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Hölzigi

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HÖLZIGI VON TRADITIONELL BIS AKTUELL

Ernst Hohl-Kulturstiftung Appenzell Schriftenreihe Haus Appenzell Band 18


INHALTSVERZEICHNIS

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Vorwort

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Senntumsschnitzerei als appenzellische Volkskunst – Hans-Rudolf Merz

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Jakob Müller – Handlich – Simone Schaufelberger-Breguet Werke von Jakob Müller

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Konrad Zülle – «D’War isch fertig» – Simone Schaufelberger-Breguet Werke von Konrad Zülle

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Er und sie – Daniel Eggli und seine Holzfiguren – Hao Hohl-Yu Werke von Daniel Eggli

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Dank Impressum

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VORWORT

Die Hälfte des Kernteams des Hauses Appenzell sind «Hölzigi» – ich gehöre auch dazu. Schon in jungen Jahren war ich mit meinem Vater in unserem Betrieb unterwegs, zu dem auch eine Schreinerei gehörte. Den Geruch des Holzes liebte ich von Beginn an, und nur allzu gern entsprach ich dem Wunsch meines Vaters, eine Teillehre als Schreiner anzugehen. Immer wieder begegnete ich später in meinem Leben dem Werkstoff Holz. Meine früheren Jahre im Appenzellerland brachten mich schon bald mit einigen Senntumsschnitzern zusammen, überbrachten wir ihnen doch während Jahren immer wieder Holzanschnitte aus unserer Produktion, die sie mit offenen Armen entgegennahmen. Aber nicht nur dort begegnete ich dem Holz. Nein, schon seit Anfang der 1970er-Jahre werden auf den Hauben der Appenzeller Silvesterkläuse geschnitzte Elemente verwendet, die sich mit Themen aus dem Brauchtum auseinandersetzen. Entweder wurden sie von den Schuppeln direkt bei den Senntumsschnitzern in Auftrag gegeben oder gleich selbst geschnitzt – oft mit ganz primitiven Mitteln, wie dem guten alten Sackmesser. Die nach wie vor gelebten Traditionen aus dem Appenzellerland, aber auch von anderen Orten der Schweiz, sind beliebte Motive. Die wunderschönen Hauben der Silvesterkläuse im Kleinformat sind unter anderem auch wesentliche Bestandteile unserer Ausstellung. In ihrer ganzen Pracht und Originalgrösse dürften sie dann in einer kommenden grossen Schau im Haus Appenzell zum Tragen kommen. Die aktuelle Ausstellung befasst sich mit zwei massgebenden Senntumsschnitzern, aber auch mit den Arbeiten eines Holzartisten der ganz besonderen Art. Die herkömmlichen Schnitzwerkzeuge hat er durch Kettensägen ersetzt. Doch auch so können bewundernswert filigrane Holzarbeiten entstehen. Ich hoffe, Ausstellung und Katalog vermögen bei Ihnen das Interesse an den «Hölzigen» zu wecken. Die geschnitzten Objekte verkörpern, jedes auf seine Art, die Menschen, die dahinterstehen, und deren Begegnungen. Ich wünsche den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung viel Freude und eine interessante Entdeckungsreise in die Welt des Traditionellen und Aktuellen! Ernst Hohl, Präsident der Ernst Hohl-Kulturstiftung Appenzell Oktober 2023

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SENNTUMSSCHNITZEREI ALS APPENZELLISCHE VOLKSKUNST Schnitzerei ist eine Form der Rundplastik und zählt neben dem Relief als Sparte zur Skulptur. Nach Bronze und Marmor ist Holz das drittmeist zum Schnitzen verwendete Material. Am beliebtesten ist Lindenholz. Max Frisch schwärmte, es sei nicht hart und nicht eigensinnig, sondern ein williges, treues Holz mit seiner Helle und dem Gleichmut seiner Jahrringe. Die drei Stufenelemente der Schnitzerei Schnitzen ist zunächst einmal einfach ein

Handwerk. Mit dem Beherrschen der Technik wird Schnitzen zweitens zur Kunstfertigkeit. Und mit der Motivverleihung wird Schnitzerei in einer weiteren Stufe drittens zur Schilderung. Diese Dreistufung kennzeichnet das Holzschnitzen über alle Zeiten hinweg. Von der Archaik bis zur Senntumsschnitzerei ab dem 19. Jahrhundert. Schnitzende müssen mit anderen Worten den sachgerechten Umgang mit Holz kennen. Hierzu bedarf es verschiedenster geeigneter Instrumente, vom Stechbeutel bis zum Pinsel. Die Schnitzenden müssen das Talent zum Können besitzen. Sie müssen eine stilistisch-bildliche Form für ihre Objekte finden. Das Ganze muss sich den Betrachtenden als Aussage erschliessen. Schnitzereien waren schon immer Objekte der Freude, des Anschauens, des Erinnerns, der Gefühle. Aber ihr Stellenwert in Kunst und Gesellschaft unterlag Strömungen, sie durchlebten Hochs und Tiefs in Ausübung und Anerkennung. Wie alle Hervorbringungen des Menschen entstanden Schnitzereien in archaischer, sagenumwobener Zeit. Kulturhistorisch erfasst sind sie indessen ab der griechischen und der ägyptischen Antike. Griechische Skulpturen waren mythologischen Themen gewidmet. Sie stellten Götter, Giganten und Helden dar. Die Römer wandten sich eher alltäglichen Motiven und Figuren zu, auch zum schmückenden Hausgebrauch.

Früher Höhepunkt der Holzschnitzerei im Mittelalter

Die grosse Zeit der Holzschnitzerei setzte mit der Christianisierung durch Konstantin den Grossen im byzantinischen Reich um das Jahr 330 ein. Im anschliessenden Mittelalter bis Anfang der 1500er-Jahre dominierte die sakrale Kunst. Bis heute legen grossartige, unnachahmliche Werke Zeugnis von ganzen Generationen Schnitzender ab. Während der Gotik und der Renaissance kam es zur Gründung eigentlicher Schnitzerei-Unternehmen. Die Patrons hiessen Multscher, Hagenau, van Leyden, Pacher, Stoss, Riemenschneider. Sie beschäftigten oft mehrere Mitarbeiter und selbst Lehrlinge und betrieben teilweise eigene Malerwerkstätten. Auftraggeber waren christliche Orden, Klöster, Zünfte, Städte, Feudal-

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Geschnitzter Hauptschrein des Isenheimer Altars, Niklaus von Hagenau, um 1500, Musée Unterlinden, Colmar.

herren. Dabei entstanden Altäre, Heiligenfiguren, Madonnen, Motive aus dem alten und dem neuen Testament, Chorgestühle, Krippen und Porträts. Kurz: Die Holzschnitzerei stand auf ihrem Höhepunkt, und sie war allgegenwärtig. Einige der grossartigsten Werke, wie der Isenheimer Altar in Colmar oder die Schnitzerei in der Marienkirche von Krakau, blieben glücklicherweise bis heute erhalten. Die Ebbe der Sakralschnitzerei Mit dem auf die Reformation folgenden Bildersturm

fand die sakrale Holzschnitzerei ein jähes Ende. Viele Werke verschwanden während dieser Zäsur und Aufträge versiegten. Die ehedem reiche und reichhaltige Schnitzereibranche brach ein. Es war eine epochale Zäsur. Während der Renaissance wandten sich die Bildhauer anderen Materialien und Themen zu. Sie arbeiteten mit Bronze, Marmor und Keramik. Bildhauerei und Architektur gingen Bündnisse für monumentale Kirchenbauten, vor allem in Florenz, Mailand und Rom, ein. Donatello, Michelangelo, Brunelleschi waren die neuen Giganten in diesem Verbund. Daneben entstanden nun auch Skulpturen wie Reiterstandbilder, Obelisken, private Denkmäler oder Grabstätten sowie Büsten von hochrangigen Persönlichkeiten. Wir verdanken dieser Epoche zeitlose Meisterwerke wie Michelangelos Pietà im Sankt Petersdom zu Rom. Es verkörpert die Muttergottes mit dem vom Kreuz genommenen Leib Jesu. In der vorwiegend höfischen Kunst zu Zeiten von Barock und Rokoko erlebte die Holzschnitzerei ein schüchternes Wiederaufleben. Der filigran-überladene Altar der Kirche San Esteban in Salamanca ist stellvertretendes Beispiel dafür. Im Übrigen stammten Schnitzaufträge nun von Kunstliebhabern, von Privatpersonen und von Adligen. Mit Aufkommen der

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Geschnitzte und bemalte Holz­ figurengruppe eines Bauers mit Pfluggespann, Ägypten, 11.–12. Dynastie, um 2100–1800 v. Chr., British Museum, London.

sogenannten Moderne gab es sozusagen keine Holzschnitzerei mehr. Napoleons Welt sorgte für marmorne und bronzene Skulpturen. Und Rodin stand vor der Tür. Schnitzereien landwirtschaftlich-bäuerlichen Lebens sind während Jahrhunderten wenig bekannt und vermutlich auch selten hergestellt worden. Eine fast kuriose Ausnahme bildet die aus Ägypten stammende in Lindenholz geschnitzte Szene eines Bauern, der mit zwei Ochsen seinen Acker pflügt. Die Figuren entsprechen in Genre und Grösse etwa den heutigen Senntumsszenen. Die Gruppe ist im British Museum in London ausgestellt und ist etwa viertausend Jahre alt. Die Senntumsschnitzerei im Appenzellerland

Die Zeit der Romantik von etwa 1770 bis 1880 sorgte für die Wiederauferstehung der Holzschnitzerei. Das hatte folgende Bewandtnis: Der Tourismus kam auf. Im Appenzellerland gesellte sich das Molkenkurwesen dazu. Die ersten Eisenbahnen erleichterten das Reisen. Ländliche Bevölkerungen fanden schrittweise ihr neues Selbstverständnis. Man pflegte Tradition und Brauchtum und entwickelte diese zügig. Trachten und Volksfeste lebten auf. Folkloristisch gestaltete Alpfahrten gibt es in allen lebendigen voralpinen Hirtenkulturen, sprich in der Freiburger Poya, in der Innerschweiz, im Berchtesgadener Land, im Tirol oder in den Pyrenäen. Aber nirgends entfalten sie ein derart prachtvolles, fröhlich-festliches Cachet wie im Appenzellerland und im Toggenburg. Das Alpfahren besteht in diesen gebirgigen Gegenden neben vielen anderen religiösen und weltlichen Brauchtümern und Traditionen. Hierzulande sind es zum Beispiel die «Alpstobete», der Sennenball, die Jakobifeier. Der Alpaufzug als ritualisierte, farbenprächtige Fahrt zu den sommerlichen Alpen des Alpsteins begründete um 1850 die Senntumsschnitzerei. Erste heute noch erhaltene Kuhfiguren wurden in Hundwil und Urnäsch aus Lindenholz gefertigt. Die Meinung, Alpaufzug und Senntumsschnitzerei seien alte Bräuche, trifft folglich nicht zu. Hingegen erkannten erste Sammler aus Basel und Zürich früh den Wert, die Originalität und die Ausdruckskraft der Gattung Senntumsschnitzerei. Sie bewunderten das Zusammenspiel von Kunstfertigkeit und Schilderung.

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Beim Schnitzen einer Kuh.

Schablonen für Schnitzfiguren.

Die Senntumsschnitzerei gehört zusammen mit der Senntumsmalerei, der Möbelmalerei, der Sennensattlerei, der Weissküferei, der Sennentracht samt deren Schmuck zur appenzellischen Volkskunst. Die bäuerliche Handwerkskunst entstand durch ausgebildete oder erwerbstätige Handwerker. Unter den Bauernmalern und Senntumsschnitzern herrschen dagegen die Autodidakten vor. Schnitzen ist an sich keine Kunst. Oft reicht dazu ein einfaches Sackmesser aus. Zur Verfeinerung benötigt der Schnitzende jedoch eine Anzahl tauglicher Instrumente wie Stechbeutel, Balleisen, Flacheisen, Geissfuss, Ahle, Bohrer oder Säge. Häufig skizzieren Senntumsschnitzer ihre Figuren, vor allem die Kühe, im Umriss als Schablone Wie wird geschnitzt?

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Lediwagen von Werner Meile, Schwellbrunn.

auf einem Karton oder auf festem Papier. Zu den Vorreitern dieses Vorgehens gehörte der Herisauer Schnitzer Hans Haas (1927–2005), dessen Schablone noch heute auch von Hobbyschnitzern verwendet wird. Accessoires werden mithilfe von Lederlappen, Zahnstochern, Feinschnüren, Metallplättchen und schliesslich Farbe und Pinsel hergestellt. Sie dienen dem Erschaffen von Sennenfiguren, Pferden und Zaumzeug, vor allem aber auch dem «Ledi» genannten Vierradwagen, beladen mit den Instrumenten zur Käse- und Butterherstellung. Es ist Kleinarbeit oft vom Feinsten. Einige Schnitzer verfertigen ihre Senntümer mit Unterstützung handwerklich begabter Ehepartner oder Dritter. Der Urnäscher «Doyen» unter den Schnitzern, Heinrich Müller (1918–2005), vertraute das Bemalen der Figuren des Öfteren seiner Frau an. Andere beanspruchten für Einzelheiten oder Details, wie die Bespannung oder die Geschirrung der «Ledi», geduldträchtige Fingerarbeit von Freunden, oder sie liessen die «Ledi» gar von anderen Schnitzern herstellen. Diese ist für viele Schnitzende die «pièce de résistance», erfordert sie doch sehr genaue Kenntnisse der geladenen Objekte und Können beim Erstellen derselben in vorgesehener Ladeordnung. Bemerkenswert ist, dass Handreichungen durch Dritte im Ganzen des Senntums nicht auffallen und daher unerkannt bleiben. Bei den Senntumsschnitzern der ersten Generation handelte es sich um Bauern mit Bezug zur Alpfahrt. Sie führten ihr eigenes Vieh zur Alp oder verbrachten den Sommer als Sennen dort oben. Die Bauern schnitzten vorwiegend in den besorgungsärmeren Wintermonaten. Das ist im Wesentlichen bis heute so geblieben. Ziel ist es, das Haben und das Sein des Bauernhofs in Stolz und Pracht zu erfassen, ins Holz zu bringen, zu zeigen. Der Tag der Alpfahrt im Mai, auch «Öberefahre» genannt, ist für die Bauernfamilien und für das Vieh aufregend und vor allem festlich. Tagwache herrscht vor Sonnenaufgang. Bauern und Sennen kleiden sich in Trachten, teils in rotem Brusttuch und gelber Hose, teils in brauner Werktagstracht. Nach dem Frühstück Was treibt Senntumsschnitzende an?

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Ausschnitt aus einer Alpfahrt von Hans Haas, Herisau.

formiert sich der Zug. Das Vieh – so schildern die Bauern übereinstimmend – verlässt die Ställe in freudiger Unruhe. Alsbald beginnt der lange Marsch auf den Zufahrtsstrassen und Wegen zu den Alpen des Alpsteins. Bei den Alphütten angekommen, wird der Sommer durch «Zauren» oder «Rugguseren» genannte Jodelweisen der Sennen und Bauern eingesungen. Die heutigen Senntumsschnitzenden Zu den Vorreitern der Senntumsschnitzerei ge-

hörte der 1885 im toggenburgischen Ganterschwil geborene Alfred Forrer (†1980). Er verdiente sein Brot zunächst als Bauer, später als Textilarbeiter. Er entsprach damit gewissermassen dem Bild der frühen Schnitzer. Mit der Hundwiler Bäuerin Emma Meier-Bruderer (*1950) stiess in neuerer Zeit erstmals eine Frau zum Kreis der Senntumsschnitzenden. Während in der Senntumsschnitzerei anfänglich fast nur Alpfahrten mit Geissbub, Ziegen, Geissmädchen, Sennen, Kühen, Bauer, Bläss (Hofhund) und Lediwagen abgebildet wurden, kamen mit der Zeit weitere Motive und Szenen aus dem bäuerlichen Alltag und dem Brauchtum hinzu: so etwa die Silvesterkläuse, die «Blochfahrt», Appenzeller Streich­ musiken oder Tanzgruppen. Der Brauch des Silvesterchlausens hat seinerseits manchen Brauchträger dazu veranlasst, das Schnitzmesser in die Hand zu nehmen. Schier unermesslich sind die Vielfalt und die Zahl der dreidimensionalen Szenen aus dem bäuerlichen und auch nichtbäuerlichen Alltag und Festtag, die über die Jahre und Jahrzehnte auf den Hüten und Hauben der «Schönen» (Typ Silvesterkläuse) dargestellt wurden. Für die Herstellung dieser Pracht braucht es ohne Zweifel zahllose sehr begabte sowie kreative schnitzende und gestaltende Hände, die in der Regel anonym bleiben. Es ist anzunehmen, dass darunter auch viele bekannte und erfahrene Senntumsschnitzerinnen und -schnitzer zu finden sind. Schliesslich dürfte es kein Zufall sein, dass ein Grossteil der Senntumsschnitzenden aus der Region stammt, in der auch «gchlaused» wird. So befruchten sich die Senntumsschnitzerei und das Silvesterchlausen gegenseitig und gehen miteinander eine Symbiose ein, aus der

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Figuren verschiedener Senntums­ schnitzender. Links, von oben nach unten: Alfred Forrer, Herisau Heinrich Müller, Urnäsch Bruno Ehrbar, Herisau Rechts, von oben nach unten: Sämi Frick, Urnäsch Emil Stricker, Herisau Emma Meier-Bruderer, Hundwil

wiederum der Humus entsteht, auf dem die einzigartige Kultur der appenzellischen Senntumsschnitzerei gedeihen und ihre Pracht entfalten kann. Was die Schnitzenden verbindet, ist ihre Schaffensfreude und die Lust am kreativen Gestalten. Sie sind unter sich nicht in Verein oder Zunft organisiert. Manche von ihnen mussten aus vorwiegend gesundheitlichen Gründen die landwirtschaftliche Arbeit aufgeben und sich nach einem neuen Erwerb umsehen, andere schnitzen rein als Hobby. Gemeinsam ist allen Schnitzenden sicher die Heimatverbundenheit: Die meisten haben das Appenzellerland kaum je verlassen. Sie betrachten ihre eigenen Senntümer und Traditionen mit Wohlgefallen und Stolz, aber sie reden ungern darüber. Die Vollendung eines geschnitzten Senntums erfordert Geduld, Geschick, Gemütsarbeit. Sie dauert nach Massgabe eines Achtstundentages meist mehr als einen Monat. Alle Senntumsschnitzenden erfüllen die eingangs aufgezeigten Kriterien von Handwerk, Kunstfertigkeit und Schilderung auf ihre eigene Weise und sind daher relevant. Einzelne Schnitzer wie Werner Meile (*1974, Schwellbrunn), Hans Haas (1927–2005, Herisau), Bruno Ehrbar (*1965, Herisau), Emil Stricker (*1941, Herisau), Fritz Schläpfer (*1950, Speicher) oder Sämi Frick (*1956, Urnäsch) haben es dabei zu künstlerischer Meisterschaft gebracht. Deren Skulpturen halten grenzüberschreitenden Massstäben stand. Bei näherem Hinschauen mag es je nach Stil Kategorien von Schnitzenden geben – so etwa die Exoten, die Braven, die Dynamischen, die Perfektionisten, die Wilden, die Art-bruts. Doch wie dem auch sei: Alle haben mit gleicher Inbrunst, Hingabe und aus ihrer bäuerlichsennischen Erfahrung heraus den alljährlichen hohen Freudentag der Alpfahrt ins Holz gebracht. Dr. Hans-Rudolf Merz, Herisau Altbundesrat, langjähriger Präsident des Appenzeller Volkskunde-Museums Stein AR, Kenner und Sammler der Senntumsschnitzerei

Quelle: Merz, Hans-Rudolf (2019): Senntumsschnitzerei im Appenzellerland und im Toggenburg. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag.

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JAKOB MÜLLER HANDLICH Überdimensional breitschultrig stehen Jakob Müllers holzgeschnitzte Männer und Frauen im Raum. Wollten wir ihrer imponierenden Erscheinung nach auf ihren Erschaffer schliessen, lägen wir völlig daneben. Diese kraftstrotzenden Gestalten stammen mitnichten von einem Bodybuilder, sondern von einem eher kleinen und äusserst feingliedrigen Mann, dem man seine bäuerliche Herkunft keineswegs ansieht. Mit 34 Jahren übernahm er den Bauernhof seiner Eltern in der Steblen (Waldstatt AR), wo er bis dahin Knecht bei seinem Vater gewesen war. Dieser wichtige Schritt ging mit seiner Heirat mit der Bauerntochter Dora Zimmerli aus Boniswil AG einher, die er kennengelernt hatte, als sie in Schwellbrunn AR arbeitete. Jakob Müllers Schwester hatte mir ihren Bruder, ältestes von sechs Geschwistern, als schwächliches Kind geschildert, das ständig krank war. Es erstaunt daher nicht, dass dessen Rücken die anstrengende Arbeit bald einmal verweigerte. 16 Jahre lang kämpfte Jakob Müller sich noch durch, bis er seinen Bauernhof aufgeben musste. Dann zog er mit seiner um die drei Kinder Frieda, Margrit und Walter gewachsenen Familie nach Herisau AR, wo er in der Fabrik Walke Packstoff AG als Arbeiter überall dort zupackte, wo er gerade gebraucht wurde. Bereits als Fabrikarbeiter hatte er an freien Tagen zuweilen Spielzeugkühe für Kinder geschnitzt. Nach der Pensionierung aber begann seine wohl erfüllendste Zeit. Schnitzen wurde zu seiner Leidenschaft. Jetzt konnte er seine ehemals sieben bis acht Kühe vermehren zu mächtigen Herden, zu Alpfahrten auch, begleitet vom stolzen sennischen Personal und vom Lediwagen, auf dem die traditionellen Gerätschaften mitgeführt wurden. In seinen Viehschauen liess er mehrere Kuhherden antraben, um den Schönheitskonkurrentinnen eine grosse Bühne zu geben.

Geschnitzte Kühe, 1997 und 2003.

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Pferdefuhrwerk mit Kutscher. Mit dem Wagen spielte Jakob Müller als Kind. Im Jahr 2000 ergänzte er ihn mit Fässern, Kutscher und Pferden.

All dies gelang dem schmächtigen einstigen Bauern aus eigener Kraft. Mit handgrossen Personen und Tieren aus Lindenholz, handlichen und griffigen eben. Sie sind eher vierschrötig, und trotz ihrer kleinen Masse wirken sie niemals niedlich, sondern mit ihren ausgesprochen ernsten oder auch strengen Gesichtszügen stets Respekt einflössend; die Frauen oft noch mehr als die Mannsbilder. Es gab kaum ein Thema aus dem Appenzell Ausserrhodischen Brauchtum, das Jakob Müller nicht in Holz umgesetzt hätte. Auch die originale Streichmusik durfte nicht fehlen, die mit zwei Geigen, Cello, Hackbrett und Kontrabass zum Tanz «aufmacht». Den nicht zugehörigen Handörgeler schnitzte er separat (vgl. S. 41). Wir finden Alphornisten, Jodelchöre mit Talerschwingern oder mit Schellenschöttern und auch den spektakulär kraftvollen Männertanz «Mölirad». Er, der Kraftlose, der seinen geliebten Bauernhof aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen, er erschuf im fortgeschrittenen Alter ganze Gruppen und Gemeinschaften, die zu Höhepunkten des Brauchtums gehören. So hat Jakob Müller der Landsgemeinde ein eindrückliches Denkmal gesetzt mit einer recht realistischen szenischen Ordnung. 1997 fand in Appenzell Ausserrhoden die letzte Landsgemeinde statt. Diese inspirierte ­Jakob Müller zu einem hohen «Landsgemeindebaum» als Symbol einer Hierarchie (vgl. S. 34–35). Mit seinen gestalterischen Mitteln hat er eine plastische Allegorie gebaut, wie mir zu diesem Thema nichts Vergleichbares sonst je begegnet ist. Wohl gibt es mancherorts die Tradition des Maibaums (Frühling, Fruchtbarkeit, Liebe) oder auch jene des Freiheitsbaums (Revolution, Befreiung von Machtmissbrauch), aber die Landsgemeinde ist wieder eine völlig andere «Geschichte». Jakob Müller platziert Senn und Bauer als Ver­ treter des gewöhnlichen Stimmvolks zuunterst, Trommler, Pfeifer und Spiessenmannen bilden die Zwischenstufen zur hohen Regierung, die denn auch zuoberst wörtlich «Staat macht».

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Bauer mit Buder, 1996.

Engel auf Pferden, 1999.

Obwohl Jakob Müller im Brauchtum verwurzelt ist, erstaunt seine eigenwillige Interpretation der inzwischen legendären Landsgemeinde im erwähnten «Landsgemeindebaum». Mit den Umsetzungen seiner Ideen hat er uns immer wieder verblüfft. So auch, als 2003 das internationale Reitturnier CSIO in St. Gallen stattfand und wir im Museum im Lagerhaus bei dieser Gelegenheit unter dem Titel «Traum Welt Pferd» eine Ausstellung zum Thema «Das Pferd in der Aussenseiterkunst» realisiert hatten mit Werken von 68 Kunstschaffenden. Im zugehörigen Katalog war Jakob Müllers berittener Förster aus seinem «Urnäscher Bloch» abgebildet. Ich fragte den Künstler, ob er uns für die Ausstellung auch einen solchen Reiter mit Pferd machen würde. Wie überrascht waren wir, als er uns gar ein kleines «Pferderennen» schnitzte, mit braunen, schwarzen und weissen Pferden (vgl. S. 45). Die Reiter trugen allesamt violette Leibchen. Das stimme doch so, meinte Jakob Müller in fragendem Ton. Ein Pferderennen hatte er noch keines erlebt. Aus Anlass des CSIO wollte er aber nicht mit einem thematisch fernen Bloch-Reiter teilnehmen, der sich in der fremden Umgebung völlig einsam und unglücklich gefühlt hätte, sondern mit echten Turnierreitern. Diese sitzen ohne Sattel und Zaumzeug in echt Müllerscher Manier unerschütterlich aufrecht und stolz auf ihren behäbigen «Rennpferden». So machte Jakob Müller aus einem für ihn artfremden Thema ein eigenes. Noch speziellere Reiter hatte Jakob Müller bereits 1999 geschaffen, nämlich Engel hoch zu Ross. Hehre Gestalten. Diese sind kaum bekannt. Einerseits, weil der ehemalige Bauer mit seinen breitmaulig charakteristischen Kühen identifiziert wird, mit sennischen Figuren und Themen, ganz besonders mit seinen vielfältigen Silvesterkläusen. Andererseits sind diese Himmelsboten – mit und ohne Pferd – eher geheim geblieben, weil Jakob Müller solche konsequent einzig zu Weihnachten schnitzte. Engel sind nun einmal selten, und er wollte sie ja nicht zu Massenartikeln erniedrigen. Seine ersten Engel hatten Flügel, aber keine Arme. Die nächsten waren beflügelt, zusätzlich aber mit Armen ausgestattet. So konnten sie auch ihre Bestimmung als Schutzengel erfül-

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