edition punktuell. Leseprobe
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Rosa Spiess
Guggerchlee & Habermarch Lebensbericht eines unerwĂźnschten Kindes aus dem Appenzeller Mittelland
edition punktuell.
Titelbild: Rösli um 1950 und Rösli mit Bello vom Oberen Gäbris
Die Autorin dankt für die Unterstützung: Biografie-Werkstatt St. Gallen Stiftung TISCA TIARA, Bühler AR
© 2017 by edition punktuell, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Daniela Saravo Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN: 978-3-905724-57-8 www.editionpunktuell.ch
Inhalt Vorwort und Dank Vater war Hebamme Mutter und Grossmutter in den 1930er-Jahren Tausend Ängste ausgestanden Mithelfen auf dem Hof war wichtiger als lesen zu lernen Kinderlähmung Kleine Webergehilfin Mit flinken Fingern Wollreste verarbeitet Sammler und Selbstversorger Unser tägliches «Brot» Die verschmähte Bratwurst Waschtag Heuen war Fronarbeit für uns Zöpfe ab und Zähne raus Sonntagsschule Schuhe gab’s nur im Winter Sommerferien bei fremden Leuten im Bernbiet Telefon und Radio Hirnschlag des Vaters Mein Bruder Koni Mit Kaugummiresten zum selbstgemachten Bilderbuch Weihnachten 1956 Akute Blinddarmentzündung Die roten Skistöcke Wieder umziehen Schwere Sommergrippe Mein erstes Sackgeld Das ungewollte Kind pflegt den gelähmten Vater Mein Aufbegehren und das Schweigen der Mutter Heirat der Schwester – mit dem Schwager allein
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Die Würste hat die Katze geholt Unsere Katzen waren keine Stubentiger Gebrauchte Wollstrümpfe und eine Orange Lehre als Konfektionsschneiderin Tod des Vaters und Ende der Besuche bei der Schwester Toni, der freundliche Nachbar Abreise nach Stockholm, Leben in der Fremde und Heimweh Verliebt Gemeinsame Ferien und Besuch bei den Eltern Umstellung auf Rechtsverkehr Heimkehr und Hochzeit Bruder Alkohol Schwierige Geburt Unstimmigkeiten und Bruch mit der Schwester Mutter weiterhin distanziert Tod der Mutter Meine Schwiegereltern René und Cécilie Unsere beiden Söhne Mein Kind im Gefängnis Roger, der Betriebsökonom Die Boutique «La Rose au Lac» Diverse Stellenwechsel und Rückenoperationen Wiedersehen mit Stockholm Blitze in die Beine Weihnachtskreuzfahrt nach Dubai Pech und mehr… auch für meinen Mann «Es Guets git wieder es Guets.» Der Traum vom Eigenheim wird wahr Mein Mann, der Hobbygärtner und -fischer Was ist Glück? Schlussgebet
77 79 80 81 84 88 89 93 101 103 106 109 113 116 118 120 121 126 130 135 139 140 146 147 151 152 158 158 160 162 164
Vorwort und Dank Im Januar 2016 musste ich die Diagnose «Lungenfibrose – unheilbar» verkraften. Ich hatte grosse Angst, dass mein Leben nun sehr schnell zu Ende gehen würde. Als ich Anfang 2017 in der Zeitung ein Inserat las mit dem Titel: Deine Lebensgeschichte(n) schreiben, fühlte ich mich sofort angesprochen und nahm Kontakt auf, denn es war schon lange mein Wunsch gewesen, meine Geschichte aufzuschreiben. Ich hatte vor längerer Zeit bereits damit angefangen, die Blätter dann aber wieder zur Seite gelegt. Nun habe ich in der Biografie-Werkstatt St. Gallen Unterstützung bekommen – ich muss die Geschichten nicht einmal selber tippen, was mir wegen meinen schmerzenden Fingern sehr schwer fallen würde. Seit meinem Entschluss, mit dem Schreiben meiner Lebensgeschichte ernst zu machen, geht es mir psychisch wieder besser, und ich habe wieder mehr Mut zu leben. Denn als ich mich entschloss, mein Buchprojekt nun wirklich in Angriff zu nehmen, schloss ich mit meiner Lunge einen Deal. Ich wollte, dass sie mich noch so lange leben lässt, bis dieses Buch fertig ist. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich noch ein wenig Zeit habe. Ich habe auch wieder angefangen zu nähen, denn ich habe ja noch so viele schöne Stoffe in meinen Schränken. Das macht mir Spass, auch wenn ich heute viel schneller erschöpft bin als früher. 7
Ich habe mich mit Monika Hasler von der BiografieWerkstatt St. Gallen auf Anhieb verstanden, und ich bin ihr sehr dankbar fĂźr ihre Hilfe und Begleitung beim Schreiben meiner Lebensgeschichte.
St. Gallen, im Juni 2017
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Vater war Hebamme Ich, Rosa Spiess, bin am 2. Januar 1949 in der Nacht zwischen ein und vier Uhr, genau weiss ich es nicht, zuhause in der Lienz in tiefer Abgeschiedenheit auf die Welt gekommen. Unser Zuhause, ein Hof in der Gemeinde Gais, lag einsam und weit vom nächsten Hof entfernt. Ich kam mehr als einen Monat zu früh zur Welt, viel zu früh, wie Mutter später erzählte. Doch anscheinend war ich damals schon sehr stark. Als ich mich entschloss, «jetzt sofort» zur Welt zu kommen, war es tiefe Nacht. Eigentlich hatte mich Mutter im Spital zur Welt bringen wollen, da sie schon 39 Jahre alt war. Doch ich liess ihr dazu keine Zeit. Es war eisig kalter Winter, und es lagen etwa anderthalb Meter Schnee. Als sich meine Geburt ankündigte, schickte mein Vater die beiden Grossen, meinen Bruder Koni, der damals dreizehn Jahre alt war, und meine 8-jährige Schwester Margrit, mitten in der Nacht mit der Stalllaterne los, den Berg hinunter zur Kriegersmühle, wo es ein Telefon gab. Sie sollten von dort die Hebamme anrufen. Die beiden verloren aber im tiefen Schnee und durch den Wald die Orientierung und kamen erst am Morgen, als es schon wieder hell wurde, völlig durchfroren unten an. Bis die Hebamme in der Kriegersmühle war, von wo die beiden sie zu uns hinauf mitnahmen, und bis alle drei dann endlich bei uns oben ankamen, war es bereits Mittag, und ich habe längst geschrien. Wie Vater als Hebamme und Mutter zusammen 9
die Geburt in der eiskalten Kammer neben der Stube bewältigt haben, weiss ich nicht. Jedenfalls war ich munter und gesund. Ich habe mich oft gefragt, warum Vater mich am Leben liess, da beide Eltern mich ja nicht mehr gewollt haben. Das wiederholten sie mir gegenüber immer wieder. Mutter hat oft zu mir gesagt, dass sie mich nicht gewollt hatte. Sie hätte nur einen Eimer Wasser am Brunnen holen müssen, dann hätte sie mich verloren (wie schon einige nicht geborene Geschwister vor mir). Aber dann hätten die Nachbarn angefangen zu reden, sagte sie!! Vater sagte später, als er fast vollständig gelähmt war, fast täglich zu mir: «Weisch, Chindli, (er sagte immer
Meine drei älteren Geschwister Margrit, Anny und Koni um 1949.
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Chindli zu mir), weisch, Chindli, wir wollten dich eigentlich nicht mehr. Aber jetzt ist es gut, dass du hier bist und mir helfen kannst.» Er hat sich dann immer mit seinem ganzen Gewicht auf mich gestützt und mich dadurch total zusammengestaucht. Mein schmerzender Rücken erzählt heute noch davon. Nun war ich also da. Ich war das Jüngste von vier Kindern, einem Bub und drei Mädchen, immer im Abstand von vier Jahren. Ein halbes Jahr nach meiner Geburt zog die Familie über den Gäbris zur Südseite des Bergs, auf 1200 Meter über Meer hinauf nach der Unteren Waldstatt. Dort hat sich mein Leben bis zum achten Lebensjahr abgespielt. Es war wunderschön. Es gab keine Strasse, nur Wiesen und Wälder. Und am Waldrand unten sahen wir am Morgen oder Abend oft ganze Rudel von Rehen äsen. Das war für mich immer eine grosse Freude. Wir lebten aber sehr abgeschieden. So war ich auch sehr, sehr scheu. Ging ich mit meiner Mutter einmal ins Dorf, so versteckte ich mich hinter ihrer Rockschürze.
Mutter und Grossmutter in den 1930er-Jahren Die folgenden zwei Fotos meiner Grossmutter und Mutter aus den 1930er-Jahren gehören zu den wenigen Bildern, die ich von ihnen aus dieser Zeit besitze. Meine 11
Mutter, Ida Gächter, ist am 18. Oktober 1911 in Herisau geboren. Sie wuchs als ältestes von sechs Kindern auf. Nach ihr kamen noch vier Brüder und eine Schwester. Als die Jüngsten noch klein waren, verliess die Mutter ihre Familie. Der Vater war Streckenwärter bei der Bodensee-Toggenburg-Bahn (heute Südostbahn), und meine Mutter arbeitete damals bereits bei der Cilander, einer Stofffabrik in Herisau. Doch wer sollte jetzt für die kleinen Buben sorgen? Es blieb dem Vater nichts anderes übrig, als sie in ein Heim zu geben. Dort verbrachten sie den Rest ihrer Kindheit.
Meine Grossmutter, verheiratete Anderegg, geschiedene Gächter, und meine Mutter Ida Gächter um 1930.
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Grossmutter, die auf dem Bild links zu sehen ist, hat nach ihrer Scheidung einen Anderegg geheiratet. Sie bekam von ihm zwei Töchter, liess sich von ihm scheiden, heiratete ihn aber später wieder und gebar ihm noch einen Sohn. Was für eine unglaubliche Geschichte! Ich kannte meine Grossmutter nicht gut, denn es kam nur gelegentlich vor, dass ich meine Mutter bei einem Besuch bei ihr in St. Gallen, wo sie wohnte, begleiten durfte. Ihre älteste Tochter war meine Patin. Nicht nur meine Grossmutter, auch mein Grossvater heiratete wieder, und seine neue Frau gebar ihm ein weiteres Kind. Als sie fünf Jahre später starb, heiratete Grossvater ein weiteres Mal, und wieder wurden Kinder
Meine Eltern Ida Gächter und Johann Ulrich Spiess, um 1935.
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geboren. Über ihren Verbleib weiss ich nicht viel. Nur dass einer nach Amerika auswanderte und dort blieb bis zu seinem Tod, habe ich von meiner Mutter erfahren. Sie selber zog bald von zuhause aus, um in einem Restaurant in Teufen zu servieren. Dort lernte sie meinen Vater kennen.
Tausend Ängste ausgestanden Da wir oben an einem Hang wohnten, ging es steil hinunter zum Rotbach, der beim Schwäbrig entspringt. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine hohe Felswand, von der immer ein Echo rüberkam, wenn man laut rief. Im Winter konnte man oft Rehe husten hören, wenigstens sagte das Mutter, wenn das schaurige Geräusch zu uns rüber tönte. Dann zog ich jeweils die Decke über die Ohren und am Morgen, wenn ich noch bei Dunkelheit durch den Wald in die Schule musste, fürchtete ich mich sehr. Auch wenn die Füchse heulten, trieb mir das einen Angstschauer den Rücken hinunter. Ich wusste, dass diese Tiere irgendwo im Wald waren, wo mich später mein Weg durch führte. Das jagte mir jeweils einen Schrecken ein. Ich hatte auch Angst, im Dunkeln aufs Klo zu gehen, denn es gab immer irgendwo etwas, das knirschte oder knackte. Auch als wir später Strom und elektrisches Licht im Haus hatten, gab es doch immer noch genügend dunkle Winkel, die mir ei14
nen Schreck einjagen konnten, denn Lampen gab’s nur in Stube, Küche und Stall. Auch als ich bereits grösser war und wir in der Oberen Schwende in Teufen wohnten, fand ich es immer noch oft unheimlich. Zum Beispiel wenn ich um fünf am Nachmittag die Schule aus hatte, war es im Winter ja bereits dunkel. Der Heimweg von der Strasse weg über die Wiese war nicht beleuchtet, keine einzige Lampe leuchtete mir den Weg. Manchmal glaubte ich hinter den Obstbäumen Schatten zu sehen, die sich bewegten. Wenn ich dann ausser Atem zuhause ankam und davon erzählte, wurde ich ausgelacht. Oder wenn ich am Abend noch einen Eimer Wasser am Brunnen holen musste, sagte Vater jeweils zu mir, um mir die Angst ein wenig zu nehmen, er würde sich ans Fenster stellen, um aufzupassen. So ging ich zitternd zum Brunnen, um den 10-Liter-Eimer zu füllen, und kehrte damit schnurstracks wieder ins Haus zurück. Ich wusste aber, dass hinter dem Brunnenhaus jemand stand. Ich wusste auch, wer es war, der sich immer in der Nähe unsers Hauses herumschlich, und gerade deshalb war meine Angst so gross. Mir war auch klar, dass Vater nichts hätte tun können, falls ich bedroht worden wäre. Das Bauernhaus, in dem wir wohnten, gehörte zwei ledigen Frauen, die beide etwa um die sechzig Jahre alt waren. Sie besassen am Südhang von Teufen einen zweiten Hof, wo ihnen ein Knecht bei der Arbeit half. Der schaute immer so finster drein, dass ich schreckliche Angst vor 15
ihm hatte – und nicht weniger vor den beiden Frauen. Oft hörte ich nachts, dass jemand im Stall war, auch wenn keine Kühe drin standen. Der Kälblistall war normalerweise verschlossen. Aber wenn ich nachts Geräusche hörte und mich ans Fenster schlich, sah ich Licht dort drin. Dann konnte ich jeweils nicht mehr schlafen, spitzte nur noch die Ohren und hatte Herzklopfen. Ja, in Zeiten ohne Telefon oder gar Handy war man ganz auf sich gestellt und ohne Hilfe, wenn man in Not gewesen wäre.
Rechts vor dem Heufuder neben meiner Mutter eine der beiden Besitzerinnen des Bauernhauses, das wir bewohnten, und oben auf dem Fuder ihr Knecht, vor dem ich mich so fürchtete. Auf dem Pferd sitzt Schwester Anny.
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In den Holzhäusern, in denen wir damals wohnten, gab es auch immer Mäuse, die in der Nacht zwischen den Wänden herumrannten. Man konnte sie ganz gut hören, wenn alle im Bett waren. Wie hasste ich diese Viecher! Als ich einmal einen Osterhasen, den ich als Geschenk gekriegt hatte, auf mein Nachttischchen stellte, hatten die Mäuse ihn am nächsten Morgen überall angeknabbert, und das direkt neben meinem Kopf, während ich geschlafen hatte! Ich war wütend und traurig. Schlimm fand ich auch, dass meine Mutter, wenn sie Vater am Sonntag jeweils die Zeitung vorlas, die Seite mit den Todesanzeigen, Unfällen und Verbrechen nie ausliess. Da musste ich oft schlimme Dinge hören. Wenn ich später wieder allein in den kleinen Laden im Dorf einkaufen gehen musste oder beim Bauern ganz hinten im Tal unseren Fünfpfünder holte, hatte ich immer grosse Angst, durch den Wald zu gehen. Auf halber Höhe, auf der Alp Häldeli wohnte ein alleinstehender Mann, Herr Eugster. Der guckte immer so seltsam. Dazu hatte er einen Vollbart und trug oft ziemlich lange Haare. Ich wusste damals, als ich etwa fünf Jahre alt war, ja noch nicht, dass eines seiner Augen ein Glasauge war. Jedenfalls hatte ich auch vor ihm grosse Angst. Erst später, als ich bereits zur Schule ging, merkte ich nach und nach, wenn meine Mutter jeweils mit ihm sprach, dass er ein gutmütiger Mann war, der einfach sehr einsam lebte. 17
Mithelfen auf dem Hof war wichtiger als lesen zu lernen Meine Eltern, Ida Gächter und Johann Ulrich Spiess, heirateten 1935 und pachteten dann in meiner Heimatgemeinde Bühler in Appenzell Ausserrhoden einen Bauernhof, den sie bewirtschafteten. Vater war ja auf einem grossen Bauernhof in Bühler aufgewachsen und hatte nichts anderes gelernt. Er hatte nur wenig Schulbildung und war Analphabet. Er konnte nicht einmal seinen Namen schreiben. Wenn er unterschreiben musste, machte er einfach drei Kreuze. Auf dem elterlichen Bauernhof musste er viel mithelfen, da sein Vater nicht mehr jung war. Dass Kinder kräftig mit anpacken mussten, war damals üblich. Nur wenn schlechtes Wetter war, durfte er zur Schule. Als er neun Jahre alt war, starb seine Mutter. Das war schwierig für ihn. Später bekam er eine Stiefmutter und einen Stiefbruder. Vater war da schon ein grosser Bub und seines Vaters Knecht geworden. Von Schule sprach da niemand mehr, Hauptsache der kleine Bruder ging regelmässig zur Schule. Der bekam später auch den Hof! Vater als Erstgeborener ging leer aus. Diesen Halbbruder meines Vaters habe ich nie kennen gelernt und auch keine seiner anderen Verwandten. Ich erinnere mich nur, dass Mutter, wenn wir am Haus meines Grossvaters vorbei gingen, jeweils den Satz sagte: «Dieses Haus gehört eigentlich uns». Aber unternommen hat sie nie etwas. 18
Das Hochzeitsfoto meiner Eltern von 1935 zeigt meine Mutter in einem schwarzen Hochzeitskleid. Der Vorteil davon war, dass man ein solches Kleid später bei anderen Gelegenheiten wieder tragen konnte. Vaters Uhrkette, die er auch an Werktagen trug, habe ich mir als Andenken an ihn bis heute aufbewahrt.
Kinderlähmung 1936 kam mein Bruder Koni zur Welt, 1941 meine älteste Schwester Margrit. Als diese fünf Wochen alt war, erkrankte mein Vater. Er war plötzlich einseitig gelähmt, und der Arzt behandelte ihn fünf Wochen lang im Glauben, er hätte eine Magenvergiftung. Mein Vater aber hatte die Kinderlähmung. Er brach eines Tages zusammen und musste als Notfall nach Zürich ins Spital Balg19
rist gebracht werden. Dort lag er ein ganzes Jahr. Sechs weitere Fälle von Kinderlähmung, die später in unserem Dorf ausbrachen, konnten alle geheilt werden. Nur eben, meinem Vater half das nicht. Die Herren der Gemeinde nahmen darauf meiner Mutter, die nun ohne Auskommen war, den Hof weg, und sie musste mit den beiden kleinen Kindern, das eine fünf Jahre, das andere fünf Wochen alt, in ein anderes Haus umziehen. Ein einziges Mal bekam sie von der Gemeinde Geld für ein Bahnbillett nach Zürich, um den Vater im Spital zu besuchen. Sie erzählte mir immer wieder, wie schlimm das gewesen sei. Sie konnte Vater nur durch eine Glasscheibe sehen und sprechen und ihre Hand nur an der Scheibe auf
Mein Vater Ueli Spiess als junger Bauer.
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