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Die Weberbauern

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Walter Züst

Die Weberbauern

Appenzeller Verlag Leseprobe Appenzeller Verlag Leseprobe Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. ©Alle Appenzeller Verlag Rechte vorbehalten. Diewww.appenzellerverlag.ch Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Walter ZĂźst

Die Weberbauern Roman

Appenzeller Verlag


© 2019 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Gesetzt in Janson Text Std Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85882-807-1 www.appenzellerverlag.ch


Meiner Familie und meinen Vorfahren gewidmet.


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Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn es hochkommt, sind es achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

Psalm 90, Vers 10 der Heiligen Schrift

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Ein Treppensturz Einen solch dramatischen Abgang hatte ihm niemand gewünscht. Ein Treppensturz in dunkler Nacht hatte dem Leben von Albin Ahorn ein Ende gesetzt. Am Abend davor, beim Eindunkeln hörte man noch, wie er die Treppe hinabstieg und das Haus verliess. Um wie jeden Abend hinauf zur Sonnhalde zu gehen, um die Tanne der Tanner und den Ahornbaum der Ahorn zu besuchen. Seit er die schreckliche Nachricht vernommen hatte, an der Sonnhalde wolle man eine dreihundert Meter hohe Windturbine bauen, andere sprachen von einem Leuchtturm, der den Bodensee beleuchte, wusste Albin Ahorn nicht mehr weiter. Nur eines wusste er: Die Kultur der Anspruchslosigkeit, welche das Webernest Bethenrüti seit Jahrhunderten geprägt hatte, ging ihrem Ende entgegen. Gigantismus und Klamauk hatten die Herrschaft übernommen. In dieser Nacht der Nächte ging für Albin Ahorn alles durcheinander. Unheimliche Maschinen-Ungeheuer kamen auf Bethenrüti zu. Er hörte ihr teuflisches Fauchen und Zischen und ihre brüllenden Motoren, die vor nichts zurückschreckten. Sie hatten es auf das Bauernhaus abgesehen, in dem Albin Ahorn wohnte und das Bartli Tanner vor vielen hundert Jahren bauen liess. Die schweren Holzwände des Hauses, geschlagen aus den Tannen des Urwaldes am Kurzenberg, bogen sich und ächzten, der Kanonenrohrofen wankte, der Petrolherd schepperte. In panischer Angst sprang Albin aus dem Bett, rannte zur Treppe, fiel die Treppe hinab, schlug mit dem Kopf auf dem Steinboden beim Eingang auf und blieb tot liegen. Man möchte nichts gesagt haben, hiess es, aber dieser Mann habe sich schon lange eigenartig benommen. Einige meinten sogar, er hätte in die Irrenanstalt gehört. Sein Schicksal verdanke er seiner verschlossenen Art und seinem Unvermögen, sich der neuen Zeit anzupassen und den Lauf der Welt zu ­a kzeptieren. Schuld daran könne auch die Aufregung am Tag davor gewesen sein, seinem neunzigsten Geburtstag, den er 9


gern verheimlicht hätte. Der Gemeinderat liess sich nicht ­abhalten, ihm zu diesem Ereignis zu gratulieren. Obwohl er wissen musste, dass Ahorn die herrschende Politik des unaufhörlichen Wachstums kritisierte. Er fühlte sich der Kultur der Bescheidenheit verpflichtet, die in Bethenrüti seit Jahrhunderten gegolten hatte. Hinter dem riesigen Früchtekorb, den ihm der Gemeindepräsident Grüninger überreichte, verschwand der vom Fasten abgemagerte alte Mann. Gemeindepräsident Grüninger war äusserst freundlich, und die hübsche Gemeindeschreiberin wollte Albin gar umarmen und küssen. Doch Albin hielt nichts vom Küssen und wehrte ab. «So, wie geht es immer?», fragte der Gemeindepräsident, nachdem er sich neben den Jubilar auf die Fensterbank gesetzt hatte. «Gut», war die knappe Antwort. «Gefällt es Euch immer noch hier in diesem alten Haus? Ist doch etwas einsam inmitten dieser dunkeln Holzwände.» «Gar nicht einsam, nein, gefällt mir gut. Ich bin umgeben von vielen alten Bekannten.» «Wie meinen Sie das?» Der Jubilar gab keine Antwort. «Wenn Sie einmal ins Altersheim gehen möchten, Herr Ahorn, wir würden Euch ein gutes Plätzchen in einem sauberen, hellen Zimmer reservieren.» «Helles Zimmer, wie im Spital, danke vielmal», antwortete Albin Ahorn. Dann stockte er einen Moment und fragte: «Wollt Ihr mich weghaben?» «Sicher nicht, Herr Ahorn. Ich meine ja nur.» «Soso, eben ja», sagte Grüninger in das peinliche Schweigen. «Ein internationales Konsortium sucht gegenwärtig einen windigen Platz, um einen Park mit Windturbinen zu erstellen.» «Um die Landschaft des Appenzellerlands kaputt zu machen», sagte Ahorn. «Sie übertreiben, Herr Ahorn», erwiderte der Gemeindepräsident. «Übrigens, es geht aufwärts in unserer Gemeinde. Eben 10


ist die neue Augenklinik eröffnet worden. Ein echter Meilenstein in der Entwicklung unserer Gemeinde.» «Kann ich mir vorstellen», meinte Ahorn. «In einer Zeit, wo viele Politiker mit Blindheit geschlagen sind, gibt es in so einer Augenklinik viel zu tun.» Man sprach höflichkeitshalber noch über das Wetter, wie man sich vor Fremdenhass hüten solle und andere bedeutsame Dinge, doch die Stimmung blieb frostig. Die Abordnung des Gemeinderats verliess den ungemütlichen Ort mit den besten Wünschen für die Zukunft. Die Aufnahme der Vermögenswerte im Nachlass des in geistiger Verwirrung, so stand auf dem Todesschein, verstorbenen Albin Ahorn ergab, dass kein Vermögen vorhanden war. Auch in einem mit zwei Schlössern abgeschlossenen Wäschekorb fanden die Beamten nichts als Leintücher, Bettzeug und Unterwäsche seiner verstorbenen Grossmutter. Nur zuunterst auf dem Boden des Korbes stiessen sie auf zusammengeschnürte Papiere, auf denen mit Zierschrift geschrieben stand: Bescheidener Versuch einer Geschichte von Bethenrüti und seiner Bewohner, notiert von ­Albin Ahorn. Die Beamten erklärten diese Papiere für bedeutungslos und warfen das Geschreibsel in den Wäschekorb zurück. Doch ein aus Zürich zurückgekehrter Appenzeller, der am Altenstein ein Ferienhaus bewohnte, nahm die Schriften an sich, um sie der Nachwelt zu erhalten. Er war mit diesem schüchternen Mann, der seit dem Tod seiner Grossmutter völlig zurückgezogen gelebt hatte, verwandt. Oft hatte er ihn besucht und sich mit ihm unterhalten. Dass er seine Schriften ihm gegenüber verheimlicht hatte, schrieb er seiner Schüchternheit zu. In der Einführung zu seiner Geschichte über Bethenrüti stand etwas von Globalisierung, moderner Völkerwanderung zwischen den Kontinenten und Auflösung aller gewachsenen Strukturen. Es sei Zeit, der entbehrungsreichen Kultur der Vorfahren, mit der sie ihre Freiheit bewahrt hatten, wenigstens ein Denkmal zu setzen. Das Wort Denkmal sei zwar übertrieben, das Wort Grabstein würde besser passen. Es sei nichts als der 11


Nachruf auf die Geschichte seines Geburtsorts und seiner Vorfahren, welche dort jahrhundertelang gelebt hätten. Das Weben von Textilien sei für die Äusseren Rhoden des Landes Appenzell ein wichtiger Erwerbszeig gewesen, war weiter zu lesen. Anfänglich sei über die Weber gelächelt worden: Ein Mann der etwas auf sich halte, steige nicht in den feuchten Webkeller. Nein, der beschäftige sich mit seinen Kühen, gehe einem Handwerk nach oder sei als Söldner im Ausland verpflichtet. Dass die Bevölkerung von Ausserrhoden bei dieser nicht sehr attraktiven Arbeit wohlhabend wurde, sei ihrer bescheidenen Lebensweise zu verdanken. Pietismus nenne man bekanntlich diese Lebenshaltung. Die Weber von Bethenrüti hätten seit Jahrhunderten in gleichartig gebauten Holzhäusern mit Webkeller gewohnt, in dem sie früher Leinwandtücher, später Baumwolltücher und seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Seidenbeuteltücher für Müllereien in aller Welt gewoben hätten. Jeden Morgen sei Bethenrüti aus der dumpfen Stille der Nacht durch das Klopfen der Webladen erwacht. Davor hätten sie ihre wenigen Milchkühe versorgt, die sie oft mehr verwöhnten als ihre Kinder. Zurecht, denn die Kühe hätten ihren Kindern in Hungersnöten mit ihrer kostbaren Milch oft das Überleben gesichert. Acht Häuser seien im Lauf der Jahrhunderte hier entstanden, in denen elf miteinander verwandte, verschwiegerte und verschwägerte Familien wohnten. Die Familie war alles, der Einzelne galt wenig. Sie alle hätten in irgendeiner Weise mit der Familie der Tanner zu tun gehabt. Zu ihnen habe sich später die Familie der Ahorn gesellt, deren Vorfahre sich als Pfarrer von Maienfeld vor den anrückenden österreichischen Truppen ins Appenzellische gerettet habe. Das jüngste Haus von Bethenrüti sei vor etwa zweihundert Jahren gebaut worden. Seither gebe es keine neuen Häuser mehr. Man wolle nicht übertreiben, habe man gesagt. Mittelpunkt von Bethenrüti sei stets der hölzerne Brunnentrog gewesen. Ein Trog, geschlagen aus dem Stamm einer Tanne, der noch an den Einbaum der pfahlbäuerlichen Vorfahren 12


erinnere, den sie beim Fischfang am Bodensee verwendet hatten. Gespiesen werde der Brunnen von einer mächtigen Quelle am Fuss des Frümsenbergs. Alles überflüssige Wasser fliesse wie seit Jahrtausenden den Katzenbach hinab zum Mündungsgebiet des Rheins in den Bodensee, von wo die ersten Bewohner gekommen seien. Es habe Zeiten gegeben, da glaubten einige, Bethenrüti könnte sich zu einem Dorf mit Kirche und Pfarrhaus entwickeln. Doch es habe nicht gereicht. Bethenrüti sei in jenen zauberhaften Schlaf der Bedeutungslosigkeit gefallen, der es den Bewohnern erlaubte, eigenwillige Gedanken zu pflegen und sektiererische Bewegungen zu unterstützen. Auch wenn es der Dorfpfarrer ungern gesehen habe – oder gerade deshalb – habe man Versammlungen der Heilsarmee auf dem Brunnenplatz von Bethenrüti gern gesehen. Ihr Halleluja habe in den Ohren der leidenden Menschen oft Zuversicht geweckt.

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Bei den Grosseltern Der verstorbene Albin Ahorn wurde am dreizehnten Dezember neunzehnhundertzwanzig als Kind von Jakob Ahorn und Frieda Bänziger in Heiden geboren. Auf Wunsch seines Vaters wurde das Kind auf den Namen Albin getauft. Kurz nach der Geburt von Albin erkrankte sein Vater an einer Grippe. Als eine Lungenentzündung hinzukam, wurde Jakob als Notfall ins Spital eingewiesen. Dort starb er zum grossen Schmerz der ganzen Familie. Vater Emil war verbittert. Mit dem Tod von Jakob verlor er seinen dritten und letzten Sohn. Gott meine es mit ihm nicht gut, sagte er zum Pfarrer, der ihm sein Beileid aussprach. Albin glich mit seinen dunklen Augen und den schwarzen Haaren seinem verstorbenen Vater. Anfänglich hatte Frieda Bänziger ihr Kind ihrer Mutter zur Pflege überlassen. Sie ging weiterhin der Arbeit einer Fädlerin nach und sorgte für den Unterhalt der Familie. Als die Firma Tobler ihren Betrieb wegen fehlender Aufträge einstellen musste, entschloss sich Frieda, in St. Gallen eine Stelle anzunehmen. Nicht ohne die Zustimmung ihres Schwiegervaters in der Bethenrüti einzuholen. Als dabei das Wort Waisenhaus fiel, erklärte sich der Schwiegervater spontan bereit, das Kind seines Sohnes bei sich aufzunehmen. Nur nicht ins Waisenhaus, das nicht. Als Frieda ihr Kind nach Bethenrüti brachte, war das ein besonderes Ereignis. Niemand wollte die Ankunft des neuen Bewohners verpassen. Hinten beim Fussweg zur Sonnhalde hatte sich eine Schar Frauen versammelt. Verschämt rückten sie näher, während die Grosseltern die Schwiegertochter mit ihrem Kind unter der Haustüre willkommen hiessen. Alle Augen richteten sich auf das Grosskind, das scheu neben der Mutter stand. Der Kleine trug noch das Röcklein der Kleinkinder, verziert mit einem weissen, schön gestickten Kragen, und seine Füsse steckten in schwarzglänzenden Kinderschuhen. «Oh je, hast du ein schönes Röcklein an!», rief die Grossmutter und schlug die Hände zusammen. 14


«Jo», rief Albin treuherzig, und die Umstehenden lachten. «Und was für schöne Schuhe er hat!», rief die Grossmutter und wieder rief der Kleine: «Jo», und wieder wurde gelacht. Dem Grossvater kamen die Tränen. Umständlich zog er das Nastuch aus dem Hosensack und schnäuzte sich. Als man sich ausgiebig unterhalten hatte, bat der Grossvater seine Schwiegertochter in die Stube, um noch einige Obliegenheiten zu besprechen. Im Haus herrschte jene karge Sauberkeit, die nach Schmierseife roch. Hinzu kam der köstliche Duft nach Bohnenkaffee, den die Grossmutter zur Feier des Tages gekocht hatte. Die Kaffeekanne stand auf dem Tisch, daneben der frisch gebackene Gugelhopf. Bei Kaffee und Kuchen unterhielt man sich. Er sei fest entschlossen, den Kleinen aufzuziehen, erklärte Emil seiner Schwiegertochter. Er tue das zum Andenken an seinen verstorbenen Sohn Jakob. Dieses Kind sei für ihn ein Geschenk, das ihn für die verlorenen drei Söhne mit Gott versöhne. Als Frieda erklärte, sie wolle gern ein Kostgeld bezahlen, wies Emil dieses Anerbieten energisch zurück. Dies gab Frieda Mut, ein heikles Thema anzudeuten. Vielleicht gehe sie später nach Zürich, wo eine Freundin eine gute Stelle gefunden habe. Emil war überrascht, liess sich aber nichts anmerken. Noch dies und das wurde besprochen. Dann wurde der Kleine in das Kinderbettlein der Familie gelegt. Erst als Albin unter den Augen seiner Mutter eingeschlafen war, trat sie den Heimweg an. Als der Kleine am Morgen weinend nach der Mutter rief, nahm ihn die Grossmutter an der Hand und führte ihn in den Viehstall, wo der Grossvater am Melken war. «Was tut der Grossvater?», fragte die Grossmutter. Der Kleine wusste keine Antwort. «Er melkt die Kuh», war die Antwort der Grossmutter, «und was da so rauscht im Kessel, das ist die Milch der Kuh.» «Und wer ist das?», fragte die Grossmutter und deutete auf das Saugkälbli und gab die Antwort selber: «Das ist unser Saugkälbli. Es bekommt jetzt seine Milch, damit es gross und stark wird.» 15


Beim Morgenessen durfte Albin auf einem kleinen Stühlchen auf der Stubenbank neben dem Grossvater sitzen. Er bekam das obligate Müesli mit Milch. Kaum war das Essen vorbei, schon stieg der Grossvater durch die geheimnisvolle Luke im Stubenboden hinab in den Webkeller, in dem schon fleissig geklopft wurde. Und die Grossmutter setzte sich an das Spulrad beim Fenster und begann die Kurbel zu drehen. Es war etwas los im Hause Ahorn. Die Zeit ging dahin, als flöge sie davon. Albin gewöhnte sich an das Leben bei den Grosseltern. Regelmässig kamen Briefe aus Zürich, aus denen die Grossmutter vorlas. In diesen Briefen erzählte die Mutter vom interessanten Leben in der Stadt. Ein unvergessliches Erlebnis war es, als die schön gekleidete Mutter auf Besuch kam. Als sie ihren Buben auf den Arm nahm und küsste. Wie wunderbar die Mutter nach Parfüm roch. Sie brachte ein einzigartiges Geschenk mit, das von den Nachbarskindern bewundert wurde: einen Teddybär, der brummte, wenn man ihn nach hinten neigte. Eines Tages nahm der Grossvater Albin auf den Arm und stieg mit ihm in den Webkeller. Der alte Mann mit den kurz geschnittenen, weissen Haaren und dem Backenbart kam ihm dabei besonders nahe. «Das ist der Webstuhl», sagte der Grossvater und zeigte auf weisse und graue Fäden, hölzerne Stäbe und schwere Balken, die bis an die Decke reichten. Umständlich setzte er sich auf die Weberbank, Albin neben sich. Als er unvermittelt den ersten Klock tat, begann der Kleine zu weinen. Der Grossvater lachte und nahm ihn behutsam auf den Arm. «Was gibt es da zu weinen, was?», fragte er. «Jetzt mach ich noch einen Klock», sagte er «und jetzt noch einen und nun noch einen», bis der Kleine bei jedem Klock zu lachen begann. Es kamen die Jahre des ungezügelten Vagabundierens. Zuerst allein, dann mit den Nachbarskindern. Der Katzenbach wurde entdeckt, die grosse Quelle hinten am Berg und die Wälder, die Bethenrüti umschlossen. Wenn der Föhn blies, wenn es in den Tannenwipfeln rauschte, war das Durchstreifen des Waldes am schönsten. Die täglichen Entdeckungen nahmen kein Ende. 16


Bis das fröhliche Lachen einer grossen Ernsthaftigkeit Platz machen musste. Bedrohlich wartete das gelb angestrichene Schulhaus im Hof zur Tanne auf seine Opfer. Schreckliche Geschichten wurden über die Schule erzählt. Von schlimmen Straf­ aktionen war die Rede, vom Abschwingen mit der Rute und vom Einsperren in der Waschküche. Mittelpunkt all dieser Geschichten waren stets Schüler, welche Widerstand leisteten und dafür gebüsst wurden. Albin Ahorn gehörte nicht zu ihnen. Feinfühlige, ängstliche Schüler, wie Albin einer war, fielen durch untertänigen Gehorsam auf. Die Angst, verspottet und ausgelacht zu werden, war allgegenwärtig. Der erste Tag in der Schule blieb unvergessen. Ein eigenartiger Geruch nach Schiefertafel, nassem Schwamm und Griffelstaub herrschte in der Schulstube. Neue Gesichter tauchten auf und wurden ängstlich beobachtet. Die alles überragende Gestalt des Lehrers beherrschte die Schulstube. Vorerst wurde den Anfängern ein Milchgriffel anvertraut mit der Ermahnung, ihn ja nicht fallen zu lassen, da er leicht brechen könne. Und schon liess Albin den Griffel fallen, und die Tränen kullerten über sein kindliches Gesicht. Immer noch gab es zwischen den Schulstunden viel Freiheit. In dieser Zeit half Albin fleissig mit, den Kuhstall in Ordnung zu halten. Regelmässig scharrte er den Kuhmist in den Mistgraben und stiess ihn in den Düngekasten oder stiess unter Aufsicht des Grossvaters das gemähte Gras durch das Futterloch in die Krippe. Zu den unangenehmen Erlebnissen gehörte das Wässern der Mäuse von Nachbar Hohl. Koret Hohl war klein gewachsen, von kräftiger Statur, den Kopf voller schwarz-grauer Haare und im Gesicht ein borstiger Schnauz, der einer Fegbürste glich. Er wohnte im grössten Haus von Bethenrüti, jenem Haus das Tanners Bartli seinerzeit gebaut hatte. Wenn ihn die Mäusehügel hinten in der Wiese lang genug geärgert hatten oder die Langeweile unerträglich geworden war, liess Koret Hohl sein Weben stehen und holte in der Remise die alte, hölzerne Schubkarre. Am Brunnen füllte er sie mit Wasser und zog mit seinem Bruder Hans in die hintere Wiese. Hans war behindert, schrecklich 17


verkrümmte Beine machten ihm das Gehen schwer. Zudem konnte Hans kaum verständlich reden. Die Mäusejagd in Bethenrüti wurde stets von den neugierigen Kindern begleitet. Beim grössten Mäusehügel hielt Hohl an und suchte nach dem günstigsten Mausloch, öffnete es weit und begann, das Wasser aus der Schubkarre in den Mausgang zu leeren. Dann warteten alle gespannt, bis die Maus an die Oberfläche kam, um nach Luft zu schnappen. In diesem Moment packte Hohl die Maus, warf sie in die Luft, sprang, wenn sie durchs Gras flüchtete, ihr nach und stampfte sie mit seinen Holzschuhen tot. Diesen Moment konnte Albin nicht ertragen. Er machte ihn traurig. Albin Ahorn, Nachkomme tapferer Bündner Gebirgsjäger, hatte Mitleid mit der armen Kreatur. Es war eine Schwäche, die ihn durchs Leben begleiten sollte. Besser gefiel Albin das Musizieren von Nachbar Lutz. Dieser Jakob Lutz war ein Künstler, und so gab er sich auch. Seine spärlichen weissen Haare fielen ihm, wie dem Komponist Liszt, bis auf die Schultern. Sein Lieblingslied, das er mit dem Harmonium begleitete trug den Titel: «Treue Liebe bis zum Grabe schwör ich dir mit Herz und Hand, was ich bin und was ich habe, dank ich dir mein Vaterland, schwör ich dir mein Vaterland.» Seine Ehefrau Pauline, eine kräftig gebaute Person mit dicken, rotgeäderten Backen erzählte gern von ihrem Vorfahren, einem Jöri Schläpfer, der das Weben vor mehr als dreihundert Jahren im Ausserrhodischen eingeführt habe. Er gelte als grosser Wohltäter des Landes, betonte sie. Zum Dank seien zwei seiner Söhne, zuerst Ueli, danach sein jüngerer Bruder Polay in die höchsten Ämter des Landes gewählt worden. Die Bilder der beiden Landammänner könne man im Ratssaal in Trogen bewundern. Und immer brachte es Pauline fertig, auf ihren Bruder Paul aufmerksam zu machen, der Oberst der Schweizer Armee sei und im Luzernischen wohne.

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Erwachsen In der Schule machte Albin erstaunliche Fortschritte. Vor allem im Rechnen hatte er eine Begabung, die auffiel. Ein Talent, das ihm erlaubte, die schwierigsten Rechenaufgaben anstandslos und rasch zu lösen. So rasch, dass er immer wieder darauf drängte, vom Lehrer neue Rechenaufgaben zu erhalten. Während sich seine Mitschüler noch mit Viertklassrechnungen abmühten, war Albin schon mit Rechenaufgaben der fünften Klasse beschäftigt. Aber wenn Albin auch von den Mitschülern bestaunt wurde, er hielt nicht viel auf seine Rechenkünste. Immer noch war er schüchtern wie am ersten Tag, und immer noch fürchtete er sich vor dem Ausgelachtwerden, je älter er wurde, desto mehr. Gegenwärtig war in Bethenrüti, wenn man absah vom Klopfen der Weblade und dem Surren der Spulräder, nichts los. Nichts als banale Nebensächlichkeiten wie der Herbstnebel, der vom Tal heraufkroch und sich gegen Mittag verflüchtigte, und hin und wieder ein Hausierer, der von Haus zu Haus ging. Einzig beim Vetter Albert, dem Bruder des Grossvaters, tat sich etwas. Als Jäger gekleidet stand er unter der Haustüre, umgeben von seiner Familie und kritisch beobachtet von einigen Bethenrütligern. Wie man sah, begab sich Albert auf die Jagd. Die Ahorn waren schon immer Jäger gewesen. Sie mochten diese Leidenschaft aus den Bündnerbergen mitgebracht haben. Dem Vater von Albert, dem Seidenfergger, war es seinerzeit gelungen, den letzten Fischotter im Klusbach zu erlegen. Zur Freude der ­Fischer, welche eine Prämie darauf ausgesetzt hatten. Und als Albert einen wunderschönen Rehbock im Hellholz schoss, liess er dessen Kopf ausstopfen. Seither hing die Trophäe an der Stubenwand neben der Türe, die in die Stubenkammer führte. Albert hatte das Geld für das Lösen des Jagdpatents nur dank der tatkräftigen Mithilfe seiner Familie zusammengebracht. In dieser Zeit assen sie noch bescheidener als sonst, und je näher der 19


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