Appenzeller Verlag Leseprobe
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Hans-Peter Studer
MEHR ALS MEDIZIN 100 Jahre Naturärzte Vereinigung Schweiz NVS– der lange Weg zur Anerkennung der Naturheilkunde
Appenzeller Verlag
© 2020 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlagbild und Bilder Kapiteltitel: Carmen Wueest Gestaltung: Janine Durot Gesetzt in Minion Pro und Acumin Variable Concept Condensed Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN978-3-85882-835-4 www.appenzellerverlag.ch
Inhalt 7 Einleitung 11 Ausserrhoder Wurzeln der Naturheilkunde 13 VomVolk geschätzt, von studierten Ärzten weniger 14 Riskante Heiltätigkeit amRande der Illegalität 16 Freigabe der Heiltätigkeit durch das Volk
19 Die NVS-Gründungsjahre 21 Freie Heiltätigkeit als umstrittenes Spannungsfeld 27 Ein aufschlussreiches literarisches Gemälde aus der Gründungszeit 33 Von der drohenden Verbandsauflösung zur Konsolidierung
37 Botschafter der freien Heiltätigkeit 38 42 48 51
Niederlage in Glarus Sieg in Baselland Erster Anlauf für eine Verbandsprüfung Erneute Turbulenzen
59 Der Verband beginnt zu wachsen 60 66 72 79 82 92
Vermehrter interner Erfahrungsaustausch Ein neuer Verbandsname und verstärkte Weiterbildungsaktivitäten Die Naturärzte imVisier des «Nebelspalters» Die Verbandsprüfung wird Realität Das Zürcher Medizinalgesetz wird gebodigt Eine neue Verbandszeitschrift wird aus der Taufe gehoben
99 Ruhigere Zeiten mit neuem Präsidenten 100 106 109 119 125
Präsidiale Entgegnungen Erfolgreiche Fachfortbildungskurse «Fach-Organ» und «Mitteilungsblatt» mit interessanten Inhalten Von der Wirtschaftskrise geprägte Vereinsjahre Heftiges Tauziehen zur Ordnung in der Freiheit
137 Schwierige Nachkriegsjahre 138 149 155 159 171 178
Neue Statuten und gravierende Probleme in Baselland Ein Prozess mit Kollateralschäden Wetterleuchten amHorizont der freien Heiltätigkeit Bedrohlich sich auftürmende Gewitterwolken Verworrener Kampf umein neues Gesundheitsgesetz Ein klares Verdikt mit gewissen Nachwehen
187 Aufbruch zu neuen Ufern 188 193 200 209 217 223 226
Ein festliches Jubiläumund ein neuer Präsident Gekonnt parierter Angriff und wachsende Anerkennung Professionalisierung der Verbandsarbeit Gesetzlich anerkannt und nicht mehr nur geduldet Krankenkassenanerkennung mit vielfältigen Auswirkungen Eine eigene Schule und ein umstrittenes Forschungsprojekt Weitere Turbulenzen und ein abgesagtes Jubiläum
231 Stellenwert der Naturheilkunde wächst 232 236 241 244 248
Rasant ansteigende Mitgliederzahlen Das EMRtritt auf den Plan Swissmedic als Auslöser einer Volksinitiative SPAKals Alternative zumEMR «Ja zur Komplementärmedizin» auch bei der NVS
255 Integrative Medizin als Vision 256 261 264 268
Neuorientierung mit gewonnener Volksabstimmung Die Naturheilkunde etabliert sich in der Schweiz Wichtige Akzente seitens der NVS Präsidialer Blick in die Zukunft
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270 Dank 271 Quellenverzeichnis 272 Autor
Vorwort
EINLEITUNG
Einleitung
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Kommen Sie mit auf eine Reise durch die Zeit, die bei den Ursprüngen der Naturheilkunde in Appenzell Ausserrhoden beginnt. Hier hat die Landsgemeinde 1871 gegen den Willen der Regierung den Grundsatz der freien Heiltätigkeit in der Kantonsverfassung verankert. Machen Sie sich vertraut mit Menschen, die sich mit aller Kraft dafür eingesetzt haben, dass die sogenannte Kurierfreiheit auch danach erhalten blieb, dass nebst patentierten Ärzten auch Natur- und Laienärzte Patientinnen und Patienten behandeln, ihre Gebresten heilen und ihre Gesundheit stärken durften. Es waren anfänglich vor allem Männer mit Ecken und Kanten, die sich immer wieder Anfeindungen von etablierten Ärzten und Professoren sowie seitens der Presse ausgesetzt sahen. Unter ihnen war aber auch eine Frau, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der damaligen Zeit, die in einem Roman ein ganz anderes Licht auf den Nutzen natürlicher Heilmethoden warf, als es in weiten Teilen der Schweiz üblich und verbreitet war. Entdecken Sie die turbulente Vereinsgeschichte rund um den Gründungspräsidenten, der dreimal als Präsident amtete und als «Vereinsvater» bezeichnet wurde, später aber seine Urkunde als Ehrenmitglied zurückgeben musste. Nehmen Sie sich die Musse, in eine Welt einzutauchen, in der die Appenzeller in Ausserrhoden versuchten, der Kurierfreiheit auch in anderen Kantonen zum Durchbruch zu verhelfen und sie gegen Angriffe seitens der etablierten Medizin, aber auch gegen Missbräuche und Diffamierungen aus den eigenen Reihen zu verteidigen. Versetzen Sie sich zurück in eine Zeit, in der Patientinnen und Patienten, die auf die Naturheilkunde vertrauten, in Scharen im Appenzellerland Hilfe suchten. Aus der ganzen Schweiz, aber auch von weit her, aus Deutschland, Europa und der übrigen Welt, strömten sie in vollen Autobussen oder mit privaten und öffentlichen Verkehrsmitteln während Jahrzehnten nach Appenzell Ausserrhoden mit seinen vielen Naturärzten und Kurhäusern. Denn andernorts stand ihnen meist nur die etablierte Medizin zur Verfügung, die ihnen oft nicht helfen konnte oder sie mit Mitteln und Methoden behandelte, die nicht selten erhebliche Nebenwirkungen zur Folge hatten. Kein Wunder, war die freie Heiltätigkeit der Ärzteschaft – im Verbund mit der immer stärker aufkommenden Pharmaindustrie und ihren synthetisch hergestellten Arzneimitteln – ein Dorn im Auge. Mit Hilfe der Politik und der Medien versuchte sie, die unliebsame Konkurrenz zurückzudrängen, wo sie nur konnte – ausser in Appenzell Ausserrhoden auch in Baselland, wo die freie Heiltätigkeit nicht zuletzt dank der NVS ebenfalls Fuss gefasst hatte. Willkommene Schützenhilfe boten den Kritikern jene zuweilen auch dubiosen Laienpraktiker, die vor allem in der Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre und in den Nachkriegsjahren ohne hinreichende therapeu-
Einleitung
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tische Kenntnisse oder mit viel Geschäftssinn ausgestattet ihr Glück im Appenzellerland versuchten. In der Folge wurden damals sämtliche Naturärztinnen und Naturärzte seitens der Ärzteschaft in einen Topf geworfen und samt und sonders als Kurpfuscher und Scharlatane gebrandmarkt und lächerlich gemacht. Das führte dazu, dass die NVS vorerst selbst versuchte, auf der Grundlage einer fachlichen Prüfung der eigenen Mitglieder die Spreu vom Weizen zu trennen. Diese frühe Form einer Verbandsprüfung setzte sich aber nie richtig durch, und auch das Vorhaben einer kantonalen Prüfung scheiterte in Appenzell Ausserrhoden mehrfach, zum Teil unter sehr kontroversen Umständen. Und in Baselland, wo eine kantonale Prüfung 1947 eingeführt worden war, diente sie vorerst nur dazu, die Naturärzte auf höchst unzimperliche Weise grösstenteils aus dem Weg zu räumen. Ein Hauptproblem in der Auseinandersetzung zwischen der westlichen, von der Naturwissenschaft geprägten Schulmedizin und der tatsächlich von der Natur und natürlichen Zusammenhängen und Vernetzungen inspirierten Naturheilkunde waren und sind die völlig unterschiedlichen Behandlungsphilosophien. Das hoben die Exponenten der NVS schon früh immer wieder hervor. Der Schulmedizin liegt ein materialistisches Weltbild zugrunde, sie legt ihren Fokus zur Hauptsache auf den physischen Körper und seine Organe sowie auf die jeweilige Krankheit. Für die Naturärztinnen und -ärzte stellte demgegenüber der Mensch seit jeher eine Einheit von Körper, Seele und Geist dar. Entsprechend waren und sind Krankheit und Gesundheit für sie vielschichtige Phänomene und Prozesse, die nicht allein den physischen Körper umfassen. Aus Sicht der Naturheilkunde ist jemand krank, weil sein Organismus aus dem Gleichgewicht geraten ist. Entsprechend besteht das Hauptziel darin, ihn mit unterstützenden, möglichst sanften Methoden wieder in die Balance zu bringen und die körpereigenen Selbstheilungskräfte zu stärken. Invasive, im wahrsten Sinn einschneidende Mittel und Methoden sind aus ihrer Sicht nur dann am Platz, wenn die Selbstheilungskräfte zu schwach sind oder eine Notfallsituation vorliegt. Im Zuge des wachsenden Umweltbewusstseins, des «Zurück zur Natur» und einer kritischen Sicht auf die Technik gewann diese ganzheitliche Sichtweise zunehmend an Gewicht. Damit stieg auch das Interesse für die Naturheilkunde. Vorerst eher zögerlich – gebrannte Kinder scheuen das Feuer – begann die NVS, sich auch den Medien gegenüber zu öffnen, die nun vermehrt auch positiv über ihre Heilverfahren und Heilerfolge berichteten. Dank eines engagierten Naturarztes aus den eigenen Reihen, der wichtige Kontakte zu den Krankenversicherern möglich machte, etablierten die-
Einleitung
se Zusatzversicherungen für naturheilkundliche Verfahren. Dabei kam der NVS sehr zugute, dass sie, auch in Zusammenarbeit mit dem Kanton Appenzell Ausserrhoden, schon vor langem Prüfungsgrundlagen erarbeitet hatte, um die Qualität dieser neuen Angebote zu garantieren. Das war denn auch die Zeit, in der die NVS von einem kleinen, vor allem von den örtlichen Ausserrhoder Naturärzten und Heilpraktikerinnen getragenen Verein binnen kurzem zu einem Grossverband mit rund 3500 Mitgliedern und einer eigenen Schule für Naturheilkunde wurde. Allerdings wurde dieses rasche Wachstum der NVS abrupt gestoppt. Den Grund dafür können Sie ebenfalls diesem Buch entnehmen. Mit den vereinten Kräften aller in der Schweiz im Bereich der Naturheilkunde aktiven Organisationen gelang es jedoch im Mai 2009, die Komplementärmedizin, wie sie nun offiziell genannt wurde, in der schweizerischen Bundesverfassung zu verankern. Gestützt darauf wurden die Naturheilkunde und die Komplementärtherapie 2015 zu eidgenössisch anerkannten Berufen. Ohne die NVS mit ihrem unbeirrten 100-jährigen Einsatz für die Naturheilkunde und ohne die liberale Gesetzgebung in Appenzell Ausserrhoden, der «Wiege» der natürlichen Heilverfahren in der Schweiz, wäre dies wohl nicht möglich gewesen. Auch in Zukunft wird die Naturärzte Vereinigung Schweiz aktiv dazu beitragen, dem wertvollen Schatz der Naturheilkunde Sorge zu tragen und ihn weiter zu mehren. Dieses Buch basiert vor allem auf den – auch historisch wichtigen – Unterlagen, die ich im Archiv der NVS vorgefunden habe, sowie einigen zusätzlichen, im Internet leicht zugänglichen Dokumenten. Ich bedanke mich beim Vorstand und beim Co-Präsidium der NVS, dass ich in einer intensiven Zeit «Mehr als Medizin» erarbeiten durfte, und hoffe, dass das Buch viele interessierte Leserinnen und Leser finden wird. Herzlich danken möchte ich auch all jenen, die mir wertvolle Hinweise und Tipps gegeben haben – ohne sie hier alle namentlich zu nennen –, sowie den Mitarbeitenden des Verlagshauses Schwellbrunn für die kritische Durchsicht und schöne Gestaltung des Buches. Ich hoffe, es wird viele interessierte Leserinnen und Leser finden.
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Speicherschwendi, den 5. Januar 2020 Hans-Peter Studer
Vorwort
AUSSERRHODER WURZELN DER NATURHEILKUNDE
Ausserrhoder Wurzeln der Naturheilkunde
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Die Gründung und Geschichte der Naturärzte Vereinigung Schweiz NVS kann nur vor dem historischen Hintergrund der besonderen Verhältnisse im Kanton Appenzell Ausserrhoden verstanden und gewürdigt werden. Ebenso wie in anderen ländlichen Gebieten hat die Volksheilkunde hier eine weit zurückreichende Tradition, angefangen bei Paracelsus, der lehrte, dass «alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel die grosse Apotheke der Welt sind». Zwischen 1532 und 1535 lebte und wirkte er auch im Appenzellerland und gab wohl etliches von seinem grossen Wissen an die lokale Bevölkerung weiter. Ebenso hatte die Klostermedizin mit ihren Kräutergärten seit jeher einen wichtigen Stellenwert für die Volksgesundheit. Über die Nonnenklöster Grimmenstein bei Walzenhausen und Wonnenstein bei Teufen als innerrhodische Exklaven war und ist die Klostermedizin bis heute auch der protestantischen Bevölkerung Ausserhodens zugänglich.1 Von grosser Bedeutung für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung waren zudem die sogenannt «niedere Chirurgie» wie Aderlass, Schröpfen, Zahnziehen und ähnliche kleinere Eingriffe, die Kräutermedizin auch ausserhalb der Klöster, die Geburtshilfe durch Hebammen oder die im 19. Jahrhundert aufkommenden Bäderkuren mit Heilwasser und Molke. Letzteren kam im Zusammenhang mit der attraktiven Landschaft nicht zuletzt ein wichtiger touristischer Aspekt zu. Seit jeher umfasste die Heilkunde zusätzlich eine magisch-spirituelle Dimension. Wie der pensionierte Kantonsarchivar Peter Witschi in «Geschichte einer Heillandschaft»2 schreibt, trugen manche Menschen «zur Abwehr unheilvoller Kräfte religiöse Andenken oder allerlei Talismane auf sich. Deutlich sichtbar wird das magische Element beispielsweise beim Frauen- und Sennen-Trachtenschmuck, der ursprünglich mehr Schutzfunktion als Dekorationszweck hatte. Der für Halsketten verwendeten roten Edelkoralle wurde eine starke blutreinigende Kraft zugeschrieben; viele rühmten sie auch als Mittel gegen Zauber und glaubten, sie könne Gebresten aus dem Körper hinauslaxieren.» Wie sehr die Heilkunde im Volk verankert war und ist, zeigt darüber hinaus der Umstand, dass im Appenzeller Kalender, der seit 1722 jedes Jahr in hohen Auflagen erscheint, nebst astrologischen Hinweisen und Aderlasstabellen immer wieder auch Rezepte zur Stärkung der Gesundheit und zur Abhilfe gegen allerlei Krankheiten und Gebresten enthalten waren. Nicht zuletzt aufgrund der hügeligen Topografie des Appenzellerlandes und der zum Teil weit abgelegenen Höfe war es wichtig, dass man sich im Krankheitsfall auch selbst zu helfen wusste.
1 Koller (Die freie Heiltätigkeit) 3–54
2 Witschi (Geschichte einer Heillandschaft) 26–68
Vom Volk geschätzt, von studierten Ärzten weniger
Zwar gab es bereits im 18. Jahrhundert auch studierte Ärzte, aber nur in relativ geringer Zahl. Die Naturheilkundigen, die von den Behörden und vom Volk auch Arztner genannt wurden, bildeten zum einen eine wichtige Ergänzung dazu. Zum anderen stellten sie aber für die an Universitäten geschulten Ärzte eine Konkurrenz dar, umso mehr, als sie genauso wie die Apotheker und naturheilkundigen Drogisten beim Volk oft ein höheres Ansehen genossen. Peter Witschi schreibt dazu: «Einerlei, ob gute oder schlechte Zeiten herrschten, stets mussten sich die studierten Mediziner darum bemühen, der Konkurrenz der vielen Laienärzte standzuhalten.» Seitens der Politik wurden die auch als Empiriker, Quacksalber, Afterärzte, Bruchschneider und Praktikanten bezeichneten Natur- und Laienärzte sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts meist geduldet, nicht zuletzt dank der im Kanton vorherrschenden liberalen Grundgesinnung. Man interessierte sich aus behördlicher Sicht mehr für die Gesundheit des Viehs als für diejenige des Menschen, liess die Laienärztinnen und -ärzte im Sinne der Gewerbefreiheit gewähren und schritt lediglich bei offensichtlichen Missbräuchen oder aufgrund von Klagen Dritter notfalls ein. Unter dem Einfluss Napoleons jedoch wurde im damaligen Kanton Säntis, der nebst den beiden Appenzell grosse Teile des heutigen Kantons St. Gallen umfasste, 1798 eine Sanitätskommission eingesetzt, die sogleich damit begann, die Naturheilkundigen zu erfassen und sie Prüfungen zu unterziehen. Nach der Wiederherstellung der ursprünglichen Kantone durch Napoleons Mediationsakte im Jahr 1803 dauerte es bis 1810, bis im Kanton Appenzell Ausserrhoden erneut eine mehrheitlich aus Ärzten bestehende Sanitätskommission eingesetzt wurde. Sie war allerdings nur während rund eines Jahres aktiv, danach galt auch in der Gesundheitsversorgung wieder weitgehend die Gewerbefreiheit. Auf Betreiben der studierten Ärzte im Kanton ernannte der Grosse Rat aber im Mai 1821 erneut eine Sanitätskommission unter Leitung des damaligen Landammanns und Teufener Arztes Mathias Oertli und genehmigte am 20. Juni 1823 ein ganzes Paket von «Sanitäts-Verordnungen», die ihm von der Kommission vorgelegt worden waren – dies alles jedoch ohne Landsgemeindebeschluss und ohne gesetzliche Grundlage. In den Statuten der Sanitätskommission war unter anderem festgehalten: Bei der immer überhand nehmenden Menge von Afterärzten und Pfuschern, besonders von herumziehenden, fremden Betrügern, die ohne die gehörigen Kenntnisse, welche zur Ausübung der Heilkunde erforderlich sind, zu besitzen, die Gesundheit des Menschen auf ’s Spiel setzen, und aus Gewinnsucht und Arbeitsscheu sogar das Leben der Leichtgläubigen gefährden; bei den immer zunehmenden, traurigen Beispielen, dass aus Unwissenheit und
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Vom Volk geschätzt, von studierten Ärzten weniger
Ausserrhoder Wurzeln der Naturheilkunde
Frechheit den leidenden Kranken Arzneimittel gereicht werden, wodurch sie theils lebenslang elend, theils auch selbst eine frühe Rente des Todes wurden, hat die Sanitäts-Commission in ihrer Sitzung vom 24. März 1823 für dringend nothwendig gefunden, Vorschläge zur Errichtung einer Sanitäts-Polizei einzugeben, um diesen Unfugen zu steuern, die Unwissenden durch Prüfung ihrer Blösse darzustellen, und das Publikum vor ihnen zu warnen, und die studierten Ärzte, die Fleiss und Kosten auf gründliche Arzneiwissenschaft angewandt haben, und deren Zahl sich auf eine erfreuliche Art immer vermehrt, aufzumuntern und zu schützen. In den meisten, auch in den demokratischen Kantonen, sind solche Anstalten schon seit langer Zeit in nützlicher Thätigkeit, und die Ehre unseres Landes fordert es, dass es nicht länger ein Schlupfwinkel der Pfuscher sei, die oft aus andern Kantonen ausgewiesen wurden, und nun hier ungestraft ein freches Spiel mit Menschenleben treiben.3 Immerhin räumte Landammann Oertli mit Blick auf das Unvermögen auch seines eigenen Berufsstandes selbstkritisch ein: «Darum sind im Lande so viele Pfuscher, weil wir Ärzte nichts können.» Jedenfalls wurden nun die seit 1812 praktizierenden Laienärzte und Pfuscher einer amtlichen Prüfung unterzogen, die oft vernichtend ausfiel. «Tiroler, Salbenkrämer, Marktschreier und andere Betrüger dieser Art» wurden nicht mehr geduldet und des Landes verwiesen. Hebammen sollten künftig medizinisch ausgebildet werden, sonst aber wurde «den Weibern … alles Praktizieren, ausser Aderlassen und Schröpfen, gänzlich verboten».
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Riskante Heiltätigkeit am Rande der Illegalität Oftmals hatte die Verfolgung durch die Behörden für die Betroffenen dramatische Folgen, wie das Beispiel von Michael Graf von Heiden zeigt. Ursprünglich Soldat, dann Fuhrhalter und Knecht, kam er dazu, «mit sogenanntem ‹Doktern› auf eine weniger anstrengende Weise sein Leben durchzubringen». Vorerst wandte er seine Kräuter beim eigenen, dann bei fremdem Vieh und schliesslich auch bei Menschen an. Er zog herum und bot von Haus zu Haus seine wohl auch dubiosen Mittel an, bis er in Trogen dingfest gemacht wurde. Er wurde der Hexerei bezichtigt und beschuldigt, mit seinen Zaubermitteln Gutgläubige übers Ohr gehauen zu haben und sogar mit dem Teufel im Bunde zu sein. Am 23. Juni 1825 fällte der Grosse Rat in Trogen das Urteil: «Michael Graf von Heiden soll auf den Pranger gestellt, den langen Gang mit Ruthen gepeitscht, 90 Gulden in den Landseckel gebüsst, und lebenslänglich in seine Gemeinde gebannt sein.» Andere After- und Laienärzte hatten mehr Glück. Obwohl auch sie in den Augen der ärztlichen Prüfungsbehörde keinesfalls über die erforderli-
3 Zit. in (Über die SanitätsPolizei) 36f
5 Krüse (Patentirung und Freigebung) 23f
Riskante Heiltätigkeit am Rande der Illegalität
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4 Zit. in Witschi (Appenzell Ausserrhoden) 14f
chen Voraussetzungen verfügten, wurde geduldet, dass sie weiterpraktizierten. Der Urnäscher Gemeindehauptmann Johann Jakob Näf zum Beispiel verwendete sich ausdrücklich für den Naturheiler Johann Ulrich Alder. Diesem solle man doch erlauben zu «medicieren», er sei «braf, recht u. sehr sorgfältig – es hette niemand nichts wider sejn Medicinieren – ohne etwa der Hr. Doctor Hofstetter». Auch für Elisabeth Grubenmann-Nagel, die sich in Teufen über das kantonale Verbot für Frauen, heilkundlich tätig zu sein, hinweggesetzt und trotz erhaltener Bussen nach dem Vorbild männlicher Kollegen weiterpraktiziert hatte, setzten sich namhafte Persönlichkeiten ein. Eine von 100 Personen unterschriebene Petition ersuchte 1842 den Grossen Rat, nach geeigneten Wegen zu suchen, um ihr weiterhin zu ermöglichen, Notleidenden zu helfen. Als der Grosse Rat daraufhin die Beschuldigte einlud, sich beim Präsidenten der Sanitätskommission zur Prüfung anzumelden, wehrten sich die Sanitätsräte mit einem Brief an Landammann und Rat gegen das «gesetzeswidrige Ansinnen». Sie stellten darin offen die Frage, wie der Grosse Rat es der Kommission zumuten könne, «ein Weib zu prüfen, von welchem bekannt sei, dass es keine medizinischen Studien genossen habe». Der Brief endete mit der dringlichen Bitte, doch vom früheren Beschluss, der als «Beleidigung gegen die Wissenschaft» angesehen werden müsse, abzurücken, und dem Hinweis, «dass solche Inkonsequenzen dem Sanitätswesen in unserm Kanton den Todesstoss geben könnten». Daraufhin wurde Elisabeth Grubenmann eine Busse von 25 Gulden auferlegt. Nachdem sie schliesslich 1850 bereits zum fünften Mal gebüsst worden war, wanderte sie mit Erlaubnis ihres Ehemanns nach Amerika aus.4 Andere Heiltätige wurden ebenfalls immer wieder verzeigt und bestraft. Letzteres war vor allem für die ärztlichen Mitglieder des Grossen Rates nicht immer angenehm, wie sich der Arzt Gottlieb Krüse im Appenzellischen Jahrbuch von 1879 erinnert:5 Wenn es sich aber um Zumessung der Strafe handelte, so war es für dasjenige Mitglied des Grossen Rathes, das zufällig Mediziner war, keine angenehme Sache, den Berathungen beizuwohnen, wie dies auch Landammann J. Konr. Oertli anno 1853 der appenzell.-ärztlichen Gesellschaft mitgetheilt hat. Fast immer fielen bei solcher Gelegenheit von einzelnen Rathsmitgliedern mit grossem Behagen Seitenhiebe auf die «gstudirten Tökter»: sie seien auch nicht unfehlbar, der Rasen des Kirchhofes decke ihnen manchen Fehler zu, sie verriethen aber einander nicht – und dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr. Dass patentirte Ärzte für Kunstfehler beklagt wurden, kam höchst selten vor. Wohl durch solche Wahrnehmungen und Erfahrungen mag Dr. Oertli veranlasst worden sein, schon zu jener Zeit der ärztlichen Gesellschaft die Freigebung der ärztlichen Praxis zu empfehlen. Im betreffenden Protokoll
Ausserrhoder Wurzeln der Naturheilkunde
Albert Anker, der Quacksalber, 1879, KunstmuseumBasel.
heisst es jedoch, diese Anregung sei den anwesenden Mitgliedern so neu und frappant vorgekommen, dass sie erstaunt verstummten. Jedenfalls kann das Fazit gezogen werden, dass auch im Kanton Appenzell Ausserhoden – allerdings ohne Verfassungs- und Gesetzesgrundlage – offiziell strenge Bestimmungen galten, was die Ausübung einer Heiltätigkeit anbelangte. Dennoch schauten die Behörden oft weg, wenn jemand in eigentlich illegaler Weise praktizierte oder Arzneimittel verkaufte. So besagte Artikel 29 der Sanitätsverordnung zwar: «Die Ankündigung und der Verkauf von Geheimmitteln ist verboten.» Das Gemeindegericht, dem zwei solche Verkäufer zur Verurteilung überwiesen worden waren, sprach sie jedoch frei mit der geschickten Begründung: «Es giebt heutzutage eigentlich keine Geheimmittel mehr, da ja nach dem jetzigen Standpunkte der Naturwissenschaft es nicht unschwer ist, ihre chemischen Bestandtheile und deren Wirkungen zu ermitteln.» Nicht von ungefähr kommentierte der «Republikaner» die Zustände im Kanton im April 1865 wie folgt: «Das Appenzell-Ländchen ist der schweizerische ‹Doktorwinkel par excellence›. Da sind in jeder Gegend Bauchpflasterer, Schmierer und Salber nach allen Richtungen zu haben … Die Behörden sind auch so politisch, den Quacksalbern nichts in den Weg zu legen.»
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Freigabe der Heiltätigkeit durch das Volk Nicht zuletzt aufgrund der ausserkantonalen Kritik an diesen Zuständen, im Zuge der neuen Sanitätsverordnung von 1865 und im Zusammenhang mit dem Beitritt zu einem Konkordat von elf Kantonen im Jahr 1867 versuchten die Behörden nun, die Zügel straffer zu ziehen. Sie hatten jedoch die Rechnung ohne das Volk gemacht, bei dem die vielen Laienärztinnen und -ärzte sehr beliebt waren. Beeinflusst durch Nordamerika, England und Deutschland, wo 1869 mit Zustimmung namhafter medizinischer Autoritäten wie Prof. Dr. Virchow die sogenannte Kurierfreiheit eingeführt wor-
Freigabe der Heiltätigkeit durch das Volk
den war, traten auch hierzulande Kräfte zutage, die im Rahmen einer von 511 Personen unterzeichneten Bittschrift 1870 die freie Heiltätigkeit auch für Nichtstudierte forderten. Von der Standeskommission (Kantonsregierung) und dem Grossen Rat wurde das Anliegen zwar mehrheitlich abgelehnt, für den Fall eines Einzelantrags an der Landsgemeinde wurde jedoch ein kurzer Gesetzestext entworfen, der lediglich fünf Artikel umfasste. Als dann an der Landsgemeinde vom 30. April 1871 in Hundwil der Waldstätter Schmiedemeister Johannes Grubenmann tatsächlich den Antrag auf Freigabe der Heiltätigkeit stellte, stimmten rund zwei Drittel der Stimmbürger diesem zu und nahmen danach auch das «Gesetz über die Freigebung der ärztlichen Praxis» mit grosser Mehrheit an. Damit wurde zudem der Grundsatz festgeschrieben, dass bei der Abgrenzung zwischen studierten Ärzten und Laienärzten vor allem das grosse Feld der inneren Medizin letzteren zugebilligt wurde, während insbesondere die «höhere operative Chirurgie» den studierten Ärzten vorbehalten blieb. Das 1871 als schneller Wurf entstandene ausserrhodische Freigebungsgesetz erwies sich wider Erwarten als überaus langlebig. Gemäss dem früheren Kantonsarchivar Peter Witschi fehlte es zwar «nicht an Versuchen, das kleine Gesetz durch eine umfassendere Regelung zu ersetzen, doch versandeten die meisten Revisionsvorhaben bereits im Vorentwurfsstadium bzw. blieben in der parlamentarischen Beratung auf der Strecke. Nachdem in den Jahren 1882 und 1884 kurz hintereinander zwei Gesetzesvorlagen von der Landsgemeinde bachab geschickt worden waren, unternahm die Regierungsbehörde bis 1911 keinen Anlauf mehr.» Dannzumal wagte sie lediglich einen ersten Versuch, das Führen von irreführenden Titeln sowie unwahre Anpreisungen von Heilmitteln und Heilmethoden unter Strafe zu stellen. Die Freigabe der Heiltätigkeit hatte zur Folge, dass viele Personen aus anderen Kantonen, aber auch aus dem Ausland nach Appenzell Ausserrhoden zogen, um hier als Heilkundige tätig zu werden. Als besondere Magne-
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Artikel 1 des Ausserrhoder Freigebungsgesetzes von 1871.
Ausserrhoder Wurzeln der Naturheilkunde
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te erwiesen sich die nahe an der Grenze zum Kanton St. Gallen gelegenen und verkehrstechnisch gut erschlossenen Gemeinden Herisau, Teufen und Speicher – dies, weil auch ausserkantonale Patientinnen und Patienten zunehmend Hilfe im Appenzellerland suchten. Gemäss einer Enquête praktizierten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereits 68 unpatentierte Laienärzte in Ausserrhoden, «die in mehr oder minder auffälliger Weise ihr Handwerk betrieben».6 Die Sanitätskommission sah sich deshalb in ihrer Befürchtung bestätigt, dass «durch einseitiges Aufheben der Schranke unser Territorium durch viele Individuen, mit und ohne Niederlassung, heimgesucht werden dürfte, welche irgendeine Kunst im Heilfache zu verstehen vorgäben», und stellte 1915 resigniert fest: «Weitaus die meisten sind reichsdeutsch; sie sind es, welche unsern Kanton überschwemmen und sich namentlich in den Grenzgemeinden fast kolonienweise angesiedelt haben.» Eine am 27. Mai 1915 eingereichte kantonsrätliche Motion, welche primär die Naturärzte ausländischer Herkunft ins Visier nahm, vermochte jedoch nicht zu überzeugen. Im Gegenteil: 1922 übertrafen die vielen Neuzuzüger bereits die Zahl der einheimischen Heiltätigen. Das führte dazu, dass sich auch das Spektrum der angebotenen Heilmethoden und Heilmittel wesentlich erweiterte. Die klassische Pflanzenheilkunde wurde ergänzt durch Homöopathie, Magnetopathie, Akupunktur, Massage, Geopathie, Radiästhesie, Augendiagnose, Elektro- und Hochfrequenztherapie und anderes mehr. Zudem bewirkte die Freigabepraxis Veränderungen bei der Heilmittelproduktion. Obwog früher in den Drogerien und bei den Heilpraktikern die Eigenproduktion von Medikamenten und Salben, so vertrieb gemäss Peter Witschi «bald schon ein grosser Teil der Heiltätigen kleinmassstäblich oder industriell aufgearbeitete Präparate, von denen ein erheblicher Teil im Kanton selbst produziert wurde. So begünstigte die gesetzliche Praxisfreiheit das Aufkommen einer einheimischen, alternativen Heilmittelindustrie, die zudem vom ab 1930 touristisch geförderten Image des heilen(den) Appenzellerländchens profitieren konnte.» In diesem Zusammenhang setzte ein schwunghafter Handel mit Naturheilmitteln auch über die Kantonsgrenzen hinaus ein. Das wiederum rief die Gegner der freien Heiltätigkeit erst recht auf den Plan. Ab 1910 häuften sich die Pamphlete wider das appenzellische «Kurpfuscherwesen». Viele Autoren brandmarkten die besondere Rechtslage «als Gefahr und schwere Schädigung nicht nur der Kantonsbevölkerung selber, sondern auch der ganzen Schweiz». In der Folge wurde die in Appenzell Ausserrhoden geltende Kurierfreiheit nicht mehr bloss als innerkantonale Angelegenheit gewertet, sondern wiederholt auch als eine Frage von nationalem Interesse kritisch diskutiert.
6 Koller (Die freie Heiltätigkeit) 28
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Freigabe der Heiltätigkeit durch das Volk
DIE NVS GRUNDUNGSJAHRE
Die NVS-Gründungsjahre
«Heilpflanzen und Hausmittel» von Vizepräsident Jacob Gyr-Niederer.
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Gründungspräsident Hermann Ulrich Ottinger.
In dieser kreativ-spannungsgeladenen Zeit wurde am 4. Juni 1920 von einer kleinen Gruppe von Homöopathen und Naturheilkundigen die Naturärzte Vereinigung Schweiz NVS ins Leben gerufen, allerdings noch nicht unter diesem Namen. Das Gründungsprotokoll ist in den Akten der NVS nicht mehr vorhanden, aber im Protokoll der Versammlung vom 3. September 1922 ist eine aufschlussreiche kurze Orientierung durch den 1879 geborenen Gründungspräsidenten Hermann Ulrich Ottinger enthalten: Er betont, wie unser Verband eigentlich nur wenig Mitglieder aufweise, und wie leider diese wenigen zumeist nicht an den jeweiligen Versammlungen erscheinen. Im kurzen Rückblick gedenkt er der Gründungs-Versammlung am 4. Juni 1920 und erwähnt dabei den alten Namen: Organisation für freie Heil-Praxis. Die verschiedenen Namensänderungen, die unser Verband inzwischen erfahren hat, tun nichts zu Sache; im Gegenteil verschleiern sie unsere kleine Zahl etwas. Der Kampf hat in seinen Vorbereitungen bereits begonnen. Bezügliche Artikel werden erwidert, wo wir angegriffen werden. Die Verteilung der Broschüre «Volksmedizin» durch die Kollegen Keller und Gyr ist gegenwärtig im Gange. Hermann Ulrich Ottinger (manchmal schrieb er sich auch Ulrich Herrmann Ottinger) war Homöopath und Naturarzt in Watt-Riethüsli an der Grenze zur Stadt St. Gallen und mit seinem grossen Bart eine stattliche Erscheinung. In der Patentschrift Nr. 47326 vom 20. März 1909 des Eidge-
Freie Heiltätigkeit als umstrittenes Spannungsfeld
Freie Heiltätigkeit als umstrittenes Spannungsfeld Wie der ursprüngliche Vereinsname «Organisation für freie Heil-Praxis» deutlich macht, bestand der Hauptzweck des Verbands darin, die freie Heiltätigkeit im Kanton und darüber hinaus zu schützen. Hierzu wollte er möglichst viele Naturärzte zusammenführen und andererseits gegen Scharlatane in den eigenen Reihen vorgehen, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine kleine Gruppe engagierter Männer brachte für damalige Verhältnisse beträchtliche finanzielle Mittel auf – für den 15. August 1921 wies der Revisorenbericht ein Vereinsvermögen von 4 540 Franken aus, jener vom 4. Oktober 1922 bereits ein solches von fast genau 5 000 Franken. Die Gruppe traf sich monatlich zu Versammlungen und Kommissionssitzungen im Restaurant Dufour in St. Gallen. Um böses Blut im Volk zu vermeiden, wurde beschlossen, die Zahl der Ausländer in der Kommission, wie der Vorstand damals genannt wurde, auf höchstens zwei zu begrenzen. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass immer mindestens vier Kommissionsmitglieder Schweizer sein müssten.
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7 Zit. in Jütte (Alter und neuer Pluralismus) 173
nössischen Amts für geistiges Eigentum, in der er einen odisch magnetischen Heilapparat zum Patent anmeldete, wird er als Yogi Hermann Ulrich Ottinger bezeichnet. Vizepräsident des Verbands war zuerst Wilhelm Rath aus Niederteufen und ab 1922 der Naturarzt Jacob Gyr-Niederer aus Gais. Er hatte 1917 unter dem Titel «Heilpflanzen und Hausmittel» einen Nachtrag zu Kräuterpfarrer Künzles bekanntem Buch «Chrut und Uchrut» veröffentlicht. Von Gyrs Buch wurden bis 1930 475 000 Exemplare verkauft. In der Ausgabe von 1926 wird sein Selbstverständnis als Kräuter- und Laienarzt deutlich, indem er schreibt: Wenn nun die Herren Ärzte ihr grosses Wissen dazu benützen würden, in Zukunft weniger giftige, für den Körper schädliche Mittel, dafür mehr giftfreie, natürliche Anwendungen zu verordnen, sowie noch mehr für Krankheitsvorbeugung einzutreten, dann kann und wird der Laie seine Siebensachen zusammenpacken und den staatlichen Vertretern der medizinischen Wissenschaft das Arbeitsfeld der hehren Heilkunst kampflos überlassen.7 Als Aktuar amtete im ersten Jahrzehnt des Verbands der deutsche Staatsbürger Hugo Nennewitz aus Walzenhausen, der dort 1909 eine Liegenschaft erworben und darin eine Pension samt Naturheilanstalt eingerichtet hatte, die während fast drei Jahrzehnten regen Zuspruch und Zulauf fand. Dank seiner relativ ausführlichen Protokolle wurden nebst Geschäftlichem auch viele pikante und amüsante Details zum Vereinsgeschehen und darüber hinaus für die Nachwelt festgehalten.
Die NVS-Gründungsjahre
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Markanter Briefkopf mit demStrahlenauge als Signet.
Es stellte sich jedoch bald heraus, dass es nicht einfach werden würde, die gesetzten Ziele zu erreichen. Das lag zuerst einmal an Formalitäten, allein schon, was den Verbandsnamen anbelangte. Während etlicher Sitzungen wurde darum gerungen, wie er genau lauten solle. Im oben erwähnten Protokoll vom 3. September 1922 mit dem Briefkopf «Verband der Homöopathen und Naturheilkundigen der Schweiz» ist die Rede davon, dass der Verband nun schon vier Namen gehabt habe. Gleichzeitig wurde beschlossen, ihn in «Schweizerischer Verband der Homöopathen & Naturärzte» zu ändern. An der nächsten Sitzung vom 8. Oktober 1922 wurde der Name jedoch erneut geändert – in «Schweizerischer Naturärzte- und Homöopathen-Verband» – und blieb in der Folge für längere Zeit bestehen. Als Signet wurde das Auge, vorerst mit dem Schriftzug «Freiheit – Volksheilkunde» eingeführt, das fortan den Briefkopf zierte und während Jahrzehnten Bestand hatte. Das Protokoll derselben Sitzung verdeutlicht auch, wie sehr ein produktives Verbandsleben dadurch erschwert wurde, dass verschiedene Mitglieder bis hinauf ins Präsidium über Ecken und Kanten verfügten, die eine konstruktive Zusammenarbeit nicht immer einfach machten. Diese Sitzung wurde nun vom Vizepräsidenten Gyr geleitet, mit der Begründung, Präsident Ottinger habe «seinen Rücktritt und gleichzeitig seinen Austritt aus dem Verband erklärt». Er sei entschlossen, «sich den Dr. Oriental-Titel zu kaufen. Da das gegen unsere Statuten gehe und Ottinger nicht nachzugeben gedenke, so habe er seinen Austritt mitgeteilt». Zwar setzten sich einige Vorstandskollegen dafür ein, Kollege Ottinger solle doch wenigstens Mitglied bleiben, wählten aber daraufhin Jacob Gyr einstimmig zum neuen Präsidenten. Die Mitgliederliste umfasste nun 21 Namen, darunter Fräulein Güdel aus Wolfhalden als einziges weibliches Mitglied, sowie drei ausserkantonale Mitglieder. Im Protokoll der nächsten Monatssitzung ist vermerkt, Kollege Ottinger habe auf den Erwerb des amerikanischen Doktortitels verzichtet und dazu bewogen werden können, im Verband zu bleiben. Gleichzeitig wurde
Die ältesten imArchiv erhalten gebliebenen Statuten.
Freie Heiltätigkeit als umstrittenes Spannungsfeld
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protokolliert, man habe einen anderen Kollegen wegen des unbefugten Führens eines amerikanischen Doktortitels bei der Sanitätskommission angezeigt. Im Monatsprotokoll der Sitzung vom 17. Dezember 1922 wird der Austritt von Hermann Ulrich Ottinger jedoch als definitiv bezeichnet. Die internen Querelen in der Anfangsphase des Verbands waren damit aber noch nicht zu Ende, wie sich ein halbes Jahr später zeigen sollte. Vorderhand wurden unter dem neuen Präsident Gyr verschiedene Aktivitäten ins Auge gefasst, um dem Grundsatz der freien Heiltätigkeit im Kanton und darüber hinaus Nachachtung zu verschaffen und die eigene Glaubwürdigkeit auch nach aussen hin zu verteidigen. So wurden neue Statuten gedruckt, mit dem 8. Oktober 1922 als Gründungsdatum des «Schweizerischen Naturärzte- und Homöopathen-Verbands» als Nachfolgeorganisation des «Verbands der Homöopathen und Naturheilkundigen der Schweiz», gezeichnet von Jacob Gyr-Niederer als Präsident und A. Wiederkehr als stellvertretendem Aktuar. Als Zweck und Ziel wurden in Artikel 2 festgelegt: Der Verband stellt sich die Aufgabe, den Stand der Heilkundigen in jeder Hinsicht zu heben und zu kräftigen, wie auch die Interessen dieses Standes, sowie der einzelnen Mitglieder des Verbandes nach Möglichkeit zu wahren und die Wohlfahrt weitester Volkskreise durch rege Mitarbeit an der Hebung der Volksgesundheit nach bestem Wissen und Können zu fördern. Die Lösung dieser Aufgabe wird angestrebt durch Abhaltung von populären Vorträgen aus dem Berufsgebiete, sei es durch Verbandsmitglieder selbst oder durch Zuzug anderweitig passender Kräfte; ferner durch Verbreitung