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Brauchtum im Appenzellerland

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Christine König Brauchtum im Appenzellerland

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Christine Kรถnig

BRAUCHTUM IM APPENZELLERLAND

Appenzeller Verlag


© 2018 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, ­elektronische ­Datenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Gestaltung: Janine Durot Gesetzt in ITC Avant Garde Gothic Std und Trump Mediaeval LT Std Gedruckt auf Infinity matt Périgord FSC Mix, 135 g/m² Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN 978-3-85882-809-5 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


Inhalt 9 Silvesterchlausen 21 Botzerössli 27 Gidio 33 Funkensonntag 39 Bloch 51 Landsgemeinde 63 Stosswallfahrt 69 Fronleichnam 75 Alpfahrt 85 Betruf 91 Stobede 99 Senneball 105 Viehschau 115 Chlausezüüg 121 Räuchle


6 Vorwort

Rot-gelb gefärbter Blick aufs Appenzellerland Weshalb tun sie das? Weshalb ziehen Männer und Kna­ ben freiwillig einen tonnenschweren Baumstamm von Dorf zu Dorf? Weshalb sind junge Frauen stolz darauf, Tafeln mit religiösen Bildern durch Appenzells Haupt­ gasse zu tragen? Weshalb können es Buben und Mädchen kaum erwarten, als Geissbub oder Geissmädchen kilo­ meterweit einen Alpzug anzuführen? Weil Appenzellerinnen und Appenzeller, Innerrhoder wie Ausserrhoder, die Bräuche ihrer Heimat pflegen und leben. Die Appenzellerinnen und Appenzeller sind hei­ matverbunden und stolz auf ihre Traditionen. Sie lassen sich nicht von Zuschauenden beirren, die seit Jahren ins Appenzellerland strömen. Unberührt ist das Appenzel­ lerland längst nicht mehr. Tourismus und Werbung ha­ ben es erkannt: Die Kombination grüner Höger mit urchigem Brauchtum zieht. Silvesterchlausen und Alp­ fahrten sind zu Publikumsmagneten geworden. An Sto­ bede tanzen nicht nur Sennen und Älpler, sondern auch Unterländer. Solche Anlässe haben zwar Intimität, dank der Hingabe der Appenzeller Brauchtumsträgerinnen und -träger jedoch nichts von ihrer Urtümlichkeit verloren. Der Blick aufs Appenzellerland ist rot-gelb, er ist in den Farben des Brauchtums gefärbt. Ein Appenzellerland ohne Brauchtum – unvorstellbar. Bräuche schaffen Ver­ trautheit und Identität, füllen das Wort Heimat mit Sinn. Die Heimat der Appenzeller, eingebettet zwischen Tö­ beln und Högern, hat Zukunft. Fährt man durchs Appen­ zellerland sieht man überall schöne Bauernhäuser. Von aussen sehen sie seit Jahrhunderten gleich aus, ihre Hül­ le ist durchdacht, und es ist unnötig, sie neu zu gestalten. Der Innenausbau aber ist deutlich moderner und offener geworden – eine einnehmende Kombination aus Alt und Neu ist im Lauf der Jahre entstanden.


Vorwort  7

Genau diesen Spagat schafft das Brauchtum und schaffen die Appenzeller Brauchtumsträgerinnen und -träger: Sie überliefern ihre Bräuche von Generation zu Generation, bewahren die Freude daran, trauen sich aber, den Blick zu weiten und Neues zuzulassen. Der Bauer fährt traditionell zu Fuss zur Alp, pendelt danach aber mit dem Auto zwi­ schen Tal- und Alpbetrieb, um die Kühe zu versorgen. Aus Viehschauen sind vielerorts Erlebnisviehschauen gewor­ den, die nicht nur die ländliche Bevölkerung ansprechen. Die Täfelimeedle sind selbstbewusste junge Frauen, die sich auf ihre Herkunft besinnen und gleichzeitig neugierig die Welt entdecken. Und aus den Geissbuben und -mäd­ chen werden dereinst vielleicht Telechirurgen, Abfalldesi­ gnerinnen oder Roboter-Berater. Christine König


8  Botzerössli


Botzerössli  9

SILVESTERCHLAUSEN


10  Botzerössli


Silvesterchlausen  11

Wo Im Appenzeller Hinterland sowie in einigen Gemeinden des Appenzeller Mittellands. Wann Neuer Silvester am 31. Dezember, Alter Silvester am 13. Januar.

Chlauseschuppel ziehen von Haus zu Haus, wo sie sich im Kreis aufstellen, einige Zäuerli nehmen, schellen und rollen. Man weiss nicht, ob es sich beim Silvesterchlausen um einen heidnischen Brauch, um einen Fruchtbarkeitsritus oder eine Betteltour handelt.

Der wohl bekannteste Appenzeller Brauch ist im Appen­ zeller Hinterland und seit einiger Zeit auch in den Mit­ telländer Gemeinden Teufen, Bühler und Speicher am 31. Dezember zu beobachten. Am 13. Januar, dem alten Silvester nach dem julianischen Kalender, begrüssen die Chläuse in Urnäsch und Waldstatt das neue Jahr.

Ein Schuppel wüeschter Chläuse zauert.

Für die Schuppel beginnt der Tag in den frühen Morgen­ stunden. Dann treffen sich die Mitglieder – normalerwei­ se besteht ein Schuppel aus sechs bis zwölf Männern – zum Frühstück. Bereits da nehmen sie ein Zäuerli. Danach ziehen sie ihren Groscht an und begeben sich auf den Strech, zuvorderst der Vorrolli, dann die Schel­ lechläuse, zuhinterst der Noerolli. Vor jedem Haus stel­ len sich die Chläuse im Kreis auf, nehmen einige Chlau­ sezäuerli und schellen und rollen. Zum Schluss wünschen sie den Bewohnern ein gutes neues Jahr. Diese bewirten den Schuppel mit Wein, Glühwein oder Most und über­ reichen ihm ein Geldgeschenk. Dieser Ablauf wiederholt sich bis am Abend, dann sind die Schuppel in den Wirt­ schaften unterwegs.


12  Silvesterchlausen

«Schelli» oder «Schellechläuse» haben eine oder zwei Schellen umgehängt und stellen «Mannevölcher» mit Hüten dar. Diejenigen mit den Rollenträgern mit acht oder dreizehn runden Rollen heissen «Rolli» oder «Rolle­ wiiber». Sie tragen grosse Hauben und weibliche Klei­ dung, aber auch unter diesen Larven stecken Männer. Silvesterchlausen ist ein Männerbrauch. Für Frauen wäre es kaum möglich, die Schellen und Rollen – sie können gegen zwanzig Kilo wiegen – den ganzen Tag zu tragen. Bei den Goofeschüppeli machen hie und da auch Mäd­ chen mit.

Schöne Chläuse faszinieren mit ihren kunstvollen Hauben und Hüten.


Silvesterchlausen  13

Schöni Die schönen Chläuse sind die bekanntesten. Die beiden Rollewiiber mit den Rollenträgern am Oberkörper tragen Röcke, Schürzen, Mieder, Bluse, gestrickte weisse Strümpfe, Handschuhe und eine Frauenlarve. Ihren Kopf ziert eine halbkreisförmige Haube. Sie gehen zuvorderst – Vorrolli – und am Schluss – Noerolli. Die Schellechläuse haben rechteckige Hüte auf dem Kopf und tragen eine oder zwei Chlauseschellen. Die Hauben und Hüte mit vielen tausend glitzernden Kügelchen, Folien und Kordeln fertigen die Chläuse in aufwendiger und kunstvoller Handarbeit selbst an, meistens sind darauf Szenen aus dem Appenzellerland dargestellt.


14  Silvesterchlausen

Wüeschti Mit ihren Hörnern, Fellen, Tierzähnen und den stechenden Augen blicken die wüeschten Chläuse aus ihren furchterregenden Larven. Ihr Groscht besteht aus Heu, Stroh, Wacholder­ büschen, Stechlaub und anderen Naturmaterialien. Die Rolli halten einen knorrigen Stecken in der Hand, die Schelli tragen ihre Schellen an einem Strick über der Schulter.


Silvesterchlausen  15

Wüeschti tragen furchterregende Larven und ein Groscht aus Naturmaterialien.

Dass in gewissen Teilen Appenzell Ausserrhodens (in Ur­ näsch und Waldstatt) das Jahr zweimal beginnt, ist auf Widerstand gegen die Obrigkeit zurückzuführen: Das protestantische Ausserrhoden, die Gemeinde Urnäsch allen voran, weigerte sich, den 1582 durch Papst Gregor XIII. eingeführten gregorianischen Kalender anzuerken­ nen. Auch als der Helvetische Grosse Rat 1798 den julia­ nischen Kalender für das ganze Gebiet der Eidgenossen­ schaft abschaffte, blieb er in Ausserrhoden bis 1958 unvergessen; er wurde im Appenzeller Kalender immer parallel zum gregorianischen Kalender aufgeführt. Wenn der 31. Dezember oder der 13. Januar auf einen Sonntag fällt, wird am vorangehenden Samstag gechlaust. Manche Schuppel ziehen am richtigen Datum noch ein­ mal als Spasschläuse von Haus zu Haus. Spasschläuse, auch Lumpenchläuse genannt, sind wahrscheinlich die ursprünglichste Form des Silvesterchlausens und treten seit den 1980er-Jahren wieder häufiger auf. Früher be­ nahm sich der in Lumpen gehüllte Lumpenchlaus, das Gesicht mit einem Fetzen als Larve verhängt, oft so un­ gebärdig und unflätig, dass sein Tun von der Obrigkeit am liebsten untersagt worden wäre.


16  Silvesterchlausen

Am Neuen Silvester sind in allen Appenzeller Hinterlän­ der Gemeinden – Urnäsch, Herisau, Schwellbrunn, Hundwil, Stein, Schönengrund, Waldstatt – und auch im Appenzeller Mittelland – hier in Teufen, Bühler und Spei­ cher – Schuppel unterwegs. Das Silvesterchlausen ist heute ein rein Ausserrhodischer Brauch, doch war er einst auch in Innerrhoden beliebt. Im Mandatenbuch von 1776 bis 1808 steht, dass das Chlausen bei fünf Talern Busse verboten sei. Womöglich hat die hohe Geldstrafe dazu geführt, dass die katholischen Innerrhoder den Brauch aufgaben. Die Herkunft des Silvesterchlausens ist nicht geklärt. Theorien gibt es einige: Es könnte sich um einen Brauch handeln, mit dem der Winter und böse Geister vertrieben werden sollen, um einen Fruchtbarkeitsritus oder eine Schöwüeschti sind Natur­ chläuse mit dekorativen Kopfbedeck­ungen.


Schöwüeschti Die schöwüeschten Chläuse verwenden für ihr Groscht Naturmaterialien. Sie schmücken es mit Ornamenten aus Beeren, Tannzapfenschuppen, Moos oder Schneckenhäuschen. Groscht und Hüte sind zu einem bestimmten Thema gestaltet. Die schöwüeschten Chläuse werden auch als Natur- oder Waldchläuse bezeichnet.


18  Silvesterchlausen

Glossar Chlause, go chlause: Als Silvesterchlaus gehen. Groscht: Gewand der Chläuse. Noerolli: Chlaus, der am Schluss geht. Rolli: Chlaus mit Rollen (auch «Rollewiiber»). Rolle: Runde Schelle aus zwei Halbschalen aus Stahlblech; es wird feuervermessingt, damit die Nähte fest zusammenhalten und die Rolle nicht rostet und schön klingt. Rolle ond schelle: Sich mit den Rollen und Schellen bewegen. Schelli: Chlaus mit Schellen (auch «Schellechlaus»). Schelle: Grosse Glocke aus einem einzigen Metallstück; um den Schellen einen warmen, reinen Klang zu verleihen und sie gegen Rost zu schützen, werden sie feuervermessingt. Schuppel: Eine Gruppe Silvesterchläuse. Strech: Route, die der Schuppel zurücklegt. Vorrolli: Chlaus, der zuvorderst geht. Zaure: Appenzeller Naturjodel ohne Worte.


Silvesterchlausen  19

Den ganzen Tag ziehen die Chläuse von Haus zu Haus.

Betteltour. Namensgebend war der im Spätmittelalter eingeführte Nikolausfeiertag. Früher feierte man nicht nur am 6. Dezember Nikolaus, sondern auch um den­ 28. Dezember – was nahe an Silvester liegt. Im 15. Jahr­ hundert war das Ritual immer wilder und ruppiger ge­ worden und passte deshalb aus kirchlicher und obrigkeit­ licher Sicht nicht mehr in den Advent. Wohl deshalb wurde der Brauch vom Advent auf den Silvester verlegt, einem religiös unbefrachteten Tag. Erstmals schriftlich erwähnt wird das Chlausen 1663: Die kirchlichen Behör­ den wehrten sich gegen das «in der Nacht herum lauffen mit schellen und polderen in Gestalt des Niclausens».


20  Botzerössli


Botzerössli  21

BOTZERÖSSLI


22  Botzerössli


Botzerössli  23

Wo Appenzell. Wann Am Vorabend des Schmutzigen Donnerstags, am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtssamstag.

Botzerössli sind Pferdeattrappen aus Holz. Sie werden von Kindern und Erwachsenen geritten, die ausgediente Feuerwehruniformen tragen. Der Brauch entstand wahrscheinlich Ende des 19. Jahrhunderts im süddeutschen Raum. Damals amüsierte sich das Volk gern über das Militär. Dass in Appenzell Botzerössli durch die Gassen galoppieren, ist dem Engagement des Fasnachtsvereins zu verdanken.

Die Fasnacht beginnt in Appenzell Innerrhoden mit dem «Ommetrommere». Am Vorabend des Schmutzigen Donnerstags marschieren kleine und grosse Tambouren durch die Gassen Appenzells. Sie treiben die Botzerössli an. Dabei handelt es sich um kleine Pferde aus Holz mit einem Loch im Rumpf, sodass die Reiter hindurchschlüp­ fen und den Pferdekörper mithilfe eines Lederriemens über die Schultern befestigen können. Die kleinen und grossen Reiter tragen Feuerwehruniformen, haben ge­ schminkte Gesichter und reiten auf ihren Botzerössli übermütig durch die Gassen.

Kleine und grosse Reiter mit ihren Botzerössli.

Man nimmt an, dass der Brauch aus dem süddeutschen Raum stammt. Wahrscheinlich hat sich diese Art des närrischen Treibens Endes des 19. Jahrhunderts entwi­ ckelt, als das Volk dem Militär wenig Respekt entgegen­ brachte. Die Reiter der Botzerössli trugen Militärunifor­ men und sollen derbe Sprüche vorgetragen haben.


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