Appenzeller Verlag Leseprobe
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Appenzellische Jahrbücher
2021 Heft 148
Herausgegeben von der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft
Redigiert von Heidi Eisenhut und Hanspeter Spörri
Mit Unterstützung der Kantone Appenzell Ausser- und Innerrhoden Umschlag Werner Meier, Trogen Konzept/Redaktion Heidi Eisenhut, Hanspeter Spörri Bildredaktion Heidi Eisenhut, Chronisten Gestaltung/Layout Verlagshaus Schwellbrunn Druck Appenzeller Druckerei AG, Herisau Verlag Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn © 2021 Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft AGG ISBN 978-3-85882-853-8
Inhaltsverzeichnis
7 Vorwort
1. Geflüchtet
10 Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs Thomas Fuchs
36
Fluchtgeschichten von 1944 bis 2019
38 Fluchten im Zweiten Weltkrieg Eugen Auer 42 «Hier bin ich am richtigen Ort» Martin Hüsler
46 «Meine Welt brach zusammen» Eva Schläpfer
50 Kind Nummer 1110 Heidi Eisenhut
56 «Ich will nirgendwo hin! Ich fühle mich hier so wohl!» Heidi Eisenhut
60 In Flipflops nach Trogen Roman Hertler
64 Gegen Heimweh hilft Integration Hanspeter Spörri
68 Plötzlich war die Frage da: Wer gehört zu wem? Peter Surber
72 «Manchmal dachten wir: Ciao Leben» Karsten Redmann
76 «Niemand will so etwas durchmachen» Peter Surber
80 «Ich muss mir selber helfen» Karsten Redmann
84 «Worte können alles verändern» Roman Hertler
88 Dorf der Kinder, Ort der Bildung Das Kinderdorf Pestalozzi Trogen feiert sein 75-jähriges Bestehen und steht – einmal mehr – im Umbruch Peter Surber 104 Wenige Flugstunden entfernt – täglicher Überlebenskampf im Mittelmeer Interview: Hanspeter Spörri
2. Chroniken und Nekrologe
114 Landeschronik von Appenzell Ausserrhoden für das Jahr 2020
Jürg Bühler Gemeindechronik von Appenzell Ausserrhoden für das Jahr 2020
133 Hinterland, René Bieri 133 Urnäsch 135 Herisau 139 Schwellbrunn 140 Hundwil 141 Stein 141 Schönengrund 142 Waldstatt
144 Mittelland, Martin Hüsler 145 Teufen 147 Bühler 148 Gais 152 Speicher 154 Trogen
158 Vorderland, David Aragai 159 Rehetobel 160 Wald 162 Grub 164 Heiden 168 Wolfhalden 169 Lutzenberg 171 Walzenhausen 173 Reute
175 Landeschronik von Appenzell Innerrhoden für das Jahr 2020
Rolf Rechsteiner
192 Bevölkerungs- und Finanzstatistik 2020 der Gemeinden
Ausserrhodens und der Bezirke Innerrhodens Martin Frei und Susanna Baumberger Nekrologe:
194 195 196 197 198 200 201 202 204 205 206 208 209
Hans Amann, 1922–2020, Norbert Näf, Familie Amann Ernst Bänziger-Spring, 1929–2021, Yvo Ledergerber Walter Bischofberger, 1934–2021, Heinz Meier Paul Christen, 1942–2021, Hans Höhener Markus Diener, 1953–2021, Arthur Oehler Hans Peter Fitzi, 1937–2020, Julia Nehmiz Lorenz Kuhn, 1924–2020, Willy Hartmann Helen Meier, 1929–2021, Charles Linsmayer Hans Jörg Müller, 1953–2020, Martin Hüsler Hermann Müller-Schmid, 1931–2021, Hans Höhener Arthur Sturzenegger, 1933–2020, Hanspeter Spörri Hansueli Wälte, 1943–2020, Louis Kälin Hilda Wirth Rickenbacher, 1938–2021, Peter Eggenberger
3. Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft (AGG)
212
Protokoll der 188. Jahresversammlung der AGG
218
Jahresrechnungen 2020 der AGG
221
Fonds Behindertenhilfe
223
Bericht der Revisionsstelle
224 Institutionen unter dem Patronat der AGG im Porträt IV: Pro Senectute Appenzell Innerrhoden
227 Verzeichnis der Mitglieder der verschiedenen Kommissionen
230
Mitgliederverzeichnis der AGG
256
Mitgliederbestand nach Gemeinden
und der Rechnungsrevisoren
4. Anhang
258 Appenzeller Gedächtnis IV: Das ROOTHUUS GONTEN –
Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik
263 Bildnachweis
264 Autorinnen und Autoren, Chronisten sowie Redaktion des Jahrbuchs
Vorwort 7
Vorwort
Vor 75 Jahren wurde das Kinderdorf Pestalozzi gegründet – als «humanitäre Geste der Schweiz aufgrund des Leidens der Kriegswaisen in Europa», wie es in der Einleitung zu der im Herbst 2021 erschienenen Jubiläumsschrift «Der Traum einer Welt für Kinder» heisst. Das langjährige Bestehen dieses besonderen Projekts nahmen wir als Anlass, im ersten Teil des vorliegenden Jahrbuchs Menschen zu Wort kommen zu lassen, die aus kriegsversehrten Ländern stammen oder aus anderen Gründen ihre Herkunftsorte verliessen und mindestens zeitweise hierzulande eine Bleibe gefunden haben. Wir setzten dabei den Fokus auf die Jahre seit 1940/41. In seinem Aufsatz «Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs» befasst sich Thomas Fuchs mit der Unterbringung von internierten und geflüchteten Militär- und Zivilpersonen in Hotels und leerstehenden Textilfabriken und porträtiert Menschen, die in einem künstlerisch gestalteten Erinnerungsalbum aus einem Quarantänelager von 1945 in der Fabrik am Rotbach in Bühler ihre Spuren hinterlassen haben. Im Beitrag «Fluchtgeschichten von 1944 bis 2019» erzählen elf Einzelpersonen und ein Ehepaar, weshalb, wie und auf welchen Wegen sie in die Schweiz gelangt sind. Ihre Biografien spiegeln die Schweizer Migrationsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte und deren Vielfalt. Im Essay «Dorf der Kinder, Ort der Bildung» wirft Peter Surber einen Blick in die Geschichte des Kinderdorfs Pestalozzi, das als humanitäre Organisation zeigt, wie idealistische Anliegen Gleichgesinnter Früchte tragen sowie in veränderten Umfeldern sich selbst verändern und bestehen können. Im letzten Beitrag befragt Hanspeter Spörri den 36-jährigen Appenzeller Piloten Fabio Zgraggen, der zusammen mit Freunden die Humanitarian Pilots Initiative (HPI) gegründet hat, mit dem Ziel, in Seenot geratene Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer zu lokalisieren und Leben zu retten. Der zweite Teil des Jahrbuchs enthält die Chroniken 2020, verschiedene Nachrufe auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und die Bevölkerungs- und Finanzstatistik beider Kantone. Wir bedanken uns herzlich bei den Verfasserinnen und Verfassern dieser zeitgeschichtlich wertvollen Texte. Zwei Chronisten veröffentlichen im vorliegenden Jahrbuch ihre letzten landesgeschichtlichen Aufzeichnungen: Jürg Bühler, der 38 Ausserrhoder Landeschroniken verfasste, und René Bieri, der 29 Jahre lang die Ereignisse in den Hinterländer Gemeinden fest-
8 Vorwort
hielt. Wir danken Jürg und René für ihre Treue und die unschätzbare Arbeit, die sie während der vergangenen Jahrzehnte zugunsten der Überlieferung geleistet haben. Ihre Nachfolge übernehmen Marcel und Yvonne Steiner vom Verlagshaus Schwellbrunn. Wir freuen uns, dass wir erneut zwei erfahrene Persönlichkeiten für diese Aufgabe gewinnen konnten. Als Vorderländer Chronist gibt David Aragai im aktuellen Jahrbuch seinen Einstand. Der dritte Jahrbuchteil gehört den Jahresberichterstattungen der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Seit 2018 porträtieren wir Institutionen, die geschichtlich mit der AGG verbunden sind und/oder weiterhin dem Patronat der AGG unterstehen. Dieses Jahr stellen wir die Pro Senectute Appenzell Innerrhoden vor, die 2019 ihr 100-Jahr-Jubiläum feierte. Im vierten Jahrbuchteil wird unter der Rubrik «Appenzeller Gedächtnis» das Roothuus Gonten, Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik, beschrieben. Es handelt sich hierbei nach der Präsentation der kantonalen Bibliotheken und Archive sowie der Museen in beiden Kantonen um die Präsentation einer vierten Institutionengruppe beziehungsweise Institution mit dem Auftrag der Bewahrung, Pflege und Vermittlung des kulturellen Erbes beider Appenzell. Neben den bereits erwähnten Autorinnen und Autoren gilt unser Dank allen Mitwirkenden am aktuellen Jahrbuch, die Beiträge verfasst, an Gesprächen teilgenommen sowie Berichte, Statistiken, Listen und Protokolle beigesteuert haben. Der Kunstschaffende Werner Meier hat dieses Jahr seinen zehnten und letzten Jahrbuchumschlag gestaltet. Wir schätzten die Zusammenarbeit mit Werner genauso wie die langjährige Zusammenarbeit mit Rolf Egger, der 2020 sein letztes Jahrbuch gelayoutet hat. Seit 2021 ist die Produktion des Buchs beim Verlagshaus Schwellbrunn angesiedelt. Die bewährte Gestaltung wurde nur minim verändert, was dazu führt, dass Sie als Leserin und Leser den Wechsel kaum wahrnehmen. Gedruckt wird das Jahrbuch weiterhin in der Appenzeller Druckerei AG, die auch für die Adressverwaltung zuständig ist. Liebe Leserin, lieber Leser, wir hoffen, dass Ihnen das neue Jahrbuch Freude bereitet! Sollten Sie auch in früheren und/ oder ganz alten Jahrbüchern blättern und lesen wollen, emp fehlen wir Ihnen als Einstieg www.appenzelldigital.ch/appenzellische-jahrbuecher. Trogen/Teufen, Anfang Oktober 2021 Heidi Eisenhut, Leiterin Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden Hanspeter Spörri, Journalist, Vorstandsmitglied AGG
1. Geflüchtet
10 Geflüchtet
Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs Thomas Fuchs
Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Die Wochen davor und danach brachten einen Massenzustrom von Flüchtlingen an die Schweizer Grenzen. Allein in den letzten zwanzig Kriegstagen nahm die Schweiz gegen 100 000 Men schen auf. Durch das Grenztor St. Margrethen reisten in den letzten gut zwei Wochen vor dem Kriegsende mehr als 22 000 Menschen ein.1 Es mussten kurzfristig Notunterkünfte bereitge stellt werden. Ein Flüchtlingslager wurde in einer ehemaligen Textilfabrik am Rotbach in Bühler eingerichtet. Von diesem sind einmalige Erinnerungsstücke erhalten geblieben. Sie stehen im Zentrum des folgenden Beitrags. Daneben soll ein Überblick über die anderen Unterkünfte für Internierte und Flüchtlinge im Appenzellerland gegeben werden mit Schwerpunkt bei den Zivilpersonen.
1 Jörg Krummenacher: Der grosse Flüchtlingsstrom. In: St. Galler Tag blatt, 21.01.2008.
Zivile und militärische Flüchtlinge
In der Zeit des Zweiten Weltkriegs hielten sich über 360 000 Per sonen aus dem Ausland während unterschiedlich langer Zeit räume in der Schweiz auf.2 Aufgrund des uneinheitlichen recht lichen Status wurde unterschieden zwischen Zivilflüchtlingen und Militärflüchtlingen. Häufig wurde von «internierten Zivil personen» oder «internierten Militärpersonen» oder kurz von «Internierten» gesprochen.3 Gesetzlich geregelt war einzig der Umgang mit den Militäran gehörigen aus fremden Staaten. Die Haager Konvention von 1907 schrieb neutralen Staaten im Kriegsfall vor, übergetretene Truppenteile zu entwaffnen und zu internieren. Insgesamt wa ren zwischen 1939 und 1945 fast 105 000 ausländische Militärper sonen über unterschiedlich lange Zeiträume in der Schweiz in terniert.4 Sie blieben Angehörige ihrer Armeen und waren in militärisch geführten Lagern untergebracht. Weniger klar war der Status von entflohenen Kriegsgefange nen, Refraktären (Männer, die dem Militäraufgebot ihres Hei matlandes keine Folge leisteten), Deserteuren und Hospitali sierten (ausländische Soldaten, die zur Erholung in die Schweiz kamen). Sie wurden in der Regel als militärische Flüchtlinge betrachtet und interniert. Eine Welle von rund 22 000 italieni schen Refraktären kam im letzten Drittel des Jahres 1943 in die Schweiz. Laufend kamen ab 1943 zudem alliierte Fliegerbesat zungen (über 1000 Mann), aus Deutschland entflohene Kriegs
2 Jörg Krummenacher-Schöll: Ret tungshafen Ostschweiz. Die Flücht lingsströme am Bodensee zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In: Schriften des Vereins zur Geschichte des Bo densees und seiner Umgebung 125 (2007), S. 153–170, hier S. 168; Jürg Stadelmann: Umgang mit Fremden in bedrängter Zeit. Schweizerische Flüchtlingspolitik 1940 –1945 und ihre Bedeutung bis heute. Zürich 1998, S. 136f. 3 Franco Battel: «Wo es hell ist, dort ist die Schweiz». Flüchtlinge und Fluchthilfe an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des Nationalsozialis mus. Zürich 2000, S. 249–251; Schweizerisches Bundesarchiv BAR: Inventar Flüchtlingsakten 1930 –1950. Zusammengestellt von Guido Koller und Heinz Roschewski. Bern 1999, S. 14–23; Stadelmann (wie Anm. 2), S. 27–72. 4 Stadelmann (wie Anm. 2), S. 139, 146.
Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs 11
5 Ebd., S. 144 –149.
6 Schweizerisches Bundesarchiv BAR, Inventar Flüchtlingsakten (wie Anm. 3), S. 14.
7 Ebd., S. 16.
gefangene (knapp 10 000 aus 18 Nationen) und Deserteure aus Italien und Deutschland (etwa 600).5 Keine Normen gab es für die zivilen Flüchtlinge. Die Schweiz un terzeichnete im August 1937 zwar ein Abkommen des Völker bunds, politische Flüchtlinge nicht nach Deutschland abzuschie ben. Dies schloss aber die überwiegende Mehrheit der Verfolg ten, insbesondere die grosse Zahl der jüdischen Flüchtlinge, aus. Die Anerkennung als politische Flüchtlinge wurde zwischen 1933 und 1945 insgesamt nur 644 Personen zugestanden. Ein Asylge setz gab es nicht. «Das Recht auf Asyl galt nicht als individuell zu prüfender Rechtsanspruch von Schutzsuchenden, sondern als Recht der Schweiz, Verfolgten auch gegen den Einwand eines an deren Staates Schutz zu gewähren.»6 Im Oktober 1939 beschloss der Bundesrat die Internierung von Zivilflüchtlingen. Im «Inven tar Flüchtlingsakten 1930 –1950» heisst es: «Die Internierung be deutete rechtlich, dass der Vollzug der Ausschaffung nach einem ‹illegalen Grenzübertritt› suspendiert war, und faktisch, dass Flüchtlinge bis zum Kriegsende in der Schweiz bleiben konnten. Die Internierung war mit einer einschneidenden Beschränkung der Bewegungsfreiheit der Betroffenen verbunden.»7 Militärinternierte im Appenzellerland
Einen Grenzübertritt von ganzen Heeresteilen gab es nur in der Phase des «Blitzkrieges» in Frankreich. Vom 16. bis 21. Juni 1940 überquerten rund 42 700 Soldaten und 7500 Zivilisten im Jura die Schweizer Grenze, darunter ein ganzes französisches Ar meekorps. Es war von der deutschen Wehrmacht im Jura einge kesselt worden. Um der Gefangennahme zu entgehen, ersuchte sein General die Schweiz um Asyl. Dieses 45. Armeekorps be stand aus der 67. französischen Division, der mit Nordafrika nern gebildeten 2. Spahi-Brigade, der 2. polnischen Schützen division und einigen Hundert Belgiern und Briten. Die Polen waren Emigranten, die zum grösseren Teil bereits in den 1920erund 1930er-Jahren, zum kleineren Teil nach dem Einmarsch der Deutschen und Russen in ihrem Heimatland im September 1939, nach Frankreich gekommen waren. Die Schweiz war auf eine Masseninternierung nicht vorbereitet. Die Ankömmlinge wurden vorerst im Kanton Bern, dann über das ganze Land verteilt. Im Appenzellerland gab es 1940/1941 französische Offizierslager in Herisau (Kurhaus Heinrichsbad), Gonten (Kurhaus Jakobsbad), Weissbad (Kur haus) und Oberegg (Hotel Bären) sowie ein Lager für Soldaten und Unteroffiziere in Schönengrund-Wald (unbekannte Unter kunft). Im Herbst 1940 leisteten rund 280 Franzosen zudem Meliorations-Arbeiten auf Innerrhoder Alpen. Da ihr Land inzwischen von den Deutschen ganz oder teil weise besetzt worden war, konnten die Franzosen und Belgier
12 Geflüchtet
im Frühjahr 1941 heimkehren. Die rund 12 500 Polen und die Briten hingegen mussten bis zum Kriegsende in der Schweiz bleiben (sofern sie sich nicht durch Flucht absetzten). Im Appenzellerland bestand für einige Zeit ein polnisches Offizierslager in Herisau und ein Straflager für Offiziere, die ein Delikt begangen hatten, in Oberegg. Im Herbst 1941 wurde in Herisau zudem ein Hochschullager für polnische Studenten eingerichtet. Das Hochschullager war der Handelshochschule St. Gallen angegliedert. Es hatte seine ersten Standorte in Sirnach (No vember 1940 – Mitte März 1941) und Gossau (Sommer 1941). Mitte Oktober 1941 wurde es nach Herisau in die ehemalige Sti ckereifirma Zähner, Schiess & Co. verlegt. Die damit verbundene Kasernierung führte zu Protesten seitens der Studenten, denn sie genossen zuvor das Privileg, bei Privatleuten zu wohnen. Ende 1942 wurde dann der Besuch der regulären Studiengänge in St. Gallen möglich, die Polen blieben aber in Herisau wohn haft. Sie fuhren jeden Tag mit der Eisenbahn in die nahe Stadt. Angeboten wurden die Fächer Wirtschaftswissenschaften, Pri vatrecht, chemische und mechanische Technologie und Fremd sprachen. Trotz erheblicher Sprachprobleme erreichte gut ein Drittel der Studierenden bis 1945 einen akademischen Ab schluss. In den Sommerferien wurden die polnischen Studen ten jeweils zu Arbeitseinsätzen abkommandiert, 1942 und 1943 zu Strassenbauarbeiten oberhalb von Vals. Dort standen auch militärische Übungen auf dem Tagesprogramm.8 Für die folgenden Kriegsjahre ist es schwierig, einen Über blick über die Militärinternierten-Lager in der Schweiz zu ge winnen. Je nach Situation mussten in kurzer Zeit neue Stand orte eingerichtet werden. Manchmal waren Unterkünfte rasch wieder zu räumen, weil sie für zivile Zwecke wie Kinderferien kolonien benötigt wurden oder sich die Zahl der Internierten infolge Repatriierungen stark reduzierte. Auch sollte vermie den werden, dass die Internierten allzu lange an einem Ort blie ben und sich wirklich einleben konnten. Die Lager im Appen zellerland gehörten zum Verwaltungsabschnitt Thur, später zum Abschnitt Sitter. Die Monatsberichte ihrer Kommandos bilden die wichtigsten Quellen für die Ermittlung der Lager standorte.9 Nachweisbar sind «gewöhnliche» Lager in ■ Oberegg: 28. Dezember 1942 bis 15. Juni 1944, Hotel Bären, bis zu 77 britische Unteroffiziere und Soldaten. ■ Heiden: 15. Dezember 1943 bis 14. Juni 1944, Hotels Quisi sana, Linde, National und Freihof sowie eine alte Zwirnerei, bis zu 164 Soldaten aus Grossbritannien, Australien und Süd afrika.
8 Schweizerisches Bundesarchiv BAR, Quartalsberichte zum Hoch schullager Herisau 1941–1945; Polenmuseum Rapperswil, Berichte und Fotos; May B. Broda: Verbotene Beziehungen. In: Appenzellische Jahrbücher 119/1991 (1992), S. 7–61. PURL: https://dx.doi.org/10.5169/ seals-283336; Jerzy Rucki: Die Schweiz im Licht – Die Schweiz im Schatten. Erinnerungen, Rück- und Ausblick eines polnischen Militärin ternierten in der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges. Kriens 1997. 9 Schweizerisches Bundesarchiv BAR, E27#1000/721#14468, E27#1000/721#14927, 1941–1944.
Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs 13
Steinräumung durch internierte Franzosen auf der Seealp (AI), Herbst 1940. Die Steine wurden zum Auffüllen von Mulden verwendet und mit Humus überdeckt.
Die internierten französischen Offiziere im Park ihrer Unterkunft, dem Kurhaus Heinrichsbad in Herisau, Weihnachten 1940.
14 Geflüchtet
Hochschullager der polnischen Internierten in einer alten Textilfabrik in Herisau, Juli 1942. «Juli – es wird immer heisser, besonders bei den Prüfungen», lautet die originale Bildlegende.
Dankesgabe der internierten Briten, Australier und Südafrikaner an die Gemeinde Heiden, Juni 1944.
Flüchtlinge im Appenzellerland während des Zweiten Weltkriegs 15
10 Arthur Helsdons Tagebuch ist auszugsweise publiziert in: Max Sonderegger-Stierli: Oberegg wäh rend des 2. Weltkrieges. Oberegg 2001; vgl. auch: Thomas Fuchs: Befriedigung über das Werk «unse rer Bomber». Die Zerstörung von Friedrichshafen aus der Sicht eines Briten in der Schweiz. In: Harald Derschka und Jürgen Klöckler (Hrsg.): Der Bodensee. Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven. Ostfildern 2018, S. 266f. 11 Rucki (wie Anm. 8).
12 Jüdische Pressezentrale Zürich, 21. und 28.10.1938. 13 Thomas Fuchs: Schönengrund. Die Gemeinde am Hamm. Schö nengrund 1995, S. 50; Martin Knöp fel: «Wie eine grosse Familie». In: Appenzeller Zeitung, 22.02.2014; Marie-Thérèse Lamari: Eine Frau füllt ihren Raum aus. In: Marina Widmer und Heidi Witzig: blüten weiss und rabenschwarz. St. Galler Frauen – 200 Porträts. Zürich 2003, S. 240–247.
■ Schönengrund-Wald: November 1943 bis Mai 1944, rund 210 britische Soldaten. Sogenannte Arbeitslager in/auf ■ Herisau: Herbst 1943 bis Mai 1945, Arbeit im Steinbruch Schachen, Unterkunft unbekannt, bis zu 25 Italiener. ■ Alpen im Alpstein: August bis Oktober 1944, Alpverbesserun gen, Alphütten, zuerst 65 Zyprioten, dann rund 200 Italiener. ■ Gais: 25. April bis Mitte August 1945, Sanierung Erdrutsch gebiet am Stoss, Baracken, zuerst rund 160 Italiener, dann gut 200 Russen. Quarantänelager in ■ Bühler: 2. Hälfte September 1944, zwei leerstehende Textil fabriken, rund 400 Deutsche. Aus Oberegg hat der aus Oakham in England stammende Soldat Arthur Helsdon (1912 –1993) eindrückliche Tagebuchnotizen hinterlassen.10 Er war vom 23. Juni 1940 bis zum 7. März 1945 in der Schweiz interniert, blieb nach dem Krieg in der Schweiz und heiratete eine Schweizerin. Dies gilt auch für den polnischen Grenadier Jerzy Rucki (1919–2001), der seine Erinnerungen an das Hochschullager in Herisau in einem Buch veröffentlichte .11 Jüdische Flüchtlinge
Im Spätsommer 1938 richtete die Israelitische Flüchtlingshilfe St. Gallen in dem zur Gemeinde St. Peterzell gehörenden Orts teil Wald das erste Internierungslager für Zivilflüchtlinge in der Schweiz ein. Die Leitung wurde dem jüdischen Emigranten Da vid Hübler übertragen. Die Quartiere befanden sich in den Gast häusern Adler und Krone, einer ehemaligen Stickfabrik und et lichen Privathäusern. Die Kinder besuchten die öffentliche Schule. Auf Initiative von Herrn Isaak und dem Präsidenten des Fussballclubs Herisau fand am 23. Oktober 1938 in Herisau ein Freundschaftsspiel zwischen dem FC Herisau und einer Aus wahl der Emigranten-Kolonie Schönengrund statt. Einige hat ten in grossen Clubs in Wien gespielt. Die Partie endete unent schieden 1 : 1.12 Die Eidgenössische Volkszählung registrierte 1941 unter den 1023 Einwohnerinnen und Einwohnern von St. Peterzell 114 jü dische Emigrantinnen und Emigranten.13 Wald liegt im Kanton St. Gallen und ist mit dem Dorf Schönengrund im Kanton Ap penzell Ausserrhoden zusammengebaut. Das Überqueren der Kantonsgrenze war den bis zu 150 Emigranten zunächst verbo ten. Erst im Verlauf des Jahres 1940 fiel diese Schranke. Viele Emigrantinnen und Emigranten erhielten in St. Peterzell eine Aufenthaltsbewilligung und bezogen eigene Wohnungen in Wald, später auch in Schönengrund. Sie blieben teils bis zum Kriegsende hier. Der mit seiner Familie aus Wien geflüchtete
36 Geflüchtet
Fluchtgeschichten von 1944 bis 2019 Margrit Auer-Ibach, Klaus Rodowski, Argyris Sfountouris und Dorji Tsering waren zwei- bis sechsjährig, als sie ihre Heimat verliessen, Erna Büchel-Pavlík und Gajo Gajić waren unter 15, Abdi Mukhtar Ahmed und Aziz Suleiyman unter 18, Ahmet Bagatarhan und das Ehepaar Vilaysane um die 20, Fatemeh Daneshvar Tayeb und Jehisson Santacruz über 25. Diese Men schen, die einen Teil ihres Lebens im Appenzellerland verbrach ten oder verbringen, erzählten im Sommer 2021 für das Appen zellische Jahrbuch ihre Geschichten. Sie flüchteten innerhalb des Deutschen Reichs in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, fanden Aufnahme im Kinderdorf Pestalozzi als Waisen oder Ver triebene aus Griechenland und Tibet, kamen nach 1968 aus der ehemaligen Tschechoslowakei und aus Laos und Vietnam sowie ab den 1990er-Jahren aus dem kurdischen Gebiet der Türkei oder aus Bürgerkriegsregionen wie Bosnien, Äthiopien, Syrien oder Afghanistan und dem Iran sowie als politisch Verfolgte aus Kolumbien in die Schweiz. Die zwölf Biografien von im Appenzellerland «gestrandeten» Menschen spiegeln nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch ein Stück Schweizergeschichte der vergangenen 75 Jahre. Die Viten von Argyris Sfountouris, Dorji Tsering, Gajo Gajić und Abdi Mukhtar Ahmed bieten zudem Einblick in die Rollen, die das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen im Lauf der Zeit einnahm. Aufgrund ihrer auf Verhinderung und Abwehr basierenden Flüchtlingspolitik zur Zeit des Zweiten Weltkriegs geriet die Schweiz international unter Druck. In der unmittelbaren Nach kriegszeit entwickelte sich daraus innenpolitisch ein neues Ver ständnis von Neutralität als Solidarität. 1947 hatte der Bundesrat die Möglichkeit für Geflüchtete, sich dauernd in der Schweiz niederzulassen, sowie Bundesbeiträge für die Flüchtlingsfür sorge eingeführt. Als 1956 die Truppen des Warschauer Pakts den Ungarnaufstand niederschlugen, fanden 12 000 Flüchtlinge Aufnahme in der Schweiz. Etwa die Hälfte blieb im Land. Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa wurden auch künf tig als Opfer der totalitären kommunistischen Systeme mit offe nen Armen empfangen, zumal sie meist gut ausgebildet und in der bis in die 1970er-Jahre andauernden Hochkonjunktur gern gesehen waren. Eine Niederlassungsgenehmigung war schnell zu bekommen: Die persönliche Verfolgung stellte keine Bedin gung für die Asylgewährung dar, wie das Beispiel der Familie Pavlík zeigt, die 1969 als Arbeiterfamilie aus wirtschaftlichen Gründen – um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermögli chen – aus der Tschechoslowakei in die Schweiz migriert war.
Fluchtgeschichten von 1944 bis 2019 37
Ähnliche Solidaritätswellen wie gegenüber Geflüchteten aus Ungarn und der Tschechoslowakei löste die Flucht zahlreicher Tibeterinnen und Tibeter vor den «Rotchinesen» nach 1959, von Menschen aus Vietnam und Laos zwischen 1975 und 1983 sowie aus Chile nach dem Militärputsch von 1973 aus. Die Geschich ten von Dorji Tsering und der Familie Vilaysane zeugen davon. Die Solidarität mit dem Bergvolk der Tibeter war in der Schweiz besonders gross: Im Appenzellerland gab es neben den beiden Tibeter-Häusern im Kinderdorf Pestalozzi eine Heimstätte für 23 tibetische Flüchtlinge in Waldstatt sowie Familien, die tibe tische Pflegekinder bei sich aufnahmen. 1979 verabschiedete die Schweiz ein liberales Asylgesetz. Parallel zur Zunahme der Zahl der Asylsuchenden in den 1980er-Jahren bekamen dann jedoch kritische Stimmen neuen Aufwind. Schon seit den 1960er-Jahren wurden immer wieder Initiativen gegen eine Überfremdung der Schweiz eingereicht. Die bekannteste war diejenige von James Schwarzenbach, die 1970 an der Urne scheiterte. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien führte in den 1990er-Jahren zu zahlreichen Nachzügen von Fa milien und weiteren Verwandten bereits hier lebender oder sai sonal arbeitender Angehöriger des ehemaligen Vielvölkerstaats. Die Geschichte von Gajo Gajić erzählt davon. Auch die Biografie des kurdischen Flüchtlings Ahmed Bagatarhan passt in jene Jahre, in denen Kurden vor dem Einzug in die türkische Armee und anderen Repressalien in die Schweiz flüchteten. Seit dem Ende des Kalten Kriegs nahm die Zahl der Geflüchteten aus asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten zu. Fluchtgründe waren und sind Kriegssituationen in den Her kunftsländern, aber auch wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, wie die Viten von Abdi Mukhtar Ahmed aus Äthiopien, Aziz Suleiyman aus Syrien und Fatemeh Daneshvar Tayeb aus Afgha nistan und dem Iran zeigen. Politisch verfolgten Aktivisten wie dem Kolumbianer Jehisson Santacruz bietet die Schweiz meist unbürokratisch Asyl, was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass das Schweizerische Asylgesetz seit Anfang der 1980er-Jahre rund ein halbes Dutzend Mal verschärft worden ist. Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Schweiz ein Einwanderungsland ist. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass erst 1888 erstmals mehr Menschen unser Land er reichten als umgekehrt. In ländlichen Gebieten wie dem Appen zellerland migrierten verarmte Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben bis in die 1940er-Jahre hinein insbeson dere nach Südamerika und in die USA. (he)
38 Geflüchtet
Margrit Auer-Ibach *1939, hat drei Kinder und fünf Enkelkinder und lebt mit ihrem Ehemann in Speicher. Sie flüchtete 1944 mit ihrer Mutter und drei Geschwistern von Wuppertal auf ein Adelsgut bei Königsberg in Ostpreussen und 1945 nach einer Odyssee ins Allgäu.
Fluchten im Zweiten Weltkrieg Eugen Auer Der nachfolgende Text erzählt in Ich-Form die Fluchtgeschichte meiner Frau Margrit Auer-Ibach, die ich für sie notiert habe. Ihre ersten Lebensjahre im kriegsversehrten Deutschland haben sie tief geprägt und begleiten sie bis heute in ihrem Alltag. Meine Frau und ich lernten uns 1962 in den USA kennen und heirateten 1964. Seit 1971 leben wir in Speicher. Ich bin am 30. August 1939 als drittes Kind meiner Eltern in Wuppertal geboren, wenige Stunden vor dem Beginn des Zwei ten Weltkriegs. Meine Schwester war damals zwei Jahre alt, mein Bruder ein Jahr. Wiederum ein Jahr darauf kam ein weiterer Bru der dazu. Mein Vater führte in vierter Generation eine bedeu tende Unternehmung, die Klaviere und Flügel herstellte. Er wurde zu Beginn des Krieges als einfacher Soldat eingezogen. Meiner Mutter oblag ganz plötzlich die Leitung des Betriebs und die Sorge für die vier kleinen Kinder. Wuppertal war eine Industriestadt. 1943 wurde sie stark bom bardiert. Schon durch die ersten Bombenangriffe, denen 1944 weitere folgten, wurde die Stadt weitgehend zerstört, und es starben 6000 Menschen. Unsere Firma, in der inzwischen Waffenkisten hergestellt werden mussten, wurde beschädigt und unser Wohnhaus brannte aus. Obwohl ich erst knapp vier Jahre alt war, kann ich mich an das Heulen des Fliegeralarms und an die Aufenthalte im Keller erinnern. Wir hatten eine Hausangestellte, deren Vater das Gut einer adeligen Familie in Ostpreussen verwaltete. Diese Beziehung ermöglichte es meiner Mutter, die zerstörte Stadt zu verlassen und mit uns vier Kindern nach Ostpreussen auf dem Gut der Fa milie von Massenbach im damaligen Wartheland Unterschlupf zu finden. Wenn meine Erinnerungen an spätere Berichte mit der Wahrheit übereinstimmen, hiess das Gut Rodmanshöfen und lag im Samland, ungefähr acht Kilometer östlich von Kö nigsberg. Persönlich kann ich mich nur an lange Alleen mit Kirschbäumen erinnern, die Früchte trugen und unter denen man auf einem Pferdewagen fuhr, der gelegentlich anhielt, da
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«Zwischendurch ging meine damals knapp acht Jahre alte Schwester verloren und wurde in einem Kreis von Soldaten wieder gefunden.»
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mit man vom Wagen aus Kirschen pflücken konnte. Es muss also Sommer gewesen sein. Am 12. Januar 1945 startete die russische Armee die Weich sel-Oder-Operation. Schon am 16. Januar rückten die Truppen gegen Königsberg vor. Die deutsche Bevölkerung Ostpreussens war darauf nicht vorbereitet und machte sich auf eine Flucht, die völlig chaotisch verlief. Ich kann mich erinnern, dass wir Kinder in Bahnwagen ins Gepäcknetz gelegt wurden, dass die Züge oft anhielten, und dass man mit vielen Menschen und Soldaten auf
«Unsere Wege in den Jahren der Trennung 1941–1945» schenkte der Vater von Margrit Auer an Weihnachten 1947 der Mutter. Die Karte zeigt das Deutsche Reich. Von Wuppertal ausgehend hat der Vater alle seine Wege und die Orte eingetragen, an denen er sich in den Kriegsjahren aufhielt. In der roten Kartusche auf der rechten Seite steht das Datum der «Trennung (Einberufung)» – der 5.8.41 – zuoberst. Besonders eindrücklich ist die Auf listung der «Gemeinsam verlebte[n] Tage»: «21.12.– 29.12.41 Wuppertal | Ende Februar 42 Berlin | 25.6.–10.7.42 Hirschegg | 21.11.– 23.11.42 Wuppertal | 13.12.– 29.12.42 Hirschegg | 10.6.–17.6.43 Kramsach | 13.8.– 30.8.43 Bardtensee | 13.11.– 24.11.43 Bardtensee u. Berlin | 23.12.– 29.12.43 Bardtensee | 8.4.– 23.4.44 Bardtensee | Juli 1944 Olmütz | 3.9.– 4.9.44 Wuppertal | 10.2.– 25.2.45 Hinterstein | Wiedersehen Oy 16.6.45 | Heimkehr Wuppertal 10.9.45». – Die aquarellierte Zeichnung hängt in der Wohnung von Margrit und Eugen Auer-Ibach in Speicher.
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«Die vier Marokkaner erwiesen sich als kinder liebend. Sie fütterten uns aus Eimern mit Schokolade.»
freiem Feld oder in Bahnhöfen lagerte. Zwischendurch ging meine damals knapp acht Jahre alte Schwester verloren und wurde in einem Kreis von Soldaten wieder gefunden. Glückli cherweise schaffte meine Mutter die Flucht mit uns bis in das inzwischen fast ganz zerstörte Wuppertal. Meine Grosseltern väterlicherseits, auch sie Klavierbauun ternehmer, fuhren in den Vorkriegsjahren jeweils in ein kleines allgäuisches Dorf namens Hinterstein bei Hindelang in die Sommerfrische. Sie hatten da ein Bauernhaus erworben und waren mit den umliegenden Bauern befreundet. Dort hielt sich die Schwester meiner Mutter mit ihren zwei Kindern auf, als wir in Ostpreussen waren. Da wir nach der Flucht in Wuppertal nicht bleiben konnten, machte sich auch meine Mutter mit uns ins Allgäu auf. Im Sommerhaus waren wir zwar beengt, aber lit ten keine Not. Gegen Ende des Kriegs zogen französische Trup pen ins Allgäu ein, und ich kann mich daran erinnern, dass vier marokkanische Soldaten in unserem Haus einquartiert wurden. Was zunächst schrecklich erschien, wendete sich zum Guten. Da meine Mutter als einzige Person im Dorf Französisch sprach, hatte sie bald gute Beziehungen zum örtlichen Kommandanten, und die vier Marokkaner erwiesen sich als kinderliebend. Sie fütterten uns aus Eimern mit Schokolade. Es muss im Sommer 1945 gewesen sein, als ich erstmals mit Bewusstsein meinen Vater sah. Meine Mutter war vorüberge hend im Spital, wir Kinder wurden von einer Bäuerin gehütet und spielten eines Nachmittags auf der Dorfstrasse, als ein in unseren Augen alter Mann des Wegs kam, der ein Fahrrad neben sich herschob. Das war unser Vater. Keines von uns Kindern hat ihn erkannt. Er war in Schlesien gefangen genommen worden. In der ersten Nacht, als sich die Gefangenen im Freien aufhiel ten und noch nicht umfassend bewacht waren, gelang ihm die Flucht. Mit einem Fahrrad, das er irgendwo requirierte, hatte er die Strecke jeweils nachts zu Fuss oder radelnd zurückgelegt. Den Krieg hatte er nur überlebt, weil er in einer der Abwehr schlachten (Hürtgenwald), in welcher fast seine ganze Kompa gnie aufgerieben wurde, früh von einem Granatsplitter getroffen und ins Lazarett gebracht worden war. Allerdings war er von den Ereignissen traumatisiert. Wieder in Wuppertal konnte er in der Firma, die von meiner Mutter aufgebaut wurde, erst nach länge ren Aufenthalten in Nervenheilanstalten mitarbeiten.
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Klaus Rodowski *1941, hat zwei Kinder aus erster Ehe, lebt mit seiner Partnerin in Speicher. Flucht von Ostpreussen nach Berlin 1945 mit der Mutter und der Schwester, 1949 Asyl in der Schweiz, dem Land der Grosseltern mütterlicherseits, seit 1952 Schweizer.
«Hier bin ich am richtigen Ort» Martin Hüsler Gegen Ende 1944 rückt die russische Armee bei ihrem Vor marsch in Richtung Deutsches Reich immer näher an Ostpreus sen heran. Die Angst der dort lebenden Menschen vor Übergrif fen wächst, so dass der Gedanke an eine Flucht stets konkreter wird, trotz der vom NS-Regime angedrohten Strafen. Im Dörf chen Sdunkeim (polnisch Saduny) trifft auch Gertrude Rodow ski-von Känel Vorbereitungen zur Flucht. Sie ist die Tochter Jo hann von Känels, der 1892 aus dem Berner Oberland nach Ost preussen auswanderte, dort einen Landwirtschaftsbetrieb leitete und 1897 eine Familie gründete. Nachdem Gertrude Ro dowskis Gatte Fritz, mit dem sie sich 1937 vermählte, im Juli 1944 an der Ostfront gefallen war, zieht sie vom ursprünglichen Wohnort Banaskeim (polnisch Banaszki) ins nahe Sdunkeim, wo sie im Haus des Schwiegervaters mit ihrer sechsjährigen Tochter Gisela und dem dreijährigen Sohn Klaus vorüberge hende Aufnahme findet – bis die Flucht unumgänglich wird. Die Familie lädt die nötigste Habe auf Pferdewagen. Am 20. Januar 1945 bricht Gertrude Rodowski mit ihren beiden Kindern und weiteren Familienangehörigen gegen Westen auf. Bittere Kälte macht das mühsame Vorhaben noch beschwerlicher. Bei einem Zwischenhalt geschieht ein folgenschwerer Vorfall. Klaus Ro dowski erinnert sich an einen Keller, der als Unterstand diente: «Der Grossvater wollte vor dem Eindunkeln noch nach den Pfer den schauen. Der Ort stand unter Beschuss der russischen Ar mee. Der Grossvater wurde von einer Granate getroffen und starb zwei Tage später.» Der Beschuss hat zur Folge, dass die Pferde verenden und die Wagen verbrennen, was ein weiteres Vorankommen verunmöglicht. Wie die anderen Frauen der Fa milie tritt Gertrude Rodowski mit den Kindern den über Tage sich hinziehenden Rückweg nach Sdunkeim an. Er wird zur Tor tur, mangelt es doch an Essen. Und es stehen jeweils nur be helfsmässige Unterkünfte zur Verfügung. Nach der Ankunft in Sdunkeim plagen Klaus Rodowski Geschwülste am Fuss und an der Leiste. «Zum Glück gab es im Nachbardorf noch einen Arzt, zu dem mich meine Mutter auf einem Schlitten hinfuhr. Er dia gnostizierte eine Lymphdrüsenentzündung.»
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«Ich würde mir von der Schweiz wünschen, dass sie von grösserer Offenheit und von weniger Gärtchendenken geprägt wäre.»
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Die Eltern Fritz und Gertrude Rodowski-von Känel mit ihren Kindern Klaus und Gisela in der ostpreussischen Heimat, 1943.
Von Februar bis November 1945 leben die Rodowskis in Sdunkeim, nunmehr unter russischer Besatzung. Zwischen durch nehmen die Russen alle Frauen im Ort gefangen, womit die Kinder auf sich selbst gestellt sind. «Da hatte meine Schwes ter Gisela die Idee, eine etwas abseits lebende Nachbarin aufzu suchen, denn sie hatte eine Kuh im Haus versteckt. Dank ihrer Milch konnten wir überleben.» Nach zweiwöchiger Gefangen schaft kehrt Gertrude Rodowski zu ihren Kindern zurück. An der Potsdamer Konferenz vom Sommer 1945 beschlies sen die Siegermächte die Aufteilung Ostpreussens zwischen Russland und Polen. Die deutschsprachige Bevölkerung wird aufgefordert, Ostpreussen zu verlassen. Die betroffenen Men schen erhalten ein Aufgebot zur Abreise. Sie haben sich an ei nem Verladebahnhof für den Abtransport einzufinden. Das gilt auch für Gertrude Rodowski und ihre Kinder. Klaus erinnert sich an den Fussmarsch zum Bahnhof Korschen von Anfang Dezem ber 1945: «Dort erwarteten uns geschlossene Viehwagen für die Reise nach Berlin. Bis zur Abfahrt des Zuges dauerte es aber ei nige Tage. Die sanitären Verhältnisse waren desolat. Und Ver pflegung war nicht organisiert. Meine Mutter hatte zum Glück selbstgebackenes Brot dabei, das sie in einem Mehlsack ver staute. Während der ganzen Fahrt sass sie auf diesem Sack, da mit ihn ja niemand anders an sich nehmen konnte.» Unterwegs bleibt der Zug immer wieder stehen, so dass die entbehrungsrei che Fahrt nach Berlin mehrere Wochen dauert. Am 24. Dezember 1945 kommt die Gruppe in Brandenburg bei Berlin an. Gertrude Rodowski wendet sich sofort ans Rote Kreuz, um in Erfahrung zu bringen, wohin es die übrigen Fami lienangehörigen auf ihren Fluchtrouten verschlagen hat. Sie muss dabei zur Kenntnis nehmen, dass das Schicksal teils uner bittlich zugeschlagen hat. Dank ihrer Schweizer Wurzeln besteht für Gertrude Rodow ski und ihre Kinder die Möglichkeit, sich wieder einbürgern zu
«Die Integration in einem fremden Land gestaltet sich im Kindesalter wesentlich einfacher.»
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Klaus, Gertrude und Gisela Rodowski-von Känel in Berlin, 1946.
Klaus und Mutter Gertrude Rodowski-von Känel in Speicher, 1957.
lassen. Allerdings hat sie auf der Flucht alle Ausweispapiere ver loren. Klaus Rodowski schildert die Umstände: «Für meine Mut ter galt es in dieser Situation, ein Verfahren zur Beschaffung der nötigen Dokumente in die Wege zu leiten. Darin war auch die Gemeinde Reichenbach im Kandertal, von wo seinerzeit mein Grossvater auswanderte, eingebunden. Ohne Aussicht auf ei nen positiven Entscheid hätten wir Berlin nicht verlassen kön nen.» Die Chancen stehen gut, aber es sollte Jahre dauern, bis die Formalitäten erledigt sind. Gertrude Rodowski hat im Auf fanglager mittlerweile Arbeit als Köchin gefunden, derweil Gi sela und Klaus die Schule besuchen. Als die Behörden das Lager 1949 auflösen, wird die Familie zunächst nach Lübeck ausgeflo gen, von wo sie mit der Bahn im Herbst 1949 nach Basel gelangt. Es folgt ein Aufenthalt in einem Quarantänelager in Rheinfel den. Dort erhält Gertrude Rodowski ein Schreiben der Eidge nössischen Zentralstelle für Auslandschweizerfragen, worin man ihr kund tut, der Kanton Appenzell Ausserrhoden habe ihrem Zuzug zusammen mit den Kindern zugestimmt, «sofern ihm daraus keine finanzielle Belastung erwachsen würde.» Ihr wird empfohlen, eine Stelle zu suchen, was sie denn auch erfolgreich tut. Sie findet Arbeit bei der Weberei Schefer in Spei cher. Bis die Wohnverhältnisse ins Reine kommen, verbringen Gisela und Klaus die erste Zeit im Rehetobler Kinderheim in der Lobenschwendi. Dann kann die Familie eine Wohnung in Spei cher beziehen. Im Februar 1952 verfügt das Eidgenössische Justiz- und Poli zeidepartement die unentgeltliche Wiederaufnahme ins ber nische Kantonsbürgerrecht und ins Bürgerrecht der Gemeinde Reichenbach. Fortan ist Klaus Rodowski also Schweizer. Die In tegration fällt ihm leicht, obwohl er das Schweizerdeutsche zu nächst als eine blöde Sprache empfindet, die er nie sprechen will. Aber schon nach wenigen Wochen kann er sich im hiesigen Dialekt verständlich machen. «So gab es nie eine Barriere zwi schen mir und meinem neuen Umfeld. Das erleichterte mir den Schulbesuch. Das Mitmachen im Turnverein und später im Mu sikverein hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich hier rasch heimisch fühlte.» Er absolviert bei der Trogenerbahn eine Mechanikerlehre als Grundstein für seinen späteren beruf lichen Aufstieg in der Elektrobranche. Eine Affinität zu seinem Herkunftsland, das er 1998 besuchte, besteht zwar nach wie vor, trotz der veränderten politischen Verhältnisse. «Die preussi schen Koordinaten sind mir aber nicht mehr Heimat. Heute ist mir Speicher Heimat, das Umfeld im Dorf, der Bekanntenkreis.»
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Dorf der Kinder, Ort der Bildung Das Kinderdorf Pestalozzi Trogen feiert sein 75-jähriges Bestehen und steht – einmal mehr – im Umbruch
Peter Surber
1953, sieben Jahre nach dem Einzug der ersten Kriegswaisen ins Kinderdorf Pestalozzi, dreht Leopold Lindtberg den Film «Unser Dorf».1 Er erzählt, untermalt von einem zeittypisch dramati schen Soundtrack, die Geschichte des traumatisierten Polen jungen Andrzej und der deutschen Kriegswaise Anja, die sich im Kinderdorf befreunden und auseinandergerissen werden, als die stalinistischen Machthaber in Polen beschliessen, die Kin derdorfkinder zurückzuholen, weil ihnen die humanitäre Aus richtung in Trogen zuwider ist. Der Film fällt beim Publikum durch; die Kritik bemängelt teils dessen unentschiedene politische Haltung. Er gewinnt je doch den Bronzenen Bären an der Berlinale 1953 und steigert den Bekanntheitsgrad des jungen Trogner Projekts. Der Titel «Unser Dorf» passt damals tatsächlich nicht nur für die Kinder, die hier eine neue Heimat gefunden haben, sondern auch für die breite Bevölkerung: Das Kinderdorf erfreut sich rasch einer ungeheuren Popularität. In den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens kommen über eine Million Besucherinnen und Besu cher nach Trogen. Eine Welle der Solidarität, der Spendenfreude und der Freiwilligenarbeit war 1944 bis 1946 Voraussetzung da für gewesen, dass das Kinderdorf überhaupt hatte gebaut wer den können.2 Die Vorgeschichte ist bekannt und viel erzählt worden – im Zeitraffer ist sie auch in einem Videobeitrag nachzusehen, der in der neu gestalteten Ausstellung im Haus 2 des Kinderdorfs in Trogen zu sehen ist: Wie Walter Robert Corti (1910 –1990) als Ju gendlicher aus dem Schrecken über die Gräuel des Ersten Welt kriegs seine Idee einer völkerverbindenden Akademie für den Frieden entwickelt, wie daraus 1944 angesichts der Verheerun gen des Zweiten Weltkriegs das Projekt eines Kinderdorfs her vorgeht und dank dem Aufruf in der Zeitschrift «du» auf brei testes Echo stösst, und wie Corti mit Gleichgesinnten wie der Reformpädagogin Elisabeth Rotten (1882 –1964), der Kinderpsy chiaterin Marie Meierhofer (1909 –1998), dem Trogner Pfarrer Josef Böni (1895 –1974) oder dem Architekten Hans Fischli (1909 –1989) in kürzester Zeit das Kinderdorf auf der Wiese oberhalb des Dorfs Trogen realisieren konnte.3
1 Nach einer Vorlage von David Wechsler und Kurt Früh, vgl. Hervé Dumont: Die Geschichte des Schwei zer Films. Spielfilme 1896 –1965. Lau sanne 1987, S. 446f.
2 Martin Lengwiler: Das Kinderdorf im Kontext der Schweizer Heim- und Bildungslandschaft. In: Henry/von Allmen (wie Anm. 7), S. 31–41, hier S. 32. 3 Ausführliche Darstellungen der Entstehungsgeschichte des Kinder dorfs finden sich unter anderem in: Walter Robert Corti: Gesammelte Schriften, Bd. 3 (Der Weg zum Kin derdorf Pestalozzi) und Bd. 5 (Ein Dorf für die leidenden Kinder. Das Kinderdorf Pestalozzi in den Jahren 1949 bis 1972 mit Arthur Bill als Dorfleiter). Hrsg. von Guido Schmidlin. Bern, Stuttgart, Wien 2002. Sowie in: Guido Schmidlin: Walter Robert Corti. Der Gründer des Kinderdorfs Pestalozzi in Trogen. Zürich 1996.
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Grundsteinlegung am 28. April 1946.
Einfache Bauweise, viel Freiwilligenarbeit: Impression vom Hausbau, 1946/47.
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Luftaufnahme des Kinderdorfs, 24.4.1949.
Spendensammeln für das Kinderdorf. Verkauft wurden Taschentücher mit dem damaligen Marienkäfer-Logo des Pestalozzidorfs. Aufnahme um 1950.
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Klug adaptierter Appenzellerstil: Hans Fischlis Kinderdorf-Häuser, Postkarte, 1950er-Jahre.
In der Wohnstube eines Kinder hauses, Postkarte, 1950er-Jahre.
Fahnenaufzug im Kinderdorf, in der Mitte Initiant Walter Robert Corti, Postkarte, 1950er-Jahre.
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Reformpädagogin Elisabeth Rotten, Mit-Initiantin des Kinderdorfs, um 1955.
Kongress im 1952 eingeweihten Unesco-Haus des Kinderdorfs, der sogenannten Canada-Hall.
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Von der «Kinderrepublik» zur Hilfe vor Ort
4 Ueli Habegger: Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Hrsg. von der Schweizerischen Gesellschaft für Kunstgeschichte in Zusammenar beit mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi. Bern 2020 (Schweizeri sche Kunstführer 107/1061). 5 Website zum Jubiläum: https:// 75jahre.pestalozzi.ch (Stand: 08.08.2021).
6 Gespräch des Autors mit Martin Bachofner vom 08.07.2021. Auch die nachfolgenden Zitate von Mar tin Bachofner sind diesem Ge spräch entnommen. 7 Marcel Henry und Katharina von Allmen (Hrsg.): Der Traum einer Welt für Kinder. Das Kinderdorf Pestalozzi – seit 75 Jahren für Kin der, Bildung und Frieden. Schwell brunn 2021.
8 Ebd., Kapitel 2: Von der weiten Welt nach Trogen – und von Trogen in die weite Welt, S. 92 –111.
Wenige Gehminuten vom Dorfkern entfernt gruppieren sich die rund zwanzig Häuser des Pestalozzidorfs um den Spielplatz als imaginären Dorfplatz. Ihre Architektur prägt ein klug adaptier ter Appenzeller Stil, die Räume sind in kindgerechter Grösse, viel Holz macht sie heimelig.4 Beim Gang durch das Kinderdorf spürt man 75 Jahre später den Geist der Gründerjahre auf Schritt und Tritt und glaubt, die Zeit sei stehen geblieben – bloss dass weit und breit kein Kind zu sehen ist. Dafür führen stilisierte Kinderfiguren zur Jubiläums-Ausstellung. Plakate erinnern an das Kinderdorfjubiläum.5 Sie zeigen Kinder mit Schmetterlings flügeln samt dem Slogan: «Kinder sollen fliegen lernen». In seinem Büro im Verwaltungsgebäude der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi sagt Martin Bachofner, seit Anfang 2021 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Stiftung, was ihm dieser Slogan bedeu tet. Die Flügel sieht er als Sinnbild für den Kernauftrag der Insti tution: die Bildung. «Bildung befähigt Kinder dazu, Grenzen zu überwinden, Verantwortung zu übernehmen, Mut an den Tag zu legen. Möglichst vielen und insbesondere unterprivilegierten Kindern zu Bildungschancen zu verhelfen, ist eine zentrale Auf gabe der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.»6 Die Umsetzung dieser Aufgabe hat im Lauf der Jahre diverse Strategieänderungen und auch Turbulenzen ausgelöst. Nach zulesen ist dies in dem im Herbst 2021 erschienenen Jubiläums buch der Stiftung mit dem Titel «Der Traum einer Welt für Kin der».7 Direkt nach dem Krieg stand die Idee der «Kinderrepublik» im Vordergrund – mit dem klaren Ziel einer baldigen Rückkehr der Kinder in ihre Heimatländer. Das Leben im Dorf sollte sie auf die Aufgabe vorbereiten, «später in ihren Heimatländern mit zuhelfen, ein neues, geeintes und friedliebendes Europa zu bauen». Doch stellte sich rasch heraus, dass mit Ausnahme der polnischen oder der meisten finnischen Kinder die grosse Mehr heit der Kriegswaisenkinder in der Schweiz blieb, hier eine Aus bildung absolvierte und sich integrierte. Der Widerspruch zum Ideal der baldigen Rückkehr verschärfte sich noch mit der Auf nahme von Kindern aus aussereuropäischen Ländern: 1960 traf die erste Kindergruppe aus Tibet ein, dann folgten Kinder aus anderen Krisenregionen wie Südkorea, Tunesien (1965), Indien (1970), Vietnam (1972) und Äthiopien (1974). Aus Europa ka men hingegen bald keine Kriegswaisen mehr, sondern Halbwai sen oder Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Dann der wohl grösste Umbruch in der Geschichte des Pesta lozzidorfs: der Entscheid zur Entwicklungszusammenarbeit und damit zum Schritt hinaus aus dem Dorf in die Welt, Ende der 1970er-Jahre gefällt und ab 1982 umgesetzt.8 Er reagierte auf wachsende Kritik an der exklusiven Betreuung einiger weniger