Skip to main content

Trash Art

Page 1

TRASH-ART Künstlerische Auseinandersetzungen mit Mensch, Müll und Gesellschaft

Ernst Hohl-Kulturstiftung Appenzell Schriftenreihe Haus Appenzell Band 16


INHALTSVERZEICHNIS

3 Prolog – Ernst Hohl, Stiftungspräsident 4 序言 – 王世廷 中华人民共和国驻瑞士联邦特命全权大使 Vorwort – Wang Shihting, Botschafter der Volksrepublik China in der Schweiz 5 序言 – 贝内迪克特·伍尔特 瑞士联邦院议员 Vorwort – Benedikt Würth, Ständerat des Kantons St. Gallen 6 Was übrig bleibt – Melanie Wirz 14 Das Ende ist der Anfang – eine soziale, kulturelle und künstlerische Auseinandersetzung mit Abfall – Hao Hohl-Yu 24 《旧物新生》– 郑靖 Alte Dinge, neues Leben – Zheng Jing 28 中国美术学院学生作品 Werkschau der Studierenden der China Academy of Art 100 All you need is – Müll | Outsider Art und Trash-Art – Monika Jagfeld 106 112 116 122 126 130

Max Goldinger Pya Hug Hans Krüsi Ernst Kummer Paul Schlotterbeck Karl Uelliger

136 Dank 136 Impressum

2


PROLOG

Eigentlich lief die Planung für die neue Ausstellung im Haus Appenzell in eine ganz andere Richtung. Auslöser für das plötzliche Umschwenken war mein Aufenthalt Anfang 2019 in Südafrika. Dort führt das Leben in Blechhütten auf engstem Raum automatisch dazu, alles was nicht Platz findet, wegzuwerfen. Ganz anders erlebte ich die 1980er-Jahre in China: Dort wurde praktisch alles wiederverwertet und in diesem Zustand sehr geschätzt. Ich sehe noch heute das Gesicht eines kleinen Knaben vor mir, der mich ungläubig ansah, als ich ihm ein westliches Spielzeugauto schenken wollte. Er liess es fallen, rannte weg und spielte mit seinem selbstgebastelten Auto, das aus einer aufgeschnittenen Plastikflasche und Schuhsohlen bestand, glücklich weiter. Das Thema des Abfalls liess mich nicht mehr los. Dabei erinnerte ich mich an meine Kindheitsjahre, die ich bei den Grosseltern im Appenzellerland verbrachte. Dort lernte ich in den mittleren 1940er-Jahren, dass es keinen Abfall gibt. Alles wurde wiederverwertet, vom Nagel bis zur Schnur. Die Milch wurde vom Bauer gebracht, und der Most kam aus dem eigenen Fass im Keller. Es brauchte weder Tetra-Packungen noch lange Anfahrtswege. Ein heutiger Blick in den Kühlschrank liess mich erschaudern angesichts der vielen Verpackungen, die mich begrüssten. Zurück in der Schweiz entschieden wir im Team, diesem Thema unsere nächste Ausstellung zu widmen. Zwei Kunsthochschulen in China und der Schweiz sollten sich dazu äussern. Trotz Corona standen der Kuratorin bereits im Oktober alle Exponate zur Verfügung; auch der Katalog befand sich kurz vor dem Druck. Plötzlich auftauchende Meinungsdifferenzen mit der Schweizer Hochschule zwangen uns schweren Herzens, das Projekt zu stoppen und uns neu zu orientieren: Warum nicht den Werken der Studierenden der China Academy of Art solche von Ostschweizer Künstlern, die schon vor Jahrzehnten aus Weggeworfenem Neues entstehen liessen, gegenüberstellen? Dank dem Interesse der Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut und ihrem grossen Sammlungsgut im Museum Lagerhaus in St. Gallen war der Bezug gesetzt. Wahrlich eine grosse Herausforderung für das ganze Team des Hauses Appenzell, dem für die Umsetzung bis zur Ausstellungseröffnung noch knapp drei Monate zur Verfügung standen! Ich lade Sie nun ein, geschätzte Besucherinnen und Besucher, in unsere Abfallwelt einzutauchen. Wir hoffen, die Exponate und das Thema bewirken auch bei Ihnen ein Umdenken und eine Änderung Ihres Abfallmanagements, das ja bereits beim täglichen Einkauf beginnt. Ernst Hohl, Präsident der Ernst Hohl-Kulturstiftung Appenzell im Corona-Monat Dezember 2020 3


序言

VORWORT

2020年是中瑞两国建立外交关系70周年,原 计划将举办一系列庆祝活动, 《旧物新生展》 本是其中之一。但一场突如其来的新冠肺炎疫 情席卷全球,使得正常的经济社会生活和文化 活动都受到很大影响。此次展览也推迟至2021 年开幕。

2020 jährte sich das 70. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Schweiz. Ursprünglich waren verschiedene Anlässe zur Jubiläumsfeier geplant. Die Ausstellung «Trash-Art: Künstlerische Auseinandersetzungen mit Mensch, Müll und Gesellschaft» war einer davon. Die völlig unerwartete Ausbreitung von Covid-19 jedoch – eine Epidemie globalen Ausmasses – hatte Auswirkungen auf wirtschaftlicher, sozialer wie auch kultureller Ebene, und die Ausstellung musste auf 2021 verschoben werden. Trotz grosser geografischer Distanz und geschichtlicher, systemischer wie kultureller Unterschiede ist unser aller Wunsch nach einem guten Leben derselbe. Das aktuelle Jahr lässt uns stärker über Ökologie, Umweltschutz, nachhaltige Entwicklung und die Schicksalsgemeinschaft der Menschheit nachdenken. Es gibt nur eine Erde – unser aller Heimat – und unser Zusammenwirken für eine ökologische Entwicklung und einen nachhaltigen Lebensstil ist angesagt. Die vorliegende Ausstellung setzt genau hier an: Die beteiligten Lehrenden, Lernenden und KünstlerInnen verwendeten Abfallmaterialien in Kombination mit Vorstellungsvermögen und Kreativität für ihre Werke. Ich bin überzeugt, dass die Arbeiten durch ihre künstlerischen Ausdrucksformen eine grundlegende Reflexion und Auseinandersetzung mit Mensch und Natur, Mensch und Gesellschaft auslösen.

中瑞两国虽然相距遥远,历史、制度和文化也 有所不同,但人民追求美好生活的愿望是一样 的。这一年,让我们对“生态”、 “环保”、 “可持 续发展”和“人类命运共同体”都有了更多思 索。地球家园只有一个,需要我们大家一起努 力,形成绿色发展和绿色生活方式。此次展览 很契合这一主题。参展的老师同学们和艺术家 利用废旧材料展开想象、发挥创造力进行艺术 创作。我相信,这些作品一定蕴含了对人与自 然、人与社会如何互动的深刻思考和艺术化的 表现。 在此,感谢霍尔文化基金会霍尔主席和负责人 于皓女士一直以来为中瑞文化艺术交流所付出 的努力,感谢霍尔文化基金会暨阿彭策尔馆和 中国美术学院、瑞士原生艺术基金会暨圣加伦 库藏博物馆各方的通力合作与精心投入,预祝 《旧物新生艺术展:废弃材料与人及社会的艺 术互动》取得圆满成功! 中国驻瑞士大使 王世廷

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei Herrn Ernst Hohl und Frau Hao Hohl-Yu – Präsident und Kuratorin der Ernst Hohl-Kulturstiftung – für ihr grosses Engagement zugunsten des Kulturaustauschs zwischen China und der Schweiz bedanken. Mein Dank geht auch an das Haus Appenzell, die Chinesische Hochschule der Künste und das Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut, St. Gallen, für ihren grossen Einsatz und die sorgfältige Zusammenarbeit. Der Ausstellung «Trash-Art» wünsche ich viel Erfolg! Wang Shihting Botschafter der Volksrepublik China in der Schweiz

4


序言

VORWORT

资源保护、全球化、边界、生态、循环经济及可 持续性这些占主导地位的世界性主题值得深 入探讨。可回收材料被视为废弃物这一基本问 题的代名词,旨在让废品在循环中得到再利用 而非对其束手无策。艺术创作为上述价值观念 拓宽了维度:换言之,来自世界上最杰出的艺 术大学之一的中国美术学院的学生创作的作品 以及圣加仑库藏博物馆收藏的瑞士东部原生 艺术家的作品赋予了废弃材料以新的价值。库 藏博物馆正是倡导这一循环理念的历史与现 代相结合的灵感集中地。圣加仑州可为其原生 艺术传统而自豪。与此同时,我相信瑞中交流 将为艺术家创作及引发观者思考方面带来有价 值的促动。在此,我要对中国美术学院的郑靖 教授和贺亮老师和所有参与创作的艺术家们 为此主题的创作及付出表示由衷感谢。我还要 感谢库藏博物馆馆长莫尼卡·雅格菲尔德女士 对此展览项目的支持,使馆藏品得以参展。

Ressourcenschonung, Globalisierung, Grenzen, Ökologie, Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit sind derart dominierende Themen, dass sie weltweit zu einer vertieften Auseinandersetzung aufrufen. Ganz grundsätzlich stellen wir uns die Frage, ob es Abfälle überhaupt geben soll. Man spricht darum heute nicht mehr von Abfällen, sondern von Wertstoffen. Kreisläufe schliessen statt in die globale Sackgasse produzieren. Das künstlerische Schaffen fügt diesem Gedanken der Werthaltigkeit eine weitere Dimension hinzu: Man könnte sagen, eine Potenzierung der Werte ergibt sich aus den Werken, welche Studierende der China Academy of Art, einer der herausragendsten Kunsthochschulen, sowie Ostschweizer Art Brut-Künstlerinnen und -Künstler aus der Sammlung des Museums im Lagerhaus St. Gallen geschaffen haben. Das Lagerhaus ist genau für jene Werkgattung ein inspirierender Ort, weil Geschichte und heutige Nutzung diesen Kreislauf-Gedanken widerspiegeln. St. Gallen darf stolz sein auf seine Tradition der Art Brut. Gleichzeitig bin ich sicher, dass der schweizerisch-chinesische Austausch zusätzliche wertvolle Impulse für Kunstschaffende wie auch für Besucherinnen und Besucher zu bewirken vermag. Es ist mir ein Anliegen, Prof. Zheng Jing und He Liang von der chinesischen Kunsthochschule sowie allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern für die thematische Auseinandersetzung und ihre Arbeiten herzlich zu danken. Auch danke ich der Leiterin des Museum im Lagerhaus, Monika Jagfeld, für ihre spontane Zusage, das Projekt mit Werken aus ihrer Sammlung zu unterstützen. Die Ernst Hohl-Kulturstiftung und das Haus Appenzell in Zürich sind Ursprung und Treiber dieses Projekts. Ernst Hohl ist in seiner unermüdlichen Art ein Netzwerker, den die Kultur und die Ostschweiz brauchen. Ich bedanke mich bei ihm und seiner Frau Hao Hohl-Yu – Kuratorin der Ernst Hohl-Kulturstiftung – für das grosse Engagement und das länder­ übergreifende Vernetzen.

此项目的发起人及主办方是霍尔文化基金会暨 苏黎世阿彭策尔馆。我们的文化及瑞士东部需 要恩斯特·霍尔先生的人脉网络及其不懈努 力。在此我对霍尔先生和其夫人霍尔文化基金 会策展人于皓女士为跨境合作交流作出的巨大 贡献表示感谢! 贝内迪克特·伍尔特 瑞士联邦院议员

Benedikt Würth Ständerat des Kantons St. Gallen

5


WAS ÜBRIG BLEIBT

Müll ist ein Spiegel der Gesellschaft. Auf der ganzen Welt verrät er, wer wir sind. Er verrät unseren Lebensstil, unseren Wohlstand, unsere Gewohnheiten. Klimawandel, eine extreme Eiszeit, Vulkanausbrüche und Meteoriten: Arten existieren nicht unendlich lange. Sie sterben irgendwann aus, wie uns die letzten 500 Millionen Jahre am Beispiel von etlichen Spezies gezeigt haben. Wir wissen das, weil Archäologen graben, forschen, aufarbeiten. Sie finden alte Knochen und historische Monumente. Die sorgsam gehüteten Kostbarkeiten klären uns über die Kultur, die Lebensweisen und zivilisatorische Standards früherer Gesellschaften auf. Was werden Forscher in ferner Zukunft finden, wenn es unsere Gesellschaft in dieser Form nicht mehr gibt? Was wird die postmoderne Kultur ihren Nachfahren hinterlassen? Das Schlaraffenland der Forscher könnten die Schuttberge aus Müll sein. Die einzelnen Bestandteile eines Feuerzeugs beispielsweise sind erst in 100 Jahren restlos abgebaut. Eine Aluminiumdose braucht dafür gut 200 Jahre und eine Plastikflasche überlebt den Menschen um Jahrhunderte: In 450 Jahren ist sie zersetzt. Was Menschen kaufen, konsumieren und wegwerfen, ist aus dem Auge. Jedoch für lange Zeit nicht aus dem Sinn. Und es wird immer mehr. Mit unserem Wohlstand und der zunehmenden Verstädterung der Regionen wachsen die Müllberge. Reichtum drückt sich in den Tonnen Abfall aus, wie sich der global wachsende Wohlstand im immer grösser werdenden ökologischen Fussabdruck widerspiegelt. Dabei sagt der Abfall genauso viel über unsere Kultur und Lebensweise aus wie gefundene Knochen, Schriften und Monumente über das frühere Sein. «Vor allem zeigt die Menge Abfall, die wir produzieren, dass es uns materiell gut geht», sagt Prof. Dr. Christoph Hugi, Dozent für Nachhaltigkeit und Entwicklung an der Hochschule für Life Sciences der Fachhochschule Nordwestschweiz. Abfall in Zahlen  Studien zeigen einen klaren Zusammenhang: Je höher das Einkommen

eines Landes, desto grösser die Menge der konsumierten Güter jedes einzelnen Einwohners. Je reicher ein Land, desto höher der Abfallberg. «What a Waste», ein Bericht der Weltbank über die globale Müllmenge, zeigt, dass weltweit pro Jahr über 1.3 Milliarden Tonnen Siedlungsabfälle aus Haushalten, Kleinunternehmen, Büros, öffentlichen Abfalleimern und Höfen anfallen. Dabei handelt es sich um eine Schätzung. Ein genaues Inventar ist schwierig, da die Müllmengen von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, die sich von Land zu Land

6


Abfallaufkommen weltweit 600

500

468 392

400

334 289

300

231 200

174 129

100

0

Ostasien / Pazifikregion

Europa / Zentralasien

Südasien

Nordamerika

Lateinamerika / Karibik

Subsahara – Afrika

Mittlerer Osten / Nordafrika

Wilde Müllkippe. Abfallaufkommen weltweit nach Regionen 2016, in Millionen Tonnen. Quelle: Statista, 2020.

stark unterscheiden können. Es hängt etwa davon ab, welche Gewohnheiten es im Umgang mit Kehricht gibt, welches Klima herrscht oder wie stark ein Land industrialisiert ist. Auch wird jeweils zwischen unterschiedlichen Arten von Müll unterschieden: In der Schweiz machen Rückbaumaterialien, Aushub- und Ausbruchmaterialien den grössten Teil aus, ungefähr 85 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. Der Grund für diese hohe Zahl ist, dass mit dem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum mehr gebaut und somit mehr Material verbraucht wird. In China ist es ebenfalls der Industriemüll, der am meisten ausmacht. 2017 waren es laut der chinesischen staatlichen Nachrichtenagentur «Xinhua» über zwei Milliarden Tonnen. Nach dem Bauabfall folgt der Siedlungsmüll: Die Weltbank schreibt, dass die OECD-Staaten, die Mitglieder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, am meisten Siedlungsmüll produzieren. Sie geht von jährlich über 520 Kilogramm pro Kopf aus. Die Schweiz liegt über diesem Durchschnitt. Aufgrund des hohen Lebensstandards gehört das Land zu den grössten Siedlungsabfallproduzenten der Welt: 6 Millionen Tonnen waren es 2018. Pro Person entspricht das 716 Kilogramm Abfall im Jahr – also über 140 Gebührensäcke mit einem Volumen von 35 Litern. Noch vor 20 Jahren produzierten wir 4.7 Millionen Tonnen insgesamt und nur 659 Kilogramm pro Kopf. Ausgehend von einer Lebensdauer von 82.7 Jahren sammeln sich bei Frau und Herr Schweizer heute gut 60 Tonnen Siedlungsabfall im Leben an. Mit durchschnittlich 480 Kilogramm pro Kopf produzieren die Chinesen zwar deutlich weniger Abfall im Jahr als die Schweizer. Doch genauso rasant wie die Wirtschaft, der technologische Fortschritt und die Bevölkerung wuchsen in China in den vergangenen Jahren auch die Müllberge. Im Jahr 2000 wurden noch 118 Millionen Tonnen Haushaltabfall registriert. Die

7


Siedlungsabfälle in der Schweiz pro Person 800 700 600

kg/c

500 400 300 200 100

Verbrannte Siedlungsabfälle pro Person

2018

2016

2014

2012

2010

2008

2006

2004

2002

2000

1998

1996

1994

1992

1990

1988

1986

1984

1982

1980

1978

1976

1974

1972

1970

0

Separat gesammelte Siedlungsabfälle pro Person

aktuellsten Zahlen von 2018 zeigen 228 Millionen Tonnen, und bis 2030 rechnen die chinesischen Behörden mit einer Verdoppelung. Der Müllberg wird weiterwachsen, denn mit dem Wirtschaftswachstum erhöht sich der Konsum. Es ist die Schattenseite des Wohlstands und der rasanten gesellschaftlichen Verän­ derungen. Menschen wollen immer öfter immer mehr. Das beste Handy, den schnellsten Computer: Kommt ein besseres Produkt auf den Markt, stattet man sich mit dem neusten Modell aus. Die neuste Jeans, das günstigste T-Shirt: Ändert sich der aktuelle Modetrend, wirft man die Billighose einfach weg. In China schreitet diese Verwestlichung in rasantem Tempo voran. Die Mittelschicht wird immer grösser und lebt nach der Philosophie «to go», für unterwegs. Für die Umwelt bedeutet das: Verpackungsmüll en masse. Zu beobachten ist dies vor allem in den grossen Städten. In den ländlichen Regionen wird vergleichsweise wenig Abfall produziert. Die Städter seien für doppelt bis viermal so viel Müll verantwortlich wie die Landbewohner, schreibt der ehemalige China-Korrespondent Peter Achten in der Onlinezeitung «Journal21». Dank Medien und den Lokalregierungen entstünde nun langsam ein stärkeres Umweltbewusstsein. «Die Menge Abfall zeigt, dass wir uns zu wenig Gedanken über unseren Fussabdruck und unser Konsumverhalten machen», konstatiert Professor Hugi. Seiner Meinung nach muss sich das Denken in den Köpfen der Menschen ändern: «Die Welt darf nicht weiterhin als unkontrollierter, unbegrenzter Abfalleimer betrachtet werden. Vor allem die Weltmeere nicht mehr.»

8

Entwicklung Siedlungsabfallaufkommen in der Schweiz pro Person. Quelle: Bundesamt für Umwelt BAFU, 2018.


Konsum ist oft leichtsinnig. Die Konsequenzen sind für den normalen Bürger kaum sichtbar. Der Abfall, der produziert wird, lässt sich mit Mülltonnen und Kehrichtsäcken leicht kaschieren. Doch Abfallentsorgung ist immer auch an erhebliche Umweltauswirkungen gekoppelt. Nicht bloss für die Herstellung der Konsumgüter, sondern auch für die Beseitigung und Verwertung des Mülls werden wertvolle Ressourcen gebraucht. Das Müllsystem in der Schweiz  Würde die ganze Welt im gleichen Ausmass wie die

Schweiz konsumieren, wären fast drei Planeten erforderlich, schreibt das Bundesamt für Umwelt 2016 in seinem Bericht «Ent-Sorgen?». «Wir werden vermehrt gesellschaftliche Wertediskussionen führen müssen», meint Hugi. In der Schweiz bestünde noch Optimierungspotenzial in diversen Bereichen, «denn Reichtum ist immer auch die Basis, um Herausforderungen angehen zu können.» Seit 1983 gilt in der Schweiz das Umweltschutzgesetz, welches die wichtigste nationale Gesetzgebung in Bezug auf die Abfallentsorgung enthält. Man erinnert sich, dass Müll bis dahin wild verteilt wurde: Säcke voller Abfall in Wäldern, Flaschen an Strassenrändern, alte Kühlschränke in Seen. Das Umweltschutzgesetz hält den ökonomischen Grundsatz des Verursacherprinzips fest: Wer Abfall verursacht, muss für seine Beseitigung bezahlen. Über 90 Prozent der Schweizer Gemeinden haben eine Gebühr auf Kehrichtsäcke eingeführt. Laut dem Bundesamt für Umwelt fällt in diesen Gemeinden pro Kopf 80 Kilogramm weniger Abfall zur Verbrennung im Jahr an als in jenen Gemeinden, die nicht nach diesem Prinzip handeln. 1986 entwickelte das Bundesamt für Umweltschutz das schweizerische Leitbild für die Abfallwirtschaft, worin unter anderem politische Grundsätze zum Thema Abfall festgehalten werden: Sämtliche Entsorgungssysteme müssen umweltverträglich sein und die Abfallwirtschaft muss sich nach den Zielen der Gesetze zum Schutz des Menschen und seiner Umwelt richten. Abfallcontainer. Kartonsammlung. PET-Sammlung.

Bis dahin waren in der Schweiz Deponien oder der Export von Sondermüll für die Kaschierung des Abfalls da. Seit der Einführung des Umweltschutzgesetzes dürfen jedoch nur noch

9


Schweizer Siedlungsabfall im internationalen Vergleich

Gemeindeabfall

Davon Haushaltabfall

800 700 600 500 400 300 200 100

Wiederverwertung (Recycling / Kompostierung)

Abfallverbrennung mit Energiegewinn

USA

Dänemark

Schweiz

Australien

Abfallverbrennung ohne Energiegewinn

Luxemburg

Neuseeland

Israel

Deutschland

Irland

Österreich

Frankreich

Niederlande

Norwegen

Griechenland

Grossbritannien

Italien

Finnland

Schweden

Belgien

Spanien

Portugal

Türkei

Slowenien

Chile

Kanada

Mexiko

Ungarn

Südkorea

Island

Japan

Tschechien

Polen

Slowakei

Estland

0

Vergleich der Gemeinde- und Haushaltabfälle pro Kopf der OECD-Länder 2013, in Kilogramm.

Abfalldeponien

Neuseeland

Chile

Türkei

Mexiko

Israel

Griechenland

Kanada

Slowakei

Estland

Ungarn

Polen

Spanien

Australien

USA

Tschechien

Portugal

Irland

Island

Italien

Slowakei

Grossbritannien

Finnland

Frankreich

Südkorea

Luxemburg

Österreich

Dänemark

Norwegen

Schweden

Japan

Niederlande

Belgien

Schweiz

Deutschland

100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0

Sonderabfälle auf Deponien abgelagert werden – zum Beispiel teerhaltiger Asphalt, asbesthaltige Abfälle oder Rückstände aus der Verbrennung. In 30 Kehrichtverbrennungsanlagen im ganzen Land werden brennbare Abfälle aus Haushalten oder Holzabfälle verbrannt. Modernste Technologien sorgen dabei für einen minimalen Ausstoss an Schadstoffen und die erzeugte Energie wird genutzt, um Haushalte mit Strom und Wärme zu versorgen. Um jedoch auch knapper werdende Ressourcen zu schonen, setzte die Schweiz vor allem auf Abfalltrennung. Im internationalen Vergleich weist das Land eine der höchsten Recyclingquoten auf: Etwa die Hälfte des Siedlungsmülls wird separat gesammelt und verarbeitet. Der Rest wird durch Verbrennung thermisch behandelt. Mit dem Wiederverwerten lässt sich ein grosser Teil an Grundstoffen zurückgewinnen. Doch: «Jede Rückgewinnung ist auch mit Energie- und Materialaufwand sowie Emissionen verbunden und hat somit Auswirkungen auf die Umwelt», sagt Hugi. Recycling ist Teil der Kreislaufwirtschaft. «Unsere Produkte beinhalten aber immer noch viele schädliche Substanzen, die einen geschlossenen Kreislauf in der Abfallwirtschaft erschweren.» Weg vom Müllsammeln in China  In China ist die Abfallwirtschaft eine staatliche Aufga-

be. 1979 wurde ein Umweltschutzgesetz erlassen, das vor allem festhält, dass Industrieabfälle nicht mehr in den Flüssen entsorgt werden. Haushaltsabfälle fielen damals laut China-Experte Achten kaum an: «Alles wurde wiederverwertet. Abfalldeponien gab es noch nicht.» Nasse Haushaltsabfälle sammelten die Bewohner in Eimern und verfütterten sie ihren Tieren. Diese «Sautränke» gibt es in den ländlichen Regionen Chinas noch immer.

10

Abfallentsorgung und Wiederverwertungsquote, in Prozent. Quelle: NZZ/OECD, 2015.


1985 wurden in der Volksrepublik die ersten Mülldeponien angelegt. Vor allem in den grossen Städten wuchsen sie rasant, sorgten für Müllberge zwischen Wohnhäusern und der nächsten Strasse. Mülldeponien wurden zum Geschäftsmodell: Bis heute sortieren Müllsammler den Abfall, um ihn zu verwerten und zu verkaufen. Allein in Peking gibt es noch immer über 1000 Deponien und mehrere Hundert illegale Abfallplätze. Landesweit gibt es über 10‘000 minderwertige Deponien, die den Boden verseuchen und für hohe CO2-Emissionen sorgen. Deshalb – und weil mit zunehmendem Müll immer weniger Platz für die Deponierung vorhanden ist – setzt China nun vermehrt auf Verbrennungsanlagen. Über 300 davon brennen bereits, Hunderte weitere Anlagen sind in Planung. Weil der Abfall in China jedoch kaum getrennt wird und somit einen hohen Organik- und Wasseranteil hat, brennt der Müll schlecht. Flugasche wird in hoher Konzentration als giftiger Schadstoff über dem Land verteilt. Deshalb kam es bereits zu Protesten. Auch im weltgrössten Schwellenland lautet das Abfall-Zauberwort daher: Recycling. Die Abfallmenge der Chinesen ist bereits auf europäischem Niveau – seine Beseitigung und Wiederverwertung noch nicht. Laut einem Bericht im «Journal21» werden 70 Prozent des Mülls noch immer ungetrennt entsorgt. Die Regierung ist dabei, das zu ändern: So wurde ein nationaler Plan zur Reduzierung von Abfällen aufgestellt. Landesweit wurden Kampagnen gestartet, um den Leuten Mülltrennung und Recycling näher zu bringen – um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen. Vor allem in den grossen Städten. In Shanghai existiert seit 2019 eine Regulierung für die Abfalltrennung: Für diverse wiederverwertbare Materialien gibt es verschiedene Behälter – für Glas, Metalle, Papier, Plastik, Bioabfälle und für Textilien. Wer nicht trennt, wird gebüsst. In Peking gehen die Behörden noch weiter: Zur sorgfältigen Mülltrennung wurden in ausgewählten Quartieren «intelligente» Abfallkübel aufgestellt. Sofern man im System registriert ist, öffnet sich der Mülleimer, sobald die integrierte Kamera das Gesicht erkennt. In anderen

Müllsammler in Shanghai.

11


Recyclingstationen in Shanghai.

Städten müssen QR-Codes an den Abfallsäcken angebracht werden, damit der Müll zurückverfolgt werden kann. Wer seinen Müll trennt und entsprechend entsorgt, wird mit Punkten für das soziale Bewertungssystem belohnt. China setzt auf rigorose Massnahmen. Das ist längst an der Zeit, weil das asiatische Land lange als Müllkippe der Welt galt und ab den 1980er-Jahren vor allem Altplastik und -kunststoff aus der ganzen Welt importierte. 2016 kaufte China über 7 Millionen Tonnen Abfall zusammen. Dabei hat die Volksrepublik bei einer Bevölkerungszahl von über 1.4 Milliarden genug Probleme mit dem eigenen Müll. 2017 wurde deshalb ein Importverbot für 24 Abfallsorten eingeführt; 2019 kamen weitere dazu. Ab 2021 will China das Image des Müllsammlers endgültig loshaben: Das Land stellt alle Importe von Festabfällen ein, wie das chinesische Ministerium für Ökologie und Umwelt im Juli 2020 bekanntgab. Es bezeichnet die geplanten Massnahmen als «bahnbrechende Entscheidung für den Bau von Chinas ökologischer Zivilisation». Abfall und unsere Innovation  Abfall widerspiegelt zwar unseren Wohlstand. Sein Auf-

kommen zeigt aber auch, wie wir uns als Gesellschaft wandeln. Unser Bewusstsein für die Umwelt wird vermehrt gestärkt. Wir nehmen mehr Rücksicht, wir recyceln, wir bewahren auf. Menschen werden immer innovativer, wenn es darum geht, die Müllmengen auf ein Minimum zu beschränken. Immer mehr Leute wissen den Abfall als wertvolle Ressource zu nutzen. «Zero Waste», «Food Waste» oder «Upcycling» sind im Trend. Damit will man den Abfallbergen entgegenwirken. In der Schweiz boomen Unverpackt-Läden, in denen Lebensmittel ohne Verpackung verkauft werden. Es existieren Apps, über die Restaurants nicht verkaufte Menus zu vergünstigten Preisen anbieten, um keine Essensreste wegwerfen zu müssen. Oft wird aus alten Gegenständen durch «Upcycling» Neues kreiert: Alte Möbel werden wieder öfters restauriert, wieder nutzbar gemacht und verkauft, und alte Gegenstände gewinnen durch ihren Retrolook und

12

Quellen und weiterführende Infor­mationen: Achten, Peter: «Wohin nur mit dem Müll?». In: Journal21 (07.07.2019): https://www.journal21.ch/ wohin-nur-mit-dem-muell. Bundesamt für Umwelt BAFU: https:// www.bafu.admin.ch/bafu/de/ home/themen/abfall.html. Bundesamt für Umwelt BAFU (Hg.): Ent-Sorgen? Abfall in der Schweiz illustriert. Bern 2016. Kloiber, Benjamin: CHINA: Abfallentsorgung – Der Blick in die Schwellenländer III. In: Wertstoffblog (27.06.2016): https:// wertstoffblog.de/2016/06/27/ abfallentsorgung-blick-schwellenlaender-3-china.


Recyclingstation an Schweizer Bahnhöfen.

den anhaltenden Vintage-Trend wieder an Wert. Ganze Einrichtungen in Form von «Repair Cafés» zelebrieren das. Das Ziel dabei: Den Gebrauch und die Lebensdauer von Produkten zu verlängern. Eine weitere Option ist das sogenannte «Downcycling». Dabei wird Abfall in seine Grundbestandteile zerlegt, mit neuen Stoffen gemischt, damit das Produkt in völlig neuer Form wiederverwendet werden kann. Zwar ist das «Downcycling» mit hohen Energiekosten verbunden. Trotzdem ist es wichtig für den Umweltschutz, weil so Materialien aus dem Abfall gefiltert werden. In China wird vor allem versucht, Plastik zu vermeiden. Plastiksäcke sind seit 2008 kostenpflichtig. Becher und Essgefässe dürfen nur noch aus rezyklierbaren Materialien hergestellt sein. Die Essstäbchen der Zukunft sind auch in China aus Bambus.

Schlupeck, Bernd: Wohlstand gleich Müll. In: RECYCLING magazin, 67 (15). München 2012, 35. Swiss Recycling: http://www. swissrecycling.ch. Sensoneo (Hg.): Die grössten Müllproduzenten. Welt-AbfallIndex 2019. In: https://sensoneo. com/de/sensoneo-welt-abfallindex-2019. World Bank (Hg.): What a Waste 2.0. A Global Snapshot of Solid Waste Management to 2050. Washington, DC 2018.

Es scheint, als sei die Gesellschaft aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Die Wegwerfmentalität verliert an Gewicht. Das mag auch daran liegen, dass die nächste Generation bereits mit Recycling und Abfalltrennung aufgewachsen ist. Die PET-Kübel sind in den Köpfen der Jungen verankert, genauso wie die Recycling-Behälter mittlerweile an jeden Schweizer Bahnhof gehören. Trotzdem muss die Menschheit achtsam sein, damit die Welt nicht im Abfallberg erstickt. Experte Hugi mahnt, dass die Herausforderungen global besorgniserregend sind: «Produzenten von Produkten müssen mehr Verantwortung übernehmen und wir müssen uns vermehrt überlegen, was wir im Leben wirklich brauchen – und auf was wir bewusst verzichten könnten.» Das geht jede einzelne Person etwas an. Es braucht ein Umdenken und Engagement von uns allen. Denn sofern wir uns eine Zukunft auf einem gesunden Planeten wünschen, können wir uns Verschwendung nicht mehr erlauben. Melanie Wirz Journalistin beim «Beobachter»

13


陈芷豪

CHEN ZHIHAO

1995年生于浙江宁波,现就读于中国美术学院

*1995, Ningbo, Provinz Zhejiang Studiert Master im Department of Public Art, Vertiefung Art Engineering and Technology, an der School of Sculpture and Public Art der CAA

雕塑与公共艺术学院公共空间艺术系,艺术工 程与科技工作室,研究生三年级

口袋中的遭遇,2020 手机、不锈钢板、编程控制器、继电器、电线 160 x 120 cm

“我更愿称废弃品为“旧物”或“现成品”,它们虽不再相伴左 右,却仍会唤起我们曾鲜活的记忆。 ” 一天深夜躺在床上,突然被衣服口袋里传来的震动感惊醒。 我拿出手机,看到刺眼的手机屏幕显示有一个未知来电。有 时候突如其来的来电仿似一场未知的遭遇。手机方便了我们 的生活,却也将我们置身于无处藏匿的信息洪流之中。没有 了手机,似乎便断了与这个世界的联接。那些被我们丢掉或 弃置的旧手机曾经怎样伴随并影响了我们的人生呢? 于是我收购了大量的旧手机对其进行拆解,将手机屏幕与震 动电机单独接出引线并统一通过控制器来控制。当观众步入 昏暗的展厅时,将触动传感器,手机电子屏幕伴随轻微的震 动声相继亮起。震动声响随即不断加大,直至最终整个墙面 的手机屏光全部闪亮。此装置作品借由震耳欲聋的声响结 合光亮刺眼的闪屏表现了生活中经由手机引发的无数次交集 以及我们身陷信息洪流之中的无处可逃之感。

30

Begegnung in der Tasche, 2020 Mobiltelefone, Edelstahlplatten, Steuergerät, Halbleiterrelais, Kabel 160 x 120 cm «Ich bezeichne Abfälle lieber als alte Gegenstände oder als Produkte, als die sie einst gefertigt wurden. Auch wenn sie uns nicht mehr begleiten, vermögen sie doch lebendige Erinnerungen zu wecken.» Eines Nachts lag ich im Bett und schreckte vom lauten Vibrieren aus der Tasche hoch. Ich nahm mein Mobiltelefon heraus und erblickte auf dem hellleuchtenden Display eine fremde Nummer. Der unerwartete Anruf war wie die Begegnung mit einem Unbekannten. Handys haben unser Leben vereinfacht, uns aber auch einer Kommunikationsflut ausgesetzt, der wir uns nicht mehr entziehen können. Manchmal scheint es gar, als würden wir ohne Handy den Kontakt zur Aussenwelt verlieren. Mich beschäftigt die Tatsache, dass Mobiltelefone in unser Leben eingreifen. Für meine künstlerische Arbeit kaufte ich lauter gebrauchte Handys zusammen und nahm sie auseinander. Die Displays und Vibrationsalarme schloss ich an ein Steuergerät an, das mittels Bewegungssensor aktiviert wird. Sobald ein Besucher den Ausstellungsraum betritt, beginnen die Handys aufzuleuchten und zu vibrieren. Das Beben verstärkt sich, bis alle Mobiltelefone leuchten und summen. Dieser ohrenbetäubenden Kommunikationsflut und den unzähligen (ungewollten) Begegnungen kann keiner entkommen.


31


32

口袋中的遭遇 陈芷豪

Begegnung in der Tasche Chen Zhihao


33


郭最

GUO ZUI

1996年生于江苏苏州,现就读于中国美术学院

*1996, Suzhou, Provinz Jiangsu Studiert Master im Department of Public Art, Vertiefung Art Engineering and Technology, an der School of Sculpture and Public Art der CAA

雕塑与公共艺术学院公共空间艺术系,艺术工 程与科技工作室, 研究生二年级

人生如证,2020 旧证书、铁丝杆 200 x 100 x 100 cm

“一个人的一生能否用一摞证书来代表和概括呢?” 我们每个人都有许多旧证书,它们曾是我们当年苦苦追求的 目标,如今却成为压箱底的存在。我不禁问自己:我们的人 生是否就是由一摞摞的证书组成?我选取了我的钢琴考级 证书作为切入点,当时作为孩子的我并不喜欢,却不得不枯 燥的练琴以应对考试。证书难道就能代表我的钢琴水平吗? 从某种程度上来讲,这些证书不过是父辈对子女的期望,亦 可称为父母间相互攀比的“竞赛”。这种典型的中国式家庭 教育,也是我们这一代人特有的现象。 创作初期我希望用树的年轮的形式表现并承载时光的记忆, 但如果将证书裁剪后拼成年轮,将失去证书特有的外在表现 力。后来便想到了以DNA的形式展现。人生如证,一本本旧 证书似乎印证了我们人生不同阶段的轨迹,如同镌刻在我们 身体里的DNA所传递的信息,似同非同。 除了我自己的证书,为了搜集到更多的证书,我先后去了多个 古玩市场未果,于是又拜访了很多朋友,最后搜集到52本各 不相同的证书。这些证书都是他们曾经的人生片段,是时代 与地域 乃至文化的缩影。我将其融汇在一起,创作了该作 品。

34

Ein Leben aus Zertifikaten, 2020 Zeugnisse und Diplome (Papier, Kunststoff), Eisenstäbe 200 x 100 x 100 cm «Kann das Leben eines Menschen in einem Bündel von Zeugnissen und Diplomen abgebildet werden?» Jeder von uns besitzt Abschlusszeugnisse oder Diplome, die er mit grossem Fleiss erworben hat. Und nun liegen sie alle in einer Schublade. Ich stellte mir die Frage, ob unser Leben aus diesen angehäuften Zertifikaten besteht. Als Ausgangspunkt diente mir mein altes Klavierdiplom. Als Kind mochte ich Klavierspielen nicht, doch für die Stufenprüfung blieb mir nichts anderes übrig als zu üben. Vertritt dieses Diplom tatsächlich das Niveau meines Klavierspiels? Widerspiegelt es nicht viel mehr die Erwartungen meiner Eltern oder den Wettbewerb zwischen den Familien? Die typisch chinesische Erziehungskultur ist prägend für unsere Generation. Um das Gedächtnis der Zeit abzubilden, schwebten mir als Jahrringe eines Baums angeordnete Bildungszertifikate vor. Doch hätte ich die Dokumente entsprechend zerschnitten, hätten sie ihre charakteristische Form verloren. Das brachte mich schliesslich auf die Idee einer DNA. Die erworbenen Diplome konservieren unsere Lebensabschnitte, so wie die DNA in unserem Körper Informationen speichert. Sie gleichen sich, und doch sind sie anders. Um an möglichst viele Bildungszertifikate zu kommen, besuchte ich Antiquitäten- und Kuriositätenmärkte – leider erfolglos. So fragte ich in meinem Freundeskreis herum und konnte schliesslich 52 Zeugnisse und Diplome ergattern. Aus ihnen erschuf ich mein Werk, das nun quasi eine Miniatur der Lebensgeschichten und kulturell geprägten Fähigkeiten meiner Freunde darstellt.


35


36

人生如证 郭最

Ein Leben aus Zertifikaten Guo Zui


37


ALL YOU NEED IS – MÜLL OUTSIDER ART UND TRASH-ART «In ART we trust», schreibt die Performance-Künstlerin und selbsternannte Trash-Queen ADLER A.F. (München/Berlin) auf einen Karton, den sie beim Gespräch neben sich stellt oder zu einer Performance auf die Kleidung heftet. Auf die Kunst vertrauen wir, glauben an sie, was immer sie hervorbringt. Kunst, ein Glaubensbekenntnis. Schon immer haben Kunstschaffende provoziert, gesetzte Kunstgrenzen ausgereizt, gedehnt, überwunden und neue Kunsträume erschaffen. Sie haben Betrachter*innen, Markt und Wissenschaft herausgefordert, sich auf neue Denkprozesse und Definitionen wie Wertungen der Kunst und des Werkbegriffs einzulassen. Gab es auch lautstarke Skandale um solche Erschütterungen, der Glaube an die Kunst ist stärker. Voraussetzung eines «In ART we trust» ist allerdings, Werke zu Kunstwerken zu erklären. Im 20. Jahrhundert hielt mit künstlerischer Umdeutung die Banalität des Alltags Einzug in die Kunst. Ein Pissoir, «Fountain» (1917), gilt heute als Ikone der Kunstgeschichte. Als Kunst definiert, benötigen die Dinge einen Kunstbegriff: Wir sprechen vom «Readymade», vom «Objet trouvé», vom «Multiple», von «Assemblagen», «Arte Povera», «Junk Art», «Trash-Art», «Recycling Art» oder allgemein von «Objektkunst». Das Vorgefundene, Alltägliche ist Bestandteil der Pop Art, der Land Art, des Nouveau Réalisme, des Design – und ist auch Bestandteil der Art Brut respektive Outsider Art. Tatsächlich weisen die meisten Objekte im Bereich der Outsider Art ein Arbeiten mit Objets trouvés auf. Können wir sie also als solche bezeichnen? Was verbindet Outsider Art mit Trash-Art und was unterscheidet sie? Ein prominenter Vergleich des berühmten Maschinen-Künstlers Jean Tinguely mit dem Maschinenbauer Heinrich Anton Müller in der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen1 und weitere Beispiele zeigen die Gegensätze auf. Trash-Art-Maschinen bei Jean Tinguely und Heinrich Anton Müller  Kein Künstler hat

die Maschine so mannigfaltig interpretiert und sie in ihren Facetten zwischen nutzloser Glückseligkeit und unkontrollierbarem Bösen dargestellt wie der Schweizer Jean Tinguely (1925–1991). Dabei ist der Traum von der vollkommenen Maschine im Sinne eines Perpetuum mobile ein Menschheitstraum wie der vom Fliegen. Für Tinguely verkörpern Maschinen Freiheit, Chaos, die totale Anarchie. Einmal in Gang gesetzt, folgen sie losgelöst vom Schöpfer ihren eigenen Regeln, bis hin zur Selbstzerstörung. Den Maschinen Tinguelys gehen die von Heinrich Anton Müller (1865–1930) voraus. Durch Daniel Spoerri, den er 1950 kennenlernt, entdeckt Tinguely das Werk des Rebarbeiters aus dem Waadtland, der seit 1906 in der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen hospitalisiert ist und dort nach 24 Jahren stirbt. Von Müller wissen wir, dass er eine Maschine zum Beschneiden der Reben erfunden hat, die auch patentiert wurde. Er selbst behauptet, man habe ihm seine Erfindung gestoh-

100

1 Vgl. Jagfeld, Monika: Maschinenträume. Anarchistische Konstruk­ tionen der Ewigkeit bei Heinrich Anton Müller und Jean Tinguely. In: ungesehen und unerhört. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Bd. 1, ­ hg. von Ingrid von Beyme und Thomas Röske. Heidelberg 2013, 120–125. 2 Patientenakte Heinrich Anton Müller, Archiv Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Eintrag vom 17.7.1912. 3 Ebd., Eintrag vom Dezember 1913. 4 Ebd., Einträge vom 14.11.1914 und 2.12.1915. Vgl. Kurzmeyer, Roman (Hg.): Heinrich Anton Müller, 1869–1930. Katalog der Maschinen, Zeichnungen und Schriften. Basel/Frankfurt a. M. 1994.


Heinrich Anton Müller neben einer seiner Maschinen und die Zeichnung «Ecureuil cornu» in den Händen haltend, um 1914/1922. Jean Tinguely, «Moulin à Prière I», 1954, Serie «Méta-mechanische Skulptur», Holzplatte, Metalldrähte, Metallstäbe, 60.5 x 40 x 30 cm, Sammlung McCrory Corporation, New York.

5 Patientenakte Heinrich Anton Müller, Einträge vom 14.11.1914, 2.12.1915, 24.5.1916, 17.8.1917, 30.3.1919 und 1.6.1926. 6 Ebd., Rudolf Wyss, Direktor der Anstalt Münsingen, Einträge vom 1.6.1926, 1.6.1928 und 13.10.1929. Vgl. Kurzmeyer, 1994. Vgl. Dubuffet, Jean: «Heinrich Anton M.». In: L’Art Brut, Fasc. I. Paris 1964, 131–143. 7 Jean Tinguely, zit. n. Keller, Dominik: Ingenieure, Indianer und Poesie. Stichworte zur Welt Jean Tinguelys, nach Gesprächen aufgezeichnet von Dominik Keller. In: Du, 434. Zürich 1977, 46. Vgl. Szeemann, Harald (Hg.): Visionäre Schweiz. Zürich 1992, 75–78. Vgl. Peiry, Lucienne: Art Brut. Jean Dubuffet und die Kunst der Aussenseiter. Paris 2005, 236–241.

len und ausgebeutet. In der Anstalt widmet er sich verschiedenen Projekten; er gräbt sich im Garten eine tiefe Höhle, um sich darin zu verkriechen,2 er konstruiert eine Hängematte auf einem Baum oder einen Helm von «beträchtlichem Gewicht» aus Abfällen, den er jedoch auch dazu nutzt, Essensreste zu horten.3 Vor allem aber baut er mithilfe seiner Sekrete und Exkrete mannshohe bewegliche Räderwerke aus Ästen, Draht und Lumpen, die er in fahrbare Gestelle montiert. Überliefert sind die Maschinen durch Beschreibungen in der Patientenakte und Fotografien, auf denen der Erfinder seine Werke voller Künstlerstolz präsentiert.4 Unklar bleibt die Funktion dieser «mechanischen Spielereien», die Müller mal zur besonderen Beachtung extra in Bewegung setzt, sobald man sich ihm nähert, aber diverse Male auch im Zorn eigenhändig zerstört.5 In seinen letzten Jahren liegt Müller «den ganzen Tag herum und betrachtet durch ein ‹Fernrohr› aus überschmiertem Karton ein ‹aus Steinen und Dreck zusammengepapptes vulvaähnliches Gebilde›».6 Tinguely ist fasziniert von verschiedenen Outsider Art-Künstlern: von den Werken Heinrich Anton Müllers sowie von den architektonischen Entwürfen des Facteur Cheval in Frank­reich und Simon Rodia in Los Angeles, auf die ihn Niki de Saint Phalle aufmerksam macht. Er bewundert besonders «die Tatsache, dass [sie] zeitlebens Aussenstehende der Gesellschaft geblieben sind und ihr Werk völlig ausserhalb des Kunst- und Kultursystems schaffen konnten. Sie waren so authentische, echte Künstler, die aus einem Drang von innen heraus gearbeitet haben, dass ihnen ein kleinstes Publikum, ihre Familie, genügte.»7 1954 entstehen Tinguelys handbetriebene «méta-mechanische» Drahtkonstruktionen «Gebetsmühle I–IV», die eine deutliche Nähe zu Müllers Maschinen zeigen. An der experimen-

101


tellen Ausstellung «Dylaby», 1962 im Stedelijk Museum in Amsterdam, präsentiert Tinguely seine «Hommage à Anton Müller», mit der er dessen Haltung des Sich-Verbergens, Eingrabens und Beobachtens wiederholt. Über Treppen gelangt der Besucher auf ein Podest und kann hier durch ein Loch auf eine komplizierte Maschinerie blicken – «ein Wirrwarr von Eisendrähten, Stahlfedern, Gummischläuchen, Pelzen und Lumpen in unsinnige tanzende Bewegungen versetzt: ‹Ordures animées›» («animierter Müll»).8 Nach der Ausstellung wird die Installation zerstört und das Fundmaterial wieder auf dem Müllplatz entsorgt. «La période des fous» nennt Tinguely die Sechzigerjahre. Ob Tinguely, Daniel Spoerri oder Bernhard Luginbühl: Es lässt sich von einem starken Einfluss der Outsider Art auf den nonkonformistischen Kreis der Nouveaux Réalistes sprechen. Und doch ist sie ihm nicht gleichgestellt.

8 Peterson, Ad: Dylaby, ein dyna­misches Labyrinth im Stedelijk Museum 1962. In: Die Kunst der Ausstellung. Eine Dokumentation dreissig exemplarischer Kunstausstellungen dieses Jahrhunderts, hg. von Bernd Klüser und Katharina Hegewisch. Frankfurt a. M. 1991, 160, 163.

Trash-Art zwischen «low culture» und «high art»  Während das Arbeiten mit Fund-

und Wegwerfmaterialien im professionellen Kunstbetrieb bis heute eine besondere Aufmerksamkeit erfährt, kann es in der Outsider Art als Standard bezeichnet werden. Die Maschinen von Jean Tinguely, die trashigen Szenerien von Thomas Hirschhorn oder die Umdeutung von vertrauten Alltagsobjekten, beispielsweise von Plüschtieren in den verstörenden Installationen von Mike Kelley, bis hin zum 2008 in Berlin gegründeten «Museum of contemporary TrashArt» (MocTA) der Trash-Queen ADLER A.F.: Immer basiert der Einbezug einfachen Alltagsmaterials in das Kunstschaffen auf einer konzeptuellen, gesellschaftlichen, politischen, kunstbetriebskritischen Aussage. Sperrmüllarchitekturen, Plastik, billiges Tape zum Verkleben und Montieren, dreckige Kartonagen und giftige Eternitplatten bieten hier bewusst gesetzte Akzente des Despektierlichen, Rotzigen. Eine betonte Ehrfurchtslosigkeit vor der «high art» und dem exklusiven Kunstbetrieb. Zwischen Luxus und Askese definiert sich ADLER A.F. Explizit sucht auch Thomas Hirschhorn, das «nicht-exklusive Publikum» in seine Projekte «Gramsci-Monument» (2013, Bronx) und «Robert WalserSculpture» (2019, Biel/Bienne) einzubeziehen. Mit gewöhnlichen Materialien soll die Kunst zugleich niederschwellig für alle zugänglich sein. Jenseits von Provokation geht es vertieft um eine «Eroberung der Wirklichkeit mitsamt ihren Dingen, Materialien und Begriffen. Die Kunst entpuppt sich als Erforschung neuer Wirklichkeiten.»9 Müll ist hier Konzept. Gleichwohl bewegen sich die Künstler*innen mit ihrem Statement zur «low culture» im «high art»-Betrieb. Anders die Outsider Art-Kunstschaffenden: Für sie ist das gewählte Material keine konzeptuell oder politisch motivierte Geste, sondern ihnen dienen Fund- und Abfallstücke, ein-

102

9 Bianchi, Paolo: Die Gerümpelhaftigkeit der Kunst. In: Theorien des Abfalls. Kunstforum, Bd. 167. Köln 2003, 64–81.


Thomas Hirschhorn, «Robert Walser-Sculpture», 2019, Biel/Bienne.

10 Vgl. Schaufelberger-Breguet, Simone: Der «Tagsaumspurenschreiber». In: Bodensee Hefte, 40 (4). Romanshorn 1989, 7–11. 11 Zit. n. Hochuli, Jost: Die Schüürlilüt. In: Uelliger, Karl/Rast, Michael/Hochuli, Jost (Hg.): Karl Uelligers Schüürlilüt. TypotronHeft, 16. St. Gallen 1997, 18.

fachstes Material, zur Kunst, weil ihnen meist kein anderes zur Verfügung steht. Ohne Anbindung an professionelles Kunstschaffen, ohne Atelier, ohne Zugriff auf Kunstmaterialien bleiben nur die Dinge des Alltags. Ein wahres Multitalent ist Karl Uelliger (1914–1993), der sich in allen künstlerischen Techniken probiert. Neben dem malerischen und zeichnerischen Hauptwerk, Holzschnitten und Holzreliefs haben seine «Schüürlilüt» (Scheunenbewohner) viele Jahre ein geheimes Leben auf dem Heuboden geführt. Die wundersamen skurrilen Gestalten aus rostigem Eisenblech, Tüchern, einem Bottich, Korb, Kessel, Ofenrohr, Kartenständer und dergleichen sind Uelligers «dunkle Geschöpfe»10, die er vor der Öffentlichkeit lange verborgen hält (vgl. S. 130–135). Vielleicht aber auch, weil er selbst die «kleinen Alltagsfreuden»11 gegenüber seinem künstlerischen Hauptwerk nicht als Kunst definiert? Eine fantastische Freiluftausstellung konnte man hingegen bei Ernst Kummer (1918–2003, vgl. S. 122–125) entdecken, der riesige Flugobjekte von rund drei Metern Ausmass oder auch eine «Titanic» und Lokomotiven vor sein Haus stellte. Nach seinem Umzug ins Altersheim wurden das Grundstück geräumt und die verbliebenen Objekte offenbar alle zerstört. Einzig in der Sammlung Mina und Josef John, die sich heute im Museum im Lagerhaus befindet, sind acht Arbeiten erhalten geblieben. Mit Kuhhaaren, Kronkorken und ausrangierten Alltagsgegenständen ziert der Knecht Ulrich Bleiker (1914–1994) seine Zementplastiken. Linda Naeff (1926–2014) oder Pya Hug (1922–2017, vgl. S. 112–115) verarbeiten in ihren kleinen Küchen Deckel von Konfitürengläsern, Pralinenschachteln, Plastikdosen, Stoffe, Bordüren, Perlen, Papier mit Wachs und Ton zu Kunst. Der selbsternannte «Bastlerkönig» Fritz Soltermann (1915–1984) baut im Wohnheim bis zu zwei Meter hohe, prächtige Schlösser aus Schokoladenpapier, Eisstängeln und Verpackungen von «Schokoküssen». Nach einem Autounfall sprachlos, wird Max Goldin­ ger (1908–1988) in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen eingewiesen. Ihn beschäftigen vorzugsweise Musikinstrumente, obwohl er weder Noten kennt, noch je ein Instrument

103


gespielt hat. Dicht gebündelt geraten Holz- und Drahtreste, Blechdosen, Nägel, Schrauben, Glöckchen unter seinen Händen zu einer «Kleinen Lyra», «Geige» oder «Harfe», ebenso zu einer Schreibmaschine oder Lokomotive (vgl. S. 106–111). «Aussensaiter» betitelt er eines seiner Saiteninstrumente und als «Aussensaiter und Querulant» bezeichnet er auch sich selbst. Im militärischen Umfeld bewegt sich das Werk Paul Schlotterbecks (1920–1998). Er konstruiert mit Vorliebe Waffen aus Fundobjekten, zudem Panzer, Helikopter, Flugzeuge, Schiffe, Offizierskappen sowie Wachsoldaten aus Karton, fixiert mit Kordel oder Klebeband (vgl. S. 126–129). Das kriegerische Gerät benötigt er zum Schutz. Stets trägt er eine selbst gemachte Offiziersmütze auf dem Kopf und eines seiner Gewehre mit sich. Es sind einfachste Materialien, die Schlotterbeck verwendet, welche die Arbeiten besonders fragil machen. Viel hat er auch nicht besessen. Paul Schlotterbeck ist gehörlos, körperlich und kognitiv beeinträchtigt. Mit 28 Jahren kommt er 1948 in die Kantonale Psychiatrische Klinik Herisau, wo er 39 Jahre, bis 1987 lebt. Dort beginnt er in den Sechzigerjahren mit der Arbeit an seinen Objekten: «Es sind Instrumente der Macht, der Verteidigung, der Flucht. Es sind allesamt Werkzeuge, um der Härte der Welt, den Bedrohungen, denen sich Paul Schlotterbeck ausgesetzt fühlte, entgegenzutreten. Es sind Wünsche in Form von Waffen gegen die Not des Verletzlichen, Schutzlosen, Einsamen.»12 Abseits des Kunstbetriebs entstanden, fehlen diesen Werken die Zuordnung zu den Begriffen des Kunstbetriebs und werden von ihm nicht als Kunstwerke erfasst. Künstlerische ­Erforschung von Wirklichkeiten folgt in der Outsider Art weniger formalen Fragen der Ma­terialwahl, sondern Inhalten. Vielmehr prägen der Entstehungskontext und Zugriffs­möglichkeiten auf Materialien das Werk. Wenngleich spielerische Aspekte im Umgang mit den Objekten und Lust an der Umdeutung des Alltäglichen zum Tragen kommen. Zwischen Outsider Art und konzeptueller Trash-Art steht Cuno Affolter (*1958). Ausgehend von einer Fotografie sucht er gezielt in Fundgegenständen auf Flohmärkten Reminiszenzen seiner Kindheit, die er zunächst in einer Vitrine sammelt. Schnell wird die Vitrine zu klein und die Objekte greifen in den Raum, bis schliesslich ein Zimmer seiner Wohnung zugebaut ist. Bewohnbar ist das «Therapiezimmer» (2007–2012) nicht mehr. Erst mit dem Transfer der Rauminstallation in das Museum im Lagerhaus endet seine Arbeit.13 Totales «Krüsimüsi»  Hans Krüsi (1920–1995, vgl. S. 116–121) zählt zu den bekanntesten

Schweizer Art Brut-Künstlern. Der in Armut lebende Sonderling ist ein Universalkünstler und hat ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das sich nur schwer einordnen lässt. Kreativ ver-

104

Fritz Soltermann, «Türmlihus», 1970–1980, Karton, diverse Materialien, 130 x 48 x 48 cm, Museum im Lagerhaus, St. Gallen, Depositum des Wohnheims Riggisberg.

12 Ursula Badrutt: Paul Schlotterbeck (1920–1998) – Waffen gegen die Einsamkeit, Text zur Ausstellung «Art brut und Psychiatrie: Paul Schlotterbeck», Bibliothek Herisau. Herisau 2007. 13 Ich danke herzlich Lucienne Peiry, die mich mit Cuno Affolter bekannt machte.


Cuno Affolter, «Therapiezimmer», Rauminstallation zur Ausstellung «Spurensuche», 2012, Museum im Lagerhaus, St. Gallen.

14 Zit. n. Bianchi, Paolo: Die Gerümpelhaftigkeit seiner Arbeit. In: Hans Krüsi. Auch ein Nichts kann etwas werden, hg. von Markus Landert und Dorothee Messmer. Sulgen/Zürich 2001, 39–51, 45.

arbeitet er jedes Material und nutzt alle möglichen – oft sogar selbst erfundene – Techniken der Bild-, Wort-, Ton-, Objektgestaltung und Fotografie. Sein kaum überschaubares Werk umfasst Tausende von Arbeiten. Charakteristisch ist Krüsis Experimentierlust. Bereits auf früheren Fotografien sind Bemalungen von Haushaltsobjekten zu sehen. Schon mit 16 Jahren, also lange vor seiner bildnerischen Tätigkeit, beginnt Krüsi zu fotografieren. In den Brockenhäusern findet er alte Fotoapparate, die er ohne technischen Sachverstand eigenwillig handhabt. Hunderte Fotografien, Negative und Polaroidbilder sind erhalten, häufig übermalt, collagiert oder geritzt. Besonders die schnelle Sofortbildkamera schätzt er. Er fotografiert sich selbst, sein Quartier, das St. Galler Linsebühl, Kühe auf der Alp, seine selbst gemalten Bilder in der Wohnung, in der Ausstellung, auf der Strasse, aber auch die künstlerischen Werke anderer. Es fällt auf, dass es sich dabei um Künstler*innen handelt, die seiner eigenen Arbeit nahe kommen: Bilder der St. Galler Naiven Malerin Hedi Zuber, der Nouveaux Réalistes Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl sowie Dieter Roth. Damit schliesst sich der Kreis von Trash-Art zwischen «high art» und «low culture». Krüsi verarbeitet jedoch nicht nur Fund- und Abfallmaterialien, sondern recycelt ebenso seine eigenen Arbeiten oder nutzt diese für alltägliche Bedürfnisse, beispielsweise Zeichnungen als Gardinen. Er bedient sich allem, was nicht niet- und nagelfest ist, lebt ­inmitten all dieser Dinge und kreiert seinen Lebensraum zu einem wahren Environment. «Ich sammle überall Dinge auf», erklärt er, «die dann auf meinen Bildern enden – oder meine Bilder in ihnen».14 Monika Jagfeld Leiterin des Museums im Lagerhaus, St. Gallen

105


MAX GOLDINGER *1908, Zürich ZH, †1988, Trogen AR

Max Goldinger ist viel unterwegs. Er soll Journalist in Hamburg, in Frankreich und Redakteur der kommunistischen «L’Humanité» gewesen sein. Der Zweite Weltkrieg führt zur Rückkehr in die Schweiz. Nach einem Autounfall sprachlos, wird Goldinger in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen TG eingewiesen. Von 1984 an lebt er im Alters- und Pflegeheim Lindenbühl in Trogen. Angetrieben von einem unwiderstehlichen Schaffensdrang, hinterlässt Max Goldinger unzählige Zeichnungen, Gedichte, aber auch Objekte aus Fundmaterialien. Er baut vorzugsweise Musikinstrumente, obwohl er weder Noten kennt noch je ein Instrument gespielt hat. «Aussensaiter» betitelt er eines seiner Saiteninstrumente und «Aussensaiter und Querulant» nennt er sich auch selbst. Im Zug lernt er den ebenfalls in Trogen lebenden Musiker und Stickkünstler Ficht Tanner kennen und freundet sich mit ihm an. Ficht Tanner unterstützt ihn fortan und bringt 1981 eine kleine Festschrift mit Gedichten des Outsider Art-Kollegen heraus.

106


107


108

Musikinstrument (Harfe), 1979 Max Goldinger Metallglocken, Metallschrauben, Holz, Schnur, Draht, Klebeband 47 x 47 x 25 cm


Lokomotive, 1980 Max Goldinger Metallrollschuh, Holz, Metall, Draht, Schnur, Messingnägel 23 x 31 x 8 cm

109


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Trash Art by Verlagshuus - Issuu