wandergesellen17 die Reise von Gutenstein bei Sigmaringen bis nach Istanbul und zurückgeschafft haben soll. Eine Leistung, die in ihm eine grosse Bewunderung hervorruft. Sie passt gut in das Bild seiner Vorfahren mütter licherseits und gilt auch für ihn selber: Erkunde die Weite dieser Welt18! Die Stadt wird ausgiebig in Augenschein genommen. Die Blaue Moschee – die Schuhe bleiben am Eingang zurück – überrascht mit Leuchtern in Fülle und betenden Männern, Schweissgeruch, Schriftzeichen an den Wänden – sie stammen sicher aus dem Koran – und einer wunderbar blauen Decke. Bazare, Moscheen, Paläste, Lärm und das Meer bringen Frederik an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit. Tilmann und Karl aus Graz, ebenfalls Orientreisende, laden zur Erholung an einen wunderbaren Ort im Meer ein. Es ist Sonntag, der 21. Juli 1963.
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elfine begleiten ihr Schiff, das an Burgaz vorbei zu den Prinzeninseln im Marmarameer steuert. Mit ihren kunstvollen Sprüngen richten sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Am 13
Strand tauchen auch sie in die Wellen des tiefblauen Meeres, wo die Säuger ihre Nähe suchen.
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usammen mit einer deutschen Pfadfindergruppe befinden sie sich im Haus des St. Georgs-Kollegs der Österreicher. Gespräche mit der Hausleitung über ihre aktuelle Situation als katholische Institution in einem islamischen Staat machen Frederik betroffen. Er erfährt, wie einseitig und eng seine Sicht auf die katholische Kirche ist. Trotz jahrelang gegenteiliger Erfahrungen wagt er jedoch keinen Kurswechsel. Die Botschaft hört er wohl, doch ihm fehlt der Glaube.
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rient ist da, wo die Sonne aufgeht. Es ist Zeit, weiter nach Osten zu reisen. Sie beschaffen sich ein Flugticket und ein Visum für den Libanon. Eine herrlich neue Landschaft tut sich unter ihnen auf. Sie überfliegen Ankara, das Taurusgebirge, die Kilikische Pforte und landen in Adana. Frederik steigt aus und wird von einer brütenden Hitze empfangen. Eine Pferdekutsche bringt sie ins Hotel, wo eine italienische Reisegruppe mit Ziel Jerusalem bereits seit drei Tagen festsitzt. Wieder einmal eine Revolution. Für Syrien sind die Grenzen geschlossen. Sie steuern Tarsus an, den Geburtsort von Paulus, und spüren enttäuschenderweise nichts von seinem Charme. Dafür treffen sie auf Menschenmassen in den Bazars. Moscheen, wohin der Blick reicht, und überall schmutzige Gassen und Wege. In Mersin suchen sie ein Schiff nach Iskenderun19. Nicht möglich! – Dann soll sie ein Taxi an die Grenze bringen. Inmitten von Schottersteinen und Schlaglöchern im gebirgigen Land schafft es der Motor plötzlich nicht mehr. So steigen denn alle aus und stossen das Gefährt bis zur Grenze, wo gebärdenreich und laut diskutierend bei der Polizei über den Preis der Weiterreise verhandelt wird.
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leppo ist in Sicht, und unterdessen ist schnell dunkle Nacht geworden. Es gilt ein Ausgehverbot. An allen Strassenecken steht Militär oder Polizei, teils junge Burschen, eher Kindersoldaten, mit Imponiergehabe und Maschinengewehren. Um herauszufinden, ob die Burschen überhaupt lesen können, hält Frederik ihnen jeweils seinen Pass verkehrt herum hin. – Keine Reaktion. Weiterfahrt frei! Dank seines Kollegen aus den USA steuern sie das amerikanische Konsulat an und sind an den folgenden Tagen Gäste im Haus von Mister Johns. Sein Schwimmbad wird rege benutzt und auch die Stadt erkundet. Der orientalische Bazar schlägt alle bisherigen Rekorde: Kaufläden der Armenier, Griechen, Kurden und vermutlich auch Juden, die hier als solche nicht auffallen dürfen. Jeder preist seine Waren als die besten und zum niedrigsten Preis an. Ein paar orientalische Stoffresten lässt sich Frederik nach Hause schicken und staunt nicht schlecht über das Ergebnis. Mit Brief vom 18. August 63 schreibt seine Schwester nach Jerusalem: Am letzten Samstag ist das Paket mit Inhalt zollfrei bei uns angekommen. Ganz andere Stoffe wie bei uns. Sehr schön. … Wir freuen uns, wenn wir von Dir Post erhalten. Und Du uns die neuen Erlebnisse berichtest. Viele Grüsse sendet Dir und Deinem Kameraden … Margrith sowie Eltern u. Walter20.
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amaskus ist das nächste Ziel. Frederik stellt fest: Heute schreibt man den 26. Juli. Ein paar Stunden nach seinem Geburtstag, der auf orientalische Art mit Glanz und Gloria gefeiert wird. Die Pilger fahren mit einem Taxi zügig voran und besichtigen in Homs die berühmten Wasserräder. In der syrischen Hauptstadt unterhalten sie sich auf Englisch mit dem chaldäischen Erzbischof von Mossul (Irak) und seinen Studenten. Am Sonntag erleben sie im sogenannten Haus des Hananias (Apg. 9,10) den Gottesdienst und erfahren Gastfreundschaft, was zum Alltag des Orients gehört. Die Reise must go on! Die Grenze zum Nachbarland wird überschritten, und eine wiederum völlig andere Welt tut sich auf. 15
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ibanon, das Land der Zedern, grüsst freundlich mit dem schneebedeckten Hermon. Wunderbar bunte Vegetation mit herrlichen Villen an sonnenbeschienenen Hängen verraten europäische Bauweise. Goldglänzende Moscheen mit eleganten und grünfarbenen Minaretten zieren die Gegenden. Die überall platzierten Wegweiser in französischer21 und arabischer Sprache vermitteln ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Nach dem Besuch von Baalbek mit seinen zahlreichen und mächtigen Tempelruinen fährt der Taxifahrer seine Gäste zu sich nach Hause. Sie sind zum Abendessen eingeladen und wissen nicht, wie sie sich dafür erkenntlich zeigen könnten.
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eirut besitzt eine Schweizer Botschaft. Herr Maurer be gegnet Frederik sehr zuvorkommend. Auch kann er dort erstmals Briefe von zu Hause in Empfang nehmen. Fortan bewährt sich diese Art der Verbindung mit der Heimat bestens. Einen waschechten Appenzeller lernt der Orientreisende in Libanons Hauptstadt kennen. Herr Knechtle betreibt seit vielen Jahren das Café Brioche. Er ist über die Aktivitäten der Ordensschwester M. Oderisia Knechtle bestens informiert. Auch erzählt er, dass Jesus mit seinen drei Aposteln von hier aus den Hermon bestieg und auf dem Gipfel verklärt wurde. Als Fre derik ihm seine Zweifel wegen der Hochgebirgstour, ihrer Ausrüstung und die 2814 Meter Höhe darlegen will, prallen seine Einwände wie Wasser an einer Glaswand ab. Nach und nach wird ihm klar, dass Menschen im Orient, auch solche, die vor Zeiten eingewandert sind und nun die hiesige Mentalität annehmen, biblische Erzählungen als bare historische Tatsachen nehmen. Nach all den vielen Erfahrungen und Überraschungen kommt die Zeit, ein Schiff nach Westen ausfindig zu machen.
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frika soll ihr nächstes Ziel sein. Es ist Abend, der 31. Juli. Geschäftiges Treiben an Land vor dem grossen Ungetüm eines Schiffes. Vor der Landebrücke haben Geldwechsler ihr 16
Banknotensortiment gleich auf der offenen Fläche vom Handgelenk bis zu den Ellbogen bereit und sind gestikulierend auf Kundenfang aus. Über Kleinigkeiten wird nicht verhandelt. Eine libanesische Pfadfindergruppe ist auf dem Weg nach Frankeich und Der Kleine Prinz22 steigt in Frederiks Gedanken auf. In weitem Bogen umschiffen sie den Staat Israel, lassen die Sonne im Meer versinken und bestaunen den sternenübersäten Himmel. Anderntags nehmen Frederik und Sylvester staunend die langen Schiffskolonnen vor ihren Augen wahr. Sie sind am Suezkanal angekommen.
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it der Eisenbahn geht es im Stehen – alle Sitzplätze sind belegt – Richtung Hauptstadt, in die Millionenmetropole des Pharaonenlandes. Sorgsam wird auf das Gepäck geachtet. Im Schnellzugstempo durchfahren sie fruchtbare Ebenen und Palmenhaine sonder Zahl. Kanalsysteme und Baumwollfelder, wohin das Auge schaut. Über dem Boden oszillierende Hitze. Wenige Menschen verrichten ihre Arbeit. Köpfe sind mit weissen Binden umhüllt. Die Räder ihres Gefährts verlangsamen die Umdrehungen. Verschieden bunt bemalte, niedrige und hohe Häuser reihen sich mehr und mehr aneinander. Frederik staunt und ist dankbar, die Zeit bisher gesund und voller Abenteuerlust durchlebt zu haben.
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airo ist erreicht, und die Eisenbahn stoppt brüsk ihre Fahrt in der stinkigen Halle. Buntes Völkergemisch auf dem Bahnsteig. Jedermann ist mit den Seinen beschäftigt und dem Gepäck; ein Pardon gibt es nicht. Das Taxi bringt sie Richtung Faghalla-Viertel, vorbei an quietschenden und kurvenreichen Strassenbahnen. Fliegende Händler in bodenlangen Kleidern und heischende Bettler lauern ringsum. Entsorgt wird der Abfall dem Fahrweg entlang, und üble Düfte gehören hier wohl zum Alltag.
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o sind sie gelandet? Neuland auf Schritt und Tritt! Gäste aus Deutschland und Österreich sind bereits vor Ort. Maria, die liebenswürdige Diakonissin im Deutschen Haus, sorgt für das Wohl ihrer Gäste, und Frau Hess unterstützt sie dabei. Dann die Überraschung: Gegen Abend fährt sie Sylvester und Frederik mit ihrem VW in die Gegend von Gizeh. Die Pyramiden sehen sie erstmals mit eigenen Augen. Botschafter Robert Maurice hat zum Nationalfeiertag eingeladen. Heute ist ja der 1. August. Im offenen Zelt vernimmt Frederik arabische Klänge. Über ihm Myriaden von Sternen und unter den Füssen überall Sand. An den Wänden ringsum ein leuchtender Reichtum an wertvollen Teppichen. Hochgewachsene Nubier23 in bunten Gewändern, wie lebendige, braunhäutige Statuen, verwöhnen die hungrigen Ankömmlinge mit Speis und mit Trank. Vorherrschend wird Französisch gesprochen, und für den Kollegen Sylvester übersetzt eine junge Frau neben ihm. Ein unvergesslicher Abend!
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l-Qāhira‚ die Starke, wird Kairo auf Arabisch genannt. Die Alabaster-Moschee zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. Museen sind vollgestopft mit Gegenständen und kaum beschriftet. Wenn schon, dann in der Landessprache. Der TahrirPlatz in der Nähe des rechten Nilufers ist wegen seines quirligen Lebens ständiger Aufmerksamkeit gewiss. Die Kopten24 feiern Gottesdienste in jener Kirche, wohin der Legende nach Maria und Josef mit ihrem Neugeborenen vor Herodes geflohen sind. Wohlduftender Weihrauch breitet sich im Innern aus. Wegen der Hitze tagsüber werden die Pyramiden erst gegen Abend und in der Nacht besucht. Herrlich beleuchtet und farbig angestrahlt erscheinen sie wie ein weiteres Weltwunder. Für einen kleinen Bakschisch25 lässt sich der Wächter zu Auskünften herbei. Frederiks humorvoll vorgetragene Offerte, eine Pyramide zu kaufen, weist der bärtige Aufseher mit Entrüstung zurück. Wohl aus dem einfachen Grunde, dass er dann seine Trinkgel18
der nicht mehr kassieren könnte. Mit dem Eintrittsbillet Nr. 007145 für das Schwimmbad des renommierten Hotels Mena House bei den Pyramiden können Touristen und andere Weltenbummler ihren Staub hinter den Ohren loswerden. Preis: 18 P.T., wovon 12 für den Eintritt, 5,5 für die Taxe und 0,5 als obligate Spende.
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ischöfe und Bischöfinnen tragen im alten und neuen Eu ropa bei feierlichen Anlässen eine eigenartige Kopfbedeckung: eine Haube mit zwei Spitzen, die oft mit zwei herabragenden Bändeln versehen sind. Ob sich Trägerinnen und Träger bewusst sind, Nachahmer jener Kategorie von Pharaonendekor zu sein, dessen einspitziger Haube in Unterägypten vor etwa 5000 Jahren eine zweite Spitze hinzugefügt wurde, nachdem Oberägypten annektiert worden war? – Lassen wir dieses Rätsel ungelöst! Es werden noch weitere folgen, wenn nun der Aufenthalt im Land der Pharaonen mit immer neuen Bildern bereichert wird.
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berägypten ist das nächste Ziel. Es ist Donnerstag, der 6. August. Die Eisenbahn verlässt Kairo und fährt in südliche Richtung. Wieder stehend, dicht an dicht gepresst, ohne die Möglichkeit, je umzufallen, zieht die flache Nilebene wie in einem Film vorbei: Dattelpalmen in Fülle. Mais- und Baumwollfelder, in harter Arbeit bebaut, all überall Kanäle mit stehendem oder fliessendem Wasser, stehende Schlammbecken mit Kühen und Menschen, die Kinder nackt. Behausungen der Fellachen aus Schilf ohne Dach, von Hand betriebene Bewässerungsanlagen, von im Kreis herumgehenden Nutztieren betätigte Schöpfräder, die Ebene oszilliert, eine Fata Morgana, Luftschlauch aufgewirbelten Bodensatzes. Die Arabische und Lybische Wüste kommt einmal näher, entschwindet dann wieder in weite Ferne, dort dunkelblaues Gebirge.
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uxor ist erreicht und die ihnen empfohlene Unterkunft hat noch Plätze frei. Schlafen kann Frederik erst gegen Morgen, wenn das Quecksilber etwas unter vierzig Grad gefallen ist. Am Tag fahren die Neuland-Entdeckenden mit Pferdekutschen in die Stadt Karnak26. Die armen Tiere müssen Schläge und viele Qualen erdulden. Kein grünes Pflänzchen weit und breit; dafür Staub und Unrat in Mengen. Da entwischt eine Eidechse hurtig über die heisse Unterlage und verschwindet im Schatten. Riesig ist hier alles: die herumliegenden und noch nicht behauenen Granitsteine, die Tempelanlagen, die Kolosse von Memnon und selbst auf einer granitenen Stele das Genital Alexander des Grossen, dargestellt als Pharao. Wie viele Sklaven schufteten unter der Peitsche ihrer Antreiber in schweisstreibender Arbeit für das, was ihre Architekten zu Ehren der göttlichen Pharaonen errichten wollten? Am frühen Morgen setzen sie mit einer Fähre über den Nil ins Tal der Könige. Vorbei am Tempel der Hatschepsut27 zur Grablege des Tutanchamun28. Der Raum ist mit tausend Sternen auf blauem Hintergrund übersät und birgt den Sarkophag. Die berühmte Totenmaske und weitere Grabbei lagen kann man normalerweise im Ägyptischen Museum in Kairo bestaunen29.
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karabäen30, auch Mistkäfer genannt, erscheinen dem Betrachter eher unbedeutend. Nicht jedoch jenen, die im Bereich der Pharaonen lebten. Für sie war der Lauf der Sonne von Osten nach Westen und am nächsten Tag wieder vom Morgen bis zum Abend ein grosses Rätsel. Mit ihm stand die Frage im Raum, was denn die Licht- und Lebensquelle dazu bringt, jeden Morgen frisch den höchsten Himmel zu gewinnen, um dann am Abend zu versinken? Eine Ähnlichkeit (Analogie) sehen sie im Leben des Mistkäfers: Er schneidet aus dem Dung von Vegetariern perfekt runde Kugeln und rollt sie mit den Hinterbeinen geschickt im Rückwärtsgang an eine weiche Stelle im Boden. Dort vergräbt sie der heilige Pillendreher und lebt nun davon. 20
Sind sie aufgezehrt, formt er sich neue Kugeln und das «Spiel» kann von Neuem beginnen. Also muss eine «Käferkraft» auf Erden wie auch am Himmel wirksam sein. Solche Vorstellungen finden sich in ähnlichen Formen auch bei Schöpfungsmythen in der weiten Welt31. Es befriedigt so ein zentrales ägyptisches und urmenschliches Bedürfnis nach einem Symbolsystem, das Leiden und Tod nicht ausblendet: eine Perspektive für ein Leben nach dem Tod.
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erikles, wo steckst du? Der griechische Taxiunternehmer ist fast jedem deutschsprachigen Touristen in Ägypten bekannt. Was heute an elektronischen Helfern selbstverständlich zur Verfügung steht, war damals kein Thema. Informationen wandern von Mund zu Mund oder auf dem Papier. Oft führt der Zufall zum Erfolg. Perikles weiss meistens Bescheid.
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inai bekommt ein Gesicht. Im Deutschen Haus haben sich inzwischen fünf Theologen aus drei Nationen eingefunden, die das Katharinenkloster und seine Umgebung besuchen möchten. Kirchliche und weltliche Behörden ermöglichen und fördern ein solches Unterfangen. Nun soll es Frederik richten! Dieser hat sich seit seiner Jugend gelobt, um kein Geld oder sonstiger Vergünstigungen wegen einen Vorteil zu erhaschen. Zwei Tage müssen für die Besuchserlaubnis eingesetzt werden. Am Sitz des Orthodoxen Patriarchates ist man betont zuvorkommend, zumal dadurch die Mönche auf Nachschub an Essen und Spenden zählen können. Bei der Sicherheitspolizei dauert das Wunder etwas länger. Nicht, weil sie dem Bittsteller mit den fünf Reisepässen nicht traut, sitzt er stundenlang im Büro und büsst für seine fixe Idee. Es hat einen anderen Grund. Denn allmählich bemerkt der Geduldige, dass nach ihm Ankommende bald einmal das Dokument erhalten und mit zufriedener Miene dem Büro den Rücken kehren. Die nötigen Unterlagen sind nach vielen Stunden Wartezeit beisammen. Im Deutschen Haus 21
machen sich die betroffenen Kollegen bereits Sorgen um den Eidgenossen und fragen: Warum hast du kein Schmiergeld fliessen lassen? Das macht doch jedermann hier! Seither ist der Ewiggestrige von seiner edlen Überzeugung abgekommen.
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ie Eisenbahn rollt gemächlich nach Suez – Endstation. Das Transportmittel wird gewechselt. Der vielgenannte Perikles kann nicht übersehen werden und teilt die Gruppe einem routinierten Fahrer zu. Mit kritischem Auge mustert dieser seine menschliche und materielle Fracht. Alles okay, und los geht’s! Kaum hat man die neue Umgebung hinter sich, folgt schon ein Halt. Sie sind am Kanal und stellen fest: Gigantische Tankschiffe werden von Lotsen gezogen; Sand und Wasser berühren sich. Wieder auf asiatischem Boden geht die Fahrt vorbei an Bäumen, Sträuchern oder Felsvorsprüngen. Ohne Abenddämmerung bricht die Nacht herein. Gelegentliche Spuren im Sand deuten auf Vorgängertrecks. Auch Sternbilder können dem Fahrer helfen. Keine Sekunde spürt Frederik Angst im Wüstenschotter. In unregelmässigen Abständen begegnen ihnen Militärkontrollen. Die bewaffneten Wächter salutieren freundlich und wünschen gute Fahrt. Endlich ist eine angenehme Kühle zu spüren. Ein rötlich-gelbes Licht dort vorne zuckt und verschwindet wieder – das erste Ziel ist erreicht.
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eyran wird sie genannt, die Oase mit dem mächtigen Palmengarten. Im Klosterbezirk brennen kleine Kerzenlichter an den üppig wachsenden Reben. Ihre tiefblauen bis schwarzen Früchte erscheinen in praller Fülle. Der Boden ist frisch gekehrt und mit Mörtel verputzt. Der Mönch spricht neben seinem Griechisch auch Arabisch, Englisch, Französisch und Italienisch. Sein Diener, ein dunkelhäutiger Beduine, schenkt ein Getränk ein und füllt immer wieder nach. Schlaf übermannt die Pilger, und nun liegen sie auf dem nackten Boden. Über ihnen funkelt das sternenübersäte Himmelsgewölbe. 22
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s ist schon heller Tag, und der Fahrer drängt zum Aufbruch. Gegen Mittag erreichen sie die Talebene mit ihrer wuchtig ummauerten Anlage – das Kloster der alexandrinischen Heiligen32. Im Hintergrund die Berggiganten Moses und Sankt Ka tharina. Irgendwo hier muss nach dem biblischen Bericht das goldene Kalb umtanzt und die eherne Schlange aufgerichtet worden sein. Dem Gastpater werden ein Geschenk und einige Lebensmittel für die Gemeinschaft überreicht. Damit sie wissen, wo und weshalb sie sich hier befinden, führt der Mönch die Männer33 gleich ins Zentrum.
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asilika, Königshalle, wird diese Konstruktion genannt. In ihrem Innern bestaunen sie eine stupende Fülle von Lampen, Ikonen, Fahnen, Schnitzereien, Teppichen und liturgischen Geräte. Hoch über der Ikonostase34 leuchtet das herrliche Mosaikbild, wo auf strahlendem Goldgrund die majestätische Gestalt des verklärten Christus mit den beiden Propheten Mose und Elias steht. In der Kapelle des brennenden Dornbuschs ziehen sie die Schuhe aus und verweilen in Ehrfurcht und mit Schauder. Hat nicht hier der Ewige, der Ich bin der Seiende Mose seinen Namen offenbart? Eine eigenartige Stimmung überkommt Frederik, denn dieser Ort strahlt eine ungeheure Energie aus. Seine Haut vibriert und erträgt diese Spannung nur kurze Zeit35. Irgendwo ertönt ein Glockenschlag. Die Uhren in der Wüstenfestung richten sich nach der Zeit, wie sie in Griechenland gilt. Das Kloster sieht sich als Niederlassung vom Berg Athos.
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ach oben geht der Weg am folgenden Morgen. Es ist noch kühl auf der Schattenseite des Berges. Vorbei an Engpässen, verbunden mit Kletterkünsten, passieren die Pilger das Stephanstor und später das Beichttor. Dort sitzt ein blankes Skelett, ein ehemaliger Beichtiger. Pilger sollen gereinigt von Sündenschuld zu dem Ort gelangen, wo damals der Gott Israels 23