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Die_Galeere_am_Saentis_Leseprobe

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Die Galeere am Säntis Der Codex 995a 124 von Laienbruder Filippo und das Konzil von Konstanz Mit Illustrationen des Autors

Kurt Fröhlich

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Fährbetrieb 1999 / 2026

Für meine Mutter †

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Vorwort Diese als StBSG Codex 995a 124 bezeichnete Handschrift aus der Stiftsbibliothek von St. Gallen galt seit mehr als 500 Jahren als verschollen. Über die näheren Umstände ihres Wiederauftauchens tappen wir noch vollkommen im Dunkeln. Die Finder der Schrift, Personen eines als Wanderbühne auftretenden Puppentheaters, verstrickten sich in die widersprüchlichsten Aussagen, schienen auch unwillens, irgendwelche dienliche Angaben zu machen, sowohl was Umstand und Zeitpunkt des Fundes, als auch den Fundort betrifft. Ein ausgesprochen bedenkenloser Umgang mit der kostbaren Schrift scheint die Theaterleute geleitet zu haben. Hier konnte die Redaktion im letzten Moment eine drohende Beschädigung oder gar den Verlust des Codex verhindern. Verschiedene Hinweise deuten auf einen Fundort in Frankreich, am Rande des Elsass, hin. Eine Verbindung zum Kloster Murbach ist bisher lediglich Vermutung. Zur Datierung und Textredaktion: Die Handschrift ist weder datiert noch signiert. Verschiedene Hinweise deuten jedoch darauf hin, dass der Bericht um 1432 fertiggestellt wurde, als Friedrich Coelner in St. Gallen weilte. Friedrich Coelner (oder Kölner), vermutlich aus Köln stammend, war vorher Mönch im Kloster Hersfeld (Hessen). Er übernahm

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auf Wunsch des Abtes Eglolf Blarer (Vorsteher des Klosters St. Gallen 1426 – 1442) die geistige Führung in St. Gallen, wurde allerdings bereits 1436 wieder von dort entfernt. Ein interessanter Eintrag stammt von seiner Hand. Er lautet, ins heutige Deutsch übertragen: «Unmittelbar nach Beendigung seiner Niederschrift seiner Historie von der Galeere, hat uns unser geliebter Laienbruder Filippo Hals über Kopf verlassen, ohne von seinem Ziel oder Aufenthalt irgendjemandem Bescheid zu tun. Wir wünschen seiner Seele den Frieden Gottes. C.» Da im Schriftvergleich alle Zweifel an der Echtheit des Eintrages von Coelners Hand ausgeschlossen werden konnten, können wir als gesichert betrachten, dass der Codex von Laienbruder Filippo, der Hauptperson des in Mittelhochdeutsch abgefassten Textes, selber verfasst wurde. Dass er in Er-Form erzählt, scheint lediglich eine von ihm gewählte Freiheit der Erzählform zu sein.

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egen Ende des Jahres 1414 war der Krieg zwischen England und Frankreich eben wieder aufgeflammt. Ein Krieg, der sich längst verselbstständigt, sich in den Köpfen festgesetzt hatte.1 Zu dieser Zeit gab es kaum mehr eine lebende Seele, die den Beginn des Krieges noch selbst erlebt hätte. Seit nahezu achtzig Jahren verwüstete er die Länder des mittleren Europas. Kaum jemand konnte sich des Grundes entsinnen, weshalb er begonnen hatte, aber jedermann kannte die Parolen, warum er weitergeführt werden müsse. Klar war den meisten, weshalb er schon längst zu Ende sein sollte: Zum Beispiel der geschundenen Landbevölkerung, für die es nicht so sehr darauf ankam, welcher Kriegsherr nun wieder über ihre Felder und Dörfer hinwegstürmte; die fremden Heere kannten den Hunger genauso wie die Heere des eigenen Königs, die Frauen gefielen ihnen ebenso, jede Seite kannte hundert und mehr Gründe, Unschuldige zu drangsalieren und zu töten. Am schlimmsten waren die aufgelösten Haufen, die geschlagenen Reste der Streitmächte, die marodierenden Banden. Und als wäre damit noch nicht genug Leid gesät, sass allen noch der Schrecken der grossen Pest in den Knochen. Sechzig Jahre lang hatte die Seuche in immer neuen Wellen die Welt überflutet, nicht nur Tod und Verderben hinterlassend, sondern auch Herzlosigkeit und tiefe Depression.

1 · Der Hundertjährige Krieg (1339 – 1450) flammt unter Heinrich V. von England wieder neu auf im Jahre 1415. Frankreich hat mit wechselnden Grenzen und Besetzungen sowie durch die Gefangennahme des Königs eine Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zerfalls erlebt.

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Um 1400 war ein Drittel der Bevölkerung Europas der Pest zum Opfer gefallen! Die einzige Macht, die den leidgeprüften Überlebenden Halt hätte vermitteln, den Landstrichen einige Ordnung hätte sichern können, die Kirche, war zerrüttet durch Streit, Habsucht, Neid, und die Gebote der Nächstenliebe waren vergessen. Auf Druck des Königs von Frankreich hatte der Papst siebzig Jahre lang in Avignon residiert. Um die Macht zurückzugewinnen, setzte die Kirche wieder einen Papst in Rom ein. So residierten seit vierzig Jahren zwei Päpste, und – als wäre das noch nicht genug – wählte das Konzil von Pisa einen neuen, da aber von den bisherigen keiner zurücktrat, kämpften gar drei Päpste um die Macht, finanzierten ihren Hofstaat mit dem Verkauf von Ablässen, prassten und vergnügten sich – ein «Babylon des Westens», wie Petrarca schrieb.2 Seit dem Sommer des Jahres 1414 versuchte ein neues Konzil, dieses Mal in Konstanz, die Kirche zu einen, Reformen voranzutreiben und die drängendsten Fragen zu lösen, Versuche, die eher einem Machtkampf glichen, betrieben mit und gegen kirchliche wie weltliche Instanzen.

2 · Petrarca, bereits 1345 in einem Brief an seinen Bruder.

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u jener Zeit lebte in Avignon, in einem dieser Machtzentren, allerdings ohne jegliche Macht, ein Laien­ bruder, von allen etwas spöttisch «Bruder Filius» genannt. Als sechstes Kind einer armen Bauernfamilie konnte er froh sein, im Kloster des Papstpalastes Unterschlupf gefunden zu haben.3 Er hatte Lesen und Schreiben lernen dürfen, um jetzt Hunderte von Ablasszetteln ausstellen zu müssen. Er kannte die Tarife für kleine und grosse Lügen, für Diebstahl, Ehebruch, Mord. Er hatte erfahren, dass nicht alle die gleichen Sünden begingen, und dass, wer die gleichen Sünden beging, noch lange nicht gleich viel bezahlte, um sich davon loszukaufen. Filippo liebte die Abendsonne, die aufs Portal seiner Kirche schien und die Statuen wunderschön beleuchtete, indes: Er sorgte sich um das Innere dieser Kirche. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er etwas gesehen, das ihm die Sprache geraubt, die Sinne verwirrt hatte. Ein Wunder! Im grossen Gefolge des Kardinals Ottavio hatte er Köln besucht. Dort war ein Dom im Bau, so etwas unvorstellbar Schönes hatte er noch nie zuvor gesehen! Das Kirchenschiff, die Fenster – so musste das Paradies aussehen, sollte es denn je einmal auf dieser Erde errichtet worden sein! 4 Ein Glaube, der solches erschuf, konnte nicht falsch sein. Zwölf Jahre später sitzt dieser Laienbruder in einer anderen Ecke der Welt, im bedeutenden Kloster von St. Gal-

3 · Zwischen 1309 und 1378 residierten sieben französische Päpste in Avignon: Clemens V., Johannes XXII., Benedikt XII., Clemens VI., Clemens VII. (Robert von Genf ), Benedikt XIII.; ab 1378 residierten auch in Rom wieder Päpste: Gregor XI., Urban VI., Bonifaz IX., Innozenz VII., Gregor XII. Das Konzil von Pisa erklärte sowohl Benedikt wie auch Gregor für abgesetzt, wählte Alexander V., der bereits 1410 starb. Nachfolger wurde Johannes

XXIII. Die beiden für abgesetzt er­ klärten Päpste demissionierten jedoch nicht. Später wurde die Nennung «Johannes XXIII.» gestrichen, der Name wurde neu übernommen vom 1958 gewählten Papst, der 1962, ein Jahr vor seinem Tod, ein Konzil nach Rom einberief. 4 · Um 1410 wurde in Köln, nach etwa 60-jähriger Bauzeit, der Südwestturm des Domes bis zu einer Höhe

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len. Allein (denn auch hier sind die Zeiten für Geist und Kultur nicht die besten) im Skriptorium, beugt er sich über die feinen Pergamente und schreibt und zeichnet. Er hat vom Abt 5 die Erlaubnis bekommen, seine eigene Geschichte niederzuschreiben, wie sie sich zwischen der Silvesternacht des Jahres 1414 und dem April 1415 zugetragen hat. Es ist die Geschichte der Galeere am Säntis.

von rund 50 Metern fertiggestellt. Der Kölner Dom (begonnen 1248) galt als der Versuch, die «perfekte» Kathedrale zu bauen. 5 · Abt Eglolf Blarer (a. a. O.)

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n einem sonnigen, winterlichen Nachmittag sass der Laienbruder Filippo unter einem Seitenportal seiner Kirche. Die Sonne wärmte die Steine und leuchtete in die Gesichter und Gewänder der aus bräunlichem Sandstein gearbeiteten Figuren. Filippo liebte es, im letzten Licht des Tages hier zu sitzen und die lächelnden Gesichter der Frauen und Männer zu betrachten. Er liebte es, wie sie da standen, ihn unaufdringlich einluden, den Kopf zu heben, die Engel und biblischen Figuren über sich zu betrachten, als stünde der Himmel offen. Ein Himmel, in dem Heilige und Engel zu Hause waren, aber auch Löwen, Adler, grimmige Kobolde, Wasser speiendes Getier und träge Elefanten. Alles war zusammen, wie im Paradies. Hier entdeckte er jene heitere, wärmende Zuversicht in sich selbst, wie sie sich auf den Gesichtern dieser Propheten und Jungfrauen des Portals zeigte. Wie bedauerte er jene, die ihr Anrecht auf das Paradies vertan hatten und nun von heulenden tanzenden Teufeln, an Seilen geführt, den ewig züngelnden Feuern zugetrieben wurden. Eben erlosch die Sonne in den steinernen Bildnissen und aus Gewandfalten und Hintergründen wuchsen blaue Schatten, als Filippo meinte, über seinem Kopf Stimmen zu vernehmen. In der Mitte der Figuren sass gross der Schmerzensmann und weinte. Neben ihm stand eine Frauenfigur, mit einem Tuch in den Händen. Auch sie weinte. An sie

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wandte sich der Schmerzensmann: «Wozu habe ich geblutet, wozu hast du geweint? Was ist aus unserem Leiden und Sterben geworden? Kein Hirt weidet mehr meine Schafe, mehr noch, von Wölfen werden meine Schafe gepeinigt und gerissen.» Die Frau reichte ihm das Tuch noch einmal. Filip­po kannte sie, das war Veronika.6 Der tiefe Bass eines grossen steinernen Mannes auf der anderen Seite liess sich vernehmen: «So erlaube mir, dass ich meinen Löwen unter jene jage, die deine Ehre, Herr, mit Füssen treten, die dem einfachen Volk Gut und Leben abpressen, den Kindern zu gedeihen verwehren, den Friedliebenden die Erde zum Jammertal verkommen lassen. Ach! Herr, mir platzt der Kragen!» Filippo sah, wie das Lächeln aus den Gesichtern verschwunden und Gram und Trauer an seine Stelle getreten waren. Nur unten auf den Kapitellen tanzten noch wilde Männer und Frauen mit Drachen und Würmern, ungeachtet der Szene über ihnen. «Lass deinen Löwen an deiner Seite, Markus, denn du weisst, dass durch das Schwert umkommt, wer danach greift!», antwortete der Schmerzensmann dem steinernen Gefährten. Die Reihe der verlorenen Seelen, die ihrer Verdammnis zuschreiten, von den Teufeln gedrängt und gequält, stöhnte auf. «Mein ist die Rache!», tönte es wie aus dem Nirgendwo, vermutlich von der Figur mit den ausgebreiteten Armen ganz oben.

6 · Heilige Veronika. Legendenhafte Figur aus dem Umfeld Jesu. Meist im Zusammenhang mit dem Kreuzweg genannt, wo auch die Legende vom Schweisstuch inzwischen im VI. Bild des Kreuzwegs kanonisiert ist.

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Bruder Filippo liess seine im heiligen Eifer geballten Fäuste wieder sinken, enttäuscht darüber, dass er nicht mit seinen Fäusten, auf des Löwen Rücken reitend, seinem Herrn Achtung verschaffen und der geschundenen Menschheit ein Stücklein Glück und Ordnung erkämpfen durfte. In diesem Moment trat eine Frau aus dem Hintergrund und sprach: «Mein Sohn, du weisst, dein Tod hat mir schier das Herz gebrochen, aber du hast ihn zum Wohl der Menschen erlitten. Weshalb aber sterben Tausende in Kriegen, die sie nicht verstehen und nur deshalb führen, weil kein besseres Los auf sie wartet? Wie können wir Mütter das verstehen? War dein Reich je weiter entfernt von den Bedürftigen als heute?» «Mutter, mach mir das Herz nicht noch schwerer», antwortete der Schmerzensmann, «ich kenne die Menschenseele – und bin doch immer wieder erstaunt zu erkennen, welches Leid sich der eine noch auszudenken vermag wider den anderen. Als Gottessohn kenne ich den Gang der Welt, als Mensch bin ich erschüttert über jedes einzelne Leid.» 7 Bruder Filippo stand mit Tränen in den Augen vor den steinernen Figuren und vernahm den Rest des Gespräches nicht mehr. Er hatte ein Würgen in der Kehle. Er hörte erst wieder, wie die Engel der äussersten Reihe einen Gesang anhoben: «Tut das Werk des Glaubens!», vielstimmig und begleitet von kleinen, silberhellen Posaunen. «Tut das Werk

7 · Die Figur des Schmerzensmannes gehört nicht zur Darstellung des Kreuzweges: Er ist bereits gekreuzigt worden, erscheint aber als lebendiger Mensch.

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